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Odoardo Galotti, Vater der Emilia

Johann Jakob Bodmer: Odoardo Galotti, Vater der Emilia - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
authorJohann Jakob Bodmer
year1778
publisherJohann Jakob Maurenbacher
addressAugsburg
titleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
senderchristian.presser@t-online.de
firstpub1778
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Epilogus
zur Emilia Galotti.

Von der Schauspielerinn derselben ausgesprochen.

Die Schauspielerinn; indem sie die Kleidung der Emilia ableget. Ich bin von Herzen froh, daß ich diese Kleider wieder ausziehen darf. Die Person, die ich in denselben vorstellte, stand mir gar nicht an, und ich eben so wenig ihr. Entschuldigen sie mich, meine Herren und Damen, daß ich sie schlecht genug gespielt habe. Es war mir unmöglich, sie so zu spielen, daß man den Dichter über der Schauspielerinn vergessen haben könnte. Wenn das Stück gleich Leßings war, für welchen man nachbetend mit tausend Vorurtheilen ins Theater gekommen ist, so denke man einmal, daß die Unvollkommenheit in meiner Aufführung wohl sein und nicht mein Fehler gewesen seyn möchte. Ich schmeichle mir, daß ich so zärtlich, so tugendhaft, so ruhig, und dabey so entschlossen sey, als die Emilia, des alten Degens Odoardo Tochter; und doch waren ihre Empfindungen in diesem Handel den meinigen ganz entgegen. Als Appiani an meiner Seite stürzete, und Battista eine mir fremde Person, mich aus dem Wagen hob, konnte ich mich nicht so leicht von dem geliebten Mann, noch von meiner Mutter abreißen lassen, und ihm nach Dosala folgen, welches ich so wie seinen Besitzer scheuete. Da ich seinen Tod in den nassen und wilden Augen meiner Mutter las, hätte ich gern überlaut geweint, und nicht den geringsten Gedanken gehabt, den Affect zurück zu halten, damit ich die Umstehenden mit meinen Klagen nicht aufhielte. Und als alles verlohren war, stieg meine Furcht vor meinem Räuber nimmer auf den Grad der Heftigkeit, daß mich alles Vertrauen auf Gott, oder nur auf meine Tugend, verlassen hätte. Ich war zu christlich, den Selbstmord in meine Gedanken zu nehmen; meine ganze Entschlossenheit war für tugendhafte, nicht für verzweifelte Thaten. Ah! ich habe den Scharfsinn einer tragischen Prinzeßinn nicht, die Antithesen zu denken, daß ruhig seyn können, und ruhig seyn müssen, auf eines komme. Bey der plötzlichen Nachricht von Appianis Tod, hatte ich den ersten, den einzigen Gedanken, von unersetzlichem Verlust; ich dacht nicht an mich selbst, nicht an die Ursache seines Todes; nicht daß er darum um meinetwillen todt sey; nicht an die Gefahr, in welcher ich schwebete. Hernach hätte ich meine Hände nicht in den Schooß geleget, ich hätte meine Person ganz vergessen; und Rache an dem, der mein Liebstes ermordet, hätte sich meiner Seele bemächtiget. Aber diese Rache hätte nicht gegen mich selbst, nicht gegen die Unschuld gewütet. Für Leben und Sterben gleichgiltig, hätte ich bey dem geringsten Vertrauen auf meine Tugend sehen wollen, wer der Mensch sey, der einen Menschen zwingen kann. Die Emilia des Poeten hat zwar diesen Gedanken auch; aber in der elenden Entschließung, sich dem Leiden durch einen eigenwilligen Tod zu entziehen. Ihr Willen, wodurch sie anderer Willen zuvorkommen wollte, war, daß sie sich selbst zu entleiben suchte. Ich bin schwach genug, wenn ein Pirate mich über Bord werfen wollte, und ich ersähe den Vortheil, ihm den ersten Stoß zu geben, daß ich nicht zu erst in die See springen würde. Ich hätte nur ein Leben zu verlieren gehabt; und die Unschuld wäre durch die gewaltthätigste Mishandlung meiner Person nicht wirklich verlohren gegangen. Die gute römische Lucretia war unschuldiger und reiner, als sie nach der Gewaltthat, da Verlust