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Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
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Zehntes Kapitel

Als Sureja endlich daheim allein in seinem Zimmer saß, verdüsterten sich seine Mienen immer mehr und mehr. Der Fürst, der Christ, der Bankier, war nur als Draufgänger zu gebrauchen, und er, der Kurde, der Wolf, mußte den Diplomaten spielen. Je mehr er über die Lage nachdachte, wie sie dies verdammte Telegramm heraufbeschwor, um so weniger konnte er zu einem Entschluß kommen, wie er vorgehen sollte. Nur das eine stand für ihn fest, daß alles noch mehr verwirrt, verdunkelt werden mußte, bis er wußte, ob man in London den Bericht veröffentlicht hatte oder nicht.

Er entfaltete des Fürsten Papiere und las sie mit gespannter Aufmerksamkeit Satz für Satz. Bei jedem Satz überlegend, ob er nicht zweideutig genug war, um ganz verschieden ausgelegt werden zu können. Es dauerte aber nicht lange, bis er solche Überlegungen aufgeben mußte. Je weiter er in dem Bericht kam, um so eindeutiger ging aus ihm hervor, daß der Verfasser persönlich mitgekämpft hatte, und daß die Kämpfer Armenier waren. Wurde der Name des Berichterstatters genannt, der unter den Papieren stand, dann konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß Hakob Akunian geführt hatte und daß es sich um persische Armenier handelte. Es hätte nur noch gefehlt, daß auch noch direkt angegeben war, aus welchem Distrikt Persiens sie stammten. Das wenigstens war nicht zu erkennen. Sie konnten gerade so gut aus dem Urmiadistrikt wie aus dem Salmasdistrikt ausgezogen sein. Keine große Auswahl, da in anderen Bezirken nur vereinzelt Armenier wohnten. Aus vorwiegend mohammedanischen Gegenden konnten die Dreihundert überhaupt nicht kommen, ohne sofort bemerkt zu werden. Der Prinz dachte sarkastisch, nur die Eile sei wohl schuld daran gewesen, daß der Fürst in dem Eifer, den kriegerischen Mut seiner Volksgenossen vor aller Welt kundzutun, nicht noch deutlicher geworden war.

Langsam verbrannte er die Papiere an einer Kerze und zerdrückte mit einem Tuch die Asche zu Staub. Wurde das Original ebenso gründlich vernichtet, dann handelte es sich eben um die gemeine Intrige eines Feindes des Fürsten, um ihn an den Galgen zu bringen. Kein Mensch ist doch so dumm, selbst den Strick dazu zu liefern. Mochte das dem Gouverneur oder dem Generalgouverneur in Täbris nun sofort einleuchten oder nicht, sie konnten den Einwand jedenfalls benutzen, wenn sie wollten, um dem türkischen Konsul ein wenig Sand in die Augen zu streuen, wenn er sich ihrer bis dahin überhaupt noch bedienen konnte. Bis die Hohe Pforte einen neuen Konsul zur Fortführung der Untersuchung installiert hatte, verging Zeit. Die türkische Botschaft in Teheran mochte derweil ruhig weiter Protestnoten schicken. Das tat niemandem weh. Gefährlich konnte ja nur die Kleinarbeit eines Konsuls werden, über die eine Botschaft hoch erhaben ist. Im Grunde war es der persischen Behörde ja nur eine Freude, wenn die übermütigen Türken einmal Prügel bekamen. Nur mußte man ihnen helfen, alle Spuren, die nach Persien führten, zu verwischen. Wenn kein Konsul da war, konnte die Botschaft ruhig weiterschreien. Schreien allein beweist nichts. Je lauter sie schrie, um so lauter konnte die persische Regierung sich dagegen wehren, protestieren und ihrerseits als beleidigte Unschuld Genugtuung verlangen. Wenn nur das Telegramm nicht wäre oder wenigstens nicht veröffentlicht wurde oder wenigstens ohne Unterschrift. In diesem Fall war es einfach eine böswillige Verleumdung Persiens, die England fabriziert hatte, weil Rußland stärker wurde in Nordpersien. Oh, dann ließ sich noch sehr viel sagen. Man konnte sogar Rußland als Zeugen aufrufen für eine Verärgerung Englands über das unschuldige Persien. Je mehr Parteien darüber miteinander in Streit gerieten, um so besser. Und dem Gouverneur half man ein wenig mit Geld nach, damit doch für einen ein reeller Vorteil bei dem Streit heraussprang. Davon abgesehen hatte doch auch der Gouverneur nur Interesse daran, das wehrlose Persien von allem Verdacht reinzuwaschen. Und wenn alles nichts half, waren die Armenier weder aus Urmia noch aus Salmas, sondern aus Maku ausgezogen. Bei seinem stehenden Heer, in seiner so schwer zugänglichen Lage war schlecht mit ihm anbinden. Die Schweiz war leichter anzugreifen und schwerer zu verteidigen als das Fürstentum Maku.

Des Prinzen Züge glätteten sich wieder, und er rief nach Bibi-Dschanem.

Sie fiel nieder und wollte berichten.

»Schweig, bis ich dich frage.«

Die Alte blieb liegen und schwieg.

»Ich verreise morgen früh für drei Tage nach Delivan. Hast du verstanden?«

»Ihr Sklave.«

»Du wirst das noch heute im Harem erzählen, und morgen früh, wenn ich abgeritten bin, wirst du dich an dem Tor des Konsuls niederlassen und ihm ins Ohr flüstern, daß ich nach Delivan verreist bin für drei oder vier Tage.«

»Zu Ihren Diensten.«

»Niemand betritt dies Zimmer außer dir. Wenn du mich hier findest, schreie nicht, denn ich bin kein Gespenst, auch nicht der Teufel, sondern du weißt, daß ich es bin.«

»Ich will für dich zum Opfer werden«, murmelte die Alte.

