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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 60
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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Also sprach sie zum Schein, den Gemahl zu versuchen. Doch zürnend
Wandte sich jetzt Odysseus zu seiner edlen Gemahlin:

Wahrlich, o Frau, dies Wort hat meine Seele verwundet!
Wer hat mein Bette denn anders gesetzt? das könnte ja schwerlich

185  Selbst der erfahrenste Mann; wo nicht der Unsterblichen einer
Durch sein allmächtiges Wort es leicht von der Stelle versetzte:
Doch kein sterblicher Mensch, und trotzt' er in Kräften der Jugend,
Könnt' es hinwegarbeiten! Ein wunderbares Geheimnis
War an dem künstlichen Bett; und ich selber baut' es, kein andrer!
190  Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
Rings um diesen erbaut' ich von dichtgeordneten Steinen
Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
Und verschloß die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
195  Hierauf kappt' ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet' ihn ringsum
Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
Schnitzt' ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt' ihn rings mit dem Bohrer,
Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
200  Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.
Dies Wahrzeichen sag' ich dir also. Aber ich weiß nicht,
Frau, ob es noch so ist, wie vormals; oder ob jemand
Schon den Fuß von der Wurzel gehaun, und das Bette versetzt hat.

205 

Also sprach er. Der Fürstin erzitterten Herz und Kniee,
Als sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus verkündet:
Weinend lief sie hinzu, und fiel mit offenen Armen
Ihrem Gemahl um den Hals, und küßte sein Antlitz, und sagte:

Sei mir nicht bös, Odysseus! Du warst ja immer ein guter

210  Und verständigen Mann! Die Götter gaben uns Elend;
Denn zu groß war das Glück, daß wir beisammen in Eintracht
Unserer Jugend genössen, und sanft dem Alter uns nahten!
Aber du mußt mir jetzo nicht darum zürnen noch gram sein,
Daß ich, Geliebter, dich nicht beim ersten Blicke bewillkommt!
215  Siehe, mein armes Herz war immer in Sorgen, es möchte
Irgend ein Sterblicher kommen, und mich mit täuschenden Worten
Hintergehn; es gibt ja so viele schlaue Betrüger!
Nimmer hätte der Fremdling die schöne argeiische Fürstin
Helena, Tochter von Zeus, zur heimlichen Liebe verleitet;
220  Hätte sie vorbedacht, daß die kriegrischen Söhne Achaias
Würden mit Feuer und Schwert sie zurück aus Ilion fodern.
Aber gereizt von der Göttin, erlag sie der schnöden Verführung,
Und erwog nicht vorher in ihrem Herzen das nahe
Schreckengericht, das auch uns so vielen Jammer gebracht hat!
225  Jetzo, da du, Geliebter, mir so umständlich die Zeichen
Unserer Kammer nennst, die doch kein Sterblicher sahe,
Sondern nur du und ich, und die einzige Kammerbediente
Aktoris, welche mein Vater mir mitgab, als ich hieher zog,
Die uns beiden die Pforte bewahrt des festen Gemaches:
230  Jetzo besiegst du mein Herz, und alle Zweifel verschwinden.

Also sprach sie. Da schwoll ihm sein Herz von inniger Wehmut:
Weinend hielt er sein treues geliebtes Weib in den Armen.
So erfreulich das Land den schwimmenden Männern erscheinet,
Deren rüstiges Schiff der Erdumgürter Poseidon

235  Mitten im Meere durch Sturm und geschwollene Fluten zerschmettert;
Wenige nur entflohn dem dunkelwogenden Abgrund,
Schwimmen ans Land, ringsum vom Schlamme des Meeres besudelt,
Und nun steigen sie freudig, dem Tod' entronnen, ans Ufer:
So erfreulich war ihr der Anblick ihres Gemahles;
240  Und fest hielt sie den Hals mit weißen Armen umschlungen.
Und sie hätten vielleicht bis zur Morgenröte gejammert;
Aber ein andres beschloß die heilige Pallas Athene.
Denn sie hemmte die Nacht am Ende des Laufes, und weilte
An des Oceans Fluten die goldenthronende Eos:
245  Und noch spannte sie nicht die schnellen leuchtenden Rosse
Lampos und Phäton an, das Licht den Menschen zu bringen.
Aber zu seiner Gemahlin begann der weise Odysseus:

Liebes Weib, noch haben wir nicht der furchtbaren Kämpfe
Ziel erreicht; es droht noch unermeßliche Arbeit,

250  Viel und gefahrenvoll, und alle muß ich vollenden!
Also verkündigte mir des großen Teiresias' Seele,
Jenes Tages, da ich in Aïs' Wohnung hinabstieg,
Forschend nach der Gefährten und meiner eigenen Heimkehr.
Aber nun laß uns, Frau, zu Bette gehen: damit uns
255  Beide jetzo die Ruhe des süßen Schlafes erquicke.

Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Jetzo wird dein Lager bereit sein, wann du es wünschest:
Da dir endlich die Götter verstatteten, wiederzukehren
In dein prächtiges Haus und deiner Väter Gefilde.

260  Aber weil dich ein Gott daran erinnert, mein Lieber,
Sage mir auch den Kampf! Ich muß ihn, denk' ich, doch einmal
Hören; so ist es ja wohl nicht schlimmer, ihn gleich zu erfahren.

Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Armes Weib, warum verlangst du, daß ich dir dieses

265  Sage? Ich will es dir denn verkünden, und nichts dir verhehlen.
Freilich wird sich darob dein Herz nicht freuen; ich selber
Freue mich nicht. Denn mir gebeut der erleuchtete Seher,
Fort durch die Welt zu gehn, in der Hand ein geglättetes Ruder,
Immerfort, bis ich komme zu Menschen, welche das Meer nicht
270  Kennen, und keine Speise gewürzt mit Salze genießen,
Welchen auch Kenntnis fehlt von rotgeschnäbelten Schiffen,
Und von geglätteten Rudern, den Fittichen eilender Schiffe.
Deutlich hat er sie mir bezeichnet, daß ich nicht irre.
Wenn ein Wanderer einst, der mir in der Fremde begegnet,
275  Sagt, ich trag' eine Schaufel auf meiner rüstigen Schulter;
Dann soll ich dort in die Erde das schöngeglättete Ruder
Stecken, und Opfer bringen dem Meerbeherrscher Poseidon,
Einen Widder und Stier und einen mutigen Eber;
Drauf zur Heimat kehren, und opfern heilige Gaben
280  Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern,
Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere
Kommen der Tod, und mich, von hohem behaglichem Alter
Aufgelöseten, sanft hinnehmen, wann ringsum die Völker
Froh und glücklich sind. Dies hat mir der Seher verkündet.

285 

Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Nun wenn dir von den Göttern ein frohes Alter bestimmt ist;
Können wir hoffen, du wirst dein Leiden glücklich vollenden.

Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Eurykleia indes und Eurynome breiteten emsig

290  Weiche Gewande zum Lager, beim Scheine leuchtender Fackeln.
Und nachdem sie in Eile das warme Lager gebettet,
Ging die Alte zurück in ihre Kammer, zu ruhen.
Aber Eurynome führte den König und seine Gemahlin
Zu dem bereiteten Lager, und trug die leuchtende Fackel;
295  Als sie die Kammer erreicht, enteilte sie. Jene bestiegen
Freudig ihr altes Lager, der keuschen Liebe geheiligt.

Aber Telemachos, der Rinderhirt und der Sauhirt
Ruhten jetzo vom fröhlichen Tanz, es ruhten die Weiber;
Und sie legten sich schlafen umher im dunkeln Palaste.

300 

Jene, nachdem sie die Fülle der seligen Liebe gekostet,
Wachten noch lang', ihr Herz mit vielen Gesprächen erfreuend.
Erst erzählte das göttliche Weib, wie viel sie im Hause
Von dem verwüstenden Schwarme der bösen Freier erduldet,
Wie sie um ihretwillen die fetten Rinder und Schafe

305  Scharenweise geschlachtet, und frech im Weine geschwelget.
Dann erzählte der Held, wie vielen Jammer er andern
Menschen gebracht, und wie viel er selber vom Schicksal erduldet.
Und die Königin horchte mit inniger Wonne; kein Schlummer
Sank auf die Augenlider, bevor er alles erzählet.

