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Gutenberg > Kurt Aram >

Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
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Vierzehntes Kapitel

Sureja hatte dem Fürsten geraten, sich eine Dienerin aus dem Harem seines Bruders für ein paar Wochen zur Begleitung Miryäms auszubitten. Sonst würde sich die junge Perserin unmöglich unter den neuen, für sie fremden Verhältnissen zurechtfinden können. »Der Vogel fliegt Ihnen fort, bevor Sie in Tiflis sind, und ich möchte doch, daß Ihre Maman ihn sich wenigstens vorher ansieht. Auch würde ich es erst wagen, fremde persische Dienerschaft ins Haus zu nehmen, wenn der Vogel zahm geworden ist. Sonst hält sie sich an die Landsleute und nicht an Sie. Vielleicht ist ein Fanatiker unter ihnen, der zum nächsten Mulla läuft und von Entführung schreit. Wenn ein Mulla erst zu toben anfängt, ist der Teufel los. Ich habe den kleinen Raubvogel ja kennengelernt, als ich ihn für Sie fing. Er hat nicht gerade Lammblut in den Adern, wie ich glaube. Lassen Sie sich von meinem Bruder eine Kurdin mitgeben, die aufpaßt, daß der Vogel im Käfig bleibt und nicht gleich persischen Leuten in Tiflis etwas vorzwitschert, wenn er wild wird. Sonst treffe ich Sie in vier Wochen sicher nicht in Stambul, denn dann hat man Sie inzwischen erdolcht oder vergiftet, oder Sie laufen Ihrem Vogel nach, der fortgeflogen und nicht mehr leicht zu fangen ist.«

Hakob Akunian erkannte sofort, daß dieser Rat gut war, aber die Worte, in die er gekleidet wurde, mißfielen ihm um so mehr. Er fragte Miryäm selbst, und da sie sehr von dem Vorschlag entzückt war, bat er den Fürsten um eine kurdischa Dienerin, die dieser ihm bereitwillig zur Verfügung stellte.

Schon als man über den Araxes war und russisches Gebiet betrat, hatte er allen Grund, Sureja dankbar zu sein. Er hatte Eilpost bestellt, und Miryäm war entzückt von dieser bequemen Art zu reisen und nicht in einem Korb oder in einer Sänfte befördert zu werden, aber sie hüllte sich dicht in ihre Burqä und war nicht zu bewegen, das Gesicht zu entblößen. Auf tausend Schritt sah jeder, daß in dem Wagen eine Perserin saß und neben ihr ein Mann, der kein Mohammedaner war. Nun halten zwar auch die Armenierinnen, die in Persien groß geworden sind, stets den Mund verhüllt, geben aber wenigstens die Augen frei oder legen nur einen ganz dünnen Schleier vor das Gesicht, daß ihr Atem nicht direkt mit dem Atem eines fremden Mannes in Berührung kommen kann. Aber Miryäm empfand das als so schamlos und so bäurisch, daß die Kurdin große Mühe hatte, sie dahin zu bringen, wenigstens die Augen freizugeben, so lange der Wagen in Bewegung war. Die russischen Kutscher, Pferdeknechte und Posthalter kümmerten sich zwar nicht im geringsten darum, da aber bei jeder Poststation die Pferde gewechselt wurden, was alle drei bis vier Stunden geschah und immer einigen Aufenthalt machte, so brauchte nur ein Mohammedaner aus dem Posthaus zu treten oder in der Nähe des Posthauses zu stehen, um aufmerksam zu werden, denn die Perserin in ihrem sackartigen Überwurf mußte ihm auffallen.

Erst als man auf einer Station einen Eilpostwagen traf, in dem eine vornehme Russin saß, und die Kurdin an Hand dieses Beispiels Miryäm klarmachen konnte, daß in Rußland nur Bauernweiber ihr Gesicht verhüllen, Damen aber ihr Gesicht zeigen, entschloß sich die Perserin, fortan wenigstens die Augen frei zu lassen. Hakob Akunian hätte das nie zustande gebracht, denn ihm, dem Christen, hätte sie es nicht geglaubt. Der Kurdin und Mohammedanerin glaubte sie es. »Du siehst doch, daß die Frauen es hier überhaupt besser haben«, flüsterte die Kurdin. »Sie hocken nicht in einem Korb, sondern sitzen bequem in einem Wagen wie du auch und niemand wundert sich, wenn sie ihr Gesicht zeigen. Kein Mensch achtet darauf.«

Das war Miryäm schon aufgefallen. Auch war es natürlich viel angenehmer, mit offenen Augen durch diese neue Welt zu fahren, die so viel bunter und abwechslungsreicher war als die ihr bekannte. Aber wenn auf einer Station zufällig der Blick eines Mannes sie streifte, erschrak sie heftig und sah ängstlich nach ihrem Herrn, ob er es nicht bemerkt hatte. Mund und Stirn würde sie niemals fremden Blicken preisgegeben haben. Dann besaß der Herr einen rechtskräftigen Grund, sie wieder fortzuschicken, und vorläufig gefiel ihr dies Leben ausgezeichnet.

Der Fürst hatte im obersten Stock seiner Bank in Tiflis eine geräumige Junggesellenwohnung, die ihm ein altes, zuverlässiges Tatarenehepaar in Ordnung hielt, dem der Koran längst gleichgültig geworden war; und dessen einziges Gesetz in dem bestand, was sein Herr befahl. Von unterwegs hatte er dem Ehepaar telegraphiert mit dem Befehl, weder der Fürstin noch sonst jemand in der Bank Mitteilung von seiner Ankunft zu machen. Hier konnte er Miryäm mit ihrer Kurdin leicht und gut unterbringen und sicher sein, daß von ihrem Vorhandensein nichts bekannt wurde, solange er es nicht ausdrücklich befahl. An sich war ein solches Telegramm für das Ehepaar ja nichts Neues, denn Hakob Akunian erschien gerne unerwartet und plötzlich in einem seiner Betriebe. Es erhöhte ihre Sicherheit, da man nie vor ihm sicher war.

Am nächsten Morgen, als er die Bankräume betrat, telephonierte er sofort mit seiner Mutter. Sonst hätte es irgendein Angestellter ohne sein Wissen ja doch getan. Er sagte sich bei ihr für den nächsten Sonntag zu Tisch an. Bis dahin müsse sie ihn entschuldigen, da er außerordentlich viel Arbeit vorgefunden habe, wie sie sich ja denken könne. So, nun hatte er wenigstens bis Sonntag Zeit, zu arbeiten, nach dem Rechten zu sehen, die dringendsten Geschäfte zu erledigen und zu überlegen, wie er der Mama die Geschichte mit Miryäm am besten beibrachte. Sie gefiel ihm immer besser, er würde sich nicht mehr von ihr trennen. Daran war nichts mehr zu ändern. Aebädän, niemals!

Als er sich am Sonntag in seinen Wagen schwang, dachte er, die Haremserziehung hat wirklich mancherlei für sich. Miryäm fragt nicht, wohin ich gehe. Sie fragt nicht, wann ich wiederkomme. Der Fürst von Maku hatte nicht so unrecht mit seinem Lob des Harems. Schließlich blieb doch auch der Frau dadurch manche überflüssige Aufregung erspart. Jedenfalls war Miryäm bis jetzt durchaus damit zufrieden, daß die kurdische Dienerin sie bediente und das Tatarenweib sie verwöhnte. Wenn der Herr für sie Zeit hatte, gut. Wenn er keine Zeit hatte, maschallah, wie Gott will. Man hatte ohnehin genug zu tun, um sich zu pflegen und zu schmücken, zu erzählen und sich erzählen zu lassen. Nur einen Eunuchen, der die Flöte spielen konnte, hätte sie gerne gehabt. Ohne Musik war es nichts Rechtes mit dem Tanzen. Die Kurdin und die Tatarin verstanden leider nichts von Musik. Wenn der Herr einmal besonders freigebig gelaunt war, würde sie ihn um einen Flötenspieler bitten, damit sie nicht zu sehr aus der Übung kam. Der Tanz war ja auch das, wodurch sie den Herrn am sichersten und längsten an sich fesselte.

Hakob Akunian hatte seiner Mutter viel zu erzählen. Einige der jungen Leute, die Hakob nach Rußland geschickt, hatten die Fürstin auf Wunsch des Sohnes natürlich sofort aufgesucht, um ihr über den Zug gegen Scharef zu berichten, aber davon konnte der Sohn doch besser, genauer und ausführlicher sprechen als jeder andere, der ihrem Herzen ferner stand. Die Erlebnisse in Täbris waren ihr sogar ganz neu. Der Fürst verfehlte nicht, Sureja dabei in das beste Licht zu setzen. Sie ließ es ohne Murren über sich ergehen, wenn sie auch kein anerkennendes Wort dafür über die Lippen brachte. Sie konnte nun einmal diesen Kurden nicht leiden und traute ihm nicht über den Weg.

