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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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XX.

Drei Nächte und drei Tage harrten die Götter auf Odhin's Wiederkehr.

Denn tief liegt Hel: tiefer noch Nornenheim.

Weit ist der Weg.

Als am vierten Tag Skirnir den Sonnenwagen heraufführte, da sah vor allen Göttern zuerst Frigg den Feuerberg von Mitternacht her emporsteigen, langsam schreitend, auf seinen Speer sich stützend, einen müden Wandrer.

»Odhin!« rief sie laut. Oh daß du nur lebst! Welche Botschaft auch du bringst!«

Es war Odhin: ungebrochen, ungebeugt: aber er schien viel, viel älter. – Als er schweigend heran trat, schweigend sich über den schlummernden Sohn beugte, da erschrak Frigg: »Weh, mein Gemal! klagte sie. Wie bist du verwandelt! Wie ist dein Haar ergraut! Und wie fest die Lippen geschlossen! Und diese Furche, die tiefste, war nie in deiner Stirn – und sie hob ihm den ganz über das rechte Auge gezogenen Schlapphut ab: da schrie sie auf: »Weh, dein Auge!

Wo hast du dein rechtes Auge gelassen!«

»Bei den Nornen – als Pfand!«

Er warf einen langen liebevollen Blick auf die schöne, stolzprangende Frauengestalt. – »Auch du! – Auch dieser Reiz! Auch diese Fülle des Schönen. – Und der tod-verfallene Sohn! – Ob ich ihn nochmal erwecke? Ob ich nicht besser thue, dem Schlafenden leise, leise, daß er nicht darüber mehr aufwacht, den Speer aus der Wunde zu ziehen, auf daß er nichts mehr erfahre von meiner furchtbaren Weisheit? – – Nein! er ist mein Sohn: er ist ein Held: er soll es wissen: Schwächlinge zermalmt es: Helden erhebt es.«

Und mit einem Kuß auf den goldenen Scheitel weckte er den Schläfer.

»Vater« sprach er, die Augen aufschlagend, gekräftigt durch den langen Schlummer: »gewaltig ernst ist dein Antlitz: aber friedvoll: nicht verzweifelt. Heil mir, daß ich noch diesen ernsten Sieg auf deiner Stirne thronen sehen darf. Nun sterbe ich gern: – denn ich sehe's dir an: – du hast Trost für dich, für uns Alle gefunden!«

»Trost für die Tapfern, Verzweiflung den Feigen!«

Da eilte Thor, den Vater begrüßend, herbei aus der nahen Felshöhle, wo sie Loki bewachten.

»Winke die Asen alle herzu, gebot der König, mit donnerlosem Blitz: führe auch Loki herbei.

Ich hasse ihn nicht mehr.

Wer das Letzte erkannt hat – für den endet der Haß: Haß ward zu klein, die Brust mir zu füllen.«

Alsbald kamen alle Götter und Göttinnen heran geflogen aus ihren Hallen.

Denn sie hatten Frigg allein lassen müssen – so wollte sie's – auf dem Berggipfel.

Sie kamen aber, weil sie drei Blitze Thor's ohne Donner rasch sich folgend erschauten: – dreimal hatte der Gott, ohne ihn aus der Hand durch die Wolken zu werfen, den Hammer im Gelenk über sein Haupt geschwungen – das ist der Götter Aufgebot, wenn Heimdalls Horn nicht zur Hand. (Heimdall aber hütete die Regenbogenbrücke.) Wetterleuchten nennens die Christen – Thor's Hammerschwung die Heiden.

Thor und Tyr führten den gefesselten Loki aus der Höhle herbei.

»Lege mein Haupt so, bat Baldur die Mutter, daß ich des Vaters Auge suchen kann.«

Sie stützte ihn gegen ihre Kniee und Odhin hob an:

»Neun Nächte nördlich durch dunkle Thäler reitet man nach Hel.

Ich ritt nicht, ich schritt.

Aber solche Sehnsucht trieb meinen Schritt, – nie war ich Vielwandrer auf solcher Wandrung gegangen – daß ich den Weg in Einer Nacht vollbrachte.

Ich kam bald vorbei an des Zwergen Zwotto Höhle. Er bot mir das Horn besten Aels, sonst ein sparsamer Hauswirth. Aber schon wußte er, wie alle Wesen, daß Baldur schwerwund liege: und er errieth, daß um Rettung ich wandre. Ich trank keinen Tropfen: doch mich rührte des Zwerges Gastlichkeit. Er rief mir nach: »all mein gelbes, mein gutes Gold biete für Baldur der hungrigen Hel. Odhin zu erfreuen geb' ich es ganz.«

Da sprach Loki zu sich selber: »so liebt ihn ein schnöder Zwerg, den er nichts angeht. Zürnst du, todte Mutter, daß sein Sohn ihn lieben muß?«

»Aber ich wußte: Hel hält, was sie hat: nichts giebt sie um Gold.

Ich schritt weiter.

Nicht will ich tapfre Männer ermüden noch zarte Göttinnen schrecken durch den Bericht der Kämpfe, die ich hatte zu kämpfen.

Nur soviel sage ich: neunzig neun Thore führen von Svartalfaheim, stets mitternachtwärts, stets abwärts, nach Hel: vor jedem wacht ein Wächter in andrer Grauengestalt: ich zwang sie Alle und brach durch die Thore.

Viel Blut trank mein Speer.

Vor dem hundertsten Thor ist eine Brücke gewölbt.

Hier hebt erst des Helwegs wahrer Schrecken an.

Denn die Brücke ist nur ein schmaler Goldstab, nicht so breit, wie Daumfinger und Pfeilfinger zusammen: leicht schweben die Todten darüber hin, die keine Schwere haben.

Aber der Brückenstab bog sich, wie des Wales Barten sich zusammenbiegen lassen, als ich darauf trat: er wölbte sich nach unten, wie der Mond, wenn er viertelvoll.

Und unter mir rauschten furchtbar, von Niflhel herauf, die neun Ströme Hels: Schwerter wälzen sie, Schlangen, Leichen und Meineidige: manches Antlitz erkannte ich darunter: so König Skadhi.

Grauer Nebel dampfte empor – mir schwindelte sehr.

Aber ich bezwang mich, schloß nun fest beide Augen, nicht niederwärts zu blicken, und schritt die Stab-brücke, nur mit meinem Speere tastend, zu Ende.

Am Nordende der Brücke stand Modgudhr, die Hel-Riesin, schwang die Steinaxt und rief mich an:

»Wer bist du, der den Helweg wagt zu gehen und lebst doch? Fünf Haufen Todter gingen jüngst über die Brücke: nicht tönte sie, nicht bog sie sich – und unter dir Einem ist schier sie geborsten. Weh, ich erkenne dich: ( – denn Gold leuchtete, wie flüssig Feuer, hier und da in den Felsen, in die das Thor gebrochen war –:) du bist Odhin von Asgardh! Unersättlicher –: hast du nicht genug Raum in Himmel und Erde? Willst du auch Hel erobern? Was suchst du in Hel?«

»Trost!«

»Hel hat nur Tod, nicht Trost. Hel schweigt ewig.«

»Aber die Nornen reden.«

»Nach Nornenheim willst du, Entsetzlicher? Welch Weh' muß es sein, das dich dahin treibt!«

»Das Weh der ganzen Welt: und Baldur's Tod-Wunde. Weiche, Weib, oder ich tödte dich.«

Noch einen Blick warf sie in mein Antlitz.

Sie sah wohl, daß es mir sehr Ernst war.

Und es lag wohl Etwas darin, das mächtiger war als Riesen-Muth.

Denn schweigend, scheu, wich sie, den Hammer senkend, zur Seite.

Ungehindert erreichte ich das hohe, in die Felsen gefügte Eisengitterthor.

Allerlei Zierrath von Eisen schmückte es seitlings und häuptlings: auf seiner Wölbung oben war mit ausgespreiteten Schwingen ein eiserner Adler angebracht.

Aber als ich die Hand nach der Thürklinke ausstreckte, schoß, lebendig geworden, jener Adler herab in mein Antlitz, mir die Augen auszuhacken: gerade haarscharf zuvor griff ich ihn noch: ich schleuderte ihn auf den Felsboden: klirrend schlug er hier auf: zu Eisen war er wieder geworden.

Nun ergriff ich die Thürklinke, gearbeitet in Gestalt einer eisernen Schlange. –

Da – ich leugne es nicht: Grauen und Ekel zugleich schüttelten mich – da ward die eiserne Natter weich anzufühlen: lebendig, züngelnd, zischend ringelte sie sich mir um Hand und Arm und drohte, mich in die Knöchelader zu beißen: schon wollte ich sie vor Abscheu los lassen – dann war ich verloren: – doch ich drückte sie, mich ermannend, furchtbar zusammen: da ward sie wieder zu Eisen: und auf sprang, krachend, das Thor.

Ich schritt über die Schwelle.

Da rief mir die Riesin durch das Gitter nach: »Trost suchst du? – Verzweiflung wirst du finden!« –

In der Ferne, in farblosem Nebel, der auf beiden Seiten des Felssteiges aus tiefen Thälern stieg, sah ich schweben die Seelen: die Schatten der Weiber und jener Männer, die den Strohtod gestorben.

Ein zarter Schatte rief mich an: ich erkannte die weiche, die liebe Stimme: und mein Herz ward weh und wund: »Vater, klagte sie, lieber Vater! Einsam bin ich unter all den tausenden von wimmelnden Schatten! Ach, wie sehne ich mich nach Baldur! Aber rette ihn, rette sein Leben wenn du kannst! Traurig und trüb ist's in Hel.«

»Nanna! rief ich ihr zu, geliebte Tochter! Schwebe herauf, daß ich dich an meine Brust drücke –: noch einmal.

Und empor schwebte langsam ein weißes Gewölk: Nanna's Gestalt! Zärtlich wollte ich sie umfassen: aber ach! unter meinen Armen zerfloß das Gewölk: nur leere Luft umschloß ich: mit leise wehklagendem Laut versank der Schatte wieder in die Tiefe.

Traurig sah ich nach, – schweigend schritt ich weiter. –

Immer noch abwärts führte der schmale Steig: doch nicht mehr lang.

Bald bog der Weg um einen Felsvorsprung: da war zwischen zwei Steinpfeilern ein dunkler Vorhang gespannt: das Goldlicht in den Felswänden glänzte hier heller: in den Vorhang waren Runen eingewirkt in Silber: ich las: »das Lächeln läßt, wer Nornenheim naht.«

Drei Herzschläge lang stand ich still: mir graute: dann schlug ich den Vorhang zurück und trat ein. –

Im Halbrund einer Felshöhle saßen sie vor mir, die furchtbaren Schwestern: schweigend, webend lange Gewebe, die von der ersten über die Kniee der zweiten hin bis zu der dritten liefen.

Grau war die erste, weiß die zweite, schwarz, doch mit leisem Goldglanz, die dritte gekleidet.

Von oben her, von Midhgardh, reichten die ungeheuern Wurzeln der Welt-Esche, durch die Felsen sich zwängend, bis in den schwarzerdigen Grund: armesdick waren die kleinsten, die ich sah.

Kaum erblickten sie mich, da sprach die Erste – aber alle drei woben fort, so lang ich bei ihnen weilte: –

»Das war noch nie.«

»Ein Lebender steht vor uns,« sprach die Zweite.

»Das wird nie wieder sein«, schloß die Dritte.

»Ich weiß, was dich hertrieb.«

»Ich weiß, was du suchst.«

»Ich weiß, wie das Gesuchte du tragen wirst.«

Ich schauerte.

Aber ich wankte nicht: »Erkunden will ich, sprach ich, furchtbare Geschwister, von dem was war, was ist, was wird, so viel mir vergönnt ist.

»Frage.«

»Höre.«

»Denke.«

»Doch was du erfahren« –

»Zu verschweigen vor Andern« –

»Mußt Pfand du verpfänden.«

»Verschweigen? Ich suche Trost: nicht nur für mich, für den sterbenden Sohn, für alle Trostbedürftigen. Wehe über die Weisheit die geizig vergraben wird!«

»Du kannst Alles den Andern enthüllen,« –

»Wenn das Pfand du im Stich läßt –,«

»Das du geben mußt: dein rechtes Auge.«

Erschrocken griff ich mit beiden Händen nach meinen Augen.

Sie schwiegen unerbittlich.

»Muß das sein?«

»Die Nornen feilschten noch nie.«

»Du bist schon entschlossen.«

»Und wirst sprechen und dein Auge verwirken.«

Und die Dritte winkte mir heran.

Ich hatte zu dieser gleich die größte Sehnsucht –: denn wunderschön, wie ewig jung, war sie zu schauen: – und zugleich durchzog mich vor ihr das tiefste Grauen –: denn ein bleiches Steinbild, unaussprechlich streng, obzwar gar nicht böse, schien sie. –

Ich trat dicht an sie heran.

Zu ihren Füßen hörte ich, in Stein gefaßt, einen Brunnen gießen.

Um Alles gern hätte ich hinein gespäht: aber eine mächtige Felsplatte deckte ihn zu.

Sie fuhr über mein Antlitz mit der Rechten – die Linke wob weiter –: ich schauderte: kalt, wie Gletscher-Eis, war ihre schneeweiße Hand – aber bald nach der Berührung zitterte leise Wärme da, wo sie mich gestreift.

Sie hielt mein Auge in der Hand –: schmerzlos war es ihr gefolgt –: und sie drückte es an den Rand der Felsplatte, wo diese an den Brunnenrand stieß, Platte und Brunnen verbindend. Da ward mein Auge ein Edelstein, so wunderbar leuchtend, wie ich solchen an Helm oder Spange nimmer gesehen.

»Das war Odhin's Auge,« sprach Urdh.

Nun ist es Skulds Brunnensigel,« sagte Verdandi.

»Und nur Skulds Hand wird es lösen,« schloß diese. –

Und hätte mich nun am Meisten verlangt, gleich das Künftige zu erkunden: und fragend hob ich die Hand gegen die jüngste Norne.

Aber streng, unerbittlich schüttelte diese das Haupt:

»Wer will Weisheit gewinnen, beginne mit dem Beginn.

Thoren wollen das Jetzt erjagen, das Kommende kennen, ohne des Ursprungs zu achten.

Alles was wird, das wird aus Gewordnem.

Wer Urdh nicht ehrt wird wenig wissen.« –

Ich trat zu der grauen Greisin.

Fortwebend mit der Rechten zog sie mit der Linken eine dunkelfarbige Hülle herab, die eine bis dahin kaum beachtete Rundung an ihrer linken Seite verbarg.

Das Tuch fiel: ich sah in einen gewölbten Stahlschild.

Schwarz schien er zuerst, unterscheidungslos.

Doch, je mehr ich mein Auge gewöhnte, im Dunkel zu suchen, desto klarer sah ich Bilder, welche in stätem Zeitmaß wechselten: Ringe waren es: größere, je näher sie der Gegenwart waren: so sah ich mich selbst lebensgroß, wie ich vor Kurzem durch den Vorhang geschritten: aber wie ich gegenwärtig vor dem Schilde stand – das sah ich nicht.

In immer kleineren Ringen schaute ich die immer ferneren Zeiten gespiegelt.

Da verlangte mich, überspringend die Jahrhunderte und Jahrtausende der Völkergeschichte alles Seienden Anfang zu schauen.

Angestrengt spähte mein Blick.

Ich sah zuerst mich selber, wie ich vor ungezählten Jahren die Menschen schuf aus Bäumen.

Und ich sah dann mich selber und die ältesten Götter hervorwachsen aus gährendem Urstoff.

Aber, so weit ich auch rückwärts spähte, immer, immer sah ich noch Etwas, das war.

