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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
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II.

Als nun der Tag anbrach, und so auch Baldur, der wechselnd mit Freir den Sonnenwagen führt, über die Ostberge her bei den Asen eingetroffen war, da stiegen Götter und Riesen herab von den Höhen in das Thal zu der Zwiesprach; nur der schmale Bach trennte sie: darüber hin und her wie Pfeile flogen die Worte.

Loki saß auf Steinen, welche trocken aus der Mitte des Wassers ragten.

Da sprach Surtur, der Feuerriese, welcher das Wort führte für seine Gesippen: »Weit ist die Welt. Hoch ist der Himmel ob Thursenheims Thoren. Versöhnen könnten sich Götter und Riesen. Nur ein schlimmes Geschlecht reizt beide stets zum Streit: die redenden Ratten: der maßlos muthige Meister Mensch.«

Alle Riesen nickten und winkten und brüllten Beifall zu diesen Worten. Surtur aber fuhr fort, zornig und zorniger und seine Stimme scholl wie der prasselnde Athem der Flamme: »Seit die Götter, in übler Stunde, die Menschen gebildet aus stummen Bäumen, aus dem Eschenbaum den Mann, das Weib aus der Erle – anhoben jene alsbald, frech geworden, anzutasten die Erde, unser uraltes Erbe. Mit Stahl aus starrem Gestein klopfen die Klüglinge des freien Feuers freudige Funken, dem festen Felsen entführend sein heilig verhohlen Geheimniß; aus hartem Holz reiben sie ruchlos die flackernde Flamme. Sie zwingen, die zähen Zwerglein, den grollenden Geist zu niedrigem Werk, zu dumpfem Dienst unfreien Frohns! Sieden soll er den Sud zur Suppe, trocknen das triefend durchweichte Gewand und den Thon, daß er tauge zum Topfe. Edles Eisen, ächzend in Asche, klopfen sie kläglich, schmelzend und schmiedend, zu den winzigen Waffen, zu Geräth und Gerümpel widrigen Werks. Ja, sie legen zuletzt noch die leidige Leiche, die ekle, entehrend den Athem der freudigen Flamme, ihr an's heilige Herz.

Und in kleinlicher Knechtung schleppen die Schlauen von Hütte zu Hütte, von Herde zu Herd, durch das Dorf gedehnt, die gegliederte Gluth, entlehnend Einer vom Andern, wie Leibeigene man leiht und käufliche Knechte. –

Zuweilen zwar zornig brech' ich die Bande der geknechteten Kinder: und in grimmiger Größe, in rasender Rache für langes Erleiden verzehren sie zündend Fahrniß und Vieh, Haus, Habe und Herd und Wiege und Weib.

Aber die Argen, maßloß muthigen! Nicht verzagen die zähen, die frechen Frevler! Nein! Sie nehmen auf's Neue aus der Flamme des fallenden Balkens den Brand, erhöhen die Halle auf dem früheren Fleck, auf der Asche der Alten: und wieder erwärmt sie an verhaßtem Herde des Hauses die Flamme, die frech noch aus glimmender Gluth des zerstörten sie zogen!«

Da schwieg Surtur. Sofort aber begann Starkadhr der Wasserriese: und seine Stimme brauste wie Rauschen der Meerfluth: »Leidiger Leid noch legen die Listigen uns auf, des Wassers einst wildfreien Gewalten.

Brausend durch Berge, die Bahn sich bohrend, brach Bradhr, mein Bruder: uralt und immer war sein Weg so gewesen.

Da kamen die Kleinen, die Klüglinge, die Menschen: und maßen und machten Gemäuer, aus starken Steinen fest es fügend, und wehrten den Weg der wogenden Welle. Zornig zischte Bradhr, mein Bruder; und sammelte sämmtlich die sausenden Söhne, die sieben, der Sippe, die breiten Bäche, die brausenden: auch die tanzenden Töchter, die quirlenden Quellen, die kleinen, die klaren, die wonnigen Wichtlein, rief er zum Reigen: und zur Rache Rausche-Regen von Oben, den uralten Ahn.

Hoch auf den Häuptern der Hügel sammelte er so heimlich in Höhlen ein Heer; und, nächtlich genaht, plötzlich, polternd und prasselnd, Felsen voran fortwälzend als Wurfwaffen, stürmten die Starken, gießend vom Gipfel, auf die Mauer der Menschen und brachen sie brausend in bröckelnde Brocken und verschlangen zerschlagend die gehaßten Gehöfte, die dahinter sich hielten, und schleppten Schlamm und kugelten Kies und streuten Gestein über alle die Aecker, die Getreide getragen dem Meister Mensch: und ersäuften der Siedler siebzig im Schlaf.

Aber die acht, welche waren entwichen, nur nackt mit dem Leben, ließen, die Leidigen, nicht nach! Nein! Auf's Neue nahten sie!

Gewitzigt wagten sie wieder – und weiser – das Werk.

Sie erstiegen das steile Haupt der Höhe und banden den Bruder, oben ihn überraschend, gleich am Gipfel, wo er noch wenig wälzt der Gewässer. Und sie lenkten ihn listig gezwängt zwischen zwei mächtige Mauern, enge, den Aechzenden: gruben im Grunde ihm oben ab die Bundesbrüder, zwangen den Zürnenden anders als ehdem in's Land zu laufen nach der Sumpfseite, südlich.

Aber ach! Eine der thauigen Töchter, die ich Nifteln nenne, die niedliche Nixe. Quana, das Quellchen, fingen sie völlig aus des Vaters Gefolge: und zerrten die Zierliche, herab zu rinnen in's Thal, wo die Trotzigen wieder gewagt, an der alten Ecke zu erhöh'n die Gehöfte. Seht, sie selber mag melden, die Maid, wie weh ihr geworden. Bis hieher hört man die Holde klagen, die Kleine.«

Und er hielt inne.