So vergingen Stunden, bis der Sohn auserzählt und die Mutter ihn hinreichend ausgefragt hatte. Endlich gab es die erste längere Pause im Gespräch, und der Sohn sah verloren und unzufrieden aus dem Fenster. Er zerbrach sich den Kopf über das Problem, das noch nie ein Sohn gelöst hat, wie man seiner Mutter etwas Unangenehmes so beibringt, daß sie es als angenehm empfindet.

Ist er am Ende schon wieder verliebt? dachte die Fürstin beunruhigt.

Hakob Akunian lächelte etwas gezwungen. »Da ist noch etwas, was im Grunde nur mich persönlich angeht, das dich aber trotzdem interessiert, wie ich dich kenne.«

»Also etwas mir persönlich Unangenehmes«, sagte sie trocken.

»Mir ist es jedenfalls sehr angenehm, Maman. Vielleicht gewinnst du es über dich, das dabei zu berücksichtigen.«

»Das fängt gut an, Hakob. Wenn es so weitergeht, bin ich auf das Schlimmste gefaßt.«

»Das beruhigt mich, Maman, denn mir ist es etwas sehr Gutes.« Er war in einen ganz falschen Ton hineingeraten, wußte es, konnte sich aber nicht wieder aus ihm herausfinden.

»Du schnappst ja förmlich nach Luft, Hakob? Sitzt du so auf dem trockenen?« Sie wußte, daß dies nicht der richtige Ton war, aber sie fand sich um so weniger aus ihm heraus, als sie immer noch keine klare Vorstellung davon hatte, was eigentlich los war.

Er macht ein Gesicht wie einer, der nach dem Messer greift, aber sich noch nicht recht traut, zuzustoßen, dachte sie. Wenn ich nicht seine Mutter wäre, zögerte er keinen Augenblick, dafür kenne ich ihn. Und jetzt weiß ich ganz genau, daß er sich schon wieder verliebt hat. Du lieber Himmel! Kaum hat er Scharef besiegt, da ist er mit Mühe und Not gerade noch dem Galgen Amenisams entschlüpft und schon spukt ihm wieder eine Frau im Blut. Ist denn das menschenmöglich?

Ärgerlich brummte sie vor sich hin: »Alles ist menschenmöglich, wenn die Natur ihren Willen haben will.« Nur die Unsicherheit des Jungen brachte sie um allen Verstand.

Es war Dämmerung im Zimmer. Sie stand auf und machte Licht. »Also stoß zu, Hakob, und zögere nicht länger. Was für ein Weib ist dir schon wieder als Engel direkt vom Himmel vor die Füße gefallen?«

Der Sohn mußte lachen. »Du unterschätzt mich, Maman. Es handelt sich immer noch um denselben Engel.«

Die Fürstin sah ihn ratlos an. »Ich denke, ein Kurde hat sie geraubt? Ich denke, du hast es mir selbst erzählt? Seitdem habe ich überhaupt nicht mehr an sie gedacht. Doch nein, das ist nicht wahr. Zuweilen habe ich doch noch an sie gedacht. Aber dann habe ich mich damit getröstet, daß der Kurde ihr wohl bald zum Paradies verhelfen würde, ohne zu überlegen, ob Mohammedanerinnen überhaupt dahin kommen können. Für die Perser hat die Frau, so viel ich weiß, ja überhaupt keine Seele. Wohin mit ihr, wenn sie endlich tot ist?« Sie brach ab. Was schwatzte sie denn für dummes Zeug zusammen. Des Jungen Verrücktheit machte sie selbst verrückt.

Jetzt lächelte er sogar ganz freundlich. »Ich habe sie wieder gefunden, Maman.«

Die Fürstin sprang auf, schlug heftig auf den kleinen Tisch, der vor ihr stand, und rief: »Daran ist nur dieser Sureja von Maku schuld!«

»Aber Maman!«

Stöhnend sank sie in ihren Sessel zurück. »Darauf kannst du dich verlassen. Er tut alles, wenn er weiß, daß es mich ärgert und kränkt. Wenn ich nur wüßte, was ich ihm antun könnte! Aber gegen einen solchen Wolf ist man ja wehrlos.« Sie putzte sich energisch die Nase und fuhr sich schnell mit dem Taschentuch über die Augen. Das fehlte gerade noch, daß sie zu heulen anfing. Als ob Muttertränen schon je einen Sohn an einer Dummheit gehindert hätten, die er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hat.

Der Fürst schwieg. Er wußte, daß es im Augenblick das klügste war.

Energisch schob sie das Taschentuch weit von sich. »Der Engel ist dir also zum zweitenmal vor die Füße gefallen. Du hast ihn sofort aufgehoben und fühlst dich vermutlich wie im Paradies deines Mohammed. Oder soll ich sagen: wie im Himmel? Ich weiß wahrhaftig nicht, was richtiger wäre.«

»In diesem Augenblick fühle ich mich weder im Paradies noch im Himmel, Maman.«

»Leider auch nicht in der Hölle, was viel besser für dich wäre.«

Er lächelte leicht. »In diesem Augenblick fühle ich mich ganz auf der Erde.«

»Ich fast schon unter der Erde.« Sie wollte doch wieder nach dem Taschentuch greifen, brummte aber nur ärgerlich: »Alberne Weibertränen, die zu nichts nütze sind!« Sie fuhr sich schnell mit dem Handrücken über die Augen.

Beide schwiegen eine Weile. Dann sagte sie ruhig: »Darf ich fragen, wo du diesen Engel untergebracht hast?«

»In Tiflis, Maman.«

Sie sprang auf, ließ sich aber gleich wieder in den Sessel zurückfallen.

»Entschuldige, ich vergaß, daß du mündig bist«, sagte sie bitter. »Man sieht, daß Männer die Gesetze machen. Hätte ich etwas zu sagen, fielen sie anders aus. Aber weshalb soll dein Engel nicht in Tiflis sein? Deine Mutter wohnt ja auch hier. Bequemer kann es sich der Sohn nicht machen.«

»Aber Maman, weshalb sollte ich dich erst fragen, da ich deine Antwort ohnehin schon wußte?«

Da hatte der Junge recht. Ganz schien er doch noch nicht um den Verstand gekommen zu sein.

»Hast den Engel wohl in der Bank einlogiert? Auf deine Tataren kannst du dich ja verlassen.«

»So ist es, Maman.«

»Schämst du dich denn gar nicht, Hakob?«

Er küßte ihr die Hand. »Gar nicht, Maman. Dafür fühle ich mich viel zu wohl.«

»Auch hier bei mir?«

»Jetzt endlich auch wieder hier bei dir.«

Sie war sprachlos und schüttelte den Kopf. Das hatte sie nicht erwartet, das war schlimm.

»Möchtest du dir sie nicht wenigstens einmal ansehen, Maman?«

»Wen? Deinen Engel?« Sie traute ihren Ohren nicht.

»Wen denn sonst, Maman.«

»Höre, Hakob, ich muß doch sagen ...« Sie schwieg. Sie fühlte sich plötzlich ratlos. War sie wirklich in einer Stunde ganz alt und schwach geworden und besaß gar keine Energie mehr?

»Ich bitte dich sehr darum, Maman.«

»Hör auf, Hakob!«

Der Fürst zündete sich eine Zigarette an. Sie griff in sein Etui und zündete sich auch eine Zigarette an. Sie rauchten mehrere Zigaretten, ohne zu sprechen.

»Erst sehen, dann urteilen, Maman.«

»Ich bin nicht verliebt.«

»Um so besser, Maman.«

Dem Jungen war, wie es scheint, nicht mehr zu helfen. Schrecklich. Und alles, was sie sagte, war natürlich zwecklos. Erst sehen, dann urteilen, Maman. Wie sicher er war. Wie ein Blinder, der sich von einem Schäfchen führen läßt und meint, es sei der liebe Gott in eigener Person. Wie soll man ihm den Star stechen, wenn man das Lamm nicht zum Sprechen bringt, daß er seine wahre Stimme hört? Vorausgesetzt, daß der Blinde nicht auch schon taub geworden ist. Sie seufzte schwer und etwas kläglich zugleich. Aber ansehen mußte man sich die Person, bevor man weiterreden konnte. Sonst war alles nur in den Wind geredet. Man predigt und er lacht. Erst sehen, dann urteilen, Maman.