»Ich sitze in diesem Zimmer und niemand weiß es außer dir. Du sorgst für Brot und Tee. Ich sitze hier und warte. Drei Tage, wenn es sein muß. Aber vergiß nicht, daß es kein Vergnügen ist, so zu sitzen und zu warten. Drei Tage sind eine lange Zeit. Es wäre mir lieb, ich müßte nicht so lange warten. Aber wenn du es nicht anders einrichten kannst, drei Tage und drei Nächte warte ich in Geduld. Überstürze nichts, wenn es schneller nicht geht und du deiner Sache nicht ganz sicher bist. Aber länger als drei Tage und drei Nächte vom nächsten Sonnenaufgang an warte ich nicht, nicht eine Stunde länger. Hast du bis dahin nicht den Fisch gefangen und Natascha ins Schlafzimmer gebracht« – er lächelte böse –, »dann werde ich weiter mit dir reden. Yalla!«

Die Alte sprang auf.

»Jetzt rufe mir Natascha und bringe das Schachbrett.«

Strahlend, tief beglückt trat Natascha ein. Mit beflügelten Schritten. Sie hielt aber sofort ein und nahm Haltung und Miene einer Dienerin an. Der Herr war nicht heiter gestimmt. Bibi-Dschanem brachte das Schachbrett.

»Ich verreise morgen früh drei Tage nach Delivan.«

Sie schlug die Augen nieder, um ihre Enttäuschung nicht allzu deutlich merken zu lassen. Den Körper hat man besser in der Gewalt als die Augen.

»Setze dich.«

Sie spielten eine Partie ohne Brett. Es ging vorzüglich. Sie zog genau, wie der Herr sie führte.

Als die Partie zu Ende war, schlug sie die Augen weit zu ihm auf und war mit Leib und Seele in der Haltung eines Dürstenden, der auf einen Tropfen Lob und Anerkennung wartet. Er löste sich nicht von seinen Lippen.

Sie erblaßte und schlug die Augen wieder nieder. Sie schloß die Augen, um sich ganz auf die Gedanken ihres Herrn zu konzentrieren, der jetzt wohl eine Partie ohne Brett und ohne Worte mit ihr zu spielen gedachte. Sie war wie eine dürstende Blinde, die nur noch mit dem Gehör lebt, das alle anderen Sinne für eine Weile ersetzen muß.

Ihr Gesicht entspannte sich, ohne daß sie die Augen öffnete. Der Oberkörper, der eben noch ein wenig vorgebeugt war, um besser lauschen zu können, neigte sich ein wenig zurück an die Stuhllehne, nur das Kinn streckte sich leicht vor. Sie fühlte die Hand ihres Herrn dicht vor dem Gesicht. Von ihr ging ein leichtes, warmes Strahlen aus, das wohler tat als jedes Wort des Lobes.

Sehr schnell war sie in dem hypnotischen Zustand, in dem Sureja sie haben wollte, und seinen Wünschen und Worten hemmungslos hingegeben.

Nachdem er sie vorsichtig, methodisch wieder geweckt hatte, unterhielt er sich lebhaft und freundlich mit ihr. Wirklich ein schöner, rassiger kräftiger Mensch, dachte er, mit Wohlgefallen sie musternd. Zu komisch, daß selbst Dr. Durville dazu neigte, solche Begabung krankhaft zu finden. Als ob nicht viel bessere Nerven und eine viel gesündere Konstitution dazu gehörten, derlei auszuhalten, als Schreibmaschine zu schreiben, Kleider zu probieren, Fenster zu putzen, zu tanzen oder dergleichen mehr, was man in Europa »normal« nennt.

»Ich habe noch zu tun und möchte dich bitten, auf dein Zimmer zu gehen und es nicht zu verlassen, bis ich selbst dich daraus abhole. In drei Tagen.« Er lächelte. »Vermagst du das, ohne mir böse zu sein und dich mit Gedanken zu plagen, weshalb ich das von dir erwarte?«

Sie erhob sich und wußte nicht recht, ob sie auf so höfliche, europäisch vorgebrachte Wünsche orientalisch antworten sollte oder europäisch, wie sie es in Rußland gelernt hatte. Deshalb nickte sie nur zustimmend und stand ein wenig unsicher, aber ihm gerade in die Augen blickend, vor ihm. Er verbeugte sich, küßte ihr ganz unerwartet wie einer russischen Dame die Hand und sagte: »loh danke dir, Natascha. Auf Wiedersehen in drei Tagen.« Das überwältigte sie so, daß sie die Hände vor das Gesicht schlug und leise aufschluchzend vor Glück aus dem Zimmer lief.

Sureja sah ihr zufrieden nach. Dr. Durville würde das hysterisch finden, dachte er. Ich nenne es Liebe wie die Poeten in aller Welt.

Am anderen Morgen ritt er aus dem Hof, ohne einen Diener mitzunehmen, ritt in einem Bogen um die Stadt von Osten nach Süden gen Westen zum Hause Hakob Akunians, wo er bat, seinen Hengst für drei Tage einstellen zu dürfen.

»Kommen Sie mir nicht zu nah!« rief er dem Fürsten zu. »Jussuf beißt und schlägt jeden, mit dem ich freundlich bin. Wenn nicht gleich, dann bei günstiger Gelegenheit. Er vergißt nicht und ist eifersüchtig wie zehn Männer zusammen, die derselben Frau den Hof machen. Sperren Sie ihn allein in einen Stall. Sonst weiß ich nicht, was er anstellt.« Nun sprang Sureja aus dem Sattel. »Noch besser, ich bringe ihn selbst in seinen Stall und binde ihn für alle Fälle am Hinterbein fest.«

Gewaltig, schwer, dunkelbraun, unbewegt, wie aus Erz gegossen stand der Hengst. Nur die aufgestellten Ohren waren in ständiger Bewegung wie die Unruhe in einer Uhr.

