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Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
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Zwölftes Kapitel

Mr. Boxton atmete auf, als er endlich den »Garten der frischen Wasser« erreicht hatte, im Schatten seiner Bäume ein wenig verschnaufen und in seinem Wasser Hände und Stirn kühlen konnte.

Als Arzt sagte er sich, daß es für den persischen Sommer keine unglücklichere Tracht gab als den hochgeschlossenen dunklen Rock eines Baptistenpredigers. Aber als Missionar bestand er auch für seine Person auf diesem Rock, solange sich seine Brüder in Täbris auch im Sommer nicht für eine andere Tracht entscheiden konnten. Ein Konflikt zwischen Hygiene und frommer Tradition, der ihn jedes Jahr ein halbes Jahr lang viel Schweiß kostete. Ein um so schwererer Konflikt, als nicht nur der Mediziner, sondern auch der praktische Amerikaner in ihm gegen solche Sommertracht revoltierte. Aber siegreich blieb doch immer der Missionar, und nur wenn er im Schatten lag und ihn niemand sah, zog er den Rock aus, bis er wieder in die Sonne mußte.

Er durchschaute den Grund sehr wohl, weshalb sich seine Brüder nicht zu einer Änderung entschließen konnten. Es ging ihnen sehr gut, denn aus der Heimat flossen ihnen die Mittel reichlich zu. Sie hatten sehr wenig zu tun, denn die Mohammedaner drängten sich nicht gerade zur Bekehrung. Sie machten sich auch außerhalb ihrer eigentlichen Tätigkeit so nützlich, als es irgend möglich war. Wenn es sich um Ausbesserung von Wegen handelte, handwerkliche Belehrung oder um Hilfe für syrische und armenische Schulen oder dergleichen. Aber das alles nahm doch mehr ihr Geld als ihre Person in Anspruch. Um so zäher hielten sie an der Unbequemlichkeit ihrer Tracht fest, um immer wieder daran erinnert zu werden, daß sie nicht zu ihrem Privatvergnügen in Persien lebten. Wären sie nicht Missionare geworden, sondern Arbeiter, Handwerker und kleine Kaufleute in Amerika geblieben, hätten sie es schwerer gehabt. Die Mühsal, auch im Sommer den unpraktischen Rock zu tragen, trug ja auch noch den Lohn in sich, daß sie überall allein und unbelästigt gehen und reiten konnten. Er war allmählich zu einer Art Freibrief für seine Träger geworden, der von jedermann außer vom Kurden respektiert wurde. Mit diesen aber kamen sie weder als Missionare noch als Geschäftsleute in Berührung. Sie waren für beides noch nicht reif.

Mr. Boxton lag hemdärmelig lang ausgestreckt unter einem Haselnußstrauch und sah zufrieden in das Grün der Zweige über sich, durch das zuweilen ein Stück blauer Himmel wohlgefällig zu ihm niederschaute. Wasser rieselten, und er hörte, wie sein Maulesel in einiger Entfernung mit Eifer und Behagen Gras rupfte. Der größere Teil der Strapazen einer Reise vom Araxes nach Salmas war wieder einmal glücklich überstanden. Wieder einmal hatte er in Djulfa einen großen Posten Chinin in Empfang genommen, der auf dem Maulesel verstaut war.

Er wachte erst auf, als ihm träumte, daß er von einer Hammelherde immer dichter umdrängt wurde und es plötzlich gar zu arg nach ranzigem Hammelfett stank. Eine ganze Schar armer persischer Weiber und Kinder umringte ihn. Als er aufsprang und schleunigst in seinen Rock fuhr, rief alles um ihn in höchster Verwunderung: »Oh Ali!« Einige stammelten: »Gott sei gepriesen!« Sie ließen ihn nicht aus den Augen, und als er seinen Maulesel bestieg, wichen sie nicht von seiner Seite und sprachen eifrig auf ihn ein. Sie hatten gedacht, es läge schon wieder ein Ermordeter im »Garten der frischen Wasser«; und nun erfuhr Mr. Boxton die Geschichte des türkischen Konsuls, der an derselben Stelle ermordet aufgefunden wurde, weil er in einen fremden Harem eingedrungen war.

Mr. Boxton hieb seinen Maulesel so kräftig die amerikanischen Absätze in die Flanken, daß dieser, wohl ausgeruht und reichlich gelabt vom grünen Gras, wild drauflos galoppierte und die lachenden, lärmenden Weiber bald hinter sich ließ.

Wie die Kinder, dachte Mr. Boxton, als der Maulesel im Schritt durch die Straßen zog, und immer voller Märchen und Räubergeschichten mit Mord und Totschlag. Wenn man alles, was in diesem Land erzählt wurde, für bare Münze nahm, gab es eigentlich auf Schritt und Tritt nur gräßliche Erlebnisse, und in keinem Augenblick war man seines Lebens sicher. Wenn alles, wie es sich gehörte, jeden Tag sechs Stunden auf der Schulbank säße und etwas Reelles lernen müßte, hätte bald niemand mehr Zeit und Lust für all den Unsinn, mit dem man jetzt den Tag vertat.

Er klopfte an das Tor von Hakob Akunian und wurde sofort eingelassen als er seinen Namen nannte. Eigentlich recht demokratisch, fast amerikanisch, dachte er, wie man in diesem Lande bei einer Durchlaucht aus- und eingehen kann. Ohne alle Umständlichkeiten und Förmlichkeiten. Das gefiel ihm sehr.

Der Fürst kam ihm aus dem Pavillon entgegen, drückte ihm kräftig die Hand und sagte: »Ich freue mich, Sie noch persönlich begrüßen zu können. Ich verreise längere Zeit.«

Er geleitete den Amerikaner zu dem Pavillon, in dem sich Vater Gregor erhob und Mr. Boxton begrüßte.

Der Hausherr sorgte für Essen und Trinken, und Mr. Boxton dachte: Nein, diese Märchen. Es ist wirklich kaum zu glauben. Tausend Kurden soll er erschlagen haben, in Täbris soll er vor vierzehn Tagen gehängt worden sein, und in Wirklichkeit sitzt er vergnügt und guter Dinge daheim und denkt an gar nichts Böses. Verreisen will er, und wenn er drei Tage fort ist, geht schon wieder ein neues Märchen über ihn um. Mister Feddersen hatte ganz recht, wenn er immer wieder versicherte, er glaube in diesem Lande nur noch das, was er mit eigenen Augen gesehen habe. Ach ja, Mister Feddersen, richtig, das hätte er fast vergessen.

