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Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
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Drittes Kapitel

Die beiden Generäle aus Tiflis waren in geräumigen Tarantas, hinter sich eine bescheidene Kalesche mit zwei Popen, in Djulfa eingetroffen. Die Kosakenoffiziere rissen verwundert die Augen auf, und sehr schnell war der erwartungsvolle Respekt vor den hohen Exzellenzen dahin. Die beiden dicken Herren standen irgendwo am Ural, wo die Füchse sich gute Nacht sagen, Linienoffiziere. Nicht einmal dazu hatte es bei ihnen gereicht, daß sie zur Gendarmerie oder zur Geheimpolizei übertraten. Sie blieben wohl bei der Linie bis an ihr alkoholisches Ende. Und war es nicht der reine Hohn, daß sie zwei Popen nach Urmia in Persien zu geleiten hatten? Dem jüngsten Leutnant aus einem Garderegiment hätte man so eine Schande nicht angetan. Zwei Generäle als Begleitung für zwei ganz gewöhnliche Popen, über die sogar das gemeine Volk lacht, wenn sie nicht gerade im Amtskleid am Altar in der Kirche stehen!

Die beiden dicken Herren dachten gar nicht an Parade, sondern setzten sich sofort im Kasino bei Sakuska und Wodka fest, und die beiden Popen verloren sich in die heiße Stadt, nachdem ihnen befohlen worden war, sich anderen Tags um zehn Uhr zur Weiterfahrt bereit zu halten. Spaßige, trunkfeste alte Kerle, die beiden Generäle, die viel lachten, schwatzten, Witze erzählten, saftige Witze, ohne mit einem Wort zu verraten, was diese kuriose Pilgerfahrt mit zwei Popen in das Land der aufgehenden Sonne eigentlich zu bedeuten hatte. Noch wunderlicher aber war es, daß die hohen Exzellenzen nach durchzechter Nacht ihre Uniformen auszogen, sie dem Kasino zum Aufbewahren gaben und ein ganz phantastisches Räuberzivil anlegten. Als ginge es zu einem Maskenfest.

Als die Fähre mit dem geräumigen Tarantas und der bescheidenen Kalesche hinter ihm die Mitte des Araxes erreicht hatte, hielten die Kosakenoffiziere am russischen Ufer nicht länger mehr an sich, klatschten sich die Schenkel und brüllten vor Lachen. Der eine Regimentsarzt aber meinte zu seinem Kollegen, der Balte war wie er: »Da setzen vier ganz geriebene russische Füchse übers Wasser.«

Am anderen Ufer wartete schon der persische Bürgermeister mit den Vornehmsten des Dorfes auf die hohen Gäste und lud sie zu einem Imbiß. Die beiden dicken Herren verstanden Neupersisch wie ihre Muttersprache, deshalb waren sie zu dieser Mission bestimmt worden, aber sie taten, als verständen sie kein Wort, so daß erst ein Dolmetscher besorgt werden mußte, der alle guten Wünsche des Bürgermeisters und seine Einladung ins Russische übersetzte. Dankend nahmen die Gäste an und fuhren zum Haus des Bürgermeisters. Im Hofe wurde schon der Hammel von den Söhnen des Hauses bereit gehalten und in dem Augenblicke, da die Gäste den Hof betraten, vor ihren Augen abgestochen, daß sie sähen, wie ihnen das beste vorgesetzt würde, was das Haus zu bieten hatte, aber kein Fleisch, über das schon das Verderben der Sonne gekommen war.

Einer der dicken, jovialen Herren überreichte dem Ortsvorsteher, der zugleich Paß- und Grenzkontrolleur war, die Pässe. Zwei lauteten auf die Namen der beiden Popen mit dem Bestimmungsort Urmia. Die beiden anderen gehörten zwei Kaufleuten erster Gilde aus Rostow am Don, die in Geschäften nach Urmia reisten.

Der Bürgermeister warf aus Höflichkeit nur einen flüchtigen Blick auf die persischen Visa und gab die Pässe sofort wieder zurück. Ob er ihren russischen Text verstand, war nicht zu erkennen. Inwieweit er ihn ernst nahm, erst recht nicht.

Es gab eine lange, feierliche Mahlzeit, in deren Mittelpunkt der weich gekochte Hammel stand. Die Gäste hockten mit den Vornehmsten des Dorfes auf dem Fußteppich mit gekreuzten Beinen um die Riesenschüssel nieder, auf welcher der Hammel in seiner natürlichen Gestalt und Größe, mit Kopf und Schwanz und Beinen, nur enthäutet, lag. Jeder riß sich mit den Fingern, die man durch ein Stück Brotfladen möglichst vor Beschmutzung schützte, seinen Bedarf ab. Aus anderen Brotfladen formte man kleine Trichter, mit denen man die Brühe aus der Schüssel schöpfte. Der älteste Sohn des Hauses ging mit einer Wasserkanne herum, der jüngste mit Becken und Handtuch. So konnte man sich immer wieder die Hände reinigen.

»Plump und schmutzig wie Bären sitzen sie zu Tisch«, flüsterte ein Vornehmer spöttisch dem Bürgermeister zu. Hastig gebot er ihm zu schweigen und sah besorgt auf die Gäste. Hatten sie die unhöfliche Bemerkung verstanden? Es schien nicht so. Allah sei gelobt. Zuweilen flüsterten auch die Russen miteinander. Aber nur, um ihrem Entzücken über das herrliche Mahl Ausdruck zu geben. Der Bürgermeister verstand ja doch wohl nicht viel schlechter Russisch als sie Persisch.

