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Odoardo Galotti, Vater der Emilia

Johann Jakob Bodmer: Odoardo Galotti, Vater der Emilia - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
authorJohann Jakob Bodmer
year1778
publisherJohann Jakob Maurenbacher
addressAugsburg
titleOdoardo Galotti, Vater der Emilia
senderchristian.presser@t-online.de
firstpub1778
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Erster Auftritt

Claudia. Laura. (Laura zuerst in einiger Entfernung)

Claudia. (in einen Armstuhl hingeworfen.) Welche Verwirrung in meinem Haupte! Welche Last auf meinem Herzen! Ich unglückselige Mutter! Mein Zustand war erträglicher, als ich in Dosala in dem Cabinete des Prinzen saß, und er zu meiner Tochter, trunken von Wein und Liebe, Worte wiehnte, die sie nicht hören dorfte. Aber ich war bey meiner Emilia, an der Seite meines Kindes. Itzt ist sie ohne Beschützung, in der Gewalt des Unverschämten.

Laura, die sich genähert hatte. Thun sie dem Prinzen das Unrecht nicht an, ihn in schlimmen Verdacht zu fassen. Hettor Gonzaga ist kein Bösewicht, er hat ein weiches Herz, er bewundert nur, und begehrt nicht. Es war nur schuldiges Bekenntniß, welches er der Schönheit ablegte, nur galante Höflichkeit.

Claudia. Ha! War es Höflichkeit, als er sie heut morgen in der Messe sprach, und sie an dem heiligen Orte das hören mußte, was sie hörte? Bey einem Prinzen ist Schmeicheley Betheurung, Einfall Wunsch, und Wunsch Vorsatz.

Laura. Er hat immer nur auf eine feine Art geliebet; niemals war seine Liebe von der leichtsinnigen blos körperlichen Art. Er kann keinen Gedanken haben, diejenige zu verfolgen, die ihn nicht wieder lieben kann; und er weiß, daß Emilia Appianis Verlobte ist.

Claudia. Kann ein Prinz den Gedanken vertilgen, daß man ihm nicht widerstehen könne. Und itzt hat er sie auf seinem Lustschloße; der Himmel weiß, ob Vorsatz auf seiner Seite, oder Zufall sie dahin gebracht hat! Appiani ist todt, oder wird für todt gehalten. Die sanfte Taube! Oh, sie winselt, sie fleht itzt in den Krallen des Habichtes; er lachet ihrer, und freuet sich seiner Gewaltthat. Ich höre den Raubvogel sagen: was winselst du so? dich hat itzt einer ergriffen, der sehr viel stärker ist als du. Du mußt seyn, was ich dich mache. – Laura, Laura, wo hatte ich die Sinne, wo war mein Herz, als ich mich von Emilien trennte?

Laura. Giebt es Ihnen Vergnügen, einen Zufall, der an sich selbst erbärmlich ist, durch witzige Vermutungen, durch entfernte Besorgniße, noch betrübter zu machen? Haben sie vergessen, daß ihre Tochter die entschlossenste unsers Geschlechtes ist, auf alles gefaßt? Sie hat die Stärke in ihren Blicken, den Tod in ihren Reden, die einen Tyrann in der Entfernung halten können.

Claudia. Die Gegenwart der Mutter hätte ihre Stärke empor gehalten; in meinen Armen, an meinem Halse, um meinen Busen geschlungen hätten zween Körper in einen Körper, zwo Seelen in eine Seele sich vereiniget; der liebkosende, der verführende, oder gewaltthätige Prinz hätte beyde zu bestreiten gehabt. Unvorsichtig, unmütterlich war es, daß ich sie allein, und ihr selbst überlassen habe. Welche Hündinn läßt ihr Junges bey dem Raubthiere im Lager? und Marinelli ist bey dem Prinzen, dieser Kuppler – warum sage ich nicht – Mörder? der Name Marinelli war das letzte Wort des Appiani, als er den Schuß empfieng, und er sprach ihn mit einem Tone, mit einem Tone wie Mörder. Auf Appiani ward unfern von dem Lusthause des Prinzen geschossen, auf den Bräutigam meiner Emilia; sie wird in das Schloß gebracht, und der Prinz ist da wie gerufen! er darf der jungen Dame, die ihren Bräutigam an ihrem Arme hat fallen sehen, die erst aus Ohnmacht wieder aufgelebet, ihr darf er diesen Mord für den Wink eines günstigen Glückes erklären, für den Aufschub seiner Verurtheilung, um nochmals um Liebe zu bitten. Er fasset sie, und führt sie, die sich sträubete, wo Entzückungen, sagt er, auf sie warten. Bey ihm habe ich sie gelassen, mich von ihr getrennt, und von ihm soll sie Schutz erwarten, von dem Jünglinge, der sich alles erlaubt, und was er sich erlaubt, kann.

Laura. Blieb der Vater nicht bey ihr? bey Odoardo ist sie wohl sicher.

Claudia. Bey ihr blieb er nicht; ihn hat man nicht vorgelassen. – Wie hart war Odoardos Befehl, daß ich mich ohne Einwendung von ihr trennen sollte. Was machte diesen Befehl nothwendig; und mußte ich die schwache Frau seyn, die bey einem Manne, wie Odoardo Galotti ist, keinen Willen haben darf? man wird recht haben mir nachzusagen, ich sey nur gut die Dienste einer guten Hausfrau zu verrichten, die Fenstergardinen zu recht zu ziehen, die Meublen abzustäuben. –- Es ist später Abend, Odoardo kömmt nicht – Emilia nicht – ach! stünde es in ihrem Vermögen zu kommen, sie wäre längst in die mütterlichen Arme geflogen! – Aber gute Laura, geh in das Haus Appiani, sage, daß ich den Grafen bitte, er solle sich vor dir sehen lassen. Wenn du ihn nicht siehest, so glaube nimmer, daß der Schuß nur in den holen Leib gegangen sey. (Laura geht.)

Claudia (allein.) Indessen sitze ich hier wie auf Dornen, und die Ungewißheit quält mich in der Vorstellung, wie die unglücklichste Gegenwart mich kaum schmerzlicher quälen würde.

Laura. (die nur vor die Thüre gegangen war, und wieder kömmt.) Heil, Heil! meine liebste gnädige Frau, den Augenblick steigt der Oberste, Odoardo, ihr Gemahl steigt vom Pferde.

Claudia. (sie läuft gegen die Thüre.) Odoardo, mein theurer – und meine Emilia ist nicht bey ihnen, wo ist Emilia, mein Kind, Emilia?

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