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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
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XIX.

Stark schirmte und wehrte sich der Feuerkönig in seiner Feuerburg.

Sowie die beiden Rächer durch den trichtergleichen Eingang abwärts glitten, schlug ihnen entgegen gelber Dampf von eitel Schwefel, dessen Dunst sie fast betäubte.

Sie hielten den Athem an – und drangen weiter.

Nun umgab sie finsterste Nacht: jeder Schein von Licht aus der Oberwelt war hinter ihnen erloschen.

Sie tasteten im Dunkeln, reglos, rathlos.

Endlich griff Odhin in einen Spalt, eine schmale Felsritze, kaum breit genug, ihn seitlings durch zu lassen.

Als auch Thor – mit Mühe – sich hindurchgezwängt, zischte ihnen siedheißes Wasser von unten her entgegen, wie es der Berg oft auch aus seiner Gipfelhöhle wirft: hat doch solch Siedwasser und Erdfeuer zugleich vor wenigen Menschenaltern den Hof zu Dynskogar zerstört.

Entgegen dem heißen Strahl stiegen sie abwärts, oft ausgleitend auf den glatten, nassen Felsplatten: abwärts, immer tiefer, dahin, wo ein dünner, aber heller Lichtstreif jetzt sie lockte.

Sie schritten dein Glanz entgegen, der in der Ferne aussah wie ein einziger Stern von finstrem Nachtgewölk umrahmt.

Schon besorgte Odhin, es sei das Tageslicht, der Berg hier durchbohrt und Loki in's Freie entwischt.

Aber als sie näher kamen – dumpfes Rauschen unterirdischer Wasser brauste tief unter ihren Füßen, – erkannten sie: es war nicht das Tageslicht, sondern viel röther.

Es war aber eitel Feuer: es füllte den Grundkessel des Berges: Loki's letzte Zuflucht.

In breiten Strömen wogend, bald in Garben sich hoch aufbäumend, bald in immer höher steigenden Zackenwellen empor lodernd, bald wie eine Brandung empor spritzend flüssige Gluth-Tropfen – denn viel Eisen schwamm da, weiß glühend geschmolzen, – fluthete das Feuer prasselnd, flackernd, sieben Mannslängen tief.

Und wie der Lachs den Wasserfall hinab und hinauf schnalzend sich schnellt und sich im Sprung überschlägt in wohliger Lust am Wasser, wie die Lachmöve im kreisenden Fluge jauchzt vor wohliger Lust an der athmenden Luft – – so tummelte sich, springend und schwimmend, bald heraushüpfend, bald tauchend in den tiefsten Grund, mit wohliger Lust am Feuer Loki.

So wie seiner Thor ansichtig ward, fuhr er auf ihn los, ihn zu greifen.

Aber Loki warf ihm mit der Hand eine Feuerwelle in's Gesicht, daß Thor's wallender Bart, ja die Wimpern ihm versengt wurden: geblendet wich der Donnerer zurück, aufschreiend vor Wuth und Weh.

»Haha, lachte Loki, sich überschlagend im Feuer, wie mundet, Brüderlein, Loki's Willkommtrunk? In, Bruderliebe ist nicht so heiß als Feuer! Was ist heißer als Feuer?«

»Vaterliebe und Vaterzorn!« rief Odhin mit furchtbarer Stimme, daß der hohle Berg erdröhnte. Er ließ den Speer fallen und sprang mitten in die Gluth: mit beiden Händen griff er Loki.

Dieser wand sich wie ein Aal in seinen Fäusten: aber der Rächer ließ nicht los: er drückte ihm die Kehle zusammen, daß Loki der Athem stockte – da stockte auch sofort des Feuers Athem: – es erlosch plötzlich.

Odhin aber schleppte, den Speer mit der Linken wieder aufraffend, den fast Erstickten an den nächsten Spalt, bis zu welchem Thor zurückgewichen war.

Hier ergriff der Donnergott den Gefangenen: »ich werde ihn halten,« sprach er: »durchbohre ihn mit dem Sperre.«

»Nein,« erwiderte Odhin: »Gericht, nicht Mord! Er muß hinauf!«

Und den kaum mehr Widerstrebenden zogen nun und trugen an Händen und Füßen gefaßt die beiden Starken aufwärts, den Weg, den sie gekommen.

Nur einmal noch rüttelte Loki furchtbar an den vier Fäusten, die ihn hielten: als er, durch den Trichter des Eingangs auf die Oberwelt emporgehoben, Baldur liegen sah.

Da hätte er fast sich losgerissen.

Aber mit einem Schrei der Wuth stürzten nun alle Götter, da sie den Mörder erblickten, auf ihn zu: mit der Doppel-Eisenkette, welche Heimdall im Gürtel trug, Asgardh's Thüre von innen zu sperren, ward er an Händen und Füßen gefesselt, so daß er kaum einen Schritt schreiten konnte.

So zerrten die Asen ihn vor Baldur's bleiches Antlitz.

Odhin war schon vorher von dem Gebundenen hinweg geeilt zu dem Todtwunden und hatte dessen Haupt sanft höher gelegt.

Sowie Loki's Blick auf die Wunde fiel, schoß das Blut in Strömen heraus.

»Das Blutgericht, das Bargericht!« riefen alle Götter und Göttinnen.

»Nicht ist mehr mein Zeugniß noth,« sprach Heimdall: »das Mordblut selbst hat gezeugt.«

»Es hat sich ganz umsonst bemüht,« lachte Loki. »Keinerlei Zeugniß bedarf's bei geständigem Mund. Ich hab's gethan, ich thät's nochmal: und reden wird man von dieser That so lang –«

»So lang Frevel verflucht wird,« fiel Odhin ein. »Gereiht zum Gericht, zu tagen im Thing sind die Götter gesammt. Ihr habt gesehen und gehört: er ist schuldig: welch Urtheil findet ihr dem Mörder?«

»Den Tod!« riefen alle Götter zugleich.

»Das Urtheil ist gefunden – er selber wird's nicht schelten. Wagst du's zu schelten?«

Loki zuckte die Achseln. »Thut wie ihr müßt: wie ich gethan.«

»Ich habe sie Beide gezeugt, den Mörder und den Gemordeten. Wer hat näheres Recht – so frag' ich die Urtheilfinder – den Spruch zu vollstrecken?«

» Du sollst ihn tödten!« riefen Alle außer Thor.

Baldur mühte sich vergeblich, zu sprechen.

Und Odhin hob den Speer.

Furchtlos, ohne Zucken der Wimper, sah ihm Loki in's Auge: »Stoß zu,« sprach er, »ungleich liebender Vater.«

»Nein,« rief Thor und rührte an Odhin's Arm. »Wild war ich vor Wuth da unten im Berge –: hier verkühlte mein Zorn – nicht der Vater soll den Sohn tödten. – Auch ich mag es nicht thun, der Halbbruder. Laßt irgend einen ihm nicht verwandten meinen Hammer auf ihn werfen!«

»Haha,« höhnte Loki, »hast du schon wieder vergessen, daß dein Hammer mir nichts anthun kann?«

»Laß sehn,« sprach Odhin, neu ergrimmend, »ob nicht dich tödtet auch der Speer, dem alles Leben erliegt –: solche Siegrunen haben die Nomen mir darauf geritzt.«

»Runenweiser ist keiner als Odhin,« lächelte Loki. »Und die Runen, von Nomen geritzt, liest niemand als du. So lies denn, was hier über Loki's Herzen geritzt steht.«

Im Ringen mit den Göttern war sein rothbraunes Wamms in der Mittelnath zerrissen – weit klaffte es auf der Brust auseinander.

Sich vorbeugend sah Odhin über der Herzstätte in rothen Strichen Runen geritzt.

Er las: »Loki, Laufeja's Sohn, in die Wiege dir werfen wir neidlose Nomen dem armen Enterbten: es taugt, dich zu tödten, mit Speeres Spitze, Odhin allein.«

»Wohlan!« rief Odhin und hob wieder den Speer.

»Lies weiter,« lächelte, bedeutsam mahnend, Loki.

»Odhin aber stirbt in der Stunde, da den Sohn er versehrt.«

Da fiel Entsetzen auf Alle, die das hörten.

Frigg vergaß des sterbenden Sohnes auf ihren Knieen: sie schrie laut vor Schreck: sie wollte aufspringen: aber gehemmt durch die theure Last sank sie wieder auf den Fels.

»Sei's drum«, sprach Odhin, ernst und edeln Zornes voll: »ich räche Baldur.«

Und er faßte fester den Schaft des Speers.

