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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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IV.

Wirklich waren die Menschen auf Mithgardh furchtbar zusammengeschmolzen durch der Riesen Angriff in Winter und Weh, in Hunger und Hitze, in Seuchen und Siechthum, in Deichbruch und Dürrbrand, in Mangel und Mißwachs und durch eigne Befehdung.

Es lebten nur etwa mehr drei tausend in drei Gauen, und unter zweien von diesen, nämlich König Harald von Hördhaland und König Skadhi von Skadhaland, wüthete altvererbter Haß in Blutrache, Krieg und Fehde: die Riesen und Loki hofften auch diese letzten bald ausgetilgt zu sehen durch eignen Eifer. Auch halfen die Riesen redlich dazu, indem bald die Midhgardhsschlange über die Erdränder sich brausend wälzte, bald Thursen in Drachengestalt in die drei Gaue fuhren mit feuerschnaubenden Schlünden.

Da hatten Odhin und Frigg beschlossen, wie alle Götter sich der Menschen annahmen gegen die Riesen, unter den Erdgeborenen Lieblinge zu wählen, denen sie besonders beistehen wollten als Beschirmer.

Und war Odhins Blick gefallen auf Harald, den jungen König von Hördhaland, und Friggs auf Hilde, Frodhi's, des greisen Königs von Ljosland Tochter, welche sich von Kindheit kannten und lodernd liebten.

Aber König Skadhi hatte um Hildes Hand geworben: er war König Frodhi's nächster Nachbar, der diesem viel Schaden thun, ihn zumal ganz von der See absperren und daher in Hungerjahren fast aushungern konnte.

Und obwohl König Frodhi Harald liebte und König Skadhi beinahe haßte, schwankte er doch, um seines Volkes willen, lange, ob er den gefährlichen Nachbar durch Abweisung seiner Werbung zum grimmigsten Feinde machen dürfe.

Bevor aber Odhin und Frigg jene Beiden endgültig zu Wahlkindern koren, beschlossen sie, beide gründlich zu prüfen, ob sie vor Andern ihren Schutz verdienten. –

Und einst, als König Harald einsam über die Heide schritt nach dem Walde zu, wo er bei einer mächtigen hohlen Eiche die Geliebte zu finden pflag zu geheim besprochenen Stunden, da stand vor dem Eilenden, den Liebessehnsucht vorwärts drängte, plötzlich in dem Waldesdunkel Odhin, nicht als vermummter Wanderer, sondern von Asgardhs Licht umleuchtet, in herrlicher Gestalt, von allem Glanz seiner Waffen umstrahlt, wie er einher reitet vor dem Keilhaufen der Einherjar: den adlerflügligen Schreckenshelm auf dem Haupte, die goldene Brünne über der mächtigen Brust, den Speer in der Rechten, den flammenden Runenschild am linken Arm.

Sofort erkannte Harald den Götterkönig: geblendet, aber nicht erschrocken, hielt er die Hand vor die Augen, trat einen Schritt zurück und sprach ehrerbietig, aber furchtlos: »Herrscher der Helden, was ist dein Begehr?«

Odhin aber sprach: »Ich weiß, Harald liebt Hilde heißer als das eigne Herz, inniger als das eigne Auge. Ich weiß, wie das Herz dir hämmert in der Brust, wie es dich treibt, zu ihr zu eilen, ihre Hand zu halten, ihr in's Auge zu schauen. Aber ich sage dir, Harald: du sollst sie nur einmal noch sehn zu unseliger Begegnung.«

Der Held erbleichte: aber Odhin fuhr fort: »Das Schicksal, das über uns Allen steht, Göttern und Menschen, hat beschlossen: »verloren ist König Haralds Heer und Volk, Unsieg sein Geselle in jeder Schlacht, elend erliegen sie vor dem Feind, gewinnt Harald Hilde.« Laß von ihr! Oder dein Volk vergeht!«

Da schlug Harald beide Fäuste vor beide Augen und schwieg sieben Herzschläge lang.