»Ein kleines Abenteuer, bei dem ich Jussuf nicht brauchen kann«, sagte der Prinz, den Hengst zu seinem Stall führend. »Nach drei Tagen lassen Sie ihn durch einen Pferdeknecht wieder in mein Haus bringen.«

Für eine Weile ließ sich Sureja mit dem Fürsten im Pavillon nieder. Als er annehmen konnte, daß seine Leute wieder schliefen oder sich in der Stadt einen guten Tag machten, da der Herr nicht zu Hause war; verließ er den Fürsten wieder durch die versteckte Pforte im Osten der Weingärten. »Also, Durchlaucht, wenn der Blitz niedergeht, sich ducken und heroisch schweigen.«

»Am Ende schlägt er überhaupt nicht ein«, meinte Hakob Akunian.

»Ich rechne immer mit dem Schlimmsten, dabei verrechnet man sich am seltensten.«

Als Bibi-Dschanem gegen Mittag das Zimmer ihres Herrn betrat, zuckte sie zusammen und preßte schnell die Hand vor den Mund, aus dem ein Schreckensschrei wollte. Er lag ausgestreckt auf einem Divan und las. Ohne nach ihr hinzusehen, befahl er Tee und etwas zu essen.

Als Bibi-Dschanem bei Sonnenuntergang wieder das Zimmer betrat, lag der Herr immer noch auf dem Divan und las. Immer noch dasselbe fremde Buch. Oder hatte er sich gerade erst wieder hingelegt? Er sprach kein Wort und sah sie nicht an. So wenig wie am Mittag. Er fragte auch nichts. Er wartete nur. Schrecklich war das. Noch schlimmer als alles Reden.

Sureja las in Stendhals »Rouge et Noir«. Der einzige französische Roman, den man immer wieder lesen kann, wie er behauptete, weil auch ein Asiate immer wieder etwas aus ihm lernen kann.

»Wenn du mir heute nacht nichts mitzuteilen hast, erwarte ich dich erst wieder bei Sonnenaufgang. Yalla!«

Unerträglich war das. Lieber nackt im Hof an einem Baum hängen. Dann war doch das Ende der Marter abzusehen.

Als Bibi-Dschanem bei Sonnenaufgang durch den Vorhang in das Zimmer lugte, lag der Herr auf dem Divan und schlief. Das fremde Buch war auf den Boden gefallen. Schlief er nicht so ruhig und fest wie ein Kind? Oh Ali!

Gegen Mittag stand er am offenen Gewehrschrank und prüfte seine Flinten. Ohne sich ihr zuzuwenden, fragte er: »Weißt du schon, wann du den Mädchen ihr Schlafpulver geben wirst?«

Sie flüsterte: »Heute, drei Stunden nach Sonnenuntergang.« Gott sei gepriesen, daß dann ihre Qual, endlich ein Ende hat.

»Sei klug, alte Hexe, und sieh zu, daß alles genau so geschieht, wie ich es befohlen habe.«

»O Gottvertrauen! O Gerechtigkeit!« ächzte die Alte und wand sich wie in tausend Schmerzen.

Der Herr beachtete sie nicht mehr.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang saß der Kurde mit untergeschlagenen Beinen auf dem Teppich, sog an einer Wasserpfeife, in deren Wasserbehälter es von Zeit zu Zeit hastig gurgelte, so daß die Rosenblätter in ihm wild durcheinanderwirbelten, und lauschte. Kein Laut war zu vernehmen. Nataschas Zimmer lag in der östlichsten Ecke des Hauses. Die Wände waren sehr dick. Das Fenster stand natürlich offen, aber die Nacht war dunkel. In ihr war viel Raum für mancherlei Schreie. Auch für andere Geräusche aller Art. Willig nahm sie alles auf und verschlang es. Verschwunden war es in ihrem schwarzen Schlund und rührte sich nicht mehr.

Er trat an das offene Fenster und horchte in die Nacht. Nur wenige Sterne hatte sie angezündet. In dem unendlichen Raum flimmerten und flackerten sie, aber leuchteten nicht. Dafür waren es zu wenige. Irgendwo schrie ein Esel auf einem Hof. Langgezogen, gellend. Nun antwortete ihm aus einem anderen Hof ein anderer Esel. Ein Pärchen, das zueinander verlangte. Gegen ihr Lärmen und Röhren kam kein anderer Schrei auf.

Bibi-Dschanem trat dicht an ihren Herrn heran. »Es ist alles, wie du befohlen hast.« Er betrachtete sie aufmerksam. Ihre Augen waren unruhig und unsicher, aber sie stand fest auf den Füßen. Sie ist gekocht, dachte Sureja befriedigt, ihr kann kein Feuer noch viel anhaben.

»Geh schlafen und zieh die Burqä über die Ohren. Drei Stunden nach Sonnenaufgang spreche ich dich wieder.«

Die Alte verschwand, und Sureja von Maku holte aus dem Gewehrschrank einen großen, kräftigen Sack, legte ihn sorgfältig zusammen, so daß er ihn bequem unter die Achsel pressen konnte, ergriff einen Leuchter und schritt gemessen, ohne Hast, wie es sich für einen vornehmen Asiaten ziemte, auf unhörbaren Sohlen zu Nataschas Zimmer.

Als er geräuschlos die Tür öffnete, sah er den türkischen Konsul regungslos auf Nataschas Lager ausgestreckt, und Natascha hockte in einer Ecke des Zimmers, zusammengekauert, lautlos, die weit aufgerissenen Augen mit einem leeren Blick auf den Mann auf ihrem Lager gerichtet. Von der Seite trat er geräuschlos zu ihr und strich stumm und stetig mit seiner rechten Hand ganz dicht, ohne sie aber zu berühren, von der Stirn über das Gesicht bis zur Brust. Unermüdlich, ohne die Bewegung im Rhythmus zu ändern. Immer wieder. Ihre Augen schlossen sich. Er hielt nicht ein, nicht einen Augenblick. Eine lange Zeit. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Nataschas Wimpern zuckten leicht. Die Lider öffneten sich. Die Augäpfel verdrehten sich und verschwanden unter den Lidern nach der Stirn zu. Man sah nur noch das Weiße der Augen. Ihr Körper streckte sich. Der Kurde bettete ihn langsam, geräuschlos auf den Boden. Dann untersuchte er kurz den Mann auf dem Lager. Er war mit einem zur Schnur zusammengedrehten, starken seidenen Schleier Nataschas erdrosselt worden.