Da klang, Alle erstaunend und erschreckend, eine herzerschütternde Stimme:

»Vater, halt ein!«

Es war Baldurs Stimme.

Mit großer Anstrengung hatte er von dem Schos der Mutter das Haupt erhoben: flehend streckte er beide Hände aus: »Ich flehe dich an! Was wird aus der Welt, wenn Odhin endet? Und wir wissen's nun wohl: auch Götter vergehn.«

Und er sank zurück.

»Wer weiß! Loki lügt, so lang er lebt,« zweifelte Hönir, der Meergott, der jenen bitter haßte.

»Aber die Nornen lügen nicht,« antwortete Odhin. »Ich kenne die Runen, die keine Hand als ihre ritzt.

Es ist ihr Schicksal-Spruch.«

»Und das erste Stück,« fiel Thor ein, erwies sich schon als wahr: mein Miölnir, der Alles zertrümmert, fiel wie eine Feder auf sein Haupt, den Helm nur zerhauend. Das zweite Stück: – – wahrlich wir wollen nicht wagen, zu prüfen, ob es unwahr.«

Odhin sprach traurig sinnend: »Unlieb und lästig, leid ward mir das Leben, da Baldur erblaßt! Weh über die Welt! Ihr Licht ist erloschen, ihr Lenz ist verloren. Trauer und Trübsal dämmern nun dunkel, nahen nun nächtig all über das All. Am liebsten ließ ich das Leben, sühnend den Sohn.«

»Und wer wacht über Walhall, wenn Odhin erlag?« frug Thor. »Wahrlich, ich wenig Weiser, nicht wüßte die Welt ich zu wahren noch die guten Götter, mir sämmtlich gesellt. Was wiegen wir Alle gegen Odhin den Einen? Krieger sind wir, kühne, doch kunstlose Kämpfer – als Feldherr führt uns Alle der Eine. Arme sind wir Alle, hurtige Hände – aber Odhin das hohe Haupt!«

»Starb der Starke, rief Heimdall, bald werden nach Walhall, brechend die Brücke, reiten die Riesen!«

Aber Odhin schwieg noch immer, leise das Haupt schüttelnd.

Da flüsterte Baldur, der ihn errieth: »Nicht taugt es, den Tod sich selber zu suchen: Odhin – Allvater.«

»Starb der Starke, weh über die Welt!« riefen alle Götter und Göttinnen zumal.

Schweigend auf den Speer gelehnt, mit geschlossenen Augen war Odhin für sich sinnend gestanden.

Nun sprach er, aufblickend: »Ich will ihn nicht tödten – er ist mein Sohn! Und das Ende des Alls, – wohl wär' es nicht weit, wenn der Vater des Sohnes Blut vergoß – schrecklich genug, daß Bruder den Bruder erschlug. Sage, Loki, warum thatest du diese That?«

Da trat Loki, verstrickt in seinen Banden, mit Mühe einen Schritt gegen Odhin vor, hob die beiden, in ihren Ketten klirrenden Arme gegen ihn empor und sah ihm in's Auge: tiefes Weh durchzuckte sein schönes Antlitz, das Odhin so wundersam glich: »Warum ich das that? Ich will es dir sagen! Aus Liebe zu dir.«

Ein Aufschrei entrang sich allen Göttern – Odhin trat einen Schritt zurück: – aber Loki folgte ihm in seinen Fesseln.

»Nicht Hohn ist das, wie ihr Andern wähnt! – Seht, Odhin hat es verstanden – denn er erbleicht! – Ja, aus Liebe zu dir, aus lodernder Liebe! Oder, was dasselbe, im Wort nur gewechselt: aus Eifersucht auf den Blondkopf, der deinem Herzen am Nächsten, wie am Nächsten sein Goldgelock deiner Schulter beim Male war. –

Ich bat ihn, mir dein Herz gewinnen zu helfen –: er aber verschüttete mir den köstlichen Trank, daran ich gebraut Jahre lang: – er selbst, eifersüchtig, mißgönnte mir deine Liebe.«

Finster sprach Odhin, die Augen halb schließend, wie er pflag in tiefer Erregung: »Grauen und Abscheu wecktest du stets mir! – Jetzt jäher als je! – Liebe erzwingen! Immer mahntest du mich und jetzt mehr denn je, mit diesem Wort, mit diesem Werk mahnst du mich an –«

»An meine Mutter und an deine Schuld!« schrie Loki in wildestem Weh, wie ein gequältes Thier, mit gellendem Schrei, daß die Felsen des Berges widerhallten und alle Götter erschraken.

Heißes Roth schoß da über Friggs Wangen.

Baldur zuckte: »Loki – schone den Vater!« so bat er.

Aber Loki fuhr fort, mit laut gellender Stimme: »Hat er meiner Mutter geschont? – Ha, sprach ich endlich das Wort, das ich Jahre lang im Herzen verschlossen, ringend zwischen lodernder Liebe und heißestem Haß? – Bebt und erblaßt ihr, unfreie Asen, weil endlich Einer gewagt hat, eurem Götterkönig, eurem edeln Allvater, eurem weisen Walhal-Walter mit dem heiligen Herzen, die Wahrheit zu werfen in sein allzugewaltiges Antlitz? Ha, starke Wollust dieser Stunde! Sie vergütet jahrelanges Leid! Freier bin ich in meinen Fesseln als alle ihr Asen, die ihr euch rühmt, mich zu richten: freier bin ich: denn euch bindet Bangen vor Odhin, euch Alle: ich fürchte nicht die Furchen und Falten seiner stolzen Stirn, ich trotze ihm in meinen Ketten! Hört und schaudert und –«

»Schweig, Lästerer!« rief Thor und wollte ihm mit dem Mantel den Mund verhalten.

»Laß ihn reden, sprach Odhin dumpf. Er steht vor Gericht: so laß ihn sagen, was er für sich zu sagen hat.« –

Und er trat abseit von Loki: leiser Schauer rüttelte ihn wie ein böser Gedanke: er zog den Schlapphut tiefer in das Antlitz.

»Es gefiel euch nicht, hob Loki an, was ich sagte: aus Liebe zu Odhin ermordete ich Baldur? So hört denn, ob euch mein andrer Grund besser gefällt: ich rächte meine Mutter, das einzige Herz, das den Loki geliebt. Den Anmaßer meines Erbes, den Räuber meines Rechts räumte ich aus meinem Reich: denn, waltete Recht im wonnigen Walhall – so war ich, nicht Baldur, der Edelerbe von Asgardh.«

»Thor, mein starker Sohn, rief Frigg, stopf ihm den Mund!«

Aber Baldur streichelte mit matt erhobener Hand besänftigend ihr Kinn.

»Hört, fuhr Loki fort, ihr redlichen Richter, hört eine alte Geschichte.

Dreißig Winter ist sie alt –: aber oft und oft hat die liebe Mutter, bis sie starb, dem Knaben davon erzählt – achte, Odhin, denn du weißt sie am besten! ob ich mir sie gemerkt – laß mich nicht lügen, red' ich nicht richtig. –

Nicht von den andern Mädchen und Weibern will ich reden, die der Wandrer gewann zu seiner Lust in jungen Tagen.

Schön war er immer, obzwar nie so schön wie jetzt: denn von Jahr zu Jahr mehr muß ich es lieben, in sein verhaßtes Antlitz zu schau'n.

Schön war er: und wonnestark und geheimnißvoll: und seine Stimme konnte so weich bittend flüstern und werben, wie des Abendwinds schmeichelndes Weh'n.

In ihm aber loderten wilde Gluthen: und gar nicht gefiel ihm, sie zu zähmen. –

So zog er durch Himmel und Erde, durch alle neun Welten, von Asgardh und Alsheim durch Midhgardh nach Niflheim hin, ein wegfährtiger Wandrer.

Nicht als der Götterkönig, dem Frigg verlobt war als Braut –: verkleidet zog er mit Schlapphut und Mantel: und wo er kam, da lächelten sie, wo er schied – da fluchten die Frauen. Denn keine widerstand ihm, die er begehrte und versuchte mit der weichen, der herzbethörenden Rede. Man sagt, manche Männer tragen weibergewinnenden Zauberring: Odhin brauchte keinen: der Zauber lag in seinem Blick, in seinem Wort, in seiner all-fort reißenden Gluth.

