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Gutenberg > Homer >

Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 47
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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Achtzehnter Gesang

Odysseus kämpft mit dem Bettler Iros. Amphinomos wird umsonst gewarnt Penelopeia besänftigt die Freier durch Hoffnung, und empfängt Geschenke. Odysseus von den Mägden beleidigt, von Eurymachos verhöhnt und geworfen. Die Freier gehn zur Ruhe.

Jetzo kam ein Bettler von Ithaka, welcher die Gassen
Haus bei Haus durchlief, ein weitberüchtigter Vielfraß:
Immer füllt' er den Bauch mit Essen und Trinken, und hatte
Weder Stärke noch Kraft, so groß auch seine Gestalt war.
5  Dieser hieß Arnäos; denn also nannt' ihn die Mutter
Bei der Geburt; allein die Jünglinge nannten ihn Iros,
Weil er gerne mit Botschaft ging, wenn es einer verlangte.
Dieser kam, Odysseus von seinem eigenen Hause
Wegzutreiben; er schalt ihn, und sprach die geflügelten Worte:

10 

Geh von der Türe, du Greis, daß man nicht beim Fuße dich schleppe!
Merkst du nicht, wie man rings mit den Augenwimpern mir zuwinkt,
Dich von hinnen zu schleppen? Allein ich scheue mich dennoch.
Auf denn! oder es kommt noch zwischen uns beiden zum Faustkampf!

Zürnend schaute auf ihn und sprach der weise Odysseus:

15  Elender, hab ich doch nimmer mit Wort oder Tat dich beleidigt!
Auch mißgönn' ich's dir nicht, wie viel dir einer auch schenke.
Und die Schwelle hat Raum für uns beide. Du mußt nicht so neidisch
Sehn bei anderer Milde; du scheinst mir ein irrender Fremdling,
Eben wie ich; der Reichtum kömmt von den seligen Göttern.
20  Aber fodre mich nicht so übermütig zum Faustkampf:
Daß ich nicht zürn', und dir, trotz meines Alters, mit Blute
Brust und Lippen besudle! Dann säß ich morgen vermutlich
Noch geruhiger hier; denn schwerlich kehrtest du jemals
Wieder zurück in das Haus des Laertiaden Odysseus!

25 

Und mit zürnendem Blick antwortete Iros der Bettler:
All' ihr Götter, wie rasch der verhungerte Bettler da plappert;
Recht wie ein Heizerweib! Ich möcht' es ihm übel gedenken,
Rechts und links ihn zerdreschen, und alle Zähn' aus dem Maul' ihm
Schlagen, wie einer Sau, die fremde Saaten verwüstet!

30  Auf, und gürte dich jetzo, damit sie alle des Kampfes
Zeugen sei'n. Wie willst du des Jüngeren Stärke bestehen?

Also zankten sie sich vor der hohen Pforte des Saales,
Auf der geglätteten Schwelle, mit heftig erbitterten Worten.
Ihre Worte vernahm Antinoos' heilige Stärke,

35  Und mit herzlicher Lache begann er unter den Freiern:

So was, ihr Lieben, ist uns bisher noch nimmer begegnet!
Welche Freude beschert uns Gott in diesem Palaste!
Jener Fremdling und Iros, die fodern sich jetzo einander
Zum Faustkampfe heraus. Kommt eilig, wir wollen sie hetzen!

40 

Also sprach er; und schnell erhuben sich alle mit Lachen,
Und versammelten sich um die schlechtgekleideten Bettler.
Aber Eupeithes' Sohn Antinoos sprach zur Versammlung:

Höret, was ich euch sage, ihr edelmütigen Freier!
Hier sind Ziegenmagen, mit Fett und Blute gefüllet

45  Die wir zum Abendschmaus auf glühende Kohlen geleget.
Wer nun am tapfersten kämpft, und seinen Gegner besieget;
Dieser wähle sich selbst die beste der bratenden Würste.
Künftig find' er auch immer an unserem Mahle sein Anteil,
Und kein anderer Bettler soll diese Schwelle betreten.

50 

Also sprach er; und allen gefiel Antinoos' Rede.
Listensinnend begann der erfindungsreiche Odysseus:

Lieben, ich alter Mann, durch so viel Elend entkräftet,
Kann unmöglich die Stärke des jüngeren Mannes bestehen.
Aber mich zwingt der Hunger, die härtesten Schläge zu dulden!

55  Nun wohlan! verheißt mir denn alle mit heiligem Eidschwur,
Daß nicht Iros zuliebe mich einer mit nervichter Rechte
Freventlich schlagen will, ihm seinen Sieg zu erleichtern.