Resolut sprang sie auf. »Fahren wir also in die Bank.«

»Ich danke dir, Maman.«

Sie wehrte energisch ab. »So weit ist es noch lange nicht, Hakob. Erst sehen, dann urteilen.«

Im Wagen fragte sie plötzlich: »Spricht sie Russisch?«

»Nein, Maman.«

»Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich garantiere für nichts, Hakob, wenn ich sie sehe. Um so besser für sie, wenn sie es nicht versteht.«

»Und du verstehst kein Persisch, nicht wahr, Maman?«

»Da hast du recht, Hakob.«

Er lachte laut auf. »Mir fällt ein Stein vom Herzen. Es ist am besten, wenn ihr beide nicht gleich versteht, was ihr sagt. Auch sie ist nicht auf den Mund gefallen, Maman, wie du anzunehmen scheinst.«

»Das kann ja nett werden«, brummte die Fürstin.

Miryäm lag in ihren Kissen. Vor ihr hockten die Kurdin und die Tatarin. Zwischen ihnen ein Dambrett, auf dem sie spielten.

Die Tatarin sprang sofort auf, als sie die Fürstin erkannte und küßte ihr den Kleidersaum. Die Kurdin erhob sich ebenfalls und tat dasselbe. Miryäm rührte sich nicht und sah fragend auf den Fürsten.

»Die Madär will dich begrüßen, Miryäm.«

Langsam erhob sie sich, langsam schritt sie auf die Fürstin zu, griff nach ihrer Hand, beugte sich über sie und führte sie an die Lippen, ohne sie aber zu küssen.

Die Fürstin sagte ein paar Worte auf Russisch, die Miryäm aber nicht verstand.

»Ist die Madär stumm?« fragte sie den Fürsten.

»Sie spricht Russisch mit dir.«

»Digär hitsch, weiter nichts?« sagte Miryäm verwundert und trat einige Schritte zurück. Sogar die Tatarin verstand Persisch, wenn sie es auch sehr schlecht sprach. Und dies war eine vornehme Frau und sprach nicht einmal Persisch? Das kam ihr sehr merkwürdig vor. Oder tat sie nur so?

»Französisch versteht sie natürlich auch nicht«, sagte die Fürstin ein wenig geringschätzig.

»Was sagt sie?«

»Du sollst Französisch lernen, Miryäm«, erwiderte der Fürst.

»Soll die Madär erst einmal Persisch lernen.«

»Was sagt sie?« fragte die Fürstin.

Hakob Akunian lächelte. »Sie meint, ob du nicht Persisch lernen möchtest?«

»Das fehlte mir gerade noch auf meine alten Tage.«

Die beiden Frauen musterten sich eingehend und mißtrauisch.

»Jung ist sie«, meinte die Fürstin. »Ein glattes Fell hat sie ebenfalls und wird es noch eine ganze Weile behalten. Wenn dir das genügt, Hakob ...«

»Ich versichere dich, sie hat etwas mehr als ein glattes Fell, Maman.«

Miryäm drehte sich wohlgefällig im Kreis.

»Mein Gott, will sie nach Petersburg zum Ballett? Aber vielleicht paßt sie wirklich am besten dorthin.«

»Du bist nicht sehr liebenswürdig, Maman.«

»Wozu? Sie versteht mich ja doch nicht.«

»Was sagt sie?« fragte Miryäm.

»Sie meint, du wärst eine gute Tänzerin, Miryäm.«

»Weshalb macht sie ein so böses Gesicht dazu? Weil sie zu alt ist zum Tanzen?«

»Was sagt sie, Hakob?«

»Sie fürchtet, sie gefällt dir nicht besonders.«

»Das ist nicht wahr, Hakob. Ganz etwas anderes hat sie gesagt. Ich sehe es ihrem Gesicht an.«

Der Fürst lachte. »Ich kann dich versichern, Maman, es ist ein wahrer Segen für mich, daß ihr euch nicht versteht.«

»Für mich nicht, Hakob.«

Miryäm stampfte mit dem Fuß auf. »Du sollst mir sagen, was sie sagt.«

»Ein netter Engel«, meinte die Fürstin spöttisch.

»Sie sagt, du seist ein hübscher Engel, Miryäm.«

Miryäm lächelte und verneigte sich leicht vor der Fürstin.

»Was hast du ihr eben vorgelogen, Hakob?«

»Ich habe ihr wörtlich übersetzt, was du gesagt hast, Maman: Ein netter Engel.«

»Aber Hakob, das war doch nicht wörtlich gemeint.«

Er lächelte. »Dann übersetze du es, wenn du es besser weißt, Maman.«

»Das ist ja heillos, ich sage kein Wort mehr.«

Miryäm trat näher zu Hakob Akunian und flüsterte ihm ins Ohr. »Versprich mir, daß ich morgen noch Russisch lerne. Ich will verstehen, was die Madär sagt.«

»Was flüstert sie dir ins Ohr?«

»Sie will morgen anfangen, Russisch zu lernen.«

»Endlich ein vernünftiges Wort. Sag ihr, daß sie es bis morgen nicht schon wieder vergessen soll.«

»Was sagt sie?«

»Sie freut sich, daß du Russisch lernen willst, Miryäm.«

Über das Gesicht der Perserin huschte ein Lächeln und sie warf der Madär einen dankbaren Blick zu.

»Jetzt kokettiert sie sogar schon mit mir«, brummte die Fürstin und nahm die Tatarin beiseite, um sie ein wenig auszuhorchen.

Miryäm legte sich wieder in die Kissen, befahl die Kurdin zu sich und beschäftigte sich wieder mit dem Dambrett. Solange sie die Madär nicht verstand, hatte es keinen Zweck, sich mit ihr zu unterhalten. Schrecklich alt war sie und schon deshalb so streng und unfreundlich. Wie soll man freundlich und vergnügt sein, wenn man weiße Haare bekommt und Runzeln hat. Arme Madär!

Von der Tatarin war auch nichts als Schönes und Gutes über das persische Lamm zu hören. Ärgerlich ließ die Fürstin sie stehen, die sich sofort wieder neben der Kurdin an das Dambrett niederhockte.

Die Fürstin nahm den Arm des Sohnes und besichtigte die Räume. »Unterhalten kann man sich mit deinem Lamm ja doch nicht.«

Immer wieder schüttelte die Fürstin den Kopf. »Einen richtigen Harem hast du aus deiner anständigen Wohnung gemacht.« Sie seufzte.

»Weshalb seufzt du, Maman?«

»Wenn sie nur in einem Harem sitzen, tanzen und spielen kann, einerlei, ob er in Persien, Rußland oder sonstwo ist. Sie bekommt kein Heimweh, so lange sie nur Haremsluft atmen kann. Weiter braucht sie nichts, um glücklich zu sein.«

»Hattest du erwartet, Maman, ich würde es ihr möglichst unbehaglich und fremdartig machen?«

»Gewiß nicht, mein Sohn. Ich erwarte vorläufig überhaupt nichts von dir, was vernünftig ist. Aber ich hatte gehofft, sie würde Heimweh bekommen und nach Persien verlangen, und dann würde sie Gesichter schneiden und weinen, wie es Kinder an sich haben, die so verwöhnt werden, wie du es mit ihr treibst. Das würde dir dann bald zu viel werden. Wenn eine Frau weint, wird es jedem Mann sehr bald zu viel. Ihr seid nun einmal solche Egoisten. Dein Engel hat keinen Grund zu weinen, und von Natur scheint er dafür auch nicht besonders veranlagt zu sein.«

»Das kann dir doch nur gefallen, Maman.«

»Das habe ich bisher auch geglaubt, Hakob. Bei ihr gefällt es mir gar nicht«, sagte sie grimmig.

Sie kamen wieder in den Raum, wo Miryäm mit der Kurdin und der Tatarin über dem Dambrett saß.

»Da sitzt sie nun, das Wurm, ist vergnügt und hat keine Ahnung, was sie mir angetan hat und noch alles antun wird. Am liebsten würde man ihr eine Puppe in die Arme drücken. Das wäre das einzig richtige für sie. Aber das paßt ihr wohl nicht mehr, seitdem sie eine so große und so lebendige Puppe gefunden hat, die alles tut, was sie will. Es kribbelt mir in allen Fingern, wenn ich sie so ansehe. Ich könnte sie mir über den Schoß legen wie ein Kind, das unartig gewesen ist, prügeln könnte ich deinen Engel, Hakob. Vielleicht würde mir dann etwas leichter.«

»Sei nicht so egoistisch, Maman, als ob du ein Mann wärst.«

»Zum Kinderspott wird man, und du benimmst dich auch nicht wie ein halbwegs erwachsener Mensch.«

Unentwegt blickte die Fürstin auf Miryäm, die sich nicht im geringsten um sie kümmerte, da sie ganz von ihrem Spiel besessen war.

