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Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
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Elftes Kapitel

Drei Stunden nach Sonnenaufgang ritten die Reiter in eine große Karawanserei ein, um bis gegen Abend zu rasten, denn der Weißbart fühlte sich erschöpft. Am Eingang begrüßte sie der Besitzer der Karawanserei, der durch Tracht und Turban zu erkennen gab, daß er der Sohn eines Schähid, eines Märtyrers, und ein Haji war, der die Wallfahrt zum Grabe des Propheten nach Mekka schon hinter sich hatte, also ein hoch angesehener Mann, dem jeder fromme Schiit zur Verfügung stellt, was immer er auch von ihm verlangen mag.

Die Karawanserei lag um einen großen, staubigen Hof herum, in dem Esel, Pferde und Kamele in der Nähe der Lasten ruhten, die sie sonst zu tragen hatten. Im Erdgeschoß befanden sich weite Räume für Esel-, Kameltreiber und Pferdeknechte. Auch einige Ställe für die Winterszeit. Vom Erdgeschoß führte eine Holztreppe zu einer breiten Holzveranda, die um den ganzen Hof herumlief. Hinter der Veranda kleine, dunkle, kahle Räume für die besseren Gäste, vor allem Kaufleute aller Art. Kein Raum hatte eine Verbindung zum nächsten. Man mußte aus ihm, der nach der Veranda offen und ohne Tür war, heraustreten, um in den nächsten zu gelangen. Nach der Straße zu hatte jeder Raum ein kleines Gitterfenster aus Holz, das man gegen die Sonne herablassen und des Nachts aufziehen konnte. Immer ging ein leichter Zug durch den Raum, was den Sommer über nur angenehm war.

Der Besitzer geleitete die vornehmen Gäste selbst auf die Veranda und wies ihnen die Räume zu, welche die Soldaten im Handumdrehen mit kleinen Teppichen, Decken und Kissen ausstatteten.

Hakob Akunian bekam zwei Soldaten in seinen Raum. Zwei bedienten die fünf und den großen Samowar, der auf der Veranda aufgestellt wurde. Die anderen gehörten zu den Pferden in den Hof und in das Erdgeschoß.

Höflich verneigte man sich voreinander, und jeder zog sich in sein Gemach zurück.

Mit Eifer waren die zwei Soldaten um den Fürsten beschäftigt. Je dienstbeflissener sie sich zeigten, um so höher fiel der Lohn aus, den sie von diesem reichen Christen erwarten durften. Sie waren fest entschlossen, sich ihm auch sonst so nützlich zu machen, wie es irgend in ihren Kräften stand. Es war nur eine Frage des Preises, den er dafür bot. Je höher er war, um so mehr konnte er von ihnen verlangen, um so sicherer konnte er auf sie rechnen. Alles, was er wollte, nur die Flucht nicht. Darüber hatten sie sich bald mit dem Fürsten verständigt und dankten Allah, daß er ihnen endlich einmal wieder Gelegenheit gab, ein gutes Geschäft zu machen.

Bald schlief alles, so gut es bei dem Lärm gehen wollte, der den Hof erfüllte, wo Treiber mit den Eseln um die Wette schrien, Lasten aufgeladen wurden, neue Karawanen einliefen und ihre Lasten abwarfen und ein ständiges Kommen und Gehen war, Schimpfen und Schlagen. Und wenn Hitze und Übermüdung wirklich einmal jeden Lärm und jede Arbeit zum Schweigen brachten, erhob sich sicher bald die Stimme eines, der irgendwo im Schatten bei seiner Wasserpfeife saß und vor sich hinsang.

Es war kein sehr erquickender Schlaf für Hakob Akunian. Rein äußerlich gesehen erschien die Behandlung, die er als Gefangener erfuhr, ja ungewöhnlich milde. Indem man aber kein Wort über die Anklage laut werden ließ, ja, nicht einmal eine Andeutung darüber machte, gestaltete sich dieses Verfahren zu einer recht raffinierten Marter, wenn sie auch keine Schmerzenslaute erpreßte, weil dem Körper keinerlei Leid zugefügt wurde. Dieser Zustand würde sich sicher nicht verändern, bis man nach Täbris kam. Also acht bis zehn Tage dauern, was ganz von dem Behagen des Weißbärtigen abhing. Wie lange man dann in Täbris in derselben Ungewißheit und Untätigkeit gelassen wurde, bis der Generalgouverneur sich herabließ, offen und deutlich zu werden, war auch nicht abzusehen. Mit gewöhnlichen Delinquenten verfuhr man selbstverständlich anders. Aber Verdächtige von vornehmer Herkunft oder großem Vermögen peinigte man mit Vorliebe auf solche Weise, um sie schon mürbe zu machen, bevor noch das eigentliche Untersuchungsverfahren einsetzte.

Die zweite Rast hielt man wieder in einer Karawanserei. Auch die dritte. Das fiel Hakob Akunian allmählich auf. Man hätte hier oder dort gerade so gut auch in einem Regierungsgebäude rasten können, statt in einer, jedem zugänglichen lärmenden Karawanserei. Daß er alle Kosten für alle bezahlte, so daß der Weißbart mit seinen vier Herren die Spesen für alle Unkosten der Expedition auf eigene Rechnung eintreiben konnte, wollte ihm bald nicht als ausreichender Grund erscheinen, denn dasselbe wäre auch bei der Rast in einem Regierungsgebäude selbstverständlich gewesen. Man setzte ihn wohl mit Absicht dem Lärm der Karawanserei aus, um ihn nie richtig zur Ruhe und so nie aus der Beschäftigung mit sich selbst kommen zu lassen. Ungestörter Schlaf gibt Kraft. Auch zum Widerstand gegen eigene lästige Gedanken. Ein ausgeruhtes Gehirn wird mit ihnen leichter fertig als ein Kopf, der immer wieder aufgestört wird.

Er lag unter dem kleinen Gitterfenster und starrte auf die Veranda, wo einer der beiden Soldaten, die ihn bedienten und bewachten, gerade Tee kochte. Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht. Ob nur wenige Minuten oder vielleicht sogar eine Stunde, konnte er nicht ermessen, denn er fühlte sich ebenso abgespannt wie vorher. Eine Karawane hatte ihn geweckt, die gerade jetzt in den Hof einzog. Schon im Schlaf hatte er ihr Läuten gehört. Jedes Tier trug eine Glocke am Hals, und alle Glocken waren aufeinander abgestimmt. Das Läuten lag ihm schon lange im Ohr, denn darauf war wohl der Traum zurückzuführen, der ihn nach Tiflis versetzt hatte, in das Hauptkontor seiner Bank, an einen Sonntagmorgen, wenn er allein war und die Bücher prüfte, während von allen Kirchen die Glocken läuteten, die großen dick und schwer und dazwischen immer die ganz kleinen, die eilig und unermüdlich bimmelten, wie es für russisches Kirchengeläute bezeichnend ist. Diesmal prüfte er das Hauptbuch nur flüchtig und begann plötzlich zu suchen. In allen Schubladen, in allen Schränken. Ein Papier, von dem er nur wußte, daß er es unbedingt brauchte, um nicht bankerott zu werden, und das er nicht fand, so sehr er auch suchte. Sein Atem flog, seine Stirne bedeckte sich mit Schweiß. Die Glocken dröhnten immer lauter und die kleinen bimmelten immer schneller; und wenn er das Papier nicht fand, bis die Glocken verstummten, war es aus mit ihm. Die Glocken schwiegen mit einem Ruck, und er erwachte. Offenbar hatte die Kamelkarawane in diesem Augenblick vor der Karawanserei halt gemacht. Drunten im Hofe ließ sich ein Kamel in die Knie nieder und schüttelte sich, daß die Glocke am Hals in heftige Bewegung kam. Wie eine der kleinen russischen Kirchenglocken. Bei diesem Geräusch sah er plötzlich, wie in dem Traum, dessen Einzelheiten schon im Erwachen sich verwischt hatten, während er verzweifelt suchte, ihm immer jemand hämisch zugesehen hatte. Er wußte plötzlich, daß es Scharef Pascha gewesen, den er gar nicht kannte, denn er war ja schon in seinem Zelt gefallen, ohne es noch verlassen zu können. Dann war das Papier, das er so verzweifelt suchte, natürlich das Telegramm nach London.

Er rieb sich die Augen. Träumte er immer noch? Da war doch eben draußen auf der Veranda ein Europäer vorübergegangen, den er kannte, auf dessen Namen er sich aber durchaus nicht besinnen konnte. Wer mochte das nur gewesen sein? Oder halluzinierte er? Es war ein Herr, den er in Paris kennengelernt hatte. Wie hieß er doch gleich?

Er rief den Soldaten, der immer noch bei dem Samowar beschäftigt war, zu sich heran und fragte ihn, ob nicht eben jemand an ihm vorbeigegangen war, ein Fremder? Er mußte doch dahinterkommen, ob er richtig gesehen, ob er geträumt oder halluziniert hatte.