Da frug ich die Greisin: »ich sehe ein Alter, da Alles noch nicht war, was jetzt ist: nicht Sand noch See noch salzige Meerfluth: nicht Erde ist unten, noch oben Himmel: Mond nicht mag ich, Sonne nicht sehn noch strahlende Sterne. Aber Etwas seh ich noch immer: was ist es? Ein unendlicher Nebel scheint es: weiß wogend und wallend, woraus Dunst sich verdichtet: und gröbre Gebilde ballen sich unzählbar, rundlich, röthlich, Strahlen streuend und wabernde Wärme –: unermeßliche, unabsehbare Kreise in der gaffenden Gähnung unendlichen Raums.«

»Das waren Welten: unendlich viele; lange gewesene, lange verweste.«

»Warum sind sie verwest?«

»Weil sie geworden.«

»Weh, auch die Götter sind geworden! Werden auch sie verwesen?«

– Da lauschten alle Götter und Göttinnen ängstlich auf. –

»Das frage nicht mich. Ich weiß nur, was war, nicht, was wird.

»Aber es ist noch Alles verwest, was geworden.«

»Entsetzlich! Und Alles was ist, ist erst geworden?«

»Nein, du Thor! Was wahrhaft ist, ist nie geworden.«

»So weist du Eines, das nicht geworden? Was ist dies Eine?«

Das, was allein ist: Alles andre ward, scheint und vergeht.«

»Und was allein ist

»Was nie geworden und nie verwest.«

»Was aber ist dies?«

»Das Ewige.«

»Was aber ist das Ewige?«

»Was niemals ward! –

Nicht Weiteres weist dir die Vergangenheit. Frage anderswo weiter.

Und: – denke selbst.

Kein Andrer kann es für dich erdenken.

Und sie zog die Hülle wieder über den Schild. –

Schwersinnig schritt ich zu der zweiten Schwester.

So ganz erfüllt war ich von dem Gehörten und auf die Zukunft so scharf gerichtet mit meinen Gedanken, daß ich insgeheim bei mir, ganz leise, dachte: »wenig verlangt mich, zu wissen, was ist

»Wenig verlangt dich, zu wissen, was ist!« sprach, ungefragt, mir voll ins Antlitz schauend die Strenge zu mir.

Ich erschrak: »Wie? Du weißt« –

»Ich weiß, was ist: also weiß ich, was du denkst.

Thörig denkst du.

Denn jetzt denkst du wieder: »ich will nur wissen, wie es ist mit Baldur und Frigg in diesem Augenblick.« Und flüchtig daneben denkst du: »und wie es ist mit Harald und Hilde.« Und könntest doch von jeder Norne die ganze Wahrheit erfahren, wenn du dächtest.

Sie lag schon in Urdhs Worten.

Aber in deiner Gier nach Leben hast du nur immer weiter gefragt, statt aus zu denken, was in ihren Worten lag.

Nach deinen Wünschen sollst du denn schauen, was ist.«

Sie schlug mit der einen Hand an den Fels – mit der andern wob sie weiter: – da that sich in der Felswand neben ihr eine kleine Oeffnung auf: nur eben faustgroß: sie hielt die gehöhlte Hand davor und winkte mir, durch zu schauen.

Mein Blick flog nach oben, nach Midhgardh.

Dort war Nacht.

Einen Augenblick nur sah ich und hörte wie Harald im Schlafgemach zu Hilde hinüberflüsterte: »Raginhar Haraldssohn soll unser Sohn heißen«.

Aber da war schon Alles verschwunden: und ich sah hier, auf des Feuerberges Kuppe, Frigg sitzen, und eine Thräne trof auf Baldurs Stirn.

Und im Augenblick war auch dies verschwunden. –

Denn Verdandi ballte die Faust: die Oeffnung im Fels war geschlossen.

»Warum bist du so geizig?« frug ich erstaunt.

»Warum bist du so thörig? Du frugst nur nach dem Schein, der wird und jeden Augenblick wechselt.

Was du verlangt, hast du gesehen: den Augenblick.

Und konntest doch Alles sehn, was du suchtest.

Denn: in ew'ger Gegenwart steht Alles Sein.

Mehr kann dich alle Gegenwart nicht lehren.

Fragtest du mich was wirklich ist, so wußtest du: »Alles«.

Frage anderswo weiter.«

Bangen Herzens, zögernd, trat ich zu der dritten Norne hin.

Zwei Pfeile aus meinem Köcher hatte ich ziellos verschossen: da saßen sie vor mir, von denen jede die ganze Wahrheit barg: und zwei hatten mich schon thörig gescholten, weil ich thörig gefragt und thörig gedacht.

All' mein Hoffen – aber auch all mein Grauen – war nun auf die letzte Norne gerichtet.

Sie zog mich an, die Wunderbar-Schöne: sie erfüllte mich mit ahnungsvoller Ehrfurcht, die Furchtbar-Erhabene.

Ohne Lächeln, ohne Mitleid, aber auch ohne Drohung schien mir dies räthselvolle Antlitz.

Sie sprach kein Wort.

Nur die Felsplatte, an welcher der Edelstein als Sigel haftete, schlug sie empor: ich sah gierig in den Brunnen.« – – –

Alle Götter und Göttinnen hielten den Athem an.

»Auf der tiefschwarzen Oberfläche spiegelte sich, in stäter Folge wechselnd, Bild auf Bild.

Da sah ich zuerst – o Baldur, mein geliebter Sohn, – daß du – sterben wirst.«

Laut scholl das Wehklagen aller Götter und Göttinnen an den Felsen wider.

Nur Loki nickte schweigend mit dem Haupt.

»Ich ahnte es!« rief Frigg und drückte den Sohn heftig an die Brust.

»Ich wußte es. Klage nicht Mutter, hauchte Baldur. Dir bleibt Odhin und Thor.«

»Aber doch nicht sterben! wie ein staubgeborner Mensch! wie ein Weib, das nach dem Strohtod in Hels Schatten versinkt? rief Freia zitternd. Es ist doch unmöglich, daß Götter vergehen?«

Einen langen Blick warf Odhin auf die Jammernde: und alle Götter und Göttinnen theilten ihr zagendes Entsetzen.

Nur Frigg nicht: und Baldur nicht: und Thor auch nicht mehr, nachdem er leise zu sich gesprochen: »schäme dich, Odhin's Sohn.«

Lange schwieg Odhin, Alle überschauend: »ich dachte es wohl, raunte er mit sich selber. Sie können es nicht ertragen!

So kann ich ihnen nur die leichtre Hälfte künden. Wer wird wohl stark genug sein für das ... Ende? –

»Für Baldur, fuhr er nun laut fort, scheint ihr – glaubt ihr wohl selbst – zu zittern. Unselige, – ihr zittert für euch selbst!«

»Ich zittre nicht mehr, Vater,« sprach Thor: und sah ihn mit ruhigen Augen an. Nie war Thor so edelschön gewesen: er glich jetzt sehr Odhin.

Zufrieden nickte dieser dem tapfern Sohne zu, blickte erstaunt auf Baldur's gefaßtes Antlitz, auf Frigg's in tiefster, stolzer Liebe auf dem Gatten ruhende, feste Augen: und, mit einem leisen Zug verhaltner Ueberlegenheit die andern Asen und Asinnen überschauend, begann er:

»Zittert nur eine Weile! – Es schadet euch nicht. Oft habt ihr der Menschen gespottet, wenn Todesfurcht sie schüttelte: selbst euch sicher fühlend in Asgardhs, wie ihr wähnt, ewigen Hallen.«

Da aber bei diesen Worten Freir und Gerdha und Gefion und Idun und alle Göttinnen und auch manche Götter sichtbar erbleichten, fuhr er fort:

»Nun, verzagt nur nicht!

Ich habe was euch tröstet, gewiß! – Ohne die Salbe, die Ihr braucht, um das Weh der Wunde zu tragen, würde ich, nach dem, was ich an euch sah, die Wunde euch nicht schlagen.

Also: zuerst sah ich Baldur sterben.

Und von Stund an wird finstrer und böser die Welt.

Es lösen sich langsam die Haften und Banden, welche den Bau der Welten zusammen halten.

Aber – banget nur nicht! – noch viele Jahrtausende währt es!

Dann aber wächst immer wilder unter den Menschen, Riesen, Alfen, Göttern das Verderben.

Brüder befehden, Vettern fällen sich: Wuth-Alter, Wolfs-Alter, Beil-Alter, Blut-Alter. Freund schont da des Freundes nicht.

Aus Habgier mordet den Vater der Sohn: alle Wesen: Riesen, Zwerge, Menschen, Alfen, Asen sind schuldbefleckt geworden!

Da sah ich Schnee stöbern von allen Seiten: der Frost wird groß, der Sonne versagt ihr Schein. Drei Winter ohne Sommer! Los reißen sich dann – denn es brechen alle Bande – die wir vorher weise gefesselt: der Fenriswolf und – ein Andrer, ein Bruder-Mörder. Und jene Wölfe, welche Sonne und Mond von jeher verfolgen, seit diese am Himmel ziehn, holen sie nun ein und zerfleischen sie. Die Sterne fallen vor Schreck vom Himmel, wie wandermüde Schwalben in das Meer.

Die Erde bebt und alle Berge, daß aller Bäume Wurzeln springen, daß die Felsen taumelnd übereinander fallen: daß alle Ketten und Fesseln reißen und brechen.

Und die Midhgardhsschlange, die mein tapfrer Thor nach Baldur's Bestattung schwer verwunden wird, daß sie, verscheucht, in die unergründlichen Tiefen sich birgt, – sie fährt wieder in Riesen-Muth und steigt, landsuchend, von Westen her, aufwärts sich wälzend, die Brandung peitschend mit dem Schweif, über die Küsten und die Menschenhand-Deiche von Midhgardh. Sie speit Gift, daß Meer und Luft sich verpesten.«

»Sie komme! rief Thor, fortgerissen, den Hammer erhebend.

»Aber von Osten segelt heran – ein Leichen-Riese steuert es – Naglfar, das Gespensterschiff, das ganz erbaut ist aus den Fingernägeln todter Menschen: denn so ruchlos sind in den Jahrhunderttausenden die Menschen geworden, daß sie die frömmste, die heiligste Pflicht: die Leichen zu schmücken und, wohl gewaschen und gereinigt, zu bestatten, nicht der Sohn mehr dem todten Vater, nicht die Tochter der Mutter mehr erfüllt.

Da seufzte Baldur: »Oh das schmerzt bitterer als Loki's Speer.«

»Der Fenriswolf fährt, die Eis- und Reif-Riesen führend, von Norden einher über die Erde; abgeschüttelt hat er, der Aechter, der Rechtsbrecher, das unsichtbare Netz, das Fäden hat feiner als Sommerfäden und das doch Jahrtausende ihn gehalten hat: das Netz, das Forseti über ihn warf, der Gott des Rechts. Aus seinen Kiefern gespieen hat er das Schwert, das Tyr, der Kriegsgott, seinen Arm dabei opfernd, ihm bändigend als Keil in den Rachen gezwängt: Feuer glüht ihm aus Augen und Nüstern, mit klaffendem, bluttriefendem Rachen fährt er einher, daß sein Oberkiefer den Himmel, der Unterkiefer die Erde streift: und wäre mehr Raum – er sperrte noch weiter ihn auf.

Da kommen von Süden die Söhne des Feuers geritten: Loki und Surtur voran, vor ihnen und hinter ihnen eitel glühendes Feuer: und ihre Waffen schmelzen nicht: denn Loki hat sie ihnen geschmiedet.

Da geräth die alte Weltesche, die morsch gewordene, in helle lichterlohe Flamme: vom Mittelstamm niederwärts brennt sie bis zu den Wurzeln nach Hel: hell wird's da zum erstenmal, taghell, in Hel, daß die Dunkelalfen alle erblinden und, blind in's Feuer stürzend, verbrennen.

Und verbrennen da Niflhel und Niflheim.

Aber auch aus Riesenheim fährt Alles, was athmet, nach Oben, um nicht zu verbrennen und um Walhall zu stürmen.

Und auch nach Oben hin lodert, von allen Sturmriesen angefaucht und angeblasen, furchtbar die Flamme.

Da birst des Himmels eherne Wölbung entzwei: ich weiß nicht, ob geschmolzen von Gluth oder schon von dem dröhnenden Lärm gesprengt.

Und wie die Feuersöhne über sie herauf reiten, – in Brand geräth die Regenbogenbrücke und bricht in zwei Stücke entzwei.«

»Und ich?« rief Heimdall – denn er war jetzt, abgelöst von Hermodhur, zur Stelle, – warne ich, kämpfe ich nicht?«

»Du, mein wachsamer Wächter, bis zum Tode getreu, du stößt schmetternd in's Horn zum aller letzten Mal, alle Götter und Walküren, Lichtalfen und Einherjar zusammen zu rufen.

Auf Wigrid, der Ebne vor Walhall scharen wir uns; sie ist hundert Rasten breit nach allen Seiten.

In allen unseren Waffen stürmen wir auf die Feinde.

Und sah ich nun einen Kampf entbrennen wie ich ihn nie gesehen: nur oft – geträumt: den letzten Kampf, den furchtbarsten von Allen.

Nicht all die Hunderttausende zugleich konnte ich schauen, die da sich würgten.

Nur wenige Kämpferpare konnte ich verfolgen. Zuerst fällst du, Tyr, gegen den Höllenhund Managarm.

Aber gleich darauf durchbohrt das Scheusal Hilde, der Walküren herrliche Anführerin.

Sie fällt auf ihren Schild, von Loki's Schwert durchstoßen.

Heimdall, du willst die schöne Freundin rächen: – aber auch du fällst vor Loki.

Freir, du würdest Surtur bezwingen; aber du hast dein Schwert Freia gegeben. So verbrennt dein Schild und dein Holzspeer und verbrennst du selbst vor Surturs Athem: und Freia stürzt – nutzlos ist das Schwert in ihrer Hand! – schreiend über den Todten in die Flammen.

Surtur fällt von meinem Speer.

Da sinkt sterbend in meine Arme, vom Gifthauch der Midhgardhschlange getödtet, – Frigg, mein schönes Gemal.« –

Er hielt inne: – vor Weh.

»Heil mir, daß ich sterben darf an deiner Brust.«

»Und räche ich die Mutter nicht?« schrie Thor.

»Herrlich rächst du sie, treuer Sohn: du zerschlägst in sieben Trümmer dem Meerwurm den Schädel. – Und nun, Asathor – sind nur wir, die beiden Letzten, noch übrig auf Seite der Asen.

Und auch auf Seite der Riesen leben nur noch zwei: alle andern Wesen, Götter, Walküren, Einherjar, Alfen, Riesen, Menschen hat der ungeheure Weltenbrand verzehrt.

Dann, Asathor, wird der letzte Händedruck ausgetauscht zwischen zwei Männern: zwischen uns beiden.

Denn gegen uns heran fahren der Fenriswolf und – dieser Loki da.

Du wirfst dich dem Wolf entgegen, den Vater zu schirmen –, aber nur neun Schritte weit kannst du noch gehen: da fällst du todt: allzuviel Gifthauch des Wurms hattest du in deine breite, treue Brust gesogen.«

»Schöner ist kein Tod als: der Mutter zur Rache, dem Vater zum Schirm!« rief Thor mit leuchtenden Augen.

»Ueber deine Leiche springt der Wolf gegen mich mit klaffendem Rachen: ich stoße ihm den Speer in den Schlund: er verröchelt.

Da trifft mich, von hinten, in das Genick, ein Stein-Messer-Stoß –: nicht wagte in's Antlitz zu schauen der Sohn dem Vater: ich wende mich rasch: und durch seinen flammensprühenden Schild hindurch in Loki's Herz stoß' ich – mein letztes Lebenswerk – den Speer.«

Da rief Loki laut und stolz: »Ich fälle den Höchsten: und falle durch ihn: den Zweit-höchsten rühme ich mich.«

»Dann sinke ich sterbend auf deine Brust, Frigg, mein Weib: und ich sehe nur noch, wie Alles verbrennt in flammender Lohe. –

Und Odhin holte tief Athem und schwieg.

»Und von Rechts wegen, sprach feierlich Forseti; denn du sagtest vorher: daß Alle schuldig geworden.«

»Oh Vater, Vater, bei deinem eigenen Leben beschwöre ich dich, rief Freia die Hände ringend. Nur jetzt brich nicht ab: – – wir warten!« –

»So? lächelte traurig der Gott. Wartet ihr? –: Könnt ihr's gar nicht erwarten? – –

Als ich das Alles geschaut in dem Nornenbrunnen: – da sank ich erschüttert auf ein Knie und schloß mein mildes Auge und lehnte das Haupt an den Rand des Brunnens. Denn ich hatte untergehen sehn Alles: und Allvater bin ich geheißen.«

»Was liegt an den Andern? scholl es da aus den Reihen der Götter. An den Menschen, den Alfen! Aber wir: – wir können doch nicht sterben für immer!