Sureja zog den Sack über den Toten, trug den Sack auf das Dach und ließ ihn in den Garten fallen. Er bettete Natascha auf ihr Lager und verschwand.

Den schweren Sack quer vor dem Sattel ritt Sureja nach Norden. Wohin mit dem Sack? Ihm fiel dieser und jener reiche Perser ein, dem er ihn gerne vor das Tor gelegt hätte. Gäbe das eine Überraschung bei Sonnenaufgang. Oh Ali! Wie schnell würde da auch der reichste auf den Beinen sein, um den Sack einem anderen guten Freund vor das Tor zu legen, bevor die Stadt noch völlig aufgewacht war.

Er sah nach dem Himmel. Der letzte Stern war erloschen. Höchstens noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Er gab seinem Pferd die Sporen. Es war zu spät, um einen Freund in der Stadt mit diesem Sack zu bedenken. Man mußte ihn schon auf einem Grundstück außerhalb der Stadt niederlegen. Da war eine halbe Stunde nordwärts ein schönes grünes Plätzchen mit viel Bäumen und Buschwerk, das prächtig gedieh, weil es kaum jemals an Wasser mangelte; und weil auch noch eine heiße Quelle hier aus dem Boden sprang, ein sehr beliebter Ausflugsort, Eigentum der Regierung. Da legte er den Sack nieder. Dem Gouverneur würde das ganz besonders viel Ärger und Scherereien bringen.

Als die Sonne aufging, ritt Sureja schon wieder in den Straßen der Stadt seinem Hause zu. Nicht mehr weit von ihm entfernt, hielt er an, lauschte, sprang aus dem Sattel und hielt das Ohr an den Boden. Trappeln vieler Pferde bei Sonnenaufgang? Vom Osten her? Er saß wieder auf und ritt an seinem Haus vorbei weiter nach Osten.

Bald erblickte er einen Reitertrupp. Fünf Männer, unter ihnen einer mit weißem Bart, in glatten, langen, dunklen, persischen Röcken ohne jeden Schmuck. Um sie her ein Dutzend Reiter, deren lange Röcke mit Hieb-, Stich- und Schußwaffen aller Art behängt waren. Einer von ihnen sprengte auf den Wink des Weißbärtigen voran und hieß Sureja mitkommen.

Als der Kurde vor dem Alten stand, sagte dieser kurz und herrisch, nachdem er mit einem Blick sein Pferd gemustert und nicht als edel erkannt hatte: »Führe uns zum Christenviertel.«

Sureja fragte lächelnd auf französisch: »Mit wem habe ich die Ehre?«

Der Weißbärtige stutzte und sagte dann höflich: »Könnten Sie uns sagen, wie wir am schnellsten und ohne Aufsehen in das Christenviertel gelangen?«

»Entschuldigen Sie, aber es ist so ausgedehnt, daß ich Ihnen am besten diene, wenn Sie mir sagen könnten, zu wem Sie wollen.«

»Ich habe mit dem Fürsten Hakob Akunian zu sprechen.«

»Dann gestatten Sie, daß ich selbst Sie dorthin begleite.« Er nannte seinen Namen. »Ich wohne in der Stadt und kenne das Haus.«

Der Weißbärtige nannte nicht seinen Namen, wie Sureja gehofft hatte, sondern nickte nur zustimmend und ließ den Führer neben sich weiterreiten, so daß er keine Möglichkeit bekam, einen anderen nach Namen und Stand des Alten zu fragen. Über den Zweck dieser Expedition war er sich sofort klar.

Der Torhüter des Fürsten erschrak, denn es wurde mit dem Stiel einer Reitpeitsche kräftig an das Tor geklopft und sofort im Namen des Schah Einlaß begehrt. Das bedeutete nichts Gutes.

Er öffnete das Tor. Fünf Reiter ritten ein und der Prinz von Maku. Oh Ali! Er hatte schon immer gedacht, der Umgang mit diesem Kurden könnte nur Unglück bringen. Und vor dem Tor noch ein Dutzend Reiter, die aus dem Sattel sprangen und die Schußwaffen gebrauchsfertig machten.

Die fünf Reiter blieben zu Pferd. Der Weißbärtige sagte:

»Melde deinem Herrn, daß ich ihn sofort zu sprechen wünsche.« Die Maultiere und Esel im Hof waren auf die Beine gesprungen, reckten schnuppernd die Mäuler vor, kamen aber nicht näher. Sureja war längst aus dem Sattel und schritt gemächlich den Ställen zu, nach Jussuf zu sehen.

Als der Hausherr erschien, stiegen die fünf von den Pferden, gingen auf ihn zu und umringten ihn. Einer rief dem Torhüter zu: »Öffne das Tor.« Die anderen Reiter ritten in den Hof und saßen ab. Hinter ihnen wurde das Tor wieder geschlossen.

Hakob Akunian lud mit einer Handbewegung die Herren ins Haus und ging ihnen voran. Einer von den Langberockten sprang vor ihn, einer schritt rechts und links von ihm. Der Weißbart folgte. Der fünfte blieb im Hof zurück.

Hakob Akunian klatschte nach seinen Dienern, daß sie Tee und Brot, und was sonst noch zu einem Frühstück gehörte, brächten. »Ich fürchte, die Herren werden so früh am Tage noch nichts zu sich genommen haben.«

Die Herren antworteten nicht und hockten sich auf gekreuzten Beinen auf den Teppich nieder. Durch eine Handbewegung forderte der Weißbärtige den Hausherrn auf, sich zu ihm zu hocken, was dieser sofort tat.

Diener liefen ab und zu, ängstlich, erregt, brachten Tee, Brot, Zucker, Milch, Käse, Kräuter, kaltes Geflügel, Tassen, Teller, Messer, Gabeln, Löffel. Solange die Diener ab- und zugingen, blieben die Herren stumm, also schwieg auch der Fürst.

Sureja erschien in der Tür, ohne den Fürsten zu beachten, verneigte sich vor dem Weißbart und sagte: »Gestatten Sie, daß ich mich verabschiede, da Sie meiner Dienste wohl nicht mehr bedürfen.«

»Gott behüte«, sagte der Alte kurz.