»Wenn man sie tüchtig verprügelt hätte, könnte man sie vielleicht auf den Arm nehmen, die Puppe, und küssen.« Sie wandte sich ab. »Für heute habe ich genug, Hakob, ich will nach Hause.«

»Die Madär will sich von dir verabschieden, Miryäm«, sagte der Fürst.

Sofort erhob sie sich, beugte sich wieder über die Hand der Fürstin und zog sie an ihre Lippen. Aber einen Kuß drückte sie nicht auf die Hand. Dazu war die Madär denn doch nicht liebenswürdig genug gewesen.

Der Fürst geleitete seine Mutter zum Wagen.

»Ich ersticke da oben. Ein nettes Narrenhaus hast du aus deinem Bankhaus gemacht, das muß ich dir doch noch sagen, Hakob.«

Er schmunzelte. »Etwas anderes habe ich für heute auch gar nicht erwartet.« Ehe sie sich dessen versah, küßte er ihr beide Wangen und beide Hände.

Noch lange schüttelte die Fürstin immer wieder den Kopf. Barmherziger Himmel. Ein Kind spielt Frau und ein Mann gibt die Puppe dafür ab, und beide nehmen das Spiel ernst und reden sich ein, es sei viel mehr als ein Spiel. Alte Leute verständen nur nichts mehr davon. Hübsche Hände hatte die Kleine und gutgeformte Ohren. Ein Mann konnte sich schon in beides verlieben.

Als sie zu Hause war, vermochte sie sich endlich wieder eine Importe anzustecken, die erste seit dem Tee, bei dem Hakob sie mit seiner neusten Narrheit überrascht hatte.

Die Fürstin kam nur selten auf Besuch in den Harem, wie sie jetzt das ganze Bankhaus nannte, und der Sohn machte auch keinen Versuch, ihr da hineinzureden. Um so häufiger erschien er zum Tee bei seiner Mutter. Man mußte sich doch dankbar dafür zeigen, daß sie die schwere Wunde, die er ihr geschlagen, so tapfer trug. Er sprach auch nicht von Miryäm, wenn sie nicht direkt danach fragte, und das tat sie eigentlich nur, wenn er erschien und wenn er fortging. Sozusagen aus Höflichkeit.

Eines Nachmittags aber meinte sie: »Da du immer noch so begeistert bist, muß ich dich auf eine Gefahr aufmerksam machen.«

»Eine Gefahr? Du siehst Gespenster, Maman.«

»Es spricht sich herum, daß du dir einen Harem angelegt hast, Hakob. Wenn du auch zu blind und taub bist, um es zu merken. Aber ich habe noch offene Ohren und Augen. Ich sehe es unseren Freunden an, und im persischen Basar zeigt man mir plötzlich finstere Gesichter, wenn ich Obst einkaufe. Wenn du nicht sehr gut aufpaßt, kann aus deinem Idyll ein Trauerspiel werden, ehe du dich dessen versiehst.«

»Gerüchte«, meinte der Fürst geringschätzig.

»Ich will dir mal was sagen, Hakob. Meine Haut ist nicht mehr glatt. Ich gebe zu, daß ich da gegen deinen Engel im Nachteil bin. Aber auf meinen Verstand kannst du dich immer noch verlassen.«

»Habe ich je daran gezweifelt, Maman?«

»Da gibt es gar nichts zu lächeln, Hakob. Zu dem Verstand kommt noch die Erfahrung und darin bin ich sogar dir über. Von deiner Puppe gar nicht zu reden. Unterschätze ein Gerücht nicht. An dem, was die Basare sich zuraunen, ist immer etwas Wahres. Der gelehrteste Professor mag das gelehrteste Buch schreiben, und ich halte es trotzdem für möglich, daß kein wahres Wort in ihm steht, aber an einem Gerücht, das im Volk umgeht, ist nie alles gelogen. Darauf kannst du dich verlassen, und das ist das Gefährliche dabei.«

»Worauf willst du eigentlich hinaus, Maman?«

»Was die Bekannten sich erzählen, sagen sie dir und mir nicht, denn als unsere Freunde sind sie dafür zu rücksichtsvoll. Aber sie erzählen es anderen, woran sie kein Zartgefühl hindert. Was die Basare sich zuraunen, hängen sie dem nicht auf die Nase, den es am nächsten angeht. Aber alle anderen erfahren davon. Es braucht nur ein Mulla und ein Pope davon zu hören, und der Skandal ist fertig. An Gott glauben sie beide, behaupten es wenigstens, und mögen sie auch noch so verschiedene Propheten haben, der Gott, an den sie beide glauben, gibt beiden das Recht, gegen dich mobil zu machen, zumal du nur ein Armenier bist. Vergiß das nicht, Hakob; und es ist noch sehr die Frage, ob sich die russische Statthalterei nicht plötzlich zu demselben Gott bekennt wie Mulla und Pope, wenn es für sie bequemer ist und die wenigste Arbeit macht.«

»Was also fürchtest du?«

»Eines Freitags wird ein Mulla gegen dich predigen, eines Sonntags wird ein Pope in dasselbe Horn blasen und eines Montags wird die russische Geheimpolizei dich zu sich bitten. Der persische und russische Pöbel wird derweil den niedlichen Vogel gemeinsam aus dem Käfig holen. Möglich, daß sie dann darüber uneins werden, was mit ihm zu geschehen hat, wahrscheinlich werden sich auch der Mulla und der Pope darüber in die Haare geraten, aber dir nützt das dann nichts mehr.«

»Du meinst also, es wäre gut, Miryäm woanders unterzubringen?«

»Wenn ich das nicht meinte, Hakob, würde ich kein Wort über die Angelegenheit verlieren. So muß ich dir wenigstens darüber die Augen öffnen, wenn ich es auch in anderen Dingen nicht mehr vermag. Ich nehme nämlich an, daß du noch kein Verlangen danach trägst, dir einen neuen Engel zu suchen.«

»Da hast du ganz recht, Maman.«

»Siehst du, auf meine Augen und Ohren kann ich mich immer noch verlassen. Ich stecke den Kopf nicht in den Sand, wenn ich auch zuweilen die größte Lust dazu hätte.«

»Du beunruhigst mich wirklich und ich danke dir dafür. Dabei muß ich auch noch in wenigen Tagen nach Stambul.«

»Das wirst du verschieben müssen, bis du deinen Engel anderswo in Sicherheit gebracht hast.«

Er sprang erregt auf. »Das kann ich nicht, das ist unmöglich.«

»Das sagt man immer, wenn einem etwas in die Quere kommt. Nachher geht es doch.«

»Diesmal geht es nicht, unter keinen Umständen.«

Die Fürstin lächelte grimmig. »Du hältst es offenbar für selbstverständlich, derweil du in Stambul bist, daß ich dein Vögelchen so lange versorge, betreue und behüte? Nimm es mir nicht übel, Hakob, aber es ist wirklich etwas viel verlangt, daß ich noch auf meine alten Tage Kindermädchen spielen soll. Gewiß, es ist ja ganz nett, daß sie schon auf russisch sagen kann: Guten Tag, wie geht es Ihnen, das Wetter ist warm heute, ohne daß man ihr vorher auf den Magen zu drücken braucht wie einer gewöhnlichen Puppe, aber Hakob, was soll ich sonst mit ihr anfangen? Ich bin doch kein Mann, der in sie verliebt und schon deshalb sehr anspruchslos ist?«

»Ich bitte dich, Maman!«

»Wenn du die Reise nicht aufschieben kannst, ist es schon am besten, du nimmst sie mit.«

»Nach Stambul?«

»Du sagtest doch eben, daß du dorthin müßtest. Das ist sogar das einzig Vernünftige. Sie kommt den Leuten hier aus den Augen und damit aus dem Gerede.«

»Aber wohin mit ihr in Stambul, wo ich selbst recht fremd bin?«

Die Fürstin überlegte eine Weile, dann sagte sie: »Gib mal acht, Hakob. Du gibst sie zu den Amerikanern ins Robert-College. Wie bisher geht das sowieso nicht lange mehr weiter. Entweder du erziehst sie dir zu einem Menschen, der für dich auch in späteren Jahren noch brauchbar ist, oder du läßt sie wieder aus dem Käfig. Einen Harem findet sie so, wie sie jetzt ist, leicht wieder. Verlaß dich endlich einmal wieder auf deine Mutter, mein Sohn. Sie fliegt ebenso munter in einen anderen Käfig, wie sie dir zugeflogen ist. Sein Besitzer muß nur reich sein. Sie ist ja noch ein halbes Kind, Hakob.«

»Ich lasse sie nicht mehr aus der Hand!« sagte er erbittert.