Mr. Boxton tastete an seinem hochgeschlossenen Rock herum. Wo war denn nur der Brief hingeraten, den Mister Feddersen ihm für den Fürsten mitgegeben hatte? Endlich fühlte er ihn in der hinteren Rocktasche und fischte ihn heraus. Ein wenig zerknittert und mitgenommen sah er aus, aber er war immer noch verschlossen, versiegelt und unverletzt, wie Mr. Feddersen ihn übergeben hatte.

»Durchlaucht kennen ihn ja auch«, sagte Mr. Boxton und überreichte den Brief. »Mister Feddersen war ganz aufgeregt und legte mir immer wieder ans Herz, den Brief nur Ihnen auszuhändigen. Er ist sehr genau und pedantisch, ein echter Deutscher.«

Hakob Akunian meinte verwundert: »Ein Brief von Gospodin Feddersen? Das ist ja etwas ganz Ungewöhnliches! Da bin ich wirklich neugierig.«

Er öffnete den Umschlag. Er enthielt nur ein verschlossenes Telegrammformular. Doch nein, neben der Adresse des Fürsten stand noch: »Herzliche Grüße. F.«

Sorgfältig öffnete der Fürst das Formular. Es enthielt ein Telegramm aus London. »Ergebensten Dank. Veröffentlichung zur Zeit inopportun. Erbitten Erlaubnis, Bericht als wertvolles Material für Leitartikel in unser Archiv nehmen zu dürfen. Drahtantwort erbeten. Times.«

Der gute Feddersen, wie geschickt, zuverlässig und ohne viel Worte er das gemacht hatte. »Verzeihen Sie, Mister Boxton, nur eine Nachricht ganz privater und persönlicher Natur.«

Der Amerikaner lachte. »Der brave Feddersen. Wenn ich ihn nicht so genau kennen würde, hätte ich denken können, es handle sich mindestens um eine ganz gefährliche Staatsaktion, von der niemand etwas wissen, darf als Sie, Durchlaucht.«

Als Mr. Boxton sich endlich auf sein Zimmer zurückgezogen hatte, entnahm der Fürst das Telegramm seiner Tasche und überreichte es stumm Vater Gregor, der es immer wieder las, als traue er seinen Augen nicht recht. Dann meinte er, und man hörte ihm die innere Bewegung an: »Deine Pläne, Hakob Akunian, müssen sehr lauter und rein sein. Ich stelle mich ihnen fortan ohne jeden Rückhalt zur Verfügung. Sie müssen gelingen, wenn ihnen solche Hindernisse aus dem Wege geräumt werden, wo wir selbst keinen Finger dazu rühren können.«

»Ich danke Ihnen sehr, Vater Gregor. Ich werde nach London telegraphieren, daß man mir den Bericht zurückschickt.«

»Aber bitte nach Tiflis zu Ihrer Mutter, nicht hierher.«

Hakob Akunian lachte. »Sehen Sie, wie nötig ich Sie habe, daran hätte ich wirklich nicht gedacht. Und mit der Teilnahme und Unterstützung Surejas von Maku haben Sie sich hoffentlich auch ausgesöhnt? Auch in Täbris hat er der Sache große Dienste geleistet, wenn sie scheinbar auch nur meiner Person galten.«

Der Priester erwiderte mit ernster Feierlichkeit: »Er ist so böse, daß er in dieser Welt zu ihrer Verwirklichung unentbehrlich ist.«

Der Fürst wollte entgegnen, unterließ es aber. Priesterweisheit, Mystik, Aberglaube, ging es ihm durch den Sinn. Sei es drum, wenn nur das Ziel nicht darunter litt.

Nach einer Weile sagte der Priester: »Daß du morgen reist, ist mir eine Beruhigung.«

»Möchtet Ihr mich nicht begleiten, Vater Gregor?«

Der Priester lächelte. »Ich bleibe, damit du um so ruhiger reisen kannst. Einer von uns beiden muß hier bleiben, im Interesse der anderen, die nicht fort können. Man kann nicht wissen, was in den nächsten Wochen noch passiert. Dem Gouverneur kommst du morgen aus den Augen, und das ist gut so. Dein Gesicht würde ihn immer wieder daran erinnern, daß nur Amenisam den Rahm von dem Brei geschöpft hat, den der türkische Konsul angerührt hat. Da er Amenisam nichts anhaben kann, bleibt die Versuchung groß, sich dafür doch noch irgendwie an dir zu rächen. Verschwindest du eine Weile, läßt seine Versuchung nach. Sollte er aber dann versuchen, sich an dem ganzen Christenviertel zu rächen, wenn du nicht mehr zur Hand bist, werde ich es zu verhindern wissen. Ich setze dabei ja am wenigsten aufs Spiel. Weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind, noch Geld. Zuweilen bin ich doch sehr froh, Priester und unbeweibt zu sein, Hakob.«

Immer wieder kam der Fürst in Versuchung, Vater Gregor auch die ganz persönlichen Gründe mitzuteilen, die ihn außer den rein sachlichen nach Maku trieben. Ob er darüber auch so entsetzt wäre wie seine Mutter? Sehr gerne hätte er das gewußt. Aber gerade der Eindruck, den seine Absicht auf die Fürstin gemacht hatte, warnte ihn auch wieder, einen dritten zu sprechen, zumal dieser dritte christlicher Priester war.

Was trieb ihn denn seit den Tagen in Täbris immer ungestümer nach Maku? Ein rein sinnliches Begehren? Um davon frei zu werden, bedurfte es doch nicht einer ganz bestimmten, besonderen Person und nur gerade dieser. Dahinter mußte doch noch etwas anderes stecken. Da sprachen nicht nur die Sinne. Aber versteht das ein dritter? Unmöglich. Denn was daran zu verstehen ist, also sich an den Verstand wendet, kann nur vom Verstand aus, also mit Logik beantwortet werden. Was über sie hinausgeht, ist für den dritten immer nur Illusion, Einbildung, Selbstbetrug. Wie soll man einem dritten klar machen, daß er sich gerade in diesem besonderen Falle irrt und täuscht? Wenn er den besonderen Fall nicht selbst erlebt hat, kann er ihn nicht verstehen, weil er dem Verstand allein nicht zugänglich ist. Das ist keine Frage der Überlegung, des Grübelns, Erwägens, Beratens, kein Problem, das sich erklären läßt, sondern ein Zustand, der erlebt wird, ohne daß die Logik an ihm etwas ändert. Ich kann ein solches Erlebnis beschreiben, aber nicht erklären. Ich kann beweisen, daß zweimal zwei vier ist, aber ich kann nicht beweisen, daß ich ohne eine bestimmte Person nicht mehr leben kann. Und wenn ich einer dritten Person das klar zu machen suche, dann beweist sie mir, daß das nicht wahr sein kann, weil ich bisher ohne diese Person recht gut ausgekommen bin und auch wieder ohne sie auskommen werde, wenn sie zum Beispiel plötzlich stirbt. Möglich, daß ich dann weiter lebe, wahrscheinlich sogar, aber auch wenn sie tot ist wird mein Leben anders sein, als wenn ich ihr nie begegnet wäre. Was weiß ein dritter davon?