Odhin sah sie prüfend noch einmal an: »Und warum nicht?«

»Was? schrie Freia, mit schrillem Schreckruf in ihre lichtrothen Haare fahrend mit beiden Händen, sterben, – wie elende Menschen?«

Aber Loki lachte grell auf.

»Wie, klagte Freir, der Geliebten zarte, alfenschlanke Gestalt umfassend, so viel Liebreiz soll vergehen? Das will ich nicht tragen!«

»Wie wirst du's wohl wenden? fragte Loki aus seinen Ketten.

Und da Odhin noch immer schwieg, – klang es von allen Seiten klagend, jammernd, vorwurfsvoll durcheinander:

»Und das wäre das Ende? Und so wäre es aus? Unmöglich!«

Nur Baldur schwieg: und Frigg: und Thor.

Odhin aber sprach langsam: »Aber bedenkt doch! Noch ungezählte Jahrtausende lebt ihr ja fort. Bis Naglfar, das Schiff, aus Fingernägeln gebaut« –

»Das ist gleich! Das ist ganz gleich!«

»Dann mundet nicht Horn mehr!« klagt Heimdall.

»Noch ergetzt mehr die Jagd!« rief Fro.

»Noch Gesang!«

»Wie, Bragi, auch du? Und du solltest doch wissen, daß das Lied, das den Sänger entzückt hat, ob es Keiner gehört, in sich selber genug! Was liegt an dem Lobe der Andern? und wie lange man das Lied noch singt nach dem Tode des Sängers? Singst du um Lob? oder singst du, für dich, weil du mußt?«

»Nein, rief Freia verzweifelt, Recht hat Bragi! Und Recht haben wir Alle. Das ist nicht zu tragen! Soll ich einmal vergehen – gleich such' ich den Tod! Was soll ich in endloser Furcht vor dem Tod noch Jahre schleppen! Dann ist nur der Augenblick schmerzlos zu ertragen, in welchem Lust uns betäubt, – den Todesgedanken übertönt. Weh! um mich Arme! Ich bin so jung! So schön! Und ich lebe so gern!«

Und sie raufte ihr Haar.

»Und wehe, rief sie nochmal, heftiger auffahrend, über deine fluchwürdige, unselige Weisheit! Oh hättest du uns den Wahn gelassen, der uns selig gemacht, daß ewig wir leben!«

Und verzweifelt, in Thränen ausbrechend, warf sie sich in Freir's Arme.

»Wehe! Wehe!« scholl es aus dem Kreis der Götter.

Odhin verschränkte, in seinen dunkeln Mantel sich hüllend, die Arme über der mächtigen Brust: lang sah er stolz auf die Klagenden, Fassungslosen.

Endlich sprach er: »schlecht habt ihr die Prüfung bestanden. Schämt euch! – So höret denn weiter.«

»Ah,« ging es, aufathmend, durch die Hörer.

Und Freia wandte das Köpfchen wieder von Freir's Brust gegen Odhin: noch liefen die hellen Zähren über ihre Wangen: aber ihr rosiger Mund lächelte schon wieder und voll Hoffnungsfreude leuchteten ihre hellbraunen Augen.

»Wie ein Kind, wie Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein!« sprach Odhin.

Wohlan denn: hört weiter: die Norne, die indeß kein Wort zu mir gesprochen, rührte nur leise mein Haupt.

Ich schlug das Auge wieder auf: und sieh, die ungeheure Brandstätte der Weltschlacht war verschwunden.

Da sah ich auftauchen zum andern Male die Erde vom Abgrund und wieder grünen: schön war sie, Korn trug sie ungesät.

Die Flammen, die fluchenden, waren gefallen: ein neuer Himmel hob sich über der Erde und wonniger wölbte sich: – ein andres Walhall.«

»Oh Dank! Dank! Licht! Leben!« riefen die Göttinnen und Götter. Aber Loki zog höhnisch den Mund.

Und Baldur, Frigg und Thor schwiegen.

»Einen Sal sah ich, heller als Asgardh war. Die Sonne hatte vor ihrem Verscheiden eine Tochter geboren: glänzender als die Mutter fuhr nun die Maid auf den Wegen der Welten. Auch zwei Menschen: ›Leben‹ und ›Lebensmuth‹, hatten sich gerettet. Morgenthau war all' ihr Mal, schuldlose Speise: von ihnen stammt ein neu Geschlecht.«

»Ach schweige doch nur von den Menschen! Sahst du nicht mich, Väterchen, und Freir?« drängte Freia.

»Ich sah dich, schönes Töchterchen! Und noch viel schöner warst du geworden: denke dir nur: verschwunden waren, die dich so viel verdrossen, kamen sie immer wieder zur Sommerzeit, auf deiner Stirn die bräunlichen Flecken.

Und Freir hielt dich in den Armen. Und niemehr brauchte er dich zu verlassen: denn von selber lenkte sich der Sonnenwagen in der erneuten Welt.« –

Hellaufjauchzend, mit silbernem Lachen, warf sich die Getröstete an des Geliebten Brust.

»Sahest du nicht auch mich?« bat Fulla.

»Und mich?« fragte Gerdha.

»Und mich?« flüsterte Gefion.

»Mich doch gewiß? Nicht ohne meine Aepfel könnt ihr leben!« sprach zuversichtlich Idun.

»Und mich? meinte Bragi. Ist doch unsterblich das Lied!«

»Und mich?« »Und mich?« »Und mich?«

»Ja wohl, ja wohl: ich sah euch Alle, Alle. Seid ihr nun zufrieden?«

»Und du, Vater?« – frug Freia schüchtern: sie schämte sich ein wenig, daß ihr diese Frage erst jetzt kam.

»Ich danke dir, Kätzchen, lächelte er, ohne Bitterkeit, daß du auch meiner gedenkst.«

»Mich aber, frug Loki finster, mich hast du hoffentlich nicht mehr gesehen?«

»Nein. Denn das Böse ist verschwunden in jener Welt. Baldur kehrt wieder, unverändert, und Nanna. Wir Andern, die Alle Schuld befleckt hatte, wir kehren wieder, die Gleichen – und doch Andere: denn die Flammen des Weltbrands haben die Flecken hinweg getilgt. Aber Loki und die Riesen sind spurlos verbrannt.

»Ida-feld:« das Feld der Erneuerung, ist an Asgardhs Stelle getreten.

Da werden sich wieder die goldnen Kugeln finden im Grase, mit denen wir heiter spielten in Walhalls Hofe, bevor Schuld uns befleckt. Da werden wir oft, während die Hörner kreisen, von der letzten Schlacht sprechen, der Götterdämmerung, und wie wir aus Dämmerung uns wieder verjüngt.

»Wußt' ich es doch, rief Freia und schlug klatschend die beiden lichten Hände zusammen. Es mußte doch zuletzt Alles noch gut werden.«

»Ja, es wird alles noch gut –: zuletzt. – Jetzt aber geht, ihr Andern Alle, für Baldur den Scheiterhaufen zu rüsten unten am Gestade der See. Und soll er eine Brandstätte haben, herrlich wie keiner, der vor ihm und nach ihm verbrannt wird.

Zuvor aber, du, Tyr, und du, Freir, führt mir den gefesselten Loki fort.

Die beiden Beauftragten warfen einen zögernden Blick auf Thor.

»Thor bleibt bei uns, bis Baldur gestorben,« sprach Odhin.

»Ihr werdet euch wohl nicht fürchten, zu Zweien, vor Einem, in Banden! höhnte Loki. Fürchtet euch nicht! Ruhig laß' ich mich binden: weiß ich es doch nun nornengewiß: einst werd ich frei –: ich und Euer Aller Verderben. Leb wohl, Vater – einmal noch, in Lieb' und Haß, darf ich dich wiedersehn.«

»Doch auf daß dies nicht zu frühe geschehe, – bindet ihn fest: mit diesem meinem Gürtel. In der Schreckenshöhle bindet ihn an. Fest, aber nicht grausam. Du, Forseti, sendest täglich deinen Frohnboten, ihn zu speisen. Und »Grauen« und »Entsetzen«, meine beiden wildesten Wölfe, legt vor die Höhle, die Riesen hinweg zu scheuchen.

Ihr Andern rüstet am Strande Baldur's gutes Schiff, Hringhorn, den schönsten der Segler. Und füllt es vom Kiel bis zur Mastspitze mit Asgardhs köstlichstem Hortgut.

Auch sein Hengst fehle nicht und sein weißer Falke.

Und mit duftenden Hölzern füllt jede Lücke und mit wohlriechendem Bernstein.

Und harret dann, bis wir, die Aeltern und der Bruder, Baldur und Nanna euch bringen. Eilet!«

Als es nun still geworden war auf der Bergkuppe, da sprach Baldur: »Vater, sind sie fort?«

»Alle, bis auf mich, die Mutter und Thor.«

»Gut! Vater, bevor du den Speer heraus ziehst – sage uns dreien noch ...: das Ende.«

»Mein Sohn, – was meinst du?«

»Vater –, Thor und ich, wir sind dein Blut: die Mutter ist dein ebenbürtig Weib – uns darfst du Alles sagen: wir können's tragen.«

»Baldur, mein Held!«

»Ja, Vater, sprach Frigg, er hat Recht. Und obwohl er sehr wund ist und zuerst stirbt von uns Allen – er wird's tragen. Und ich – ich ward dein Weib: – das ist ewig! ist ewiges Heil! Auch ich kann alles hören.«

»Dein Sohn bin ich, sprach Thor, dein letzter Kampfgenoß –: Fuß an Fuß neben dir darf ich fallen im schönsten Heldentod: was mag mir schaden?«

»Oh Vater, sprach Baldur. Du schontest die Andern. Uns brauchst du nicht zu schonen. Wie sprach die erste Norne?: »Was da wird, das verwest.« Geworden sind auch – Idafeld und die erneuten Götter – sie können nicht ewig sein – auch sie müssen wieder vergehen.«

Da ließ Odhin den Speer zu Boden fallen, knieete neben seinen Sohn und rief: »Oh mein herrlicher Liebling! Und du – dem Tode so nah – du willst noch weiter hören? Du hast den Muth, hindurch zu schauen durch jenes heitere Trostbild?«

»Vater, ich bin dein Sohn. Gieb mir die ganze Wahrheit, eh' ich sterbe. Ich kann sie tragen.«

»Und ich.«

»Und ich.«

Und Frigg und Thor faßten Odhin's beide Hände.

»Heil euch und mir: ja – das ist Heldenart. Und wohl mir, – nicht mit Verzweiflung muß ich euch vergelten: ich habe Trost, der Helden tröstet. –

Nicht trog ich die Andern. Was ich sagte –, das sah ich.«

»Aber du sahst noch mehr,« sprach Baldur.

»Jene wollten ja nicht mehr hören, als daß sie nur wieder lebten!

Sie würden das Ende nicht tragen.

Drum schwieg ich ihnen vom Ende. – –

Als ich lange in das neue Idafeld geblickt, – ich mußte, wie du, Baldur, stets, der Worte der ersten Norne denken – sieh, da verschwand, nachdem es lange, lange gewährt, auch dieses Bild.

Der neue Himmel, die neue Sonne, die neue Erde, Alles verschwand, verfinstert, in Nebel gelöst.

Und Alles, was darin gelebt – sie Alle – ihr, ich. – –

Nicht in Kampf und Brand diesmal.

Aber in grauenvoller Nacht und: – Vereisung.

Eis – furchtbare Kälte – Nacht, schimmerlose Nacht: und von Allem das Schrecklichste – Grauenvollste: Stille, Ruhe: keine, keine Regung mehr im weiten All.

Mächtig hörte ich vor Schrecken mein Herz schlagen: aber es war das Einzige was ich noch hörte: Nacht, Eis, Schweigen, Todesruhe. –

Entsetzen packte mich: ich strengte mein Auge an, bis es zu springen drohte: vergebens: ich sah – nichts! nichts als Nacht und Schweigen: den ewigen Tod! –

Ich raffte mich empor auf beide Kniee: ich wandte das Auge ab von dem fürchterlichen Brunnen: zu der streng blickenden Norne hob ich flehend beide Arme: »Oh sprich, flehte ich, du furchtbar Schweigende! Sage – was ist das Ende? Oh nur das nicht! Nur nicht das! Wahnsinn faßt mich – was ist das Ende? Die Vernichtung? Das Nichts?«

Sie schwieg und wies befehlend mit der Hand in den Brunnen.

Noch einmal raffte ich mich auf, bog mich über den Rand, schaute und schaute, daß mir das Auge schmerzhaft brannte: unverändert Alles!

»Das Nichts! schrie ich. Das ist Verzweiflung! Niemehr erhebe ich mich von dieser Stelle! Niemals kehre ich nach Oben zurück, dies Scheusliche zu künden! Hier will ich liegen und vergehen!«

Und wie ich über dem Brunnen gebeugt lag, vergingen mir die Sinne.

»Du Thor!« war das letzte, was ich vernahm.

Es klang aus dem Mund der drei Nornen zumal. –

*

Wie lang ich so lag – bewußtlos –: ich weiß es nicht.

Aber lange war es.

Denn mein Arm, der schlaff herab hing, war ganz erstarrt.

Endlich, endlich war mir, als wenn durch die Wimper meines geschlossenen Auges ein Lichtstrahl drang: nur aus der Tiefe konnte er kommen: auf flog mein Auge – und: – oh glorreich, glorreich, unaussprechlich glorreich! –

Verschwunden war die Nacht, die Leere, die Ruhe: unabsehbares Licht, unermeßliche Fülle, unendliches Leben sah mein seliges, seligkeittrunknes Auge: ich sah in stets größeren, weiteren Ringen, unaussprechlich an Zahl, eine Unendlichkeit werdender Welten, ganz wie ich in Urdh's Schilde eine Unendlichkeit vergangener Welten erschaut.

Keine Götter, keine Menschen, keine Alfen oder Riesen, keine Thiere und Bäume, wie wir sind und wissen –: aber andere Wesen, zahllos manchfaltig, anders als wir und Alles, was wir kennen und doch wieder ähnlich uns und dem, was wir kennen, belebten diese unendlichen Sonnen und Welten.

Und verlosch die Eine – flammten zehn andre herrlicher auf.

Entzückt, begeistert sprang ich auf: »Heil, rief ich, dem Schicksal, heil dem Unaussprechlichen! Das Ende ist die – Unendlichkeit. – Es ist kein Ende!

Nur Eins ist ewig: das All.«

Da erhoben die drei Nornen feierlich einen Gesang –: das war das Hehrste, was ich je vernommen.

»Nie ist es geworden.«
»Es ist.«
»Nie wird es vergehn.«
»Du wußtest es nicht«.
»Du weißt es jetzt«.
»Nie wirst du's zu Ende denken.«
» Ich sagte es dir schon –: du verstandest es nicht.«
»Es ist in mir dir gegenwärtig«
»Und unendlich wird dir's in mir

Da ward es friedlich, feierlich, selig klar in mir.

Verdandi hob die Hand: da ward das ganze Gewölbe, das auf Nornenheim lastet, durchsichtig wie ein Spiegel klaren Wassers: ich sah, daß es Nacht war oben auf Erden: aber schöner als je zuvor sah ich ober der Erde am Himmel strahlen alle Gestirne.

Und da, – mein Baldur, den Sang, den ich einst so traurig begonnen, mit kurzsichtiger, kranker, schmerz- und sorge-verstörter Weisheit, – zu Ende da sang ich selig den Sang:

»Trauer und Trübsal hab ich getragen,
Bebend bittere Leiden gelitten,
Seit in das Los von uns sterblichen Allen
Liebend die Seele tief ich versenkt. –

Wir verlangen des Lichtes, ersehnen die Sonne
Mit dem Andrang des Adlers: doch ach! unser Auge
Blendet der Lichtblick, deß wir begehren
Und weh! durch die Wolken dringen wir nie! –
Ach! die Erhebung darbt des Genusses
Und der Genuß entbehrt der Erhebung:
Ewiges Ringen: nimmer Erreichung:
Ewiges Fragen: nimmer Bescheid:
Alles endlich und Alles – elend!