»Gut. Dann gib sie für eine Weile ins Robert-College nach Konstantinopel. Das ist immer noch die beste Europäisierungsanstalt, die wir in Asien haben. Teuer, aber gut. Das wenige Gute auf der Welt muß ja immer teuer bezahlt werden.«

Der Fürst setzte sich wieder.

»Bilde dir doch nicht ein, daß du das auch nur noch ein halbes Jahr so weiter aushältst, Hakob. Ich gebe zu, du bist in Persien heimischer geworden, als ich je erwartet habe. Sogar seinen Haremssitten hast du Geschmack abgewonnen. Aber für wie lange? Für dein ganzes Leben sicher nicht. Sie fängt schon an, Russisch zu lernen. Ohne dich lächerlich zu machen, kannst du die Fenster in deiner Privatwohnung nicht auch noch vergittern lassen. Sie ist doch kein Kassenschrank fürs Erdgeschoß, dem man Eisen vors Fenster legt und von allem absperren kann außer vor Banknoten. Ist sie noch ein halbes Jahr in Rußland, paßt sie nicht mehr in einen persischen Harem. Heute geht es noch. Willst du das nicht, mußt du sie auch behalten. Willst du sie behalten, mußt du sie dir für den Hausgebrauch europäisch zurechtstutzen lassen, denn wir asiatischen Christen sind nur noch Halbasiaten, ob wir wollen oder nicht, und du, Hakob, bist es überhaupt nur noch vorübergehend. Zur Zeit leidest du an einem akuten asiatischen Fieber, aber es geht vorüber, glaube mir, und nachher sitzt du da mit deiner hübschen Puppe, wo du nach einem Menschen verlangst, wenn er auch nur weiblichen Geschlechts ist, was ihr Männer erst für voll nehmt, wenn er über die Fünfzig ist. Aber bis dahin ist noch ein langer Weg für deinen Engel. Laß ihn dir im Robert-College zurichten. Ich traue ihm Besseres zu als unseren, feinsten Instituten in Petersburg. Mag sein, es taugt im Grunde auch nicht mehr, und ich bilde mir das nur ein, weil ich Petersburger Institute kenne und das Robert-College nicht. Aber irgendeine Illusion muß sich der Mensch erhalten. Wenn er alt und grau wird, tut er gut daran, sich wenigstens noch über Dinge, die er nicht kennt, Illusionen zu machen. Es sind ohnehin nur noch wenige. Da droht ihm wenigstens keine Enttäuschung. Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, wenn man über Fünfzig und kein Dummkopf ist. Schick die Kurdin wieder nach Maku, wo sie hingehört, und nimm die Tatarin mit, die in die Kleine fast so verliebt ist wie du. Das ist mein Rat, der beste, den ich dir geben kann, wenn du mich auch nicht darum gebeten hast. Mütter sind nun einmal so. Daran kann ich nichts mehr ändern. Auch für meine Person nicht.«

»Ich glaube, du hast recht, Maman. Ich werde mit Miryäm darüber sprechen.«

»Du willst sie erst fragen? Oh Ali, bist du ein schlechter Asiat, Hakob!«

»Ich denke, sie wird nicht nein sagen.«

»Das denke ich auch. Stambul, die Pforte der Glückseligkeit, wie die Türken sagen. Sie müßte keine Mohammedanerin sein, wenn sie da nicht gerne hinflöge.«

»Aber sie ist Schiitin, nicht Sunnitin.«

Die Fürstin lachte. »Glaubst du wirklich, eine Frau dächte nur einen Augenblick an so etwas, wenn ihr die ›Pforte der Glückseligkeit‹ winkt? Wie schlecht kennst du die Frauen!«

Er stand auf, und sie begleitete ihn bis zum Wagen.

»Noch eins, Hakob. Sieh dir die Leute gut an. Vielleicht wäre es gar nicht dumm, wenn du durchblicken ließest, hier gäbe es eine Seele für den Himmel zu retten. Als gute Geschäftsleute halten diese Amerikaner auch auf einen sicheren Fond fürs Jenseits. Man kann nie wissen. Auch dem lieben Gott soll man im Hauptbuch ein Konto einrichten. Irre ich mich nicht, Hakob, sollst du einmal sehen, wie sie dann erst recht auf deine Puppe aufpassen und sie für den amerikanischen Himmel herrichten. Und den besten Rat, wie du sie unterbringst, ohne daß die Mohammedaner Lärm schlagen, werden sie dir dann auch geben. Er kostet ja dein Geld und nicht ihres. Sei klug, Hakob. Doch wenn es sich um das Beste für deinen Engel handelt, brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen. Da sind auch Dümmere als du immer noch gescheit genug.«

Miryäm war begeistert. »Und wenn ich wiederkomme, wird die Madär nicht mehr stumm sein und ich werde mit ihr sprechen können.«

»Legst du denn so großen Wert darauf, Miryäm?«

»Ich muß doch wissen, was in ihr ist, wenn sie meine Madärzän wird und kein Pädär mehr da ist, der mir hilft, wenn es nötig wird.«

Als sie in Konstantinopel ankamen, war Sureja von Maku noch nicht eingetroffen. Das paßte Hakob Akunian sehr gut, denn nun konnte er sich ganz der Aufgabe widmen, für Miryäm zu sorgen; und bald erkannte er, wie vorzüglich der Rat seiner Mutter gewesen war. Die Amerikaner nahmen sich seiner Braut, wie er sie vorstellte, auf das beste und vorsorglichste an, und da einer der Herren in Täbris gewesen war und der dortigen Baptistenmission nahestand, fand er bei ihm sogar besonderes Verständnis für die etwas außergewöhnliche Lage dieses ungewöhnlichen Brautstandes, seine besonderen Schwierigkeiten und Gefahren und die Methoden, solchen Schwierigkeiten und Gefahren zu begegnen. Schon nach wenigen Tagen war alles so glücklich geordnet, daß Hakob Akunian genügend freie Zeit hatte, sich der anderen Aufgabe zu widmen, die ihn hierhergeführt, Verbindungen mit führenden Landsleuten herzustellen und mit ihnen über seine und Surejas Pläne zu beraten.

Schlendert man am Pera-Palast-Hotel die Rue Gabristan entlang, an dem Munizipalgarten und der englischen Botschaft vorbei, so gelangt man zu einer schmalen Gasse, die so steil nach dem goldenen Horn abfällt, daß sie von Fußgängern nur wenig und von Fuhrwerken so gut wie gar nicht benutzt wird, einst eine Hochburg der Straßenhunde des ganzen Viertels.

An der Ecke dieser Gasse lehnt sich ein schon verfallenes Haus, das sich nur noch aus alter Gewohnheit einigermaßen aufrecht hält, an ein dreistöckiges Haus, das einst sehr imposant dagestanden haben muß. Irgendein kleiner Grieche mit großen Plänen im Kopf hat es vor Zeiten gebaut und bewohnt. Als seine großen Pläne Wirklichkeit geworden, wurde es ihm für seine neuen, noch größeren Pläne zu klein. Er vermietete die Stockwerke an die verschiedensten Parteien, die für Erhaltung und Pflege des Hauses schon deshalb kein Interesse hatten, weil sie doch nur vorübergehend und für kurze Zeit in ihm wohnten. Entweder machten sie pleite, und dann wurde die Miete für sie zu teuer, oder ihr Geschäft schlug ein, dann war ihnen das Haus bald nicht mehr ansehnlich genug und sie wechselten hinüber zur Grand Rue de Pera.

So verwahrloste das Haus immer mehr, um das sich sein Herr gar nicht mehr kümmerte, seitdem er ihm einen Verwalter gegeben hatte. Dieser hatte nur Interesse an der Miete, aber kein Interesse daran, das Haus instand zu halten. Das brachte nichts ein, sondern kostete nur Unruhe und Arbeit. So lange er lebte, würde es ihm schon nicht auf den Kopf fallen. Wenn er tot war, kümmerte es ihn ohnehin nicht mehr.