Von fern her aber hörte man die helle Stimme der Quelle, wie sie vorbei glitt an den Hütten des fernen Dorfes: »Ach ich Arme, gefesselt gefangne! Schmählichen Schmutz soll ich säubern mit Seufzen, trüb' und traurig. Rußig Geräth, klebende Kleider waschen die Weiber in mir und die Mägde. Mit häßlichen Händen, mit heißen, haschen die Derben durstig die thauigen Tropfen. O wär' ich doch wieder beim Bergbach da droben! Da nickten so neigend die bunten Blumen, die zieren, mir zu! Da strahlten mir still auf die Stirne die Sterne! Und es fiel nur ein Falter, der lang mich geliebt und mich schillernd umschaukelt, mein Liebling, zuletzt in mein reines Rinnsal; treu trug ich den Todten auf weicher Welle. O helft mir, ihr Helden, ihr reisigen Riesen, ihr freudigen Vettern, aus freudlosem Frohn!«

Da trat vor Bläster, der Luftriese, und sprach: »Kann ich nicht blasen, muß ich sticken und sterben. Aber auch mich wollen meistern die Menschen. Trotzig thürmen sie mir mitten auf meinem Weg über Bergjoch und Heide Bretter entgegen und Gebälk, die ich nicht immer fortblasen kann. Was hat der Mensch so hoch zu bauen, daß das Gebäu sein Haupt so hoch überragt! Ja, wie den Knecht und das Rind sie über die Tenne treiben, zu treten die kleibigen Körner, daraus ihr Brod zu backen, zwingen sie mich zornigen, für sie mich zu mühn und Mehl zu mahlen.

Breite Bretter muß ich drehen mit ächzendem Athem; und je zorniger ich erzürne, je wilder ich wehe, desto rascher geräth, das sie wollen, das Werk; und sie lachen meines unfreiwilligen Eifers. Aber ich, Bläster, ich blase sie doch noch Alle wie welke Blätter im Herbst in's Meer, daß sie elend ersaufen.«

Da sprang auf Gridh, die Erdriesin, ein gewaltig schönes Weib: mächtig hoben sich und wogten, wie sie zornig rasch athmete, ihre Brüste; braun war ihr weites Mantelgewand mit breiten grünen Randstreifen: und lichte Blumen, roth, gelb und weiß, waren verstreut darein gewirkt: Riesen und Riesinnen rückten ehrerbietig zur Seite, ihr Raum zu schaffen; und auch die Götter, welche bisher zu manchem Wort der Riesen leise spöttisch gelacht, beruhigten der Lippen höhnendes Spiel. Blitzenden Auges über alle Götter hinweg schaute die Riesin auf Odhin hinüber.

Odhin aber zog den breitrandigen Schlapphut tiefer herab und furchte die Stirn, wie er pflegt, wann er Antwort sucht auf gewichtigen Einwurf.

»Kränkenden Kummer künd' ich wie keine«, sprach sie mit tiefer, verhaltner Stimme. »Und heiße doch heilig selbst meinen Hassern. Auch Odhin einst« – hier hob sich lauter ihr Ton – »der Uebel-Arge, ob er heute das Haupt vor mir hehlt, hat einst hehr und hold mich geheißen. – – Muß ich euch mahnen, wie einst ein Alter der Unschuld uns einte? Das ganze Gebiet der endlosen Erde, einst war es Riesenreich! Nur redliche Riesen, unsere Alt-Ahnen, füllten die Felder, die langen Länder, die breiten Gebirge.

Da wuchset gewaltig – wer weiß es wie! – ihr argen Asen! Aus Ostland, acht' ich, aus hellerer Heimat, kamet ihr Kühnen. –

Lang lebten wir leidlich, lau zwar in Liebe; doch hemmend den Haß. Ja, man raunt: mancher Mann aus den argen Asen gewann von wonnigem Weib in Riesenheim kosenden Kuß. – Ob er's oben in Asgardh der göttlichen Gattin wohl vertraute, der Treue?« –

Sie schwieg eine Weile, strich mit der Linken über die wogende Brust und fuhr fort: »Leidlos lebten wir redlichen Riesen. Rinder und Rosse hegten wir, herrliche, und schimmernder Schafe häufige Herden: wir molken die Milch und holten den Honig der braunen Bienen: starker Stein und hartes Holz nur Waffen und Wehr und rüstig Geräth zu ehrlicher Arbeit: Krieg nicht kannten wir, Schlachten nicht schlugen, Morde nicht mordeten: Wölfen nur wehrte und brummenden Bären der Stab und der Stein: Frieden und Freude füllten die Felder.

Da schuf der gewaltig weise – und ihre Stimme zitterte leise – der schrecklich Schöne, der Asgardh-Odhin, die Menschen, die mächtig bald sich Midhgardhs bemeistert.

Aus Eschenhärte und Erlenweiche schuf er – so sagt er – den Menschen-Mann und das Menschen-Weib. –

Ganz und gar nicht glaub' ich's dem Gotte!

Weiber wissen – so wähn' ich, – in Wonnen und Weh, wie er Weiber gewinnt!

Aus Esche und Erle nicht hat er geholt sie, die Zwillinge zart.

Eine Bule gebar sie, die heimlich er hegte. Eine Elbin etwa: – Lichtelbinnen liebt er!

Daher, denk' ich, die lange Liebe, die den Menschen er zumißt. Selten sieht man den argen Odhin lange lieben! Seine Söhne wohl sind sie und Enkel alle und zierlich zarte, traute Töchter! Doch das ist, denk' ich, Frigg's Frage! Der rauhen Riesin, – was ist ihr Odhin.«

Sie schwieg, warf das lange schwarze Haar zornig in den Nacken und fuhr fort: »Als Menschen maßen mit schnellen Schritten die freien Gefilde, da endete Unschuld: Harm hub sich und Hader.

Unten, im Urfels des innersten Erdkerns, liegt mein Lager: vom Vater gefestigt umfängt mich wuchtiger Wall stärksten Gesteins, von Wasser umwogt, von Feuer umflammt, von dräuender Drachen Häuptern gehütet.

Und doch wagte ein Wandrer, zur Nacht zu nahn, wo noch nie war genaht ein frevelnder Fuß. Das Wasser durchwatete, die Lohe durchlief, die Drachen verdrang der wundernde Wandrer: im Finstern mich fand er, die unmaklige Maid; und zaubernd bezwang er Sinn mir und Seele: und lockte mir listig heraus mein Geheimstes, daß schöne Schätze gelben Goldes, daß Erz und Eisen endlos ich eigne, daß schlummernd im Schose Wärme mir wohne, die wuchernd wieder läßt wachsen, was an Keim und an Korn in's Gewand man mir wirft. Wie im Finstern er mich fand – im Finstern entfloh er; wer der Wandrer gewesen, – nicht wag' ich's zu wähnen.«

Tief schöpfte sie Athem und schwieg.

Frigg schob den breiten goldnen Gürtel mit beiden Händen zornig hinab gegen die Hüften und warf einen funkelnden Blick auf die Riesin.