Ich schweige der Andern, ich schweige auch Gunlödhs – da zuckte Odhin leise, – von der er doch selber gesungen in seinem stolzen Liede: »Gunlödh schenkte mir in goldner Schale einen Trunk der theueren Tropfen. Uebel vergalt ich gleichwohl der Guten, ihres heiligen Herzens glühender Gunst. Schwerlich entrann ich des Riesen Rache, wenn die Holde nicht half. Den Riesen beraubte ich mit Ränken des Meths und ließ Gunlödh sich grämen.«

Und von jeder trug er davon gesteigerten Stolz auf die eigene Siegesgewalt. Gut gedieh das ihm selbst und den seligen Göttern.«

»Ja, fiel Bragi ein: nicht nur sich selber, den Göttern und Menschen zur Wonne gewann er die Gabe Gunlödhs, der Dichtung Gedanken, den seligen Gesang.«

»Aber Eine war,« fuhr Loki fort, »eine Riesenjungfrau, die hatte er nicht gewonnen, der glühende Werber.

Schöner war sie als alle Weiber der Alfen und Menschen: – ja, ihrem Sohne schien spät noch die Sieche schöner als Freia und Frigg und alle die Asinnen Asgardhs!« –

Eine Thräne trat in Loki's Auge: aber er knirschte mit den Zähnen und fuhr fort: »Oft hatte der Wanderer zugesprochen in der schlichten Felshöhle, wo Leiti der Riese, hauste und seine hochbrüstige Tochter mit dem dunkelrothen Haar, das wie ein Feuerstrom fluthete über ihre milchweißen Schultern. Fuhr sie mit den lichten Händen in dies Haar – so sprangen knisternde Funken heraus.

Aber weislich kam er nur, wann er den Vater auswärts wußte auf der Jagd oder bei den goldengehörnten weißen Rindern.

Gleich den ersten Abend, da sie dem Wandrer, dem wegmüden, den Trank gereicht hatte frischer Milch der untadligen Kühe, hatte sie den durstig Trinkenden entzündet.

Und nie vergeblich drang ja der Blick des suchenden grauen Auges in Frauenherz.

Aber als sie am Abend dem heimgekehrten Vater ihren wunderbaren Gast beschrieben: seinen dunkelblauen Mantel, seinen grauschwarzen Schlapphut, seinen wirren Bart, das grübelnde, bohrende Auge, das gewaltig schöne, gedankendurchleuchtete Antlitz: und als das unschuldige Kind erzählte, wie er sie zum Abschied auf beide Augen geküßt und auf den üppig schwellenden Mund – aber viel anders denn der Vater: wild und wie zornig und als ob er ihr ein Leid anthun wolle, daß sie erbebte, daß ihr heißer Schreck durch Mark und Glieder schoß und die Sinne fast ihr vergingen –: da erkannte Leiti, der alte Riese, welch furchtbarer Gast in seiner Höhle gegastet! –

Und er warnte sie und sagte ihr, daß es Riesengeschlechts tödtlicher Erbfeind war, der Riesenmänner Durchspeerer, der Riesenjungfrauen Zerstörer, Odhin, Asgardhs arglistiger, falscher, treuloser König und der verhaßten Asen, dem sie den Gasttrunk gereicht hatte.

Und er erzählte ihr Gunlödhs Geschichte und befahl drohend: nie wieder dürfe sie diesem Wandrer Zwiesprach gewähren.

Und hing sein riesig großes Auerstier-Horn auf in der Höhle und gebot, in dies Horn solle eilig sie stoßen, wann je der Gefährliche wieder komme: auf des Hornes weithin dröhnenden Ruf werde, wo immer er weile, der Vater heranrauschen in Geiergestalt und sein Kind beschützen.

Werde sie aber dem König der Wolken je wieder den Mund bieten, ja nur einen Finger der Hand, so werde er sie verfluchen mit furchtbarem Fluch und werde sie zertreten mit eigenem Fuß als Riesenreichs Verrätherin, als von fremdem Gift erfüllten Wurm. –

Erst weinte Laufeja bei diesen heftigen Worten: nie hatte der zärtlich liebende Vater so zu ihr gesprochen.

Dann aber ward sie sehr zornig und sprach: »Vergißt du, Vater, mein Heldenthum? Wer wirft weiter den Speer, wer schleudert weiter den schweren Stein in all Riesenheim als deine Tochter? Habe ich nicht im Spiel des Ringkampfes alle Riesenjungfrauen hingerungen? Sechzehn Sommer zählte ich erst, als ich in der Schlacht zu Skaradal mich dreier Walküren erwehrte und den Asen Hermodhur ins Knie warf. Meinst du ich fürchte Odhin?«

Aber der Riese schüttelte schweigend das Haupt.

Und so oft er die Höhle verließ, zog er eine Kette vor den Eingang und sprach einen Bindezauber darüber: den konnte von Außen niemand lösen: nur die Jungfrau selbst, von innen, konnte die Kette sinken lassen. – –

Und gut war das mit der Kette.

Denn das mit dem Horn half nicht.

Wohl griff das Kind, als der Wanderer das erste Mal wieder um die Eckwand des schmalen Felsenganges bog, heiß erglühend vor Schreck, Zorn – und ach! vor geheimer Freude – hastig nach dem Horn, setzte es an den Mund und blies darein mit aller Kraft: – aber der Fremdling hatte nur den Zeigefinger verbietend erhoben: – und kein leisester Ton drang aus der Mündung: er lehnte sich auf den Speer und lächelte: »die Lüfte dienen nicht gegen ihren Herren!«

Laufeja aber erbleichte, da sie den Mächtigen so vor sich stehen sah, mit dem Siegeslächeln auf dem bärtigen, übermüthigen Mund.

Sie vergaß ihren Haß.

Aber nicht ihren Stolz.

Unzerrissen blieb die Kette, so stark und zornig der Glühende draußen dran zerrte – ungelöst, ungelockert von innen so schmeichelnd er warb und bat.

Grimmig drohte er, mit dem Hauch seines Mundes die Felsen über ihr Haupt zusammen zu blasen: sie aber sprach: »begraben kannst du mich: – nicht mich bezwingen, arger Gott.«

So wenig nun Laufeja dem Werber nachgab, so wenig sagte sie doch dem Vater, daß der Wanderer wieder und wieder kam.

Sie fürchtete, sonst werde der Vater immer zu Hause Wache halten.

Und sie fühlte sich ja sicher hinter ihrer undurchbrechbaren Kette: und sicherer noch hinter dem Trotz ihres Herzens.

Und ach! sie konnte schon der Lust nicht mehr entrathen, in dies unergründbare Auge zu schau'n und zu lauschen dem Wohllaut dieser weichen, herzerweichenden Stimme. –

Und währte das Wochen und Monde so fort.

Da ward Ansage getroffen für eine große Schlacht der Riesen und Asen auf der Hangar-Heide, hart vor dem Engpaß der Felsberge, in welche Leiti's Höhle gehauen war.

Alle Riesen und reisigen Riesinnen zogen entgegen den Göttern zur Feldschlacht.

An ihres Vaters Seite ritt, auf weißem Roß, Laufeja die Jungfrau: aus der Sturmhaube mit den weißen Mövenflügeln wallte, wie ein Königsmantel, ihr dunkelrothes Haar auf den schimmernd weißen Nacken. In eherne Brünne hatte sie gepreßt die stolzen Brüste, die mächtig wogenden. Ein schmaler Goldschild hing an der linken Schulter: die Rechte schwang den schlanken Speer: Handbeil, Kurzschwert und noch ein ganz kleines Feuersteinmesser staken in dem jungfräulichen Gürtel.

Alle ihre Vettern und Gesippen jauchzten, da sie die herrliche Jungfrau erschauten: der Riesenmädchen dreißig koren sie zur Führerin. –

Furchtbar tobte die Schlacht auf der felstrümmerüberstreuten Heide: und furchtbar ward der Riesen Verderben.

Bei Tagesgrauen waren sie hervorgebrochen aus dem nur mannsbreiten Felsenspalt, welcher Mitternachtseits den Eingang Thursenheims bildet, Mittagseits mündet auf die Hangar-Heide.

Und ging da jene Schlacht, wie fast alle Schlachten zwischen Riesen und Asen:

Ungeheure Uebermacht erlag trotz trotzigster Tapferkeit zuletzt rascherem Muth, besseren Waffen, geistüberlegner Feldherrnschaft.

Lange raste der Kampf sonder Entscheidung.

Die Thursen starben, wo sie standen: sie wichen keinen Fußbreit und konnten keinen Fußbreit Raum gewinnen auf der steinigen Heide.

Da brach plötzlich, wie aus den Wolken herabgestiegen, von dem Mitteltreffen der Asen her in das rechte Horn der Riesen eine frische Schaar Einherjar, in dicht gedrängtem Keil – der Ordnung, welche Siegvater die Seinen gelehrt. –

Bis dahin stand die Schlacht –: jetzt ward die Schlacht ein Morden.