Nach dem Hammel gab es gekochte Hühner mit Reis, die aber ebenfalls nach Hammel schmeckten, weil sie in derselben Kasserolle gekocht waren. Als Getränk heißen Tee und erst zu den Süßigkeiten aus Pistazien, Rosinen und Honig kalten Tee, wie man in Persien den Reisschnaps nennt, damit es der heilige Prophet nicht allzu übel aufnimmt, da er den Genuß von Alkohol verboten hat. Es ist nicht nur in Persien ein alter guter Brauch, einer schlechten Sache durch einen hübschen Namen immer wieder zu allgemeinem Ansehen zu verhelfen.

Nach Tisch kam es mit Hilfe des Dolmetschs zu einer längeren Unterhaltung, die immer hinreißendere Höflichkeitsformen zutage förderte. Der Bürgermeister wollte durchaus, daß seine hohen Gäste über Täbris nach Urmia reisten. Über Täbris führe die einzige fahrbare Straße, und der erlauchte Generalgouverneur, der Pfeiler des Königreichs, der Berater des Staates und Vertrauter der königlichen Gegenwart, Amenisam, der Bismarck Irans, werde untröstlich sein, wenn so hohe Gäste in seine Wohnung nicht Verherrlichung brächten. Die hohen Gäste versicherten, es sei ihnen eine Kopferhöhung, dem Berater des Staates, dem Pfeiler des Königreiches, dem Bismarck Irans auf der Rückreise zu Diensten zu sein, aber ihr böses Geschick verhindere es für die Hinreise, da sie dringende, unaufschiebbare Geschäfte hätten; und sie nannten einige Dörfer nahe der türkischen Grenze, die dem Weg nach Täbris gerade entgegengesetzt lagen. Darauf bedauerten alle Anwesenden dies böse Geschick und waren untröstlich.

Endlich verabschiedete man sich. »Ihre Freude mehre sich. – Ihre Güte mehre sich. – Ihre Freundschaft mehre sich.«

So ging es sechs Tage bis zur Gouvernementshauptstadt, und die hohen Gäste waren in der ganzen Zeit keinen Augenblick allein. Jedes Dorf stellte ein neues Ehrengeleit, welches das vorherige ablöste, und ein Dorf überbot das andere an Gastfreiheit und Fürsorge, daß es nirgends ein Entrinnen gab. Man kann einen Feind auch auf solche Weise wehrlos machen. Das machtlose Persien verstand sich meisterhaft hierauf.

Am Osttor der Gouvernementshauptstadt erwartete die hohen Gäste sogar eine ganze Reiterkavalkade unter Hochrufen und mit Flintenschüssen. An ihrer Spitze ein schöner, verwöhnter, weichlicher, zwölfjähriger Knabe in kostbarer Gewandung, der »Mignon« des Gouvernements. Wo anders wartet in solchem Fall der Oberbürgermeister, eine goldene Kette um den Hals, den Zylinderhut in der Hand oder ein Adjutant, zwei Finger am Helmbusch. Hier erwies der Gouverneur durch Entsendung seines »Mignon« die höchste Ehre. Andere Länder, andere Sitten.

Der persische Konsul in Rostow am Don hatte dem Gouverneur rechtzeitig die beiden Generäle avisiert und der Gouverneur die entsprechenden Maßregeln getroffen. Sie reisten als Kaufleute. Die Hölle verbrenne jeden, der daran zweifelt. So stand es in den Pässen, und der persische Konsul hatte sein Visum darunter gesetzt. Aber warum sollte man zwei große Kaufleute Rußlands, des besten Freundes Persiens, nicht mit allen Ehren aufnehmen, die solchen Freunden gebührt?

Auch über die beiden Popen wußte der Gouverneur recht gut Bescheid. Wanderten nicht jedes Frühjahr Tausende von christlichen Syrern, die am persischen Urmiasee wohnten, als viel begehrte Maurer über den Araxes nach Transkaukasien und dann in Scharen über den Kaukasus nach Südrußland, um erst im Spätherbst wieder in ihre Heimat zu Frau und Kindern zurückzukehren? Waren sie nicht nach und nach immer zahlreicher durch silberne Rubelchen zur russischen Kirche bekehrt worden, so daß jetzt schon über viertausend russische Christen am Urmiasee wohnten? War es nicht höchste Zeit, daß man ihnen zwei Popen schickte, daß die neu bekehrten Lämmer sich nicht wieder in einen verkehrten Stall verliefen? Wenn sie in ihrer Bedrängnis eines Tages nicht mehr aus noch ein wußten und Rußland zu Hilfe riefen, konnte das heilige Mütterchen dann seine rechtgläubigen Kinder im Stiche lassen, mußte es ihnen nicht doch, wenn auch blutenden Herzens, wenigstens eins der Kosakenregimenter vom anderen Ufer des Araxes zu Hilfe schicken? Allah verderbe alle Ungläubigen!

Der Gouverneur hatte die Vornehmen der Stadt zu Ehren der hohen Gäste auf die Stunde des Sonnenuntergangs zu einem Festmahl geladen. Unter ihnen auch Sureja von Maku und Hakob Akunian, den geborenen Russen, der als repräsentativster Christ der Stadt den christlichen Generälen gewiß willkommen war. Auch der türkische Konsul war geladen.

Diese drei Männer waren gebeten worden, schon drei Stunden vor Sonnenuntergang die Weinberge des Gouverneurs durch ihre Herrlichkeit zu erhellen. Mögen ihre Zeiten schlecht sein wie die eines Hundes!