Diese fuhr, nun hastig die Worte stoßend, fort: »Aber Odhin's Erkorne, die muthigen Menschen, brachen bald herab in mein Reich: Gold gruben sie, Erz und Eisen, Schwerter schmiedeten sie, schneidende Pflugschar und ritzten, die Räuber, mit dem eigenen Eisen mir wehvolle Wunden und bohrten und brachen in mein heiliges Heim, zwangen es, zu zeitigen Körner und Keime.

Und die Gier des Goldes vergiftete ganz wie die glänzenden Götter so die redlichen Riesen: Gold gebar den Männermord, Eisen erzeugte den Kriegeskampf, anhub alsbald alles Unheil.

Muß ich noch mahnen? Malmet die Menschen, die maßlos Muthigen.«

Sie schwieg und setzte sich und alle Riesen nickten und brummten ihr Beifall zu.

Odhin aber, welcher das Haupt sinnend auf die Hand am Speer vorgebeugt hatte, hob nur ein klein wenig das Antlitz und sprach, einen kurzen Blick auf die Riesin werfend: »Wo immer ein Weib Argwohn hegt um Liebe, da wähnt es, Odhin, der Arge, schulde ihr Schuld. Aber ich eide bei meinem eigenen hohen Haupte: nicht ich habe die Menschen gezeugt. Soll ich nur lieben, wo mein eigen Blut mich zwingt? Allvater bin ich geheißen: Alles lieb' ich, was mir hilft, die Welt zu erhalten. Und nicht ich habe der Erdjungfrau Geheimnisse geraubt. Ein Menschenmann, ein muthiger, mein' ich, war der Gewinner. Vielleicht, daß ein Gott den Weg ihm gewiesen.«

Da glättete sich Frigg's Stirn, die sie finster gefurcht. Ein flammender Blick heißer Liebe flog zu dem Gatten hinüber, der, nur ihr sichtbar, mit der Wimper ihr winkte.

Die Riesin aber fuhr schreiend empor. Blaß und kalt wie Eis waren ihre Wangen plötzlich geworden, während ihr Antlitz kurz vorher wie rother Mohn geglüht hatte: »Ein Menschenmann, rief sie schmerzlich, ein mühseliger Mensch, der Gridh gewann? Ich will es nicht wähnen! Dann wehe dem Gott, der den Speer ihm geliehen und den weitgerandeten Hut und den dunkelblauen Mantel!«

Da lächelte Odhin durch all seinen Ernst: und herrlich schön stand das reife, verhaltene Lächeln dem bärtigen, dem feingeschnittnen Mund: »Finster war doch die Höhle. Speer kann man greifen, auch breitrandigen Hut. Aber wie griffest du, daß der Mantel dunkelblau?«

Verwirrt sprach die Riesin, Gluthen wieder im Antlitz: »Sagte ich das?«

Loki aber richtete sich auf beiden Ellenbogen auf – er lag nun im trocknen Grase, fast ganz zugedeckt von den dürren Halmen, (denn Vorfrühling, fast Winter noch war es) – stützte das schmale Kinn auf beide Hände und lachte:

»König Hicko von Hadaland war ihr Gast, von Odhin gesendet und gekleidet. Die Thörin hielt ihn für den Götterkönig. Als er entschlummert war, das Haupt auf ihrem Busen, schlug die Listige Stahl an Stein, fing den Funken und wollte dem Schlummerer in's Antlitz leuchten. Der aber erwachte, wandte sich und floh: seinen Mantel nur sah sie noch flattern. Mir hat es der Gast erzählt, all' das. Und noch mehr – .«

»Schande dem Schwätzer!« rief Odhin laut mit jener breiten Stimme, welche nur aus seiner Brust bricht –: erschreckt durch den wohl bekannten Zornruf griffen alle Riesen unwillkürlich nach ihren Waffen: die Midhgardhschlange aber, welche ihren Kamm aus dem nahen Meere gereckt hatte, zu lauschen, fuhr zitternd pfeilschnell in die Tiefe.

Aber ruhig fuhr Odhin fort: »Und Schande dem Nachschwätzer.

Schweig, lästernder Loki.«

Und nur ganz leise hob er den Speer.

Zwei Frauen blickten tief dankend auf Odhin. Die Riesin – aber auch Frigg: denn Frigg ist an aller Frauen Ehre und Geheimnissen gelegen.

Gestärkt durch Odhin's Schutzwort fuhr Gridh fort: »Und war es ein Mensch, – so heisch' ich desto heißer der Menschen Verderben. Nicht ruh' ich mehr und raste, so lange freche Füße muthwilliger Menschen trotzig treten mein heiliges Haus. Brocken der Berge, Kronen der Kämme, hohe Hügel schleudr' ich den Schlimmen auf Häupter und Hütten: auf reiß ich den Abgrund in klaffende Spalten und schlinge die Schlauen in tödtliche Tiefe.«

Fornjotr aber, ihr Vater, der Riesen Aeltester, fuhr fort – eisgrau wallte sein breiter Bart ihm bis auf den Gürtel: »Friede und Freundschaft wird nur zwischen uns und euch, wenn nicht mehr die Menschen zwischen uns wandeln, gehaßt und geliebt, bedroht und beschirmt. Und so sprech ich als aller Riesen Fürsprech: Friede und Freundschaft bieten wir euch, geben heraus euch Freia und Miölnir, wenn ihr gelobt, mit uns auszutilgen die Menschen.«

Da ging ein zorniges Murren durch die Reihen der Götter und Göttinnen.

Selbst Freir, so heiß er nach Freia, und Thor, so ungestüm er nach Miölnir verlangte, wollten von solchem Vergleich nicht hören. Alle riefen und redeten durcheinander.

Nur Odhin schwieg; er blickte spähend nach Süden, in die Ferne.

