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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 25
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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375  Und nun hielt ich die Spitze des Knittels in glimmende Asche,
Bis sie Feuer fing, und stärkte mit herzhaften Worten
Meine Gefährten, daß keiner sich feig' im Winkel verkröche.
Aber da eben jetzo der Ölbaumknittel im Feuer
Drohte zu brennen, so grün er auch war, und fürchterlich glühte;
380  Zog ich ihn eilend zurück aus dem Feuer, und meine Gefährten
Standen um mich; und ein Himmlischer haucht' uns Mut in die Seele.
Und sie faßten den spitzen Olivenknittel, und stießen
Ihn dem Kyklopen ins Aug', und ich, in die Höhe mich reckend,
Drehete. Wie wenn ein Mann, den Bohrer lenkend, ein Schiffholz
385  Bohrt; die Unteren ziehn an beiden Enden des Riemens,
Wirbeln ihn hin und her; und er flieget in dringender Eile:
Also hielten auch wir in das Auge den glühenden Knittel,
Drehten, und heißes Blut umquoll die dringende Spitze.
Alle Wimpern und Augenborsten versengte die Lohe
390  Seines entflammten Sterns; es prasselten brennend die Wurzeln.
Wie wenn ein kluger Schmied die Holzaxt oder das Schlichtbeil
Aus der Ess' in den kühlenden Trog, der sprudelnd emporbraust,
Wirft und härtet; denn dieses ersetzt die Kräfte des Eisens:
Also zischte das Aug' um die feurige Spitze des Ölbrands.
395  Fürchterlich heult' er auf, daß rings die dumpfige Kluft scholl.
Und wir erschraken und flohn in den innersten Winkel. Doch jener
Riß aus dem Auge den Knittel, mit vielem Blute besudelt,
Schleudert' ihn ferne von dannen mit ungebärdigem Grimme;
Und nun ruft er mit Zetergebrüll den andern Kyklopen,
400  Welche ringsum die Klüfte des stürmischen Felsen bewohnten.
Und sie vernehmen das Brüllen, und drängten sich dorther und daher,
Standen rund um die Höhl', und fragten, was ihn betrübte:

Was geschah dir für Leid, Polyphemos, daß du so brülltest
Durch die ambrosische Nacht, und uns vom Schlummer erwecktest?

405  Raubt der Sterblichen einer dir deine Ziegen und Schafe?
Oder würgt man dich selbst, arglistig oder gewaltsam?

Ihnen erwiderte drauf aus der Felsenkluft Polyphemos:
Niemand würgt mich, ihr Freund', arglistig! und keiner gewaltsam!

Drauf antworteten sie, und schrien die geflügelten Worte:

410  Wenn dir denn keiner Gewalt antut in der einsamen Höhle;
Gegen Schmerzen, die Zeus dir schickt, ist kein anderes Mittel:
Flehe zu deinem Vater, dem Meerbeherrscher Poseidon!

Also schrien sie, und gingen. Mir lachte die Seele vor Freude,
Daß sie mein falscher Name getäuscht und mein trefflicher Einfall.

415  Aber ächzend vor Qual, mit jammervollem Gewinsel
Tappte der blinde Kyklop, und nahm den Stein von der Pforte,
Setzte sich dann in die Pforte, mit ausgebreiteten Händen,
Tastend, ob nicht vielleicht mit den Schafen einer entwischte.
So einfältig hielt mich in seinem Herzen der Riese.
420  Aber ich sann umher, das sicherste Mittel zu finden,
Wie ich meine Gefährten und mich von dem schrecklichen Tode
Rettete. Tausend Entwürf' und Listen wurden ersonnen;
Denn es galt das Leben; und fürchterlich drang die Entscheidung!
Doch von allen Entwürfen gefiel mir dieser am besten.

425 

Seine Widder waren sehr feist, dickbuschichter Vliese,
Groß und stattlich von Wuchs, mit brauner Wolle bekleidet.
Diese band ich geheim mit schwanken Ruten zusammen,
Wo der Kyklop auf schlief, das gottlose Ungeheuer!
Drei und drei: der mittelste Bock trug einen der Männer,

430  Und zween gingen beiher, und schirmten meine Gefährten.
Also trugen jeglichen Mann drei Widder. Ich selber
Wählte mir einen Bock, den trefflichsten unter der Herde.
Diesen ergriff ich schnell beim Rücken, wälzte mich nieder
Unter den wollichten Bauch, und lag mit duldendem Herzen,
435  Beide Hände fest im Gekräusel der Flocken verwickelt.
Also erwarteten wir mit Seufzen die heilige Frühe.

Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Eilten die Männer der Herde mit Ungestüm auf die Weide.
Aber es blökten am Stalle die ungemelkten Mütter;

440  Denn die Euter strotzten von Milch. Der grausame Wütrich
Saß von Schmerzen gefoltert, und tastete sorgsam die Rücken
Aller steigenden Widder, und ahnete nicht in der Dummheit,
Daß ich sie unter die Brust der wollichten Böcke gebunden.
Langsam folgte nun der übrigen Herde mein Widder,
445  Schwerbeladen mit Wolle, und mir, der mancherlei dachte.
Streichelnd betastet' auch ihn das Ungeheuer, und sagte:

Süßes Böckchen, wie geht's? Du kommst zuletzt aus der Höhle?
Ei du pflegst mir ja sonst nicht hinter der Herde zu bleiben!
Trabst ja so hurtig voran, und pflückst dir zuerst auf der Weide

450  Gräschen und Blümelein; eilst auch zuerst in die Wellen der Flüsse;
Trachtest auch immer zuerst in den Stall zu kommen des Abends!
Nun der letzte von allen? Ach geht dir etwa das Auge
Deines Herren so nach? Der Bösewicht hat mir's entrissen,
Er samt seinem Gesindel, indem er mit Wein mich berauschte,
455  Niemand! Ich mein', er ist mir noch nicht dem Verderben entronnen!
Hättest du nur Gedanken wie ich, und verstündest die Sprache;
Daß du mir sagtest, wo jener vor meiner Stärke sich hinbirgt!
Ha! auf den Boden geschmettert, wie sollte sein Hirn durch die Höhle
Hiehin und dahin zerspritzen! Wie würde mein Herz von dem Jammer
460  Sich erlaben, den mir der Taugenicht machte, der Niemand!

Also sprach er, und ließ den Widder von sich hinausgehn.
Als wir uns von der Höhl' und dem Hof' ein wenig entfernet,
Macht' ich zuerst vom Widder mich los, und löste die andern.
Eilend trieben wir jetzo die wohlgemästeten großen

465  Hochgeschenkelten Böcke durch mancherlei Krümmen zum Schiffe.
Und mit herzlicher Freud' empfingen die lieben Gefährten
Uns Entflohne des Todes, und klagten schluchzend die andern.
Aber ich ließ es nicht zu; ich deutete jedem mit Blicken,
Nicht zu weinen; befahl dann, die schöne wollichte Herde
470  Hurtig ins Schiff zu werfen, und über die Wogen zu steuern.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke.
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
Als ich so weit nun war, wie die Stimme des Rufenden schallet,
Da begann ich, und rief dem Kyklopen mit schmähenden Worten:

475 

Ha, Kyklope, so recht! Nicht eines Feigen Gefährten
Hast du, wütiger Ries', in der dunkeln Höhle gefressen!
Lange hattest du das mit deinen Sünden verschuldet!
Grausamer, weil du die Gäste nicht scheutest in deiner Behausung
Aufzuschlucken; drum strafte dich Zeus und die übrigen Götter!

480 

Also rief ich. Noch wütender tobte der blinde Kyklope,
Riß herunter und warf den Gipfel des hohen Gebirges.
Aber er fiel jenseits des blaugeschnäbelten Schiffes
Nieder, und wenig gefehlt, so traf er die Spitze des Steuers.
Hochauf wogte das Meer von dem stürzenden Felsen, und plötzlich

485  Raffte mit Ungestüm der strudelnde Schwall der Gewässer,
Landwärts flutend, das Schiff, und warf es zurück an das Ufer.
Aber ich nahm mit den Händen geschwind eine mächtige Stange,
Stieß es vom Land', und trieb und ermahnete meine Gefährten,
Hurtig die Ruder zu regen, daß wir dem Verderben entrönnen,
490  Deutend und nickend; sie flogen ans Werk, und ruderten keuchend.

Als wir nun doppelt so weit in das hohe Meer uns gerettet,
Siehe da rief ich von neuem dem Wüterich. Aber die Freunde
Sprangen umher, und schweigten mich alle mit freundlichen Worten:

Waghals! willst du noch mehr den grausamen Riesen erbittern,

495  Welcher mit seinem Geschoß in die See hinspielet, und eben
Wieder ans Ufer uns warf, wo Tod und Verderben uns drohte?
Hätt' er von dir nur ein Wort, nur deine Stimme vernommen;
Wahrlich mit einem geschleuderten Fels hätt' er unsere Schädel
Samt den Balken des Schiffes zerschellt! Er versteht sich aufs Schleudern!

