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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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XIII.

Und währte der Hochzeitschmaus bis gegen Abend hin.

Als aber der Tag sich zu Golde neigte, siehe, da begab sich das Unheil kündende Begebniß, daß auf den beiden Hügeln nordwärts und südwärts dicht neben der Brauthütte im Walde, in welcher Harald und Hilde schlafen sollten, alle Riesen von Riesenheim und alle Götter von Asgardh, in vollen Waffen geschaart, sich feindlich drohend lagerten.

Das war aber also gekommen.

Bald nach Sonnenaufgang und nach der Stunde etwa, da Argr den jungen Hirten im Walde getroffen, aber noch bevor er sich unter Skadhi's Mannen gezeigt hatte, war ein schwarzköpfiger, rothschweifiger Vogel –: »Brandvogel« nennen ihn die Leute oder »Loki's Boten« und glauben, wo er sich auf einen Hausfirst niederlasse, lodere das Dach alsbald in Flammen auf – in Surtur's des Riesen Halle geflogen in dessen Schlafhaus.

Surtur lag noch schlafend: der Vogel aber sang vom Simse des offenen Fensters herein in seinen Schlaf: »Säumiger Surtur, schlummerst du schläfrig? Was träumst du so träge? Surtur, du solltest das Reich der Riesen wacher bewahren! – Harald und Hilde halten heut' Hochzeit: ob nicht die Asen brechen den Bund, die Verträge trügen? Ob Er nicht da oben – der arge Odhin – und der biedere Baldur dem Liebling leihen günstige Gaben? und Frigg und Freia der freudigen Frau? Wahrlich, sie werden aus Walhall – so wähn' ich – Alle der Erde nah'n und dem Neste, das gebreitet der Braut! – Dir Riesen rath' ich, sonder Saumsal zu suchen, zu sammeln die anderen Alle, die breitbrüstigen Brüder, und am Hochzeithause spürend zu spähen, ob nicht die Asen treulos Verträge brechen und Bündniß.«

Fort flog schwirrend der Vogel.

Surtur aber rieb sich mit beiden Fäusten den Schlaf aus den Augen und schickte Bläster, seinen Bruder, den Südsturm aus, alle Riesen zu sammeln. Denn Bläster ist der Rascheste unter den Thursen.

Gleich darauf trat in Thrudhwangs Thüre, die immer offen steht, Loki.

Thor stand im Hof und warf im Spiel der Uebung mit einem Hammer nach großen Steinen, die er nebeneinander, wie eine feindliche Schlachtreihe, aufgestellt hatte.

Es freute ihn wenig: er wußte vorher, daß er traf.

Und es kam nichts dabei heraus als zerschlagene Steine, die seinen Hof häßlich machten.

Unbemerkt wiegte sich Loki eine Weile zwischen den Thürpfosten, und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund: endlich rief er Thor an: »Ei, Ei! – Ein Glück, daß nur ich dich belausche, der treu schweigende Bruder. Säh' es ein spöttischer Ausschwätzer, bald lachten wohl alle Asen, der thurmhohe Thor sei kindisch geworden –: er spielt wie ein Knäblein. Bald wirft er wohl mit seinem Hammer nach Sperlingen!«

»Hum! brummte Thor zornig, fing den zurückfliegenden Hammer und steckte ihn verdrießlich in den Gürtel. Was soll man denn anfangen den lieben langen Tag? Mehr als zwölf Stunden kann ich nicht schlafen und mehr als sieben nicht trinken – bei'm würdigsten Willen.«

Loki aber erwiederte: »Wohl weiß ich, starker Bruder, wenig willst du mir wohl und wähnst, ich rathe Besseres den Riesen als Asgardh. Aber heute sollst du Loki's Liebe erleben.«

Mißtrauisch sah der gewaltig hohe Donnerer auf den zierlich Schlanken herab.