»Worüber grübelst du, Hakob? Kann ich behilflich sein?« fragte Vater Gregor leise.

Der Fürst schüttelte den Kopf. »Da kann niemand helfen, weil niemand raten kann. Oder können Sie mir sagen, Vater Gregor, weshalb eine Blume blüht, ein Baum wächst, ein Stern vom Himmel fällt?«

Der Priester räusperte sich bedeutungsvoll, aber der Fürst wehrte lächelnd ab. »Es hilft nichts, Vater Gregor. Ich weiß, daß ich nichts weiß.«

»Sokrates hatte ganz recht, denn alles Erkennen ist Stückwerk. Was dich das Denken lehrt, was du durch den Verstand weißt, ist unendlich wenig, ist so gut wie gar nichts. Aber es gibt noch ein anderes Wissen, das nicht aus dem Verstand kommt, dem daher auch der Verstand nichts anhaben kann. Wenn Sokrates von dem Dämon spricht, der in ihm ist, weiß er, daß er alles weiß. Von solchem Wissen aber redet jeder, der es besitzt, ob Buddha, Mohammed, Sokrates oder Christus, nur in Bildern oder Gleichnissen, denn dieses Wissen kommt nicht aus dem Denken, sondern aus dem Schauen, was mehr ist als alles Denken.«

»Und Sie waren viele Jahre in Europa?« neckte der Fürst.

»Seitdem erst weiß ich, wieviel mehr wir wissen als sie, wenn es nicht nur auf Logik ankommt. Und wann und wo kommt es auf der ganzen weiten Welt auf Logik an außer bei dem Menschen, der aus sich und ihr eine Maschine zu machen sich müht? Wie wenig ist das, was Europa weiß? Heute nicht einmal mehr das, was schon Sokrates wußte.«

Mr. Boxton hatte sich ausgeruht und tauchte wieder auf. Da schwiegen die beiden, denn ein Amerikaner wußte nach ihrer Meinung schon gar nichts von allem, was sich nicht beweisen läßt, selbst wenn er Baptistenprediger ist.

Gegen Abend schickte Sureja einen seiner Leute, der den Fürsten auf dem nächsten Weg durch die Gebirge nach Maku geleiten sollte, da er selbst durch ein dringendes, unerwartetes Geschäft abgehalten wurde, morgen schon mitzukommen. Der Fürst möge die Reise aber nicht aufschieben. Über die Gründe für diesen Rat brauche er ja wohl nichts weiter mitzuteilen. Sobald als irgend möglich werde er nachkommen. Auch einen Brief des Prinzen an seinen Bruder überreichte der Kurde dem Fürsten.

Also reiste Hakob Akunian zwei Stunden nach Sonnenaufgang unter Führung des kurdischen Dieners ab, denn es drängte ihn immer heftiger nach Maku, als drohe seinen Wünschen von dort eine Gefahr, wenn er sich nicht beeile.

Mürrisch saß Sureja von Maku vor dem Zelt im Ändärum seines Gartens. Die Vögel sangen, der Springbrunnen plätscherte, aber er hörte es nicht. Er sah sich vor einem Hindernis, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Vor ihm stand Bibi-Dschanem ängstlich, besorgt, zerknirscht. Oh Ali!

»Sie spricht also im Traume und schreit?«

Bibi-Dschanem nickte bestätigend.

»Jede Nacht seit jener Nacht?«

»Erst seit acht Tagen.«

»Spricht sie laut?«

»Nicht immer, Herr. – Manchmal so leise, daß man nichts verstehen kann, selbst wenn man sich zu ihr neigt. Manchmal so laut, daß man es sogar im Nebenzimmer deutlich hört und versteht.«

»Was sagt sie?«

»Sie spricht von jener Nacht. Manchmal lacht sie, daß jedem graust, der es hört. Dann schlägt sie um sich, als kämpfe sie mit einem Iblis, der sie erwürgen will, dann liegt sie wieder wie eine Tote. Aber ohne daß sie die Lippen bewegt, spricht aus ihr ein Teufel. Er steigt ihr bis in den Hals, daß sie sich wie in Krämpfen windet. Auch schreit sie wie einer, der brennt.«

»Was schreit sie?«

»›Hilfe! Hilfe!‹ Dann drückt ihr der Iblis die Kehle zu. Sie knirscht mit den Zähnen, ohne noch einen Ton hervorbringen zu können. Ein böser Geist haust in ihr, sie ist besessen.«

»Und wenn die Nacht vorüber ist?«

»Ist sie heiß, als käme sie direkt aus der Hölle.«

»Weiß sie, daß sie erzählt und geschrien hat?«

»Nein, Herr. Sie liegt und weint.«

»Warum hängt sie sich nicht auf, oder springt aus dem Fenster, oder nimmt einen Dolch?«

Bibi-Dschanem zitterte heftig und flüsterte: »Sie hat Angst vor der Hölle, sie ist wie ein Toter, der von Gott nicht in Gnaden aufgenommen wird.«

Sureja biß sich auf die Lippen. »Bringe sie her!«

Bibi-Dschanem verschwand eiligst.

Natascha war also doch stärker, als er angenommen hatte, und seinem Willen nicht so unterworfen, wie er es für selbstverständlich hielt. Er konnte sie natürlich wieder in Tiefschlaf versetzen und seinem Willen wieder völlig unterwerfen. Aber für wie lange? Und wenn er nach Maku reiste? Aber selbst wenn sie unter seinem Bann blieb, bis er zurückkam, er konnte doch nicht immer auf sie aufpassen wie eine Mutter, es gab doch Wichtigeres zu tun. Auch hatte sie ja schon seit acht Nächten geredet und geschrien und den ganzen Harem damit aufgerührt. Das ging unmöglich so weiter. Daß der Konsul in einen fremden Harem eingedrungen und dabei erdrosselt worden war, verstand jeder Perser. Aber es war nicht nötig, daß jeder erfuhr, daß es sein Harem gewesen war, oder gar, daß der türkische Hund nicht ohne seine Mithilfe dahin gekommen war. Schließlich steckte Natascha sogar noch Bibi-Dschanem mit ihrer Angst an. Wenn aber erst ein altes, ausgekochtes Weib ängstlich wird, dann ist nicht abzusehen, was daraus noch werden mag.

