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Odoardo Galotti, Vater der Emilia

Johann Jakob Bodmer: Odoardo Galotti, Vater der Emilia - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
authorJohann Jakob Bodmer
year1778
publisherJohann Jakob Maurenbacher
addressAugsburg
titleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
senderchristian.presser@t-online.de
firstpub1778
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Fünfter Auftritt

Der Prinz. Odoardo. Appiani.

Der Prinz (mit ängstlicher Geberde.) Hier ist Odoardo, den ich zu suchen kam, – und, sehe ich recht? der todtgeschossene Appiani bey ihm, von den Todten wiedergekommen, nicht zu seiner Braut, nicht zur Hochzeit, – zu Jammer und Wehmuth wiedergekommen!

Appiani. Soll ich – kann ich den Anblick ertragen, dessen, der die Ursache ist, daß Emilia –-

Der Prinz. Ertrag ihn, Graf; dir ist es leichter, ihn zu ertragen, als es mir wird, mich selbst.

Odoardo. Wenn sie mich suchen, Prinz; so war ich leicht zu finden. Sie glaubten vielleicht, daß ich mich selbst verbannen, daß ich fliehen werde, um der Strafe auszuweichen; oder wenn ich nicht entfliehen würde, den Stahl wider mich selbst kehren werde. Sie irren sich. Ich ließ den Zeugen der That bey ihnen in ihrem Schloße, und gieng nach Guastalla in mein Haus, sie hier als meinen Richter zu erwarten. Sie sind nun einmal der, der Richter im Land ist, und Recht und Gerechtigkeit ausüben soll. Dieser ihr großer Vorzug, den sie gegen mich ehrenvollen Mann und Vater durch die vorgehabte Schändung meiner Tochter haben misbrauchen wollen, hat mich diesen Handel nicht anders endigen lassen, als ich ihn geendiget habe. Ich habe meinen Begriffen von Ehre und Recht gemäß gehandelt. Habe ich nach dem Inhalt der heilsamen, und mir beständig heiligen Gesetze strafbar gehandelt, so unterwerfe ich mich freywillig der Strafe. Wenn wir beyde vor den Richter unser aller kommen, so wird er beyde richten.

Der Prinz. Der Richter unser aller! – der Herrschenden, und der Beherrschten, – derer, die ihre eigene Bosheit des Herzens verführt hat, und derer, die Teufel zu Freunden haben, von denen sie verführt werden!

Odoardo. Beyder! – Prinz, und Graf, itzt haben sich schwere Gedanken vor meine Stirne gedrängt, daß der Richter, der im Himmel sitzet, ein Verbrechen finden werde, wo ich nur Uebelthat und Schande zuvorkommen wollte. Appiani hat einen dunkeln Stral in meine Seele geworfen, daß ich als ein brausender Jüngling mit grauen Haaren gehandelt habe. Ich habe mich von Hitze, von natürlicher Schwärmerey fortreißen lassen, eine Ehre zu retten, deren Verletzung ich nur vermuthete; freylich mit vieler Wahrscheinlichkeit mein Kind nicht einer Versuchung auszusetzen, von der ich fürchtete, daß es darunter erliegen würde; und dieses Mistrauen setzte ich Ungerechter in die reinste, die bewährteste Tugend. Ha! Welche Empfindungen fangen an auf mein Herz zu stürmen!