»Lang ist dir lästig, fuhr dieser fort, die Muße, so mein' ich. Verlassen liegt dein herrlicher Hammer, die wonnige Waffe: oder sie zielt nach zwecklosen Zielen. Rasender Riesen Häupter zu hauen hast lang du gelassen.«

Drohend hob Thor den Finger: »Nicht reize, das rath' ich, mit Reden mich, Rothkopf. Dich haß' ich, du Heuchler! Du riethest ja den Rath, den Frieden zu festigen mit Riesenreich! Was hilft's, daß den Hammer wieder ich halte? – Doch nicht denke, Duckmäuser, mich schlau zu beschwatzen, den Bund zu brechen, wie heiß ich sie hasse, die rüpligen Recken! Wer in der Welt noch traute Verträgen, trog die Treue Thor!«

»Nicht rath' ich, ruchlos das Bündniß zu brechen! Doch, wie, wenn die wilden Riesen zerreißen, als die Ersten, den Eid? Tritt an die Thür! Siehst du da südlich unten auf Erden die Riesen gereiht? In hellen Haufen ziehen sie zahllos zu Hilde's Hochzeit, zu Harald's Halle: ungute Gäste, unlieb, ungeladen. Weh' wenn sie würgen Harald den Helden! Was würde da wohl aus der Treue Thors? Oft dir zum Opfer Elch und Ochsen dir brachte er, Bruder: Lau lohnst du dem Liebling! Siehe, wie Surtur schon schwingt das Schwert.«

Da stieß Thor zornig den Bartruf aus: er blies brüllend in den gewaltigen Rothbart, daß dieser, wie in zwei Flammen gespalten, von ihm flatterte: – durch die Himmel scholl der Ruf, dumpf dröhnend, wie fernhin grollendes Gewitter –: und den Hammer aus dem Gürtel reißend, flog der Donnergott sausend auf die Erde nieder: in nachtfinsterer Wetterwolke lagerte er sich auf dem Südhügel neben der Brauthütte, drohend den langen Zug der Riesen beobachtend, welche nun auf dem Nordhügel eintrafen.

Einstweilen war Odhin von dem Besuch bei dem Nachtelben längst zurückgekehrt: er war sofort zu Baldur geeilt und hatte geheim mit ihm und Nanna geflüstert: denn auch Baldur war bereits von seiner Erdenfahrt wiedergekehrt.

Nun saßen sie selb viert mit Frigg vor der Thür von Breidhablik unter der ragenden Linde, welche dort Odhin bei des Sohnes Geburt gepflanzt hatte und blickten hinunter nach Midhgardh.

Sorgenfreier als sonst war Odhin's Stirn: er strich Baldurs goldnes Gelock, der zu seinen Füßen saß, das Haupt an des Vaters Knie gelehnt: Sieh, wie arglistig kann Baldur sein! lächelte Odhin zu Frigg hinüber, welche eifrig weißes Linnen über eine goldene Wiege spannte. Ohne den Vertrag zu brechen, ohne zu Harald ein Mahnwort zu sprechen, hat er den König doch bewogen, Gnade zu üben: – nur dadurch, daß er ihm begegnete.«

»Ja, wer kann ihm widerstehen! flüsterte Nanna, die silberne Spindel senkend und des jungen Gemals Hand ergreifend: muß man ihm doch Alles gewähren was man ihm absieht an seinen leuchtenden Augen.«

»Baldurs Augen, fiel Frigg ein, warme, weiche Wolle ihrer schneeweißen Schafe in die Wiege füllend, soll der Knabe erben! Das wünscht ihm und wirkt ihm Frigg.«

»So weißt du so sicher, fragte leise lächelnd Odhin, daß ein Speer, keine Spindel uns wächst?

Zuversichtlich hob Frigg das Haupt und lachte stolz: »Schlachtenrunen, Siegvater, verstehest du –: diese Weißagung ist Frigg's Geschäft.«

Und Baldur zog die junge Frau zärtlich an sich. –

Da fiel Odhins Blick auf das Waldthal in König Frodhi's Gau: er sah auf dem Nordberg die Riesen drohend gelagert und, finster wie Thor's Wettergewölk war – die Thursen vermochten nicht, hindurchzuschauen, – Odhin's Auge durchdrang es: er erblickte Thor, der den Hammer wurfbereit hielt: der Anblick der altverhaßten Feinde reizte den Donnerer, daß er kaum sich bezwang.

