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Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
projectid3f183a3f
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Erstes Kapitel

Die Hauptstadt des persischen Gouvernements, das im Norden nur durch den Araxes daran gehindert wird, mit russisch Transkaukasien zusammenzufließen wie Milch und Sahne, zählte etwa zehntausend Einwohner. Sie beanspruchten aber einen Raum, der in Europa für Zweihunderttausend hätte ausreichen müssen. Fast jedes Haus war von den ihm zugehörigen Blumen-, Gemüse- und Weingärten umgeben, die eine gemeinsame Mauer umfriedete. So konnte man auf einem guten Pferd zwei volle Stunden reiten, um die Stadt zu durchqueren, und sah dabei fast nur Mauern, hinter denen kleinere oder größere Baumgruppen neugierig zu dem Reiter hinüberblickten. Im Sommer versanken die Pferdehufe in feinem Staub, der unter ihnen in dicken gelben Wolken aufwirbelte, den Pferde-, Esel- und Kamelmist beizte. Im Winter zogen die Hufe Roß und Reiter nur mühsam durch den zähen Schlamm, der sie durchaus festhalten wollte, um nicht ganz auf jede Gemeinschaft mit dem Leben verzichten zu müssen. Den eigenen Füßen vertraute sich außerhalb der Mauern nur selten jemand an. Auch die Ärmsten besaßen einen Esel, der für sie die Beine rühren mußte, wenn sie draußen zu tun hatten.

Im Westen grenzte das Gouvernement an die Türkei. Aber Mutter Natur hatte vorsorglich einen hohen und wilden Gebirgszug zwischen die beiden Länder gelegt, ohne welchen sich Perser und Türken längst ausgerottet hätten. So sehr liebten sie sich. Auch bevölkerte sie diesen mächtigen Schutzwall noch mit Kurden, die weder Persern noch Türken wohlgesinnt sind. Den Sommer über treiben sie ihre Schafherden von Süden nach Norden durch die Berge, den Winter über rasten ihre gut bewaffneten Trupps, wo der erste Schnee sie gerade überrascht. Erst bei Tauwetter wandern sie weiter dem Araxes zu; und wie die Herden keinen Grashalm ungerupft lassen, so auch ihre Hirten keinen Perser oder Türken, der ihnen über den Weg kommt und kein stärker bewaffnetes Geleit mit sich führt. Vom Araxes wenden sie sich dann wieder südwärts. Stoßen sie dabei auf Trupps, die nach Norden unterwegs sind, so gebrauchen sie, wenn zwischen ihnen nicht besonders feierliche Verträge bestehen, fleißig die Flinten, um die Zahl der gegnerischen Hirten zu vermindern und so ihre eigenen Herden zu vergrößern.

Da die Stadt von der russischen Grenze nur drei und von der türkischen sogar nur eine Tagereise weit entfernt ist, und da die Karawanenstraße von Trapezunt am Schwarzen Meer nach Täbris, der Hauptstadt Nordpersiens, dicht an ihren Mauern vorbeiführt, so leben auch zahlreiche russisch-armenische Handelsleute, einzelne Türken und wohlhabende Kurden in ihr. Diese, die ihre engeren Stammesgenossen am besten kennen, haben sich am östlichen Ende der Stadt möglichst weit fort von den Bergen angesiedelt. Die russischen Armenier hingegen zwang die mohammedanische Übermacht, sich ganz im Westen der Stadt bei ihren persischen Glaubensgenossen niederzulassen, damit sie feindliche Überfälle aus den Bergen zuerst auszuhalten und abzuwehren hätten. Die Masse der einheimischen Perser hatte sich möglichst breit dazwischen gebettet.