500 

Aber sie strebten umsonst, mein edles Herz zu bewegen.
Und ich rief dem Kyklopen von neuem mit zürnender Seele:
Hör, Kyklope! Sollte dich einst von den sterblichen Menschen
Jemand fragen, wer dir dein Auge so schändlich geblendet;
Sag' ihm: Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster,

505  Der in Ithaka wohnt, der hat mein Auge geblendet!

Also rief ich ihm zu; und heulend gab er zur Antwort:
Weh mir! es trifft mich jetzo ein längstverkündetes Schicksal!
Hier war einst ein Prophet, ein Mann von Schönheit und Größe,
Telemos, Eurymos' Sohn, bekannt mit den Zeichen der Zukunft,

510  Und bis ins Alter beschäftigt, sie uns Kyklopen zu deuten;
Der weissagte mir alles, was jetzt nach Jahren erfüllt wird:
Durch Odysseus' Hände würd' ich mein Auge verlieren.
Doch erwartet' ich immer, ein großer und stattlicher Riese
Würde mich hier besuchen, mit großer Stärke gerüstet!
515  Und nun kommt so ein Ding, so ein elender Wicht, so ein Weichling,
Und verbrennt mir das Auge, nachdem er mit Wein mich berauschet!
Komm doch her, Odysseus! Ich will dich herrlich bewirten,
Und dir ein sicher Geleit vom hohen Poseidon verschaffen.
Denn ich bin sein Sohn, und rühmend nennt er sich Vater!
520  Dieser kann mich auch heilen, wenn's ihm gelüstet; kein andrer
Unter den seligen Göttern, noch unter den sterblichen Menschen!

Also sprach der Kyklop! ich gab ihm dieses zur Antwort:
Könnt' ich nur so gewiß auch deines Geistes und Lebens
Dich entledigen, und in die Schattenwohnungen senden,

525  Als dein Auge selbst der hohe Poseidon nicht heilet!

Also sprach ich. Da streckt' er empor zum sternichten Himmel
Seine Händ', und flehte dem Meerbeherrscher Poseidon:

Höre mich, Erdumgürter, du bläulichgelockter Poseidon,
Bin ich wirklich dein Sohn, und nennst du rühmend dich Vater!

530  Gib, daß Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster,
Der in Ithaka wohnt, nicht wiederkehre zur Heimat!
Oder ward ihm bestimmt, die Freunde wiederzusehen,
Und sein prächtiges Haus, und seiner Väter Gefilde;
Laß ihn spät, unglücklich, und ohne Gefährten, zur Heimat
535  Kehren auf fremdem Schiff', und Elend finden im Hause!

Also sprach er flehend; ihn hörte der Bläulichgelockte.
Und nun hub er von neuem noch einen größeren Fels auf,
Schwung ihn im Wirbel, und warf mit unermeßlicher Stärke.
Aber er fiel diesseits des blaugeschnäbelten Schiffes

540  Nieder, und wenig gefehlt, so traf er die Spitze des Steuers.
Hochauf wogte das Meer von dem stürzenden Felsen; und vorwärts
Trieben die Fluten das Schiff, und warfen es an das Gestade.

Also erreichten wir des Eilands Bucht, wo die andern
Schöngebordeten Schiffe beisammen ruhten, und ringsum

545  Traurend die Freunde saßen, und uns beständig erwartend.
Jetzo landeten wir am sandigen Ufer des Eilands,
Stiegen dann aus dem Schiff ans krumme Gestade des Meeres,
Nahmen vom hohlen Schiffe die Herd', und teilten sie alle
Unter uns gleich, daß keiner leer von der Beute mir ausging.
550  Aber den Widder schenkten die schöngeharnischten Freunde
Mir bei der Teilung voraus. Ihn opfert' ich an dem Gestade
Zeus Kronion, dem Wolkenversammler, der alles beherrschet,
Und verbrannte die Lenden. Doch er verschmähte das Opfer;
Unversöhnt beschloß er in seinem Rate Vertilgung
555  Aller rüstigen Schiff' und meiner lieben Gefährten.

Also saßen wir dort den Tag, bis die Sonne sich neigte,
An der Fülle des Fleisches und süßen Weines uns labend.

Als die Sonne nun sank, und Dunkel die Erde bedeckte,
Legten wir uns zum Schlummer am Strande des rauschenden Meeres.

560  Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Trat ich selber ins Schiff, und ermahnete meine Gefährten,
Einzusteigen, und schnell die Seile vom Ufer zu lösen.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke,
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
565  Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen,
Froh der bestandnen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.
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