»Gott bewahre!« erwiderte Sureja und verschwand wieder. Draußen vor der Treppe standen jetzt zwei Soldaten als Wache. Die anderen verteilten sich unter dem Kommando des schmucklosen Fünften, der nicht mit in das Haus gegangen war, um die Ställe und Gärten zu durchsuchen.

»Bedürfen Sie meiner noch?« fragte ihn Sureja.

»Friede sei mit Euch!« erwiderte er.

»Und mit Euch sei Friede!« sagte Sureja, bestieg Jussuf und wandte sich zum Tor, wo Vater Gregor ihm entgegentrat. Die Maultiere und Esel im Hof hatten sich wieder auf den Boden geworfen. Das Jungvieh tollte herum. Auf dem Brunnenwasser schnatterten ein paar Enten, die keinen Grund sahen, fortzufliegen, da ihren Bedürfnissen noch niemand zu nahe getreten war.

»Wenn Sie den Fürsten noch zu sehen bekommen, bestärken Sie ihn bitte in dem Vorsatz, zu schweigen, und bitten Sie ihn in meinem Auftrag, sich über nichts zu wundern und mich nicht zu kennen, wenn er mich wiedersieht.«

»Eine Kommission aus Täbris?« flüsterte der Priester.

»Das scheint mir auch so.«

»Kein gutes Zeichen«, meinte der Priester.

Der Prinz zuckte die Achseln. »Wenn sich Amenisam klar über den Fall wäre, würde er schwerlich einen so großen Apparat in Bewegung setzen. Vermutlich überließe er dann den Fürsten einfach unserem Gouverneur zur weiteren Behandlung.«

»Wenn nur der türkische Konsul nicht so unermüdlich wühlte.«

Sureja lächelte. »Sein Eifer wird nachlassen!«

»Man wird den Fürsten nach Täbris bringen?«

»Ich denke wohl. Das schadet ja auch weiter nichts. Wenn nur das verdammte Telegramm nicht wäre, das in jedem Augenblick alles verändern kann. Sie hätten davor warnen sollen.«

»Ich wurde nicht gefragt.«

»Hätten Sie es gebilligt?«

»Nein!«

Der Kurde reichte dem Priester vom Pferd die Hand. »Das freut mich.« Jussuf stieg und sprang mit einem wilden Satz aus dem Tor.

Als man gegessen und getrunken hatte, bat der Fürst um die Erlaubnis, die Wasserpfeife bringen zu dürfen. Der Weißbart nickte zustimmend; und bald saßen die fünf stumm um die Wasserpfeife, die von Hand zu Hand ging. Das Wasser gurgelte, und die Rosenblätter wirbelten durcheinander.

Nach einer Weile griff der Alte in die Brusttasche und entnahm ihr einen Bogen, den er entfaltete und dem Fürsten überreichte. Es war ein amtliches Schriftstück, von dem Generalgouverneur selbst unterzeichnet. Es war aber in der Form eines Briefes gehalten, in dem Amenisam den Fürsten aufforderte, sofort mit dem Überbringer dieses nach Täbris zu kommen. Da der Weg; weit sei und immer noch durch Räuber unsicher gemacht würde, habe er zwölf Berittene mitgegeben, daß niemandem unterwegs ein Unglück zustoße.

Für persische Begriffe fehlten dem Brief alle die schwungvollen, so schön klingenden, überschwenglichen Höflichkeiten, auf die ein vornehmer Mann unter allen Umständen Anspruch hatte, auch wenn er in der nächsten Viertelstunde am nächsten Baum aufgeknüpft werden sollte. Das war also ein schlechtes Zeichen. Aber schließlich war Hakob Akunian kein Schiit oder Sunnit, sondern nur ein Christ, was mit in Betracht gezogen werden mußte. Unzweifelhaft war der Generalgouverneur sehr ungehalten, aber der Brief enthüllte kein Wort darüber, weshalb er ungehalten war.

Sorgfältig faltete der Fürst das Schreiben wieder zusammen, reichte es dem Weißbart zurück und sagte: »Ich stehe zu Ihren Diensten.«

Auf einen Wink des Alten erhoben sich die drei anderen Perser. »Sie werden erlauben, daß man sich die Räume dieses Hauses, ein sehr geräumiges Haus, ein wenig genauer ansieht?«

Der Fürst nickte. Die drei Perser zogen ihre Schuhe wieder an, die sie vor dem Frühstück abgelegt hatten. Sie winkten einen Posten aus dem Hof herbei, der an der Tür Aufstellung nahm, und verschwanden im Inneren des Hauses. Wenn der Weißbart auch nicht sehr kräftig aussah, der Soldat war jung und stark. Mit beiden würde der Fürst nicht fertig werden, ehe weitere Hilfe zur Stelle war.

Ein Diener brachte eine neue Wasserpfeife und stellte sie vor den Weißbart. Dieser tat bedächtig einen tiefen Zug und blies den blauen Rauch in einem schmalen, langen Strahl weit von sich. Nachdem er so drei Züge getan hatte, überreichte er dem Hausherrn mit einer leichten Verbeugung die Pfeife, die während des jetzt beginnenden Gesprächs langsam, nach jedesmal drei Zügen von einem zum anderen wanderte.

»Ihr erlauchtes Befinden?« fragte Hakob Akunian.

»Gelobt sei Gott, es geht mir heute besser«, erwiderte der Perser. »Gestern war ich infolge von Leibweh sehr matt. Da die Ärzte mir schon in Täbris Obst und alles Saure verboten haben, war ich wie ein Fastender.«

»Gott sei gelobt, heute ist Ihr geschätztes Befinden wieder gut?«

»Heute ist mein Befinden, Gott sei Dank, gut.«

»Vielleicht ist es besser, daß Sie jetzt ein wenig ruhen?« fragte der Fürst.

