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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 27
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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Also sprach ich; und schnell gehorchten sie meinem Befehle,
Kamen aus ihren Hüllen, am Ufer des wüsten Meeres,
180  Und verwunderten sich des riesenmäßigen Hirsches.
Und nachdem sie die Augen an seiner Größe geweidet,
Wuschen sie ihre Hände, das herrliche Mahl zu bereiten.
Also saßen wir dort den Tag bis die Sonne sich neigte,
An der Fülle des Fleisches und süßen Weines uns labend.
185  Als die Sonne nun sank, und Dunkel die Erde bedeckte,
Legten wir uns zum Schlummer am Strande des rauschenden Meeres.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Rief ich alle Gefährten zur Ratsversammlung, und sagte:

Höret jetzo mich an, ihr meine Genossen im Unglück!

190  Freunde, wir wissen ja nicht, wo Abend oder wo Morgen;
Nicht, wo die leuchtende Sonne sich unter die Erde hinabsenkt,
Noch, wo sie wiederkehrt: drum müssen wir schnell uns bedenken,
Ist noch irgend ein Rat; ich sehe keinen mehr übrig.
Denn ich umschauete dort von der Höhe des zackichten Felsens
195  Diese Insel, die rings das unendliche Meer umgürtet,
Nahe liegt sie am Land'; und in der Mitte der Insel
Sah ich Rauch, der hinter dem dicken Gebüsche hervorstieg.

Also sprach ich; und ihnen brach das Herz vor Betrübnis,
Da sie des Lästrygonen Antiphates Taten bedachten,

200  Und des Kyklopen Gewalt, des grausamen Menschenfressers.
Und sie weineten laut, und vergossen häufige Tränen.
Aber sie konnten ja nichts mit ihrer Klage gewinnen.

Jetzo teilt' ich die Schar der wohlgeharnischten Freunde
In zween Haufen, und gab jedwedem einen Gebieter.

205  Diesen führte ich selbst, der edle Eurylochos jenen.
Eilend schüttelten wir im ehernen Helme die Lose;
Und das Los des beherzten Eurylochos sprang ans dem Helme.
Dieser machte sich auf mit zweiundzwanzig Gefährten;
Weinend gingen sie fort, und verließen uns traurend am Ufer.

210 

Und sie fanden im Tal des Gebirgs die Wohnung der Kirke,
Von gehauenen Steinen, in weitumschauender Gegend.
Ihn umwandelten rings Bergwölfe und mähnichte Löwen,
Durch die verderblichen Säfte der mächtigen Kirke bezaubert.
Diese sprangen nicht wild auf die Männer, sondern sie stiegen

215  Schmeichelnd an ihnen empor mit langen wedelnden Schwänzen.
Also umwedeln die Hunde den Hausherrn, wenn er vom Schmause
Wiederkehrt; denn er bringt beständig leckere Bissen:
Also umwedelten sie starkklauige Löwen und Wölfe.
Aber sie fürchteten sich vor den schrecklichen Ungeheuern.
220  Und sie standen am Hofe der schöngelocketen Göttin,
Und vernahmen im Haus anmutige Melodieen.
Singend webete Kirke den großen unsterblichen Teppich,
Fein und lieblich und glänzend, wie aller Göttinnen Arbeit.
Unter ihnen begann der Völkerführer Polites,
225  Welcher der liebste mir war und geehrteste meiner Genossen:

Freunde, hier wirket jemand, und singt am großen Gewebe
Reizende Melodieen, daß rings das Getäfel ertönet;
Eine Göttin, oder ein Weib; wir wollen ihr rufen!

Also sprach Polites; die Freunde gehorchten, und riefen.

230  Jene kam, und öffnete schnell die strahlende Pforte,
Nötigte sie; und alle, die Unbesonnenen, folgten.
Nur Eurylochos blieb, denn er vermutete Böses.
Und sie setzte die Männer auf prächtige Sessel und Throne,
Mengte geriebenen Käse mit Mehl und gelblichem Honig
235  Unter pramnischen Wein, und mischte betörende Säfte
In das Gericht, damit sie der Heimat gänzlich vergäßen.
Als sie dieses empfangen und ausgeleeret, da rührte
Kirke sie mit der Rute, und sperrte sie dann in die Köfen.
Denn sie hatten von Schweinen die Köpfe, Stimmen und Leiber,
240  Auch die Borsten; allein ihr Verstand blieb völlig, wie vormals.
Weinend ließen sie sich einsperren; da schüttete Kirke
Ihnen Eicheln und Buchenmast, und rote Kornellen
Vor, das gewöhnliche Futter der erdaufwühlenden Schweine.