Solches erwägend wollte vor Weh
Die Seele mir sinken: und auf die Erde
Warf ich mein Antlitz: hoffte die helle
Heitre des Himmels nie mehr zu schauen.
Und durch die Seele gingen mir schmerzlich
Seufzende, sehnende Wogen des Weh's. – – –

Lange so lag ich.

Aber horch: endlich drängte sich dämmernd
Durch die wehvollen Wellen
Zager Verzweiflung, leise und lieblich, anderer Laut:
Was ich sah, was ich suchte
Bei euch schweigsamen Schwestern, –
Hat mich rieselnd durchrüttelt: doch es hat mich gerettet!
Klangvoll die Klagen durchtönte ein tapferer, tröstender Ton
Ich ahnte mit Andacht, ich hörte mit Ehrfurcht,
Ja ich schaute mit Schritten schreiten,
Mit ehernen, ewigen Schritten,
Das schrecklich-schöne, das Schicksals-Gesetz. – –
Und horch: mit Frohlocken erkannt ich den Klang
Als alt gewohnten: denn es geht im Geheimen,
In gleichem Gang mit des rollenden Rades großem Gesetz,
Wann hoch es sich hebt: mein eigenes Herz! –

Auf sprang ich errettet: auf sah mein Auge:
Da streift es ein Strahl von wonnigen Wundern:
Die Straße, die das Schicksal schreitet,
Sah ich mit Staunen: denn die stillen Sterne,
Die wechselnden Welten,
Sie sind des Schicksals schimmernde Spuren.

Und ich hörte ein Hallen wie von heiligen Harfen
Wieder gehaucht von den hohen Himmeln:
»Auf Glück ist und Unglück die Welt nicht gerichtet:
Das haben nur thörige Herzen erdacht!
Es will sich ein ewiger Wille vollenden:
Dem dient der Gehorsam, dem dient auch der Trotz.
Glück ist nicht der Gelüste gleißender Glanz:
Nur Begeistrung ist Glück: und der seligste Sieg
Ist, stolz zu sterben, auf daß Andere athmen.«

Ich schwieg.

Da sprach Urdh: »Das war der erste Gesang, der je in Nornenheim getönt.«

Und Verdandi: »Und er ist wahr.«

Und Skuld: »Und kein Zweiter wird singen in Nornenheim. Und niemand wird diesen Gesang nieder singen in allen Welten.«

Da rief ich frohlockend: »So gebt ihr mir Recht, ihr heiligen Schwestern? So habe ich richtig gerathen den Sinn der Gesichte, die ich schauernd geschaut?«

Und sprach zu ihnen halb und halb zu mir selbst:

»Ewig ist einzig das All.

Denn nur was Eins ist, ist ewig.

Und Eins ist einzig das All,

Anfanglos, endlos.

Alles Einzle erlischt: auch einzelne Asen, Götter und Geister: denn ein Einzelnes ist auch der einzelne Gott.

Erden vereisen, Sterne stürzen, Sonnen versinken.

Spurlos versprüht, was darauf von Wesen erwuchs. –

Aber unendlich, unablässig, unerschöpflich in wechselnden Wandlungen, wirkt und webt das All.

Nicht das Nichts und die Nacht –: ewig ist einzig das Licht und das Leben und wonniges, warmes Bewegen.

Aus zerstörten Stücken zerworfener Welten, auf's Neue aus dem Nebel versunkener Sonnen, bildet und baut andere Erden des ewigen Alls gewaltig Gesetz: » das wechselnde Werden«.

Das Schicksal, wie wir scheu es nennen!

Aber es hat es kein Schöpfer geschickt noch geschaffen.

Aelter ist es als alle Alter, gewaltiger als alle Geister und Götter!

Nicht zum Wohl oder Weh der wimmelnden Wesen, nur sich selber aus sich zu erschließen schaltet und schafft dies große Gesetz.

Es ist eins mit dem All: denn es ist nur im All: und das All ist in ihm.

Das All zerfiele, hielte es nicht das Gesetz.

Das Gesetz wäre todt, lebte es nicht im All.

Und ich selber, ich sinke, der größte der Götter, wie sterblicher Staub anbetend in Andacht vor dieser einzig ewigen Gottesgewalt.

Andere Götter als Odhin ehret vielleicht auf anderen Erden, oder auf dieser Erden zu anderen Zeiten, Anderer Andacht.

Die Götter vergehn: sie dämmern!

Aber unvergänglich ist der ewige Gott: das Allgesetz.

Traurige Thoren, welche da wähnen, Gott zu entgehn!

Nichts ist ohne Gott, niemand und nirgend!

Alles athmet und ist in Gott.

Und ich, aller Einzelgötter oberster Gott, ich ehre in Ehrfurcht diesen Gott.

Und mein Gott ist mein Trost.

Ach! Allvater nenn ich mich nie mehr: nur bescheiden, schauernd: den Sohn des All's. –

Träume niemand von anderem Trost!

Ist's denn so entsetzlich?

Verzagen, verzweifeln in elender Angst vor Tod und Vernichtung ist furchtsam, verächtlich.

Wer sein Leben nicht kann opfern dem ewigen All, von dem er's empfangen – den dem Feigling vergleich' ich, welcher sich weigert, für sein Volk zu fallen bei hallendem Heerhorn.

Wie für sein Volk fällt freudig der Held, für Asen der Ase, so sind alle Wesen geweiht, für werdende Welten zu verwesen: wir welken und weichen, auf daß Andere erstehn: wie der Same versinket, daß die Blume erblühe: für Andere sterben – ist das so trostlos untragbar?

Wen der Trost nicht tröstet, daß auf ewig das All wechselnde Wandlungen wirkt, daß Leben, Licht und Liebe unerlöschlich lodern in Unendlichkeit, daß Andere erndten, wo er gesät, daß Andere erben, wann er selber versank, die Lust des Lebens: – den tröstet kein Trost als – trügender Traum.

Wehe dem Feigling, der Freude und Friede nicht findet im Siege der Seinen, im Fortleben der Freunde nicht volle Vergeltung für den eigenen Fall.

Feigen freilich frommt nicht das Frohlocken, das Helden erhebt, seh'n sie den Sieg für ihr Volk erfochten durch den eigenen Fall.

Unser Erbe ist das All, unsre wahre Erde: unsre Wohnung die Welt: unsre Heimat die Halle unermeßlich verstreuter Gestirne.

So laßt uns sterben, stark und stolz, auf daß Andere erben, die nach uns wachsen aus nahenden Nebeln noch ungewordner Welten, die liebe Lust des Lebens: auf daß sie können kommen, müssen wir gehen; ist's so unmöglich, das Leben zu lassen, auf daß Andre athmen?

Wer aber einwirft, solches Sinnen tauge nicht zur Tugend, der ist ein Thor: – oder ein Verläumder.

Mannhafter, mein' ich, ist es und schöner: für sein Volk zu leben, zu leiden, zu fallen, nur weil es Heldenpflicht verlangt, als fromme oder tapfere Thaten darum zu thun, um sich einzukaufen in ein ewig-seliges Ida-feld.

Und versuchte mich Einer forschend mit Fragen: »da so reichlich rinnt der starke Strom der Schmerzen, da Uebles und Arges und Bitterböses und lästige Leiden, auch unverschuldet, mit Weh überwuchert die Welt – wär' es nicht weiser, wohliger, wonniger, wenn gar nichts wäre? Wenn die Wahl dir wäre zu wählen, durch deinen Wink, dein Wort, zu bewirken, daß die Welt nicht wäre und all' ihre wimmelnden Wesen oder aber, daß sie weiter wachse mit ihren Wonnen und ihrem Weh: – wie würdest du wählen?« – –: sonder Besinnen sagt' ich: sie sei.

Und wer anders sagt, – der ist siech an der Seele!

Denn selbst wenn die Wonnen nicht überwiegen das Weh –: und wer will das wägen? –: nicht um des Einzelnen willen ist die Welt, nicht für seine Wonne, sondern daß sieghaft das große Gesetz des Schicksals geschehe.

Und Weh zu verwinden, – dazu ist Helden das Herz gegeben.

Auch den Tod zu tragen, ohne Himmelshoffnung, in muthiger Mannheit, als Zoll ihn zu zahlen für die geliehene Lust des Lebens.

Wen'ge, ich weiß es, wird er trösten, Odhin's helden-tapfrer Trost: Helden erhebt er, die des Trosts kaum bedürfen. Feige füllt er vollends mit Furcht.

Aber die Feigen sind immer verloren und Odhin ist nur den Helden hold.

Und die Wahrheit mußte ich ergründen, auch wenn sie Verzweiflung enthalten hätte: den »grübelnden« Gott nennen mich Feind und Freund.

Aber die Wahrheit war –: der Sieg!

Süß ist der Sieg den Asensöhnen: und der öligste Sieg ist dem Geiste gegeben, der dem Tode trotzt und fromm dem All sich ergiebt.

Als Haus und Heim gehört dem Helden das All: das ist die wahre, die ewige Walhall.«

Als ich schwieg, da sprachen die drei Schwestern:

»So war es. – Viele Namen gewannst du, seit du unter die Völker fuhrst:«

»So ist es. – Neue Namen geben wir dir, stolzere, zu den alten:«

»So wird es ewig sein. – Du aber wirst fortan »Nornengast« heißen und »Nornenweise.«

Auch wir werden vergehen: klaglos, neidlos: nach uns kommen ewig andere Schicksalsschwestern.

Geh: die Nornen haben dir nichts mehr zu sagen.«

Und rasch, beschwingten Schrittes, wie ein Sieger vom Schlachtfeld, wo er höchstes Heldenthum sieghaft gewonnen, eilte ich nach oben zum Licht, – zu Euch.« – –

»Ja, Vater: das ist Odhins Trost: und Baldurs Trost –: Heldentrost.

Küsse mich noch einmal: dann zieh' mir den Speer aus der Wunde: mein Vater Nornagest. Das Einzle stirbt: – das Ewige siegt und lebt. Glückauf zum Untergang!«

*

Und Odhin küßte den Liebling zum letzten Mal auf die weiße Stirn.

Und zog dann den Speer aus der Wunde.

Und Baldur starb, ein sieghaft Lächeln auf den Lippen.

»So stirbt ein Held, sprach Thor. Vater, auch ich werde lächeln im Tod: – mich tröstet« –

»Odhin's Trost! rief Frigg. Auch ich weine nicht, mein Gemahl, und bin doch nur ein Weib und hab' ihn doch geboren.«

»Weine nur, sprach Odhin, ihr Haupt an seine Brust drückend. Wenn Helden also sterben, dürfen Helden weinen: – aus Freude, nicht aus Jammer.«

Aber sie weinte kaum: nur wenig ward ihr Auge feucht und ein sieghaft Lächeln strahlte dabei auf ihrem Antlitz:

»Ich ward dein Weib: – das ist unzerstörbar: das ist ewig, ist Seligkeit.

Ach, dies Alles ist so groß – so überwältigend groß: das Lächeln faßt es nicht und nicht das Weinen: das ist eine Trauer, die das Herz zugleich mit Jauchzen erhebt.«

»Ja, sprach Odhin, das ist des Heldenthums Begeisterung. Wen sie nicht trösten kann – der muß verzagen.«

Und trugen nun die drei Starken Baldur und Nanna, die Todten, hinab an das Meergestade.

Und halfen da alle Götter und Göttinnen das Par noch schmücken.

Und legten die beiden schönen Todten neben einander unter dem Mast auf's Deck.

Und weihte sie Thor mit seinem Hammer, beiden den Todtenschlag leise, zärtlich, auf ihre Brust klopfend.

Und Odhin blies in die Segel: da bläheten sie sich in stolzer Schwellung wie zwei weiße Schwingen eines Schwans.

Und Thor zündete nun das Schiff mit hellem Blitzstrahl an.

Und prachtvoll flog das brennende Fahrzeug mit allen Segeln vor dem Winde: lange, lange sahen sie vom Ufer aus dem rasch enteilenden herrlichen Schauspiel nach, bis es in fernstem Duft auf offnem Meer verschwand.

»Kommt nun, sprach Odhin. Ihr Recht ward den Todten. Nun gebt den Lebenden ihr Recht: Kampf gegen das Böse, bis sich alle Geschicke erfüllen: Heldenkampf und Heldentod –: das ist Odhins Trost.« –

*

Hier endet die Sage von Odhin's Trost. –

*

Die Heiden sind hinaus zum Opfer.

Streng hab' ich allen Hofgenossen verboten, mit hinaus zu ziehen zum Quell.

Alle wollten hinaus –: viele den alten Göttern zu Liebe: manche wohl nur dem alten Meth zu Liebe, den Valgardhr nach dem Opfer den Opfergenossen spenden wird –: er führte eine große Tonne mit.

Knut mußte ich drohn, ihn an die Hallpfosten zu binden, so eifrig strebte er hinaus.

Und Gydha, mein goldlockig Enkelkind, – wie bat sie so flehentlich, ich solle sie mit gehn lassen.

Denn es reizten das Kind die bunten Bänder und die vielen Goldfäden, die durch Mähne und Schweif des weißen Rosses geflochten wurden, und, auf den Wagen gehäuft, all das blinkende Geräth, das Knut sorgsam gescheuert hat, daß es hell schimmerte.

Doch ich verbot es und Gydha ist gehorsam.

Nur auf den Pfostenzaun unsers Gehöftes verstattete ich ihr zu steigen: von da kann sie das Opfer gut ansehen.

Ich will es nicht mit ansehn.

Mich schmerzt es in der Brust dabei: denn ich muß denken, wie mein Vater einstmals bei'm Odhin-Opfer herrliche Stäbe zur Harfe gefunden.

Nicht hatte er sie vorher zusammengesucht: er hob das Antlitz gegen Himmel: frei floß sein weißes Haar über den Nacken: sein Auge leuchtete, die Lippe zuckte und tönend floß ihm der Strom des Gesangs.

Wie begann doch sein letztes Lied zu Ehre Odhin's?

»Aller Asen acht' ich
Den edelsten Odhin!
Weisheit sein Wort, Wunder sein Werk,
Wonnig sein Weh'n:
Wann in weichem Weben
Frühe Frühlings-
Knospen er küßt, –
Können die Kleinen die Kelche
Nicht mehr schlummernd verschließen:
Sie öffnen die Augen
Und kosend küßt er
Ihren ersten Athem.

Aber Odhin auch
Stürzt im Sturm die Stämme
Uralter Eichen!

Ich kann nicht ablassen von dem Lied: ich muß es weiter denken! Wie verlief es doch nun?:

»Sein Hauch hetzt die Helden
In tapfre Thaten und tapfren Tod:
Jubelnd und jauchzend jagen sie jäh
In spitzige Speere, in geschwungene Schwerter:
Selig im Siege, getrost auch im Tode.
Denn sie wissen: es werden die weißen Walküren
Zu Walhalls Wonne tragen die Treuen,
Die lachend erlegen, fechtend und fallend
Für die heilige Heimat und des Hauses Herd. –

Auf Erden aber ehrt sie unendlich
Der Sänger Gesang: sie leben im Liede!
In den Hallen noch hört man Harfen von Helden,
Die hoch der Hügel hat überhöht.

Wer aber wies die Sänger, zu singen?
Wer lehrte das Lied und die hallende Harfe?
Wer anders als abermals Odhin der Edle!
Der Schläger der Schlachten ist selber ihr Sänger:
Sangvater ist Siegvater,
Siegvater Sangvater zugleich!

Und wer wies der Weisheit gewundene Wege
Dem begierigen Geist, dem forschenden Frager
Nach Anfang und Ende des unendlichen Alls?

Was da gewonnen an Wissen und Wahrheit
Der mühseligen Menschen grübelnder Geist –:
Alles hat Odhin uns offenbart!
Er hat das hohe, das heil'ge Geheimniß geritzter Runen
Seine Lieblinge lösen gelehrt!