»Wenn es nahe an Mittag ist. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang müssen wir wieder weiter. Eine Stunde nach Mittag bis drei Stunden nach Mittag haben Sie Zeit, Ihre Angelegenheiten zu ordnen.«

»Wie lange denken Sie, daß mein Aufenthalt in Täbris dauern wird?«

»Es ist kein Schutz und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen und Erlauchten.«

»Geruhen Sie, daß ich eine Frage an Sie richte?«

»Ich stehe zu Diensten.«

»Geruhen Sie, mir zu sagen, weshalb der Statthalter, gepriesen sei sein Name, mir den Brief geschrieben hat, den Sie mir zu überbringen die Güte hatten?«

Der Perser tat nachdenklich seine drei Züge aus der Wasserpfeife, ohne den Hausherrn anzusehen. Dann sagte er: »Wozu sollte ich lügen? Wäre das meines Bartes würdig? Ich weiß es nicht.«

»Wie soll ich es dann wissen?« fragte der Fürst mit leichtem Vorwurf.

»Der Berater des Staates, der Pfeiler des Königreichs, Friede sei mit ihm, der mich schickte, wird es wissen. Er wird es Ihnen sagen.«

Eine ganze Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden. Auch die Wasserpfeife gurgelte nicht mehr, und die Rosenblätter in ihr waren wie leblos zu Boden gesunken.

»Sie haben oft Geschäfte in Rus?« fragte der Perser plötzlich'.

»Alle zwei Monate bin ich gezwungen, für längere Zeit nach' Tiflis zu reisen. Auch nach Musku und Pätär komme ich dann.«

»Nach Usmaniä reisen Sie nicht so häufig?«

»Mit der Türkei habe ich keine Geschäfte erwiderte der Fürst.

»Sie lieben Usmaniä nicht?«

»Ich habe nur Grund, es zu hassen.«

Der Perser warf ihm einen erstaunten Blick zu. Weshalb so geradezu? Was steckte dahinter?«

»Da Sie in der letzten Zeit hier waren, wie ich annehme, wird es Sie gefreut haben, zu hören, daß Scharef Pascha ermordet worden ist.«

Aha, dachte Hakob Akunian, endlich. »Ein Gerücht. Wenn es wahr sein sollte, könnte es mich nur freuen.«

»Es ist wahr.«

»Das freut mich.«

»Die Armenier hassen die Sunniten?«

»Sie haben allen Grund dazu.«

»Und wie denken Sie über die Schiiten?«

»Wir haben keinen Grund, sie zu hassen.«

»Sie sind in Rus geboren und russischer Untertan?«

»So ist es.«

»Als ich hier einritt, erzählte man mir, Armenier seien dabeigewesen, als Scharef Pascha ermordet wurde.«

Der Fürst schwieg.

»Auch der Gouverneur, Gott erhalte ihn, meldete es nach Täbris.«

Der Fürst zuckte die Schultern. »Ein Gerücht wie viele Gerüchte. Es ist Pflicht des Gouverneurs, Gerüchte zu melden, auch wenn sie mehr verwirren als klären.«

»Der türkische Konsul hier behauptet, die Gerüchte ließen sich beweisen.«

»Dann hat es die Regierung ja nicht schwer, ihre Entscheidungen zu treffen.«

»Sie trauen seinen Worten nicht?«

»Eure Exzellenz sagten soeben, er habe Beweise.«

»Er sagte das, nicht ich.«

»Dann weiß ich nicht, was ich bei der Sache tun soll.«

»Der Berater des Staates, der Pfeiler des Königreichs, Friede sei mit ihm, weiß es. Sonst hätte er mich nicht geschickt.«

Der Fürst schwieg. Nach einer Weile erschienen die drei Perser wieder aus dem Inneren des Hauses. Hakob Akunian hob den türkisengeschmückten Kopf der Wasserpfeife vom Mittelstück und vertiefte sich in seine Betrachtung. Er wußte, daß sie nichts gefunden hatten, denn von dem, was sie suchten, befand sich nirgends mehr etwas im Haus. Auch nicht in den Gärten. Mochten sie sich mit dem Weißbart darüber durch Zeichen, oder wie es ihnen sonst behagte, verständigen. Er war dabei nicht interessiert und hatte keinen Grund, Interesse dafür zu heucheln.

Ein Soldat kam in beschleunigter Gangart über den Hof, über die Treppe in das Zimmer. Er flüsterte dem ihm nächsten der waffenlosen Herren etwas zu. Dieser gab es flüsternd an den folgenden weiter, bis der dem Weißbärtigen nächste es diesem ins Ohr flüsterte.

Hakob Akunian, immer noch mit dem Kopf der Wasserpfeife beschäftigt, strengte sein Gehör an, konnte aber nichts verstehen. Sollte in den Gärten doch etwas Verdächtiges gefunden worden sein?

Der Weißbärtige erhob sich und sagte: »Bismillah, in Gottes Namen!«

Der Soldat entfernte sich wieder, und nach kurzer Zeit trat der Gouverneur ein. Großes Verneigen und Begrüßen der Perser. Hakob Akunian wurde dabei nicht beachtet.

»Belieben Sie, Platz zu nehmen«, sagte der Weißbart, und der Gouverneur hockte sich neben ihm nieder.

Hakob Akunian erhob sich, verneigte sich und setzte sich dann wieder. Darauf verneigte sich auch der Gouverneur leicht gegen ihn.

Der Weißbart entschuldigte sich umständlich, daß er nicht zuerst bei dem Gouverneur vorgesprochen habe. Der Gouverneur entschuldigte sich umständlich, daß er sich hier eingefunden habe, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten; aber die Wichtigkeit der Nachricht, die er mitzuteilen habe, rechtfertige hoffentlich sein Verhalten, das sonst unverantwortlich wäre.

Das Telgramm ist in London veröffentlicht worden, und man hat jetzt Nachricht darüber bekommen, dachte der Fürst und verwünschte wieder einmal seine Unvorsichtigkeit. Als wäre er damals von einem Dämon besessen gewesen, der ihn um jede ruhige Überlegung gebracht habe.