»Zu Ihren Diensten, ein Herr aus Firängistan ist eben vorübergegangen«, sagte der Soldat.

Also habe ich weder geträumt noch halluziniert, dachte der Fürst erleichtert. Merkwürdig, daß ein Europäer in einem höchst eleganten, europäischen Reitanzug in dieser jämmerlichen Karawanserei Rast macht. Oder war es ein Mitglied der Baptistenmission in Täbris, das er nicht kannte? Er lächelte bei dem Gedanken, denn so elegant und pariserisch sah kein Amerikaner aus. Und wie kam er auf die Idee, daß er diesen Herrn von Paris her kannte? Sein Gesicht stand in diesem Augenblick so deutlich vor ihm, daß er sich sagen mußte, es sei ihm völlig unbekannt. Aber etwas in Gang und Haltung hatte ihn an jemand erinnert, dessen Name ihm auch jetzt noch nicht einfallen wollte.

Hakob Akunian lag auf dem Rücken. Er wußte, daß er in dieser Lage nicht schlafen konnte, aber er war zu apathisch, um sich auf die linke Seite zu legen.

Er legte den Kopf auf die linke Seite. Vielleicht genügte das dem Gehirn, um sich einzubilden, der ganze Körper läge jetzt endlich auf der Einschlafseite. Alle möglichen Bilder bewegten sich vor seinen Augen, bunt und lustig, Landschaften und Menschen, die ihm gut bekannt waren. Nur durfte man nicht den Versuch machen, sie scharf zu betrachten. Dann verloren sie alle Farben und Umrisse und lösten sich in ein Nichts auf. Er schlief ein und träumte, und Miryäm tanzte vor ihm das Lied von der Nachtigall. Nur spielte keine Flöte dazu. Sie war traurig und sah ihn mit wachsendem Kummer an, je ausdrucksvoller ihr Mienenspiel beim Tanz wurde. Kein Zweifel, der Ton der Flöte fehlte ihr. Als hätte man ihr mit der Flöte die Sprache genommen. Immer flehender sah sie ihn an. Man mußte unter allen Umständen für eine Flöte sorgen, und wenn es gar nicht anders ging, selbst auf ihr spielen, wenn man es auch nicht gelernt hatte. Es würde schon gehen, und Miryäm brauchte nicht länger so kummervoll ihn anzusehen. Da lag ja eine Flöte dicht neben ihm, er brauchte sie nur aufzunehmen und an die Lippen zu führen.

Wieder erwachte Hakob Akunian und hatte die Reitpeitsche am Mund. Vor ihm stand der Soldat mit einer Tasse Tee.

Der Soldat reichte ihm den Tee. »Geruhen Sie einen Schluck zu nehmen. Sie haben soeben im Schlaf gestöhnt wie einer, der Durst hat.«

Der Fürst nahm den Tee, der Gaumen war ihm wie ausgedörrt.

»Der Herr aus Firängistan ist soeben zu unserem Särtip hineingegangen«, erzählte der Soldat. »Zuerst hat er dem Särtip durch einen Soldaten ein Papier hineingeschickt. Er hat es mir gezeigt, und ich habe den Kameraden gebeten, es mir für eine Minute zu leihen. Ich habe ihm erst beim Grabe meines Vaters einen Yäk Qiran, einen Franken, versprechen müssen, dann hat er mir das Papier gegeben. Hier ist es.«

Es war eine Visitenkarte, die der Fürst verwundert betrachtete. Auf ihr stand: Alphonse duc de Lusignan, prince de Chypre et Jerusalem. War er wirklich wach? In Paris lebten Herzöge von Lusignan, Herzöge ohne Land, die ihr Geschlecht von altarmenischen Königen ableiteten, die vor der Araberherrschaft auch über Cypern und Jerusalem geherrscht hatten.

Was hatte ein Herzog von Lusignan, der sich in Paris einen guten Tag machte, in Persien zu tun? Wollte er mit den persischen Armeniern in Verbindung treten? Bildete er sich ein, sie würden ihm zujubeln, sowie er nur seinen Namen nannte und an die alten Zeiten armenischer Königreiche erinnerte, denen zu entstammen ein französischer Lusignan behauptete, ohne sich je um die Not der heutigen Armenier gekümmert zu haben?

Der Fürst gab dem Soldaten die Visitenkarte zurück und zwei Yäk Qiran, wenn der andere davon auch höchstens ein Viertel bekommen würde. Man mußte die Soldaten bei guter Laune erhalten.

Nach einer Stunde erschien ein Soldat mit derselben Visitenkarte. Der Franke bäte, seine Aufwartung machen zu dürfen. Der Särtip sei damit einverstanden.

Der Fürst ließ bitten, und Alphonse duc de Lusignan trat in den Raum, in dem es dunkler war als auf der Veranda.

»Ich muß Sie bitten, auf dem Boden Platz zu nehmen«, sagte der Fürst. »Eine bessere Sitzgelegenheit ist, wie Sie sehen, nicht vorhanden.«

Der Pariser hockte sich auf die gekreuzten Beine nieder, als sei er das von jeher gewohnt.

Merkwürdig, dachte Hakob Akunian und musterte den Fremden, so gut es bei dem mangelhaften Licht gehen wollte. Die Soldaten hatten sich zu dem Samowar auf die Veranda zurückgezogen.

»Bitte, sich nicht zu verwundern und jedenfalls Ihre Verwunderung nicht laut werden zu lassen, Durchlaucht. Vorsicht, bitte.«

Die Stimme kannte der Fürst doch? Der Fremde rückte ein wenig näher, so daß das Licht aus dem Gitterfenster gerade auf sein Gesicht fiel. »Erkennen Sie mich jetzt? Ich bin stolz darauf, daß Sie mich nicht gleich erkannt haben.«

An dem ironischen Lächeln erkannte ihn Hakob Akunian sofort. Es war Sureja von Maku.

»Machen wir ein wenig Konversation, damit die Lümmel auf der Veranda nicht aufmerksam werden. Die Wände sind dick und ohne Tür, und der Särtip ist auch nicht klüger als andere Leute, wenn man ihm Schmeicheleien sagt. Weshalb soll ein Vetter aus Paris dem Fürsten Akunian keinen Besuch machen dürfen, wenn er sich ebenfalls auf dem Wege nach Täbris befindet zu Amenisam? Gottes Wege sind wunderbar. Und der persische Vetter ist ja noch nicht eines Völkerrechtsbruches überführt worden, sondern bis jetzt nur eines solchen verdächtigt. Sie werden fragen, wie ich gerade auf den duc de Lusignan komme? Sehr einfach, ich habe ihn in Paris kennengelernt, und er gab nicht nur einmal seine Visitenkarte bei mir ab.«

»Aber wenn man Ihren Paß verlangt?«

»Fragt man einen Herzog nach seinem Paß? In Täbris ist es übrigens mein erster Gang, mir einen französischen Paß auf diesen Namen anfertigen zu lassen. Ich kenne einen Mann, der macht das ausgezeichnet, und die nötigen Stempel hat er auch.«

»Aber in Täbris gibt es sicher ein französisches Konsulat.«

»Sonst hätte mein Mann ja nicht die nötigen Stempel«, scherzte der Prinz. »Und glauben Sie, daß ein französischer republikanischer Beamter über die klerikalen, antirepublikanischen Lusignans besser Bescheid weiß als ich?«

»Wenn er nun bei der Botschaft in Teheran anfragt?«

»Sie kann nur bestätigen, daß es Herzöge von Lusignan gibt.«

»Und wenn Sie jemand erkennt?«

Sureja lächelte: »Nicht einmal Sie haben mich erkannt und waren doch wohl der nächste dazu. So verändert europäische Kleidung und ein glatt rasiertes Gesicht. Übrigens habe ich aus diesem Grund sogar auf Jussuf verzichtet. Er stammt aus Täbris. An ihm würde man mich leichter erkennen als an meinem glatt rasierten Gesicht. Mit so einem nackten Kindergesicht läuft doch nur ein Europäer herum. Zu einer solchen Schande würde sich nie ein Perser herbeilassen.«

»Und was beabsichtigen Sie mit alledem? Entschuldigen Sie, Hoheit, aber das ist mir durchaus nicht klar.«

»Eine Maskerade, um die Fäden weiter zu verwirren. Ich bin Ihr Vetter, Durchlaucht. Glauben Sie, daß es Amenisam angenehm ist, wenn ein Vetter aus Frankreich zusieht, was mit Ihnen geschieht? Sie haben Glück, Durchlaucht, daß zufällig ein Pariser Vetter dazu kommt, und Sie können sich nicht wundern, daß ihn der Fall interessiert, und niemand kann sich wundern, wenn ich Ihnen beizustehen versuche. Europäische Vettern sind nun einmal so. Für mich ist es ein großer Spaß. Haben Sie Scharef erledigt, bin ich Ihnen eine Gegenleistung schuldig. Ich hoffe, unseren Plänen damit am besten nützlich sein zu können. Sie sehen heute schon ein wenig mitgenommen aus, Durchlaucht. Lassen Sie sich nicht mürbe machen. Sie blicken mir zu finster drein. Ich denke, mein Spaß ist für Sie eine kleine Auffrischung und Aufmunterung.«