Andererseits gefiel es ihm an Natascha, daß sie nicht nur sein Werkzeug war. Ein Weib, das ihm nicht völlig erlag, also womöglich ein Gegner, mit dem zu kämpfen sich lohnte. Wenn er nur nicht so bald nach Maku müßte. Hakob Akunian allein würde bei seinem Bruder nichts erreichen.

Aber sie ist ja gar nicht stärker als du, nur die Angst in ihr, das böse Gewissen ist stärker, ging es ihm durch den Kopf. Wie konnte man es greifen, überwältigen und töten?

Bibi-Dschanem erschien mit Natascha, die er seit seiner Rückkehr aus Täbris noch nicht begrüßt hatte. Perwareh, der kurdische Schmetterling, hatte ihm mehr Spaß gemacht.

»Setze dich!« sagte Sureja. Natascha ließ sich ihm gegenüber nieder. Sie hatte sich sehr verändert. Ganz weiß, unendlich zart war ihre Haut. Wie ein Lilienblatt. Ganz schlank, wie ein junges Reh, das die Mutter entwöhnt und nicht mehr sorglos von ihrer Milch leben läßt. Sie gefiel ihm außerordentlich. Und daß sie jede Berührung mit ihm mied, war auch nicht übel. Gar nichts Hingebendes hatte sie in diesem Augenblick, eher etwas Ablehnendes. Ab und zu lief ein leichtes Beben über ihre Haut. Von der großen Furcht, die unter ihr saß und doch nicht laut zu werden oder gar zu schreien wagte.

»Gum schau!« schrie er die Alte an, die in die Büsche sprang.

Aber Sureja rief sie zurück. »Das könnte dir so passen, hinter den Büschen die Ohren zu spitzen. Dorthin gehst du!« Er wies nach' der Treppe. »Auf der obersten Stufe wartest du und gehst mir nicht aus den Augen.«

Bibi-Dschanem kletterte die Treppe hoch und tat wie ihr befohlen.

»Du bist krank gewesen, Natascha?«

Sie schwieg und sah ihn nicht an. Offenbar fürchtete sie sich vor dem Einfluß seines Blickes.

»Du hast Fieber gehabt und im Schlafe gesprochen.«

»Ich habe kein Fieber, Herr, und weiß nichts davon, daß ich im Schlaf spreche.«

»Ich weiß es aber, Natascha, und ich wünsche es nicht.«

Auf dem Gesicht Nataschas kämpften die widerstrebendsten Empfindungen miteinander. Schön war das Mädchen. Keine glatte, nichtssagende Puppe, ein sehr lebendiger Mensch.

Er streckte die Hand nach ihr aus, vor der sie entsetzt zurückfuhr wie vor einem Dolch.

»Du bist immer noch krank, Natascha.«

»Nein, Herr.«

»Du darfst mir glauben, ich weiß es besser als du.«

»Nein, Herr.«

»Du weißt es also besser als ich?«

»Ja, Herr.«

»Was weißt du also?«

Sie starrte ihn an, schlug die Hände vor das Gesicht und rief: »Töte mich, Herr!«

»Gerne, Natascha. Aber heute noch nicht, denke ich, nicht gleich.«

»Seid barmherzig und tötet mich.«

»Weshalb eigentlich, Natascha?«

»Weil ich mit Euch nicht mehr leben kann.«

»Das bildest du dir nur ein, Natascha.«

»Und weil ich ohne Euch nicht mehr leben mag«, stieß sie hastig hervor.

Er lächelte. »Man müßte also einen Ausgleich finden zwischen dem Können und dem Mögen.«

»Es gibt keinen mehr.«

»Sollte dieser tote Türke wirklich stärker sein als ich und du zusammen?«

Natascha stieß einen Schrei aus.

»Bist du eifersüchtig, Natascha?«

Sie sah ihn groß an.

»Vielleicht auf die kleine Perwareh?«

Sie schluchzte.

Er ließ ihr Zeit, sich wieder zu beruhigen. Dies leidenschaftliche Wesen verbrannte über einem doppelten Feuer. Das eine schürte das böse Gewissen, das andere die Eifersucht. Wenn man dies Feuer löschte, konnte man am Ende doch auch noch jenes Herr werden. Es wäre schade um das Mädchen, die Feuer ungestört weiter brennen zu lassen, bis es zu Asche verbrannt war. Im Augenblick duftete ihr Fleisch und ihre Seele unter dem zwiefachen Feuer besonders lieblich. Das eine Feuer zu löschen war nicht schwer. Gelang es dann auch, des zweiten Herr zu werden, war sie gekocht. Schon in jungen Jahren. Eine Gefährtin, die ihm wohl anstand. Angenehm, mit ihr zu spielen, angenehm, mit ihr zu raten und zu taten. Er fühlte sich sehr hingezogen zu diesem Experiment. Dann besaß er nicht nur eine hübsche Puppe mehr in seinem Harem, auch ohne sie würde daran nie Mangel sein, dann bekam die hübsche Puppe auch noch einen freien, hellen Kopf. Selbst unter Männern ist das selten. Unter Frauen wäre es einfach eine Rarität, wie sie nicht wieder anzutreffen war.

Er rief Bibi-Dschanem wieder herbei. »Ich werde mit Natascha an den Urmiasee reisen. Du und zwei Dienerinnen für Natascha reisen mit, zuverlässige Dienerinnen, auf die wir uns verlassen können, verstehst du?«

Die Alte nickte eifrig.

»Zwei Zelte werden mitgenommen, Vorräte und der Koch. Alles andere besorge ich selbst. Drei Stunden vor Sonnenuntergang brechen wir auf. Für zwei, drei Wochen.«

Verwundert, beunruhigt hörte Natascha zu. Rot schoß es ihr in die Wangen. Dann trat alles Blut wieder zurück zum Herzen. Ganz durchsichtig war ihre Haut. Man konnte von ihr ablesen, was hinter ihr vorging. Man brauchte ihr gar nicht in die Augen zu sehen. Köstlich war diese Haut, belebt von Blut und Seele. Alle Geheimnisse des Herzens sprachen aus ihr. Welch ein herrliches Instrument, wenn es erst wieder rein auf ihn gestimmt war.