Hakob Akunian brach erst zwei Stunden vor Sonnenuntergang mit seiner Dienerschaft auf. Eine Beleidigung für den Gouverneur, die er durch das Geschenk einer besonders schönen Wasserpfeife aus edelstem Holz, Kopf und Deckel mit Türkisen und Smaragden auf das üppigste geschmückt, wieder gut zu machen gedachte. Er war durch Mähmäds Bericht solange aufgehalten worden, denn dieser hatte erst jetzt einiges Genauere über das mohammedanische Haus und seine Bewohner ausgekundschaftet, wofür sich sein Herr seit einigen Tagen so sehr interessierte. Es gehörte Mussa-Riza, einem Schreiber des Gouverneurs. Außer ihm wohnte dort nur noch seine Schwester, deren verstorbene Schwester ihr als einzige Hoffnung für die Zukunft eine Tochter hinterlassen hatte. Miryäm hieß sie und war jetzt zwölf Jahre alt. Geringe Leute, deren ganzes Streben dahin ging, Miryäm als eine der vier Hauptfrauen, die das Gesetz erlaubt, in den Harem eines Reichen zu bringen, und sei es auch schlimmstenfalls zunächst über den Umweg als Nebenfrau, deren Zahl das Gesetz nicht beschränkt. War sie doch schön wie eine weiße Lilie, wie schon ihr Name besagt, duftend wie Jasmin, anschmiegend wie Efeu, fest wie Ebenholz, ein Blumengarten.

In der Nähe der Weingärten des Gouverneurs war ein lebensgefährliches Gedränge Neugieriger aller Art und der ganzen heulenden Verwandtschaft derer, über die der Gouverneur gerade in seinen Weingärten den hohen Gästen zu Ehren zu Gericht saß. »Platz, Platz, es kommt ein großer Herr!« schrien die Diener des Fürsten und trieben die Leiber ihrer Pferde rücksichtslos in die Menge, daß Raum für ihren Herrn wurde.

So drangen sie langsam bis zum Gartentor vor. Rechts und links waren die Pferde der Herrn angebunden, die schon im Garten waren, schrien, stiegen, keilten aus und hielten Dienerschaft aller Art und Reitknechte in Atem. Den Eingang durch das Tor schützten Türhüter und Teppichbreiter, die sich vor Hakob Akunian bis zur Erde neigten, als er vom Pferd gesprungen war. Er winkte einem der Teppichbreiter und übergab ihm die in eine leichte blaue Seidendecke, die mit bunten Blumen bestickt war, gehüllte Wasserpfeife.

Immer tiefer schritten sie in die Weingärten hinein. Bald war von all dem Lärm der Hengste, Diener und Menschen vor dem Tor nichts mehr zu hören. Still, balsamisch stand die Luft, vor den sengenden Strahlen der Sonne durch die blätterreichen Äste stämmiger Weinstöcke, Moschusweiden und Mandelbäume geschützt, die wie ein Laubdach über die schmalen Wege hingen und sie mit ihren letzten würzigen Blüten überschütteten.

Hakob Akunian atmete auf, als er endlich den freien Raum erblickte, wo der Gouverneur mit seinen Gästen saß. Die Tafel stand im Schatten einiger alter Eichen. In der Mitte des freien Raumes hockte unter der brennenden Sonne mit nacktem Oberkörper nur noch ein Delinquent. Das Schlimmste war offenbar schon vorüber. An weiter entfernten Bäumen sah er einige Gerichtete hängen. Diesen letzten Delinquenten erwartete wohl nur noch die Bastonade, denn Scharfrichter oder Henker waren nirgends zu erblicken. Nur noch ein Teppichbreiter hielt sich in der Nähe mit dem nötigen Gerät und langen Ruten. Der Fürst ging dicht an ihm vorbei und schob ihm einen Tuman zu. Mochte der Delinquent, wenn er nachher die Bastonade bekam, auch noch so erbärmlich schreien, für einen Tuman streifte ihm der Teppichbreiter kaum die Sohlen und schlug kräftig daneben. Hakob Akunian haßte solche Quälereien.

Der Gouverneur saß genau in der Mitte der Tafel. Rechts und links von ihm die beiden hohen Gäste. Hinter dem Gouverneur räkelte sich in einem weichen, üppigen Sessel der »Mignon«. Neben ihm hockte ein Schreiber auf einem niedrigen Stuhl und hatte die Beine hochgezogen und auf dem Sitz gekreuzt, weil er gewohnt war, die Urteile des Gouverneurs in zierlichen, feinen Buchstaben über dem gerundeten Knie in schwarzer Tusche auf das feine Reispapier zu malen. Nur in dieser Stellung brachte er die ganze Schönheit seiner Schreibkunst, die mehr Malkunst war, zustande.

An den hohen Gast zur Rechten des Gouverneurs reihten sich die Herren des Gerichts. Der nächste Stuhl neben dem anderen hohen Gast war noch frei, also für Hakob Akunian bestimmt. Es folgte der türkische Konsul und Sureja, so daß der türkische Konsul seinen Platz zwischen dem Armenier und dem Kurden hatte. Boshafter hätte es der Gouverneur gar nicht einrichten können.

Hakob Akunian verneigte sich vor dem Gouverneur, der ihm finster entgegenblickte, berührte Stirn, Mund und Brust ehrerbietig mit zwei Fingern der rechten Hand, brachte eine langatmige Entschuldigung vor, wie es sich gehörte, derweil der Diener den in blaue Seide gehüllten Gegenstand in der Nähe des Gouverneurs auf den Tisch stellte.

»Gum schou, geh verloren!« fuhr der Gouverneur den Diener an, der sich aus Neugier nicht von dem verhüllten Gegenstand trennen konnte. Erschreckt sprang er hinter die nächsten Büsche, damit das Angesicht des Herrn nicht länger an ihm Anstoß nehme, stand einen Augenblick schwer atmend, wartend und schlich sich dann eilig in großem Bogen hinter Bäumen, Büschen und Weinstöcken wieder dem Tore zu.