»Denken Sie gar nicht daran, was es bedeutet, wenn die Maske fällt, wenn Sie erkannt werden? Dann sind auch Sie verloren, Hoheit!«

Sureja erhob sich: »Dann bin ich immer noch der Prinz von Maku, dessen Bruder ein stehendes Heer hat, und der jedes Jahr so höflich vom Schah zu einem Besuch nach Teheran eingeladen wird, wie er dann jedes Jahr ebenso höflich den Schah nach Maku einlädt. Es folgt natürlich keiner der beiden jemals der herzlichen Einladung, weil jeder weiß, daß er schwerlich wieder heil aus der Hauptstadt des anderen nach Hause käme. Aber mein Bruder könnte sich am Ende doch entschließen, wenn auch nicht Teheran, so doch Täbris in entsprechender Begleitung einen unvorhergesehenen, kurzen Besuch abzustatten, falls Amenisam mir meinen Spaß verdirbt und ihn tragisch zu nehmen gedenkt. Selbst wenn ihn einmal die Ahnung beschleichen könnte, daß hinter der Maske Sureja von Maku steckt, wird ihm eine Verhandlung mit dem Herzog von Lusignan immer noch lieber sein. Glauben Sie nicht?«

Hakob Akunian mußte lachen, ob er wollte oder nicht. Ein echter Kurdenstreich. Dreist, frech, tollkühn, wie man wollte, aber nicht dumm, sondern gerissen.

»Ich hoffe, bis Täbris wird man den Vettern hier und da noch öfter eine kleine Unterhaltung gestatten. Der Särtip ist kein Unmensch, und Amenisam noch weit. Europäer von Distinktion behandelt man am besten wie rohe Eier, damit sie Amenisam unbeschädigt ins Haus geliefert werden können zu weiterer Behandlung. Mag er dann das Nötige veranlassen. Niemand handelt hierzulande selbständig, so lange noch einer über ihm ist, an den er die Entscheidung abschieben kann. Auch in Europa soll das übrigens vorkommen. Und jetzt empfehle ich mich, Durchlaucht, und hoffe, Sie ein klein wenig aufgefrischt zu haben. Es ist nicht nötig, daß der Särtip auf den Gedanken kommt, ich könnte Sie entführen wollen. Deshalb werde ich jetzt zu ihm zurückkehren und ihn durch ein paar Witze auf ganz andere Gedanken bringen. In Täbris können Sie darauf rechnen, daß ich in zwei Tagen meinen Paß habe und mit Hilfe des Konsulats spätestens nach drei Tagen eine Audienz bei Amenisam bekomme, Gott behüte ihn.«

Der Kurde sagte das mit so drolliger Hinterhältigkeit, daß Hakob Akunian wieder lachen mußte.

Sureja verneigte sich ironisch: »Ihre Freude mehre sich.«

Hakob Akunian erwiderte, ihm herzlich die Hand schüttelnd: »Ihre Freundschaft zu mir möge nicht abnehmen.«

Der Weißbart zeigte sich sehr gnädig gegen den Herzog und konnte selbst ganz gesprächig werden. Der Herzog kam von Maku, wie er erzählte. Der Särtip kannte Maku, denn er hatte auch schon zu der Gesandtschaft gehört, die den Fürsten von Maku jedes Jahr einmal nach Teheran einlud. Kein Zweifel, der Herzog wußte Bescheid in Maku, das konnte der Weißbart nachprüfen. In diesem Punkte log der Isävi nicht, Gott verdamme ihn. Er erlaubte auch nicht ungern eine Unterhaltung zwischen ihm und dem Fürsten, wenn einer seiner Leute, die Französisch verstanden, zuhörte. Man konnte nie wissen, ob dabei nicht doch ein Wort fiel, das für Amenisam nützlich war. Er hatte auch gar nichts dagegen, als der Herzog darum bat, sich ihm auf der Reise nach Täbris anschließen zu dürfen. So behielt er ihn unter den Augen. Er sprach auch ungeniert über ihn mit seinen Leuten, und was er von diesem Zusammentreffen dachte. Vielleicht war der Herzog sogar irgendwie bei dem Überfall auf Scharef beteiligt. Nur ein Europäer kann so dumm oder so hochmütig sein, statt die Spur sorgfältig zu verwischen, den Särtip selbst auf sie zu bringen. Ganz ungeniert unterhielt er sich über das alles. Denn Persisch verstand ein Pariser sicher nicht.

Die Wege wurden breiter, Menschen und Tiere auf ihnen mehrten sich. Man näherte sich dem Umkreis der Hauptstadt, die immer mehr Menschen und Tiere in sich hineinsog. Die Wege wimmelten von Eseln, die kopfnickend ihre Lasten der Hauptstadt zutrugen. Das Gedränge der Tiere wurde immer größer, immer unentwirrbarer, ein einziger grauer Heerwurm, der sich nur schrittweise fortbewegte, ein einziges graues Meer von Staub und Geschrei, das sich kaum von der Stelle rührte.

Die Soldaten schrien und hieben um sich, um ihrem Zug Raum zu schaffen. Die Esel drängten seitwärts, drückten sich dichter zusammen, ihre Treiber fluchten, quetschten sich die Beine zwischen den harten, mageren Flanken ihrer zusammengedrängten Tiere. Kaum hatten die Soldaten mit Schreien und Hieben eine Lücke für ihren Trupp gefunden, umfluteten sie die grauen Massen wieder von allen Seiten, stauten sich vor und hinter ihm; und wieder begann die Arbeit von neuem.

So zwängte sich der Reitertrupp nur mühsam, Schritt für Schritt vorwärts in einer Wolke von grauem Staub, bedrängt von Eseln und ihren Lasten, welche die Pferde kitzelten, stachen und reizten. Zuweilen war es, als schlüge der graue Heerwurm über den Reitern zusammen. Aber schon schafften die Soldaten wieder ein wenig Luft, rissen eine neue Lücke in die Massen. Ein lebensgefährliches Beginnen, schneller vorwärts kommen zu wollen als die träge, langsame, graue, stetige, zähe Flut der Esel. Aber die Soldaten wußten, was sie dem Ansehen ihres Särtip schuldig waren.

Vom Stadttor sprengte ihnen endlich ein Trupp entgegen und half ihnen, die erschöpft waren wie Ertrinkende, über und über mit Staub und Schweiß bedeckt. Ihre Pferde zitterten, bluteten und stöhnten, die Augen quollen aus ihren Höhlen, Wahnsinn im Blick, wie ihn nur Pferdeaugen so irr und höllisch im Augenblick höchster Gefahr kennen. Diese Tiere wußten besser Bescheid über die Gefahr, der sie mit Mühe und Not gerade noch entkommen waren, als die Soldaten.

Nur vor der Stadt regierten die Massen der Esel. In der Stadt selbst nicht mehr, wo sie sich durch viele Tore und über viele Straßen und Plätze verteilten. Wie ein Fluß an Kraft verliert, wenn er sich aus seinem engen Bett in ein weites, geräumiges Becken ergießt.

Langsam ritt der Zug, mit Staub bedeckt, der alle gleich machte, den Särtip, den Gefangenen, den Herzog von Lusignan wie die Soldaten, durch die Straßen den Basaren zu. Durch den Basar der Kupferschmiede mußten sie sich durchzwängen wie durch einen engen dunklen Schlauch. Einen Augenblick hielt der Trupp vor ihm an, bis es der nächste den Leuten im Basar zugeschrien hatte, und es eilig durch den ganzen Schlauch lief: »Platz, Platz für einen Särtip des Statthalters, Gott erhalte ihn!«

Nachdem der Basar durchschritten war, bog die Schar in eine schmale Gasse ab. Zwei Leute konnten hier knapp nebeneinander reiten. Rechts und links hohe Mauern. Ein richtiger Engpaß. Des Herzogs Pferd stieg, scheute, feuerte aus. Die Soldaten wichen zurück und drückten sich schneller an den Wänden vorwärts. Der Isävi schien die Herrschaft über sein Pferd völlig verloren zu haben. Es geriet aus Rand und Band, nahm das Gebißstück zwischen die Zähne, machte kehrt und ging durch. Ehe man sich dessen versah, war es mit seinem Reiter verschwunden. Gum schou, geh zum Teufel!

Ein schmales Tor aus dicken Bohlen wurde geöffnet. Man ritt in einen kleinen, mit Steinplatten belegten Hof, der von einer Galerie umgeben war, die wie ein Vogelnest hoch und eng an der Mauer klebte. Die Soldaten übergaben Hakob Akunian anderen Soldaten, die hier schon auf ihn warteten. Sie flüsterten kurz und prägnant in Zahlen den Kameraden zu, welche Erfahrungen sie auf der Reise hierher mit dem Gefangenen gemacht hatten, was die neuen Wächter sichtlich befriedigte.