Die natürliche Folge von alledem war, daß die Armenier ihren westlichen Stadtteil ganz festungsmäßig ausbauen mußten. Ihre einstöckigen, langgestreckten Häuser lagen nicht friedlich inmitten ihrer Gärten, sondern mit der Rückseite hart an den hohen Mauern, das Gesicht und alles Leben mit seinen Fenstern und Veranden nach innen gekehrt. Als Zugang gab es in den dicken Umfassungsmauern, die reichlich mit Schießscharten versehen waren, nur je ein niedriges schmales Tor aus schweren Holzbohlen, stark mit Eisen beschlagen. Die flachen Dächer konnten jederzeit durch lange Laufbretter miteinander verbunden werden, so daß man besonders bedrohte Stellen sofort mit bewaffneten Männern besetzen konnte; und die Gassen zwischen den hohen Mauern waren so eng, daß man sie zwar leicht von den Schießscharten unter Feuer halten konnte, aber in den Gassen selbst die Flinten zum Angriff so steil in die Höhe richten mußte, daß sie ohne Schwierigkeiten nur in den Himmel Löcher schössen, der damit noch nie erobert worden ist. So hatte die mohammedanische Stadt das ihrige dazu getan, daß ihre christliche Bevölkerung die kampftüchtigste wurde, was sie keineswegs beliebter machte.

Der größte Besitz im äußersten Westen der Stadt gehörte dem Fürsten Hakob Akunian, dem jüngsten Sproß eines alten armenischen Geschlechts aus Karabagh in russisch Kaukasien. Er hatte zwei Jahre in Paris studiert und war jetzt mit dreißig Jahren ein Mann, der als russisch-armenischer Bankier wie als kampferprobter Führer seiner Rassegenossen – eine Mischung, die im zivilisierten Europa nicht mehr vorkommt – von den Mohammedanern des Gouvernements gleicherweise beneidet, gehaßt und gefürchtet wurde. In Paris war im letzten Semester seines dortigen Aufenthalts Sureja sein Zimmernachbar geworden, der jüngste Bruder des Fürsten von Maku, des einzigen noch selbständigen Kurdenfürstentums, das mit seiner Spitze in die kurdischen Berge wie ein Dreieck hineinstößt, dessen eine Seite durch den Araxes gegen Rußland, dessen andere Seite mit wilden, zerklüfteten Bergketten gegen die Türkei geschützt wird, dessen Basis sich aber breit nach Persien hin öffnet.

In der Heimat wären Hakob und Sureja bald mit den Dolchen aufeinander losgegangen. In Paris wußten sie, was sie der europäischen Zivilisation schuldig waren, und ließen den Haß zwischen zwei Völkern, die sich seit Jahrhunderten bekämpften, unsichtbar unter gestärkten Hemdbrüsten weiterglimmen. Als sie dann durch gemeinsame Pariser Freunde einander vorgestellt wurden, benahmen sie sich so korrekt, wie es sich im Café de Paris gehörte. Bald fühlten sie sich als Asiaten unter Europäern näher zusammengehörig und streckten vorsichtig immer mehr Fühler nacheinander aus. Sie fanden sich im gemeinsamen Haß gegen die Türkei, die es schon unter Abdul Hamid vortrefflich verstanden hatte, die Kurden gegen die Armenier auszuspielen. Hakob Akunian und Sureja von Maku bereisten dann zusammen das übrige Europa, bevor sie nach Asien zurückkehrten. Da sie hierbei zu denselben Einsichten in europäische Kultur und Zivilisation gelangten und ihnen die Feindschaft gegen alles Türkische ohnehin geläufig war, blieb für einen Haß gegeneinander unter ihren immer noch gestärkten Hemdbrüsten kein Raum mehr. Er verglomm und erlosch. An seine Stelle trat schon in Moskau immer deutlicher der Plan, der sich dann in Tiflis zum erstenmal vorsichtig auf die Zunge wagte. Auf der letzten russischen Zollstation am Araxes wurden sie darüber einig, sich fortan dem erst reiflich im Herzen erwogenen, dann reichlich besprochenen Plan mit vereinten Kräften zu widmen, ohne daß dritte Personen bis auf weiteres etwas davon zu erfahren brauchten.