Dann nahm er die Hände von den Augen und sprach – aber aus seiner Stimme war aller Klang gewichen: »Ich lasse von ihr. Aber, daß sie nicht irre werde an Haralds Herzen: – Allvater, sage ihr den Grund. Und sage ihr auch, daß ich sie lieben werde, so lang ich athme.

Odhin aber hob aufs Neue an: »Einmal magst, einmal mußt du Hilde noch schauen. Ich sagte nicht das Letzte schon. Blutopfer nur rettet dein Volk: Hilde's Blut. Du mußt sie opfern, Volks-König: sonst vergeht dein Volk. Dort im hohlen Baume – sieh hin – ruht sie: schlafend. Schreite hin, zücke dein Schwert, tödte sie.«

»Laß mich sterben für mein Volk – mein ist dies Vorrecht – ich bin sein König!« schrie Harald auf.

»Nicht ich bin das Schicksal. Das Schicksal fordert Hilde's Blut, durch deine Hand vergossen.«

Da fiel Harald auf sein Antlitz nieder, ohne Wort, ohne Seufzer. Lange lag er so.

Da sprach Odhin und wandte sich zu gehen: »Ich sehe, du willst nicht. Oder du kannst nicht. Geh hin, kose mit Hilde. Aber fliehe mit ihr landeinwärts, rathe ich. Denn heute Nacht noch verschlingt, da das Opfer du weigerst, das Meer dein Land und Volk. Leb wohl, König ohne Volk, ohne Treue und ohne Ehre.«

Da sprang Harald auf seine Füße und sprach: »Ich muß.

Aber nicht im Schlaf ermord' ich die Geliebte. Ich wecke sie mit heißem Kuß: die Wahrheit sag' ich ihr und die Nothwendigkeit. Habe ich sie je gekannt, so will sie, was ich muß. Aber nicht als Fremde schlachte ich sie meinem Volk, wie eine Speer-Gefangene: nein: den Goldring stecke ich an ihren Finger, meines Volkes Königin soll sie werden und fallen als ihres Volkes Königin für dieses Volk von des Königs Hand.

Ich aber – das kann kein Schicksal wehren – ich schreite von der schönen Todten hinweg dem Feuerdrachen entgegen, der, wie ich eben erst heute vernahm, mein Land verheert: ich springe dem Riesen in den flammenden Rachen und tödte ihn sterbend. So rasch folge ich der Geliebten nach, daß ich sie noch einhole, bevor Hels Eisenthor auf ihre Ferse fiel.«

Odhin aber sprach: »Fielst du für dein Volk im Kampf mit dem Riesenwurm: – offen steht dir Walhalls goldner Saal. Nicht nach Hel sollst dann du dich wenden, wo freudlos der Weiber Schatten gleiten! Furchtbar, sagt man, und finster ist Hel. Zu mir komm nach Walhall, dich der Waffen zu freuen und weißarmiger Wunsch-Maid.«

Harald aber schüttelte das Haupt: »Mehr wirst du nicht fordern, furchtbarer Gott, wirst nicht schrecklicher sein als das seelenlose Schicksal. Nicht laß' ich von der Geopferten Schatten. Laß Andre jauchzen in Walhall –: ich wähle Hilde und Hel. Komm, laß sie mich wecken. Die That muß ich thun – doch ich kann sie nicht vorher thun – in Gedanken.«

Da strich ihm Odhin kosend mit der Hand über die Wange, welcher der Flaumbart sproßte, und sprach: »Heil dir, o Harald, leuchtender Liebling! Herrlich hast du die Versuchung besiegt, prächtig die Prüfung der Stärke bestanden. Grausam und grimm zwar schaltet das Schicksal: aber diese gräßliche Grauenthat fordert die furchtbare Noth von dir nicht!