Er erhob sich. Natascha sprang auf. Wie eine Feder so leicht. Er trat auf sie zu. Sie wich vor ihm drei Schritte zurück, ein einziger Ausdruck des Schreckens. Er trat nicht näher, versuchte nicht, sie zu berühren. Ein so köstliches Instrument behandelt man nicht wie eine Trommel.

»Drei Stunden vor Sonnenuntergang. Perwareh bleibt zu Hause«, sagte er zu Bibi-Dschanem und verschwand durch die Büsche, um auf den Hof zu gehen und dort seine Anordnungen zu treffen.

Eine schöne, bunte, aus Binsen geflochtene Sänfte wurde aus einem Stall gezogen und mit weichen Kissen ausgestattet. Die Diener hingen sie zwischen zwei deichselartige lange Stangen. Ein Maultier vorn, ein Maultier hinten. Die Enden der Deichseln lagen in Gurten, die den Maultieren über den Rücken gelegt wurden. Diese Sänfte war für Natascha bestimmt. Zwei große, hohe, vogelbauerartige Körbe erschienen, wurden gereinigt, mit Matten belegt und an einem gebogenen Tragholz einem starken Maultier rechts und links an die Seite gehängt. Diese Vogelbauer waren für die beiden Dienerinnen bestimmt, die jung waren und von keinem Männerauge erblickt werden durften. Bibi-Dschanem war alt. Für sie genügte ein Esel, auf dem sie, in ihre Burqä eingehüllt, zu reiten hatte. Lasttiere wurden mit Teppichkoffern, Truhen, Taschen, Säcken und Bündeln aller Art beladen. Drei schwer bewaffnete Reitknechte, der schwer bewaffnete Koch und ein Falkner mit dem wertvollsten Falken saßen auf. Man kam an Sumpfgegenden vorbei, wo Reiher horsteten. Die Reiherbeize war die beliebteste Jagd bei allen Vornehmen im Lande.

So setzte sich die Karawane mit Sureja auf Jussuf an der Spitze in Bewegung. Jussuf schrie, bockte, stieg und war kaum zu halten, so wenig hatte er sich in den letzten Tagen auslaufen können.

Erst als man die Stadt hinter sich hatte und weit und breit kein Mensch zu sehen war, durften die jungen Dienerinnen den Deckel von ihrem Vogelkäfig hochstoßen, den Kopf in die Luft strecken und den Schleier etwas beiseite schieben. Sie lachten und schwatzten über den Rücken des Maultieres miteinander. Herrlich war es, einmal etwas anderes zu sehen als den Harem und den Garten. Direkt ein Abenteuer war es. Wer weiß, was es noch alles zu erleben gab, nun die Welt ihnen einmal offen stand. Zwar schaukelten die Körbe, in denen sie saßen, oft recht unangenehm, so daß einem dabei direkt übel werden konnte, aber auch das war doch endlich einmal etwas anderes. Man mußte nur aufpassen, daß der Schleier schnell wieder über das Gesicht gezogen wurde, wenn einer der Diener nach vorne kam, und man mußte sich schleunigst in den Käfig zusammenducken, so daß der Deckel ganz von selbst wieder zufiel, wenn auch nur in der Ferne ein fremder Mann sichtbar wurde. Aber auch das war außerordentlich reizvoll und spannend, zumal es empfindliche Körperstrafen gesetzt hätte, bei denen nur das Gesicht verhüllt blieb, wenn trotz aller Vorsicht dennoch ein fremder Mann ihr Gesicht auf der Reise erblickt hätte.

Eine ganze Weile umritt in Galopp und Karriere Sureja in weitem Bogen die Karawane, wie der Hund seine Herde umkreist. So wurde Jussuf am schnellsten den Überschuß an Kraft los, der ihn vorläufig noch völlig blind und taub und sinnlos gegen alle Zucht, Dressur und verständige Erwägung machte. Vorläufig glich er mehr einem überhitzten Kessel, der jeden Augenblick zerspringen konnte, als einem edlen Pferd.

Auch die kurdischen Reitknechte lachten, schwatzten und ließen plötzlich unter wildem Geschrei ihre Pferde vorwärtsschießen wie Pfeile, die vom Bogen geschnellt werden. Auch ihnen waren Haus und Hof wie ein zu enger Käfig, dessen Gitter jetzt verschwunden war. Nur der Falkner und der Koch wußten sich zu zähmen, denn ihre Pflichten folgten ihnen und ließen ihnen nur wenig Freiheit. Bibi-Dschanem aber wäre lieber zu Hause geblieben. Da konnte man dem Herrn doch einmal aus dem Wege gehen, sich verstecken oder eine Weile taub stellen. Auf der Reise war das nicht möglich.

Sie stieß ihrem Esel die Fersen in die Rippen, und als das nichts half, drehte sie ihm den Schwanz, bis er sich in Trab setzte und zu der Sänfte zottelte. Sie war verhängt. Natascha hätte doch wenigstens die Vorhänge ein wenig lüften können. Schon der frischen Luft wegen. Bibi-Dschanem lauschte angestrengt. Kein Laut drang aus der Sänfte.

Plötzlich kam der Alten eine Erleuchtung. Der Urmiasee ist ein ganz unheimlicher See. Die Leute erzählen, daß er niemand annimmt und niemand in ihm ertrinken kann. Deshalb verbringen die Vornehmen auch gerne den Sommer mit ihrem Harem an diesem See. Wie manche Unglückliche hat schon den Versuch gemacht, sich in ihm zu ertränken. In der Sommerfrische paßt man ja nicht so genau auf, und es ist leichter für eine Frau, ihren Wächtern zu entwischen. Sie stürzt sich in den See und hofft, nun hat ihr Elend ein Ende. Aber sie geht nicht unter, so viel Mühe sie sich auch gibt. Es ist einfach unmöglich. Mit aller Gewalt kann man nicht das Gesicht unter das Wasser bringen, erzählen die Leute. Es bleibt oben wie ein Korken. Man braucht nicht schwimmen zu können und schwimmt doch auf diesem Wasser, das keinen Menschen aufnimmt, wie ein leichtes Brett. Schrecklich ist das. An diesem See, an dessen Ufer nichts wächst, weil alles mit Salz bedeckt ist, sollen auch uralte Teufelspriester wohnen. Äußerlich unterscheiden sie sich so wenig von anderen Mullas wie das Wasser des Urmiasees von anderem Wasser. Aber wer einen von ihnen erst einmal kennengelernt hat, weiß Bescheid. Sicher will der Herr Natascha zu einem solchen bringen, daß er den Iblis aus ihr austreibt, von dem sie besessen ist, dachte die Alte.