Grauenhaft wüthete unter den zersprengten Jötunen der Führer jenes Stoßkeils, das Antlitz verhüllt vom geschlossenen Schreckenshelm, auf dem zwei gewaltige Adlerschwingen sich vorwärts sträubten: auf seinem achtfüßigen Grauroß holte er die raschesten Flüchtigen ein und Steinriesen, Sturmriesen, Wasserriesen, Eisriesen, Reifriesen, Bergriesen, Feuerriesen durchbohrte der schreckliche Speer.

Die Felsen hallten wider von dem Gebrüll der Wuth, der Scham, des Wehs der Fliehenden, Sterbenden.

Es ging zu Ende. –

Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht hatte der Kampf gewährt. –

Schon lange sah der Mond aus zerfetzten, jagenden Wolken, welche der starke Wind vor sich her trieb.

Nicht anders trieb die Thursen nun vor sich her, unersättlich in des Sieges Wollust, Sieg-König. –

An Laufeja vorbei wankte, nach dem Felsenpaß zurück, ihr Vater, von Blut überströmt das Antlitz und den Leib: »Ich trotzte Tyr: vor Freir und Fro nicht floh ich: aber ach! Odhin's Speer hat mich durchspeert. Ich sterbe zur Stunde. Dort durch den Engpaß führ' ich noch das flüchtige Volk. Dich seh ich noch heil: Du – decke die Deinen – die Wenigen. Wunden, die mit mir entweichen – rette der Deinigen müde Reste.

Fluch über Odhin!«

Und er verschwand hinter ihr im Finstern: ein Häuflein seiner Gesippen schleppte sich hinter ihm nach. –

Laufeja blickte rund um sich her.

Es war Nacht und nächtiges Dunkel: nur das Licht des Mondes fiel manchmal grell auf die Walstatt: aber immer verschwand es gleich wieder hinter fluchenden Wolken.

Nach allen Seiten hörte sie das Siegjauchzen der Götter, der Walküren, der Lichtalfen, der Einherjar, das Wuthgeheul der fliehenden Riesen.

Nur nicht nach ihrer Seite und dem Engpaß hin trieb die Verfolgung: denn von der Mitte nach Rechts hin hatte der Keilstoß Odhin's die Riesen getroffen: die Jungfrau aber hatte auf dem äußersten linken Horn ihres Heeres gefochten: so war hier keine Verfolgung: nach rechts hin von ihr hinweg jagten Besiegte und Sieger.

Laufeja suchte die Freundinnen zu erspähen, welche sie geführt: aber sie sah sich einsam: sie rief Viele mit Namen: keine gab Antwort: erschlagen waren sie alle oder geflohen.

Sie schauderte: plötzliche Kälte zuckte durch ihr Mark: und oberhalb des Schildes, an der linken Schulter, spürte sie stechenden Schmerz: sie griff danach mit der rechten Hand – denn ihre Linke hielt den Zügel – und sie griff in Blut, ein Pfeil hatte sie gestreift schon vor geraumer Zeit: sie hatte es nicht gemerkt.

Erschauernd wollte sie das Roß wenden: aber Fluga, die treue Stute, gehorchte nicht: weder dem Zügel noch dem Schenkeldruck (denn rittlings, nicht seitlings, wie Menschenweiber zumeist, ritt die Riesin) noch kosenden Zuruf: – unbeweglich stand das sonst so lenksame Thier: noch einmal zog sie den Zaum an: da brach das Pferd sterbend unter ihr zusammen: mit Mühe machte sich die Reiterin los: ein Walküren-Wurfpfeil stak in seinen Weichen.

Noch einmal strich sie dem edeln Roß über Haupt und Mähne, – oft hat sie mir's erzählt – raffte einen zweiten Speer vom Boden auf und eilte, den Engpaß zu gewinnen.

Ueber Felstrümmer – über erschlagene Freunde, über Waffen und Rosse stolperte sie aus dem blutigen Weg, unter dem unsichern Mondlicht.

Schmerz brannte sie, grimmiger Schmerz, um den verlorenen Sieg, um den Vater, um so viele Gesippen.

»Ich rette den Rest – ich schütze die Schlucht!« sprach sie, Wehmuth und Grauen überwindend.

Als sie die Felswand erreicht hatte, trat sie in die schmale Oeffnung der Schlucht: sie war müde: sie wollte sich auf einen breiten mosigen Felsblock niederlassen: aber sie tastete auf einen Todten, der dort auf der Flucht das letzte harte Kopfkissen gefunden: sie konnte das Gesicht nicht sehen: denn schwarze Wolken standen wieder vor dem Mond: aber ehrfurchtvoll ließ sie den Gefallenen ruhen: und lehnte sich nur an den Felsenpfeiler. –

Sie nahm den Helm ab und blickte in den tief dunkeln Himmel empor: nur einzelne Sterne lugten aus dem Gewölk: sie heftete das Auge fest auf die ewig Schweigenden und frug: »Warum? – Warum erliegen die Riesen, die redlichen, die Recht-umfriedeten, die alten Eigner der Erde? Aelter ist unser Recht als der Götter, treuer sind wir, stärker, besser: – warum erliegen wir? Warum? – Ach, weil Odhin der Arge, sagte der Vater, allüberall siegt über Männer und Weiber! – – Fluch über Odhin!« –

Und Thränen traten in's Auge der Jungfrau – Thränen des Wehs und des Zorns.

Da vernahm sie plötzlich, von rechts her, wohin Flucht und Verfolgung sich gewälzt, den Hufschlag von zwei Rossen, welche windschnell nahten.

Zwei Flüchtlinge? Oder zwei Feinde? –

Sie faßte den Speer fester und bog das Haupt spähend aus dem Felsenspalt nach vorwärts.

Hell trat der Mond aus den Wolken: sie sah über die ganze Haugarheide hin: und ganz deutlich auch sah sie, daß nicht zwei Rosse nahten, nur Ein Reiter: aber achtfach fiel seines Rosses Hufschlag.

Auf sprang die Jungfrau, drückte den Helm in die Stirn, zückte den Speer:

»Odhin!« flüsterte sie vor sich hin. »Es ist Sleipnir, sein achtfüßiger Hengst!«

Sie zitterte: aber nicht vor Furcht: vor Zorn und Haß. –

Und näher und näher, über die schweigende Heide, stob heran der furchtbare Reiter.

Auf Felstrümmer trat, auf todte Feinde ohne Straucheln des Hengstes Huf.

Im Wind flog sein dunkler Mantel weit hinter ihm her.

Lautlos, gespenstisch wie ein Schatte, wie eine Nebelgestalt drang er heran: denn Sleipnir's Hufe hallen nur wenig.

Da, wo der schmale Bergpfad sich steiler gegen die Felsen hob, sprang er ab: reglos stand sofort das Roß wie fußgefesselt.

Er aber raunte mit sich selber: so nahe der Mündung der Schlucht, daß die Lauscherin, die sich hinter dem Eingangspfeiler barg, jedes Wort vernahm. –

»Schlechter Feldherr, schalt er sich selbst, der so schwer geschlagenem Feind nicht jeden Rückzug sperrte! – Schäme dich, Frigg's Bräutigam! – Nach jagtest du blind, in der Wollust der Siegverfolgung, den Flüchtigen über die Heide.

Aber nicht Alle doch flohen, wie ich sie jagte, von Aufgang und Mittag gen Niedergang. Hier diesen Paß, der nach Mitternacht führt, mußte ich sperren!

Schäme dich, Odhin, noch immer zu jung! – Viele wohl entkamen durch die Schlucht nach Leiti's Gehegen. Nicht fand ich ihn unter den Todten. Und doch, mein' ich, traf ihn, mein Wurf. Und was ward aus Laufeja, der Feuergelockten? Fern, zu meiner Rechten, sah ich sie vordringen gegen der Lichtalfenschar und die Walküren. – Was ward wohl aus der Ueppigen? – – Ich muß durch den Paß, die hier Entflohenen verderben! – Wo ist wohl Laufeja?«

»Hier ist Laufeja!« rief die Jungfrau in Heldenzorn.

Und mit dem Ruf flog sausend ihr Speer.

Und nicht fruchtlos flog er.

Odhin's Schwertarm traf er, streifend, sehr stark: der goldne Armring, bei welchem der Gott schon so manchen Eid geschworen, barst: nicht schützte den Argen das Gold, durch so viele zweifelhafte Eide geschwächt: Haut, Fleisch und die mächtigen Sehnen zerriß die scharfe Steinspitze: reichlich sprang ihm sein eigen Blut in den Bart, und, durch das Helmgitter, in das Gesicht.