Der Särtip zog sich für eine Weile mit den vier Schmuck- und Waffenlosen in einen Raum zurück, um noch mancherlei Anordnungen zu treffen, während der Fürst auf dem Hof warten mußte. Dann entfernte sich der Särtip mit den Seinen.

»Gott behüte Sie«, sagte er zum Abschied.

»Gott behüte Sie«, erwiderte der Fürst und blieb mit seinen Wächtern allein. Sie behandelten ihn dienstbeflissen und zuvorkommend, wie es sich einem reichen Mann gegenüber gehörte, von dem man sich viel versprach. Ein Befehl, ihn mit besonderer Strenge zu behandeln, lag bis jetzt nicht vor.

Acht Tage überließ Amenisam den Fürsten sich selbst und seinen Wärtern, die für ihn kochten und alle Dienste taten, die er nur verlangte. Hätte er einen Fluchtversuch unternommen, galt er als des Verbrechens überführt, dessen er bisher nur verdächtigt war. Sich mit seiner Verteidigung zu beschäftigen, hatte er aufgegeben, denn er wußte zu wenig über den konkreten Inhalt der Anklage, um sich tage- ja wochenlang damit zu befassen. Der Rat Surejas, zu schweigen, war unter diesen Umständen der beste. Nahm man ihn aber an, gab es keine Möglichkeit, noch viel darüber nachzudenken, denn dazu war er zu einfach. Ob der Fürst freilich imstande sein würde, das Telegramm nach London abzuleugnen, wenn ihm die betreffende Nummer der »Times« vorgelegt würde, oder es gar einem Feind in die Schuhe zu schieben, wußte er nicht. Auch dann nicht für seine Tat einzustehen, galt ihm bis jetzt immer noch als Feigheit. Er war der einzige, der den Zug gegen Scharef organisieren konnte, weil nur er einen so großen Besitz hatte, um dreihundert Leute unbemerkt ausbilden und den Überlebenden zu einem neuen Leben in Rußland verhelfen zu können. Da vermochte ihn in der Tat kein anderer zu ersetzen. Aber nun der Zug geglückt und die Überlebenden geborgen waren, konnte zur Fortführung der Pläne wohl auch ein anderer an seine Stelle treten. Auch Sureja würde sich damit im Interesse der Sache schließlich abfinden, wenn er sich auch zur Wehr setzte, solange der Fürst noch vorhanden war. Sein Vermögen war für die Sache dann wichtiger als seine Person. Vater Gregor zum Beispiel würde nicht durch ein Temperament, das immer wieder durchging, wie das Telegramm bewies, behindert werden. Es ging Hakob Akunian einfach gegen die Natur, seine Person zu schonen, wenn die Sache es nicht verlangte.

So saß oder lag Hakob Akunian denn irgendwo auf der Galerie, die wie ein Vogelnest an der Mauer klebte, schloß die Augen und sah in sich hinein, ohne da viel zu finden, was ihn ablenken konnte; oder er öffnete die Augen und sah in den Himmel oder auf den mit Steinplatten belegten Hof, was ebenfalls wenig Zerstreuung bot. Hätte wenigstens eine Blume in dem Hof gestanden oder ein Baum, irgend etwas Lebendiges. Aber nicht einmal ein Vogel ließ sich blicken. Auch die körperliche Bewegung fehlte ihm in den ersten Tagen sehr, da ihm kein Pferd mehr zur Verfügung stand.

Da es an Eindrücken von außen fehlte und sein Gehirn nichts mehr zu tun und zu ordnen fand, versank er bald immer mehr in einen trägen Dämmerzustand, an den er sich von Tag zu Tag mehr gewöhnte, da es noch das erträglichste war, solange Amenisam nicht nach ihm rief.

In diesem Zustand zwischen Wachen und Schlafen tauchte Miryäm wieder auf. Sie tanzte vor ihm. Oft stundenlang, ohne daß er müde wurde, ihr zuzusehen. Er hatte ja sonst auch durchaus nichts zu tun. Des Nachts, wenn er endlich einschlief, erschien sie in seinen Träumen, und in ihnen sprach sie sogar mit ihm. Welch eine angenehme Stimme sie besaß. Fast wie eine feine Silberflöte. Sehr erquicklich, ihr zuzuhören. Und was sie sagte, war verständig und lustig zugleich. Er war ihr offenbar durchaus nicht unsympathisch, trotzdem sie Mohammedanerin war. Sie kokettierte mit ihm. Es schmeichelte ihr, daß sie ihm so gut gefiel, und daß er jetzt soviel an sie dachte. In ihn verliebt war sie nicht. Das sah er deutlich, und es kränkte ihn nicht im geringsten. Wie sollte sie auch in ihn verliebt sein können? Dafür kannte sie ihn noch viel zu wenig. Frauen sind darin anders als Männer. Ihm genügte es vorläufig, daß sie gerne um ihn war und erschien, wenn er danach verlangte. Nur nicht unvorsichtig sein und sie erschrecken und verscheuchen. Wenn man nur endlich nach Maku reisen könnte und sie von dort wegholen. Miryäm lächelte zu solchen Gedanken, die sie natürlich sehr gut verstand. Sie verschwand dann plötzlich, aber kam doch immer wieder, und Hakob Akunian hatte Zeit, viel Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen. Des Nachts in seinen Träumen und am Tag, wenn er zwischen Wachen und Schlafen dahindämmerte.

Eines Morgens wurde des Fürsten Hengst von zwei Soldaten in den Hof geführt. Hussein war nervös, aufgeregt, ungebärdig. Er stand zuviel im Stall. Den Soldaten war es offenbar zu anstrengend, den Hengst jeden Tag ein wenig laufen zu lassen. Es bedurfte eines größeren Trinkgeldes, um einen der Soldaten dahin zu bringen, es für die Zukunft zu versprechen.

Als Hakob Akunian aus dem Tor ritt, warteten noch zwei Beamte zu Pferd auf ihn und nahmen ihn in die Mitte, sowie der Weg breiter wurde. Vor und hinter ihm je ein Soldat. Die Täbriser schienen an solche Transporte gewöhnt zu sein, denn niemand beachtete ihn.

Vor einem palastartigen Gebäude, das der Fürst nicht kannte, und das nicht die Residenz des Statthalters war, wurde halt gemacht, und der Fürst von den beiden Beamten über eine hohe, breite, festliche Treppe in einen großen hellen Saal mit weiten hohen Fenstern geführt. Eine Art Audienzsaal, wie es schien. Ein kostbarer alter Teppich aus einem einzigen Stück, aus Wolle in Wolle gewebt, so daß er besonders warm und weich war, bedeckte den ganzen Raum. Er mußte für ihn einst extra gewebt worden sein. Ein tiefes sattes Rot glühte aus ihm. Erst wenn man genauer zusah, bemerkte man, daß sich durch das tiefe satte Rot in einem zarten Rankenmuster grüne Fäden zogen. In der Mitte des weiten Raumes stand ein gewaltiger runder Tisch aus Ebenholz mit Ebenholzsesseln davor, die im Muster des Teppichs gepolstert waren. Die Wände entlang lief eine mannshohe Bekleidung aus Ebenholz. Über ihr waren die Wände in einem zartblauen Ton gekachelt. In halber Mannshöhe lief eine Bank aus Ebenholz um die Wände, die wieder im Muster des Teppichs üppig gepolstert war.

Der Fürst setzte sich auf die Bank, seine zwei Begleiter ihm zu Füßen auf den Teppich. In der Nähe der Fenster hockte mit gekreuzten Beinen auf der Bank ein südpersischer Scheich in weißem Burnus, mit dem typischen schmalen, langen, gelblichen Araberkopf, aus dem eine kühne, feingeschnittene Nase sprang. Er regte sich nicht, und seine Augen sahen scharf in die Weite, wie es Raubvogelaugen an sich haben. Sonst befand sich niemand in dem großen Saal. Zu einem Gerichtsgebäude gehörte er sicher nicht. Kurios. Was sollte dem Fürsten das wohl sagen? Vorläufig verstand er es nicht.

Geräuschlos öffnete sich eine in die Wand eingelassene Ebenholztür. Ein Diener trat in den Saal, durchquerte ihn und verneigte sich tief vor dem Araber. Dieser erhob sich langsam und gravitätisch, ordnete seinen weißen, wollenen Burnus sorgfältig wie eine Dame ihr Kleid und folgte dem Diener. Geräuschlos schloß sich die Ebenholztür wieder. Es mußte in der Tat eine Art Audienzsaal für Würdenträger aller Art sein.

Der Araber erschien nicht wieder. Die Ebenholztür führte vermutlich in ein Amtszimmer des Statthalters, das man durch eine andere Türe verlassen konnte, ohne diesen Saal wieder betreten zu müssen.