Die beiden Zelte wurden aufgeschlagen, die Pferde angepflockt, Maultiere und Esel blieben auch ohnedies in der Nähe. Der Koch bekam Arbeit und Bibi-Dschanem mußte ihm helfen.

Bleich lag Natascha in den Kissen in ihrem Zelt und sah angstvoll nach dem Zelteingang. Wenn der Herr sich doch auch jetzt nicht um sie kümmern wollte, wie er sich bisher auf der Reise nicht um sie gekümmert hatte.

Bibi-Dschanem brachte Tee und Essen.

»Wo ist der Herr?« flüsterte Natascha ängstlich.

»In seinem Zelt«, erwiderte die Alte, ohne sie weiter eines Blickes zu würdigen.

Nach einer Weile huschten die beiden jungen Dienerinnen in das Zelt. »Der Herr hat uns geschickt«, sagten sie. »Wir sollen bei dir bleiben und zu Diensten sein.«

Natascha atmete auf. Das bedeutete, daß er nicht in ihr Zelt kommen würde. Wie sehr dankte sie ihm dafür. Bald aber warf sie sich auf das Gesicht und schluchzte in die Kissen. Wie ganz allein war sie mit allem Gram und Kummer, wie ganz verlassen.

Als die Zelte abgebrochen waren und die Karawane sich wieder in Bewegung setzte, ritt Sureja neben der Sänfte, die verhängt war. Ungeduldig riß er den Vorhang zurück. Natascha duckte sich in die andere Ecke.

»Nimm dich zusammen und rücke näher heran«, sagte er unwirsch.

Sie wollte gehorsam sein, vermochte es aber nicht. »Sieh nur, wie Jussuf mich anstarrt«, rief sie erschrocken und hielt sich die Augen zu. »Als wollte er mich umbringen. Seine Augen sind schwarz vor Haß und rot vor Blut.«

»Seit wann fürchtest du dich vor den Augen eines Pferdes?«

»Seit jener Nacht sehe ich immer solche Augen.«

»Sieh mir in die Augen!« befahl er.

Sie rückte den Kopf noch weiter von ihm fort in die Sänfte, aber sah ihn zugleich an. Nein, in seinen Augen war kein Haß und kein Blut. Ruhig und klar blickten sie Natascha an. Rein und lauter wie die Frühe, der ein schöner Tag folgen wird. Aus ihnen drohte keine Gefahr. Nur warmes Licht und große Helligkeit. Da blieb kein Raum für dunkle Gespenster, Angst und Reue, wie sie die Nacht gebiert.

Er ließ die rechte Hand vom Zügel und wollte in die Sänfte greifen, um Natascha näher heranzuziehen. Kaum fühlte Jussuf die Lockerung, stieg er empor und drängte mit dem Hinterteil nach rechts, ließ dann die Vorderbeine wieder nieder und stemmte sich fest auf sie, um die Hinterbeine freizubekommen. Mit einem Ruck riß ihn Sureja herum, schlug ihm mit der Peitsche zwischen die Ohren und gab die Zügel locker, so daß er querfeldein brauste. »Verdammtes Vieh!« knirschte er und zog die Zügel langsam wieder an, um nicht die Gewalt über den Hengst zu verlieren. Hätte er ihn nicht gerade noch im letzten Augenblick herumgerissen, würde er mit den Hinterbeinen ausgefeuert und die Sänfte zerschlagen haben. »Eifersüchtiges Biest!« knirschte er und hielt das Tier mit einem Ruck an. Er sprang ab und sah ihm in die Augen. »Canaille!« Kleine, empfindsame Mädchen konnten sich schon vor solchen Augen fürchten. Ein feuriger Teufel saß in ihnen und kochte mit Blut.

Nun tätschelte Sureja ihm den starken, geschwungenen Hals, dessen Muskulatur sich hart wie Stein anfühlte, zwischen denen die Adern schwollen und stürmten wie ein Wildbach. »Dummes, prächtiges Stück Vieh!« sagte er und tätschelte ihm immer wohlgefälliger den Hals. »Der Satan haust auch in dir, Jussuf, aber du hast zu wenig Verstand, mein Pferd.«

Ehe sich Jussuf dessen versah, saß sein Herr wieder im Sattel und gab ihm die Sporen. Was man nicht im Kopfe hat, muß man in den Beinen haben. Er ließ ihn rennen. Immer in weitem Bogen um die kleine Karawane, bis er klatschnaß war. Den einen bringt der Verstand zur Vernunft, den anderen Schweiß und Arbeit oder eine Stute. »Da wir keine in der Nähe haben, bleibt dir nur Schweiß und Arbeit, du dummer Teufel.« Sureja lachte ingrimmig. Wie schwer es einem Vieh und Menschen machen können, wenn sie nicht genug Verstand haben.

Als die Zelte wieder aufgeschlagen wurden, ließ er Jussuf zwischen beiden anpflocken und die Hinterbeine durch einen Strick sichern, der um den Pflock geschlungen wurde. Er sollte sehen, daß er zu Natascha ins Zelt ging und sich daran gewöhnen, der eifersüchtige, dumme Narr.

Als der Herr eintrat, wollten die beiden Dienerinnen das Zelt verlassen, aber Sureja befahl ihnen, zu bleiben. Sie wollten sich möglichst weit fort von Natascha, um die sie beschäftigt waren, niederhocken, aber der Herr befahl ihnen, zu bleiben, wo sie waren, und Natascha weiter zu Diensten zu sein. Er setzte sich mitten im Zelt auf einen Klappstuhl und rief nach Bibi-Dschanem, daß sie Tee und Süßigkeiten brächte, während er sich eine Zigarette anzündete.

Die Dienerinnen wuschen Natascha Hände und Füße, rieben sie mit wohlriechenden Salben und Ölen, färbten ihre Nägel mit Henna und schmückten Hände und Füße mit Ringen, die besetzt waren mit vergißmeinnichtblauen Türkisen und roten Rubinen. Sie blickten fragend auf den Herrn, und er nickte. Da legten sie Natascha auch noch einen reichen Schmuck schwarzer Perlen um den Hals und klemmten ihr zwei große Diamanten in die Ohrläppchen, die man nicht durchsticht, weil das häßlich ist.

»Eine so geschmückte Frau fürchtet sich auch vor dem Teufel nicht,« sagte Sureja, »höchstens fürchtet sich der Teufel vor ihr.«

Die Dienerinnen kicherten. Oh Ali! Wenn sie doch auch jemand so schmücken wollte, nur ein einziges Mal, nur für eine einzige Nacht.

