Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
Schließen

Navigation:

XVIII.

Hart hinter ihr war Heimdall auf einer zweiten Wolke herangeschwebt. Auch er hatte noch in der Luft Alles mit angesehn.

Jetzt, da er neben den beiden Gatten zur Erde sprang, lähmte ihn Entsetzen einen Augenblick.

Dann aber setzte er sein Horn an den Mund und blies dreimal den Mord-Ruf, so furchtbar stark, so grauenhaft, daß die Erde in ihren Grundfesten schlitterte und das Horn bei dem dritten Stoß gellend zersprang.

Und alsbald kamen von allen Seiten die Götter und die Göttinnen geflogen, voller Furcht und Schrecken.

Zuerst hatten alle nach der Regenbogenbrücke geblickt, wähnend, sie sei von den Riesen überrascht und Heimdall, der sterbende Wächter, ermordet: aber sie sahen die Brücke ungefährdet und Fro an Heimdall's Stelle Wache haltend.

Nur Odhin hatte gleich erkannt, von woher der Schall gedrungen war: er blies, auf der Schwelle seiner Halle Gladsheim stehend, – Zukunftsrunen hatte er eben auf ihr losend geworfen! – das Gewölk, welches, aus dem Feuerberg aufsteigend, unser Eiland verhüllt hatte, hinweg: und sofort sah er und bald sahen alle Andern Baldur und Nanna wie todt auf dem Gipfel des Berges liegen. –

Schnell, wie nur Gedanken fliegen und Götter, waren sie Alle zur Stelle.

Nur Fro blieb auf seiner Wacht.

Und wird nun Mancher fragen, wie das gekommen war, daß Nanna gerade jetzt hierher eilte.

Das war aber so gekommen.

Bald nachdem Loki sie verlassen, – sie hatte seinen Scheideblick gesehen – war ihr rasch, wie Gewölk vor dem Winde zieht, Zweifel in die Seele gezogen, ob sie wohlgethan, des Gatten Geheimniß zu verrathen.

Freilich: sie waren Brüder.

Und Nanna wußte von keiner Feindschaft zwischen Beiden.

Aber doch kam ihr nochmal vor dem Einschlafen Zweifel, beinah Reue.

Gerne hätte sie wenigstens Baldur Alles gesagt.

Aber dieser war die Nacht nicht nach Hause gekommen aus der Verfolgung der Riesen.

In der Nacht kamen ihr böse Träume: sie sah Baldur rücklings vom Speere durchbohrt: Loki stand dabei und lachte.

Mit einem Weheschrei fuhr sie aus Traum und Schlaf empor: sie griff nach dem Lager an ihrer Seite: es war leer. Stunden lang lag sie nun wach. Erst gegen Morgen sank die Erschöpfte in tiefsten Schlaf.

So hatte sie Baldur gefunden: er hatte sie nicht wecken wollen.

Als sie nach seinem Scheiden erwachte, fiel ihr die Angst des Traumes wieder schwer auf's Herz.

Hastig sprang sie von dem Lager: es war heller Tag: sie wußte, Baldur war schon mit dem Sonnenwagen aufgebrochen.

Von Angst gescheucht wie ein Reh eilte sie aus Breidhablik nach der Regenbogenbrücke.

Heimdall führte sie auf ihr Bitten auf der Brücke schwindelhohe Wölbung, von wo man weithin Himmel und Erde übersieht.

Bald erschaute sie in dem Sonnenwagen an ihres Gatten Stelle Skirnir.

Angstvoll spähte sie umher.

Da sah sie Baldur auf dem Feuerberg Islands mit Loki Zwiesprach tauschen.

Mit steigender Furcht riß sie Heimdall, diesem unterwegs ihre Sorge vertrauend, mit sich fort gen Island.

Heiß erschrak der Götterwächter: wußte er doch, was Nanna nicht wußte, daß Loki über Nacht, geächtet, der Riesen Haupt, der Götter Feind geworden war.

Kaum konnte der rasche, starke Gott, nachdem er Fro, den er am Eingang der Brücke traf, gebeten, ihn abzulösen, dem Fluge des Weibes folgen, welches die Sorge der Seele dahin riß.

So kamen sie beide gerade recht, den Speerwurf Loki's zu sehen, nicht mehr recht, ihn zu hemmen. –

Als nun fast alle Götter und Göttinnen, von dem furchtbaren Rufen Heimdalls aufgeschreckt und herbeigeholt, um die todte Nanna und den tiefwunden Baldur versammelt standen, wollten sich alle zugleich herzudrängen, zu helfen.

Odhin aber, alle zurück weisend, winkte Frigg: »Du hast ihn geboren – du hast das nächste Recht: hilf mir«.