Da sprach, als einige Stille geworden, Baldur: lebhaft hob er seinen kurzen ganz goldenen Wurfspeer empor: »Das sei fern von den Asen! Nichts, was außer Asgardh ist, erfreut mich mehr als der Menschen Freude. Ja, ihre Freude, noch vor ihrem Dank: noch ehe sie sich besinnen, daß sie mir Dank schulden. Wann ich, nach langem Winter, zuerst wieder hinfahre auf helleren Wolken, verkündet von den vor mir zwitschernden Schwalben, wann ich den ersten gelben Falter vorausgeschickt, wann aus dem Walddicht das fahle Reh zuerst heraus lugt, am Saume zu äsen der jungen Birken saftiger schwellende Knospen –, wann in den wetterbraunen Gehöften die Menschen mein Nahen verspüren, – wann der Hofherr, tief einathmend den ersten Lenzwind, von der Hausthür das Winter-Vorbrett herab nimmt und dem Weibe zunickt: »Für dies Jahr ist's wieder gewonnen!« – wann der Hirt von der Halde zurück ruft mit lautem Horn: »der Waldquell hat das Eis abgeworfen!« – wann dann Knaben und Mädchen mit fröhlichem Lärmen sich an den Händen fangen und hinaus hüpfen aus den Höfen auf den Anger zum ersten Reigen auf dem noch feuchten, aber schon warm beglänzten Rasen: – – dann zieht mir Wonne durch's Herz, noch bevor sie mir danken! Und nicht missen will ich, so lange ich den Frühling führe über die Erde, glücklicher Menschen frühlingsfreudiges Antlitz! Nicht tilg' ich sie aus, die geliebten Thoren, so lange ich athme.«

»So lange du athmest!« sprach Odhin leise vor sich hin, seufzend: denn er hatte schwer geträumt. –

Da nahm Fro das Wort, gestützt auf den langen Schaft der Sense, deren goldene Schneide kosend streichelnd: »Nicht freute der Herbst mich, sähe ich nicht mehr, von emsigen Menschen geschnitten, die dicht wogenden, goldgelben Halme, welche sie sorgsam gepflegt viel schwankende Monde. Gern fahr' ich dahin über die fluchenden Felder im Abendwind über die nickenden Aehren und segne sie leise. Gern schau' ich den letzten Aehrenbüschel auf dem Acker, mir dankbar geschont, von blauen Blumen gekränzt; gern sehe ich sie tanzen um den garbenbedeckten Feldaltar; gern hör' ich den Dank auch der fröhlichen Schnitter und im Winter den Schlag der dröhnenden Drischel! Die fleißigen Schollendurchfurcher – nie tilg' ich sie aus!«

»Nie tilg' ich sie aus!« wiederholte Frigg, die silberne Spindel schwingend und zurückschlagend den zarten Linnen-Schleier: »nie will ich vermissen die Freude im Busen, seh' ich der Jungfrau schämigen Blick, wie mit Zagen und süßem Grauen von den Aeltern hinweg und festlichen Bänken des Brautlaufs dem Gemale sie folgt, der ungeduldig an der Hand sie dahin zieht über des Brautgemachs blumenbestreute Schwelle. Und fast weniger noch will ich entbehren, stand ich der wehvoll Ringenden bei, den ersten Blick mit dem seligen Lächeln, den auf das Kind, das erstgeborene, das schmerzerkaufte, wirft die junge Mutter, aller Schmerzen vergessen. – Die Männer, die rauhen, die untreuen, – wohl könnt ich sie missen auf Erden: doch nimmer die Frauen, die zarten, die tiefen, treuen entbehr ich!«

Da zog, trotz all' seines ernsten Sinnens und scharfen Spähens, über Odhins bärtige Lippen ein leises Lächeln: schön stand der überlegene Scherz dem Hohen, als er, das Haupt leicht seitwärts neigend, langsam sagte:

»Willst du der Weiber, Frigg, dich freuen, fast all zu Strenge, wirst du auch Männer müssen ertragen. Lange nicht, wähn' ich, werden die Weiblein blühen auf Erden, mißen sie Männer.«

Und es lachten die Götter, die es vernommen, leise.

Nur Thor, der lachte so lautschallend, daß Frigg fast zürnte.

Doch ward sie ihm gleich wieder hold, dem starken Sohn, als er einfiel: »Wie die Mutter nicht die Weiber, so mag ich die Männer nicht missen! Lieb ist mir mein Hammer: wie lieb – das weiß keiner außer mir: lieber als dem Durstgen das Aelhorn, lieber als dem Manne das Brautweib. Und nicht weiß ich, weder wie ich froh werden noch wie Walhall sicher sein soll ohne Miölnir. Aber das weiß ich: Nichts zu leide thu' ich den Menschen! Ich meine: den Guten! Denn manchem unter ihnen schon habe ich den Kopf zerschlagen, so weich wie Hirsebrei, der da hatte brechen wollen was Thors Hammer gefestigt. Thoren! Das Recht wollen sie brechen und brechen das eigene Leben, Thors Frieden wollen sie brechen und brechen nur den Frieden im eigenen Herzen! – Aber daß wir auch die Treuen austilgen sollten – bei meinem armen, herrenlosen Hammer! – das wäre Neidings-That. Haben sie uns nicht Opfer geblutet und Sud gesotten und Ael geweiht in großen Eimern? Sollten wir geschmaust haben Roß-Opfer und Eber-Opfer und das Opfer-Bier getrunken, wir Alle, – und nicht am Sparendsten Thor, Odhins Sohn, den erwarteten Schutz aber versagen, den verdienten, den Freigebigen und Wackeren, ja, sie verderben? Wahrlich, gleich dem Dreschknecht würd' ich mich achten, der voraus trinkt das Dresch-Bier, das dem Drescher gebührt, dann aber müßig davon geht, ja das Gehöfte verbrennt. –

Und wie freut es mich doch in der breiten Brust, wann ich krachend, mit rollenden Rädern des dröhnenden Wagens, dahin fuhr über die Dorfflur, wie die Leute nun heraus treten aus den Hausthüren und meiner letzten Regentropfen sich freuen, die goldglänzend unter Baldur's Blick wie eitel Segen fallen auf die Sat: würziger Brodem quillt aus den braunen Schollen und freudig rufen sie dankend mir nach: »Grimmiger Groller, schrecklich dein Schrei, doch Segen dein Sinn und Wonne dein Werk!«

Und nimmer auch will ich es missen, zu schauen, wie ernst sie blicken, bedächtig und wacker, weihte ich ihnen neu gezimmertes Haus mit Hammer und Spruch. Noch auch, wie traurig und treu, weih' ich den Todten zuletzt auf dem Holzstoß. – Arme, sonnen-durstige Schlucker! Sie dauern mich! Ich habe sie lieb: sie mühen sich endlos und müssen so bald sterben und die Meisten versinken nach Hel, während wir ewig leben, wir Götter, die wir das weite Walhall bewohnen.«

Tief auf athmete schwer da Odhin und blickte mit einem Blick treuer Liebe auf den freudigen Sohn.