Hakob Akunian vermehrte seinen Besitz im Westen der Stadt. Sureja von Maku hatte sich ein weitläufiges Gehöft im Osten der Stadt gekauft.

An einem heißen Vorsommertag saß der kurdische Prinz bei dem armenischen Fürsten in einem kleinen, abgelegenen Raum des weitläufigen Hauses, der trotz der sengenden Sonne dämmerig und trotz der flimmernden Hitze im Freien kühl war. Den Boden deckte ein Täbriser Teppich, auf dem kein Schritt laut wurde. Nahe der Fensteröffnung stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch arbeitete der Prinz an einer kleinen Wachsfigur. Im Hintergrund des kahlen, düsteren Raumes wurde ein amerikanischer Schaukelstuhl sichtbar, der sich nicht bewegte. Seitlich hinter ihm brannte eine hohe Wachskerze. Ihr Licht fiel auf ein altes Kurdenweib in schmierigen Kleiderfetzen, das in dem Schaukelstuhl lag, zwischen den gelben Händen ein gläsernes Gefäß mit Wasser. Es schien zu schlafen, obwohl die nackten Füße fest in einen hölzernen Block eingespannt waren.

»Macht ein Ende, Prinz«, sagte Hakob Akunian ungeduldig. Er vollführte mit Energie die Bewegung des Hängens, und seine schwarzen Augen funkelten.

»Nur Geduld, Fürst«, erwiderte Sureja und bosselte an der kleinen Wachsfigur weiter, deren Gesicht immer mehr die Züge des alten Weibes im Schaukelstuhl annahm. Aufmerksam verglich er, nickte zufrieden, trat zu dem alten Weib, schnitt ihm mit einer scharfen Klinge seines vielseitigen Taschenmessers die langen Finger- und Fußnägel ab, ohne daß die Schlafende sich rührte, und drückte die Nägel tief in die Hände und Füße der Wachsfigur. Er ließ eine kleine Schere an seinem Taschenmesser aufspringen und trennte einen größeren Fetzen des alten Leinenhemdes ab, das dem mit Schmutz und Schweiß bedeckten Weib an der Haut klebte, sowie einen Büschel Nackenhaare. Die Haare drückte er der Wachsfigur tief in den Kopf, und mit dem Hemdfetzen umwickelte er sie liebevoll wie eine Mumie.

»Diese Künste habt Ihr wohl in einem Teufelskloster in Kurdistan gelernt, Prinz?« fragte Hakob ungeduldig, neugierig und doch ein wenig geringschätzig.

»Und bei Dr. Durville in Paris wissenschaftlich vervollständigt, Fürst.«

Sureja trat wieder zu dem Weib im Schaukelstuhl und strich mit der flachen Hand dicht über dem Gesicht langsam einige Male von der Stirn bis zur Brust. Die Augen des Weibes öffneten sich und starrten gläsern, leicht vorquellend, ausdruckslos ins Leere.

Eindringlich und langsam sagte Sureja zu dem Weib: »In einer Stunde wirst du dich wieder zu Scharef Pascha aufmachen und ihm berichten, daß wir in acht Tagen zwei russische Generäle erwarten. Sie bleiben acht Tage. Scharef Pascha muß seine Expedition um drei bis vier Wochen verschieben. Dann wird sie Erfolg haben.« Dreimal wiederholte er die Sätze, bis sich die Lippen des Weibes leise mitbewegten.