Auf sprang Odhin, daß die drei Andern unter der Linde erschraken:

»Heimdall,« rief er mit lauter Stimme zu der Regenbogenbrücke hinüber, »stoß in's Horn! Den Waffenschrei! Auf, alle Asen! Sausend hinunter! Thor und die Riesen! Wir müssen ihn hemmen, sonst bricht er den Bund! Und wir müssen Harald's und Hildes gedenken: denn nicht, Brautgaben zu bringen, hat sich dort all Riesenreich gereiht.

Und sofort erdröhnte Walhall von Heimdalls Horn.

Odhin und alle Götter fuhren in die Waffen: der König der Asen, den Schreckenshelm auf dem Haupt mit den gewaltigen vorgesträubten Adlerflügeln, Speer und Schild in der Linken, flog sausend wie ein Windstoß voran: es folgten Baldur, Tyr, Fro, Hermodhur, Forseti, Bragi und noch Andere mehr, alle aus ihren Hallen und Wohnungen stürmend: aber auch manche der Göttinnen schlossen sich an, welche den Flug der Speere nicht scheuen: so Frigg und Freia, an der Walküren Spitze Hilde, Helgi's Braut, und manche der Lichtalfen, durch deren Reich der Weg vom Himmel auf die Erde führt.

Wunderschön war der Anblick der durch die Wolken brausenden Götter: – einem starken Schwarm wilder Schwäne vergleichbar.

Nur ganz leise blies Odhin: da zerstob Thors Wettergewölk: und überrascht sah der Donnergott den Vater urplötzlich an seiner Seite stehen.

Die Anderen hatten seinem sausenden Flug nicht ganz folgen können: sie kamen erst mehrere Herzschläge später an auf dem Berge.

Und freundlich sprach Odhin, dem Sohn auf die Schulter schlagend: »Genaht sind die Götter, die Hand dir zu hemmen, vor Schuld dich zu schützen. – Doch kommt es zum Kampfe, – nicht sollst du sagen, mein schneller Sohn, allein ließ dich Odhin. Wir fechten und fallen zusammen, wir zwei.«

Thor ließ den Hammer an dem Wurfriemen auf den Knöchel zurückgleiten und reichte dem Vater treuherzig die Hand, Dank leuchtete aus seinen großen hellgrauen Augen: »Ich weiß, du liebst auch mich, ob nicht so zärtlich, wie du Baldur liebst. Thor trägt nicht Neid. Und Baldur ist auch leichter lieben als Thor. Lieb' ich ihn doch selber mehr als ich Thor liebe. Aber dir schlägt das Herz auch für den rauheren Sohn.«

Odhin antwortete weicheren Tones als er sonst zu Thor sprach: »Nicht dünke dir, Donnerer, wen'ger mir werth! Einst, ahn' ich, erkennst du, wie theuer mir Thor. Auf der Wahlstatt, wähn' ich, der allerletzten, die den Göttern gegönnt ist, zeigen wir zwei uns die letzte Liebe.«

Da kamen die anderen Asen niedersausend auf dem Hügel an.

Während dessen war es Dämmerung geworden.

Und schon kamen Harald, Hilde, Skadhi und wenige Mannen von der Hochzeittafel her nach der Brauthütte gezogen: den Bräutigam verlangte nach der Braut. –

Als die Riesen den Zug heranschreiten sahen, sprach Surtur zu dem Fenriswolf: »Wie gerne doch gierig sengt' ich sie sämmtlich, den verhaßten Haufen, zu Zunder zusammen. Ein Athem – und Alle fräße die Flamme.«

Aber als das Forniotr hörte, der älteste der Riesen, warnte er: »Surtur, nicht solltest Solches du sinnen! Siehe, es sitzen drohend da drüben die Asen und –: Odhin! Und mehr, als ihre Macht scheu' ich den Schwur, ehr' ich den Eid! »Thursentreu, riesenredlich«: so soll man sagen immer und ewig.«

Odhin aber schaute suchend rückwärts, musternd die Götter, die ihm gefolgt waren.