»Genug, daß sie einzeln sterben! Nie tilg' ich aus das ganze Geschlecht,« so schloß Thor und er griff in den Gürtel, den Stärke-Gürtel, wo sein Hammer zu stecken pflag an der linken Hüfte. Leer war der Gürtel: – seufzend setzte sich der Gott. –

Aber an seiner Seite sprang empor Tyr, der Kriegsgott, des Schwertes nackte Klinge, die er, ohne Scheide, rechts im Wehrgehänge trug, heraus reißend und drohend gegen die Riesen reckend: »Nicht will ich missen der Menschenmänner freudigen Kriegsruf, die schallenden Schilde, das hallende Horn, wann Keil trifft auf Keil in herrlicher Schlacht. Mit Jauchzen springen sie in die Speere und den Tod. Heil den Helden! Oft haben die Helden auch lange Lümmel, hoch ragende Riesen, mit Muth und mit Raschheit gefüllt, mir zur Freude! So sollen sie oft noch.«

Und Heimdall warf im Unwillen sein Wächterhorn zurück, das er an langem Lederbande trug, sprang auf und rief: »Den Regenbogen hüte ich den Göttern, die Brücke, ein mühereich freudenarm Werk. Tag und Nacht, wann sie kämpfen, spielen, schmausen, zechen, schlafen – Heimdall ist nicht dabei. Nur selten hab' ich Ablösung. Denn am Wachsten wacht Heimdall. Nicht will ich der Freuden entbehren, wie die Menschen staunend aufblicken zu mir. Erst gestern lief ein Kind auf mich zu, die Aermchen erhoben, die nackten, die runden: lachend vor Freude rief es: »nun will ich laufen, bis daß ich den Bogen finde, mit Händen ihn greife.« Und es lief, bis es lächelnd einschlief. Heim trug es die Mutter: und goldene Schüsseln warf ich dem Kind im Traume herab. Nie will ich es missen – das Staunen, das Lächeln der Kinder!«

»Nie tilgen wir die Menschen!« riefen die Götter.

Nur Odhin schwieg; er gedachte des Spruches, den er einst als schwer ersonnener Weisheit Frucht aus Runen gelesen: »So lang leben Asen in Asgardh, als Menschen in Midhgardh an Götter glauben: die Götter vergehn mit den Menschen zumal.«

So hatte Odhin nicht erst Zweifelfrage zu fragen, ob er die Menschen austilgen solle und annehmen der Riesin Vorschlag. Deßhalb schwieg er.

Aber er sann.

Denn noch nicht wußte er, wie er auf andrem Wege möge Freia und Miölnir wieder gewinnen von den Riesen. Er sann und fand nicht Rath. Verzögern wollte er die Entscheidung, bis daß ihm zurück geflogen wäre Hugin, sein Rabe: »Gedanke«; denn der andre Munin: – »Erinnern« – saß rathlos auf seiner Schulter. Hugin aber hatte er entsendet auf Spähe weithin über sieben Königreiche nach Süden. Und der Rasche war noch nicht zurück. Scharf sah Odhin aus in den Himmel. –

Da nun aber die Riesen gehört hatten der Götter heftige Weigerung, da entbrannten sie in Riesenzorn, fuhren auf, brüllten, daß die Felsen wiederhallten, schlugen die Steinwaffen aneinander, daß große Splitter davon sprangen und schrieen den Asen zu, daß sie wollten Freia und Miölnir in die See werfen, da sie am Tiefsten wäre.

Und die Midhgardhschlange, die sich, da Odhin wieder schwieg, von ihrem Schrecken erholt und wieder herangewälzt hatte im nahen Fjordh, freute sich sehr, da sie hörte, daß sie Freia sollte verschlingen dürfen; und sie peitschte mit dem Schweif die Fluth, daß sie hoch auf spritzte.

Und sprangen da auf von ihren Sitzen alle Riesen und alle Götter und drohten, in Waffen wider einander zu fahren.

Nur Odhin blieb sitzen in hoher Ruhe, das Haupt vorgebeugt, den Speer über die Schulter gelehnt, nachsinnend und gelegentlich spähend, ob nicht Hugin komme geflogen.

Und drunten am Bach blieb liegen in dem hohen, dürren Grase der lauernde Loki; er blickte bald in Odhin's zweifelndes Antlitz empor, bald auf den lärmenden Haufen der Streitenden.

Da er nun sah, daß diese bald würden handgemein werden, – schon hatte Thor, in Ermangelung seines Hammers, zwei Steinriesen gegriffen mit bloßen Händen und stieß ihre harten Schädel wider einander – sprang er plötzlich auf und stieß seinen spitzen Eisenstab vor sich in die Erde: da loderte hoch auf eine rothe Säule knisternden Feuers zwischen Asen und Riesen, die schon Kämpfenden scheidend: und Alle sahen erstaunt auf Loki und hielten inne.

Das hatte er gewollt, sich Gehör zu schaffen.

Lächelnd streichelte er nun mit der Hand liebkosend die Feuersäule: die versank sofort wieder in den Erdboden.

Loki aber sprach: »War ich der Arge, den Viele mich schelten, der an Unheil sich freut – behaglich blieb' ich jetzt liegen, wo behaglich ich lag: und sah zu, wie ihr wieder einmal, ihr dummen Riesen und ihr tagblinden Götter, euch die Knochen zerschlagt.

Aber ihr dauert mich, ihr, glänzend an Gliedern und wuchtig an Waffen, doch winzig an Witz. – Und da der grübelnde Ase, der Weiseste Aller,« – er beugte das Haupt vor Odhin voll Ehrfurcht, wie es schien: aber Baldur glaubte doch einen Zug des Hohns um den feinen Mund des Feuergottes spielen zu sehn – »noch nicht seinen bessern Gedanken gefunden, so vernehmt einstweilen, was Loki euch räth: vielleicht ist es »doch schlauer als Schädelspalten.«

»Loki lügt«, sprach mißtrauisch Hrim, der Reif-Riese. »Man weiß nie, mit wem er es hält, mit wem er es gut meint, mit Riesen oder Asen.«

»Nur mit Einem«, fiel Baldur ein, »meint er es gut: aber gerade deßhalb meint er es mit diesem Einen am Allerschlimmsten: mit sich selber! Loki, mein armer Bruder: am elendesten ist in allen Welten, wer nur sich selbst liebt.«

Und zärtlich legte er den Arm um Nanna's Nacken, seines Weibes: und voll liebender Ehrfurcht blickte er hinauf zu Odhin, seinem Vater.