Und Eurylochos kam zu dem schwärzlichen Schiffe geeilet,

245  Uns das herbe Verhängnis der übrigen Freunde zu melden.
Aber er konnte kein Wort aussprechen, so gern er auch wollte.
Denn die entsetzliche Angst beklemmte sein Herz; die Augen
Waren mit Tränen erfüllt, und Jammer umschwebte die Seele.
Lange hatten wir all' ihn voll Erstaunen befraget;
250  Endlich hub er an, und erzählte der Freunde Verderben:

Edler Odysseus, wir gingen, wie du befahlst, durch die Waldung!
Fanden im Tal des Gebirgs die schöngebauete Wohnung,
Von gehauenen Steinen, in weitumschauender Gegend!
Allda wirkte jemand, und sang am großen Gewebe:

255  Eine Göttin, oder ein Weib! Ihr riefen die andern!
Jene kam, und öffnete schnell die strahlende Pforte,
Nötigte sie; und alle, die Unbesonnenen! folgten.
Ich allein blieb draußen, denn ich vermutete Böses!
Aber mit einmal waren die andern verschwunden, und keiner
260  Kehrte zurück; so lang' ich auch saß, und nach ihnen mich umsah!

Also sprach er; und ich warf eilend das silberbeschlagne
Große eherne Schwert um die Schulter, samt Bogen und Köcher;
Und befahl ihm, mich gleich des selbigen Weges zu führen.
Aber er faßte mir flehend mit beiden Händen die Kniee,

265  Und wehklagete laut, und sprach die geflügelten Worte:

Göttlicher, lasse mich hier, und führe mich nicht mit Gewalt hin!
Denn ich weiß es, du kehrst nicht wieder von dannen, und bringest
Keinen Gefährten zurück! Drum laß uns geschwinde mit diesen
Fliehn! Vielleicht daß wir noch dem Tage des Fluches entrinnen!

270 

Also sprach er; und ich antwortete wieder, und sagte:
Nun so bleibe denn du, Eurylochos, hier auf der Stelle!
Iß und trink dich satt, bei dem schwarzen gebogenen Schiffe!
Aber ich geh' allein! denn ich fühle die Not, die mich hintreibt!

Also sprach ich, und ging von dem Schiff' und dem Ufer des Meeres.

275  Jetzo nähert' ich mich, die heiligen Tale durchwandelnd,
Schon dem hohen Palaste der furchtbaren Zauberin Kirke;
Da begegnete mir Hermeias mit goldenem Stabe
Auf dem Wege zur Burg, an Gestalt ein blühender Jüngling,
Dessen Wange sich bräunt, im holdesten Reize der Jugend.
280  Dieser gab mir die Hand, und sagte mit freundlicher Stimme:

Armer, wie gehst du hier so allein durch die bergichte Waldung,
Da du die Gegend nicht kennst? Bei Kirke sind deine Gefährten
Eingesperrt, wie Schweine, in dichtverschlossenen Ställen.
Gehst du etwa dahin, sie zu retten? Ich fürchte, du kehrest

285  Nicht von dannen zurück, du bleibest selbst bei den andern.
Aber wohlan! ich will dich vor allem Übel bewahren!
Nimm dies heilsame Mittel, und gehe zum Hause der Kirke,
Sicher, von deinem Haupte den Tag des Fluches zu wenden.
Alle verderblichen Künste der Zauberin will ich dir nennen.
290  Weinmus rührt sie dir ein, und mischt ihr Gift in die Speise:
Dennoch gelingt es ihr nicht, dich umzuschaffen; die Tugend
Dieser heilsamen Pflanze verhindert sie. Höre nun weiter.
Wann dich Kirke darauf mit der langen Rute berühret,
Siehe dann reiße du schnell das geschliffene Schwert von der Hüfte,
295  Spring auf die Zauberin los, und drohe sie gleich zu erwürgen.
Diese wird in der Angst zu ihrem Lager dich rufen;
Und nun weigre dich nicht, und besteige das Lager der Göttin,
Daß sie deine Gefährten erlös', und dich selber bewirte.
Aber sie schwöre zuvor der Seligen großen Eidschwur,
300  Daß sie bei sich nichts anders zu deinem Schaden beschlossen;
Daß sie dir Waffenlosen nicht raube Tugend und Stärke.

Also sprach Hermeias, und gab mir die heilsame Pflanze,
Die er dem Boden entriß, und zeigte mir ihre Natur an:
Ihre Wurzel war schwarz, und milchweiß blühte die Blume;

305  Moly wird sie genannt von den Göttern. Sterblichen Menschen
Ist sie schwer zu graben; doch alles vermögen die Götter.