Die Dienerinnen zogen der Herrin mit einem feinen Kohlenstift die Augenbrauen nach, daß ihr schöner Bogen sich kräftig über die Augen schwang. Fragend blickten sie wieder auf den Herrn, den Stift unsicher zwischen Daumen und Zeigefinger. Sollten sie den Bogen in einem zarten Strich über der Nasenwurzel zusammenlaufen lassen? Der Herr winkte ab.

Die Dienerinnen flüsterten mit der Herrin. Sie schloß die Augen. Nun schoben sie ein weißes Seidenband unter die langen Wimpern und strichen sie mit einer kleinen Bürste.

Bibi-Dschanem brachte Tee, Backwerk und Süßigkeiten und huschte so schnell wieder aus dem Zelt, wie sie hineingekommen war. Wie wurde Natascha aufgeputzt. Wie am Tage der Hochzeit. Wie eine Stunde nach dem Tod. Oh Ali!

Die Dienerinnen färbten der Herrin die Lippen mit Henna, rieben ihr die Schläfen mit einer Nelkenessenz und tupften ihr unter die Haarwurzeln, wo sie aus dem Nacken aufstiegen, einen Tropfen Rosenöl. Dann bedienten sie den Herrn und die Herrin mit Tee, Backwerk und Süßigkeiten. An der Zeltwand hockten sie sich auf den Zehen nieder und warteten weiterer Befehle. Sureja warf ihnen Backwerk und Süßigkeiten zu, die sie geschickt auffingen und fröhlich verzehrten.

Natascha saß unbewegt in ihren Kissen, starr und schmucküberladen wie ein Götzenbild.

»Trinke!« befahl Sureja.

Mechanisch führte sie den Tee an die Lippen.

»Ist er süß genug?«

Natascha nickte.

»Du solltest auch etwas essen, Natascha!«

Er sagte das in einem so scharfen Ton, daß sie erschrocken ein Stück Backwerk zum Munde führte. Es quoll ihr im Mund auf und würgte sie. Aber tapfer hielt sie dem Ekelgefühl stand und schluckte den Bissen hinunter.

Die Dienerinnen kicherten. Ein komisches Spiel, was der Herr und die Herrin da miteinander spielten. Sie waren wohl nicht vornehm genug, um es richtig zu verstehen.

Sureja zog seinen Klappstuhl etwas näher an Natascha heran. Sie sah ihm angstvoll in die Augen. Aber keinerlei Drohung lag in ihnen. Nur warmes Licht und große Helligkeit. Ihr Herz, das sprang, als läge es an einer zu kurzen Kette, legte sich nieder und beruhigte sich. Sureja konnte es an der Schlagader deutlich sehen.

Als sie ganz still geworden war, beugte er sich ein wenig vor und flüsterte: »Siehst du immer noch Gespenster?«

Natascha sah ihn immer nur an, als könne sie dadurch etwas von dem Licht und der Helligkeit seiner Augen in sich einsaugen. Hatte sie seine Frage überhaupt verstanden? Oder lechzte sie nur nach seiner Hypnose?

Er wandte den Kopf nach der Seite. »Bäs, genug!« Erschrocken huschten die beiden Dienerinnen aus dem Zelt.

Sureja zündete sich wieder eine Zigarette an und mied ihren Blick. Es hatte keinen Zweck, ihr böses Gewissen einzuschläfern, wenn es doch wieder aufwachte. Wenn der Tiefschlaf, in den er sie in jener Nacht nicht ohne Anstrengung versetzt hatte, nicht ausreichte, ihr Herz für immer zu heilen, sondern nur vorübergehend zu betäuben, wenn es jetzt schon wieder sich selbst fraß, blieb nur noch ein, Mittel, das böse Gewissen in ihr zu töten, ohne sie selbst zu töten. Wenn sie eine andere Frucht unter dem Herzen trug, blieb für keinerlei Gewissen mehr Platz. Mochte es sich in dem Kind einen Platz suchen, wenn es in neun Monaten immer noch nicht tot war. Sein Fleisch und Blut würde schon mit ihm fertig werden.

Er sprang so plötzlich von dem Klappstuhl auf, daß Natascha heftig erschrak und ganz weiß wurde vor Schreck. Er musterte sie einen Augenblick von oben herab. Seine Augen verdunkelten sich, als habe sich eine Wolke vor ihr Licht gelegt. »Ich rate dir, nimm dich zusammen. Ich habe deinen Dummheiten jetzt genug Zeit gegeben. Sind sie dir teurer als dein Leben, willst du sie weiter hegen und pflegen, dies neueste Spielzeug einer bitteren Laune? ...« Er wandte sich jäh ab und schritt langsam, überlegend durch das Zelt. Zweimal, dreimal, dann trat er vor das Zelt.

Wo war denn Jussuf? Er hatte sich gelegt, witterte ihn, hob den Kopf und wieherte leise. Ganz zahm war er geworden. Recht so. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht auch Nataschas Herr werden sollte. Ohne Suggestion, ohne Hypnose.

Er trat in das Zelt zurück. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Natascha ihm entgegen. Diese Augen kannte er nicht. Sie gehörten nicht zu ihr. Ein Feind hatte von ihnen Besitz ergriffen und stierte ihn an. Fürchtete es ihn gar nicht, das dumme, störrische, böse Vieh, das ihn aus diesen Augen anglotzte?

Sein Gesicht verzog sich spöttisch. Er ließ sich neben Natascha in die Kissen fallen. Sie bewegte kein Glied. Ihr Mund war fest geschlossen, die Zähne zusammengebissen. Die Nüstern hatten sich ganz dicht an das Nasenbein angelegt, um nur ja keine Luft einzuatmen, die auch er atmete. Sie war wirklich wie von einem Iblis besessen, über den sie keine Gewalt mehr besaß.

Mit einem festen, raschen Griff packte er sie im Nacken, als fasse er damit den ihm feindlichen Iblis, der ihn unentwegt anglotzte. Ehe er sich dessen versah, fuhr sie ihm mit allen zehn Fingern in das Gesicht. Unwillkürlich gab er den Nacken frei. Blitzschnell biß sie sich in der Hand fest, die eben noch ihren Nacken umspannt hatte. Er sprang auf. Sie brach zu seinen Füßen zusammen und stöhnte: »Töte mich, töte mich.«

Kräftig hatte sie zugebissen. Nicht wie eine schwache Frau. Wie ein wildes Tier, das sich auf seine Zähne verlassen kann. Ganz vorsichtig befreite er den Fuß aus der Umschlingung ihrer Arme und ging, ohne noch einen Blick auf sie zu werfen, aus dem Zelt.