Loki warf nur einen geschwinden bösen Blick auf Baldur und fuhr fort: »Ein Narr nimmt vom Feind nicht Gutes. Ist heute meine Rede gut – weßhalb sie verwerfen? Weil euch frühere mißfiel? Höret nur erst. Muß ich euch mahnen, ihr redlichen Riesen, wie übel ihr von jeher gefahren bei dem Kampf mit den Göttern? Weit verstreut bedecken die Gebeine eurer Erschlagenen die Erde. Mit Staunen graben und brechen sie die Menschen aus Urgestein. Viele von euch, mein' ich, würden noch fallen von Odhin's Speer und Tyrs Schwert und daß euch Thor auch ohne seinen Hammer Kopfpein schaffen mag, das habt ihr eben verspürt.

Ihr aber, edle Asen, werdet doch nicht wieder froh, bis nicht Freia, die Freundliche, wieder unter euch wandelt, wie der Sonnenstrahl unter den Hochstämmen des Buchwalds. Und wenn Asathor nicht bald wieder seinen Hammer hat, wird er tiefsinnig, fürcht' ich. Und wegen der Erdwürmer, der Menschen, sollten so starke Helden wie ihr Riesen und so edelweise wie wir Götter uns nie versöhnen? Wahrlich, das sind sie nicht werth! Nun höret: die Riesen verlangen, wir sollen die Menschen mit ihnen austilgen: die Götter wollen, wie bisher, sie schützen gegen der Riesen Angriff: ei, laßt doch Beides bleiben! Ihr den Angriff – ihr die Beschützung.«

Und nun glitt er zu Surtr, dem mächtigsten der Riesen, und flüsterte ihm zu: »Theurer Groß-Ohm (denn Surtr war der Bruder von Loki's Großvater von der Spindelseite, Leiti), du weißt es: von jeher hab' ich heimlich zu euch Riesen gehalten, zu denen ich gehöre durch das halbe Blut und durch den ganzen Haß gegen die Götter –: zumal gegen Einen! – und wie grimmig ich die Menschen hasse, das wissen Riesen, Götter und Menschen! Auch heute nützt mein Rath nur euch. Ihr wißt, wie die elenden Lieblinge Odhin's durch eure Angriffe, durch Noth und eigne Zwietracht zusammen geschmolzen sind auf der ganzen Erde, auf drei kleine Gaue. Dürfen die Asen sie nicht mehr schirmen vor Noth und der eigenen Mordgier – bald sind auch diese letzten geschwunden. Und ich will schon heimlich dazu helfen.«

Und er patschte leise auf des Riesen Hüfte: denn höher hinauf konnte er nicht reichen.

Surtr nickte brummend: er wolle es berathen mit den Andern. – Loki aber glitt so glatt und rasch und leise wie Schlange schleicht oder Flamme fliegt hinüber zu dem Rasenhügel, wo Odhin saß: eines todten Königs Asche ruhte drunten: – der König selbst aber, Odhins Wahl-Sohn, Halfdan, König Haralds von Hördhaland Vater, lebte herrlich unter den Einheriar in Walhall.

Behend wie das Eichhorn kletterte Loki den Stamm der Föhre hinauf, welche am Fuß des Hügels stand, und wiegte sich schaukelnd in der Baumkrone, wo er gerade an des Götterkönigs Ohr reichte und leise zischelte er hinein: »Herrscher, Allwissender« – bei diesem Wort furchte Odhin finster die Stirne – »folge meinem Rath. Du weißt, wie stark und zäh und klug der Menschen Geschlecht: vor Allen König Harald, dein Liebling. Wahrlich, wenn nur nicht mehr die übergewaltigen Riesentölpel durch Eis, Sturm, Erdfeuer, Deichbruch und Sturmfluth der See sie bekämpfen dürfen – mögen die muthigen Menschen auch ohne Asenhilfe sich selber erhalten. Denn viele Runenweisheit hast du ja schon deinen Schützlingen offenbart.«

Während Loki sprach, schien Odhin gar nicht auf ihn zu achten.

Hoch in Lüften im Mittag zeigte sich ein kleines dunkles Gewölk: Loki gewahrte es nicht: wohl aber Odhin. Pfeilschnell schoß das kleine dunkle Wölklein näher und näher.

Und Odhin sprach, ohne auf den Flüstrer zu schauen, den Blick nach oben gerichtet: »Herber als Hel heg' ich dir Haß. All' meiner Uebel Aeußerstes acht' ich, dich Sohn nennen zu sollen. Böse bist du, urböse, wie die Stunde deines Werdens war. Schlimmes geschah, Schuld und Schade, Wahn und Weh, so oft ich horchte deinem wohlgewogenen, wohlgewinnenden Wort: denn lieblich und listig zu lügen weiß Loki: so oft ich dir folgte, fiel ich in Fallen. Oft schon erwog ich, ob ich nicht tauglich thäte, tilgt' ich dich aus.«

Und leise zuckte seine Hand am Speerschaft.

Loki aber lächelte gar eigen und sprach: »Soll den Sohn fällen der Vater? Furchtbarer Frevel!«

Aber Odhin antwortete finster: »Sinnt doch schon lange sehnlich der Sohn, wie den Vater er fälle! Scheint dir das, Schlimmer, schwächere Schuld? Rede nicht, Rothkopf! Leugne nicht, Loki! Allwissend, wie hämisch du höhntest, bin ich Armer nicht: viel doch fand ich, mehr als die Meisten. Auch durch deine Gedanken dring' ich, die dicht gedeckten. Nicht schelt' ich dich, Schlimmer! Nicht ich darf dich verdammen. Du wardst – wie du mußtest: – so werden wir Alle! Lüge drum und lästre noch länger, wie dir Lust. Später spürst du, spöttischer Späher, doch vielleicht noch dieses Speeres Spitze. – Auch jetzt räthst du nicht redlich – wohl weiß ich's –: sondern Schaden schürend. Vielleicht aber folg' ich dir, – hört' ich erst Hugin.«

Da schwirrte es sausend durch die Luft: und so gerade und sicher wie haarscharf gezielter Pfeil schoß Hugin der Rabe auf des Gottes rechte Schulter: mit frohem Flügelschlag, mit lautem Freudenruf begrüßte auf der linken Schulter sitzend Munin den Genossen.