Hakob Akunian enthüllte die wertvolle Wasserpfeife, flüsterte ehrerbietig: »Ich will dein Haupt umkreisen« und verneigte sich mehrmals. Das Geschenk wurde gnädig aufgenommen, und der Gouverneur wies ihm mit einer einladenden Handbewegung seinen Platz. Die Zeremonie der Begrüßung vollzog sich von Gast zu Gast in aller Umständlichkeit, derweil der Delinquent stumm weiter in der Sonne schmorte. Es wurde nur französisch gesprochen. Wer nichts von der Sprache verstand, hatte zu schweigen. Der Gouverneur, der Konsul und der Kurde warteten nur darauf, daß den hohen Gästen irgendeine Bemerkung in russisch entschlüpfte, die nicht für andere Ohren bestimmt war. Aber die hohen Gäste waren hier erst recht auf der Hut und tauschten in ihrer Muttersprache höchstens einmal eine enthusiastische Bemerkung über den erhabenen Gouverneur, seine Gerechtigkeit, die strahlte wie die Sonne, und seinen Tabak, der duftete wie das Paradies, untereinander aus. Hingegen stachen Sureja von Maku und Hakob Akunian bald mit den spitzfindigsten französischen Bosheiten nacheinander, daß es jedem Mohammedaner, der sie verstand, in der Seele wohltat. Daß sie sich kannten, war selbstverständlich. Wer kannte diesen Bankier, Gott gebe ihm Böses, nicht? Wer hatte ihn nicht schon einmal bei den Augen seines Sohnes, beim Grabe seines Vaters um ein Darlehn angehen müssen? Ohne eine Miene zu verziehen, saß der türkische Konsul steinern, aber mit gespitzten Ohren zwischen den beiden. Es machte immer wieder Freude, anzuhören, wie dieser Kurde wenigstens in seinem Haß gegen diesen Isävi ein echter Sohn des heiligen Propheten, mit ihm sei Friede, war. Und nun schossen sie ihre Pfeile sogar persisch aufeinander, so daß jedermann es verstehen konnte.

Der Fürst und der Prinz taten es natürlich in dem sicheren Instinkt, dadurch am besten jeden Verdacht, als bestehe zwischen ihnen irgendeine Gemeinschaft, schon im Keime zu ersticken, wenn er einmal auftauchen sollte. Sie brauchten das gar nicht erst zu verabreden.

Selbst die von Natur so finstere Miene des Gouverneurs hellte sich ein wenig auf, und der Delinquent, der immer noch in der Sonne briet, kam mit einer Bastonade von fünfundzwanzig Rutenhieben für jede Fußsohle davon. Schließlich hatte er ja auch nur einem niederen Schriftgelehrten hundert Dinar, gleich acht Pfennig Kupfer, gestohlen und sich dabei erwischen lassen. Er schrie, als stecke er am Spieß, und flehte Ali, Hassan und Hussein um Erbarmen an. Alle sahen heimlich und befriedigt auf die hohen Gäste, denen es bei dem Geschrei unbehaglich wurde, und wunderten sich nur über den Gleichmut Hakob Akunians. Alle Ungläubigen benehmen sich doch wie alte Weiber, wenn sie eine Rute nur von ferne sehen.

Während der Teppichbreiter sein Opfer, das weiterächzte und stöhnte, wie es sich gehörte, tiefer in den Garten schleppte, um ihm dort noch möglichst viel Kupfergeld abzupressen, weil er seine Sohlen fast völlig verschont hatte, lag schweigendes Behagen über der Tafelrunde, die aber plötzlich und jäh gestört wurde.

Der Gouverneur richtete sich auf und horchte, während sein Gesicht wieder finster wurde. Alle lauschten, und die Gesichter der Perser drückten zunehmende Niedergeschlagenheit aus. Kein Zweifel, man hörte Militärmusik, die immer näher kam. Der »Mignon«, der schon begeistert in die Hände klatschen wollte, erschrak vor dem Gesicht seines Herrn und duckte sich ängstlich zusammen, ohne noch ein Glied zu bewegen.

Die Musik verstummte, und alle Mohammedaner blickten entgeistert drein. Die beiden hohen Exzellenzen sahen sich mit kugelrunden Augen in roten Köpfen verständnislos an. Hatten sie vielleicht schon zuviel kalten Tee getrunken, oder was ging vor?

Vom Tor her näherten sich viele Schritte, die immer deutlicher vernehmbar wurden. Die ganze vor und hinter dem Tor zusammengeknäulte Masse der Dienerschaft entrollte sich wie ein Band bis zum Platz des Gouverneurs. An diesem Band schritt ein junger Mann in prächtiger Generalsuniform entlang, ein königlicher Prinz, ein Sohn des Schatten Gottes, des Zufluchtsortes der Welt, des Mittelpunktes der Erde. Segen über ihn. Nicht mit einem Herzen, sondern mit tausend Herzen sind wir zu seinen Diensten.

An der Tafel hatte sich alles erhoben, und die Perser verneigten sich so tief, daß sie mit der grüßenden Rechten den Boden berührten.

Der Prinz begrüßte den Gouverneur, der ihm die beiden höhen Exzellenzen vorstellte. Daß sie Kaufleute waren, vergaß man für diesen Augenblick mit Absicht. Der Prinz hieß die hohen Exzellenzen im Namen des Sultan, Sohn eines Sultan, Gott erhalte seine Herrschaft, willkommen. Der Schatten Gottes habe ihn, den Stellvertreter des Königtums, zur Begrüßung der hohen Exzellenzen aus Täbris hierher gesandt. Gott sei gepriesen, daß er sie noch antreffe, um die Ehre einer Parade vor so hohen Exzellenzen zu haben. Fußvolk und Reiterei habe er mitgebracht. Nur die Kanone könne wegen der beschwerlichen Wege erst mit Sonnenaufgang zu Diensten sein.