Also sprach er; und alle beschwuren, was er verlangte.
Und die heilige Kraft Telemachos redete jetzo:

60 

Fremdling, gebeut es dein Herz und deine mutige Seele,
Treib' ihn getrost hinweg, und fürchte der andern Achaier
Keinen! Wer dich verletzt, der hat mit mehren zu kämpfen!
Dein Beschützer bin ich, und beide verständige Fürsten
Hegen, Antinoos dort und Eurymachos, gleiche Gesinnung.

65 

Seine Rede lobten die übrigen. Aber Odysseus
Gürtete sich um die Scham mit seinen Lumpen, und zeigte
Schöne rüstige Lenden; auch seine nervichten Arme
Wurden entblößt, die Brust, und die breite Schulter; Athene
Schmückt' unsichtbar mit Kraft und Größe den Hirten der Völker.

70  Aber die Freier alle umstaunten die Wundererscheinung;
Einer wendete sich zu seinem Nachbar, und sagte:

Iros, der arme Iros bereitet sich wahrlich ein Unglück!
Welche fleischichte Lende der Greis aus den Lumpen hervorstreckt!

Also sprachen die Freier; und Iros ward übel zu Mute.

75  Aber es gürteten ihn mit Gewalt die Diener, und führten
Ihn wie er zitterte fort, und sein Fleisch umbebte die Glieder,
Und Antinoos schalt ihn, und sprach mit drohender Stimme:

Wärst du doch tot, Großprahler, ja wärst du nimmer geboren,
Da du vor diesem so bebst, und so entsetzlich dich anstellst,

80  Vor dem alten Manne, den mancherlei Elend geschwächt hat!
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich erfüllet:
Schlägt dich dieser zu Boden, und geht als Sieger vom Kampfplatz;
Siehe dann send' ich dich gleich im schwarzen Schiffe zum König
Echetos in Epeiros, dem Schrecken des Menschengeschlechtes:
85  Daß er dir Nas' und Ohren mit grausamem Erze verstümmle,
Und die entrissene Scham den Hunden gebe zu fressen!

Sprach's; da zitterte jener noch stärker an Händen und Füßen.
Aber sie führten ihn hin; und beide erhuben die Fäuste.
Nun ratschlagte bei sich der herrliche Dulder Odysseus:

90  Ob er ihn schlüge, daß gleich auf der Stelle sein Leben entflöhe;
Oder mit sanftem Schlage nur bloß auf den Boden ihn streckte.
Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste:
Sanft zu schlagen, um nicht den Achaiern Verdacht zu erwecken.
Iros schlug mit der Faust die rechte Schulter Odysseus';
95  Dieser ihm unter das Ohr an den Hals, daß der Kiefer des Bettlers
Knirschend zerbrach, und purpurnes Blut dem Rachen entstürzte.
Schreiend fiel er zu Boden, ihm klappten die Zähn', und die Füße
Zappelten staubend im Sand. Da erhuben die mutigen Freier
Jauchzend die Händ', und lachten sich atemlos. Aber Odysseus
100  Zog ihn beim Fuß aus der Tür, und schleppt' ihn über den Vorhof
Durch die Pforte der Halle; da lehnt' er ihn mit dem Rücken
Gegen die Mauer des Hofs, und gab ihm den Stab in die Rechte;
Und er redet' ihn an, und sprach die geflügelten Worte:

Sitze nun ruhig hier, und scheuche die Hund' und die Schweine!

105  Hüte dich ferner, den Armen und Fremdlingen hier zu befehlen,
Elender Mensch; damit dir kein größeres Übel begegne!

Also sprach er, und warf um die Schulter den häßlichen Ranzen,
Allenthalben geflickt, mit einem geflochtenen Tragband;
Ging zur Schwelle zurück, und setzte sich. Aber die Freier

110  Gingen mit herzlichem Lachen hinein, und grüßten ihn also:

Fremdling, dir gebe Zeus und die andern unsterblichen Götter,
Was du am meisten verlangst, und was dein Herz nur begehret:
Weil du unsere Stadt von dem unersättlichen Bettler
Hast befreit! Bald werden wir ihn fortsenden zum König

115  Echetos in Epeiros, dem Schrecken des Menschengeschlechtes.

Also sprachen die Freier; der vorbedeutenden Worte
Freute der edle Odysseus sich herzlich. Antinoos bracht ihm
Jetzo den großen Magen, mit Fett und Blute gefüllet;
Und Amphinomos nahm zwei Bröt' aus denn zierlichen Korbe,

120  Brachte sie, trank ihm zu aus goldenem Becher, und sagte:

Freue dich, fremder Vater! Es müsse dir wenigstens künftig
Wohl ergehn! denn jetzo umringt dich mancherlei Trübsal.

Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Du, Amphinomos, scheinst mir ein sehr verständiger Jüngling,

125  Und ein würdiger Sohn von deinem rühmlichen Vater
Nisos, der, wie ich höre, ein edler und mächtiger König
In Dulichion ist. Dein Blick verkündiget Scharfsinn.
Darum sag' ich dir jetzt; nimm meine Worte zu Herzen.
Siehe kein Wesen ist so eitel und unbeständig,
130  Als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.
Denn so lange die Götter ihm Heil und blühende Jugend
Schenken, trotzt er, und wähnt, ihn treffe nimmer ein Unglück.
Aber züchtigen ihn die seligen Götter mit Trübsal;
Dann erträgt er sein Leiden mit Ungeduld und Verzweiflung,
135  Denn wie die Tage sich ändern, die Gott vom Himmel uns sendet,
Ändert sich auch das Herz der erdebewohnenden Menschen.
Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann, und verübte
Viel Unarten, vom Trotz und Übermute verleitet,
Weil mein Vater mich schützte und meine mächtigen Brüder.
140  Drum erhebe sich nimmer ein Mann, und frevele nimmer;
Sondern genieße, was ihm die Götter bescheren, in Demut!
Welchen Greuel erblick' ich, den hier die Freier beginnen!
Wie sie die Güter verschwelgen, und schmähn die Gattin des Mannes,
Welcher vielleicht nicht lange von seinen Freunden und Ländern
145  Ferne bleibt, vielleicht schon nah ist! Aber es führe
Dich ein Himmlischer heim, daß du nicht jenem begegnest,
Wann er wieder zurück in sein liebes Vaterland kehret!
Denn die Freier allhier und jener trennen sich schwerlich
Ohne Blut voneinander, sobald er unter sein Dach kommt!

150 

Also sprach er, und goß des süßen Weines den Göttern,
Trank, und reichte den Becher zurück dem Führer der Völker.
Dieser ging durch den Saal mit tiefverwundeter Seele,
Und mit gesunkenem Haupt; denn er ahnete Böses im Herzen.
Dennoch entrann er nicht dem Verderben; ihn fesselt' Athene,

155  Daß ihn Telemachos' Hand mit der Todeslanze vertilgte.
Und er setzte sich nieder auf seinen verlassenen Sessel.

Aber Ikarios' Tochter, der klugen Penelopeia
Gab Athene, die Göttin mit blauen Augen, den Rat ein,
Sich den Freiern zu zeigen, auf daß sie mit täuschender Hoffnung

160  Ihre Herzen noch mehr erweiterte, und bei Odysseus
Und Telemachos sich noch größere Achtung erwürbe.
Und sie erzwang ein Lächeln, und sprach mit freundlicher Stimme:

Jetzt, Eurynome, fühl' ich zum erstenmal ein Verlangen,
Mich den Freiern zu zeigen, wie sehr sie mir immer verhaßt sind.

165  Gerne möcht' ich den Sohn zu seinem Besten erinnern,
Daß er ganz die Gesellschaft der stolzen Freier vermiede;
Denn sie reden zwar gut, doch heimlich denken sie Böses.

Aber die Schaffnerin Enrynome gab ihr zur Antwort:
Wahrlich, mein Kind, du hast mit vielem Verstande geredet.

170  Gehe denn hin, und sprich mit deinem Sohne von Herzen;
Aber bade zuvor den Leib, und salbe dein Antlitz.
Denn du mußt nicht so mit tränenumflossenen Wangen
Hingehn; unaufhörlicher Gram vermehrt nur das Leiden!
Siehe, du hast den erwachsenen Sohn; und du wünschest ja herzlich,
175  Daß dir die Götter gewährten, ihn einst im Barte zu sehen!

Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
O! so gut du es meinst, Eurynome, rate mir das nicht,
Meinen Leib zu baden, und meine Wangen zu salben!
Denn die Liebe zum Schmuck ward mir von den himmlischen Göttern

180  Gänzlich geraubt, seit jener in hohlen Schiffen hinwegfuhr!
Aber laß mir Autonoe gleich und Hippodameia
Kommen: sie sollen mich in den Saal hinunter begleiten!
Denn es ziemet mir nicht, allein zu Männern zu gehen.

Also sprach sie; da ging die Schaffnerin aus dem Gemache,

185  Brachte der Fürstin Befehl, und trieb die Mägde zu eilen.

Jetzo ersann ein andres die heilige Göttin Athene:
Siehe mit süßem Schlummer umgoß sie Penelopen.
Und sie entschlief hinsinkend; die hingesunkenen Glieder
Ruhten sanft auf dem Sessel. Da gab die heilige Göttin

190  Ihr unsterbliche Gaben, damit sie die Freier entzückte:
Wusch ihr schönes Gesicht mit ambrosischem Öle der Schönheit,
Jenem, womit Aphrodite die Schöngekränzte sich salbet,
Wann sie zum reizenden Chore der Charitinnen dahinschwebt;
Schuf sie höher an Wuchs, und jugendlicher an Bildung,
195  Schuf sie weißer, als Elfenbein, das der Künstler geglättet.
Als sie dieses vollbracht, entschwebte die heilige Göttin.
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