Auf diesem Teppich würde sich der Tanz zum Lied der Nachtigall gut ausnehmen, fuhr es dem Fürsten plötzlich durch den Sinn. Er stellte sich das möglichst deutlich vor. Man ließ ihm reichlich Zeit dazu und kein Geräusch störte ihn dabei.

Endlich öffnete sich die Ebenholztür wieder, und Hakob Akunian wurde durch sie geleitet. Sie führte nicht, wie er angenommen hatte, direkt in ein anderes Zimmer, sondern in einen Gang, und erst an seinem Ende ging es durch eine neue Tür in einen Raum, ein Arbeitszimmer, in dem Amenisam in einem riesigen Sessel hinter einem langgestreckten Tisch saß. Der kleine Greis schien von Jahr zu Jahr mehr einzutrocknen und zusammenzuschrumpfen. Es sah fast spaßig aus, dies Häuflein Knochen unter einem prächtigen, bunten, seidenen, viel zu weit gewordenen Ehrenkleid, wie der Schah es als besondere Gunst für besondere Verdienste zu verleihen pflegte.

Der Greis hob den Blick nicht von den Papieren, die vor ihm lagen, und deutete stumm mit der kleinen, hageren, ringbedeckten Hand, die aber immer noch sehr fest zugreifen konnte, auf einen Stuhl, auf den der Fürst sich setzte.

Rechts und links von Amenisam saß je ein Schreiber. Anschließend Mullas und Ulämas mit Dienern hinter sich. Handelte es sich um ein geistliches Gericht, um eine Disputation über eine Koransure? Saßen die Herren noch von dem Gespräch mit dem arabischen Scheich hier? Einer trug merkwürdigerweise einen Fez, keinen Turban. Ein türkischer Schriftgelehrter als Ankläger gegen ihn? Der Fürst wurde nicht klug daraus. Außer Amenisam kannte er keinen der Anwesenden.

Unerwartet plötzlich schlug der Statthalter die Augen auf, das einzige, was in dem verhutzelten Greisengesicht noch Leben und Feuer besaß, und sah den Fürsten durchdringend an.

Dieser verneigte sich voll Ehrerbietung und tat, als fasse er den Blick als Begrüßung auf.

Unerwartet plötzlich schlossen sich die Augen wieder. Es war, als wären sie aus dem verhutzelten Greisengesicht verschwunden und überhaupt nicht mehr vorhanden.

»Es wäre am einfachsten, Sie erzählten, wie sich alles zugetragen hat«, meinte der Statthalter nach einer Weile. Die Mullas und Ulämas starrten den Fürsten unausgesetzt an.

Der Fürst stattete dem Statthalter in den überschwenglichsten neupersischen Ausdrücken seinen Dank ab für die hohe Ehre, von Seiner Exzellenz eines Schreibens gewürdigt worden zu sein, dann schwieg er.

Ohne von den Augen Gebrauch zu machen, meinte der Statthalter: »Haben Sie also die Güte, zu erzählen, was sich zugetragen hat?«

Hakob Akunian musterte die Papiere auf dem Tisch, aber eine Nummer der ›Times‹ schien sich nicht darunter zu befinden. Er bedauerte unendlich, immer noch nicht verstehen zu können, auf was für Ereignisse Seine Exzellenz anzuspielen geruhe, und was er über Ereignisse erzählen solle, von denen er nicht wisse, ob er etwas über sie wisse.

»Scharef Pascha ist ermordet worden. Die Hohe Pforte hat Beweise dafür, daß persische Armenier ihn auf türkischem Boden ermordet haben. Sie behauptet es wenigstens. Ihr türkischer Konsul ist sogar mit der türkischen Botschaft in Teheran darüber einig, daß Ihre Person dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat.«

»Ich stehe nicht unter türkischem Gericht, sondern unter Euer Exzellenz Schutz. Von der Hohen Pforte und ihren Behörden ist allgemein bekannt, daß sie die Armenier hassen, bedrohen, verleumden und vernichten, wo immer sie können.«

»Ebenso bekannt ist mir, daß die Armenier die Türken hassen.«

»Ich bekenne mich selbst zu diesem Haß«, unterbrach der Fürst hastig. »Wer mich haßt, den hasse ich wieder. Ob ich Türken in der Türkei bedrohen oder gar vernichten kann, wie die Türkei mein Volk bedroht und mich jetzt vernichten will, ist eine andere Frage, denn die Türkei besitzt Macht, Truppen, Kanonen, ich nicht.«

Das Gesicht des Greises zuckte leicht. »Das alles kann man sich kaufen. Es ist nur eine Frage des Preises.«

Der Fürst schwieg.

»Der Konsul und die Botschaft behaupten, Beweise für Ihre Täterschaft zu haben.«

»Der Konsul ist tot.«

»Der Botschafter nicht«, bemerkte der Statthalter trocken.

»Da Eure Exzellenz geruht haben, mich hierher zu befehlen, bitte ich um die Beweise Eurer Exzellenz.« Soll er endlich den Times-Artikel vorlegen, wenn er ihn hat, oder das Telegramm des persischen Gesandten in London darüber. Wozu noch länger das Katz- und Mausspiel?

Eine Weile flüsterte Amenisam mit seinen Mullas und Ulämas, dann klopfte einer von ihnen mit seinem Stock auf den Boden. Eine andere Tür öffnete sich. Die beiden Beamten, die Hakob Akunian hierhergeführt hatten, nahmen ihn wieder in Empfang und brachten ihn zurück in das Haus in der schmalen Gasse, nachdem sich vor dem Tor auch die beiden Soldaten wieder dazugesellt hatten.

Wieder verging eine Woche, bis Hakob Akunian zum zweitenmal vor Amenisam geführt wurde. Auch die Schreiber, Mullas und Ulämas fehlten nicht. Aber auch der Herzog von Lusignan war anwesend, sprang auf und begrüßte den Fürsten, scherzte und lachte, als sei niemand außer ihnen in dem Raum.

Wieder begann das Frage- und Antwortspiel zwischen dem Statthalter und Hakob Akunian, ohne irgendein positives Ergebnis zu haben.

»Ich wende mich an Ihr Ehrgefühl und ...« Der Greis zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber leicht ironisch fort: »Sie sind ja Christ, ich wende mich also an Ihre Wahrheitsliebe und mache Sie zugleich auf die Folgen aufmerksam, die Ihre Antwort eventuell für gänzlich Unbeteiligte und Unschuldige unter den Armeniern im Salmasdistrikt haben kann: Welchen Anteil haben Sie an der Ermordung Scharefs?«

Ehe der Fürst antworten konnte, sprang der Herzog von Lusignan auf und sagte: »Ich bitte, Eure Exzellenz, eine Erklärung abgeben zu dürfen. Deshalb bat ich Eure Exzellenz ja auch so dringend, hier sein zu dürfen. Aus meiner Erklärung werden Eure Exzellenz auch sofort ersehen, weshalb mein Vetter schweigt und mit der Wahrheit nicht heraus will. Befehlen Sie Ihrem Mirza Abbas und Ihrem Mirza Heidär, genau nachzuschreiben.«

Die Schreiber blickten erstaunt auf den Statthalter, der ihnen einen Wink gab.

»Ich höre«, sagte Amenisam, öffnete auch die Augen und sah den Sprecher unverwandt an.

»Ich habe Scharef Pascha und seine Hamidiekurden vernichtet. Es waren tausend Mann. Nicht hinterrücks ermordet, wie die Hohe Pforte behauptet. Das lügt sie. In einer regulären Schlacht habe ich ihn besiegt. Mit nur dreihundert jungen Leuten. Die Hohe Pforte lügt, wenn sie mehr nennt, weil sie sich schämt, und ihre ganze Schande nicht vor aller Welt eingestehen will.«

Die Mullas und Ulämas waren entsetzt aufgesprungen. Ward so etwas je erlebt, daß sich einer selbst bezichtigte, der gar nicht angeklagt ist?

Unter dem spöttischen Blick Amenisams setzten sie sich schnell wieder.

»Bitte, fahren Sie fort«, sagte der Statthalter, ohne eine Miene zu verziehen. Er warf nur einen scharfen Seitenblick auf den Fürsten, der aber unter sich sah und sich nicht rührte.

»Die dreihundert Leute habe ich nicht in Persien gesammelt, sondern in Maku.«

»Armenier?« fragte Amenisam interessiert.