»Das geht nicht, Prinz«, flüsterte der Fürst erregt. »Aufhängen! Im Hof steht ein Baum, der hat schon oft solche Früchte getragen.«

»Ich verstehe Sie nicht, Durchlaucht. Sie genossen doch länger als ich europäische Zivilisation. Man hängt niemand mehr auf. Das ist barbarisch, asiatisch. Man beraubt ihn nur für den Rest seines Lebens des freien Willens, wacht darüber, daß er sich nicht selbst tötet und sorgt durch geeignete Diät, Bewegung, Hygiene und Ärzte, daß ihm der Atem nicht vor der Zeit ausgeht. Das ist human, Durchlaucht, bei diesem Verfahren wird kein Tropfen Blut vergossen. Lernen wir von Europa, Durchlaucht.«

Der Kurde strich mit beiden Handflächen dicht über den ganzen Körper des Weibes vom Kopf bis zu den Füßen, bis sich der Körper in einem leichten Bogen aufbäumte, in dieser Lage verharrte und nur noch mit Nacken und Fersen auf dem Schaukelstuhl auflag, der sich leicht und gleichmäßig zu wiegen begann. Langsam, leise und eindringlich sagte er: »Wenn du weißt, wann Scharef Pascha aufbricht, verkleidest du dich wieder als altes Kurdenweib, kommst hierher, klopfst viermal laut an das Tor, sagst dreimal laut, zu dem Pförtner: ›Ich will für dich zum Opfer werden‹ und verschwindest nach Stambul. Am ersten Tag des nächsten Ramasan, in dem Augenblick, da die Sonne untergeht und die Freude erwacht, springst du von der Galatabrücke und ertrinkst ... Wiederhole, was ich dir gesagt habe.« Das Weib tat es.

Lächelnd wandte sich der Prinz zum Fürsten. »Sind Sie jetzt einverstanden, Durchlaucht?«

»Wenn ich nur daran glauben könnte, Prinz.«

»Daran erkennt man, daß Sie zu lange in Europa geblieben sind. Europas Wissenschaft ist im Begriff, die ältesten Zauberkünste Asiens bis in die feinsten Einzelheiten zu erforschen und ihre Technik auf das äußerste zu vervollkommnen. Aber die Europäer glauben nicht daran. Zu ihrem Glück, denn bei der allgemeinen Schulbildung wäre sonst bald keiner mehr seines Lebens sicher. Zu unserem Unglück, denn dann drückte Europa bald nicht mehr wie ein Alp auf uns. Ich aber erlaube mir, europäische Theorien mit alter asiatischer Praxis zu vereinen. Zu unserem Vorteil, Durchlaucht.«

Sureja trat wieder zu dem alten Weib und vollführte die Striche über seinem Körper, diesmal in umgekehrter Richtung, bis sich der Starrkrampf gelöst hatte.

»Merkwürdig, daß Sie immer noch glauben, als altes Weib verkleidet am sichersten zu sein«, murmelte der Fürst.

»Bei uns ehrt man noch in jedem alten Weib seine Mutter, in zivilisierten Ländern legt man weniger Wert darauf«, meinte der Kurde spöttisch und drückte einige Zentimeter von der Schlafenden entfernt Daumen und Mittelfinger der rechten Hand zusammen, als befände sich ein Stück Haut dazwischen, in das er kniff. Das alte Weib zuckte zusammen.

»Fabelhaft«, sagte Sureja. »Wenn Doktor Durville nicht Pariser wäre, verkaufte ich ihm diesen jungen Türken. Er müßte ihn mit Gold aufwiegen. In Europa findet er ein solches Phänomen kaum einmal. Hier laufen sie zu Hunderten herum.«

Er ließ aus seinem Taschenmesser einen Pfriem aufschnellen und bohrte ihn langsam über der rechten Hand im Schaukelstuhl in die Luft, als sei sie Leder. Der verkleidete Türke stieß einen leisen Schmerzensruf aus. Sureja nahm schnell das Gefäß mit Wasser aus den Händen des Schlafenden und stellte es auf den Tisch. Dann bohrte er mehrmals den Pfriem durch die Luft und setzte sich auf den noch freien Stuhl.