Die Tür des Hauses stand den Tag über immer offen und führte auf eine hohe, geräumige, gepflasterte Diele. Wenn es besonders heiß war, trat mancher ein, um in ihrer Kühle ein wenig zu verschnaufen. Wenn ein Gewitter sich entlud, flüchtete mancher vor dem strömenden Regen in ihren Schutz. Menschen und Hunde. Links vom Eingang ein Gewölbe, das immer verschlossen war, rechts ein Gewölbe, dessen Tür immer offen stand. Hier saß der Verwalter des Hauses inmitten seines Geschäfts, in das sich der gedruckte Schmutz aus der ganzen Welt in allen Sprachen der Welt, in unzähligen, verwahrlosten, zerlesenen Exemplaren ergoß. Er hockte bei Kaffee und Tschibuk, ließ die Sandelholzkugeln unermüdlich durch die Finger gleiten, und die glänzenden schwarzen Augen waren immer in Bewegung wie die einer Elster. Ein Vierzigjähriger, ein Levantiner, einer, in dessen Blut sich alle Rassen des Orients vermischt hatten, griechisch, italienisch, armenisch, türkisch, und auch ein dicker Tropfen Negerblut war dabei, der ihm wolliges Haar, hart und kraus wie aus einer alten Matratze, über den ganzen Schädel bis tief in die Stirn und tief in den Nacken getrieben hatte. Seit Urgroßelternzeiten hatten die Mütter ihren Kindern aus den verschiedensten Harems immer neue Blutmischungen fürs Leben mitgegeben, die sich eifrig fortpflanzten und immer grotesker aussehende menschliche Produkte hervorbrachten. Schön sah das letzte Resultat dieser Zucht bei Kaffee und Tschibuk nicht aus, aber eins war ihm als vollwertiger Ersatz dafür zuteil geworden: ein ungewöhnlich klarer, scharfer Verstand für alles, was seinen Vorteil anging, so daß er nie Grund hatte, einen anderen um seine Schönheit zu beneiden.

Manche Passanten, die eine Weile auf der steinernen Diele vor der Hitze oder vor einem Gewitterregen verschnauften, wurden von den verwahrlosten und verstaubten Bücherhaufen magnetisch angezogen und fanden dann auch bald, was sie hierher zog. Verstanden sie noch dazu ein wenig Französisch, bot sich hier eine gute Gelegenheit, für billiges Geld seine Sprachkenntnisse zu erweitern. Andere Passanten aber trieb die Neugierde zu der breiten Wendeltreppe im Mittelpunkt der Diele. Die Stufen waren ausgetreten und niedrig. Sehr bequem kam man auf ihnen höher und immer höher. Überall standen die Türen offen. Hier hauste ein Teppichhändler, dort ein Uhrmacher, ein Schneider, ein Schuster, ein Goldschmied, eine Wäscherin oder dergleichen. Eine Weile stand man still und sah diesem oder jenem bei der Arbeit zu. Dann stieg man auf dieser bequemen Treppe ein Stockwerk höher.

Nur im dritten Stock waren die Türen geschlossen und nirgends eine Aufschrift. Was hatte das zu bedeuten? Man lauschte, aber es war nichts zu hören. Vielleicht war nur der Lärm, der aus all den offenen Türen der anderen Stockwerke nach oben drang, schuld daran. Ängstlichen Gemütern wurde beklommen zumut, und sie kehrten leise um. Alle Türen im ganzen Haus standen offen. Nur hier nicht. Da gab es etwas zu verbergen, das bedeutete nichts Gutes. Zwar auch die Tür zu dem Gewölbe links unten war verschlossen, aber man brauchte ihm nur die Nase zuzuwenden, um zu wissen, daß hinter der Tür nichts weiter war als ein Lagerraum für Petroleumfässer und dergleichen.

Mutige Leute drückten, wenn sie besonders neugierig waren, versuchsweise auf die Klinke einer der Türen im dritten Stock. Sie gab nach und eine Glocke gellte. Man wollte schleunigst zurücktreten, aber da erschien auch schon ein Herr. Man entschuldigte sich und wollte sich empfehlen. Aber da erschien auch schon ein zweiter Herr. Beide forderten den Fremden auf, einzutreten. Da saß wahrhaftig ein dritter Herr. Die drei fragten einen aus, was man wäre, was man wolle, wen man suche, und schließlich verlangten sie einen Ausweis. Führte man ihn nicht bei sich, mußte man seine Wohnung angeben und bleiben. Es wurden Kaffee und Zigaretten serviert. Eigentlich war es ganz nett und gastfrei. Aber ein unbehagliches Gefühl wurde man doch nicht los, und man atmete auf, wenn ein anderer Herr erschien, den man noch gar nicht kannte, und sagte: »Wir danken Ihnen. Wenn Sie mit unserem Kaffee zufrieden waren, belieben Sie sich wieder zu entfernen.« Man bedankte sich und schlich schnell und ein wenig beschämt von dannen. Man hatte das Gefühl, der Geheimpolizei in eine Falle geraten zu sein, und freute sich, ihr mit heiler Haut noch einmal entwischt zu sein. Oder war man in eine geheime Gesellschaft geraten? Jedenfalls empfahl es sich, darüber den Mund zu halten.

Die glänzenden schwarzen Augen des Verwalters flogen an jedem Passanten in der Diele ein paarmal auf und ab, wenn sie ihn noch nicht kannten. Dann kannten sie ihn, und wenn der Passant die Wendeltreppe hochstieg, folgten ihm die Ohren des Verwalters. Die hölzerne Treppe war alt und knarrte, und je höher man stieg, um so mehr ächzte und stöhnte sie. Der Verwalter konnte ohne Schwierigkeit erkennen, ob einer bis zum dritten Stock kam. Dann ließ er die Treppe nicht mehr aus den Augen, und wer in den verstaubten Büchern kramte, blieb ungestört und hatte Zeit, sich nach Belieben in dem Haufen gedruckten Unrats umzutun. Es kam nämlich vor, daß ein Mensch, unter dem die Treppe zum dritten Stock geächzt und gestöhnt hatte, überhaupt nicht wieder erschien. Möglich, daß er bei der Handelsgesellschaft im dritten Stock übernachtete. Das geschah häufiger. Dann sah ihn der Verwalter erst am nächsten Tag wieder. Es kam aber auch vor, daß er ihn nie wiedersah; und darüber genau Bescheid zu wissen, darauf kam es ihm am meisten an.

Als Handelsgesellschaft war der dritte Stock angemeldet und eingetragen, und das Gewölbe links unten hatte sie dazu gemietet. Eine Hintertreppe führte vom dritten Stock in das Gewölbe. Mehr Lagerräume waren in dem Haus nicht zu vermieten. Andere Lagerräume besaß die Gesellschaft eben in anderen Häusern. In diesem Hause lagerten nur Fässer, Petroleumfässer, Ölfässer, Wasserfässer, volle und leere, wovon der Verwalter sich ordnungsmäßig überzeugt hatte. Alles Weitere ging ihn nichts an. Die Gesellschaft bezahlte ihre Miete, wie es sich gehörte und gab dem Verwalter bald noch einen tüchtigen Aufschlag, als er sich darüber beschwerte, daß zuweilen des Nachts noch ein Faß aus dem Haus geschafft werden mußte, was ihn zwang, das Bett zu verlassen, um das Haustor zu öffnen und wieder zu schließen. Der Hausherr wußte natürlich nichts davon, und es ging ihn ja auch nichts an, solange sein Verwalter nicht Beschwerde führte.

Wenn zu nachtschlafender Zeit kein Faß aus dem Gewölbe geschafft werden mußte, um so besser. Wenn es aber mehr als zweimal im Monat vorkam, so war der Verwalter fest entschlossen, die Herren von der Handelsgesellschaft um die Verdoppelung seiner Bezüge anzugehen, denn es konnte ihm unmöglich zugemutet werden, daß er noch häufiger um Bett und Schlaf kam, ohne daß er dafür besonders bezahlt wurde.

Deshalb interessierte ihn jeder Passant, der in das Haus trat und den er noch nicht kannte. Kam er die Treppe nicht wieder herunter, auch nicht am nächsten Tag, dann interessierte ihn das erst recht, denn dann wurde bald wieder des Nachts ein Faß aus dem Hause geschafft, und er kam um Bettwärme und Nachtruhe, die ihm so teuer waren.

Eines Tages trat Sureja von Maku in das Haustor, und der Verwalter erhob sich und verneigte sich tief vor dem Herrn. Mindestens ein Jahr war es her, daß er ihn nicht gesehen hatte, aber er erkannte ihn sofort. Es war einer der Herren von der Handelsgesellschaft, die nicht in Pera wohnten, weil er ihn sonst häufiger gesehen hätte. Er sah am vornehmsten und reichsten von allen aus.