»Laufeja!« rief er, berauscht von Sieg und Zorn, von Wunden-Schmerz und heißem Begehr. »Das sollst du büßen! Blut für Blut!«

Er stürmte vorwärts, ohne das Schwert zu ziehen: den Speerschaft hatte er neben Sleipnir in die Erde gestoßen: er würdigte das Mädchen nicht einmal so vieler Vorsicht, den Schild vom Rücken auf den Arm vor zu werfen.

Da flog ihr zweiter Speer: nur unsicher hatte das wechselnde Mondlicht das Ziel ihr gezeigt: aber sie traf doch den hohen Adlerhelm gerade auf des Vogels Halsbug: der Helm klirrte zur Erde: frei sichtbar ward das gewaltige Antlitz –: und das ward ihr Verderben! – –

Sie sah ihn: schön wie nie: berauscht von Sieg und Zorn, strotzend von verhaltner Kraft, von verhaltner wilder Gluth geschwellt: voll zeigte der Mond des nah Andringenden Züge.

Die Jungfrau erschauerte vom Wirbel bis zur Sole: leises, süßes Grauen wollte ihr die erzitternden Glieder lösen: sie überwand es.

Sie griff nach dem schweren mannsdicken Felsstein, der neben ihr lag: nicht leicht war er aufzurichten aus der Erde, in welche er tief seine Zacken gebohrt, Kröten und Würmer bedeckend seit Menschenaltern: als drittes Geschoß, furchtbarer als die Speere, wollte sie ihn schleudern.

Der Todte, der darauf lag, bedeckte ihn mit dem Haupte: sie schob ihn hinweg: hell fiel der Mondguß auf dies Haupt: »Mein Vater!« schrie sie und im nächsten Wimperzucken flog der wuchtige Felsblock, von beiden Händen geschleudert hoch im Bogen auf den bergan emporstürmenden Feind: rasch deckte nun dieser das Haupt mit dem Schild: aber der spitzzackige Stein, von der Wuth der Rache geworfen, schlug zertrümmernd durch das siebenfach gelegte Auerstierleder, schlug durch das erzbeschlagene Eichenholz der Schildwölbung und traf, einbohrend und quetschend, den Schildarm.

»Meistert Maid den Mann oder Mann die Maid?« rief heißgrimmig der Blutende, schleuderte den Schild vom Arm zur Erde und sprang, wie der Luchs auf das Reh, auf die einsame Jungfrau.

Hell blitzte ihr kurzes Handbeil, das sie aus dem Gürtel gerissen, des Vaters Geschenk, mit der haarscharf gemeißelten Steinschneide über Odhin's Haupt: und beinahe – ein kleines nur fehlte – beinah hätte man damals schon erfahren, daß auch Götter sterben. – –

Gerade mit Mühe noch haschte er am Knöchel ihre Hand: aber ein wenig hatte die Spitze ihn doch gestreift – du weißt fortab, treffliche Frigg, wo deines Gemals linkes Ohrläppchen verblieb. –

Weit flog aus des Mädchens Faust vom zornigen Gott gerungen das Steinbeil: es fuhr gegen den Fels, wo es in hundert Splitter zersprang.

Den Knöchel ihrer rechten Hand hielt er nun im unabschüttelbaren Griff: aber blitzschnell hatte ihre Linke das kurze Dolchschwert aus der zierlichen Scheide gerissen und sie zückte es hoch gegen sein Auge.

Jedoch nun faßte das Gelenk ihrer Linken des Feindes furchtbar starke Rechte wie mit eherner Zange: und da prallte in engstem Ringkampf Leib gegen Leib.

Mit gellendem Schrei des Entsetzens – es war der erste heiße Schreck, der sie ergriff – erwehrte sich die Jungfrau des Ansturms des Mannes; alle Riesinnen hatte sie im Ringspiel niedergerungen, auch manchen der Lichtalfen und Einherjar: aber was ihr hier entgegendrang von Kraft und Ungestüm –, das überstieg all ihr Erwarten und Ahnen.

Sie bebte vor leise rüttelndem Grauen.

Einmal noch gelang ihr fast, ihre linke Hand frei zu machen.

Furchtbar bedrängte sie der mächtig vorgestemmte Schenkel des Ringers, der sie nach rückwärts umzuwerfen drohte –: kaum noch hielt sie sich aufrecht: da, mit einer raschen Zuckung der Finger, die das Dolchschwert noch immer fest hielten, glückte es ihr, die nadelschmale Spitze des Steindolches durch die Schuppenringe des Wams-Schoses ihm in das nackte Fleisch des Schenkels vor dem Kniee zu stoßen: noch einmal spritzte des Gottes Blut empor: aber sofort schlug er ihr die geballte Hand so wild an die Felswand, vor der sie rangen, daß sie laut aufschluchzte vor Schmerz: ihre Faust öffnete sich kraftlos: das Dolchschwert entfiel ihr.

Bittere Thränen des Schmerzes und der Ohnmacht traten ihr in's Auge: da fühlte sie seinen Athem ganz dicht vor ihrem Mund: ein neues nie gekanntes Grauen verdrängte ihr Schmerz und Zorn: Rührung, süßes Weh überkam sie: »Oh warum muß ich ihm erliegen?« seufzte sie. –

»Weil du mich liebst, Laufeja!« hauchte es ihr entgegen und ein markdurchdringender Kuß brannte auf ihrem zuckenden Munde. –

»Halt ein, flüsterte sie, Gnade! Gnade!«

Schlaff sanken ihre Arme herab, widerstandlos.

Odhin ließ ihre beiden Knöchel los.

Ihre goldene Brünne, geborsten unter dem Druck des Ringer's, fiel in zwei Stücken von ihrer Brust.

Sie griff noch nach einem kleinen, nur fingerlangen Messer, das sie im Gürtel trug – ungewiß, es gegen des Feindes oder gegen die eigene Brust zu richten.

Aber Odhin, zuvorkommend, zog in wüthendem Zorn an dem Gürtel, daß er zerriß und sammt dem Messer an ihrem Gewand nieder glitt.

Mit den beiden gewaltigen Armen umschloß er nun, das Ringen erneuend, die mächtig wogende Brust des Weibes und bog die schwer Athmende nieder.

Die Füße versagten ihr: ihre Sinne taumelten, schwanden: sie schloß halb die Augen: wehrlos, widerstandlos sank sie zurück.

Der Sieger aber rief, sie sanft niedergleiten lassend: »Mein bist du, holde Unholdin. Mein Weib sollst du werden zur Stunde!«

»Odhin! Allüberwältiger! Dein Weib!« hauchte sie frohlockend.

Und wußte nicht weiter von sich und der Welt. –

*

Sie erwachte, weil der scharfe Morgenwind sie biß, der der ausgehenden Sonne die Wolken vom Wege weht.

Sie fror.

Der Thau lag reichlich auf ihrem verwirrten Haar, trof von dem losen Brusttuch den Hals hinab.

Sie fuhr empor, sich aufrichtend, sich schüttelnd.

Doch blieb sie noch sitzen, die Linke auf die Felsplatte spreitend, darauf sie geruht hatte, mit der Rechten langsam das fluchende Haar zurück streichend.

Sie besann sich.

War das Alles ein Traum, ein schwerer, süßer?

Der Blick auf das nahe Schlachtfeld, – denn es war hell genug – auf die umher liegenden Waffen, auf ihre zerbrochene Brünne, den zerrißnen Gürtel, ihr im wilden Ringen zerknittertes Gewand bezeugten: es war kein Traum.

»Odhin!« rief sie in wildem Weh der Liebe: »Odhin – mein Geliebter – mein Gatte – wo bist du?«

Sie sprang nun auf vom Boden und sah weit umher.

Sie war allein – ganz allein –: nichts regte sich auf der weiten Heide – nur die Geier stießen aus den Lüften auf die Todten herab: und in weiter Ferne flogen zwei Raben, verschwindend, von ihr hinweg nach Mittag.

»Odhin's Gedanke! Odhin's Erinnerung! sie fliehen von mir!«

Mit beiden Händen fuhr sie in ihr rothes Haar und das Haupt rückwärts beugend schloß sie die Augen.

Sie konnte nicht weinen.

Als sie den Blick wieder aufschlug, fiel er auf die Felsen zu ihren Füßen: mit weitgeöffneten Augen starrte sie furchtbar an, wie drohend, ihres Vaters Antlitz.

Sie stürzte neben ihm in die Knie: »zertritt mich, schrie sie, lieber, todter Vater.« –

Lang lag sie so.

