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Odoardo Galotti, Vater der Emilia

Johann Jakob Bodmer: Odoardo Galotti, Vater der Emilia - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
authorJohann Jakob Bodmer
year1778
publisherJohann Jakob Maurenbacher
addressAugsburg
titleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
senderchristian.presser@t-online.de
firstpub1778
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Zweyter Auftritt

Odoardo. (in einer finstern Zufriedenheit.) Claudia.

Odoardo. Sammle die Kräfte deiner weichlichen Seele zusammen, Claudia, laß dich von dem Gedanken erheben, daß du Claudia Galotti bist, Odoardos Vermählte; sey, wie Odoardos Frau seyn soll.

Claudia. Heilige Jungfrau! welcher Gruß, welche Anrede! wo haben sie Emilien gelassen?

Odoardo. Sey ruhig, wie du mich ruhig siehst. Der Mann von starker Seele, der biedere und gute, voller treuherziger Redlichkeit, und heißer Ehrliebe hat gesieget – es war ein schwerer Kampf – über den Vater gesieget.

Claudia. Wie räthselhaft! wo ist meine Emilia? ist sie noch bey dem Prinzen?

Odoardo. Sie ist an einem Orte, wo der Prinz von Guastalla sie nicht, – wo kein Prinz, keine Gewalt sie erreichen, ihr beikommen kann; sie ist sicherer verwahrt, als wenn sie an die Brust ihrer Mutter, an die Seite Odoardos gelehnet seyn würde.

Claudia. Nicht mehr in der Gewalt des verliebten Prinzen! Habe Dank, Mutter des Heilandes, habe Dank, unbefleckte Jungfrau und Mutter, für die Rettung des unschuldigen, tugendhaften Kindes. Führen sie mich bald zu ihr; dieses Haus, dieses Zimmer, wo Emilia nicht ist, ist mir eine Wüste; bringen sie mich zu ihr; und wenn sie sie in die Dunkelheit eines menschenlosen Waldes gerettet haben, so soll der Wald mir Elysium seyn.

Odoardo. Ha! sie ist in einem bessern Elysium; aber von hier entfernt, so weit die Erde von dem Himmel ist; und die Wege dahin gehen durch Schmerzen und Blut.

Claudia. (indem sie auf den Sopha fällt.) O weh, weh mir armen, unglücklichen Mutter! ich verstehe dich; Emilia ist todt! ach! meine Liebe, mein Kind ist nicht mehr!

Odoardo. Eine Rose ist gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert hat.

Claudia. Gott, Gott! ich soll mein Kind nicht mehr haben! das Herz bricht mir.

Odoardo. Ha! sie wollte nicht leiden, was sie nicht sollte, nicht dulden, was sie nicht dorfte. Die Natur wollte ihr Meisterstück machen, aber sie vergriff sich im Thon, sie nahm ihn zu fein, und Emilia war eine männliche Seele in weiblichen Gliedmaßen. Der Prinz wollte sie reißen; wollte sie brechen; aber sie hatte einen Willen, der Willen war Tugend, und dem Willen folgte sie. Sie konnte – sterben.

Claudia. Sterben! – und ich lebe! und du rettetest sie nicht.

Odoardo. Ich rettete sie von der Schande. Ehedem gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten beßten Stahl in das Herz senkte; noch einen solchen Vater hat es gegeben; ich gab ihr das Leben, das Leben ohne Schande, zum zweyten mal.

Claudia. Meine Sinne, mein Haupt, sind dunkel. Du hast doch deine Tochter nicht mit des Vaters Hand –-- Grausamer Vater, wenn ich recht verstehe!

Odoardo. Du bist nicht von dem Thone gemacht, von welchem der Himmel deine Tochter gebildet hat. Er knetete dein Herz von neugeschwungener Milch, und legte die weiblichste Seele darein. Albernes, furchtsames Ding, du begreifst nicht, daß man leben kann, und lebend schlimmer ist als todt. Oder du wolltest sie lebend haben, ob sie schon die Schande, den grausamsten Tod lebete.

Claudia. Was kann ich mehr denken, als daß Emilia nicht lebt; Emilia ist nicht mehr da; wo ich ohne sie bin, da ist Finsterniß und Nacht um mich.

Odoardo. Dieses Winseln ist ansteckend. Lasse Gott mich nicht so fallen, daß ich nicht der Mann bleibe. (Er geht an die Thür, und ruft Lauren.) Eine große Schwachheit hat deine Frau überfallen, Laura; bring sie in ihr Zimmer, und ruf ihre Geister durch geistige Essenzen zurück.

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