Das Gesicht des Gouverneurs wurde grüner, die Haltung aller Perser immer beklommener. Einen ganzen Sack voll Goldtuman würde das kosten, die das Gouvernement aufzubringen hatte. So schaffte sich Amenisam, der Bismarck Irans, Vertrauter der königlichen Gegenwart, die unnützen Fresser für eine Weile vom Halse und verordnete dem Gouvernement zugleich die wirksamste Radikalkur gegen jede etwa aufkeimende Vorliebe für Rußland.

Da die Sonne schon tief im Westen stand, brach man bald auf, um nicht von der Dunkelheit überrascht zu werden. Voran der Prinz mit dem Gouverneur und den hohen Exzellenzen, die jetzt wieder Kaufleute erster Gilde waren. Hinter ihnen der türkische Konsul mit unbeweglichem Gesicht. Aber sein Herz frohlockte, denn jede unvorhergesehene Brandschatzung des Gouvernements trieb ihm neue brauchbare Helfer und Spione für billiges Geld in die Arme. Ihm folgten die Perser mit hängenden Köpfen. Den Schluß bildete Sureja, der aus seinem Vergnügen an dieser Überraschung kein Hehl machte, und Hakob Akunian. Er hatte keinen Grund vergnügt zu sein. Ein gut Teil der Brandschatzung würde schließlich doch an ihm und seinen Glaubensgenossen hängen bleiben. Entweder in der gefälligeren Form einer Anleihe, die nicht zurückbezahlt wurde, oder in der offenherzigen Form einer neuen Kopfsteuer für Christen.

Seit Sonnenaufgang wurde in dem Küchenhaus des Gouverneurs geputzt, geschnitten, gesotten, gebraten, gehackt, gewürzt, gestopft, gespickt, gerieben, gemahlen, gerollt und in junge Weinblätter gehüllt, zerstampft, zerstoßen, geknetet, geklopft, bestreut, bestrichen, begossen und parfümiert. Alles drehte sich um den Aschpäz Agha, den Koch, und alle Diener und Sklavinnen umkreisten ihn mit Kesseln, Pfannen, Spießen, Krügen, Gläsern, Körben und Töpfen wie die Sterne die Sonne. Ein Aschpäz Agha ist ein Mann, der seine Sache versteht, seine Schlacht zu schlagen und in ihr zu siegen weiß, denn eine Niederlage kostet ihn unweigerlich den Kopf, während sich ein General von jeder Niederlage loskaufen kann, weshalb denn auch jeder Prinz hier General, nicht aber Koch werden kann, was sich nicht nur in Persien so verhält. Auch muß der Koch ein ausgesucht schöner Mann von besten Umgangsformen und ohne Nerven sein. Er hat in Gegenwart aller Gäste jede Schüssel, die aufgetragen wird, mit gutem Anstand vorzukosten, damit jedermann erkennt, daß die Speise nicht vergiftet ist. Wehe ihm, wenn der Hausherr oder einer der vornehmeren Gäste im Verlauf eines Festmahles, das mehrere Stunden dauert, Leibschmerzen bekommt und der Aschpäz Agha darüber in Unruhe gerät, rot oder blaß wird, zittert oder auch nur mit der Wimper zuckt. Dann droht ihm sofort die Bastonade. Nur wenn geringeren Leuten übel wird, schadet es nichts, denn sie kennen keine Zucht und überfressen sich gern, was ein vornehmer Mann nicht tut. Es kann sogar zur Erheiterung der Vornehmen beitragen und die Hochachtung vor der Kunst des Aschpäz Agha noch mehren.

Die Tafel war in einer auf zierlichen Holzsäulen ruhenden Veranda gedeckt, die in edlem Schwung um einen kleinen Rosengarten herumlief. Durch hohe Mauern im Hintergrund wurde er vor jedem Windhauch geschützt. Das blühende Viereck teilten zwei schmale, mit hellgelb gefärbtem Sand bestreute Wege, auf denen gewaltige Fackeln loderten, in Quadrate, deren üppige Rosen in allen Schattierungen vom dunkelsten Samtrot bis zum zartesten Rosa junger Kinderwangen leuchteten. Auf der mit weißem Leinen gedeckten Tafel strahlten sanft und silbern in edlen Leuchtern große Kerzen, die süß wie Honig dufteten. An der Rückwand hingen auf silbernen Dreifüßen kleine Roste mit hellglühender, nicht mehr riechender Holzkohle, auf der von Zeit zu Zeit feine Stäbchen Sandelholz verbrannt wurden. Garten und Veranda ganz durchtränkt und berauscht von Rosen-, Honig- und Sandelholzdüften.

Eilig liefen Tscherkessenmädchen zwischen Küchenhaus und Rosengarten hin und her, brachten vergoldete Teller, Messer und Gabeln, silberne Schüsseln und Platten, Teetassen aus hauchzartem chinesischen Porzellan, edel geschliffene Kristallgläser für Limonade und Eiswasser und geräumige Champagnerkelche. Champagner hat der heilige Prophet nicht verboten. Daß er ihn nur deshalb nicht verboten hat, weil er ihn nicht kannte, steht nicht im Gesetz.

Vor dem Aufgang zur Veranda stellte sich eine Reihe Knaben mit Becken auf, die parfümiertes, warmes Wasser enthielten, in dem Zitronenscheiben schwammen. Ihnen gegenüber eine zweite Reihe mit Kannen und Handtüchern. Der oberste Mundschenk erschien und der Hausmeister, der die jetzt vollzählig versammelten Gäste zu ihren Plätzen wies. Als alle saßen, klatschte er in einem bestimmten Rhythmus so laut in die Hände, daß es weithin schallte. Der Aschpäz Agha tauchte auf, in würdiger Haltung, ein schlanker, schöner Mann, und trat hinter den Stuhl des Gouverneurs, seines Herrn. Auf dessen Wink klatschte auch er in einem besonderen Rhythmus in die Hände, die einzige Art, wie Hausmeister und Koch in einem vornehmen Haus Befehle erteilen und das Personal dirigieren, und in langem Zug brachten in großen Kupferkasserollen die Diener die ersten Speisen. Gott gebe nichts Böses, betete Aschpäz Agha.