Endlich erhob sie sich, trug mühsam Felssteine zusammen – und wölbte sie über die halb ausgerichtete Leiche.

Lang währte das Werk: es ward ihr unsäglich schwer: denn all ihre Kraft war von ihr gewichen. –

Die Sonne stand hoch, als sie fertig war: sie wollte die beiden Stücke ihrer Brünne aufheben: sie schienen ihr so schwer: – sie ließ sie wieder fallen.

Nur den zerrissenen Gürtel las sie auf: und müde, todtmüde schlich sie davon, Mitternachtwärts: ihr mühreicher Weg ging über Felstrümmer, über todte Freunde, die auf der Flucht ihren Wunden erlegen: ein zerbrochener Speer war der Stab, auf den sich die Wankende stützte. –

*

Oft noch damals und oft noch später rief sie, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht: »Odhin! Odhin! komm, mein Geliebter! komm, mein Gemal!

Aber nur die harten Felsen ihrer Höhle – keine Kette war mehr davor gespannt – gaben ihr Antwort. –

Denn hoch und herrlich in Walhall thront »Allvater!«: es dringt wohl nicht eines jammernden Weibes Schrei so hoch. –

Oder dringt er auch durch die Wolken: – Odhin hört nur, was hören er will. –

Eilfmal hatte der Mond gewechselt: da kam, von Mitternacht her, an den Fuß der Regenbogenbrücke, wo sie im Osten aufsteht, auf Erden, ein sehr bleiches Weib gewankt.

Das trug auf dem Rücken ein kleines längliches Linnenbündel, sorgsam verwahrt, mit einem zerrissenen Gürtel zusammengeschnürt und über ihrer Brust vorn verknotet: auf einen gebrochenen Speer stützte sie den müden Schritt.

»Führe mich vor Odhin,« sprach sie zu Heimdall, dem Wächter des Brückenwegs.

Aber dieser schüttelte das Haupt und sprach: »Odhin spricht heut niemand von Midhgardh. Denn ein großes Fest wird heute in Asgardh gefeiert. Hörst du sie jauchzen?«

»Ein Fest. Welches Fest?«

»Heute vor neun Monden hielt Odhin Hochzeit mit Frigg: und heute vor drei Stunden hat sie ihm den ersten Sohn geboren, Baldur: den Erben des Himmelreichs und seiner Krone.«

Da fiel das Weib stöhnend auf ihr Gesicht, wie todt.

Heimdall aber richtete sie auf und labte sie aus seinem Meth-Horn.

So trank Laufeja von Frigg's Hochzeits-Meth.« – –

»Hätte ich gewußt,« fiel hier Heimdall ein, »was Unheils in dem Bündel stak, ich hätte Bündel und Unheil zertreten. Dann lebte jetzt Nanna und Baldur wäre heil.«

»Fast ebenso hätte beinahe Laufeja gethan freundlicher Vetter,« fuhr Loki fort. »Sie sagte mir, als sie sich aufgerafft hatte und zurück schlich nach ihrer Höhle, ergriff sie das Kind und wollte ihm an dem nächsten Felsen den Kopf zerschmettern.

Aber das Kind – oft hat sie mir's erzählt – schlug die Augen auf: es waren Odhin's graue Augen: sie küßte mich und ließ mich leben.

Und zog mich groß und pflegte mich und liebte mich, wie nur vaterlos Kind von Mutter geliebt wird, mit tausend, tausend Thränen. –

Und als mir der erste Zahn durchbrach, wiegte mich die Mutter wehmüthig in meiner Wiege, des todten Riesen altem Lindenschild, und sang dazu halb weinend:

»Keinem Kinde auch ärmster Aeltern
fehlt es völlig an zärtlicher Zahn-Gabe:
es kommen dem Kleinen Vettern und Freunde
und es müh'n sich die Muhmen, ihm Schönes zu schenke»:
Spielzeug zum Spaße, kleidsame Kleider.
Aber du, Armer, erdarbest des Allen.
Dein Vater heißt Falschmann,
heißt Wehewind, heißt Nirgend und Niemand:
Nicht Maid, nicht Mannsgemahl heißt deine Mutter,
Mangel heißt sie und Harm,
dein Bruder heißt Bastard,
deine Schwester Schande,
Noth deine Niftel, –
und ach, nur Zähren dein Zahngebinde!«

Und sie beugte das Haupt über die Schildwiege und weinte bitterlich.

– Sie erhob sich, weil ihr plötzlich die Sonne verstellt war: schwarze Schatten fielen in die Höhle: sie blickte auf; drei hohe ernste Frauengestalten in langfaltigen Gewänden standen vor der Wiege.

»Die furchtbaren Schwestern! schrie die Erschrockene und verdeckte die Augen mit der Hand. Was bringt ihr an diesen Ort des Wehs?«

»Wiegengaben, Zahn-Gebinde deinem Knaben!« sprach die Aelteste der Nornen, eine Greisin von silberweißem Haar in grauschwarzem Gewände. »Nie fast entsteigen wir der ewigen Tiefe, wo unser Brunnen rauscht. Nur wenn übermäßig Weh geschieht auf Erden, solche Ungleichheit des Loses, daß das Ebenmaß der ewigen Ordnungen wankt, dann tauchen wir auf aus der schweigenden Nacht. Wir können nicht wenden das Geschick, das wir nur schauen, nicht schaffen. – Wir können nicht wehren noch wenden, was da wird: aber wir können hinzulegen. Urdh ward ich in Urzeiten genannt: Alles Vergangene weiß ich: ich weiß, wie dies Kind gezeugt ward: darum stieg ich auf und kam.«

Da schwieg die Greisin: und die zweite Schwester hob an, eine stattliche Frau im Sommer der Jahre: braun fielen ihr die Zöpfe auf das blaue Schulterkleid: »Verdandi bin ich geheißen: Alles was ist, alle Gegenwart schau' ich: heute schenken alle Götter und Göttinnen Baldur, dem der erste Zahn durchbricht, glänzende Gaben: acht Hallen in den acht Welten empfing er von den Asen: aber als neunte in Asgardh von Odhin Breidhablik, das herrliche Haus voll ewigen Frühlings: dieses Kind ist unbeschenkt: darum stehe ich hier.«

Da schwieg die Frau: und die dritte Schwester hob an, ein sproßendes Mädchen von erst keimender Fülle: fröhlich flatterten ihre goldnen Locken um das satgrüne Helle Frühlingsgewand: »Skuld werd' ich heißen, so lang Welten wachsen: alles Kommende kenn' ich«. Und sie warf auf die Wiege einen scharfen, hellen Blick, unter dem das Kind – weinend – erwachte: vergeblich suchte es die Mutter zu beschwichten. Mit erhobener Stimme fuhr das Mädchen fort: »ich sehe auch, wie zahlreiche Zähren dies Kind, das jetzt weinend in der Wiege sich wälzt, dereinst wird fließen machen: ich sehe die Thaten des Mannes werden: darum werde ich von hier nicht weichen, bis ich den Schwestern, die allzugütig walten werden, gewehrt; auch ich werde zu ihren Gaben zu legen: ein Damm ihres unmäßigen Erbarmens werde ich sein.«

Da sprach die Erste und legte die Hand auf mein Haupt: »ich lege ihm. daß er vor Allen reiches Haar habe.«

Und die zweite sprach: »ich lege ihm, daß er herrlich gelocktes Haar habe.«

Aber die Dritte wies befehlend mit dem Finger auf den Kopf des Kindes und sagte: »aber ich lege ihm, daß es brandroth wird.«

Und sprach die Erste wieder und strich über des Kindes Antlitz: »ich lege dem Knaben in die Wiege, daß er schön sein soll vor Andern.«

Und die zweite fuhr fort: »und ich lege ihm, daß er allen Frauen gefällt.«

Aber die dritte fiel rasch ein: Aber ich lege ihm, daß er nie ehelich Weib gewinnen soll.

(Und wohl weiß ich nun, daß nach andrer Skalden Singen Loki doch Eheweib gewann: und mein Vater selbst hat die schöne Sage von Sigün gesungen und ihrer Treue: aber, wie ich schon einmal hier schrieb, ungleich gehn unter den Heidenleuten diese Geschichten, bald so, bald so: ist doch auch Loki nach manchen Skalden nicht Odhin's Sohn, sondern sein Bruder, nach Andern gar nicht mit ihm versippt, sondern eines Riesen und einer Riesin Ehesohn: und war das bei den Heidenleuten nicht Sünde, so oder so zu sagen.)

»Ich lege ihm, daß er von allen Riesen am längsten lebe.«

»Ich lege ihm, das er von allen Asen am längsten lebe.''