So lange noch leben den muthigen Menschen hohe Helden, die denken wie du, das Geliebteste gebend, Alles opfernd, für ihr Volk, pflegend der Pflicht für dies heiligste Heiligthum, treu bis zum Tod – so lang nicht laß' ich Furcht mich fassen! – So lange leben sicher und siegreich vor dem Rasen der Riesen Midhgardhs Meister, die markigen Männer. Ich hoffe, auch Hilde, die Holde, hat zur Stunde bestanden die prüfende Probe, der Frigg mit Fragen weihte das Weib!«

Nur ein Trugbild war es gewesen, das der Gott dem König in Hildes Gestalt am Baume schlummernd gezeigt hatte: Hilde schlief nicht einstweilen, sondern litt wachend schwere Schmerzen.

Während nämlich Odhin über Harald solche Prüfung und Schmerzen gebracht, war Frigg Hilde genaht.

Aber nicht in Gestalt der Himmelsherrin mit Schmuck und Geschmeide, sondern ärmlich, als alte Bettlerin, mit Lumpen belastet und böse eiternde Schwären im Antlitz, an Armen und Händen.

In solcher Verwandlung, ein ekler Anblick, hatte sie sich reglos, wie todt, in dem Graben niedergestreckt an der Seite des Waldwegs, auf welchem die Königstochter wandeln mußte zur hohlen Eiche.

Die Jungfrau erschrak, da sie, halb aus dem Graben ragend, die elende Gestalt liegen sah: sie hemmte den leichten Schritt: sie glaubte, das Weib sei todt.

Aber alsbald bezwang sie das Grauen und trat näher: »Nicht lasse Leiche verwesen am Wege! Pflicht ist, zu pflegen der traurigen Todten!« so lehrte die liebe Mutter!« – so sprach sie zu ihrem Herzen leise – »komm, mein Herz, thu wie du sollst: überwinde den Abscheu.«

Und sie beugte sich über das Weib und sah, daß es noch athmete.

Eilig lief sie zum nahen Waldquell, schöpfte daraus mit beiden lichten gehöhlten Händen und vorsichtig und sorgsam goß sie das erweckende Naß über Augen und Schläfe der Siechen.

Die Alte öffnete leise die Lider und flüsterte: »Habe Dank, wer du auch seist. O hilf mir nun weiter. Hebe mich aus dem Graben und setze mich aufrecht: nicht vermag ich's allein.«

Da beugte sich das Königskind und, obwohl ihm stark graute vor den offnen Wunden an den nackten Armen, hob sie die Greisin aus dem Graben auf den Rand des Weges.

»Frigg wird dir lohnen!« sprach die Kranke. »Aber, ich bitte, streiche mir doch aus den Wangen den ätzenden Eiter – gelähmt sind meine Hände – und es frißt in das Fleisch der üble Saft der Wunden.«

Ekel und Abscheu schüttelte vom Wirbel bis zur Sole das schöne Mädchen: es zitterte.

Aber nur einen Augenblick säumte sie.

»Ehre die Alten, versorge die Siechen, so mahnte die Mutter. Maid soll sich mühen für graue Greisin, freundlich Frauen fördern die Frau!« Gehorche, mein Herz.«

Und zärtlich faßte sie mit der Linken, stützend, das Kinn der Kranken: mit den lichten Fingern der Rechten und mit dem Saum ihres weißen Mantels strich sie den häßlichen Eiter ihr aus dem Gesicht: garstige Flecken blieben in dem hellen Mantelsaum.

»Du erbarmst mir das Herz o Mütterlein! Ich will dich mit mir führen in unsere Halle und dort dich betten auf mein eigen Lager. Doch jetzt ruhe noch hier dein müdes Haupt!«

Und sie legte das häßliche Gesicht der Siechen an ihren weißen Hals.

Da sprang Frigg hurtig auf: verschwunden waren die Bettlergewande, Alter und Siechthum: und herrlich stand sie da, schimmernd in Asgardhs Schöne, das blitzende Halsgeschmeide auf der Brust, die hohe Königsjungfrau noch gewaltig überragend: erschrocken sank Hilde auf die Kniee, beide Hände wie abwehrend gegen soviel Glanz vor sich ausstreckend: »Du bist es, hehre Himmels-Königin!

