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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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Schwer würde mich strafen, mit Bet-Zwang und Buß-Zwang Isleifr der Bischof, schärfer noch Gizurr, sein scharfer Sohn und scharfer Schürer, wüßten sie, was ich hier aufzeichne nächtlicher Weile. –

Zauberlieder, Höllensprüche, würden sie schelten die alten Runen, die stolzen Lied-Stäbe der Väter, die ich hier rette vor der Söhne Vergessen.

Heidenschaftspflege, Unholdendienst würden sie's nennen, daß ich meines alten Vaters, des hohen Mannes, Sagen-Weisheit verzeichne, so viel ich ihrer noch weiß und gedenke.

Und doch will ich gern glauben nach des Bischofs Gebot an den Himmels-König, den Alt-Weisen, der geschaffen Land und Meer.

Und im Meere die Eilande. Auch dieses Eis- und Feuer-Eiland.

Und will glauben an den Herren Christus, seinen Edel-Erben, der Helden Herrlichsten, der in den Tod ging für seine Gefolgschaft: – hätten doch die Jünger, die allzu sanften, Schwerter geschwungen, so kühn wie meine Gesippen: niemals hätten, so mein' ich, die Männer von Juda noch auch von Rumaburg die stärkeren Recken gebunden den Edling.

Will auch glauben – obzwar unleicht – an den Geist, den heiligen, der daher fliegt in Tauben-Weise. Lieber wär' mir's, käm' er geflogen im Adler-Hemd, wie Odhin. – –

Nun aber will ich leise hinaus gehen und schauen, ob nicht von Außen sichtbar sei der Lichtschein von meinem Kien-Spahn: denn schlau sind, allum spürend, des Herrn Bischofs eifrige Späher, die braunen Mönche.

Auch wir freien Godhen, im Hausfrieden unserer Godhordhe, sind nicht sicher vor ihrer Spähe nach Heidenschaftsthaten, obzwar solche Spähe das Landrecht verbietet.

Nicht wäre mir lieb, Lügen zu lügen: aber auch nicht rathsam, das Wahre zu sagen, fragten sie mich, was so spät ich schaffe, wann lange schon schlafen die Andern unter allen den Dächern meiner Gehöfte.

Auch hört ich den Eisbären brüllen am Geis-Stall –: den scheuch' ich mit Speer-Wurf. –

*

Gescheucht ist der Eisbär. Roth glühte sein Auge im Dunkel.

War es ein Unhold, ein Wer-Bär? Hat ihn der Hölle übler König gesandt, mich zu schrecken, der leidige Loki, wohl wissend, wie ich zu schreiben gedenke von seinen Listen und seinem Erliegen?

Dann: wenig gelang ihm's.

Nicht fürcht ich der Heiden dunkle Hel noch der Christen hell flammende Hölle.

Denn mich schützt der Himmelsherr, an den ich ganz glaube.

Und nicht auch versagt mir der Licht-Alfen Geschlecht, die uns seit Alters hausen am Herde, unserer Sippe ein altbefreundetes Völklein: noch auch in der Rechten der starke Speer. –

Kein Lichtstrahl glomm durch den Laden – getrost mag ich schreiben: – still liegt das Haus und die beiden Klein-Höfe, still weithin die schneebegrabne Heide; der Ael-Krug reicht noch, bis die Sterne bleichen: – denn nur selten darf trinken, wen der Schlaf nicht beschleichen soll, bei nächtlichem Schriftwerk. Noch den knorrigen Wurzelstock der Före werfe ich auf die Herdstätte. Denn kalt wird die Nacht. –

Also: ich glaube an des Bischofs Lehre.

Aber das Eine will nimmer ich glauben, daß es Sünde sei, treu zu bewahren der Väter Alt-Sagen.

Mögen Odhin, Thor und ihre Genossen nicht Gott gleich sein –: daß sie lebten und noch leben, sagt ja auch Isleifr, der Bischof.

Nur üble Wichte, Höllengeister, meint er, sind sie.

Dem aber ist nicht so.

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« – sagt das heilige Buch. Ei nun wohlan!

Unsere Ahnen, mein Vater zumal, haben aus diesen Alt-Sagen von den Walhall-Göttern höchsten Muth und tapfern Trost geschöpft. Und treffliche Thaten, nicht nur herrlichen Heldenthums, auch tiefer Weisheit und gütevollen Herzens, haben sie gethan, die Heidenleute, Männer und Weiber, nach der Walhall-Götter lichtem Vorbild, ihnen zu gefallen, ihnen zu gleichen, endlich zu ihnen aufzusteigen in Asgardhs goldene Säle.

Alle Tugenden des Heldenthums, der Treue, der Zucht pflegten unsere Vorväter und Vormütter in der Walhallgötter Dienst. Zwar Seraphicus, der böse Mönch, las uns neulich in der Kirche aus einem lateinischen Buch eines heiligen Bischofs, Augustinus heißt er, ein Wort, das lautete: »die Tugenden der Heiden waren und sind nur glänzende Laster«. Aber das ist, und wenn es auch ein heiliger Bischof, ein heißblütiger, im heißen Südland Africa geschrieben, ein so scheußliches Wort, daß ich sofort mich wandte, dem Altar und dem Priester den Rücken kehrte und mitten durch die Versammelten zur Thüre der Kirche hinaus schritt.