Und der Argosbesieger enteilte zum hohen Olympos
Durch die waldichte Insel; ich ging zum Hause der Kirke
Hin, und viele Gedanken bewegten des Gehenden Seele.

310  Und ich stand an der Pforte der schöngelocketen Göttin,
Stand und rief; und die Göttin vernahm des Rufenden Stimme
Kam sogleich, und öffnete mir die strahlende Pforte,
Nötigte mich herein; und ich folgte mit traurigem Herzen.
Hierauf führte sie mich zu ihrem silberbeschlagnen
315  Schönen prächtigen Thron, mit füßestützendem Schemel,
Mischte mir dann ein Gemüs' im goldenen Becher zu trinken,
Und vergiftet' es tückisch mit ihrem bezaubernden Safte.
Und sie reichte mir's hin; ich trank es, und ohne Verwandlung.
Drauf berührte sie mich mit der Zauberrute, und sagte:
320  Gehe nun in den Kofen, und liege bei deinen Gefährten.
Also sprach sie; da riß ich das schneidende Schwert von der Hüfte,
Sprang auf die Zauberin los, und drohte sie gleich zu erwürgen:
Aber sie schrie, und eilte gebückt, mir die Kniee zu fassen;
Laut wehklagend rief sie die schnellgeflügelten Worte:

325 

Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtstadt?
Staunen ergreift mich, da dich der Zaubertrank nicht verwandelt!
Denn kein sterblicher Mensch ist diesem Zauber bestanden,
Welcher trank, sobald ihm der Wein die Zunge hinabglitt.
Aber du trägst ein unbezwingliches Herz in dem Busen!

330  Bist du jener Odysseus, der, viele Küsten umirrend,
Wann er von Ilion kehrt im schnellen Schiffe, auch hieher
Kommen soll, wie der Gott mit goldenem Stabe mir saget?
Lieber! so stecke dein Schwert in die Scheid', und laß uns zusammen
Unser Lager besteigen, damit wir, beide versöhnet
335  Durch die Freuden der Liebe, hinfort einander vertrauen!

Also sprach sie; und ich antwortete wieder, und sagte:
Kirke, wie kannst du begehren, daß ich dir freundlich begegne?
Da du meine Gefährten im Hause zu Schweinen gemacht hast,
Und mich selber behältst, und mir arglistig befiehlest,

340  In die Kammer zu gehn, und auf dein Lager zu steigen;
Daß du mich Waffenlosen der Tugend und Stärke beraubest?
Nein! ich werde nimmer dein Lager besteigen, o Göttin,
Du willfahrest mir denn, mit hohem Schwur zu geloben,
Daß du bei dir nichts anders zu meinem Verderben beschließest!

345 

Also sprach ich; und eilend beschwur sie, was ich verlangte.
Als sie es jetzo gelobt, und vollendet den heiligen Eidschwur,
Da bestieg ich mit Kirke das köstlichbereitete Lager.

Und in dem hohen Palaste der schönen Zauberin dienten
Vier holdselige Mägde, die alle Geschäfte besorgten.

350  Diese waren Töchter der Quellen und schattigen Haine,
Und der heiligen Ströme, die in das Meer sich ergießen.
Eine von diesen bedeckte die Throne mit zierlichen Polstern:
Oben legte sie Purpur, und unten den leinenen Teppich.
Und die andere stellte die schönen Tische von Silber
355  Vor die Throne, und setzte darauf die goldenen Körbe.
Und die dritte mischte in silberner Schale den süßen
Herzerfreuenden Wein, und verteilte die goldenen Becher.
Aber die vierte Magd trug Wasser, und zündete Feuer
Unter dem großen Dreifuß an, das Wasser zu wärmen.
360  Und nachdem das Wasser im blinkenden Erze gekochet,
Führte sie mich in das Bad, und strömt' aus dem dampfenden Kessel
Lieblichgemischtes Wasser mir über das Haupt und die Schultern,
Und entnahm den Gliedern die geistentkräftende Arbeit.
Als sie mich jetzo gebadet, und drauf mit Öle gesalbet,
365  Da umhüllte sie mir den prächtigen Mantel und Leibrock,
Und dann führte sie mich ins Gemach zum silberbeschlagnen
Schönen künstlichen Thron, mit füßestützendem Schemel.
Eine Dienerin trug in der schönen goldenen Kanne
Über dem silbernen Becken das Wasser, beströmte zum Waschen
370  Mir die Händ', und stellte vor mich die geglättete Tafel.
Und die ehrbare Schaffnerin kam, und tischte das Brot auf,
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat,
Und befahl mir zu essen. Doch meinem Herzen gefiel's nicht;
Sondern ich saß zerstreut, und ahnete Böses im Herzen.
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