Der Prinz. Denkest du so, Oberster? wie muß ich dann denken und fühlen! Was für Schuld, was für Verbrechen du dir selbst vorwerfen magst – nicht nur das, was Marinelli, der Teufel von Freund sich vorzuwerfen hat, und ich fürchte, daß Appianis Tod in seinem Plane gewesen sey, – das alles fällt auf mich zurücke. Meine zaumlose, meine wütende Leidenschaft verursachte alles das Uebel. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß heute Appiani Beylager halten würde. Ich gab mein Ohr dem dienstfertigen Bösewicht; der mir versprach, daß aus der Hochzeit nichts werden sollte, und versprach die Braut in meine Gewalt zu bringen, ohne daß es einer gewaltsamen Entführung ähnlich sähe. Er sagte mir zwar, daß sich Unglücksfälle dabey ereignen könnten. Ich war nicht so dumm, daß ich den blutigen Entwurf nicht gerochen hätte; aber ich hinderte ihn nicht; und als der Streich geschehen war, war ich böse genug, ihn zu nutzen. Ich nahm die zitternde, die verlassene Taube, der ihr Gatte an der Brust getödtet war, in mein Schloß auf; sie glaubte, daß sie zu Rettern gekommen wäre. Dann stellte ich ihr den Tod ihres Geliebten für den Wink meines günstigen Glückes vor, für den Aufschub meiner endlichen Verurtheilung, welchen die Vorsehung verschaffete. Ich sprach in der Angst ihrer Seele, da sie sich zu meinen Füßen geworfen hatte, von Entzückungen, die in meinen Armen auf sie warteten. Das alles hielt ich für ein kleines, stilles, heilsames Verbrechen. Ich erschrack nicht davor. Ein Graf mehr in der Welt oder weniger, dacht ich, wie Marinelli dacht; die That reute mich nicht; ich fand nur zu tadeln, daß die Anstalten nicht besser gemacht worden. Ich wollte dich bereden, Oberster, daß ich Emilien im Triumph nach Guastalla bringen wollte. Dumm genug! was für ein Triumph, über den Tod ihres Verlobten, über die Glückliche Gewaltthat, womit ich sie in meine Hände gebracht hatte! sie dem Vater nicht wieder zu geben, wandte ich eben so toll, und eben so gewaltthätig vor, daß man sie in Verwahrung der Justiz nehmen müßte, sie wegen des Mordes zu vernehmen; und es sollte liebsvolle Gütigkeit und Gnade seyn, daß sie nicht im Gefängniße und Kerker, sondern in dem Hause Grimaldi aufgehoben würde; dem Orte, welcher der keuschen Seele mehr zuwider war, als der tiefste Kerker. Damit bracht ich sie, bracht ich dich in Verzweifelung. Also war ich der Thäter, ich der Räuber, der Mörder. Ich veranstaltete den Raub, den Schuß durch die Hand des Marinelli; ich war mehr als sein Mitmörder; ich war, der ihn antrieb, ihm das Wort gab, alles auf mich zu nehmen. Also habe ich die Hand des Vaters gegen die Tochter bewaffnet. – Ich kann es nicht sagen, was ich empfinde.

Odoardo. Ein langes Sündenregister, Prinz! doch wiewohl sie so sehr viel auf ihre Rechnung nehmen, so bleibt doch immer der Mord der beßten Tochter auf mir liegen; und für diesen wird mich der Richter finden, den ich mehr, als die elende Justiz der Menschen fürchte. Schon erwachen Natern in meinem Gewissen, die mich mit Bissen der Nachreue, und der Selbstbeschuldigung zu strafen drohen, an welche keine Schmerzen des Körpers reichen.

Der Prinz. Gott, Gott! diese Natern im Gewissen mit ihren feurigen Bissen fühl ich, fühl ich! wie sie mich nagen, wie sie mich nagen! eine Stimme ruft in meine Seele, und sie klopft wie Schläge des Donners an mein Herz, und schreyt: du, du, hast die Schönheit in ihrer Blüthe, die Unschuld in ihrer Reinigkeit gemordet; du hast der Erde ihren Stolz entzogen, den Töchtern von Guastalla das schönste Beyspiel der Sitten; du hast den Dolch in die Faust ihres Vaters gelegt, du hast Appiani der Freundinn seines Busens, der Freude seines Lebens beraubet; du die Söhne und die Töchter, die sie ihm gebähren sollte, Söhne von des Vaters Tapferkeit, und der Mutter Tugenden, vor ihrer Geburt umgebracht.

Appiani. Wenn mein Prinz, mein Fürst, so klagt, so empfindet; wenn er den Jammer so empfindet, den er selbst verursacht hat; dann mit mir so weint, wie kömmt es, daß ich eine zeitlang meinen eigenen Jammer vergesse, und mich in den seinen vertiefe!

Der Prinz. Wie unbeschreiblich dein Verlust ist, Graf, wie stechend dein Jammer, so bist du doch von uns der Glückseligste. Es ist anderer Verbrechen, was diesen Jammer dir gebracht hat; du hast den Trost, einen Reichthum von Trost, in deinem Gewissen behalten; die Stille der Unschuld. Könnte ich sie mit meinem Blute kaufen, mir wäre mein Blut nicht zu kostbar. Himmel, Richter im Himmel, der in die Brust den stärksten Kläger gelegt hat, strafe mich bis zum Tod, die Hand, die mich straft, will ich küssen; aber verzeih die Schuld, und wende von mir nicht dein Antlitz; wische den Zorn davon, der Angst in die Seele hineinschlägt. Und meine höchstbeleidigte Herren, damit der Richter der Welt mir verzeihe, so verzeihet ihr mir zuerst, und vereiniget eure Bitten mit der meinen, daß er mir verzeihe.

Odoardo. Eine rührende Scene! seinen Prinzen so gedemüthiget zu sehen; wie er sich vor sich selbst, und seinen Vasallen so tief erniedriget. Erinnern sie sich, Prinz, daß sie unser Souverain, der Souverain der Gesetze sind.

Der Prinz. Das bin ich nicht. Halten sie mich nicht für so leer an Einsichten, daß ich nicht immer gewußt habe, daß ich nicht alles darf, was ich will; nicht Gesetze machen darf, wie meine Laune, und meine Begierde, sie wollen.

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