Sureja machte es Spaß, seinem Nachbar zur Linken, dem Buluk Baschi, dem Bezirksvorsteher, zuzuflüstern, wie es bei solchen Gelegenheiten in Europa zugehe. »Oh Ali!« flüsterte der Buluk Baschi immer wieder erschrocken. Es gibt keine Überraschungen, erzählte Sureja, denn vor jedem liegt ein Papier, auf dem alles aufgeschrieben steht. Höchstens fünf oder sechs Gerichte. Aber von allem möglichst viel, daß einem vom bloßen Ansehen der Appetit vergeht. Und immer dasselbe. Nur einiges in anderer Reihenfolge wie bei dem vorigen Festmahl. So wenig Phantasie haben sie. Alles schwatzt und gestikuliert und lacht so laut wie auf dem Basar. Plötzlich wird alles stumm wie das Grab, weil einer aufgesprungen ist und redet, denn selbst beim Essen müssen sie lügen. Und dann haben sie ihre Frauen mit. In aller Öffentlichkeit. Ihr Rücken ist so nackt wie der Rehrücken vor ihnen. Selbst beim Essen zeigen sie ihre Brüste ebenso unverhüllt wie die Zähne. Und wenn sie den Arm heben, sieht man, daß sie nicht einmal die Achsel rasiert haben, die Schamlosen, und die Vierzigjährigen tun, als ob sie zwölfjährig wären. Es dauert gar nicht lange, so steht allen der Schweiß auf der Stirn, weil nur wenige Diener da sind, und alles zu hastig und zu viel ißt, weil es ja nur fünf bis sechs Speisen gibt, und man nie weiß, ob die einzige Schüssel, die einem schmeckt, noch einmal gereicht wird, da es an Dienern fehlt. Man schlingt und schmatzt und trinkt und ermuntert einander zur Liebe. Alles durcheinander wie Kraut und Rüben. Alles zugleich mit demselben Mund. Oh Ali!

Im Rosengarten reckte sich ein blinder Greis in die Höhe. Sein weißer Bart, von Henna gerötet, leuchtete grell in der heiligen Farbe. Zur Harfe sang er von den alten Helden Irans, bis der Champagner eingeschenkt wurde. Dann erschien ein hübscher, feuriger Junge und sang von der Liebe, wozu ihn ein zweiter auf der Gitarre begleitete.

Sureja flüsterte: »In Europa setzen sie sich in einen großen Saal, nur um solche Dinge anzuhören. Als ginge es um eine ernste Sache. Die Sänger sind schwarz angezogen wie Diener, die man bei ihnen Kellner heißt. Und wenn sie fertig sind, klatscht man in die Hände wie der Aschpäz Agha bei uns, und sie kommen und verneigen sich tief und sind glücklich, weil sie keine Bastonade bekommen haben. Man erhält dazu eine besondere Einladung. Wenn man aber in den Saal will, muß jeder einzelne vorher noch besonders bezahlen. So gastfrei sind diese Europäer. Zuerst wundert man sich, daß sie die Liebe so ernst nehmen und sich bei dem Gesang so feierlich betragen, wie in einer Sammelmoschee, das Gesicht immer starr auf den Sänger gerichtet, als läge Mekka in seinem Munde. Wenn du sie aber zu Hause in ihrem Männergemach aufsuchst, merkst du bald, daß sie die Liebe überhaupt nicht ernst nehmen. Es sind große Lügner.«

»Oh Ali! Und die Russen?«

»Es sind die größten Fresser und die größten Lügner von allen.«

Das Festmahl neigte sich seinem Ende zu. Die weniger Vornehmen zogen erleichtert die Beine auf die Stühle und kreuzten sie, so daß sie endlich sitzen konnten, wie sie es gewöhnt waren. Im Rosengarten hockte auf einer himmelblauen Decke ein Zwerg und erzählte kräftige Schnurren und saftige Späße, wie sie durch die Araber und durch die Kreuzzüge auch in Europa heimisch geworden sind. Nur daß man hier nur insgeheim darüber lachen darf.

Es ging schon auf Mitternacht und wurde kühl. Der Hausherr fröstelte leicht. Die weniger vornehmen Gäste verabschiedeten sich unter unendlichen Dankes- und Ergebenheitsbeteuerungen. Die anderen geleitete der Hausmeister zu einem Saal, den hundert Riesenkerzen erleuchteten, vor dem jedermann seine Mäläki, seine gestrickten Zeugschuhe abstreifte und sie dem Teppichbreiter überließ, wie man in Europa Schirm oder Stock im Vorzimmer ablegt. Die Wände waren mit kostbaren Seidendecken behangen, den Boden bedeckte ein dicker Teppich, in den Jagdszenen und Landschaftsbilder hineingewebt waren, woran sich das Auge immer wieder ergötzen konnte wie an einem Bilderbuch. In einem Halbkreis ließen sich die Vornehmen nieder, Diener schoben ihnen riesige Daunenkissen in die Rücken, setzten die Wasserpfeifen in Brand und hielten sie im Zug, bis der Gast zu rauchen begehrte.