Stumm, doch verständlich, mit schweigenden Schritten,
Ein heiliger Herold, schreitet die Schrift:
Ein beredter Bote von Volk zu Volk
Trägt sie getreulich köstliche Kunde,
Wachsende Weisheit pflegend und pflanzend
Von Geschlecht zu Geschlecht:
Wie des Feuers Flamme
Selbst nicht versiegt, ob es auch Andern oftmals
Segen sprühend gespendet.

Jetzt sind sie am Werk.

Tief schallen die Hörner und feierlich. –

Sie beginnen leisen Gesang –: ha bei'm Haupte meines Vaters! –: es ist sein Lied, sein Lob Odhin's –!

Ich höre die Worte, die stolzen Stäbe! – Jetzt der Schluß: wie braust der Gesang! hell klingen und herrlich zwei Harfen dazu: ich muß mit einstimmen:

»Retter und Rather
Der mühvollen Menschheit
Ist der Rabenumrauschte
Runen-Vater:
Alles ist Odhin, was hoch ist und herrlich,
Was wonnig und weise, was stolz und was stark!
Lobt ihn im Liede, ehrt ihn mit Andacht, solang ihr lebet:
Und fallet einst herrlich, in Helmen, als Helden,
Daß fröhlich ihr fahret nach Asgardh zu Odhin,
Ewig in Walhalls Wonnen zu wohnen

Aber horch! was ist das? Waffenklirren! Wüstes Geschrei! – Den Nothruf schmettert Valgardhrs Horn: ha die Mönche, die Söldner sind über ihm! Mein Hammer! mein Hammer! Zu Hilfe!

*

Wahrlich: nicht hatte ich gewähnt, daß diese Blätter, die von Odhin soviel erzählen und von Odhins Weh und Trost, auch soviel Weh aufnehmen würden, das mich, das uns Menschen betraf.

Mein Weh ist wild: – von Trost verspüre ich noch Nichts. –

Ich muß das aufzeichnen, mein lieber Sohn, und mit der Sage vergraben, auf daß du es findest, wann du hierher kommst auf das Eiland und auf daß du Alles der Wahrheit gemäß, nicht wie es die Mönche erzählen werden, erfährst, was die Deinen: dein Kind, deinen Vater getroffen hat.

Denn nicht werd' ich auf dieser Insel in Frieden sterben.

Schwer verlasse ich, muß es sein, das alte freie Gehöft, die guten Hofgardhar.

Der Urahn Thorolfr, da er Norge des Drachen Rücken und den eignen kehrte, weil er König Harald Harfagri's Königthum sich nicht beugen wollte und die Freiheit der Heimat vorzog, nahm die Stirn-Säulen seines Gehöftes mit an Bord: und als sich sein Schiff der Eis-Insel näherte, warf er sie, die runengeritzten, in die See.

Und wo die Welle sie ausspülte – hier an Göttergedeuteter Stätte, landete er und baute das neue Gehöft, gestützt auf die alten, aus der Fremde mitgeführten Säulen, frei von jeder Königs-Gewalt.

Schwer werde ich sie verlassen.

Aber was der Mann in seinen Gedanken baut, ist ihm doch noch theurer als was er stützt auf Holz.

Vernimm nun, was geschehen, seit ich zuletzt geschrieben.

Wundersam hat sich diese Sage und unser Leben verstrickt und verflochten –: ich kann's nicht mehr scheiden! –

Ich werde es kurz machen: denn es drängt die Zeit, wohl bald die Noth.

Dies schreibe ich nicht in meiner großen Schlafstube, wo ich bisher geschrieben.

Denn ach! in meiner Schlafstube, dem besten Gelaß, und in dem besten Bette des Hauses auf den Eiderdaunenkissen liegt Gydha, dein holdes Kind, schwer wund.

Und ist alles dunkel in dem Gelaß: die Holzladen sind geschlossen, welche man schließt, wenn der Feind das Haus belagert.

Und hinter den Holzläden, den Pfeil-Wehren, habe ich alle Teppiche und Decken des ganzen Hauses aufgehängt, sorgfältiger als Pfeile, die noch nicht fliegen, aber wohl bald fliegen werden, abzuwehren alle Strahlen der Sonne, die da dringen möchten durch die Ritzen.

Denn, – Jammer und Weh, daß ich, der Großvater, es schreiben muß von der Enkelin und dir, schreiben, dem Sohn und dem Vater! – dort in dem Bette liegt Gydha: sterbend, so fürcht' ich, oder, wenn sie am Leben bleibt, blind auf beiden Augen und das holdselige Antlitz entstellt.

Ich schreibe das in der anstoßenden Waffenkammer, von wo ich auch den Angriff der Feinde am ehesten gewahre.

Ich schreibe nur, wann sie schläft: sowie die tiefen Athemzüge der Schlummernden stocken, bin ich an ihrem Lager und halte die kleine Hand.

Und daß das Kind niemals klagt, unter großen Schmerzen, macht es noch rührender.

Oh wenn doch das Wenige ungefüger Heilkunst, das seit Geschlechtern in unserer Sippe vererbt wird, diesmal nur fruchten wollte –: aber freilich, handbreite Beilhiebe und fingertiefe Pfeilwunden bin ich zu heilen mehr geübt, als eines zarten Kindes zarte Augen.

Rettet sie, ihr Lichtalfen, unseres Hauses altvertraute, leisbeschwingte Geister!

Schwebt um ihr Bett! Lindert ihre Pein! Verschönt ihren Schlaf durch heiter gaukelnde Träume, lichten Faltern vergleichbare.

Ja, euch, liebe Lichtalfen, muß ich anrufen –: denn die Engel des Christengottes halten, scheint es, mit den Mönchen.

Oder wo war des Kindes »Schutzengel« – wie die Christen die »Fylgja« nennen –, schützend den Schild zu halten vor diese goldenen Augen, als der Stein flog aus des tückischen Priesters Hand?

Oder hat wirklich der Christengott, ohne dessen Willen ja kein Sperling vom Dache fällt, dies Gräßliche gewollt?

Er ist ja ein starker eifriger Gott, der die Sünde der Väter heimsucht bis in das siebente Glied.

Hat er wirklich es mir zur Sünde gerechnet, daß ich den Viking gewähren ließ, und hat er sich gerächt an mir für diese Schuld an eines Kindes Augen?

Höre, Christengott, wenn du das gethan, – dann sag' ich dir ab für immerdar!

Sie erwacht. Ich eile, den Verband mit der Salbe zu erneuern –: dann schreibe ich weiter.

Sie lächelte, als sie meine Stimme hörte, meine Hand fühlte.

Sie dankte für das kühlende Eis, das ich auf die heiße Stirn drückte.

Sie fragte: »Großvater, werd' ich niemals wieder dein liebes, altes Gesicht sehen können? und des Vaters blitzende Augen, wann er zurückkehrt? Und die goldene Sonne?«

»Gewiß! Bald! Bald!« rief ich ihr zu –: dann aber eilte ich hinaus, auf daß sie nicht höre, wie ich weine.

Ja, ich weine, ich alter, harter, sturmfester Mann. Und nicht schäme ich mich, zu weinen. Aber gar so weh thun Thränen alten Augen, die des Weinens nicht gewohnt. – –

Sie schläft wieder und ich schreibe weiter.

Knut, der Knecht, sagte mir später, schon am Vorabend des Opfertages, als er an der Quelle, für das Opfer vorarbeitend, die Grube gegraben, in welche das Blut des Hengstes strömen sollte, und als er die Felstrümmer aus dem Wege geräumt hatte, welche seit so vielen Wintern auf den nicht mehr gebrauchten Opferplatz von dem Berge heruntergerutscht, habe er beim Fortgehen nach unserem Hofe bemerkt, wie Seraphicus, der Mönch, versteckt hinter den Felsen des Hügels, die unser Land vom Bischofsland scheiden, lauernd hinunter spähte auf sein Thun.

Da aber der Schleicher oft – und seit des Vikings Ankunft emsiger als je – um unseren Landzaun spürte, achtete er nicht weiter darauf.

Der Viking aber erzählte, als sie gerade mitten in dem Opferwerke waren und rings um den Quell und um die Opfergrube die Geräthe: der große Erzkessel aus Grekaland, die kleinen Silberschalen und das spitze Opfermesser, bereit standen und lagen und als nun das edle Weißroß vorgeführt wurde, Mähne und Schweif mit rothen Wollbändern und mit goldnen Quasten durchflochten, und als Valgardhr, die Arme, dankbetend, zu Odhin emporhob – da stürzten plötzlich auf die zehn Männer von dem Hügel herab, hinter dessen Felsen sie sich versteckt gehalten, die Bischofsleute und die geworbenen Söldner, wohl ein halb Hundert an der Zahl, mit wildem Geheul Schwerter und Lanzen schwingend, voran Seraphicus, ein mächtiges Kreuz in der Rechten.

»Nieder mit den Heiden! schrie er. Gott der Herr hat sie in unsere Hand gegeben wie die Heiden von Kanaan seinem auserwählten Volk! Nieder mit den Heiden!«

Und schon hatte er den ihm nächsten der Segelbrüder, der, waffenlos, das Opferroß am Zügel hielt, erreicht und ihm mit dem schweren Kreuz den Schädel eingeschlagen; seine Gefolgen fielen mörderisch über die neun Männer her, die sich der Uebermacht schwer erwehrten.

Da stieß Balgardhr ins Horn: und das rettete sie.

Denn hinter mir, den der erste Hornschall herbei rief – meinen Hammer riß ich von dem Balkenpflock, sowie ich durch die Dachlucke den Mordkampf gesehn: und ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinunter und durch die Hinterpforte des Hofzauns hinausgekommen bin: – dicht hinter mir folgten Knut, der Knecht, und zehn meiner Häuslinge mit den nächsten Waffen, die sie erraffen mochten, und bald – aber auch gerade noch zur rechten Zeit –! waren wir zur Stelle.

Uns entgegen jagte das weiße Roß, das sich losgemacht hatte in dem Getümmel.

Als ich die Kämpfenden erreicht, rief ich Scraphicus zu: »Genug des Mordbluts. Haltet den Landfrieden! Ich stelle mich vor dem Allthing und will des Bischofs Klage bestehn.« – Da wollten die meisten Bischöflichen ablassen. Seraphicus aber schrie: »Drauf, ihr Werkzeuge des Herrn! Nieder mit den Heiden! Tilgt sie aus dem Lande! Ihr Blut ist Gott ein wohlgefällig Opfer. Fünfzig auf zwanzig! Fürchtet euch nicht!«

Und wieder schlug er mit dem Kreuz auf uns los.

»So hilf denn, Odhin, hilf deinen Söhnen! rief da der Viking. Das Roß ist entronnen –: trinke denn, Siegvater, Menschenblut statt Pferdeblut!«

Und kam da Odhins Geist über den Viking, seine Segelbrüder, ja über uns Alle.

Wüthend über den feigen, mörderischen Ueberfall, über den Mißbrauch der Uebermacht griffen nun wir die Bischöflichen an.

Und obwohl sie fast Drei auf Einen von uns waren, sprengten wir sie doch nach kurzem, wildem Kampf auseinander, daß sie nach allen Seiten flohn. –

Seraphicus wollte über die Hügel nach dem Bischofshof entkommen –: aber Knut, der Knecht, der ihn stark haßt, fing ihm den Weg ab und traf ihn mit dem Wurfspeer in den rechten Arm, daß er schreiend das Kreuz fallen ließ und in der entgegengesetzten Richtung davon lief, den schmalen Wiesenweg entlang, der weit rechts an unserem Hof vorüberführt.

Aber plötzlich – wir wußten nicht, weßhalb: bald sollten wir es mit Schrecken erkennen – machte er Halt und lief querfeldein und, über den Quell springend, gerade auf unsern Hof zu: ich und Knut folgten ihm von Weitem.

Er bückte sich, schrie: »stirb, Heidenbrut!« – und gleich darnach hörten wir einen laut wimmernden Schmerzensschrei und sahen Gydha, die wir nun erst bemerkten, von dem Zaun unseres Hofes, von dem aus sie das Opfer hatte sehen wollen und statt dessen, von Schrecken gelähmt, den Mordkampf angesehen hatte, rücklings herabstürzen in unsern Hof.

Seraphicus wollte nun wieder den früheren Weg gewinnen und lief rechts landeinwärts – aber Wuth und Schmerz gaben mir Flügel, ich holte ihn ein – bei dem Vogelbeerbäumchen, dem Thor geweiht, du weißt: es ist das einzige auf dem ganzen Godhordh – und streckte ihn mit einem Faustschlag auf den Hinterkopf nieder.

Er fiel in Friggs Wachholderbeerbusch.

Nun waren auch Valgardhr und Knut zur Stelle.

Ich überließ ihnen den Betäubten, lief nach unsrem Hof und suchte nach Gydha.

Ich hatte nicht lange zu suchen: sie lag noch, wo sie gefallen war: das Antlitz mit Blut überströmt: ein wuchtiges, zackiges Felsstück neben ihr – und ach, wie es scheint, beide Augen durchbohrt.

Sie athmete schwach.

Ich fürchtete, während ich sie, so sanft ich konnte, auf beiden Armen in das Schlafgemach trug, die kleine Seele durch den halb geöffneten Mund entschweben zu sehen.

Blutige Tropfen, aus ihrem schönen, goldenen Haar träufend, bezeichneten unsern Weg bis an das Bett. – –

Ich wich nicht von ihrer Seite, bis ich sah, daß sie sich erkräftigte nach eingeträuften Tropfen von dem dunkelrothen Griechenwein, den der Viking erbeutet und mir als Gastgeschenk gebracht hatte: ich verband die Wunde, die sich über beide Augenlider und die Nasenwurzel zog: sie entschlief.

Ich hatte Alles vergessen über diesem Anblick, über dieser Pflege: die Abwehr und die Rache.

Aber der Viking und Knut hatten beide nicht vergessen.

Sie hatten den Kindermörder in den Hof geschleppt und, an Händen und Füßen gebunden, in das Badhaus geworfen: wohl hatte Valgardhr, sowie er ihn erreicht, sein Messer über ihm geschwungen: aber der Knecht war ihm in den Arm gefallen: »das ist des Großvaters Recht!«

Und während ich nur des wunden Kindes gedachte, hatten der Viking und Knut des Hofes Sicherung bedacht.

Denn ohne Zweifel ist noch in der Nacht der Angriff der Bischofsleute zu erwarten. –

Sofort holten die Beiden von der Opferstätte, die Kampfstätte geworden war, die dort zerstreut liegenden Waffen der Todten – es waren zwei Segelbrüder des Vikings und einer meiner Hausleute gefallen, von den Bischöflichen aber lagen siebzehn todt – und die weggeworfenen Waffen der Entflohenen –: alle Todten wurden auf dem Flecke verbrannt: »ein gutes Opfer nahm sich Odhin, sprach dabei Valgardhr: statt des einen Gaules, der ihm entging, zwanzig Männer!« – Dann verrammelten sie die Thore des Haupthofs und der beiden Nebenhäuser: des Stallhauses und des Badhauses, schleppten Balken und Steine, auch Wurflanzen auf die drei Dächer und Wassereimer gegen Feuerpfeile.

Auf dem Felsen-Hügel oberhalb des Quells stellten sie Wachen meiner Häuslinge aus – nur von daher konnten zu Lande die Feinde kommen –: und auf dem Drachen und auf meinem Schiffe im Fjordh brannten die ganze Nacht Feuer: die Segelbrüder Valgardhrs hielten hier die Einfahrt in die Bucht bewacht.

Die alte Herborg, Knuts Weib, wollte mich die Nacht über ablösen an Gydha's Bett: aber ich wich nicht: ich wachte und sann.

Kein Angriff auf den Hof geschah: zwar waren die Bischöflichen um die Zeit der Mitternachtwende durch das Birkengestrüpp – »Wald« nenne ich es nicht mehr, seit ich die Wälder auf dem Festlande gesehen – vorsichtig, (den Pferden hatten sie die Hufen mit Stroh umwunden,) auf dem Hügelweg herangeschlichen, zu versuchen, ob ein Ueberfall gelänge: als sie aber angerufen und mit Pfeilschüssen begrüßt wurden, waren sie eilig zurück gejagt. – So verlief die Nacht ruhig.

Eins aber ist wahr.