»Ich beneide Sie um die Gelegenheit, mein Fürst, Ihre Leute so bald gegen Scharef führen zu können.«

»Tüchtige Leute, aber noch zu wenig Disziplin. Ein paar preußische Unteroffiziere müßten sie erst noch vierzehn Tage unter die Finger bekommen.«

Sureja sprang lachend auf. »Vielleicht täten es auch ein paar russische? Reiten Sie nach Djulfa, drei Kosakenregimenter liegen am Araxes. Ich müßte russische Wachtmeister schlecht kennen, wenn sie Ihnen nicht für eine Handvoll weißes Geld gefällig wären.«

»Bei meiner Seele.« Auch Hakob sprang auf.

»Da es sich um ein Geschäft mit Christen handelt, mein Fürst, kann ich Ihnen zu meinem Bedauern den Weg nicht abnehmen.«

»Ich reite noch heute nacht.«

Der Fürst beugte sich aufmerksam über die rechte Hand des Türken im Schaukelstuhl. Auf dem Handrücken zeigte sich ein roter Fleck wie von einem Stich, der langsam anschwoll. »Gott ist groß!« entfuhr es dem Prinzen, »Doktor Durville ist wirklich ein großer Gelehrter.« Er strich dem schlafenden Türken mit der flachen Rechten wieder einige Male über den Körper von den Füßen bis zum Kopf.

»Vorwärts!« zischte Hakob.

»Schade, daß Sie nicht auch bei Doktor Durville experimentiert haben. Es gibt sechs Stadien des Tiefschlafs. Man muß den Mann langsam, von Stufe zu Stufe wieder zum Tagesbewußtsein bringen, wie man in Europa sagt. Sonst schadet man dem Mann. Schaden möchte ich ihm erst wieder, wenn er bei vollem Bewußtsein ist.«

Endlich war es soweit, und es kam wieder Leben und Farbe in Haut und Augen des Türken.

»Habt Ihr wohl geruht, Schwert des Staates?« fragte der Prinz höflich.

Der Türke blickte zur Decke und rührte sich nicht.

»Ich könnte einen Teppichbreiter rufen und Euch die Bastonade geben lassen. Eure Fußsohlen laden dazu ein. Aber ich bin ein Heiligensohn und ehre jedes alte Weib, wie es der heilige Prophet vorschreibt.« Der Prinz setzte sich und zog das Gefäß mit Wasser näher.

»Scharef lagert mit seinen Hunden noch bei Wan?«

Der Türke blickte stumm zur Decke.

»Ihr wollt nicht? So paßt einmal gut auf.« Der Prinz zog sein Taschenmesser und stach mit der größten Klinge schnell und tief in das Wasser.

»Oh Ali!« entfuhr es dem Türken.

»Ihr seid also gar kein echter Sunnit, sondern ein halber Schiit. Um so schlimmer für Euch.« Er senkte die Messerklinge langsam tief in das Gefäß mit Wasser und hielt sie darin fest.

Der Türke begann zu stöhnen und wand sich. Dicht hinter dem rechten Handgelenk quollen auf der Haut des Unterarms ein paar dicke, dunkle Blutstropfen auf. Er starrte wie entgeistert auf den Prinzen, dessen Messerklinge immer noch rief im Wasser stak. Jetzt drehte er sie langsam im Wasser um ihre Achse. Das Blut kam reichlicher wie aus einer breiter gewordenen Wunde.

Sureja nahm das Messer aus dem Wasser. »Ihr seht, ein Heiligensohn kann auch mit dem Satan im Bunde sein. Lagert Scharef Pascha mit seinen Hunden noch bei Wan?«

Der Türke biß Zähne und Lippen fest aufeinander.

»Es tut mir leid um dich, altes Weib. Sieh her!« Sureja hatte das Gefäß mit Wasser in beide Hände genommen und wiegte es langsam auf und ab. Der Türke wand sich unter Grimassen.

Sureja schüttelte das Gefäß mit Wasser heftiger. Der Türke stöhnte, schnappte mühsam nach Luft, und sein Gesicht färbte sich blaurot, als drohe ein Schlaganfall.