Als Sureja in die Handelsgesellschaft eintrat, begrüßten ihn zwei Herren, mit denen er sich sofort in ein abseits gelegenes kleines Zimmer zurückzog. Die drei Herren hängten ihren roten Fes an einen Kleiderhaken und ihre langen, schwarzen Gehröcke daneben, die gebräuchlichste Tracht aller besseren Mohammedaner in Konstantinopel. Einem Schrank entnahm jeder eine schwarze Bluse, die er anzog, und einen schwarzen Turban, den er aufsetzte. Sie ließen sich an einem dreifüßigen Tisch nieder, dessen Platte aus Kupfer ein spitzwinkeliges Dreieck bildete. An jeder Winkelspitze nahm einer der Herren Platz, und Sureja berichtete, worüber er mit den Vorstehern ihres Heiligtums bei dem Fest zur Erinnerung an den Scheich Adi bin Musafir, die letzte Fleischwerdung Allahs, einig geworden war. Sie hatten seine Pläne mit Hakob Akunian gebilligt, ihre Unterstützung zugesagt, und die beiden anderen Herren küßten Sureja als ihrem »Bruder für das Jenseits« zum Zeichen des Gehorsams die Hand.

Nachdem noch einige geschäftliche Angelegenheiten der Handelsgesellschaft besprochen waren, verabschiedete sich Sureja wieder und kehrte in das Pera Palast-Hotel zurück. Daß Hakob Akunian schon in Konstantinopel war, dessen hatte er sich im Fremdenbuch des Hotels Tokatlian vergewissert, aber sollte er ihn heute schon anrufen? Er beschloß, es auf morgen zu verschieben, denn er war abgespannt und müde, und der erste Tag des Ramasan war ja auch erst morgen. Morgen würde er ihn anrufen, ihn erst bei der Handelsgesellschaft bekanntmachen und am späten Nachmittag mit auf die neue Galatabrücke nehmen, um den ungläubigen Isävi von der Macht der Hypnose zu überzeugen, die selbst nach so langer Zeit noch ebenso wirksam war wie am ersten Tage, wenn man nur das geeignete Objekt dafür gefunden hatte, und ein solches war der türkische Spion, den er so mühelos im Hause des Fürsten Akunian gemartert hatte.

Sureja gab die Weisung, daß er heute für niemand mehr zu sprechen sei, auch nicht telephonisch, nahm ein kaltes Bad, verdunkelte sein Schlafzimmer und legte sich zu Bett, um einmal gründlich auszuschlafen. Das tat er immer nach einem Aufenthalt bei seinen »Brüdern für das Jenseits«. Nervöse Überreizung, nichts weiter, er kannte das.

Er schloß die Augen. Aber sofort stand das Heiligtum seiner »Brüder für das Jenseits« wieder vor ihm. Man muß die Vorstellung gewähren lassen, dachte er, denn sie ist stärker als der Wille. Dem Willen setzt sie sich entgegen. Läßt man sie in Ruhe, klingt sie von selber ab.

Er lächelte mit geschlossenen Augen. Eine ganz hübsche Ironie, daß dieses Heiligtum offensichtlich einmal ein christliches Kloster gewesen war. Was Hakob Akunian wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er eine Ahnung davon hätte? ... Nun sah er sich selbst in dem Gewand des Heiligtums, das rot und schwarz gestreift war, und um ihn her im Kreise die Greise und Vorsteher des Heiligtums in demselben Gewand. In der Mitte stand eine breite, nicht sehr hohe, silberne Schüssel, neben der Pflanzenwurzeln der verschiedensten Art aufgehäuft waren. Er wußte, daß sie bei Vollmond nach Anweisung des ältesten der Greise an den Abhängen eines der Berge, zwischen die das Heiligtum eingebettet war, gegraben wurden. Er wußte, daß sie von verschiedenen Pflanzen stammten, aber der Greis verriet ihm weder das Aussehen noch die Namen der Pflanzen. Und von einem anderen war das auch nicht zu erfahren, denn der Älteste nahm nur den für diese Nacht Auserwählten unter den jungen Dienern des Heiligtums mit in die Berge. Kamen sie zurück mit den Wurzeln, blieb der junge Diener verschwunden bis zu der nächtlichen Feier, an deren Ende er starb.

Der junge Auserwählte für die Feier, der die Wurzeln gegraben hatte, trat ein in den dunklen Raum, der nur von einem großen Holzfeuer gespenstisch erleuchtet wurde. Er war nackt, trat in den Kreis der Männer, kniete vor dem Ältesten nieder und öffnete den Mund soweit wie möglich, den der Alte sorgfältig besah, betastete und beroch, ob er auch rein und gesund war. Der Alte nickte befriedigt, und der Junge begann kniend die Wurzeln zu kauen und den Brei in die silberne Schüssel zu spucken, bis sie halb voll war. Der Alte füllte aus einer silbernen Kanne Wasser zu, bis sie dreiviertel voll war. Der Junge zitterte, zuckte und bebte, schlug lang hin, wurde von vier bereitstehenden Dienern aus dem Kreise gezogen und an Armen und Beinen, die immer krampfhafter zuckten, festgehalten. Er keuchte schwer, der Mund war geöffnet und Schaum trat aus ihm hervor.

Derweil ging die silberne Schale von Hand zu Hand im Kreise herum. Jeder trank einen Schluck aus ihr. Dann wurde sie wieder in die Mitte des Kreises gesetzt, und jeder hielt die Fingerspitzen hinein. In der Schüssel wurde es lebendig, ihr Inhalt begann zu schäumen, er dampfte vor Hitze, und doch wurde er gleichzeitig zu kalten, klebrigen Schlangen, die sich um die Finger ringelten.

Sureja kannte das. Es war die Wirkung des Wurzelbreis. Halluzinationen nennen es die Europäer und haben es am Opiumrausch zu studieren versucht. Aber hier war die Wirkung viel stärker, und die kalten Schlangen in dem heißen Brei plastisch, physisch, körperlich. Die Greise und Vorsteher wiegten sich leise singend von rechts nach links, von links nach rechts, was die Wirkung verstärkte.

Langsam erkaltete der Brei und beruhigte sich. Der junge Auserwählte des Heiligtums lag wie tot. Die Greise und Vorsteher saßen starr, mit verglasten Augen um die erkaltete Schüssel.

Auch das begriff Sureja sehr wohl. Sie waren, in Tiefschlaf verfallen.

Von den Augen des Ältesten und des jungen Dieners sah man nur noch das Weiße. Aus dem leicht geöffneten Mund des Alten kamen Fragen, ohne daß die Zunge sich dabei bewegte, die von dem Jungen beantwortet wurden. Der Geist des Scheich Ali bin Musafir war gegenwärtig. Ihn befragte der Alte nach dem Heiligtum und seinen Erwählten, und er antwortete durch den Mund des Jungen in einem Altkurdisch, das noch nicht mit Arabisch und Türkisch vermengt war und das nur die Alten und Vorsteher verstanden.

Da sagte Sureja zu dem Ältesten: »Frage Scheich Ali bin Musafir, wie es Sureja von Maku, dem treuen Sohn seiner Mire, in Stambul ergehen wird, wohin er von hier reisen muß.«

Der junge Auserwählte des Festes zuckte leicht zusammen und röchelte: »Sonnenuntergang ... Donner über der Brücke ... Tausend Lichter in Stambul ... ein Blitz über dem Wasser ... dunkel ... Nacht ... hüte dich vor Zora ... ich sehe nicht mehr.«

Der Mund des Ekstatikers klappte mit einem Ruck zusammen, die Zähne knirschten. Dank Dr. Durville wußte Sureja über das alles auch wissenschaftlich genau Bescheid. Nur daß Dr. Durville, wie die meisten Europäer, zu glauben schien, daß sich in der Ekstase der Geist vom Körper löse, während er sich völlig doch nur vom Verstand löst. Bei dem jungen Auserwählten hatte er sich jetzt freilich für immer von Körper und Verstand gelöst, denn er war tot. Es war auch das beste für diesen jungen Bruder des Jenseits. Wenn sein Geist sich wieder mit dem Körper vereinigt hätte, würde dieser zwar weiterleben, aber nur noch ein völlig irre gewordener Verstand hauste in ihm, weil sich sein Geist viel stärker vom Verstand losgerissen hatte als vom Körper.

Mit einem Schrei richtete sich Sureja im Bett auf. Wer war Zora? Es gab genug Kurden, die so hießen, auch Türken, aber er kannte niemand dieses Namens ... Sonnenuntergang, Donner über der Brücke, Lichter in Stambul, Blitz über dem Wasser, dunkel, Nacht – das paßte durchaus zu dem ersten Abend des Ramasan, und was er auf der neuen Galatabrücke erwartete. Wer aber war Zora? Hieß vielleicht der Spion so, der ins Wasser springen mußte? Aber von ihm hatte er doch wirklich nichts zu fürchten. Von jedem anderen eher als gerade von diesem ungewöhnlich somnambul begabten türkischen Hund, der ganz und gar in seiner Gewalt war.