Thaten thun die Christen – die thäte kein Heide.

Als die Bischöflichen ihren nächtlichen Ueberfall aufgegeben hatten und unsre Wachen das Gebüsch durchspähten, wo jene gestanden, da drängte sich aus dem Graben, wo er sich versteckt gehalten, Kiartan hervor, der irische Mönch.

Er bat unsre Wachen, ihn zu fangen, zu binden, zu schlagen und vor mich zu führen.

Sie thaten ihm kein Leid, aber sie führten ihn vor mich.

Seine linke Wange blutete.

Ich erinnerte mich, daß er gestern in den wildesten Kampf sich gestürzt hatte, ohne Waffen: jeden, der wund nieder sank, Heiden wie Christen, fing er auf in seinen Armen und trug ihn aus dem Getümmel, ihn zu retten, wenn es noch möglich war.

Und ich erinnerte mich auch, daß er dicht vor mir gestanden, als ich Vigulfr, Bigbjörns Sohn niederschlug, den Führer der Söldner, und daß er den Todwunden aufhob.

»Was willst du, Ire?« frug ich nun heute den Mönch, wenig freundlich.

»Ich bitte dich um was, wie mir der Herr Christus befohlen hat.«

Und er hielt mir das Antlitz hin.

»Du hast gestern, als du den Kriegsmann, den Sturlung, erschlugst, meine linke Wange mit deinem Streitbeil gestreift: mir ist befohlen von meinem göttlichen Meister, dir nun die rechte Wange zum Schlagen dar zu bieten.«

Valgardhr lachte.

Aber ich lachte nicht, gab ihm einen leisen Schlag auf die heile Wange, verband seine Wunde und befahl, den Wackern gespeist und getränkt zurück zu geleiten bis über den Bischofs-Hügel.

Das hätte kein Heidenmann gethan, den ich kenne: das ist noch mehr als Werinher, der Thüring, jüngst an Knut gethan.

Aber kann man mit so sanften Leuten Feinde abwehren und ein Reich behaupten?

Im Paradiese vielleicht, wo keine Feinde waren, aber auf dieser harten Erde? –

Aber ich sann nicht darüber viel.

Sondern über das, was nun zu thun war, sann ich und sann.

Und noch bevor der graue Tagesschein empor stieg und der Hofhahn krähte, noch vorher war ich mit meinen Sinnen zu Ende und mit meinem Entschluß.

Ich ging, als es Tag geworden, zu Valgardhr, den ich eifrig beschäftigt fand, das Waffenschleifen seiner Segelbrüder in der großen Halle zu überwachen. »Odhins Auge glänze auf dich, rief er mir entgegen. Die Priesterknechte kommen nicht zu uns –: so gehen wir zu ihnen. Ich rüste nur noch etwa eine Stunde: dann segeln wir hinüber und brennen den Bischofshof und Alles, was darinnen athmet.«

»Nach einer Stunde, sprach ich, springt der Nordwestwind ein. Dann sticht dein Drache in hohe See.

»Oho! sollen meine Leute liegen ungerächt?«

»Siebzehn gegen zwei – das ist Rache genug, denke ich.«

»Und das Blut Gydha's, des Kindes meines Freundes? Rächst du die Enkelin nicht?«

»Ich werde sie rächen. Seraphicus ist ihr Mörder, nicht der Bischof und des Bischofs Leute. Du aber – räume das Eiland.«

Ist das die Gastfreundschaft von Hofgardhar?«

»Der Gast hat auch Pflichten, nicht nur Rechte.

Höre mich an. Vielleicht war es Unrecht, daß ich dir das Opfer verstattete, unterstützte.

Das hoff' ich aber am Allthing zu vertreten: jedesfalles viel schreienderes Unrecht war jener mörderische Ueberfall und die Abweisung meiner Erbietung zum Rechtsgang. Sie wollten uns morden in ihrer Uebermacht: daß wir uns wehrten, war unser Recht: die siebzehn liegen, ungebüßt, wo sie liegen. Für Gydha's Leben, für Gydha's Augen büßt mir der gebundene Mann. Schon sandte ich einen Boten zum Bischof. Ich fordere nur, daß er den Spruch des Allthings nicht hemme, spricht dies Tod oder Friedlosigkeit über den Mönch. Dabei verbürgte ich mich, daß die Mittagsonne euch Heidenleute nicht mehr bescheinen solle auf dem Eiland. Das muß ich halten. Also mache den Drachen segelfertig.«

Der Viking schüttelte den Kopf: »Allzufriedfertig hat dich schon der Christengott gemacht. Und thörig dazu. Uns, deine einzigen Helfer und Freunde, schickst du fort – vorher –: vor des Bischofs Entscheidung?

Was thust du, wenn er deine zahme Forderung verwirft, den Mönch herausgegeben verlangt und mit Gewalt dich überzieht?«

»Das wird er nicht. Er ist nicht ungerecht. Und – schließlich – der Mörder ist in meiner Gewalt. Er soll nicht entrinnen ohne Strafe.«

»Freund, ich rathe dir besseren Rath. Viele sind noch auf der Insel den alten Göttern heimlich im Herzen treu: diese Neidingsthat des Mönches muß sie Alle empören: laß uns den Heerpfeil unter alles Volk senden und aufbieten alle Freunde der alten Götter: in deinem Insel-Viertel stehen von den drei Thingverbänden ohne Zweifel zwei zu dir: das sind allein schon sechs Godhordhe von den neun und dreißig: leicht gewinnst du noch über ein Dutzend dazu: laß sehn, ob wir nicht dem Bischof gewachsen sind und ihm und seinen Heiligen die ganze Insel wieder nehmen.«

»Das ist der Gedanke, mit dem ich gerungen habe die ganze Nacht. Ich habe ihn niedergerungen.«

»So zweifelst du am Siege? hast du nicht gesehen, wie gestern Odhin uns Sieg gab, zwanzig über fünfzig?«

»Ich zweifle kaum am Siege –: ich zweifle am Recht.

Durch Volksbeschluß ist damals der Friede mit größter Mühe geschaffen –: ich breche den Frieden nicht.

Ich würde ihn nie anerkannt haben, – ich hätte lieber das Eiland geräumt – glaubte ich noch fest an die alten Götter.«

Da rief Valgardhr zornig: »Undankbarer, hast du nicht gesehn, wie gestern Odhin uns und dich beschützt hat sichtbar gegen der Söldner und Mönche Uebergewalt?«

»Freund, das kann ich dir jetzt nicht Alles deuten. Aber sieh, ich weiß von Odhin, daß er zuletzt selbst nicht mehr an sich glaubte –: wie sollte ich da an ihn glauben? Er mag wohl ein Gott sein, ein gewaltiger: aber er selber hat über seinem Haupt einen höheren Gott erkannt!«

»Den Christengott?« frug unwirsch der Viking.

»Vielleicht! Denn daß der Christengott stärker ist als Odhin, das sehen wir alle Tage.«

»Nicht gestern!«

»Vielleicht aber, – doch das wirst du nicht glauben! – vielleicht sind Odhin und der Judengott und der Christengott und die alten Götter der Süd-Heiden von Rumaburg und Grekaland zwar alle Götter, schwächer oder stärker, aber nur für Ein Land oder Ein Volk oder für gewisse Zeit, wechselnd entsendet von dem ungenannten Gott, der hinter und über ihnen Allen steht, dem Allgott, den Odhin bei den Nornen erfrug.

»Das verstehe ich nicht,« sagte Valgardhr unwillig.

»Ist auch nicht nöthig! Wenige werden's verstehen! Aber das verstehst du klar: ohne voll an Odhin zu glauben, für Odhin den Krieg im Volk entzünden, – das darf ich nicht.

Längst lauert der König drüben in Norge, wie er dies freie Eiland unterwerfe. Bezwangen wir die Bischöflichen –: gar bald kämen seine Drachen gefahren und machten wieder ein Ende mit Odhin und Thor –: und mit der alten Freiheit.

Und deßhalb, siehst du, Freund Valgardhr, deßhalb mußt du fort. So lang du hier weilst, hat der Bischof, ja der König, stets einen Schein des Rechts. Süß ist die Rache: hoch halt' ich den Haß, den heißen Wunsch des Herzens – aber höher halt' ich mein Volk. Fahr' wohl.«

Der Viking zögerte: treuherzig legte er mir die gepanzerte Hand auf die Schulter: »Alter Freund, sprach er, wenn nur auch der Bischof so denkt. Aber ich fürchte: der denkt anders. Hat er doch den Himmel sicher – was liegt ihm an diesem Land! Ich sorge sehr, du bereust, daß du mich fortgeschickt. Aber ich gehe. Ist doch das Blut deiner Enkelin geflossen, weil ich dein Gast geworden. Ich brachte dir Unheil: ich gehe. Möge Odhin dich unter seinen Schild nehmen: ich fürchte nicht die Waffen der Christen, aber ihre Gedanken.«

In einer Stunde ging der Drache mit vollen Segeln vor dem Westnordwest in See: – er geht nach den Orkneys, dort einen alten Rechtsstreit durch Siebenkampf zu entscheiden. – Ich befahl, den Hof wieder zu entwehren.

Er fährt an der Bischofsbucht dicht vorbei: so müssen sie sehen, daß ich mein Wort gelöst.

Gydha wird nicht sterben, hoff' ich. Auch das linke Auge wird besser. Ich denke es zu retten. Aber das rechte?

Sie spricht wieder; sie versucht zu lächeln. Es ist ein Anblick, der das Herz zerreißt.

Sie will mich trösten, aufheitern, das wunde Kind den heilen Mann.

Sie ist so gut, wie die Christen sagen, als nur ein Christ sein kann.

Und sie hat doch nichts vom Christenthum empfangen als die Wassertauche. Denn ich kann es nicht lehren. –

Es ist Abend.

Gegessen hat sie gar nichts, als zwei Möweneier, die ihr Knut aus dem nächsten Vogelberg geholt.

*

»Der Bote kommt vom Bischof zurück: er bringt geschriebene Antwort: ein langer Brief. Mit zitternden Händen reiß ich ihn auf: – es ist nicht des Alten, es ist des Jungen, Gizurrs, Handschrift. Das bedeutet Böses.

»Im Namen des furchtbaren dreieinigen Gottes Isleifr der Bischof an Thorgeir, Thormodhrs Sohn, den Godhen zu Hofgardhar, den Friedebrecher, den Mörder, den Teufelsanbeter, den Opferer, den Abtrünnigen.

Für ewig verfluchen sollt' ich deine Seele in den untersten Pfuhl der Heiß-Hölle.

Lang schon standest du im Verdacht, daß du noch den Teufelsgöttern dienest: nun hast du es durch offene That scheulos gezeigt: du hast den Taufbund und das Landrecht gebrochen.

Verboten ist durch Landgesetz, nach deines eignen Ahnherrn Vorschlag, offnes Opfer. Du hast auf deinem Boden, an alter, verfluchter Opferstätte, Heidengäste offen opfern lassen, ihnen deine eignen Opfergeräthe geliehen, welche du, statt sie heraus zu geben, verheimlicht hattest.

Du hast, als im heiligen Eifer des Herrn ein frommer Diener Gottes dein Greuel wehren wollte, mit würgenden Waffen unter den Unsrigen gewüthet: Blut von siebzehnfachem Mord klebt an deiner Hand.

Und statt solche Frevelthat zu bereuen, forderst du mit frechem Mund, einen Diener des Herrn, den du gefangen hältst, vor weltlich Gericht zu stellen!

Wohl wissen wir, daß das bisher in diesem noch halb heidnischen Lande Recht war: aber wir sind gewillt, den heiligen Canones gehorchend, welchen die Könige der mächtigsten Reiche folgen, das auch auf diesem Eiland fortab nicht mehr zu dulden.

Augenblicklich entlasse den Mönch, den du in frevelnden Fesseln gefangen hältst: unser geistlich Gericht wird dann prüfen, ob ihm wegen Verwundung deiner Enkelin etwa eine geistliche Buße aufzulegen sei: der Arme, gejagt von geschwungenen Schwertern wilder Heiden, wehrte sich wohl nur in Todesangst seines Lebens.

Wir vielmehr werden Klage führen vor dem Allthing gegen dich wegen siebzehnfacher Blutthat.

Wie aber auch das Allthing diese Mordschuld büße und Landrechtsbruch durch offnes Opfer – die geistliche Strafe schleudern wir schon jetzt auf dich: verdient hättest du den großen Bann: die Ausstoßung aus der Kirche.

Aber das wäre dir wohl gerade Recht: da wähntest du in deinem alten heidnischen Herzen: nun seiest du aller Christenbande ledig: und ganz würdest du wieder zufallen deinen Götzen –

Wir geben dich aber nicht los: denn uns erbarmt deiner unsterblichen Seele.

Wir behalten dich, durch Buße dich zu bessern.

Und dies ist deine Buße: um das furchtbare Aergerniß zu sühnen, das du gegeben, wirst du nach drei Nächten vor uns erscheinen und, vor versammelten Priestern und Laien des ganzen Inselviertels, laut, feierlich, öffentlich, die alten Götter verfluchen, vorab Odhin, den Argen, den infernalischen Geist, der dich in diese Greuel getrieben. Absagen sollst du Odhin und Thor und Baldur und alle den Unholden, die ihre Genossen sind.

Anspeien sollst du das Götzenbild Odhin's, das wir zu diesem Zweck allein nicht mit Feuer verbrannt haben, da wir den Tempel Blotgodhi's zerstörten: »ich hasse dich, sollst du sagen, ich verachte dich, ich verwerfe dich, du Scheusal, das unsere Väter verehrt haben, die nun dafür auf ewig brennen in dem Höllenpfuhl.«

Läßt du die dritte Nacht verstreichen, ohne reuig zu dem Bischofshof zu kommen, so kommt der Bischof vor deinen Hof und holt dich mit gewaffneter Hand.

Und wir warnen dich, Widerstand zu wagen. In feiger Flucht – wir sahen sie fahren – sind deine Heidengäste schon gewichen –: die Hand des Herrn hat sie mit Furcht geschlagen.

Solltest du aber wagen, die, wir wissen es wohl, zahlreichen heimlichen Heidenleute auf der Insel gegen uns anzurufen: so wisse: nur eine Tagfahrt weit liegt König Harald Hardradhi's, des eifrigen Helfers, Flotte vor Anker.

Und schon fuhr unser schnellstes Botenschiff zu ihm ab: sieht er vom Dach unserer Kirche bei Tag eine Rauchsäule, bei Nacht aber eine Feuersäule steigen: so landet er mit seinen Sold-Lanzen.

Dann macht er, wie er lange plant, ein Ende dem Bauerntrotz hier auf der Insel: dann zwingt er die Enkel der Männer in's Joch, welche hieher geflüchtet vor König Harald Harfagri's Gewalt.

Auf dein Haupt dann alles Blut, das vergossen wird, wenn das Inselvolk zwiespältig sich bekämpft. Dann hast du den Fremdkönig zur Herrschaft über die freien Männer gerufen.«

Diesen Brief lege ich zu der Sage von Odhin. – – –

Kalte Wuth überkam mich, als ich die Lügenworte gelesen.

Fest standen meine Beschlüsse: nie fluche ich den alten Göttern. Und den Mordmönch in meiner Gewalt erwürg' ich.

Aber soll ich den Viking zurückrufen mit raschem Segler und rings auf der Insel die treuen Herzen zu den Waffen fordern?

Nicht nur, die noch an den Göttern heimlich hangen –: auch viele Christen unter meinen Nachbarn reißen, das weiß ich, die Waffen von der Wand, wenn sie erfahren, der Bischof weigert das Volksrecht gegen den Kindermörder.

Heiß heischte mein Herz nach Rache.

Ich stand in der Kammer, wo ich jetzt diese Blätter berge, vor dem Schlafgemach. Da fiel mein Auge, da ich das Bündel zusammenschlagen wollte in das Seehundsfell, darin ich sie verschnüre, auf die Stellen, wo Odhin und Harald Worte wechseln.

Und ich las – »das höchste ist das Volk!« Und wie that Harald? Liebe und Haß ließ er fahren, für sein Volk zu sorgen. Und was lobte Odhin? Und was sang mein Vater stets mit begeisterter Gluth? »Volk und Vaterland acht' ich das Erste.«

Ohne Zweifel zwing' ich den Bischof, ruf' ich zur Rache Vettern und Freunde, heimliche Heiden und Rächer des Unrechts.