Sureja stellte das Gefäß auf den Tisch. Langsam erholte sich der Türke wieder.

»Laßt ein heißes Wärmbecken kommen«, flüsterte der Kurde dem Armenier zu. Dieser rief durch das Fenster nach dem Hof, und bald darauf brachte ein Diener ein glühendheißes Wärmbecken, das in einen kleinen Teppich gehüllt war.

Sureja spritzte mit den Fingern einige Tropfen aus dem gläsernen Gefäß in das Wärmbecken, daß sie zischend verdampften. Der Türke wimmerte.

Wütend sprang der Fürst auf. »Du bleibst immer noch stumm, du Hund? Jetzt werde ich dich heulen lehren!« Mit beiden Händen schöpfte er Wasser aus dem Gefäß und schleuderte es auf das Wärmbecken. Immer wieder. Der Türke schrie, und auf seiner Haut zeigten sich große Brandblasen.

»Lagert Scharef mit seinen Hunden immer noch bei Wan?« brüllte Sureja von Maku.

»Ah! Akh! ei wei! ei dad! ei aeman!« brüllte der Türke.

»Lagert Scharef noch bei Wan?«

»Ja, Herr! Ja, Satan!« stöhnte der Türke.

»Wie Gott will!« meinte Sureja befriedigt und trocknete sich die Hände.

Sureja näherte sich dem Türken, der wehrlos in seinem Schaukelstuhl lag, und öffnete den hölzernen Block, so daß die Füße des Gefangenen wieder frei wurden.

»Ihr seid frei, Sohn einer Hündin. Beeilt Euch, bevor ich mich eines anderen besinne. In Gottes Namen, Pfeiler des Königreichs.« Er verneigte sich hoheitsvoll.

Hakob Akunian hatte eine Pistole gezogen und brachte sie in Anschlag.

Wieder verneigte sich Sureja vor dem Türken. »Das Leben Ihres geehrten Erzeugers möge lang sein.«

Schwerfällig, mit zusammengebissenen Zähnen rutschte der Türke mühsam aus dem Schaukelstuhl und gab dem ihm fremdartigen Gegenstand, den er irgendwie für mitschuldig an der Marter halten mochte, unter einem leisen Fluch hinterrücks mit der linken Ferse einen kräftigen Tritt.

Hakob Akunian klatschte dreimal kräftig in die Hände. Im Rahmen der Tür erschien ein schwer bewaffneter Diener, der das alte Kurdenweib auf einen Wink des Fürsten auf die Arme nahm, durch den Hof trug und vor das Tor warf, das er hinter ihm sorgfältig verschloß und verriegelte.

»Und wenn er nicht wiederkommt, um den Aufbruch Scharefs zu melden?« fragte Hakob Akunian unruhig.

Sureja lächelte: »Da merkt man wieder, wie sehr ihr Christen Ungläubige seid, mein Fürst.«

»Und wenn er nicht nach Stambul geht und sich nicht von der Galatabrücke stürzt? ... dann haben wir einem heimtückischen Feind ohne Grund das Leben geschenkt.«

Der Kurde nahm die Mumie vom Tisch und bat um einen sicheren, verschließbaren kleinen Schrein. Er hielt die Mumie dem Fürsten dicht unter die Augen. »Dann durchbohre ich sie mit einem langen Nagel oder schmelze sie langsam auf einer heißen Pfanne. Dann ist der Feind tot.« Der Prinz lachte laut und zeigte das kräftige Gebiß eines Raubtiers. »Ich habe mehrere solcher Puppen in meinem Haus und schon mehr als einer mit Erfolg einen Nagel in die Eingeweide getrieben. Darauf könnt Ihr Euch verlassen, Fürst.« Er blies die Wachskerze aus.

Die beiden verließen den Raum, der finster wurde. Nur der Schaukelstuhl bewegte sich immer noch ruckartig, aber geräuschlos auf dem Täbristeppich. Immer noch beunruhigt von dem Fußtritt des Türken.

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