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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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XV.

Loki aber war, seit er aus der eingestürzten Brauthütte in der Funkensäule aufgefahren, unsichtbar geworden.

Aber er war ganz nahe geblieben und hatte Alles mit angehört und angesehen.

In Flammengestalt war er, wie der Brand den Wald ergriff, dem Eichhorn vergleichbar, von Wipfel zu Wipfel gehüpft und hatte lauschend herniedergespäht aus gegabeltem Astwerk.

Als er Odhin's Worte vernahm, wie dieser anhub, ihn zu schelten, hatte er anfangs nur bitter gelacht.

Auch der Brand seiner Halle machte ihm kaum Schmerz: wenig hatte er von je in Walhall geweilt: er liebte es viel mehr, tief unter Midhgardh in Erdhöhlen der Berge zu hausen, wo Niemand seine Schlafstätte wußte, bis er, erwachend, in Flammen aufstieg.

Als aber Odhin aussprach, daß er, der Vater, den Sohn verstoße auf ewig, daß Loki kein Recht mehr haben solle an ihm, da hatte Loki leise aufgestöhnt: »Halt ein, Vater! Ich liebe dich – viel mehr als ich dich hasse – ich kann nicht sein ohne dich – wirf mich nicht aus deinem Leben zu den Riesen.«

So wollte er rufen und sich dem Vater zu Füßen werfen: – so dachte er –: aber der Trotz, der Zorn zog ihm die Kehle zusammen: er konnte nicht rufen – er konnte nur stöhnen, unhörbar, in wildem Weh.

Das Weh ward Jauchzen der Rachewuth, als er hörte, wie die Riesen ihn feierlich aufnahmen in ihre Sippe: »Jetzt hab' ich keinen Vater mehr zu lieben, knirschte er, nur eine Mutter noch zu rächen.«

Und als er vernahm, wie die Riesen ihn zum König koren, wollte er herabfahren von dem brennenden Tannenwipfel, auf dem er sich im Winde wiegte, und vor der Riesen Schlachtreihe kämpfen gegen die Götter: – denn Muth fehlt ihm nicht, ist er doch Odhin's Sohn –: aber er warf einen Blick auf die schweren ungefügen Waffen der Riesen und auf die herrlichen Siegeswaffen der Asen: »So geht es nicht,« zürnte er. »Wartet nur, freundliche Vettern, bald bessere Waffen liefert euch Loki.«

Da sah er, wie Bläster's, des Sturm-Riesen, furchtbare Tanne harmlos an Baldur niederglitt: und grimmigster Neidzorn füllte sogleich seine ganze Seele: »Oho,« schäumte er, »wundenfest hast du ihn gezaubert, den leuchtenden Liebling, den ehelichen Sohn, Frigg's Erstling, des Himmelreiches Edelerben? Unverwundbar? Laß sehen, ob er nicht doch tödtlich zu treffen ist –: und durch ihn –: du selbst.«

Noch einen Blick warf er vom brennenden Wipfel herab auf die tobende Schlacht – dann fuhr er in einer Rauchwolke – nach Oben: nach Breidhablik flog das Gewölk. –

Hier saß in der leeren Halle, am Herdfeuer, des Gatten gedenkend und harrend, Nanna.

Scheuen Sinnes hatte sie niemals, wie andere Göttinnen, die Kriegsfahrt der Asen auf der Wagenburg begleitet: und nun, da sie Baldur's jungen Erben unter dem Herzen trug, hielt sie sich scheuer als je im Hause.

Sie saß am Herde und wirkte in den Rand eines weichen, weißen Gewandes, darein zuerst des Kindes Glieder sollten geschlagen werden, zierliche, rothe, glückbringende Runen. Das schöne, sinnige Antlitz beugte sie emsig auf ihre Arbeit: an dem Eingang der Halle brannte in eiserner Oese ein mächtiger Kienspahn, der warf ein rothes Licht auf die zarten, edlen Züge.

Plötzlich loderte der Spahn hell flackernd: Nanna blickte erschrocken empor: vor der Schwelle der offenen Thüre stand Loki.

»Was suchst du hier, Loki?« frug sie, gleich wieder das Schiffchen durch die Fäden werfend. »Der Herr ist nicht hier.«

»Ich suche die Frau. Gastrecht hab' ich in Baldur's Halle.« Und er trat über die Schwelle und lehnte den Speer an einen Pfeiler.

Erröthend, beschämt sprang die Wirthin auf.

Sie hatte nur an den Gatten gedacht und an das junge Leben seines Kindes.

Und viel Freundschaft war nicht unter den Halbbrüdern: das wußte sie doch, so wenig sie auf Alles achtete außer auf Baldur.

Aber, ihrer Pflicht gemahnt, ging sie nun zu dem großen Milchfaß in der Ecke der Halle, schöpfte daraus in ein darüber hängendes Gasthorn und bot es Loki dar mit dem uralten Spruch: »Trinke traulich, guter Gast! Feuer flammt am heiligen Herde: ruhe dort, redlich rastend. Wie dem Hause, das du heimsuchst, so heil deinem Haupt.«

Und sie ging zurück an den Herd und zu ihrer Arbeit.

»Heil meinem Haupt!« wiederholte der Gast.

Sie sah es nicht, wie er das Horn, ehe er es wieder an den Pfeiler hing, statt zu trinken, leise in das Faß entleerte.