Der Gouverneur gab dem Hausmeister einen Wink. Dieser klatschte in die Hände, ein Vorhang teilte sich und fünf jugendliche Tänzerinnen trippelten in den Saal. Hinter dem Vorhang ließen sich Gitarre, Tamburin und Flöte vernehmen. Der Gouverneur beobachtete verstohlen die Russen. Für sie schien es das richtige zu sein, und er beschloß, ihnen zwei, die Russisch verstanden, das aber nie verraten würden, weil es den Hals kostete, als Bedienung mit auf das Zimmer zu geben. Vielleicht würden sie im Lauf der Nacht einiges aus ihnen herausbringen, was zu wissen nützlich sein könnte. Er verständigte den Hausmeister und befahl, den beiden Russen ein Zimmer gemeinsam zuzuweisen, weil das Haus durch den Besuch des Prinzen, Segen über ihn, in den Räumlichkeiten beengt sei. Zu zweit waren sie sicher gesprächiger.

Die beiden Russen wurden sehr vergnügt und aufgeknöpft. Das war doch wirklich einmal etwas anderes. Schon die Tracht der Tänzerinnen. Von den Knöcheln bis über die Hüften steckten sie in enganliegenden dunklen Trikots. Von den Hüften hing ein zartes Röckchen aus hellgelber Seide zu den Oberschenkeln herab wie Blumenkelche, die sich bei jedem Schritt leicht bewegten. Die kurzen Röckchen waren mit silbernen Glöckchen bestickt. An der Außenseite der Beine waren die Trikots mit goldenen Glöckchen besetzt. Die silbernen und goldenen Glöckchen waren aufeinander abgestimmt und kicherten leise und verstohlen bei jeder Bewegung. Aus den dunklen Trikots schauten unten die nackten kleinen Füße heraus, gepflegt und beweglich wie Hände. Oberhalb der Hüften ein Streifen nackter Haut, aus dem der Nabel hervorsah. Bald finster, bald drohend, bald grotesk und lustig. Wie ein vorweltliches Auge. Über ihm ein kleines, silberdurchwirktes, schmiegsames schwarzes Jäckchen, in dem die Brüste lagen wie junge Vögel im Nest. Für die Gesichter interessierten sich die hohen Exzellenzen schon deshalb nicht, weil alle Kunst der Tänzerinnen immer wieder in einem Bauchtanz gipfelte, bei dem der Nabel bald auftauchte, bald entschwand wie ein schmucker Kahn im Meere bei stürmischer See. Dann lachte er wieder friedlich wie die Sonne vom Himmel. Zuweilen richtete er sich inmitten aller unruhigen Bewegtheit des Leibes ein wenig auf und blinzelte den hohen Exzellenzen zu, rosig, verstohlen und einladend wie hinter dem Gitter eines Haremfensters, an dem der Sturm rüttelt.

Die Tänzerinnen verschwanden. Es wurde eisgekühlter Schärbät gereicht.

Hinter dem Vorhang begann eine einsame Flöte zu schluchzen wie eine Nachtigall im Busch. Leise klagend, lauter werdend, tirilierend wie unter aufsteigenden Tränen, heißer, hitziger schmetternd wie besinnungslos vor Liebe und Verlangen. Ein blutjunges Mädchen steht plötzlich vor dem Vorhang. Unbeweglich, lauschend. In derselben Tracht wie die anderen. Aber diesmal zieht zuerst das Gesicht aller Augen auf sich. Schmal und fein im Flaum lieblichster Jugend und doch die roten geschminkten Lippen schon üppig, wissend gewölbt. Die Lider vor den Augen herabgelassen, daß die langen Wimpern wie schwarze Seidenfäden auf Elfenbein ruhen. Zierlich, wie ein junger Vogel in kleinen Schritten, die immer wieder aussetzen, bewegt sie sich ruckartig vorwärts. Vom Ton der Flöte wird sie spielerisch getrieben wie ein Blatt vom Hauch des Windes, der sich schmeichlerisch erhebt, um im nächsten Augenblick schon wieder wollüstig zu ruhen. Ihre Augen sind immer noch geschlossen. Nur der Mund lebt, sehnt sich, wölbt sich, spitzt sich und ruht wieder in sich selbst, kaum bewegt. Ganz leicht kräuseln sich die Lippen und ein verhaltenes Lächeln huscht über die Wangen. Die Flöte hinter dem Vorhang schweigt, mitten in einer schluchzenden Kadenz bricht der Ton ab. Das junge Gesicht ist starr, unbeweglich, wie tot. Da setzt die Flöte leise klagend wieder ein. Die Wimpern regen sich, durch die Augenlider rieselt es, langsam heben sie sich. Höher und höher. Die Augen sind weit aufgetan, erwacht, aber noch wie traumbefangen. Sehr große, mandelförmige Augen, schwer und dunkel wie Samt, der ganz von innen heraus zu leuchten beginnt, Augen, wie sie nur im Harem kleiner Leute gedeihen, in dem immer Halbdunkel herrscht.

»Khäbärdar! Vorsicht!« raunt Sureja und legt Hakob Akunian, den er schon eine Weile mit wachsender Verwunderung beobachtet, schwer die Hand auf die Schulter.

Die Flöte beginnt wieder leise schluchzend das Lied der Nachtigall. Die blutjunge Tänzerin, die dem Lied bisher nur mit Lippen und Wangen Ausdruck gegeben hat, spielt es jetzt mit den Augen, wobei Lippen und Wangen ruhen. Dann spielt sie es zu der Flöte, die wieder anhebt, mit Lippen, Wangen und Augen. Wieder bricht die Flöte jäh ab. Starr, unbeweglich, wie tot ist die Tänzerin.