Jussuf lag immer noch, aber reckte ihm nicht den Kopf entgegen. Was trieb er? Sureja trat näher. Der Hengst hatte den Kopf seitwärts auf den Boden gelegt und biß und zerrte, nagte und riß an dem Strick, der seine Hinterbeine wehrlos machte. Ohne sich in seiner Befreiungsarbeit stören zu lassen, blickte sein rechtes Auge dabei böse, vorwurfsvoll, tückisch auf den Herrn.

Sureja lachte laut auf. Mit einem Satz stand der Hengst auf allen vieren und wieherte leise. »Bäli, Jussuf, bäli, jawohl, du bist immer noch das verständigste Tier in meinem Stall.«

Er befreite den Hengst von seinen Stricken und band ihn lose am Eingang zu seinem Zelt fest, so daß er den Herrn, der sich auf sein Lager warf, ins Auge fassen konnte, solange und sooft es ihn danach gelüstete. Er brauchte den Vorhang vor dem Zelteingang nur mit der Schnauze beiseite zu schieben und den Kopf vorzustrecken.

Am nächsten Tag, als die Sonne wieder mit aller Kraft brannte, rastete man in der Nähe eines Waldes. Da er noch einen weiten Schatten warf, wurden die Zelte nicht aufgeschlagen, sondern Kissen und Decken für Sureja und Natascha am Rande eines grünen Abhanges ausgebreitet. Die Dienerschaft richtete sich ein wenig abseits ein. An der einen Seite des Waldes, wo die Sonne nur für ganz kurze Zeit hervortreten konnte, wuchs das Gras so reichlich und üppig, daß man die Tiere getrost frei herumlaufen lassen konnte. So guter Weide blieben sie treu. Esel und Maultiere hielten sich in respektvoller Entfernung von den Pferden, und die Pferde wieder wußten, was sie Jussuf schuldig waren, und kamen dem Platz, den er sich ausgesucht hatte, nicht zu nahe. Setzte er die Füße weiter, wichen sie um ein angemessenes Stück zurück.

Bibi-Dschanem trug mit den beiden Dienerinnen Tee und Essen auf. Sie warf nur einen scheuen Blick nach Natascha, die wie eine Puppe ausdruckslos und steif in der Nähe des Herrn saß. In der Nacht hatte der Iblis wieder aus ihr gelärmt und gerufen. Ihr grauste vor dieser Herberge des Teufels, und sie beeilte sich, wieder aus seiner Nähe fortzukommen. Auch die jungen Dienerinnen warfen ängstliche Blicke nach der Herrin. Sie hatten sie in der Nacht jämmerlich um Hilfe schreien hören. Sie begriffen nicht, wie eine Frau, die so verwöhnt und geschmückt wurde, so großen Kummer haben konnte. Auch ihnen war etwas bänglich, ja, unheimlich zumute.

Sureja bemerkte das alles sehr wohl und bewegte nachdenklich seine Lippen. Maschallah, wie Gott will, ging es ihm durch den Sinn, und er beobachtete nur noch Jussuf, während er Tee trank, ohne das Wort an Natascha zu richten. Der Puppe war nicht mehr zu helfen, das Instrument war überempfindlich geworden und nicht mehr zu gebrauchen.

Jussuf umkreiste in einem weiten Bogen die beiden. Langsam wurde der Kreis enger. Fast unmerklich für den, der nicht darauf achtete. Das taten nur die Tiere, die langsam nachrückten und auffraßen, was Jussuf und Sureja übrigließen.

Geduldig und fromm wie ein Lamm zog Jussuf seine Kreise um die beiden. Nicht einmal die Fliegen, nach denen die anderen Tiere unermüdlich mit den Schwänzen schlugen, schienen ihn zu kümmern.

Jetzt änderte er ein wenig seine Taktik. Wenn er vor den beiden graste, zog er den Kreis nicht mehr enger und blieb in einer größeren Entfernung, die Augen nur dem grünen Futter zugewandt. Man mußte schon scharf zusehen, um zu bemerken, wie er dennoch zuweilen nach Natascha schielte, die regungslos dasaß und leer, ohne Ausdruck, in die Ferne starrte.

Hinter dem Rücken der beiden kam aber Jussuf immer näher. Sureja hörte ihn erregt schnaufen. Maschallah, wie Gott will.

Plötzlich stieß der Hengst einen wilden, gellenden Schrei aus, daß alle anderen Tiere mit gesträubter Mähne weit weg sprangen und Bibi-Dschanems Esel mit lang gestrecktem Kopf laut zu schreien begann. Ein ganz leichtes Knirschen, Nataschas Oberkörper flog zuerst nach vorn und sank dann mit einem leichten Seufzer leblos hinten über. Jussuf hatte ihr mit einem Tritt den Hinterkopf zerschmettert.

Sureja sprang auf und beugte sich über sie. Ihre Augenlider waren geschlossen, ihr Spiel war aus. Die Dienerinnen kamen herbeigeeilt, rauften sich die Haare, schlugen sich die Brust und wehklagten. Bibi-Dschanem kam und heulte.

Sureja richtete sich wieder auf und sagte leise: »Budä äst, sie ist gewesen.«

Nun klagten die Dienerinnen erst recht. Als sie aber merkten, daß Sureja keinerlei erkennbare Zeichen des Schmerzes äußerte, ließ ihr Wehklagen bald nach. Nur Bibi-Dschanem konnte sich nicht beruhigen. Es gab zu viel Ängste, Nöte, Sorgen, die sie sich bei dieser Gelegenheit vom Herzen heulen konnte, und sie fühlte deutlich, daß, je mehr sie schrie, ihr um so leichter wurde. Wie wohl das tat. Oh Ali, was hatte sie alles ausgestanden in diesen Wochen. Nun konnten Natascha und ihr Iblis sie nicht mehr verraten.

Jussuf stand dicht hinter der Toten, beugte den Kopf herab und schnupperte ihr über das Gesicht. Sureja zog ihn zurück und schwang sich in den Sattel.

Endlich waren auch die Reitknechte, der Koch und der Falkner näher gekommen. Den Dienerinnen befahl er, Natascha mit allem zu schmücken, was sie besaß. Dem Falkner befahl er, genau darauf zu achten, daß der Toten nichts gestohlen wurde. Der Koch und die Reitknechte hatten für die Beerdigung bei dem nächsten mohammedanischen Dorf zu sorgen. Dann warf er noch einen letzten prüfenden Blick auf die Tote, schade um das kostbare Instrument, und ritt fort.

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