Aber ohne Zweifel auch zwingt uns König Hardradhi. –

Ich thue, was Odhin lobt und mein Vater –, ich erwürge die Wuth, ich zähme den Zorn, um meines Volkes Willen.

So haben auch die edeln Männer gedacht und gehandelt, die weisen Heiden, vor Allen unser Ahn, als sie auf dem Allthing lieber die Christenlehre aufnahmen, als daß sie durch den Mordkampf, der zu entbrennen drohte zwischen Christen und Heiden auf der Insel, das Volk verderben sähen und das halb leere Land eine leichte Beute werden ließen des fremden Gewaltherrn.

Ich will nicht schlechter sein als mein Ahn. Mag immerhin der Priester dann von mir sagen: solche Liebe zu Volk und Vaterland sei nur ein glänzendes Laster.

Mag er auch rühmen, aus Furcht vor seinen Söldnern hätte ich die Rache aufgegeben –: das glaubt doch kein Mensch auf der Insel von Thorgeir, Thormodhr's Sohn.

Die Frist von drei Nächten aber läßt er mir nur, weil bis dahin erst des Königs Soldlanzen eingetroffen sein können, die er offenbar schon heimlich zu Hilfe gerufen.

Nicht sollen sie den alten Godhen am langen weißen Bart aus dem Gehöft seiner Ahnen schleifen, des fremden Zwingherrn freche Knechte.

Und nicht fluche ich den hohen Göttern meiner Väter.

Schon ist das Lang-Schiff segelfertig: nur sollen die Häuslinge noch in den tiefen Truhen tragen an Bord des Hauses werthvollste Habe: vor Allem des Vaters Harfe und sein Opfergeräth, dann Ringe und Reife: und – alle Waffen.

Denn leicht mag es kommen, daß wir uns mit Gewalt den Weg müssen bahnen durch die Bote des Bischofs.

Und nach langem Sinnen habe ich auch gefunden das Land, wo ich die neue Heimat suchen will – und das Grab.

Ich dachte zuerst an Hvitramannaland, im fernsten, fernsten Westen: das soll, wie ein Walfischfänger sagte, der von dort her wieder kam, wie auf einer ganz andern Hälfte liegen der Erde.

Und wären wir da wohl sicher, ich in Frieden sterben, Gydha und die Andern in Frieden leben zu dürfen, unverfolgt von Mönchen: und auch König Hardradhi's Hand, so weit sie greift, – bis dahin langt sie wohl nie.

Aber ich mag nicht fliehen vor dem lauernden Feind meines Volkes. Er oder seiner Nachfahren einer wirft doch über unsere Freiheit das blutbefleckte Netz.

So lang noch mein Wort im Rath, mein Hammer im Kampf meinem Volke nutzen mag, so lang versteck' ich mich nicht in feige Ruhe.

Bleibe ich hier im Lande, locke ich den Verderber herbei.

Ich gehe dahin, wo den drohenden Feind meines Volkes das nächste Schlachtfeld erwartet: nach England, das seine Gier bereits bedroht: in des Sachsenkönigs Harold Heer –: wenig soll der Tapfre fragen, was seine Helden glauben, nur, wie sie Speere werfen – in König Harolds Heer schreit' ich dem Feind meines Volkes entgegen.

Treff' ich ihn, stirbt einer von uns beiden. –

Vorher aber stirbt der mördrische Mönch: ich gehe, ihn zu würgen.

*

Ich habe ihn nicht getödtet.

Ich habe ihn frei gegeben. In diesem Augenblick rennt er wohl über die Hügel, die Bischöflichen zum Gewalt-Brand meines Hauses zu holen.

Gydha's Stimme klang an mein Ohr, eben als ich zu der Strafthat in das Badhaus zu gehen mich erhoben hatte.

»Großvater, rief sie, lieber, ich liege lange schon wach.

So einsam, so öde!

Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll, die Zeit zu vertreiben.

Ich habe mir schon wiederholt alle Alfengeschichten vorgeführt, die du mir je erzählt.

Komm, bitte, an mein Lager: erzähle mir eine Geschichte, wie nur du sie zu erzählen weißt.«

Ich kam gar eilig an ihr Bett, setzte mich auf den Schemel, faßte die kleine, weiche Hand in meine beiden großen, vom Schwertgriff gehärteten.

Und sann und sann: denn alle Geschichten, die ich wußte, hatte ich der Lauschenden schon erzählt.

Ach! wie hingen sonst an mir, wann ich sie abends am Herde auf den Knieen wiegte und langsam, langsam zu ihr sprach, ihre goldenen, leuchtenden Augen! Wie strahlte Freude aus ihnen über das Wiedererwachen der Königstochter, welche die böse Stiefmutter durch giftigen Kamm getödtet hatte! Wie feucht glänzten sie, wenn sich die Kinder im Walde verirrt hatten zum menschenfressenden Troll. Wie funkelten sie, wenn die Tauben geflogen kamen, dem armen Waisenkind die Körner lesen zu helfen, »die guten in's Töpfchen, die schlechten in's Kröpfchen!« Und jetzt –! Kein Licht dringt vielleicht mehr in ihr rechtes Auge: das linke hoff' ich gerettet!

Und ich wußte nichts mehr zu erzählen: alle Geschichten hatte ich erschöpft.

Da sprach sie: »in den vielen, vielen Blättern, die du diesen Winter über voll geschrieben, steht da gar nichts drin, was du deiner Gydha gönnen magst?

Da gedachte ich, daß ich, losgelöst von all den Blättern, welche von Schicksal und Schwierigem reden, recht wohl dem Kinde erzählen könnte, wie König Harald Halfdanssohn den Mörder Skadhi frei gab, weil ihm Baldur, der Frühlingsgott, begegnet war im Morgenschein am ersten Lenztag und sein Herz gerührt und weich gemacht hatte.

Und sagte ich dem Mädchen nichts von der Brauthütte: nur, daß Skadhi den König schändlich morden wollte und dieser ihm doch verzieh.

Und als ich nun Alles erzählt hatte – siehe, da beugte sich das holde Köpfchen vor und zwei heiße Thränen fielen auf meine alten Hände.

»Großvater, war ich gut, seit der Stein mich getroffen?«

»Wie ein Engel im Himmel, wie Nanna in Walhall so sanft.«

»Darf ich eine Bitte thun als Vergelt für meine Schmerzen? Sie waren oft groß, – ob ich auch nicht klagte.«

»Ich weiß es! – Jede Bitte ist dir gewährt.«

»So bitte ich – wohl hörte ich, was du vorhin zu Knut, dem Knecht, gesagt, was deine letzte That hier im Hause sein solle – so bitte ich – um des Mönches Leben.«

Ich sprang auf: »hat dir das der Mönch abschmeicheln lassen durch der Mägde Eine?« frug ich sehr zornig.

»Nein, Großvater. Niemand hat mit mir davon geredet.

Aber als du die Worte lasest: »Du hast dem Käfer das Leben gerettet – wie etwa ein Gott verzweifelndem Manne«. – »Dann wahrlich, – selig sind die Götter! Ich sage dir, wohlig warm ward mir im Herzen, daß ich das arme Kriecherlein retten konnte: – wie warm muß es erst den Göttern zu Herzen schießen, können sie Menschen das Leben retten?« – da dachte ich – heiß schoß es nun mir in's Herz und es klopfte gar arg: – sollen wir härter sein als jener edle Held? Wie schön, wie herrlich ist es, daß der gute König den Mörder frei giebt! Laß uns thun wie König Harald that.«

Finster sprach ich: »Nicht verdient haben's die Christen um dich und mich, daß ich dem Christengott was zu Liebe thue.«

Da drückte sie einen Kuß auf meine Hand und flüsterte:

»Großvater, – ich weiß es längst, wie sehr du sie liebst, – so thu's zu Ehren der alten Götter. Thu' wie Harald that, um Baldurs willen, nach Odhins Sinn.«

Ich sprang auf, riß mein Messer heraus und warf es vor des Kindes Bett zu Boden, auf daß mich der Stahl nicht reize, stand ich zum ersten mal vor dem Giftwurm.

Ich eilte über den Hof nach dem Badhause, dem Knecht Schlüssel und Kienfackel abfordernd.

»Herr, flüsterte mir der Kaltwüthige zu, stich ihn nicht gleich todt! – Denke an der jungen Herrin Augen – stich ihm zuerst die Augen aus.«

Mir graute nun vor dem, was ich hatte thun wollen: – und ich hätte ihn doch nur rasch erstochen.

Als ich die Thüre aufriß und das rothe Licht des Kiens auf sein Antlitz fiel, ward dies erdfahl.

»Würge mich, schrie er, alter heidnischer Bluthund. Ich wollte mir nur den Weg nach der schönen Italia zurückgewinnen: – nun gewinne ich den Weg in's schönere Himmelreich und die ewige Seligkeit des Martyrs dazu. Mit Psalmen und mit Palmen werden mich die Engel begrüßen.«

Ich knüpfte ihm die Stricke an Füßen und Händen los: »Geh, sprach ich, du bist frei.«

Er sprang auf, schüttelte sich, reckte sich, – denn lange war er gebunden gelegen, – streckte Füße und Hände so weit er konnte und rief: »Gelobt seien die Heiligen, welche mich gerettet aus der Hand der Wüthigen. So hat Jehovah seinen Diener Daniel aus der Löwengrube gerettet.«

»Nicht doch: dich hat die Fürbitte des Kindes gerettet, das du morden wolltest.«

»So haben die Heiligen ihr Herz gerührt!«

»Nicht die Heiligen! Eine schöne Geschichte von den alten Göttern. Den alten Göttern, heidnischem Hochsinn dankst du das Leben. Hebe dich hinweg!« fügte ich bei, denn ich spürte, daß mir der Zorn die Faust ballte.

Er schritt langsam an mir vorbei über die Schwelle: da sah er, daß die Knechte die Truhen und das Schiffsgeräth aus dem Hause nach der Meeresbucht hin trugen durch das Seethor des Hofes. Er ging nun rasch über den Hof, bis er das offene entgegengesetzte Thor, das Landthor, gewonnen hatte: hier blieb er stehen und frug: »die Knechte, die nur die Speisung brachten, sagten fluchend, sie werde beide Augen verlieren – ist das wahr?«

»Ein Auge wird ihr bleiben.«

»Daran erkenne, rief er laut, du blinder Heide, den Finger des Herrn. Einäugig ist, dem das Opfer gebracht ward, der üble Odhin – da hast du die Strafe: so oft du sie anschaust, sage zu dir: das that mir der Herr, mich um Odhin zu strafen.«

Und fort schoß er in das Dunkel; über das Kiesgeröll, welches die Heide bedeckt, scholl laut sein eilig Laufen landeinwärts über die Steinwüste nach dem Bischofshofe zu.

Hätt' ich meinen Wurfspeer in der Hand gehalten, – ich fürchte, ich hätte, trotz Gydha's Bitten, den Flüchtling durchbohrt, der jenes Wort geredet.

Aber es war besser so. –

Ich ging an Gydha's Bett: »er ist fort,« sagte ich ihr.

Stumm drückte sie mir die Hand. »Großvater, sprach sie dann, ich glaube, ich kann dir was sagen, das dir eine Freude ist, eine große. Auch mein linkes Auge hat ganz aufgehört, zu schmerzen – sieh doch hin: hebe die Binde: ich meine, es ist viel besser.«

Pochenden Herzens lüftete ich vorsichtig das Tuch, entfernte den Linnen-Fleck mit der Salbe, hob das Lid empor bei gedämpftem Licht der Kienfackel: und auf meine Knie sinkend rief ich – Thränen stickten mir die Stimme: – »Gydha, laß uns dankend beten zu dem allgütigen Gott, wie immer er heiße: auch zu den Lichtalfen, den Schutzgeistern unsres Hauses: gerettet haben sie dir deine beiden Augen.«

Das ist das letzte Wort, das ich schreibe auf diesem Blatt –: wohl mir, daß ich so schließen kann: – Dank weitet mir die Brust, daß ich dir, mein theurer Sohn, diese Botschaft noch verkünden darf.

Ich eile nun mit dem ganzen Bündel von Blättern – viele sind es geworden – und berge sie unter dem nur dir bekannten Hohlstein, unter dem alten Wildschwan-Nest im Strandgeklipp.

Es ist gekommen, wie ich geahnt: wann du wieder hier an's Land steigst, – den Vater findest du nicht mehr auf der Insel.

Das Haus ist geleert, das Schiff ist geladen: auch Gydha, sorglich verhüllt, trug ich in meinem Langschild an Bord: günstiger Nordwind bläst in die Segel: der Knecht lichtet den Anker, sowie ich zurück bin von diesem meinem letzten Gang auf Island.

Heilige Heimaterde – eine Scholle von dir nehme ich mit.

Vielleicht suchst du mich, mein Thorbiörn, in England auf in König Harolds des Sachsen Heer.

Suche mich bald: ich möchte dich noch sehn, bevor ich sterbe.

*

Ich, Thorbiörn Thorgeirs Sohn, lasse dies schreiben – denn mir selber geräth das Schreibwerk nur langsam – durch Gydha, meine liebe Tochter, des edeln Herzogs Reginhar von Spoleto schöne Herzogin.

Denn immerdar soll in ihrem Hause dauern und unter ihren Kindeskindern das ehrende Andenken an meinen hohen Vater, der diese Sage von Odhin's Trost und sein eignes Schicksal geschrieben.

Und sollen Alle, die von seinem Leben gelesen, auch wissen um seinen herrlichen Tod.

Bald nachdem das Schiff die Bucht verlassen und glücklich, im Schutz der Nacht, durch die bischöflichen Bote sich windend, die offene See gewonnen hatte, sahen sie an Bord Feuerschein aufflammen vom Lande her – hoch in den Himmel stieg seine Lohe –: es war unser guter, alter Hof. Rasch war Gizurr gewesen, der Bischofssohn: sowie Seraphicus ihm gemeldet hatte, die Heiden rüsten das Schiff zur Flucht und Hilfe der Nachbarn sei nicht aufgeboten, stürmte der Heißherzige herüber mit den Söldnern, das Entkommen des Vaters zu hindern – so erfrug ich später auf der Insel. Und da sie das Haus leer fanden, ergrimmten sie und zündeten es an und die Lanzenträger plünderten das Wenige, was noch in den Trümmern lag. Denn die Rosse und das Vieh hatten sie vorher aus dem Stalle getrieben. Seraphicus aber, da er auf dem Firstbalken die Hausmarke eingeritzt sah und andere Runen- und Götterzeichen, ergriff ein Beil, stieg auf der Hausleiter gegen den Balken empor und wollte die Balkenstirne mit den Götter-Runen herunterhacken, sie als Siegeszeichen dem Bischof in Rom einzusenden, wie er mit allem Heidengeräthe that, das er gewinnen konnte. Aber wie er an dem Gefüge zerrte, stürzte der schwere Balken nach vorn über und zerschmetterte den Mönch sammt der Leiter.

Wenige Tage darauf segelte ich in die Bucht meiner Väter ein: ich hatte die Muntschaft niedergelegt, nachdem alle Feinde besiegt waren und Thorwaldr, der waffenreife Jüngling, keinen Kriegshelfer mehr braucht.

Ich hatte gute Fahrt gehabt: nur fünf Wochen war ich unterwegs: – es war hellster Mittagsonnenschein –: da sah ich von Weitem die drei Häuser von Hofgardhar als schwarz verkohlte Trümmerhaufen liegen.

Schmerz und Grimm ergriffen mich und Angst um den alten Vater und die junge Tochter.

Vorsichtig ließ ich das Schiff am Eingang der Bucht vor Anker gehen und ruderte allein im kleinen Wasserbot an's Land.

Nur langsam gewann ich Raum – der ganze Fjordh war noch voll lockeren Treibeises.