Langsam, leise mit schonender Hand, wie man ein krankes Kind auf den Armen wendet, hob der mächtige Gott Baldur vom Boden empor und legte ihn, das Antlitz von Nanna abgewendet, mit dem blassen Haupt auf den Schos der Mutter, welche weinend, aber wortlos, auf den harten Felsen sich niederließ.

Baldur vermochte nicht, die Augen zu öffnen: »Du bist es, Vater, hauchte er leise, ich hörte deine Stimme. Und das an meiner Wange, das ist deine Hand, liebe Mutter – ich kenne sie –: Nanna aber ist wohl todt – sonst hielte sie meine Hand. Der Schrei, den ich vernahm – es war ihr Todesruf um Baldur.«

Alle Götter und Göttinnen weinten.

Odhin stutzte sich mit aller Macht auf seinen Speer. Er bebte vor Schmerz, so daß auch der Speer bebte.

»Er kann doch nicht sterben? fragte leise Thor, ihn am Arme zupfend: kein Gott stirbt.«

»Todt liegt Nanna die Göttin!« sprach Odhin. »Und um Baldurs Augen lagern dieselben Schatten, wie auf Augen der Menschen, bevor sie sterben.«

Und er beugte sich wieder über den Wunden, legte ihm die Hand aufs Herz – da stockte der Schmerz augenblicklich – und sah scharf nach der Wunde.

»Wenn er sterben kann, muß er sterben, sagte er leise zu Thor. Aber er wird wohl noch leben, solang der Speer in der Wunde steckt.«

»Vater,« rief Thor, den Hammer erhebend, »wir müssen ihn rächen.«

»Das wollen wir. Heimdall, kannst du beschwören, wer diesen Speer geworfen, der Loki's Hausmarke trägt?«

»Bei deinem heiligen Haupte,« sprach Heimdall: »Loki warf den Speer.«

»Wohin wich er?« frug Thor sich aufrichtend.

»Hierhinab! In den Feuerschlund ist er gefahren.«

»Dahin kann Niemand ihm folgen,« sprach Bragi.

»Kein Athmender trüge die Gluth,« sprach Tyr.

»Und – schlimmer – den giftigen Qualm,« warnte Freir.

Odhin warf einen Blick auf Thor: »ich fahre hinab, sprach er, Baldur zu rächen.«

»Und ich folge dem Vater,« rief Thor.

Entsetzen faßte alle Götter und Göttinnen: »Soll ich heute zwei Brüder und den Vater verlieren?« klagte Freia, die Zarte.

Frigg aber sprach, das Blut, das langsam aus Baldurs Wunde sickerte, mit ihrem weichen goldnen Haar hemmend, »Laß sie, Tochter: besser verderben alle drei, als daß Baldur liege ungerächt.«

»Komm denn, Thor, mein Sohn! hinunter! auf Leben und Tod!«

*

Ich dachte nicht, daß außer mir mein Gehöft noch Männer berge, die so treu der alten Götter gedenken!

Auf dem schmalen Vikingdrachen muß Raum gespart werden: wenig, fast gar kein Opfergeräth hat Valgardhr an Bord.

Wir sorgten, wie er das Opfer ausrichten solle, ohne Blutkessel und Mischkrüge mit den Opfer-Runen.

Da winkte mir Knut, mein Knecht, der uns berathen gehört, und flüsterte: »Lieber Herr, nicht sorge um das Opfergeräth!

Als des Bischofs Gebot erging, alles Opferzeug auszuliefern, um es zu zerschlagen und einzuschmelzen, – da habe ich deinen Befehl nicht ganz erfüllt.

Dir widerstrebte es, die Schalen, daraus dein Vater oft gespendet, selbst auszuhändigen.

Mir trugst du es auf!

Aber ich, obzwar nur Thor der Knechte Gott, nicht Odhin, habe doch wie Thor's so Odhin's und Frigg's Opfergeräth, das heißt: das beste, das dein Vater bei'm Großopfer brauchte, geborgen am Gestad in der Klippenhöhle, die nur du kennst, dein Sohn und ich.

Ich hole sie: mit jauchzendem Herzen, daß sie noch einmal dienen dürfen den alten Göttern.« –

Ich hab' ihn gestraft, weil er ungehorsam gewesen war: ich verbot ihm Mittag den Speck.

Aber ich hab' ihm gelohnt, daß er an den Göttern hing und an meinem Vater: ich gab ihm mein eignes Horn voll Ael zu trinken. –

– Das Schneehuhn streicht immer höher die Gletscher hinauf.

So wird es nun bald stärker und stärker thauen in der Niederung. –

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.