»Soweit sie nicht gefallen sind, sind sie längst in Rußland.« Der Herzog von Lusignan lächelte und verneigte sich verbindlich vor dem Statthalter. »Wenn man es recht betrachtet, habe ich auch Persien damit einen Dienst erwiesen.«

»Er wird Ihnen teuer zu stehen kommen. Wir sind hier nicht in Europa.«

»Ich muß das Urteil der großen Weisheit Eurer Exzellenz überlassen.«

»Kannten Sie den Pascha?«

»Wie schon mein Name sagt, wir stammen aus altarmenischem Geschlecht. Wir sind alte Gegner. Nun habe ich gründlich mit ihm abgerechnet.«

»Ich werde Sie dafür aufhängen.«

»Ich gebe Eurer Exzellenz zu bedenken, daß meine Botschaft in Teheran damit nicht einverstanden sein dürfte.«

Ohne einen Laut auszustoßen, schüttelte sich das Häuflein Knochen unter dem bunten, weiten Ehrenkleid. Als es endlich aufgehört hatte, zu lachen, sagte der Statthalter trocken: »Sie scheinen sich immer noch nicht klar darüber zu sein, was Sie getan haben. Ein französischer Privatmann kommt nach Maku, das unter persischer Oberhoheit steht, und fällt mit einer organisierten Räuberbande in die Türkei ein.« Amenisam lachte hell auf. »Das nennt man nicht Krieg, sondern Mord, und Sie sind kein ruhmgekrönter Feldherr, wie Sie immer noch anzunehmen scheinen, sondern ein ganz gewöhnlicher Raubmörder. Alle Gesetze der Zivilisation haben Sie verhöhnt, verlacht, gebrochen. Kein Botschafter der Welt kann da noch einen Finger für Sie rühren. Wohin sollte die Welt kommen, Herr, wenn nicht mehr feststeht, was Krieg ist, und wo der gemeine Mord anfängt? Wenn Sie keinen Sinn für so feine Unterschiede haben, was mir bei einem Europäer fast ausgeschlossen zu sein scheint, ist es Ihr Schade, nicht meiner.« Fast höhnisch fragte er: »Haben Sie mir noch mehr zu erzählen?«

»Wenn Sie weitere Einzelheiten wünschen, stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

»Danke.« Eine Weile sank der Statthalter ganz in sich zusammen. Plötzlich fragte er: »Sie sind zu Pferd hierher gekommen?«

»Selbstverständlich, Eure Exzellenz!«

»Es wartet draußen auf Sie?«

Der Herzog von Lusignan nickte zustimmend.

Der Statthalter gab einem Uläma einen Wink, der kräftig mit dem Stock aufstieß. In der sich öffnenden Tür standen zwei Beamte, die Amenisam zu sich winkte, um sich mit ihnen flüsternd zu unterhalten. Dann verschwand einer der beiden. Alles schwieg betreten. Als der Beamte wieder erschien, sagte Amenisam: »Ich gebe Ihnen drei Tage Bedenkzeit. Vielleicht entspricht Ihre Erzählung doch nicht genau den Tatsachen. Bis dahin werden Sie Ihrem Vetter Gesellschaft leisten.«

Auf der Straße nahm sie ein ganzer Trupp Soldaten in Empfang und brachte die beiden in des Fürsten Quartier.

Als sie allein auf dem Hofe standen, rief Hakob Akunian außer sich: »Weshalb haben Sie das getan?«

»Bitte nicht so laut, und bleiben wir auf dem Hof, bis sich Ihre Erregung gelegt hat, die Wände haben Ohren.«

»Glauben Sie im Ernst, daß der Statthalter Ihnen glauben wird?«

»Ich halte ihn nicht für so dumm.«

»Weshalb erzählen Sie ihm dann solche Märchen?«

»Märchen? Nun ja, Märchen. In ihnen mischt sich ja auch Wahrheit und Dichtung. Auch in meinem Märchen gab es allerhand Wahrheit. Oder ist Ihnen das in der Erregung gar nicht aufgefallen, Durchlaucht? Man muß immer Wahrheit unter die Lüge mischen, sonst lebt sie nicht vierundzwanzig Stunden.«

»Warum? Warum?!«

»Ich kenne Sie doch, Durchlaucht. Als der alte Fuchs an Ihr Ehrgefühl appellierte und gar noch die christliche Wahrheitsliebe an den Angelhaken steckte, war höchste Gefahr im Anzug. Ich mußte eingreifen, sonst war alles verloren. Sie hätten den Köder geschluckt und waren gefangen. Ist es nicht so, Durchlaucht?«

»Ist jetzt die Lage besser?« fragte der Fürst spöttisch.

»Ich denke doch.«

»Er wird Sie hängen lassen!«

Sureja lächelte. »Vorerst gibt er drei Tage Bedenkzeit.«

»Und sperrt Sie zu mir ein.«

»Aber Durchlaucht, er tut das doch nur, weil er hofft, ich werde mich von Ihnen beeinflussen lassen und das Märchen zurücknehmen, oder Ihr edles Herz werde, um mich zu retten, jetzt endlich bekennen. Das war schon vorhin meine Hauptsorge, und ich danke Ihnen aufrichtig, Durchlaucht, daß Sie wenigstens nicht gleich damit herausgeplatzt sind. Ich hoffte, Sie wären so perplex, daß Sie nicht sofort daran dächten, und das waren Sie glücklicherweise auch.«

»Unter gar keinen Umständen werde ich zulassen, daß Sie eine Schuld auf sich nehmen, die nicht auf Ihnen liegt.«

»Wenn Sie die Sache jetzt etwas kaltblütiger betrachten wollen, was ich Ihnen dringend raten möchte, so müssen Sie zugeben, daß auch diese Behauptung nicht ganz richtig ist. Ohne mich dessen besonders rühmen zu wollen, muß ich doch sagen, daß Ihnen der Streich gegen Scharef ohne die Hilfe meiner kurdischen Kundschafter nicht so glänzend gelungen wäre, wie er gelungen ist. Nach der Kasuistik Ihrer Kirchenlehrer, über die ich in London einmal einen sehr amüsanten Vortrag gehört habe, spricht ja nicht nur die Tat, sondern schon der Gedanke an sie schuldig. Dann sind wir jedenfalls in der gleichen Verdammnis, Durchlaucht.«

»Glauben Sie, daß er Sie für einen Herzog von Lusignan hält?«

»Ich hoffe, daß er einem europäischen Herzog soviel Frechheit doch nicht zutraut.«

»Wofür soll er Sie denn halten?«

Sureja lachte: »Um dahinter zu kommen, bat er sich ja drei Tage Bedenkzeit aus.«

»Und wenn er nun erfährt, daß Sie Sureja von Maku sind?«

»Für die drei Tage, die ihm zur Verfügung stehen, ist das wohl etwas zuviel verlangt. Schlimmstenfalls werde ich es ihm übrigens selbst sagen, und wenn er es nicht glaubt (denn man kann schließlich nicht verlangen, daß er auch das noch glaubt), werde ich ihn bitten, meinen Bruder als Zeugen zu laden oder etwa unseren Gouverneur, der mich trotz europäischem Reitanzug und glattrasiertem Gesicht bald wiedererkennen wird, wenn ich mir einige Mühe gebe. Ich hoffe, Amenisam wird es bald doch noch das liebste sein, nicht weiter in dem Brei herumzuwühlen, den ihm die Hohe Pforte angerührt hat. Die eigenen Finger sind ihm näher als das Prestige der Türkei. Er kann ja auch getrost den Herzog von Lusignan verschwinden lassen, da es ihn gar nicht gibt, hier wenigstens nicht, wenn er nur den Prinzen von Maku laufen läßt. Ein Herzog, der verschwunden ist, er kann ja auch sagen, daß er hingerichtet ist, muß schließlich der Türkei, die er ebenso liebt wie wir, als Genugtuung ausreichend sein. Und wenn ich mich dann noch erbiete, mit Hilfe meines Vetters auch für einige Tuman zu sorgen, Mäuler, die weiterzuschreien gewillt sind, damit zu stopfen, wird es ihm auch nicht unlieb sein.«

»Gut, es soll so sein, wie Sie es jetzt sagen. Aber daß wir nicht nur in geschäftlichen Beziehungen stehen, ist dann kein Geheimnis mehr.«

»Wenn man jetzt vor Amenisam diesen Schleier ein wenig lüftet, schadet es nichts mehr. Oder vielmehr, ich würde seinem Verstand Unrecht tun, sollte er nicht ganz von selbst hinter dies Geheimnis kommen, wenn er erst Sureja von Maku neben Hakob Akunian sieht. Er hat keinen Grund, es auszuschreien, er hat allen Grund, die Tatsache mit in seine politische Rechnung zu stellen, zum Vorteil Persiens, das nicht stark genug ist, um sich von der Enthüllung dieses Geheimnisses mehr Vorteile versprechen zu können.«