Denn ich dachte meines Vaters, des hohen Mannes: und Zorn und Verachtung füllten mir das Hirn mit heißer Gluth.

Und gar manche meiner Freunde und Nachbarn folgten meinem Schritt.

Jenes giftböse Wort, das unsere todten Helden und edeln Frauen noch im Grabe schänden will, verzeihe ich dem Pfaffen nie.

Und er mir wohl nicht, daß ich ihm den Rücken wandte!

Loki aber und die schadenden Riesen, das waren Unholde, »Daemones« wie der Bischof sagt; denn übel war ihr Werk und Beispiel.

Dann aber ist es stark unsinnig, zu sagen, Odhin und die Asen seien auch Teufel; denn gerade das Gegentheil von Loki und den Riesen thun sie und trachten.

Wüßten der Bischof und sein Sohn von Odhin so viel Hohes als ich, – selbst müßten sie's einsehn.

Aber in blindem Zorn – oder ist es Grauen? – läßt der Junge ja alle Bücher verbrennen und alle Skalden verbannen, welche da wissen und singen von den alten Göttern.

So kann er's nicht einsehen.

Mein Vater aber, Thormodhr, Thorgeirssohn, der Hohe, Herrliche, ein Held im Speer-Kampf, ein Weiser im Rath und ein Kind an weicher Güte des Herzens ist der letzte Skalde gewesen, der im vollen Glauben an die alten Götter gestorben, auch nachdem der neue Glaube Gesetz ward auf der Insel.

Alle die alten Sagen von den Göttern, den Königen und den Helden wußte er zu singen und zu sagen, wie Keiner sonst.

Oft und oft hörten wir ihm zu, die Mutter, die Brüder und die Schwestern und ich, der jüngste (seinen Liebling nannte mich die Mutter), wenn er abends in der Halle vor uns und den Wintergästen sang und harfte von den Asen und Riesen.

Und gar manchen Sommer zog ich mit ihm, die Harfe ihm tragend und stimmend, fort aus der Halle, über die Eilande hin und durch das ganze Nordland, gen Mittag bis Frisland und zu den Sachsmännern; und lauschte dabei seinem Gesang, wie er ihn einübte auf dem Schiff unter schweigenden Sternen oder ihn vortrug in der Könige Hallen.

Aber einmal fuhren wir gar bis Rumaburg und bis zu einem Eiland mit einem Feuerberg, gleich dem auf unserer Eis-Insel.

Vieles habe ich vergessen. Denn es sind manche Großzehnte von Jahren, daß sein Mund im Tod erschwieg. Aber Manches habe ich gemerkt; vor Allem die Sage von » Odhin's Trost«. Sie schien mir immer nicht gerade die Schönste; aber die Höchste.

Freilich: der Vater wußte das Ganze in Liedstäben.

Ich aber habe die Liedstäbe meist vergessen; nur in schlichter Rede kann ich erzählen, wie Alles geschah. Ausgenommen die Stücke, welche der Vater in den Hallen – oder auch mir – am Häufigsten sagen mußte, weil sie den Andern – oder auch mir – am Meisten gefielen. Von solchen Stücken weiß ich auch noch meist die Liedstäbe.

Und wenn ich nun anhebe, zu erzählen, so geschieht es schlecht und nicht gut, ohne jede Kunst.

Denn Kunst erbt nicht.

Und nicht als Skalde, die Hörer zu ergetzen, erzähle ich zur Freude und Kurzweil mir und den Andern. Sondern nur als ein Zeuge – muß es sein: mit meinem Blut – von der Herrlichkeit der Ahnen und ihrer Götter, welche sie jetzt zu Teufelsanbetern machen und zu Teufeln. In Volksrede bald und bald in Skaldenrede, wie ich mir solche gemerkt, spreche ich. Daher – ungefüg und ungleich.

Und gar nicht habe ich gelernt, kunstvoll mit Faden und Einschlag die Sage zu weben oder Alles, wie Eines auf das Andere folgte, hübsch an der Schnur aufzureihen, wie der Fischer die Winterfische zum Trocknen aufreiht an der Schnur.

Sondern Mitten darin fange ich an und greife bald in den Anfang, bald in das Ende der Rede; wie die Möve bald vor dem Bugsprit eintaucht, bald unter dem Steuer: sie fängt den Fisch, wo sie ihn findet.

So fange ich der Sage einzelne, verloren, wie Treibholz, schwimmende Trümmer zusammen, wie sie verstreut auftauchen in meinem Erinnern.

Denn diese Hand hat manches Jahrzehnt nur Hammer und Ruder geführt. Schwer lernte ich die Finger zum Schreiben zu krümmen, als mich die Kniewunde zum Sitzen zwang in der Halle.

Aber ich will ja nicht, wie ein Skalde, um Gunst singen mit Kunst.