»Ausgenommen Odhin!« zürnte die Dritte.

»Ich lege ihm, daß ihn keines Menschen Waffe versehre.«

»Ich lege ihm, daß ihn selbst nicht Thor's Hammer verfehle noch irgend eine Waffe der Götter.«

»Ausgenommen Odhin's Speer. Und ich lege ihm, daß er stirbt von Odhin's Speer.«

»Aber ich lege ihm, sprach die Zweite, daß er vorher lang lebe unter den Asen als ihres Gleichen.«

»Und ich lege ihm, sprach Urdh, furchtbar ernst, daß Odhin stirbt mit ihm, in der gleichen Stunde.«

Und ritzten mir mit goldner Haarnadel den Spruch auf die Brust und versanken in die Tiefe der Erde. – –

Und wahrlich, ob Baldur acht Hallen empfing und als neunte in Asgardh Breidhablik, das herrliche Haus – reicheres Zahngebinde, so rühm' ich, wurde dem Bastard, Loki, Laufeja's Sohn.

Und so wißt ihr denn nun – denn ihr habt mich gefragt – warum Loki Baldur erschlagen.«

Alle schwiegen: eine große Stille ward; Frigg's Wangen waren geröthet; sie senkte die Augen aus Baldurs bleiches Haupt.

Da frug Odhin laut: »In einer Stunde konnten wir sterben – zugleich: kein Nornenspruch scheint das zu wehren: warum hast du nicht mich zu ermorden getrachtet?«

»Weil ich dich liebe, Vater! schrie Loki in Qual und Weh. Noch viel heißer als ich dich hasse. Ich aber, ob ich hier in Ketten vor dir stehe: – Ich bin doch dein Erstgeborner!

Mein ist des Himmels Erbe: Rache nahm ich für meine Mutter, die in Siechthum starb nach zehn Wintern voll Wehs, Rache an dem Allvater, der nur für seinen Sohn Loki niemals Vater war: – nein, niemals!

Denn auch als meine Mutter gestorben war – was geschah?

Als sie fühlte, daß sie zu sterben kam, da schleppte sie sich noch aus unserer einsamen Felshöhle heraus unter den offnen Himmel: und, sich aufrichtend gegen Mittag hin, wo Asgardh ragt auf goldenen Balken, rief sie mit letzter Kraft: »Odhin! Odhin! nimm deinen Sohn! höre mich, Odhin!«

Und sank zusammen und war todt.

Dieser Schrei drang doch durch den Himmel, drang durch Walhalls Wonnen bis an Odhin's Ohr: und urplötzlich ergriff mich sein Adler und trug mich rauschend durch die Wolken nach Asgardh.

Und lange habe ich Frigg Dank getragen, daß sie, obzwar sehr zornig zuerst, mir aus ihrer Götterbrust drei volle Züge gönnte ihrer götterstarken Milch – Bragi säugte sie eben, – als Willkomm in Walhall. –

Dem zum Dank habe ich über zwanzig Jahre mich zurückgehalten, Baldur ein Leides zu thun, wie ich doch heiß verlangte. –

Und der Götterkönig gab mir Gewalt über das Feuer in allen Welten, ausgenommen in Riesenheim, gab mir eine Halle in Asgardh und reichte mir rothe Ringe genug von gleißendem Golde. –

Aber nicht gab er seine Liebe –: und nicht den ersten Platz neben ihm: vielmehr Baldur: mir, seinem Erstgebornen, nur den zweiten auf der Bank, in seinem Herzen aber und in seinem Rath: – gar keinen. Sein Herz – ich konnte es nicht erzwingen: – aber den Vordringling, der auf meinem Erbsitz saß, den legte ich nieder.

Lieber hätte ich ihn gefällt in offnem Zweikampf, zum Holmgang ihn fordernd auf einsamer Insel.

Aber Odhin zwang mich, ihn zu morden.

Denn unverwundbar hat er ihn ja gesalbt.

Ausgenommen an dem kleinen Fleck, der im Kampf unerreichbar.

Und wäre er im Kampf gefallen – unter den Einherjar wäre er ja wieder aufgelebt, wieder der zweite in Walhall.

Er sollte mir aber hinunter: – nach Hel!

Darum mußte er kampflos sterben.

In Hel mag er der Erste sein: – ich weiß, ich komme nie nach Hel.

Nun thut an mir nach Macht und Haß: nur nennt es nicht Recht und Gericht. Schuldig ist nicht der Pfeil, sondern die Sehne, die ihn schnellt: Schuld ist nicht an Baldur's Blut meine heutige That auf dem Feuerberg: Schuld ist die That Odhin's, die er gethan vor dreißig Wintern auf der Haugar-Heide.«

Und wieder ward große Stille: man hörte nur Baldur's tiefes Athmen.

Endlich trat vor aus dein Kreise der urtheilenden Götter Tyr, der Kriegsgott: er stützte auf den Knauf seines nackten Schwertes, das er vor sich in die Erde stieß, seine beiden Hände: denn damals hatte er noch nicht die eine Hand verloren im Rachen des Fenriswolfs.

»Jene That auf der Hangar-Heide, sprach Tyr langsam, war Kriegsthat.

Kriegsthat wird gerichtet nach Kriegsrecht.

Kriegsrecht weiset der Kriegsgott allein.

Wie sagt das Kriegsrecht?

»Wehe dem Weibe! Nach geschlagener Schlacht soll sie dem Sieger blühen als Beute! Wehe dem Weibe! Es ist Beute des Besten. –

Doch dreimal droht Wehe dem Weibe, das in Waffen sich wagte.

Magd ist sie des Mannes, deß Mark sie bemeistert.« –

Der Sieger, aus drei Wunden blutend, zwang in offnem Kampfe endlich die Riesin.

Er durfte sie tödten: er durfte sie meistern, als speergefangne Magd mit sich schleifen an den Haaren in seine Halle: alles Aergste durft er ihr anthun, mit Zwang sie zwingen zu endloser Arbeit, mit Zwang sie zwingen, ihm Kinder zu bringen. – Frei jedes Frevels find' ich den Vater!« –

»Aber, schrie Loki, er rief der Sinkenden zu: mein Weib sollst du werden.«

Da sprach Forseti, der Gott der auf der heiligen Insel, Heligo-land, waltet des Rechts, vortretend neben Tyr, den weißen Stab mit goldner Kugel erhebend: »Rausch des Sieges, Rausch des Wunden-Zorns, Rausch des Hasses und der Liebe riß den Herrscher dahin. Trunken war er und übertrunken: wie bei Gunlödh in Fialars Felsen. Wer will wägen das Wort, das der Berauschte wählt? Gewinnen wollte er die Riesin zum Weib – wie Mann Maid zum Weibe macht: zur Himmelskönigin nicht sie küren!«

»Sollte eine Riesin in Asgardh herrschen?« rief Heimdall.

»Warum ließ er dann nicht die Riesin in Ruhe?« frug Loki.

»In Waffen kämpfte das Weib gegen ihn: – sie griff an – nicht er!« erwiderte Freir.

»Warum dann schlug er sie nicht todt? Daß er mein Vater ward – das ist sein Frevel!«

»Du dankst ihm das Leben, diesem Frevel!« mahnte Bragi.

»Und daß ich lebe – dafür haß' ich ihn.«

»Wer darf hier von Schuld des Hohen reden?« frug Thor.

Thor ist treu.

Ich rühme mich dessen nicht: so wenig als meiner Kraft und meines Muthes. Ich bin so gezeugt und geboren: schlicht, einfältig.

Anders der Hohe: ringende Gewalten wogen widereinander streitend in seiner Brust: er will das Eine und das Gegentheil nicht minder: er ist der Hauch des Lebens und der Sturm des Verderbens.

Als er die Riesin küßte und zwang – da liebte er sie: und haßte sie zugleich.

Nicht log er ihr, daß er sie liebe.

Hat er ihr gesagt, daß die Riesin Krone tragen solle in Asgardh? Das hat Loki selbst nicht zu rühmen gewagt.«

»Ei, wie spitzfindig spaltet der treue Thor, der schlichte, die Gedanken! War ihm die Riesin gut genug zum Kuß – so mußte sie ihm gut genug sein zur Gemahlin.