Odhin aber strich streichelnd, liebkosend über des Vogels Kopf und Rücken: »Nun, Hugin, mein hurtiger Held! Was bringst du für Botschaft? Sieh, hier den hellen Halsring von gleißendem Golde – du schätzest, was schimmert! – hab' ich dir geholt aus Walhalls Hort« – und er nahm aus dem Brustlatz einen glänzenden, geöffneten, aber schließbaren Goldreif: – »als leuchtenden Lohn für den besten der Boten, bringst du erwünschte Wahrheit.«

Hugin's schwarze, runde Augen glitzerten in begehrlicher Freude, da sie den schimmernden Schmuck erschauten und er rief laut mit vorgebeugtem Kopf in Odhin's Ohr.

Wohl vernahm Loki den Schall: aber nicht verstand er den Sinn der Meldung: denn nur Allvater versteht seiner Raben Rede. –

Als er geendet, sprang Odhin freudig auf und schloß den Ring um Hugins Hals: beide Vögel flogen in die Höhe und umflatterten mit frohem Rufen sein Haupt. »Heil dir, Hugin, hüpfender Herold« sprach Odhin: – und nun, da er stand, sah man erst, wie gewaltig und herrlich des breitbrüstigen Götterkönigs Gestalt war.

Loki glitt mit leisem Grauen vor dem Geheimnißvoll-Mächtigen am Stamm der Föhre herab und blickte scheu empor zu dem manteltragenden Gott. Dieser hob den Speer befehlend und sprach:

»Laufe, Loki, rasch zu den Riesen! Ich sah es schon an ihren Gesichtern: sie werden wählen nach deinem Wort: ich selbst will dasselbe.

Doch nicht freue dich zu frühe tückischer Täuschung: was du Böses gebraut, soll zu Gutem gedeihn.

Wir Götter schwören den schweren Schwur bei meinem heiligen Haupte: nicht nah'n wir geneigt den mühseligen Menschen: – sie sollen vor Schaden selber sich schirmen: – so lang nicht die langen Leiber da drüben, die rauhen Riesen, sie kämpflich bekriegen.

Gütlich nun geben soll uns Surtr Freia, die Freundliche, und den heiligen Hammer. Freundschaft und Friede sei fromm gefestigt Riesenreich und den edeln Asen«.

»Und ein lustig Gelage, rief Thor der Tapfre, ein leidlich langes, soll trefflich mir taugen. Aller Uebel, die ich erfahren, acht' ich das Aergste doch den Durst! Fahrt die Fässer heran des unendlichen Aels! Breitet die Bänke, kränzet die Krüge. Heia, meinen Hammer bald halt' ich in Händen!«

*

Zorn, Schmerz und Scham überkommen mich, daß ich nächtlicher Weile, verstolen, wie wenn ich Uebelthat triebe, dies aufzeichnen muß, klopfenden Herzens auffahren, schallt Geräusch von dem Wege, der über die Hügel führt zum Bischofshof.

Sitze ich doch hier, der freie Mann, der Godhe, auf Hofgardhar, dem alten Freihof, den meine Vorfahren gebaut als der frühesten einen auf der Insel, seit die Nordleute hierher wanderten, die König Harald Harfagri's Ein-Herrschaft den freien Nacken nicht wollten beugen. Erhebe ich das Wort in dem Heradhs-Thing, ja auch im Allthing –: Alle hören gern auf meine Rede: man ehrt des alten Thorgeirs Urtheil auf der Insel und man scheut die starken, dicht gereihten Speere meiner Sippe.

Und jetzt muß ich das hier nun heimlich schreiben, mit Furcht vor Strafe, wie wenn ich etwa Verrathbriefe schriebe und König Harald Hardhradhi und seine Söldner riefe in dies freie Eiland.

Und schreibe doch nur von denselben Göttern, denen diese Halle zum Schutz empfohlen ward seit hier der erste Balken in die Erde getrieben, seit aus dem nahen Quell, der Odhin geweiht, der erste Wassertrunk geschöpft ward.

Aber wie hat sich nun Alles gewendet! Wie hat, seit man um des lieben Landfriedens willen den neuen Glauben hat gewähren lassen, der neue Glaube den Alten aufgezehrt wie ein fressendes Feuer altes Morschholz!

Nun sind es zwei Menschenalter, daß mein Großvater Thorgeir, der Gesetzsprecher auf dem Allthing, von Christenleuten und Heidenleuten gemeinsam beauftragt ward, ihren Streit zu entscheiden in einem Spruch, dem sich beide sollten unterwerfen: denn es drohte zu furchtbarstem Kampf zu kommen auf der Dingstätte selbst – etwa, wie es zum Streite kam zwischen Asen und Riesen bei Harald Halfdansohns Hochzeit, wie ich bald sagen werde –: denn in eherner Schlachtordnung waren die Christen, geführt von den fremden Priestern, auf der Stätte des Friedens eingerückt, zwei Kreuze, sieben Geistliche voran: aber wild geschwungene Speere hinterdrein: Unterwerfung forderten sie, Annahme der neuen Lehre, weil der fremde König Olafr Tryggvason so geboten habe!

Grimm erfüllte die Heidenleute, denen man auf der Stätte des Rechts Gewalt drohte: die alten Götter und die alte Freiheit wollten sie nicht aufgeben: aber da sie die Taufe weigerten, sagten ihnen die Christen Recht und Frieden auf und beide Schaaren eilten hinweg von dem Gesetzesfelsen, zu rüsten zum Kampf auf Tod und Leben. Wer immer siegte – die Hälfte alles Inselvolks ward da sicher erschlagen.

Da waren Männer unter den Christen, die waren klug und maßvoll genug, und Männer unter den Heiden, die liebten ihr Volk heiß genug, solchen Bruderkampf zu scheuen.

Und traten zusammen und schickten Boten hin und her und endlich stellten Christen und Heiden, statt zu kämpfen, friedliche Entscheidung auf Thorgeir's, meines edlen Großvaters, Spruch.

Dieser aber, obwohl selbst noch Heide, fällte um des Landfriedens willen einen Spruch, der den Christen den Sieg gab und den Heiden nur karge Rechte.

Aber immer war es doch besser, als daß das halbe Volk gefallen und die Uebrigbleibenden – Christen oder Heiden – unterworfen worden wären von König Olafr: denn gar bald hätten ihn dann seine Drachen an die Insel getragen.