Gunst suche ich nicht, noch Lohn.

Mein Lohn wird Aergerniß sein bei den Meisten, wie jetzt die Menschen sind im Nordland.

Aber der Eine oder Andere wird mit Ehrfurcht hören von den alten Göttern. Vor allem du, Thorbiörn, mein lieber Sohn, wenn du heimkehrst und dies Schreibwerk findest.

Denn schon da du von mir und der Halle aus der Insel schiedest vor zwei Wintern, drüben in der alten Heimath, in Hördhaland, unsrem verwaisten noch waffenunreifen Vetter Thorwaldr als Muntwalt beizustehen gegen die Raubgier seiner bösen Nachbarjarle und deren Waffenangriffe abzuwehren, – schon damals war zu befahren, daß etwa meines Bleibens nicht mehr lang sein werde auf der Insel.

Immer härter wird Isleifr, der gute alte Bischof, der selbst nichts Hartes will – gedrängt von einem Andern, hart zu werden gegen uns Alle, in deren Hallen, wie sie wissen, manchmal noch ein Lied von den alten Göttern tönt. Seither ist's übler geworden und übler. Denn der Andere gewinnt immer mehr Macht über den gutherzigen Isleifr, der immer mehr in Siechthum fällt.

Aber ärger und giftiger als der Bischofssohn – der ist nur heißblütig, wie mancher unter uns Nordleuten: aber streng geschult, denn er war in Rumaburg und saß dort zu des großen Bischofs Füßen – ist ein anderer, den Gizurr aus dem Südland mitbracht, das ist Seraphicus, der häßliche Mönch. Der habe, so sagt mir ein Häusling des Bischofs, dem er es räuschlings vorgeplaudert, daheim, bevor er Mönch geworden, sehr weltlich gelebt, habe in einem bösen, bösen Handel den Mann eines schönen Weibes erstochen, sei dann, sich der Strafe zu entziehen, in ein Kloster gelaufen und habe dort die Kutte genommen, diese aber nur unter dem Beding erhalten, daß er das Land räume und, Gizurr folgend auf dessen Heimfahrt, bei uns Nordländern das Kreuz predige.

Und dürfe er in das schöne Südland nur zurückkehren mit dem Zeugniß unseres Bischofs, daß er dreihundert Heiden bekehrt oder zur Strafe gebracht und dreihundert Stück Heidengeräth eingeliefert habe.

Nun friert ihn elend bei uns.

Und so eifert er aus Reue und Frömmigkeit und aus Heimweh gleich gierig, an uns armen Nordleuten seiner Selen Seligkeit und die Rückkehr nach Italia zusammen zu verdienen.

Gizurr schürt Isleifr, den Vater: das wäre noch auszuhalten: aber Seraphicus schürt Gizurr; und das ist aber schon fast nicht mehr auszuhalten.

Und hinter all' den Priestern und ihren Kreuzen steht, vom Festland herüberdrohend, das Schwert in der Faust, mit seinen sieben Fuß Länge sie Alle überragend, jener wilde König Harald Hardhradhi.

Obzwar er in seinem Norge Bischof und Priester niederdrückt mit so harter Hand, daß Viele ihn für einen heimlichen Heiden halten: – mit unsern Priestern hier auf diesem noch freien Eiland thut er gar schön.

Und rasch kämen, meine ich, seine Drachen-Segel geflogen, riefen ihn unsere Frommen, die Kirche zu schützen, das Heidenthum vollends nieder zu brechen.

Lange schon lauert er listig; er käme gar eifrig, bräche das Heidenthum, bräche noch viel lieber unsere alte Bauernfreiheit, der Gewalt-Herr, und behielte als Lohn für seine fromme Fahrt – das ganze Land!

Soll er ja doch schon planen, die viel machtvollere Insel, das volkreiche England, dem wackren Sachsen-König Harold zu entreißen: – wer solchen Hunger hat für das Hauptmal, – uns fräße er vorher zum Frühstück.

Darum hab' ich dir in sternenloser Nacht den Ort gezeigt, tief unter den Schritten der Menschen, wo ich Kunde vom Vater und seiner neugewählten Heimat bergen kann, sicher, daß sie keine Hand erhebt – oder die Deine.

Wenn sie vielleicht die alte Halle niedergebrannt haben, bevor du heimkehrst und wenn du den Vater nicht mehr findest auf Island, so sollst du doch außer dem Wink, wo ich weile, auch dies finden, was ich für dich aufgezeichnet.

Denn wer weiß, ob wir uns dann jemals wiedersehen.

Bald sechzig Winter habe ich getragen.

Und wenn diese Sage unter die Leute kommt, wird das Zeugniß davon sein, daß sie mein Sohn gefunden hat.

Und daß sie ihm wohl gefiel.

Denn nur er kann sie finden.

Und gefällt sie dir nicht wohl, mein Sohn, so wirf sie in's Feuer.

Gefällt sie dir aber, so überliefere sie deinen Kindern und Enkeln, wie ich sie dir überliefert habe.

Hier hebt an die Sage von » Odhin's Trost«.

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