310 

Und er begann, wie er erst die Kikonen bezwungen, und hierauf
An der fruchtbaren Küste der Lotophagen gelandet.
Was der Kyklope getan, und wie er der edlen Gefährten
Tod bestraft, die er fraß, der unbarmherzige Wütrich.
Und wie Äolos ihn, nach milder Bewirtung, zur Heimfahrt

315  Ausgerüstet; allein die Stunde der fröhlichen Heimkehr
War noch nicht; denn er trieb, von dem wilden Orkane geschleudert,
Lautwehklagend zurück ins fischdurchwimmelte Weltmeer.
Wie er Telepylos dann und die Lästrygonen gesehen,
Wo er die rüstigen Schiffe und schöngeharnischten Freunde
320  Alle verlor; nur er selber entrann mit dem schwärzlichen Schiffe.
Auch von Kirkes Betrug und Zauberkünsten erzählt' er;
Und wie er hingefahren in Aïdes dumpfe Behausung,
Um des thebäischen Greises Teiresias' Seele zu fragen,
Im vielrudrigen Schiff, und alle Freunde gesehen,
325  Auch die Mutter, die ihn gebar und als Knaben ernährte.
Wie er dann den Gesang der holden Sirenen gehöret;
Dann die irrenden Klippen gesehn, und die wilde Charybdis,
Und die Skylla, die keiner noch unbeschädigt vorbeifuhr.
Dann, wie seine Gefährten die Sonnenrinder geschlachtet;
330  Und wie sein rüstiges Schiff der Gott hochrollender Donner
Zeus mit dem Blitze zerschmettert; es sanken die tapfern Genossen
Allzumal, nur er selber entfloh dem Schreckenverhängnis.
Wie er drauf gen Ogygia kam, zur Nymphe Kalypso,
Die ihn so lang aufhielt in ihrer gewölbeten Grotte,
335  Und zum Gemahl ihn begehrte: sie reicht' ihm Nahrung und sagte
Ihm Unsterblichkeit zu und nimmerverblühende Jugend;
Dennoch vermochte sie nicht sein standhaftes Herz zu bewegen.
Wie er endlich, nach großer Gefahr, die Phäaken erreichet,
Welche von Herzen ihn hoch, wie einen Unsterblichen, ehrten,
340  Und ihn sandten im Schiffe zur lieben heimischen Insel,
Reichlich mit Erz und Golde beschenkt und prächtigen Kleidern.
Und kaum hatt' er das Letzte gesagt, da beschlich ihn der süße
Sanftauflösende Schlummer, den Gram der Seele vertilgend.

Aber ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:

345  Als sie glaubte, der Held Odysseus habe nun endlich
Seine Seele in Lieb' und süßem Schlafe gesättigt;
Rief sie vom Ocean schnell die goldenthronende Frühe,
Daß sie die finstere Welt erleuchtete. Aber Odysseus
Sprang vom schwellenden Lager, und sprach zu seiner Gemahlin:

350 

Frau, wir haben bisher der Leiden volle Genüge
Beide geschmeckt: da du so herzlich um meine Zurückkunft
Weintest, und mich der Kronid' und die andern Götter durch Unglück
Stets, wie sehr ich auch strebte, von meiner Heimat entfernten.
Jetzo, nachdem wir die Nacht der seligen Liebe gefeiert,

355  Sorge du für die Güter, die mir im Palaste geblieben;
Aber die Rinder und Schafe, die mir die Freier verschwelget,
Werden mir teils die Achaier ersetzen, und andere werd' ich
Beuten von fremden Völkern, bis alle Höfe gefüllt sind.
Jetzo geh' ich hinaus, den guten Vater Laertes
360  Auf dem Lande zu sehn, der mich so herzlich bejammert.
Dir befehl' ich, o Frau; zwar bist du selber verständig:
Gleich wenn die Sonn' aufgeht, wird sicher der Ruf von den Freiern
Durch die Stadt sich verbreiten, die ich im Hause getötet;
Darum steig' in den Söller, und sitze dort unter den Weibern
365  Ruhig; siehe nach keinem dich um, und rede mit keinem.

Also sprach er, und panzerte sich mit schimmernder Rüstung,
Weckte Telemachos dann und beide Hirten vom Schlummer,
Und gebot, in die Hand die Waffen des Krieges zu nehmen.
Diese gehorchten ihm schnell, und standen in eherner Rüstung,

370  Schlossen die Pforte dann auf, und gingen, geführt von Odysseus.
Schon umschimmerte Licht die Erde. Doch Pallas Athene
Führte sie schnell aus der Stadt, mit dichtem Nebel umhüllet.
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