So ward denn Landrecht nach Volksschluß: daß alles Volk auf der Insel die Taufe nehmen mußte, alle Tempel und Götterbilder ungestraft von den Christenpriestern sollten zerstört, offene Opfer der Inselleute für die alten Götter sollten mit Landbann gebüßt werden, wenn durch Zeugen erwiesen: nur heimliches Opfer sollte verstattet und jede Nachspürung in Häusern und Höfen nach heimlichem Opfer und heimlichem Dienst der alten Götter verboten sein.

So that mein Ahn Großes für sein Volk: für den Volksfrieden gab er den offnen Dienst der Götter hin, an die er glaubte: nur heimlich im Herzen und am Herde des Hauses wollte er sie hegen.

Und ein Großes wahrlich und nicht ein Kleines hatten auf meines Ahnherrn Rath alle Heiden so dargebracht der Liebe zum Volk, zum Frieden, zur Heimat: nur heimlich noch wollten sie alle dienen dürfen den geliebten Göttern der Väter: dem Christengott räumten sie den Stolz der offnen Herrschaft auf der Insel ein.

Und nahmen die Meisten gleich auf der Thingstätte willig, obzwar oft weinend, die Taufe dem Volksgesetz getreu. Nur den Ost- und den Nordleuten verstattete man, statt in kaltes Wasser, in die warme Quelle zu Reykir zu steigen: denn sie scheuten das kalte Bad, in dem die ersten, die hineingestiegen, schüttelnder Frostschauer ergriff: und glaubten, es sei die Strafe der alten Götter.

So war nun Friede auf der Insel: und hätte man glauben sollen, die Priester hätten genug erreicht.

Aber die sind wie – ein Anderer, den man nicht nennen soll: Giebt man ihnen den Finger, so ruhen sie nicht, bis sie Hand und Arm und den ganzen Menschen haben mit Blut und Gedanken.

Und sie müssen so thun: denn es ist ihre Pflicht, Seelen zu retten vor dem ewigen Feuer.

Und sie thun es aus heiligem Pflichteifer: und aus Herrschsucht zugleich.

Und es gefällt ihnen, daß auch die Herrschsucht so aus Sünde zu Tugend wird.

So dieser Gizurr, des Bischofs Sohn, von dem König Harald Hardhradhi mit Recht in offner Halle vor vielen Gästen gesagt hat, daß er zu drei Dingen gleich trefflich geartet sei: zu einem guten Bischof, einem herrschgewaltigen König und einem unbändigen Viking.

Hat er doch schon erklärt, dieser Bischofssohn und Bischofs-Meisterer, er werde die Wahl als seines Vaters Nachfolger nur annehmen, wenn wir Alle vorher geloben, jedes und alles kirchliche Gebot blind zu befolgen, das er erlassen wird.

Ich Thorgeir, Thorgeirs Enkel, wähle ihn nicht unter solchem Beding.

Muß doch jetzt schon, obwohl er noch nicht Bischof, jedermann, Jung und Alt, Reich und Arm, Mann wie Weib sitzen und stehen wie er gebietet: ist er doch jetzt schon zugleich Priester und fast König auf Island. –

Seit jenem Volksschluß nun vom Jahre tausend nach Christi Menschenwerdung, haben die Priester sogleich – kaum war das Willwort im Winde verweht – begonnen, nicht nur das eingeräumte Recht zu üben bis zum allerletzten Rand: nein, darüber hinaus auch die scheue, verschüchterte Verehrung der alten Götter zu verfolgen bis in das Innerste der Höfe, bis an des Hauses geheiligten Herd.

Rechtsstrafen setzen sie nicht leicht durch für stillen Dienst der Asen gegen das Landrecht: aber die Kirchenstrafen sind schwer genug und schädigen dem Getroffenen Ehre, Friede und Verkehr.

Und da sie doch nicht durch die Holzwände der Höfe schauen können, gewinnen sie sich Augen im Hause: Magd gegen Frau, Frau gegen Mann, Kinder gegen Eltern verlocken sie, zu spüren, zu spähen, anzuzeigen.

Und hat der Hausherr am Julfest das Bragihorn geleert und sprang ein Par über das Sonnwendfeuer und sang ein Skalde von Walhall und ließ der Aerndter einen Aehrenbüschel stehen für Fro und streute die Hausfrau Mehl auf den Herd für den Hausgeist: – flugs erfährt es nicht der Bischof – der gute alte Isleifr! der will den Frieden, – aber Gizurr, sein Sohn, und allerlei vielquäliges Fragen und Büßen folgt, und Verweigerung nicht nur der Kirche – kein frommer Nachbar hilft mehr in Handel und Wandel dem Heiden: seine Taglöhner verlassen ihn: – er dürfte verderben und verhungern: die Frommen ließen es gerne geschehen und Seraphicus spräche von der Hand des Herrn.

Mich ekelt.

Und manchmal verdrängt mir der Heißzorn den kalten Ekel.

Mich erbarmt der weise Christus, daß er so schlechte Diener hat.

Wäre ich allmächtig wie er, ich schaffte sie ab. Und ich glaube, ich werd' es nicht lang mehr ertragen.

Ich klage bald am Allthing auf Bruch des Landrechts. Aber wehe, wenn ich obsiege.

Nicht wehe um mich: gern fall' ich im Kampf für das Recht des Landes, der Heiden und der alten Götter.

Aber ich fürchte Einen, der noch nicht auf der Insel ist und lange schon hier sein möchte: ihn rufen die Christen, wenn sie erliegen. Er trägt jetzt Krone in Norwegen.

Dann wird er Krone tragen hier unter den freien Bauern.

Das soll er nicht durch mein Zuthun.

Eher räum' ich das Land – meines hohen Vaters Beispiel folgend.

Denn der, schon ein reifer Mann als mein Großvater jenen Spruch gethan mit blutendem Herzen, fügte sich zwar dem Landrecht und des eigenen Vaters Vorgang: er nahm, widerstrebend, die Taufe und opferte niemehr offen den Göttern: aber im Hause hier ward treu der Opferbrand geschürt und seine Harfe tönte nicht zu der Heiligen, sondern zu Odhin's Preis.

Und war er schon früher viel als Skalde umhergefahren und hatte die Hallen heidnischer Könige gesucht, so that er jetzt erst recht so: und selten nur weilte er noch auf der Insel, sondern fuhr umher, die alten Götter singend, da wo man noch gern von ihnen hörte.

Ich aber durfte ihn begleiten als sein Harfenknabe, das Saitenspiel ihm zu tragen und zu stimmen. Das waren schöne Tage. –

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