Sureja schlug sich an die Stirn. »Den eigentlichen Grund für mein Märchen habe ich Ihnen aber immer noch nicht erzählt. Glauben Sie, Amenisam hätte nicht sofort höhnisch mein Märchen zerstört, wenn Ihr Telegramm in London schon erschienen wäre? Ich bin jetzt sicher, es ist nicht erschienen, und wenn es bis jetzt nicht erschienen ist, erscheint es in absehbarer Zeit überhaupt nicht. Die Londoner verlangen von ihren Zeitungen frische Ware und nicht altes oder mühsam aufgewärmtes Brot. Ich denke, damit ist die einzig ernsthafte Gefahr noch einmal glücklich vorübergegangen. Man soll mit dem Glück nicht rechnen, aber man soll auch nicht undankbar sein, wenn es da ist. Scharef Pascha ist mit den Seinen gefallen. Unter den Toten sind viele Armenier gefunden worden. Das sind die Tatsachen. Schon dafür, daß diese Armenier aus Persien gekommen sind, gibt es schwerlich einen Beweis, denn weder sieht man ihnen das an der Nase an, noch nimmt man zu einer solchen Expedition einen Paß mit. Schon das beruht auf einer Annahme, einer Kombination, die vielleicht nahe liegt. Aber beweisen läßt sie sich nicht. Und was man sonst noch alles kombinieren mag, namentlich wenn es von der Türkei ausgeht, ist kein Grund für Persien, einen reichen und vornehmen Mann, der mehr nützen kann, wenn er lebt, als wenn er tot ist, zu hängen. Wenn die Perser schon einen hängen wollen, brauchen sie keine türkischen Ratschläge dazu. Und nun entschuldigen Sie, Durchlaucht, ich habe Hunger, möchte etwas essen und ein Glas Tee trinken. Sie hoffentlich auch. Rufen Sie einen Soldaten und geben Sie den Befehl. Es ist nicht nötig, daß ich jetzt auch noch Persisch kann. Ich möchte mit Französisch auch weiterhin auskommen, solange es irgend geht.«

Hakob Akunian kam in den nächsten drei Tagen nicht dazu, vor sich hinzudämmern und von Miryäm zu träumen. Sureja von Maku hielt ihn wach und munter, und seine Selbstsicherheit und gute Laune steckten alles an. Sogar die Soldaten, die sich nur noch als Diener in angenehmer Stellung und gar nicht mehr als Wächter fühlten.

Nach drei Tagen erschienen zwei Beamte und forderten den Herzog auf, mitzukommen.

Hakob Akunian sprang auf. »Und ich?«

»Wir haben keinen Befehl für Sie.«

Sureja flüsterte: »Machen Sie doch kein so finsteres Gesicht. Wenn es dem Statthalter mit einem Geständnis ernst wäre, ließe er Sie rufen, nicht mich. Ich bin zufrieden.«

Diesmal hockte Amenisam ohne Mullas und Ulämas, nur von seinen zwei Schreibern flankiert, in einem Riesensessel.

»Die drei Tage sind um. Ich habe gehalten, was ich Ihnen zugesagt habe.«

»Ganz zu Ihren Diensten, Exzellenz.« Sureja setzte sich.

»Ich hoffe, Sie haben sich Ihre Erzählung noch einmal gründlich überlegt.« Er winkte dem einen Schreiber, der sich erhob, um das Protokoll der vorigen Sitzung vorzulesen.

»Geruhen Eure Exzellenz, daß ich Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehme, als unbedingt nötig ist. Ich weiß, was ich erzählt habe, und habe davon nichts zurückzunehmen.«

Für einen Augenblick wurde das Gesicht des Greises gallenbitter, aber er beherrschte sich und ließ den Schreiber sich niedersetzen.

»Ich gebe Ihnen bis morgen Zeit, Ihre Angelegenheiten zu ordnen.«

»Und dann?«

Das Gesicht des Greises verzog sich zu einem breiten Grinsen. Zierlich und kunstvoll demonstrierte seine ringbesetzte Rechte den Vorgang des Hängens.

»Geruhen Eure Exzellenz, daß ich noch ein kleines Bedenken vorbringe?«

»Bitte.«

»Geruhen Eure Exzellenz, daß ich ganz offen spreche?«

»Wer übermorgen gehängt wird, dem sieht man manches nach.«

»Ihre Mirzas verstehen Französisch.«

»Das braucht Ihre Offenherzigkeit durchaus nicht zu stören«, meinte der Statthalter mit kaltem Grimm.

»Es ist mir nicht unbekannt, daß drei russische Kosakenregimenter am Araxes stehen. In welcher Absicht und zu welchem Zweck ist mir auch nicht unbekannt. Ich fürchte, wenn Eure Exzellenz ausführen, was Eure Exzellenz soeben mit soviel Anmut andeuteten, bekommen die Kosakenregimenter früher Arbeit, als sie bisher hoffen durften, denn ich bin ein Freund der Zarin. Sie weiß, daß ich hier bin, und der Verlust meiner Person unter solchen Umständen würde sie, wie ich bestimmt glaube, so schmerzen, daß sie sich nicht dabei beruhigen würde.«

Amenisam wurde kreideweiß vor Zorn, daß ein Fremder sich getraute, so zu reden. Die beiden Schreiber duckten sich dicht auf den Tisch nieder und hielten den Atem an.

»Fahren Sie fort, ich höre.«

Sureja schwieg.

Amenisam sann lange vor sich hin. Dann sagte er: »Sie sind ein guter Erzähler, fast ein Dichter. Sie muten mir aber zuviel zu.«

»Ich verstehe den Unmut Eurer Exzellenz, und ich bedauere sehr, dazu Anlaß geben zu müssen, aber ich glaube, Eurer Exzellenz einen schlechten Dienst zu erweisen, wenn ich davon geschwiegen hätte. Mir selbst natürlich ebenfalls und erst recht.«

»Ich verstehe durchaus, daß das Schicksal, das Ihnen bevorsteht, Ihre Einbildung augenblicklich zu den höchsten Leistungen anspornt, aber weder Ihnen noch mir ist damit wirklich gedient.«

»Wenn ich Eure Exzellenz recht verstehe, fordern Sie Beweise für meine Behauptung, und ich hätte mich nicht unterfangen, Euer Exzellenz eine solche Behauptung vorzulegen, wenn sie sich nicht ohne Schwierigkeiten beweisen ließe.«

Der kleine Greis reckte sich. »Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich darauf gespannt bin.«

»Wollen Eure Exzellenz geruhen mir zu erlauben, der Zarin ein Telegramm zu schicken, und wollen Eure Exzellenz dafür Sorge tragen lassen, daß es auf dem schnellsten Weg nach Zarskoje Selo gelangt?«

Auf einen Wink des Statthalters schob ihm einer der beiden Schreiber sein Handwerkszeug zu. Nach wenigen Augenblicken des Nachdenkens schrieb der Herzog ein längeres Telegramm nieder, überflog es noch einmal und überreichte es dem Statthalter.

»Ihre Majestät die Zarin wird eine Antwort senden. Aus dieser Antwort geruhen Eure Exzellenz zu ersehen, ob meine Einbildungskraft so stark ist, wie Eure Exzellenz anzunehmen scheinen. Ich überlasse das ganz der Weisheit Eurer Exzellenz und bedarf keines Einblicks in die Antwort. Deshalb mußte ich mir erlauben, die Statthalterei als meine derzeitige Adresse beizufügen.«

»Sie spielen ein kühnes Spiel.«

»Doch nur dann, Exzellenz, wenn sich mein Einsatz als falsch erweist.«

»Herzog von Lusignan.« Der Statthalter dehnte den Namen spöttisch. »Ohne Begleitung, ohne avisiert zu sein.«

»In Europa nennt man das einen Spleen, Exzellenz. Auch hatte ich keinen Anlaß, nach allem, was ich zu erzählen genötigt war, noch besonders auf meine Person aufmerksam zu machen, was Eure Exzellenz ohne weiteres verstehen werden.«

Amenisam ließ das Telegramm abschreiben, dann den unbeschäftigten Schreiber mit seinem Stock kräftig auf den Boden stoßen und übergab einem Boten das Telegramm zur Beförderung.

»Ich bedauere, Eurer Exzellenz soviel Ungelegenheiten bereiten zu müssen.«

Amenisam schloß wieder die Augen und sank in sich zusammen. »Ich werde mich dafür schadlos zu halten wissen«, sagte er ganz leise.

Sureja erhob sich, ohne dazu aufgefordert zu sein. »Welche Entscheidung auch die Weisheit Eurer Exzellenz treffen mögen, ich bin an all den Ungelegenheiten doch weniger schuld als die Hohe Pforte, soweit Eure Exzellenz sich getrieben fühlen, sich mit der Affäre zu befassen. Für alle Fälle bitte ich um Erlaubnis, vertrauensvoll in die Hand Eurer Exzellenz einen Scheck auf die Bank meines Vetters legen zu dürfen, damit die persische Staatskasse nicht auch noch mit den Unkosten für einen gehenkten Herzog aus Frankreich belastet wird.«

Amenisam schoß dem Sprecher einen giftigen Blick zu, schwieg aber. Mit einer hastigen Bewegung wies der Statthalter nach der Tür. Der Herzog von Lusignan verneigte sich tief und wurde von den Beamten vor der Tür in Empfang genommen.

Hakob Akunian ging unruhig auf den Steinplatten des Hofes hin und her. Hastig schritt er dem Prinzen entgegen, als er aus dem Sattel stieg.