Sureja hat dem Hausmeister gewinkt und von ihm erfahren, was er wissen will. Ein wenig spöttisch flüstert er dem Fürsten zu: »Miryäm heißt sie, wohnt bei ihrem Onkel Mussa-Riza, einem Schreiber des Gouverneurs. Das soll heute wohl das erste große Geschäft des Schreibers werden, und der Gouverneur wird dabei stiller Teilhaber sein. Recht geschickt haben sie das eingefädelt, wo alle Vornehmen und Reichen hier versammelt sind. Seht sie Euch an, wie sie jetzt schon grübeln und rechnen, welchen Preis die Kleine für ihr Harem wert ist. Er wird hoch sein, da der Gouverneur mitbeteiligt ist.«

Leise schluchzt die Flöte wieder hinter dem Vorhang. Miryäm steht ganz dicht vor den Gästen, die Augen wieder geschlossen, das Gesicht unbewegt. Nur der Leib spielt jetzt das Lied der Nachtigall. Die Flöte übertreibt, karikiert ein wenig, und der Nabel der Tänzerin hilft dabei mit, so daß eine leichte Heiterkeit durch die Reihe der Perser geht, die angenehm entspannt. Das ist gut so, und die Vornehmen wissen es. Man leert sein Glas Schärbät, lehnt sich fester in die Kissen und rückt sich bequemer zurecht. Sie kennen das Lied der Nachtigall und wissen, daß nun der Höhepunkt kommt, der für den Preis ausschlaggebend ist, denn jetzt hat sie mit jedem ihrer jungen Glieder und mit Leib und Blut ihres ganzen Körpers zu zeigen, was sie kann; wieweit ihr Temperament reicht und was es noch verspricht. Namen und Wohnung haben alle, die sich dafür interessieren, vom Hausmeister erfahren. Nun heißt es, genau zusehen und danach den richtigen Vorschlag machen, wenn der Handel in den nächsten Wochen zur eigenen Zufriedenheit abgeschlossen werden soll. Auch gilt es, scharf auf geheime Fehler aufzupassen, so geschickt sie auch verborgen sein mögen, damit man nicht allzu sehr übers Ohr gehauen wird. Bei Frauen ist das eine fast so schwere Kunst, in der man nie auslernt, wie bei Pferden. Zwar bringt sie nur ganz wenig mit in die Ehe, denn sonst würde sie nicht vor Fremden tanzen. Das ist gut, denn die Scheidung wird dann glatt und ohne Ärger vonstatten gehen, wenn man sie satt hat. Aber da sie beim Gouverneur tanzt, wird der Onkel nicht billig sein, denn der Gouverneur muß auch sein Teil bekommen, weil er sie bei einem solchen Fest tanzen läßt. Das alles will ganz genau überlegt und berechnet sein, bevor man auch nur daran denkt, der Angelegenheit ernsthaft näherzutreten.

»Soll ich sie für Euch kaufen?« flüsterte Sureja dem Fürsten zu. »Ihr selbst dürft es ja nicht.« Unwillig schüttelt Hakob Akunian den Kopf. Die Flöte hebt von neuem an, und Miryäm tanzt mit allen Gliedern und jedem Blutstropfen das Lied der Nachtigall. Die Gesichter der Perser beleben sich. Es lohnt sich, einen anständigen Preis zu bieten. Das Mädchen kann etwas und verspricht noch mehr. Nur Sureja wird immer verdrossener, je sorgfältiger er Hakob Akunian beobachtet. Wenn das so weiter geht, wird der Fürst über dem Mädchen alles andere vergessen und an ihm zum Narren werden, wie es in den Liedern besungen wird, aber im Leben nur selten vorkommt. Das muß unter allen Umständen verhindert werden. Gerade jetzt stehen wichtigere Dinge auf dem Spiel. Man wird das kleine Mädchen entweder beseitigen oder ihm irgendwie zuführen müssen, damit ihm der Kopf wieder klar wird.

Die Gäste brachen auf. Eine sehr umständliche und zeitraubende Zeremonie.

Es war nicht mehr weit bis Sonnenaufgang, als Hakob Akunian sich mit den Dienern seinem Hause näherte und alle müde aus dem Sattel stiegen. Vor dem Tor lag einer lang ausgestreckt auf dem Rücken und versperrte so den Zugang zum Haus. Man leuchtete ihm mit der Fackel ins Gesicht. Es ist Mähmäd. Ein Dolch steckt ihm im Herzen. Die Diener schreien und laufen ratlos herum. Erst auf Befehl des Herrn öffnen sie schnell das Tor und ziehen den Ermordeten in den Hof. Daß sie daran nicht sofort gedacht haben! Es ist schlimm, wenn ein Toter vor einem Haus gefunden wird; und nun gar ein ermordeter Mohammedaner vor dem Haus eines Christen! Oh Ali! Das kostet den Besitzer des Hauses schweres Lösegeld. Das Gericht stürzt sich mit Leidenschaft auf einen solchen Fall, denn dabei gibt es viel zu verdienen.

Im Hof wird der Tote sorgfältig untersucht. Der Mord kann erst vor ganz kurzer Zeit geschehen sein, denn die Glieder sind noch nicht unbeweglich und starr. Der Mörder muß gestört worden sein. Nur die Oberkleider hat er dem Toten abgezogen. Er hat versucht, ihm auch das Hemd vom Oberkörper zu reißen, um ihm noch die größte Schande anzutun, die einen Perser treffen kann: mit nacktem Oberkörper vor aller Augen dazuliegen. Aber dazu reichte die Zeit nicht mehr. Der Lärm der nahenden Pferde muß ihn verscheucht haben. Die Diener sind sich bald darüber einig, daß Mähmäd vor dem Tor auf seinen Herrn gewartet hat. Er ist darüber eingeschlafen und im Schlaf ermordet worden. Sonst wäre es nicht so ganz ohne Kampf abgegangen. Die Oberkleider hat der Mörder mitgenommen. Er war Mohammedaner, denn die Christen entblößen keinen Toten. Ein Raubmord? Aber was war bei Mähmäd schon zu holen? Ein Racheakt? Aber galt er dann dem Diener oder seinem Herrn?

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