Er warf von jener Ecke aus einen langen, betrachtsamen Blick auf die kindlichen Züge: langsam strich er seinen schönen, flaumigen Rothbart und sprach zu sich selber: »Sie muß jeden rühren und erbarmen, der nicht – erbarmungslos geächtet ist, ein ausgestoßener Bastard. Milch giebt sie Loki zu lecken! Statt Feuer oder Blut! Sie denkt nur an den jungen Wurm in ihrem Leibe!« –

Und er ging jetzt an den Herd und setzte sich auf dessen vorspringenden Steilwand, manchmal spielend mit der Hand in die Flammen greifend, die dann hoch auf flackerten.

»Du mühst dich da mächtig,« sagte er in seiner helltönenden Stimme, »mit dem Strang rother Wollfäden – komm, ich will sie dir halten, ein lebendiger Haspel: – du wickelst die Wolle dann leichter zum Knäul –: und gute Runen raun' ich darüber: denn ich weiß es ja doch, wen das weiche Gewand bald umwickeln soll.«

Nanna erröthete bis unter die Haare der weißen Stirn und beugte das Antlitz tief auf das Linnen.

Loki aber, die Arme mit dem Strang der Fäden ausspannend, sprach leise, so oft sie einen Faden von seinen Händen lüpfte: nicht alles verstand sie: aber deutlich den Schluß: »nimmer in Nacht noch bei schimmerndem Sonnenschein soll sehn dieser Sohn traurige Thränen der edeln Aeltern: nie auch sollen die Aeltern Thränen trocknen dem kommenden Kinde.«

»Das war ein guter Wunsch«, sagte Nanna erfreut. »Ich danke dir.«

»Laß das! Wer weiß, wofür er dankt? – – – Aber sage, du Selige: ganz ruhig waltest du hier in der wonnigen Wohnung, des Friedens dich freuend? Wahrlich: du weißt nicht? Der Bund ist gebrochen: kriegerisch kämpfen unten auf Erden Asen und Riesen.

»Ich dachte es wohl,« meinte Nanna, ruhig weiter arbeitend. Dröhnte doch Donner bis herauf in den Himmel. Fernes Feuer schien mir zu schimmern von Brandsgardh, deiner Burg. Doch zu weit liegt Loki's Halle von hier: nicht könnt' ich's erkunden.«

»Ja, es brannte in Brandsgardh: Von Surtur gesendet flogen Funken soweit von der Walstatt. Ich verließ, zu löschen, mit Urlaub von Odhin, im Gefechte die Götter. Nun brennt es nicht mehr. Durst drängte mich her – ich danke –: er stand auf – ich eile wieder zur Erde, zu helfen den Helden, – meiner Sippe Gesellen. Horch! Horch! Bis hier herauf hört man das schreckliche Schreien, das Rasen der Riesen. Sorgst du nicht um den Süßen? nicht bangt dir um Baldur? Wagend wirft sich, du weißt es, sein Muth in die Mordschlacht: Weh wenn ein wilder Riese ihm zerrisse durch die Brünne die Brust.«

Da schlug Nanna die schönen, sanften Augen auf und ihr freudig dankbarer Blick traf voll den Feind.

Hart wie er war – nicht trug er den Blick: – er senkte die Wimpern.

»Loki, du lieber! Oft that ich dir Unrecht, vergieb mir, du Guter. Nun seh' ich es sicher: auch du liebst den Liebling aller Edeln, trägst treu ihn im Herzen. Wer könnte auch Baldur nicht lieben? Höre denn: seufzerlos schau' ich ihn scheiden, furchtlos und froh, in die Schrecken der Schlacht. Denn der Vater hat heute voll gefeit und gefestigt mit sichernder Salbe dem Liebling den Leib.«

Loki nickte stumm – er hatte also recht gerathen!

Nanna fuhr freudig fort: »Eisen und Erz nun werden nicht wunden, Horn und Holz nicht hauen den Helden, Steine nicht stoßen, nicht spitze Speere noch geschlungene Schleuder.«

Da frug Loki: »Fröhlich den Feinden nun beut er die Brust! Geschirmt auch schätz' ich dem Recken den Rücken?«

»Nichts, was nöthig, versäumte Siegvater.«

Wild beinahe rief der Gast: »Erproben prächtig will ich das Werk, den zähen Zauber! Schaden und schänden kann dir ja künftig keinerlei Kunst den göttlichen Gatten. Zum Ruhme gereicht es dem herrlichen Helden, daß stolz er besteht vor Würfen der Waffen. Wohlan denn: ich will ihn verherrlichen helfen! Glied um Glied will ich sämmtlich versuchen mit Waffen zu wunden. Deß lachst du ja leicht, schloß er zögernd, ist er all-unwundbar!«

Er ergriff fast drohend den Speer und schien sich wenden zu wollen. Da erhob sich Nanna, schritt auf ihn zu und ergriff dankend seine Hand zum Abschied: er entzog sie leise: »Einen Ort nur scheue und schone – ja schirme ihn schützend in Fehde mit Feinden: ungefährlich aber eracht ich's: denn er zeigt zagend, fliehend, dem Feind doch nimmer den Nacken

»Den Nacken? frug Loki, das Haupt auf sie hernieder neigend: und er schloß die Augen, ihre gierige, heiße Freude zu verbergen.

»Wo der Wirbel wendet zwischen Hals und Haupt, blieb eine Locke wohl liegen: denn bleicher blieb hier und Heller die Haut, die rings röther gerann von dem sämigen Saft. Sprich, wirst du genau die Stelle dir merken?«

Loki aber schritt, den Speer hoch erhebend, über die Schwelle: »Scharf merk' ich sie mir. Deß wirst du gewiß.«

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