»Wünschen Eure Exzellenz, daß nur meine Ohren hören, was Sie mitzuteilen haben?«

»Geruhen Eure Exzellenz, daß alle es hören. Der türkische Konsul ist zwei Stunden nach Sonnenaufgang tot aufgefunden worden.«

»Oh Ali!« entfuhr es einem der Perser.

Hakob Akunian fühlte, wie die Blicke aller ihn trafen, trotzdem er unter sich sah und sich bemühte, durch keine Bewegung zu verraten, wie auch ihn diese Mitteilung überraschte.

»Hat man ihn tot auf seinem Lager gefunden?« fragte der Weißbart.

»Er ist eine halbe Stunde von hier im Norden der Stadt im ›Garten der frischen Wasser‹ gefunden worden, seiner Kleider beraubt, auf dem Rücken liegend.«

»Also ein Raubmord«, meinte der Alte.

»Erlauben Sie, er ist nicht erschossen worden, er ist erdrosselt worden.«

»Man erdrosselt einen Mann nicht im Freien, sondern auf seinem Lager. Dann ist er von seinem Lager dorthin geschleppt worden.«

»Geruhen Eure Exzellenz, im Hause des Konsuls ist keinerlei Unordnung zu sehen.«

Alle spitzten die Ohren, und ein leichtes Lächeln huschte flüchtig über die Gesichter der Perser.

»Dann befand er sich in einem fremden Haus, auf einem Lager, das ihm nicht zukam.«

»So denke ich auch, Exzellenz.«

»Der Mann hat ihn bei einer seiner Frauen überrascht und nachher fortgeschleppt. Wessen Eigentum ist der ›Garten der frischen Wasser‹?«

»Eigentum der Regierung.«

Wieder huschte ein Lächeln über die Gesichter.

»Der Eifersüchtige scheint kein dummer Mann zu sein«, meinte der Weißbart nicht ohne innere Hochachtung vor solcher Klugheit. »Er scheint auch kein schlechter Mann zu sein«, fügte er hinzu. »Sonst würde er den Toten einem Feind vor das Haus gelegt haben. Was meinen Sie, Durchlaucht?«

Zehn schwarze Augen sahen gespannt auf den Fürsten.

»Einen Mann, der hinterrücks und feige erdrosselt wird, beklage ich, auch wenn er mein Feind ist.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden.

»Geruhen Eure Exzellenz, mir einen Rat zu geben«, bat der Gouverneur.

»Was bedarf es da eines Rates, Eure Exzellenz? Wenn ein Sunnit in den Harem eines Gläubigen eingedrungen ist, Schande über ihn. Ich kann den Gläubigen und seine Tat nicht tadeln, wenn auch nicht loben.«

Der Gouverneur erhob sich wieder. Da der Weißbart ihn nicht aufforderte, zu bleiben, verabschiedete er sich. Der Weißbart begleitete ihn einige Schritte in den Hof, wo der vierte der fünf Unbewaffneten aus den Gärten zu ihm trat und meldete, daß in den Gärten nichts Verdächtiges gefunden worden sei.

Er trat mit dem Weißbart wieder in das Zimmer, wo sich alle, auch Hakob Akunian, erhoben hatten.

»Geruhen Eure Exzellenz, eine Stunde zu ruhen?« fragte der Fürst.

Als der Weißbart zustimmend nickte, geleitete Hakob Akunian ihn in ein Schlafgemach. Ein Soldat, der mitgekommen war, durchsuchte es, bevor der Alte sich niederlegte.

»Du wirst in der Nähe Seiner Durchlaucht bleiben und ihn nicht aus dem Auge lassen«, sagte der Alte zu dem Soldaten. »Aber du wirst Seine Durchlaucht nicht stören. Wie auch die Luft ihn nicht stört und doch um ihn ist.«

»Bei meinen Augen«, sagte der Soldat.

»Geruhen Eure Exzellenz, mich zu entlassen?« fragte der Fürst.

Der Alte nickte. »Ihre Freude mehre sich.«

»Ihre Güte mehre sich«, erwiderte Hakob Akunian und entfernte sich.

Hakob Akunian schritt über den Hof zu dem Pavillon, in dem er Vater Gregor sitzen sah. Der Soldat hockte sich auf der Treppe nieder. Ein Trupp derer, welche die Gärten durchsuchten, hatte es sich am Eingang zu ihnen bequem gemacht. Die anderen lagerten sich in der Nähe des Tores. Aus der Küche war ihnen Tee gebracht worden, und der Fürst rief den Dienern zu, den Soldaten Zigaretten zu bringen. Alles Getier im Hofe lag irgendwo im Schatten und schlief. Auch die Enten auf dem Brunnenwasser hatten den Kopf unter die Flügel gesteckt, die heißesten Stunden des Tages waren so am leichtesten zu überwinden.

»Wie steht es?« fragte der Priester leise.

»Haben Sie schon einmal erlebt, daß man das an einem Tag oder gar in wenigen Stunden aus einem Perser herausbringt?«

»Kannst du aus der Art des Weißbarts nicht Schlüsse ziehen, was er weiß oder wenigstens zu wissen glaubt, wenn seine Worte schon nichts sagen?«

»Er kann gar nichts wissen, er kann aber auch alles wissen.«

»Weiß er etwas von dem Telegramm?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was wollte der Gouverneur?«

»Er teilte mit, daß der türkische Konsul tot ist.«

»Was?« Vater Gregor starrte den Fürsten fassungslos an.

»Ermordet!«

»Sureja von Maku?« sagte der Priester fragend, erschrocken.

»Er ist erdrosselt worden, sagte der Gouverneur. Das tut der Prinz nicht. Was Sie nur immer mit dem Prinzen haben, Vater Gregor. Wo etwas Böses geschieht, gleich denken Sie an ihn.«

Der Priester schwieg.