Sureja legte sich wieder nieder. Hörte er jetzt nicht ganz deutlich die Stimme Nataschas? Aber von ihr hatte er schon gar nichts zu fürchten, sie war tot. Er lächelte.

Er warf sich auf die linke Seite, zog die Knie hoch, schob die Hände zwischen die Kniescheiben und entspannte die Halsmuskeln, so daß der Kopf schlaff und schwer zur Seite sank. Er nannte es die Lage des Embryos und hatte sie schon oft als besonders günstig erprobt, um schnell und ruhig einzuschlafen. Sie bewährte sich auch diesmal. Er schlief ein, schlief fest und tief und erwachte erst spät am Morgen, frisch und neu gestärkt.

Als Sureja von Maku mit Hakob Akunian durch die Haustür trat, leuchtete das Auge des Verwalters hell auf. Der ihm unbekannte Herr sah so aus, als würde er die Wendeltreppe nicht wieder herunterkommen. Endlich kam der lang erwartete Augenblick, seine Bezüge zu verdoppeln. Er zog seinen Stuhl ein wenig näher zur Tür seines Gewölbes, damit ihm nur ja nichts entging, was im Hause geschah.

Der Levantiner war schwer enttäuscht, mit Haß und Erbitterung sah er auf den Unbekannten, als er in eifrigem Gespräch mit dem ihm bekannten Herrn nach einiger Zeit wieder die Treppe herunterkam. Doch vielleicht sollte er, der ebenfalls reich und vornehm aussah, erst sicher gemacht werden, und man würde schließlich doch noch seinen Vorteil dabei finden. Nur niemals ungeduldig werden und immer die Augen offen halten.

Es ging auf den Abend zu. Türkische Handwerker und Lastträger hockten auf Steinen und Türschwellen, starr und erschöpft wie Fliegen. Der erste Fasttag war immer schwer. Sie waren ja auch sonst mehr als genügsam, aber wenn es verboten ist, etwas zu essen, wird die Enthaltsamkeit zur Marter, und darin liegt ihr Verdienst, wie es die Religion verheißt. Doch wie leicht wäre sie zu ertragen, hätte man wenigstens rauchen dürfen. Erst das machte die Marter unerträglich.

In Galata herrschte ein großes Gedränge. Alle Mohammedaner, die tagsüber in Pera und Galata zu tun hatten, strömten jetzt über die Brücken nach Stambul, um zu Hause zu sein, wenn der Kanonenschuß von der Serailspitze über das Goldene Horn und weit über Marmarameer und Bosporus dröhnte, zum Zeichen, daß die Sonne untergegangen und die erste Nacht festlichen Tafelns, Singens und aller Ausgelassenheiten angebrochen war.

Was nicht in Stambul wohnte, drängte sich an den Kais zusammen, um dem Kanonenschuß möglichst nahe zu sein. Auf den Wassern des Goldenen Horns lagen zu Hunderten dicht beieinander die Kähne der Fischer und Hafenarbeiter, vollgestopft mit ihren Leuten, die sehnsüchtig nach der Serailspitze schauten, wo das Pulverwölkchen in jedem Augenblick aufsteigen mußte, das den Schuß begleitete. Je länger es dauerte, um so unruhiger ging das Blut. Immer wieder griffen die Männer in den Kähnen hinter die Ohren, ob die Zigarette auch noch da war, damit keine Sekunde verlorenging, wenn die Kanone dröhnte, sie zu entzünden und den ersten Zug aus ihr zu tun, der tief in den Schlund hinabmußte, daß alle hungrigen Poren satt daran wurden, der erste Zug der Erlösung.

Langsam wurden Sureja von Maku und Hakob Akunian mit dem Menschenstrom auf die neue Brücke gespült und ließen sich bis zu ihrer Mitte weiter treiben. Die beiden mußten sich am Geländer festhalten, um nicht mit dem Menschenstrom über die Brücke nach Stambul hineingeschwemmt zu werden.

Endlich verringerte sich die Kraft des Stromes immer mehr. Nur noch über die Mitte der Brücke zog sich von Galata nach Stambul sein dunkles Band, auf dem das Rot des Fes und das Weiß und Grün der Turbane schwamm. Das Band wurde immer schmäler und dünner. Es taten sich Lücken auf, die immer größer wurden.

»Beugen Sie sich an dieser Seite über das Geländer« sagte Sureja. »Ich gehe auf die andere Seite der Brücke. Man sollte immer an alles denken, aber daran habe ich doch nicht gedacht. Ich sagte dem Hund nicht, auf welcher Seite er ins Wasser springen soll. Geben Sie gut acht. Er darf uns nicht entgehen.«

Mit schnellen Schritten überquerte Sureja die Brücke. Der Strom floß nur noch spärlich, aber er trieb seinen Mann sicher hierher. Dessen war er gewiß. Er musterte die Leute, die über die Brücke hasteten. Dann sah er wieder über das Geländer, ob die Kähne nicht zu nahe an die Brücke herankamen. Dann wurde der Mann vielleicht noch gerettet. Doch jeder war so mit sich, seiner Zigarette und dem Blick nach der Serailspitze beschäftigt, daß er nichts sah und hörte, was immer sonst in diesem Augenblick sich auch ereignen mochte.

Der Kanonenschuß dröhnte. Musik, Gelächter, Freudenschreie, tausend Lichter leuchteten in Stambul auf. Hakob Akunian beugte sich weit über das Geländer. Kein Mann sprang ins Wasser. Wenigstens auf seiner Seite nicht.

Er atmete erleichtert auf und wandte den Kopf nach Sureja auf der anderen Seite der Brücke. Er sah, wie ihm ein Türke den Dolch tief in den Rücken stieß und im nächsten Augenblick in wilden Sätzen nach Stambul zu rannte, den Dolch in der hoch erhobenen Rechten. Nun schleuderte er den Dolch ins Wasser. Er sah, wie Sureja wankte, zusammenbrach und einen wilden Schrei ausstieß: »Zora!«

Schon kniete Hakob Akunian neben dem Prinzen. Die Lunge war durchbohrt. Mit dem Blut quollen nur noch stoßweise einzelne Worte aus dem Mund: »Die Wachspuppe nicht vergessen, die Puppe. Einen Nagel durchs Herz stoßen, sofort!« Dann war nichts mehr zu verstehen.

Musik, Gelächter, Freudenschreie, immer neue Lichter leuchteten in Stambul auf. Der Fürst eilte nach Galata zurück. Als die Wache alarmiert war und über die Brücke rannte, war Sureja schon tot. Der Leutnant sah sich nach dem Herrn um, der ihn alarmiert hatte. Er war verschwunden. Der Leutnant lächelte. Man kann es niemand verdenken, wenn er allen Scherereien, die mit so etwas verbunden sind, aus dem Wege geht. Zumal heute, am ersten Ramasan, da es wirklich Angenehmeres zu tun gibt, wenn man nicht gerade Wache hat.

Hakob Akunian hatte sich unter die Lastträger gemischt, die an der neuen Börse hockten, lachten, schwatzten und rauchten. Er hockte sich zwischen sie auf die Treppenstufen und stützte den Kopf in die Hände. Der ihm wichtigste Mann war tot. In diesem Augenblick kam ihm seine eigene Person ganz unbedeutend und klein vor, wenn er an die großen Pläne dachte. Nicht ein belangloser Türke, ein großer Plan war ins Wasser gefallen. Ob er der Mann dazu war, ihn doch noch vor dem Ertrinken zu retten? Er fühlte sich so zerschlagen, entsetzt und entmutigt. Von allen Unwahrscheinlichkeiten kam ihm dieser Tod am unwahrscheinlichsten vor.

Er hielt sich die Ohren zu, um das Schwatzen und Lachen ringsum nicht hören zu müssen. Da hörte er plötzlich die Stimme Vater Gregors, die laut und deutlich sagte: »Dein Plan ist doch nicht so gut und edel, Hakob, daß er Sureja von Maku tragen kann.«

Er sprang keuchend die steilen Treppen empor, die am schnellsten nach Pera hineinführen. Was nun? Für den Toten konnte er nichts mehr tun, und seinen letzten Wunsch würde er ihm auch nicht erfüllen können. Seine kleinen Wachsmodelle rührte er nicht an.

Er ließ sich in der Empfangshalle seines Hotels nieder und brütete vor sich hin. Nach einer Weile stand er wieder auf, und ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Baräkhullah, Gott sei gepriesen! Miryäm war ja noch da ... Oh Ali!

 

Ende.

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