Als ich gelandet war, siehe da grüßte mich vor Allem, überraschend, ein lautes Wiehern: Hvitingr war es, mein gutes Roß, das ich auf der Insel zurückgelassen: es kam, freudig Haupt und Mähne schüttelnd, auf mich zugesprengt aus der Wildheide: es war den Mönchen entsprungen, da sie die anderen Thiere mit sich fortgetrieben aus dem Stallhaus, und hatte sich diese Tage über in Freiheit gehalten: mir ward weich um's Herz – und bang.

Ich streichelte das kluge Thier und schwang mich auf seinen sattelfreien Rücken. So sprengte ich eilig das Gestade entlang an den Ort in dem Geklipp, den wir beredet hatten, hob den Stein und fand die Schrift und: – las und las! – Und mein Herz wogte hin und her in hohen Wellen. – Und ich ritt nun zu Vetter Thorketil, dem nächsten Nachbar, der doch drei Rasten weit von uns wohnt: ich wußte, er ist treu.

Und der nahm mich gut auf und erzählte mir Alles, was seit des Vaters Abfahrt in unserem Hofe geschehen.

Und lüstete mich sehr, mit meinen Segelbrüdern in die Bucht vor dem Bischofshofe einzulaufen und dort zu thun, wie sie an unserm alten Hof gethan.

Aber ich las noch einmal, was mein Vater über solche Rachethat geschrieben: und ich bezwang den Zorn.

Vater und Tochter eilig zu suchen trieb mich das Herz.

Und segelte – Hvitingr aber nahm ich mit – nach England, so rasch nur der Nordwind das Segel trieb.

Und fand den Vater in König Harolds des Sachsen Heer und bei ihm Gydha, die liebe. Ihre goldenen Augen leuchteten klar und nicht eine Schramme entstellte das schöne Antlitz – ganz ihrer Mutter Antlitz –: so sorglich hatte sie des alten Vaters treue Hand geheilt.

Wenige Tage darauf zogen wir mit König Harold dem König Hardradhi entgegen: denn der war in den Humber eingelaufen mit seinen dreihundert Drachen, war gelandet, ließ sein furchtbares Banner, den »Land-Oeder«, fliegen und wahrlich: er ödete das Land weithin. Er ließ den Sachsen-König fragen, wie viel englischen Boden er ihm gütlich überlassen wolle?

»Sechs Schuh, war König Harolds Antwort, und weil du länger bist als andere Männer –: sieben.«

Bei Stamfordbridge, an des Deventer schilfigem Ufer, kam es zur Schlacht. Lang wogte der Kampf hin und her, sonder Entscheidung. Ja, die englischen Rosse spießten sich an den furchtbaren Lanzen der Nordleute, welche sie knieend gegen die Erde gestemmt hatten: und schrecklich wüthete König Hardradhi: denn – gieb auch dem Feinde, was ihm gebührt – ein gewaltiger Held war dieser Landräuber.

Der Riese von sieben Schuh tummelte den mächtigen frisischen Rapphengst, umflattert vom hellblauen Mantel: auf seinem Haupte funkelte der Drachenhelm mit der Krone: blitzende Edelsteine waren des Drachen Augen und der Helmvogel schien belebt die zackigen Flügel zu schlagen.

Mit seiner scharfgeschliffenen Doppelaxt mähte der Riese, Helme und Harnische, Schilde und Knochen zerschneidend, Roß und Reiter, was sich ihm nahte. Schon wichen die sächsischen Thane.

Da sprang mein Vater aus Hvitingrs Sattel ab, warf den Schild auf den Rücken, faßte den Speer in beide Hände und rannte den König an.

Ich konnte ihn nicht hemmen: denn ich stand in scharfem Gefecht mit Graf Tostig, König Harold's reichsverrätherischem Bruder, welcher an des Norwegers Seite sich die Krone von England erfechten wollte.

Nur Knut der Knecht sah, was mein Vater wollte, und warf sich noch vor dem Vater gegen Hardradhi's Roß, den Steinhammer schwingend.

Ein einziger Hieb des Riesen spaltete den Treuen vom Helme bis zum Hals und traf auch noch meines Vaters Helm, daß er berstend zur Erde fiel und des lieben Vaters ehrwürdiges Antlitz, von weißem Silberhaar umwallt, voll sichtbar ward. Der König stutzte und hemmte den Hengst: »Geh' mir aus dem Wege, Weißkopf, rief er ihm zu: ich mag dich nicht niederlegen, Thorgeir Thormodhrs Sohn. Dein Vater sang so schön wie kein Andrer in Norge's Hallen. Geh: du sollst mir für das geschonte Leben danken als meiner Knechte Erster, land' ich über's Jahr auf Island.«

»Nie sollst du mir den Fuß auf Island setzen! rief mein Vater und zielte scharf mit dem Speere.

Zugleich flog der Speer und zugleich blitzte des Königs Beil. Gespaltenen Hauptes fiel mein Vater; – aber auch der Riese stürzte rücklings klirrend vom Roß: zur Kehle hinein, zum Genick hinaus war ihm der Speer geflogen.

Im selben Augenblick hatte ich dem Earl Tostig mein Schwert in das falsche Herz gestoßen: er fiel und starb: ich sprang nun zum Vater, kniete hin und hob sein Haupt auf meinen Schos: »ich sterbe schön, sprach er, mein lieber Sohn. Gefällt von meiner Hand ist der größte Feind meines Volkes: ich sterbe für Island: ich sterbe im Siege« – da mochten ihm die Sinne vergehen: denn mit leuchtenden Augen, mit lächelndem Munde hauchte er noch: »offen sehe ich Walhalls goldnen Saal – ich fahre zu Odhin.«

Im Siege wahrlich war er gestorben.

Denn die Norweger, die ihren gewaltigen König hatten fallen sehen, entschaarte die Flucht, wie die führerlosen Leute Tostigs.

Die Schlacht war aus – die Jagd begann.

Das war der Sieg von Stamfordbridge.

Aber König Harold hatte nicht viel Zeit, den Sieg zu feiern, noch ich, den Vater zu betrauern.

Denn schon ereilte uns der Unheilsbote mit der Nachricht: zu Pevensey in Sussex ist Herzog Wilhelm der Normann gelandet mit zahllosen Rittern.

Am achtzehnten Tage nach dem Sieg am Deventer tobte die Mordschlacht auf der Heide von Hastings.

Gegen die Hügel, die wir hielten, stürmten in dreifacher Reihe die Feinde heran: ihr Rolandsgesang scholl brausend durch die Luft.

Den ganzen Tag hielt sich der Keil, in welchen der Sachsenkönig uns geschaart, Odhins alte Schlachtordnung.

Wie sich die Wellen brechen an Englands weißen Felsen, brach sich, von klimmender Sonne bis der Abendstern durch die Wolken sah, die Brandung der Franzosen, Niederländer, Normannen an dem sächsischen Heldentrotz.

Gefallen waren König Harolds herrliche Brüder alle: endlich auch Leofwin, der Junge, und Gurth, der Getreue, und Hako, der Kühne, vor dem Banner des Reichs und vor ihrem König.

Da fuhr ein Pfeil in König Harolds Auge: er schrie vor Schmerz, sprang empor und fiel todt neben dem Banner.

Als der Nächste fiel der Bannerträger unter einem Schwirrgewölk von Pfeilen. Denn scharf zielten die Schützen von Rouen: und Herzog Wilhelms neu erfundene Bogen trugen weit.

Ich erhob aus des Gesunkenen Hand die vieldurchschossene Fahne.

Da spornte ein mächtiger Reiter sein schnaubendes Roß über den Steinring, der die Krone des Hügels umhegte: »mein ist dieser Hügel und mein ganz Engelland!« rief er.

»Noch nicht, Herzog Wilhelm!« gab ich zur Antwort, sprang vor und stieß dem Brandfuchs die Fahnenspitze in die Brust, daß Roß und Reiter rückwärts den Hügel hinab sich überschlugen.

Das war das Letzte, was ich sah auf lange Zeit.

Denn ein Schwerthieb spaltete mir den Helm und drang ein gut Stück in den Kopf.

Als ich erwachte, – Hvitingrs Wiehern weckte mich – lag ich in einem Fischerbot, auf Netzen, unter Netzen versteckt.

Gydha saß neben mir: sie pflegte meine Wunde: wir segelten nach Frisland.

Das Kind war mit Edith Schwanenhals, König Harolds gutem Geist, von London, wo ich sie im Marien-Kloster gelassen hatte, auf Hvitingrs Rücken auf das Schlachtfeld geeilt.

Edith hatte den Geliebten todt, Gydha mich noch lebend gefunden.

Edith, die alle Sachsen wie einen Engel liebten, gewann die Fischer von Hastingvik, mich zu flüchten: denn meine Krieger lagen alle erschlagen um mich her: bis auf einen Tiefwunden, der wußte, daß ich im Emsland Vettern und Gesippen wohnen hatte.

Dorthin rieth er noch Gydha, mit mir zu fliehen: und starb.

Und nahm mich da mein Vetter Raginfrid Haraldssohn auf Borkum gut auf: und lag ich da in Gydha's treuer Pflege, bis meine Wunde geheilt war.

Und da erfuhr ich denn von Sachsen, die nach mir aus England geflüchtet, daß zwar fünfzehntausend Normannen gefallen waren auf der Heide und auf den Hügeln von Hastings und daß vor dem Brandfuchs Herzog Wilhelm schon einen Scheck und einen Braunen unter dem Leibe verloren hatte: aber er sprang von dem todten Brandfuchs auf das vierte Roß – und gewann den Tag und das Reich.

Und der Leutpriester zu Borkum predigte: der Herzog habe gesiegt, weil ihm Pabst Alexander eine geweihte Standarte geschenkt und einen Ring mit einem Haar des Apostel Petrus: König Harold aber hatte er in Bann und Verdammniß verflucht.

Ich aber glaube: der Herzog hat gesiegt, weil er sein Heer klüger führte: und weil die Klingen und Bogen der Normannen so viel besser waren denn das plumpe Gewaffen der Sachsen, als der Stahl von Brabant schärfer schneidet denn rostige Hünenschwerter.

Aber der Pabst hat auch Alle verflucht und gebannt, welche dem Sachsenkönig Hilfe geleistet mit Wort oder Arm.

Und als der Priester von Borkum erfuhr, daß ich bei Hastings gegen den Normannen gefochten, verbot er mir die Kirche: und gebot Gydha, meiner Tochter, mich zu meiden: und drohte dem Vetter mit dem Bann und des Erzbischofs von Hamburg Zorn, wenn er mich Verfluchten nicht austriebe.

Raginfrid Haraldssohn antwortete, eher werde er den Priester aus der Kirche treiben als seinen Vetter und Gastfreund von seinem Herde.

Aber ich wollte nicht auf meines Wirthes Dach und Haupt das Verderben herab ziehen –: ich beschloß, zu weichen.

Und ich erwog zornig in meinem Herzen was ich Alles den Priestern zu danken hatte: meines Erbhauses Brandschutt, meines Vaters Flucht und Tod in fremdem Land und mein Umherirren im Elend.

Da trat Raginhar vor mich hin, Raginfrids Sohn, etwa zehn Jahre älter als Gydha, der sprach zu mir: »Ohm, du bist gebannt: wohlan: geh mit mir. Ich gehe zu einem anderen Gebannten, ihm zu helfen wider den neuen Pabst, der noch viel heißeifriger ist als Alexander war.

Der Gebannte heißt König Heinrich und trägt die deutsche Krone, der neue Pabst aber heißt Gregor.

Der König hat alles Wehrvolk aufgeboten, das zu ihm hält und nicht zu den Pfaffen: einen Scheinkönig gilt es zu schlagen, der mit meineidiger Hand nach der Krone gegriffen: und viele Fürsten sind ihm beigefallen, dem falschen Felon, und der Pabst hat dem Treubrecher eine Krone geschickt und hat ihn gesegnet.

Haben wir aber den Pfaffenkönig niedergelegt, dann ziehen wir über die Alpen, Ohm, und fragen den Pabst zu Rom, wie er dazu kommt, einen deutschen König abzusetzen.«

Das gefiel mir: und ich sprang auf und rief: »Ich gehe mit. Ich hab' ein Herz voll Haß gegen die Priester: und jener Gregor, – genug hab' ich schon von ihm gehört, – ist leicht aller Priester Herrschgewaltigster.«

»Ja, sagte Raginhar. Aber noch Eins. Gydha bleibt einstweilen hier. Ich aber sage dir: ich falle todt auf meinen Schild oder ich erkämpfe mir so viel Ruhm und Ehre und Gold, daß ich es wagen darf, um das schönste Weib zu freien, das Frau Sonne je beschien. Und sagt Gydha dann: ja« –

»So sage ich nicht: nein!« rief ich und schloß ihn in die Arme. –

Und so geschah's: in einer Schlacht an der Elster schlug Raginhar dem Pfaffenkönig Rudolf die Hand ab, mit der er seinem König falsche Treue geschworen.

Und zugleich stieß ich ihm den Speer in die Weichen.

In jener Schlacht machte Hvitingr seinen letzten Sprung.

Da erhob der König Heinrich uns beide zu Grafen und gab uns gute Lehen.

Und Raginhar holte meine Gydha aus Borkum und ward sie sein Weib und seine Gräfin im schönen Lande Schwaben unter einem herrlichen Helden: der heißt Friedrich von Staufen. –

Und sind wir dann mit dem König über die Berge gezogen gegen Rom und belagerten den Pabst in der Stadt: Gydha weicht nie von ihres Gatten Seite.

Lange lagen wir vor den alten Mauern. Endlich erstieg sie als der erste ein sächsischer Ritter, mein Eidam als der zweite, ich als der dritte.

Die Mauer war gebrochen: aber nicht Pabst Gregor.

Zwar vergeblich rief er Wilhelms von England Hilfe an.

Aber in der Engelsburg sitzt er unbezwingbar.

Der König aber gab mir die Mark von Camerino und das erledigte Herzogthum von Spoleto meinem Eidam: – Ranieri nennen ihn seine welschen Vasallen und mich die meinigen Torbieno –: und ich spreche dies der schönsten Herzogin der Erde vor, in ihrem herrlichen säulengetragenen Palatium zu Spoleto: ihr Knabe Thorgeir lehnt an ihrem Knie: – »Torgerino« rufen ihn kosend die Leute – auf dem Marmortisch funkelt im Goldpokal der edle Wein von Amalfi: Raginhar streicht mit der Hand seines Weibes goldene Flechten und die Sonne des Südens schaut herrlich in's Gemach.

(Dies aber, was jetzt kommt, das schreibe ich, Gydha, aus eignen Gedanken hinzu, nicht vorgesprochen vom Vater: mein Raginhar ist der schönste, – der allerschönste aller Männer. Und ist das kein Wunder: denn er soll stammen von Harald und Hilde, Baldurs Lieblingen, denen der Gott die Wiege gesegnet mit seinem hellsten Sonnenblick. Nun fahre fort, Vater).

Ich habe nichts mehr bei zu fügen.

Diese Blätter aber, welche mein hoher Vater begann auf der Insel, welche sie Thule nennen, die Blätter, welche dort der hohle Stein im Felsgeklipp geborgen, unter dem Neste des Wildschwans, – zu Ende schreib' ich sie im schönsten Land der Erde. Weiße Götterbilder, wie sie der Vater gerühmt hat, stehn im Lorberhaine unseres Gartens.

Vollendet ist unser Glück und Glanz: nichts Schöneres auf Erden kann Mann oder Weib sich wünschen: oh daß mein lieber Vater das noch hätte geschaut! –

Und im Urkundengelaß, wo wir die wichtigsten Lehenbriefe verwahren, da wollen wir auch wahren diese Blätter als unsres Geschlechts edelsten Adelsbrief.

Und so, wie diese Blätter lehren, will ich leben und sterben: und so sollen thun, die nach mir kommen, meine Kinder und Enkel:

Vollbringen, was Pflicht und Ehre gebeut, tapfer und treu bis in den Tod.

Und dieser schönen Erde sich freuen und des süßen Lebens bei Schwertes-Schwang und Harfenklang und Weibes-Schöne und edelm Wein.

Und, in Verzicht auf eitle Wünsche, fromm sich ergeben der ew'gen Macht, die unablässig neue Leben weckt.

Und sich nicht fürchten vor Pfaff, Tod oder Teufel.

Amen! –

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