Als die Beamten und Soldaten sich wieder entfernt hatten, sagte Sureja ruhig: »Soeben habe ich meinen vorletzten Trumpf ausgespielt«, und erzählte, was sich zugetragen.

»Also weiß der Statthalter jetzt, wer Sie sind?«

»O nein, das ist mein letzter Trumpf.«

»Also haben Sie das Telegramm als Herzog von Lusignan abgeschickt?«

»Als Alphonse duc de Lusignan, prince de Chypre et Jerusalem. Das ist doch selbstverständlich.«

»Die Zarin erinnert sich vielleicht eines Prinzen von Maku, denn Sie wurden in Petersburg ja einige Male zu Hof geladen. Wie so viele andere.«

»Darin liegt es eben: wie so viele andere. Glauben Sie, die Zarin erinnert sich nach einem Jahr noch an einen der vielen hundert Leute, die ihr bei jeder großen Festlichkeit vorgestellt werden? Das Telegramm geht an den Hausminister. Der Hausminister fragt beim Außenministerium an. Im Außenministerium wendet man sich an den Personalchef, oder wie der Kerl sonst heißt. Er ist verpflichtet, alles zu wissen, denn dafür ist er da. Er hat also auch zu wissen, was er nicht weiß. Daß es Lusignans gibt, weiß er oder kann es in Gotha feststellen. Weshalb soll ein Lusignan sich nicht in Persien aufhalten, wenn er vom Täbriser Gouvernement aus telegraphiert? Wissen Sie dafür einen plausiblen Grund? Ich weiß keinen. Wenn der Kerl ängstlicher Natur ist, fragt er vielleicht noch bei der französischen Botschaft an. Sie ärgert sich, daß man ihr den Herzog von Paris aus nicht avisiert hat. So eine Nachlässigkeit. Und das Telegramm kommt aus Täbris aus der Statthalterei? Natürlich ist Alphonse de Lusignan in Täbris, selbstverständlich. Man gibt sich doch vor den Juchtenmännern keine Blöße? Rein als Privatperson ist er nach Täbris gereist. Von Trapezunt aus, um sein Inkognito nicht zu gefährden. Ohne jede politische Nebenabsicht, um Schlangen zu fangen und Bären zu schießen. Haha, ja, ja!«

»Ich beneide Sie um Ihre Phantasie«, unterbrach der Fürst. »Es ist mehr, als ich bewältigen kann.«

»Ich hoffe, der Gouverneur denkt etwas Ähnliches«, bemerkte Sureja trocken. »Nur nicht zur Ruhe kommen lassen, nur immer eine neue Essenz in den Brei gießen, daß sich schon niemand mehr auskennt.«

»Und wenn die Zarin nicht antwortet?«

»Da kennen Sie sogenannte europäische Herrscherhäuser schlecht, Durchlaucht. Auch den Alleinherrscher aller Reußen hat es schon so weit demokratisiert, daß es ihm nicht wie jedem Privatmann erlaubt ist, unhöflich zu sein. Erst recht nicht der Zarin. Deshalb telegraphierte ich ihr und nicht dem Zaren, was die Antwort verzögern könnte. Es gäbe da vielleicht erst Konferenzen, Erwägungen, wie man antworten soll und so. Aber antworten würde auch der Zar einem Herzog von Lusignan, der offenbar beim Statthalter Nordpersiens wohnt.«

»Und wenn Amenisam das Spiel durchschaut?«

»Wenn Sie es nicht sofort durchschaut haben, Durchlaucht? Das ist nicht wahrscheinlich. Er hat vom wirklichen Europa so wenig gesehen wie der Schah, den er einmal begleitet hat. Und selbst wenn der Fuchs auch dann noch nicht traute, den letzten Trumpf habe ich immer noch in der Hand: meinen wirklichen Namen und das stehende Heer meines Bruders. Meines Erachtens sind wir schon so gut wie frei. Von London droht sicher keine Gefahr mehr. Das wüßte man heute. Kommen Sie, Durchlaucht, eine Wasserpfeife und eine Tasse Tee sind jetzt das beste, um die Zeit totzuschlagen.«

Am nächsten Morgen sagte Sureja zu dem Fürsten: »Ich muß Ihnen noch ein Geständnis machen. Es hilft nichts, es läßt sich nicht vermeiden.«

»Um des Himmels willen, Hoheit, Sie waren inzwischen doch nicht heimlich schon wieder bei Amenisam?«

»Nein, aber ich habe ihm gestern etwas versprochen, was weder mir noch Ihnen besondere Freude macht.« Er seufzte leicht. »Es gehört auf die Debetseite des ganzen Abenteuers.«

»Das klingt nach Geschäft«, meinte der Fürst lächelnd.

»Ist es auch. Aber ein Verlustkonto. Welchen Betrag können Sie ohne allzu großen Kummer noch an diese Sache hängen, damit sie endgültig aus ist?«

Der Fürst dachte nach.

»Ließen sich fünftausend Tuman noch erschwingen?«

»Wenn es durchaus sein muß, auch zehntausend.«

»Nein, fünftausend sind mehr als genug, fünfzigtausend Goldfranken. Halbpart macht fünfundzwanzigtausend Franken für jeden. Mir ist es mehr als genug für mein Teil. Mehr ist der ganze Greis samt seinem Ehrenkleid nicht wert. Sind Sie einverstanden?«

Hakob Akunian lächelte. »Wenn Sie erreichen, was Sie sich davon versprechen, schreibe ich den Betrag auf Gewinnkonto. Meine Mutter würde sogar noch etwas mehr für mich zahlen, wenn es nötig wäre, denke ich.«

»Dann lassen Sie uns den Scheck ausschreiben und dem Greis damit ein lindes Pflaster auf all seinen Ärger legen. Nicht nur in Persien ist das die beste Arznei.«

Ein Soldat mußte eigens einen besonders starken Briefumschlag aus der Stadt holen. Zuerst wollte er nicht. Als ihm der Fürst aber klarmachte, der Brief sei für den erlauchten Statthalter, den Glanz des Staates, Gott erhalte ihn, lief er eiligst von dannen. Dann mußte einer der Beamten herbeigerufen werden, daß er den Brief dem Statthalter persönlich überreiche. Nachdem auch das geschehen war und der Beamte beim Kopf des Königs, bei den Augen seines Sohnes, beim Grabe seines Vaters und bei der Seele seiner Mutter geschworen hatte, den Brief in keines anderen, sondern nur in Amenisams Hände zu legen, streckte sich Sureja von Maku so lang aus, als es auf der Galerie, die wie ein Vogelnest an der Mauer klebte, nur irgend möglich war, gähnte laut und lange und sagte: »So, nun heißt es rauchen, Tee trinken, schlafen, warten und die Geduld nicht verlieren. Weiter haben wir jetzt nichts mehr zu tun.«

Eines Nachmittags rief Sureja ohne Erfolg nach einem der Soldaten. Er erhob sich und rief noch einmal. Niemand meldete sich. Sonst waren sie doch so diensteifrig. Schliefen sie? Er brüllte ihre Namen. Merkwürdig. Auch Hakob Akunian erhob sich. Sie gingen in den Hof, der leer war. Sie traten in den Schlafraum. Auch hier niemand.

»Warten Sie hier einen Augenblick«, sagte Sureja und eilte zum Tor. Es war nicht verschlossen, nur angelehnt. Er winkte dem Fürsten, der eilig näherkam. Vorsichtig öffneten sie das Tor. Auch in der engen Gasse kein Mensch. Aber da standen ja zwei Pferde, gesattelt, Mundvorrat in den Satteltaschen, wie sich sofort feststellen ließ, die Zügel an einem Mauerring festgebunden.

Beide sahen sich an, und dann lachten sie leise. Hastig schlichen sie in den Schlafraum zurück und griffen die wenigen Sachen auf, die sie mitnehmen wollten.

»Sehen Sie, die Zarin ist eine höfliche Dame. Sie weiß, was sie sich und dem Beruf ihres Mannes schuldig ist. Da haben wir Amenisams Antwort auf ihre Antwort und auf den Scheck.«

Sie schwangen sich in den Sattel.

»Verdammt, die kleinsten Spitzbuben sind doch die ärgerlichsten!« entfuhr es Sureja. Hakob Akunian sah ihn verwundert an.

»Irgendein Stallmeister oder Pferdeknecht hat Ihren Hengst beiseite gebracht und Ihnen dies Biest vor die Beine geschoben, der Schuft!«

Der Fürst lachte herzlich. »Mein Gott, daß Sie sich in diesem Augenblick darüber ärgern können!«

»Seit langem hat mich nichts so geärgert. Schade, daß wir jetzt keine Zeit für den Lümmel haben. Das weiß er ganz genau, der Schuft.«

»Yalla, vorwärts!« rief der Fürst, die Muskeln gestrafft, ein Leuchten im Gesicht.

Schon in der nächsten Straße verschwanden die beiden unter der Menge anderer Reiter zu Pferd, zu Esel und auf hohen Kamelen.

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