Andere Götter wollten kopfschüttelnd heftig erwidern: aber Alle verstummten, als endlich Odhin begann: leise zuerst, wie mit sich selber raunend, erst allmälig lauter und zu den Hörern gewendet: »Jeder thut wie er muß. – Das Wort ist wahr. – Aber nicht die ganze Wahrheit. – Denn nicht jede That erfreut, nachdem sie gethan, den Thäter. – Den Wolf freilich rührt Reue nicht an. – Aber auf der Götter und Menschen Brust lastet manche That mit schwerem Druck: obwohl der Weise auch das weiß, daß er sie thun mußte. – Verschieden ist der Thaten Nachgeschmack. – Mancher berühme ich mich stolz und still vor mir selbst. – Aber andrer rühm' ich nicht, wenn sie mir wie Schatten empor tauchen in schlummerloser Nacht. – Meint ihr, umsonst ward diese Stirn so früh gefurcht? Wähnt ihr, nur Sorge um der Riesen Gewalt verdunkelt meine Träume? – Wahrlich: ich warne euch: nicht von Außen kommt über die Götter die Dämmerung: sie dunkeln von Innen! Trüb wird ihr Glanz, – wenn immer noch trüber ... –? dann Weh' über die Götter und über die Welt! –

Wohlan, fuhr er, nun mit erhobener Stimme, fort: vor Allen hier sag' ich in offenem Thing: manche That, die aus meiner Brust gebrochen wie Feuer aus dem Berg, wie Quellsprung aus der Erde, blieb besser ungethan und lastet auf meinen Gedanken. Wohlan: glaubt ihr, daß ein Anderer, ein Schuldloser, glücklicher herrsche über Walhall: – hier werf ich ihn zur Erde, den keine Gewalt mir entrisse, meinen Königs-Speer: wählt einen andern König der Götter.«

Und feierlich warf er den Speer von sich: – er rollte vor Frigg's Füße.

Sie bückte sich rasch, hob ihn auf und hielt ihn fest in der Rechten: »Welch' furchtbar Wort! rief sie. Wer kann Odhin ersetzen? – Und schützt Unschuld vor dem Untergang? Wer war so rein wie Baldur? Hier liegt er sterbend auf meinem Schos, gefällt von neidischer, tückischer Hand. – Wer ist wie Odhin in allen Welten? Wer wagt – außer ihm selbst – ihn zu schelten? Jener Mörder da drüben? – In meinen Armen starb Gunlödh – sie starb um Odhin's Liebe und: – sie segnete ihn! »Selig, hauchte sie mit letztem Athem, zu sterben um Odhin.« – Wohlan, Laufeja's Sohn, rede –: als deine Mutter starb, – was sprach sie von Odhin?«

Finster, die Wimpern zuckend, sprach da Loki, in Zorn und Verwirrung: »Ja, das ist sein ärgster Zauber! – Sie hat ihn geliebt bis zum Ende. –

Selig, sprach sie, sterben um Odhin. Heil ihm, daß er mir genaht. Heil ihm, daß er mich vernichtet hat. Ich war doch sein!«

»Willst du, frug Frigg weiter, Laufeja's Sohn, den Speer des Götterkönigs führen? Dein Recht, sagst du, ist gekränkt. Wohlan: nimm diesen Speer zur Sühne. Willst du herrschen, wo Odhin geherrscht? Willst du an seiner Statt die Welt erhalten? Willst du Odhin ersetzen?«

Und sie hielt ihm den Speer hin.

Aber knirschend und die Stirne furchend trat Loki einen Schritt zurück: »Odhin ersetzt niemand. Nicht ersetzen – verderben kann ich ihn und die Welt! Und besser ist es, brechen als bauen: zuviel Weh durchwühlt die Welt!«

»Ihr habt's Alle gehört, rief Frigg, hoch den Speer erhebend. Vernichtung will Loki – nicht Erhaltung. Odhin, mein hoher Gemal: hier, nimm deinen Speer und erhalte dich selbst und die Welt.

Ewig wirst du der Herrlichste sein!«

»Ewig wirst du der Herrlichste sein!« wiederholten alle Götter und Göttinnen, bittend die Hände gegen Odhin ausstreckend.

Und wunderschön tönte der Zusammenklang ihrer Stimmen auf der schweigenden Berghöhe – so wunderbar schön, daß es in Loki, ob er gleich gar nicht wollte, brustdurchdringend wider klang.

Tief widerstrebend sprach er es mit: »Ewig wirst du der Herrlichste sein!«

Odhin aber hatte sich nun vertieft und versammelt in sich selbst.

Er richtete sich stolz auf, nahm den Speer aus Frigg's Hand, und schwang ihn hohheitvoll über seinem Haupt.

»Heil allem Hohen! rief er. Ja, ich halte die Welt, so lang Heldenschaft und Weisheit sie halten mögen.

Furchtbar höre ich schon mit leisen, aber unaufhaltsamen Schritten gegen uns heranschreiten das Verderben –: dunkler ward die Welt, viel trüber, seit Nanna starb und Baldur das Auge geschlossen – Schatten seh ich aufsteigen, wo bisher Licht gestrahlt: aber wohlan: wir wollen uns wehren wie Männer. Hab' ich doch selbst einen edlen Skalden den Spruch gelehrt: »ist etwas gewalt'ger als Schicksals-Gewalt, ist der Muth es des Mannes, der trotzig es trägt.« Der Sieg ist des Schicksals, doch Heldenschaft unser!«

Jauchzend hob Thor den Hammer: »Ja, das sind die Worte, die der Hohe nur weiß, die die Herzen erheben aus tödlicher Trauer zu tödtlicher Lust. Heil dem Helden, der da fällt mit Frohlocken! Führ' uns, Siegvater, zur Schlacht! Laß uns das Weh um Baldur und Nanna vertoben an Schädeln der Riesen!«

»Nicht also jetzt! mein starker Sohn. – Weisheit gewinnt mehr als Wuth. – Ergrübelt hab' ich an Weisheit, was dies Haupt zu ergründen vermochte: es ist nicht genug: lange nicht genug! Ich gehe einen schweren Gang, – Schicksalskunde zu erkunden.

»Von wem willst du noch Weisheit gewinnen?« frug Heimdall zweifelnd.

»O Vater, rief Thor, wer ist weiser denn du?«

» Die Nornen,« sprach Odhin.

Da rang sich ein Schrei von aller Götter und Göttinnen Mund –: Baldur zuckte –: selbst Loki fuhr aus finsterm Brüten empor.

»Die Nornen? widerholte Frigg entsetzt. Die furchtbaren Schwestern!«

»Im tiefsten Grunde Hels! warnte Tyr, der Kriegsgott. Ich bin vertraut mit allen Schrecken der Mordschlacht –: nach Nornenheim stieg' ich nicht nieder.«

»Ach, mein Vater, hauchte Baldur, furchtbaren Preis, so sagt man, muß bezahlen, wer der Nornen Weisheit gewinnen will.«

»Ich weiß es, mein Sohn. Wem die Nornen ihre Weisheit gewiesen, – auf immer und alle Tage verlernt er das Lächeln.«

»Oh mein Gemal, flehte Frigg. Bleib' hier oben im Licht! Geh' nicht zu den Nornen. Soll der König der Götter der Freude entsagen?«

»Weil ich euer König bin, muß ich für Euch Alle mich wagen.

Auch ist das liebliche Lächeln nicht die höchste Freude.

Wahre Freude, oh Frigg, ist Begeisterung: des Heldenthums, der Liebe, des Gesangs.

Mein Volk sind die Götter, mein Vaterland Asgardh – für sie darf ich sorgen, kämpfen und fallen, auch nachdem ich in Nornenheim war: so blieb mir auch nach verlornem Lächeln noch Wonne. –

Ob Baldur zu retten –: noch athmet er ja –: nur die Weberin der Zukunft weiß es. Und muß er sterben – nur die schweigenden Schwestern wissen, was war, was ist, was werden wird. Laß sehen, ob ich es ihnen nicht abgewinne: eine Abwehr: oder doch – für Unabwehrbares – einen Trost.

Ihr, Thor und Tyr, ihr haltet mir Loki gefangen, bis ich wiederkehre.

Du aber, mein Liebling, nicht sollst du inzwischen mir leiden.«

Und er strich leise mit der Hand über Baldur's Augen: da fiel dieser in tiefen, süßen Schlaf.

Sanft nahm er den Schlummernden von Frigg's Schos und legte ihn so, daß sein Haupt auf Nanna's Busen ruhte.

»Bleibe mir blühend, theure Tochter, traurige Todte, raunte er, bei dem bleichen Baldur, bis ich wieder ihn wecke, sei es zum Leben oder zum Sterben.«

Und Frigg die Hand zum Abschied reichend sprach er: »Hüte mir, Mutter, des Sohnes Schlaf. – Nicht doch, Thor! – du darfst mir nicht folgen. – Einsam muß sein, wer die Nornen befragt!« –

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