Schone mein, mich blendet dein Blick.«

Und sie wollte die Augen mit dem Saume des Mantels verhüllen –: da griff sie in lauter Perlen und Edelsteine – das waren die Flecken von den Wunden. –

Frigg richtete sie auf! »Scheue mich nicht, du Schöne! Ich will dir wohl, du Weiße! Die prüfende Probe hast stark du bestanden. Nun lausche, mein Liebling, was zum Lohn ich dich lehre, weise warnend. – Heimlich im Herzen hegst du, ich weiß es, Harald den Helden.«

Da schoß ein wunderschöner Schimmer über Stirn, Wangen und den weißen Busen des Mädchens, wie die Morgenröthe färbt jungfräuliches Eis.

»Doch rath ich dir redlich: laß von dem Lieben! Denn nornen-nothwendig ist es genietet: wird Hilde das Weib Haralds des Helden – fällt dein Vater, dein ganzes Geschlecht, die gesammte Sippe, so Speere wie Spindeln.«

Da seufzte Hilde sehr stark aufstöhnend und fuhr mit beiden Händen in ihr herrliches Haar: »Frodhi, mein Vater!« schluchzte sie schmerzlich, in den Schleier sich hüllend.

Aber die Göttin gewahrte durch den lichten Schleier, wie zwei Zähren ihr träuften, traurige Thränen, über die weichen Wangen.

Da frug Frigg mütterlich ihr streichelnd das edel gewölbte Haupt: »Ich sehe, du Schöne: du weichst meinem Warn-Wort.

Du läßt von dem Lieben, zu erhalten dein Haus, die freundlichen Vettern und Frodhi, den Vater?«

Aber Hilde schlug den Schleier hastig zurück: es zuckte wie Zorn durch ihre Züge: groß geöffnet die stolzen Augen sah sie der Schützerin jetzt fast drohend in's Antlitz: »Was wähnst du? Des Himmels Herrscherin heißest du, des Herdes Hüterin, der Frauen Befreunderin – und kennst nicht klarer das Leben der Liebe?

Wisse, du Weise: nimmer und niemals läßt Herz von Herzen, läßt Hilde von Harald: – mag sinken die Sippe, so Speere wie Spindeln, selbst Frodhi, der Vater!

Leicht ließ' ich das Leben, sein Haupt zu erhalten, fromm und freudig für ihn will ich fallen: mein Leben laß' ich für ihn, nicht meine Liebe. Mag vergehn mein Geschlecht –: ich halte an Harald! Das ist lodernde Liebe, – zum Tode getreu!«

Da schloß die Himmelskönigin das schöne Mädchen in die Arme und küßte sie auf die weiße Stirn: »Heil dir, o Hilde, muthige Maid! Wenige wissen der wankenden Weiber, obwohl sie es wähnen, vom Leben der Liebe!

Weibes-Liebe will ewig währen!

Voll-Liebe nicht läßt vom Geliebten. Die Höchste halt' ich aller Walküren in Walhall jene Herrliche, die geheißen wie du: Hilde, die hehre: nichts hat sie von Helgi, dem Helden, gehemmt, der den Vater gefällt und die Brüder der Braut, bis dann selber er sank: doch in Walhall erwachte er an dem Herzen Hildes. Alles opfern muß der Mann dem Volk, auch die Freude des Lebens, die Liebe: Alles opfern willig das Weib dem Gewählten: ihr Heiligstes ist des – Herzens Heldenthum.

Schau, schimmernd dort schreitet uns Odhin entgegen: und Harald, den Helden, in Prüfung erprobt, hält an der Hand er: den Bräutigam bringt er dir, blühende Braut. Und horch! aus den hohen Himmeln hernieder hallet der Harfen Siegesgesang: es freu'n mit Frohlocken sich Asen und Alfen, daß Harald und Hilde der Gunst sich der Götter würdig bewährt.«

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