»Er hat sich in einem fremden Harem erwischen lassen, und man hat ihn erdrosselt, wie man es in solchen Fällen hier zu tun pflegt.«

»Mir ist unheimlich, weil dir Besseres in diesem Augenblick gar nicht geschehen kann, Hakob. Hast du daran noch nicht gedacht?«

Der Fürst lächelte. »Natürlich habe ich daran gedacht. Sofort, als der Gouverneur es sagte. Das Feuer wird schneller ausgehen, wenn er nicht mehr schürt. Fragt sich nur, ob er so gut geschürt hat, daß es doch noch länger brennt, als mir gut ist.«

Vater Gregor schüttelte den Kopf. Kommt das vom Teufel oder von Gott? dachte er in einer Unruhe, für die er keine Erklärung wußte.

»Ich möchte von dem mit Ihnen reden, was im Augenblick das Wichtigste ist, Vater Gregor. Vor allen Dingen keine Nachricht an meine Mutter. Geht es gut aus, kann ich ihr selbst davon erzählen, wenn ich wieder nach Tiflis komme, was bald sein muß. Geht es schlimm aus, ist immer noch Zeit genug, ihr Kummer zu bereiten.«

Das war auch des Priesters Ansicht.

Dann besprach der Fürst alle Geschäftsangelegenheiten, soweit sie in den nächsten Wochen entschieden werden konnten. Vater Gregor machte sich eifrig Notizen. Der Soldat auf der Treppe rauchte und sang leise vor sich hin. Ihm war sehr behaglich zumute.

Und schließlich bestimmte der Fürst, wie es mit seinem hiesigen Besitz gehandhabt werden sollte, wenn er überhaupt nicht wiederkäme. Auch darüber schrieb sich Vater Gregor alles Nötige auf, ohne etwas einzuwenden. Wenn das Telegramm erschien und die erwartete Wirkung eintrat, war der Fürst schon so gut wie ein Sterbender, trotzdem der Konsul tot war und nicht mehr hetzen und weiter intrigieren konnte.

Die Soldaten, welche die Gärten bewachten, erhoben sich ärgerlich und schimpften. Eine große Anzahl von Armeniern, Männer und Frauen, waren aus den umliegenden Häusern über die Dächer in die Gärten des Fürsten gekommen, um ihn noch einmal zu sehen und ihm die Hand zu drücken.

Einer der Soldaten lief in das Haus, um Verhaltungsmaßregeln einzuholen. Nach einer Weile erschienen die fünf, und der Weißbärtige gab den Soldaten einen Wink. Die Männer und Frauen strömten aus den Gärten in den Hof und schlossen sich in einem Halbkreis um den Fürsten und Vater Gregor, die den Pavillon verlassen hatten.

Ein alter Mann trat einen Schritt vor und dankte dem Fürsten für alles, was er ihnen und seinem Volk Gutes getan hatte.

Darauf mußte auch der Fürst eine kleine Ansprache halten, in der er sie ermahnte, auch in Zukunft zueinander zu stehen und sich an Vater Gregor zu halten in allem, was das Wohl der Heimat und die Zukunft des Vaterlandes angehe.

Einer der fünf Perser war näher an den Fürsten herangetreten. Er verstand Armenisch so gut wie Persisch. Aber so gut er auch aufpaßte, und so scharf er auch aller Mienen beobachtete, für die Anklage, um derentwillen der Fürst jetzt nach Täbris gebracht wurde, bot nichts einen Anhaltspunkt.

Der Fürst kniete nieder, und Vater Gregor betete über ihm und segnete ihn. Einige Frauen schluchzten.

Da fingen einige der Männer leise zu singen an. Erst schüchtern, dann lauter, dann sangen alle laut und voll Inbrunst:

»An den Ufern, die entschliefen,
irrt meine Sehnsucht, wie ein Kind
und lauscht, ob ihr nicht Stimmen riefen
aus Zeiten, die entschwunden sind.

Doch nur ein dumpfes, schweres Klagen
tönt von den Wogen, die entfliehn
und schäumend an die Ufer schlagen
und unaufhaltsam weiterziehn.

Was klagen, Arax, deine Wogen
und finden nirgends Rast und Ruh?
Was eilst du hin im weiten Bogen
der Heimat fort, dem Meere zu?

O trübe nicht die klaren Wellen,
vergiß die Trauer und die Qual!
Kann sich dein Wasser nie erhellen
und glitzern froh im Sonnenstrahl?

Laß deine Ufer wieder schmücken
mit Gärten, die voll Rosenduft,
und nachts die Nachtigall beglücken
die mondenhelle Frühlingsluft!

Laß spielen mit den Weidenzweigen
das Wasser in der Mittagsglut,
den Hirten froh vom Berge steigen,
die Herde tränken in der Flut.«

Jäh hörte der Gesang auf. Was ihr Nationaldichter Raphael Patkanian weiter noch von den Tränen des Araxes gesungen hatte, taugte nicht für persische Ohren.

Hakob Akunian trat zu dem Weißbärtigen. »Geruhen Eure Exzellenz, noch eine Mahlzeit zu nehmen, bevor wir reiten?«

Der Fürst schritt mit den fünf Persern in das Haus zurück. Die Männer und Frauen im Hof sahen ihnen stumm nach und lagerten sich dann schweigend auf der Erde.

Zwei Stunden vor Sonnenuntergang erschienen die Herren wieder auf dem Hof, und die Soldaten saßen auf.

Der Fürst verneigte sich vor den Männern und Frauen, die sich vom Boden erhoben hatten. Die Männer und Frauen verneigten sich tief und bekreuzigten sich.

Den Herren wurden ihre Pferde vorgeführt. Vater Gregor führte dem Fürsten Hussein zu.

Hakob Akunian lächelte leise. »Ist es nicht schade um ihn?«

»Jedermann soll deinem Pferde ansehen, wer du bist«, entgegnete der Priester mit Würde.

Als die Reiter aus dem Tore ritten, tönte der Gesang hinter ihnen her:

»Wohl gab es einmal andere Zeiten,
da ich mich stolz und frei geschmückt,
und alle Ufer, die sich weiten,
mit Brausen an mein Herz gedrückt.

Was blieb von meinem alten Ruhme,
vom Ufer, das mir einst gelacht,
von unserer Tempel Heiligtume,
von unserer alten Städte Pracht? ...«

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