der Ehre, wiewohl es Gewaltthat war, ihr unerträglich schien, sich um das Leben gebracht; unschuldiger als diese Emilia, die durch eine Gewaltthat, die sie selbst, und an sich selbst begieng, die Schande zu vermeiden suchete. Ich berufe mich auf ihre Empfindung, meine Damen, ob nicht der Lucretia Geschichte weniger romanisch war, als der vorgehabte Selbstmord der Galotti. Sie, nicht nur Kunstrichter, rufen über Emilien aus: So, wie du ersticht sich keine. Ich kenne die tausende nicht, die ins Wasser gesprungen, Schlimmers zu vermeiden, und Heilige geworden sind. Und was ist das Schlimmere gewesen, welches diese Heilige haben vermeiden wollen? – Ein Dolchstich fuhr mir ins Herz, als Odoardo, der den Vater über dem sclavischen Unterthanen vergißt, und der an dem Tyrannen sich zu rächen kein Mittel übrig weiß als die Unschuldige zu ermorden, als Odoardo Emilien den Dolch aus der Hand riß, und sie nekete, um sich ihrer Gesinnung zu versichern, daß sie sterben will; weil sie für ihr jugendliches, warmes Blut, für ihre Sinne nicht stehen kann, welche sie in dem Hause der Grimaldi überwältigen möchten. Auf diese Versicherung war der unnatürliche Vater stolz und stieß zu. – Haben sie, meine Damen, hier sich erinnert, daß Emilia ihr Unvermögen dem Tumult der Freude in ihrer Seele zu widerstehen in dem Augenblicke so stark denken kann, da jede wahre und treue Gattin Herz und Sinne, und ihre ganze Seele bey dem Geliebten Ermordeten haben würde. So eine Tochter ist nicht mehr, die den Vater ums Himmels willen bittet, den Dolch nicht gegen das Herz des Verbrechers sondern gegen sie zu wenden; und so ein Vater ist nicht mehr, der, weniger Soldat als die Tochter, sich fürchtet an dem Uebelthäter sich zu vergreifen. Soll ich denken, Odoardos Verlagen die Versicherung von ihr zu erhalten, habe ihn vermocht, ihre Drohung sich mit der Haarnadel zu erstechen für Versicherung zu nehmen, wiewohl diese kein Werkzeug des Todes sondern nur der Frisur ist? Der Neger Othello, den die Eifersucht rasend gemacht hatte, war katholischer; er hieß der Dämone, eh er den Stich that, ihren Geist dem Schöpfer empfehlen, er fragte, ob sie gebethet habe, sie sollte dem Himmel flehen; er wollte sie nicht unbereitet tödten, nicht ihre Seele tödten. Ich habe ein gnädiges Parterre gehabt; ich fürchtete sehr, daß ich nicht mit gesunden Gliedmaßen von der Schaubühne kommen würde, als ich sagte: "Ehedem gab es einen Vater, der der Tochter den ersten beßten Stahl in das Herz senkte; aber solche Thaten sind von ehedem, solcher Väter giebt es keine mehr." Solche unsinnige Aufmunterungen verdienten ein paar Dutzend Aepfel und Citronen an meinen Kopf; so gut als der sanftmüthige und artige Chr.H. Sch., aus gerechtem Unwillen zwanzig faule Eyer der Meerkatze des Kallikratus an die Stirne geschmissen hat. – Ist der ein Vater, ist der ein Oberster, der in der zweifelvollesten Ungewißheit zwischen Doch, meine Tochter, doch – und, Gott, was hab ich gethan, zustößt. Mit Eckel und Abscheu hab ich diese väterliche Hand des Mörders geküsset. Durch alle drey und vierzig Auftritte hat Odoardo nur einmal Ursache gehabt, sich über seine Tochter zu erzörnen; und dieses war, als sie zu der Haarnadel sagte, sie gehöre nicht in das Haar einer, wie ihr Vater wolle, daß sie werden solle. Und diese Anschuldigung hat der Vater und der Oberste, der gefühlvolle, ungestüme, unbiegsame Oberste, dieser Bourreau bienfaisant ungeandet gelassen; hingegen hat er das Laster an der Tugend gerächet, durch den Tod gerächet.

Doch so wie sie ersticht sich keine mehr,
Und so wie er ersticht auch keiner mehr.
Nur einen hat Apoll erkohren,
Mit Marwoods Gift und Saras Schmerz,
Und mit Galottis Dolch das Herz
Als Leßings Shakspear zu durchbohren.
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