Unbefriedigt suchte dann sein Auge unter den Riesen.

Baldur entging selten ein Blick des Vaters.

»Du suchst Loki, flüsterte er. Ich sehe ihn nirgend.

Ich traf ihn heute früh im Walde: er sagte, er wolle von Midhgardh nach Alsheim fahren.«

»So ist er in Midhgardh geblieben. Wo steckt er wieder?« –

Einstweilen war der Brautzug vor der Brauthütte angelangt.

Da sprach Harald zu Skadhi: Schicke deine Krieger, wie ich die Meinen, zurück zum Gelage. Noch mehr Meth mögen die Männer. Ich schreite mit Hilde in die Hütte. Nach Volksrecht muß ein Freund bezeugen, daß wir Beide in die Hochzeithütte traten: und das ist des Brautführers Amt. Aber – du sahst es selbst – als Hilde's junger Vetter als der zweite im Brautlauf – du warst der dritte – an dir vorüberlief, schnellte eine rothe Natter aus dem Moos und biß Hroar in den Fuß, daß er mit Schmerzen auf das Lager getragen ward. So wardst du der Zweite im Brautlauf und griffest nach Hilde's linkem Arme. Aber ich hielt schon die Rechte und an die Brust riß ich die Braut. So bist du Brautführer an Hroars Stelle. Blutsbrüderschaft, unserer geritzten Arme methgemischtes Blut, haben wir getrunken: uns eint der Treue treustes Band, das Männer binden mag auf Erden. Hier, nimm mein Schwert und hüte unsern Schlaf.«

Er zog es aus der Scheide und reichte es ihm.

Schweigend nahm Skadhi die Waffe. –

Mit Mühe hielt Odhin Thor zurück, der mit seinem Blitz die ganze Brauthütte in Brand aufflammen lassen wollte, bevor Harald mit so blindem Vertrauen sie beschritte.

Odhin sprach: »Hemme das Herz, die Hand und den Hammer! Wir dürfen nicht drohend noch warnend winken, nicht retten noch rächen, so lang nur Mensch den Menschen listig umlauert, selbst meuchelnd ihn mordet! Erst wenn die Wilden es wagen, die Riesen, zu rühren an Harald und Hilde – dann helfen wir hurtig.« –

Harald aber, ohne Skadhi's Antwort abzuwarten, ergriff Hilde's Hand und schritt mit ihr durch die Vorhänge in das Zelt.

Und war da nicht Thüre oder Riegel.

Die Mannen aber riefen: »Heil Harald und Hilde!« und eilten lärmend zu Meth und Ael zurück.

Da stand Skadhi allein vor der Brauthütte, das Schwert in der Hand. –

Und möchte da wohl mancher meinen: im Methrausch habe Harald allzuviel gewagt.

Aber das wäre falsch gemeint.

Harald hatte nur ein halbes Horn geleert und er konnte sehr viele Hörner leeren, unberauscht bleibend.

War es ein Rausch – so war es ein Rausch des Glücks.

Denn wenn hochherzige Helden sehr glücklich sind, wollen sie nicht glauben, daß Niedriges athme auf Erden.

Und eine Lust ist es ihnen dann, von allen Menschen zu glauben, daß sie auch gut sind. –

Es war jetzt ganz dunkel.

Der Mond stand nicht am Himmel.

Kein Stern leuchtete.

Nur aus einer Ritze der Brauthütte drang mattes Licht.

Skadhi warf einen Blick nach dem Lichtschein – dann stürzte er in dumpfem Weh zusammen, das Antlitz in dem Waldmoos vergrabend. –

Lange lag er so, regungslos.

Da war ihm, als höre und fühle er neben sich athmen.

Er sah, sich aufrichtend, zur Seite: neben ihm saß, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, – Argr.

»Du!« stöhnte Skadhi. »Was thust du hier?«

»Ich warte.«

»Du wartest? Auf was?«

»Auf das, was du thun wirst. Hältst du doch ein nacktes Schwert in der Hand. Was wirst du thun mit diesem Schwert?«

»Am liebsten stieße ich es in den Mund, der mir so Uebles gerathen. Oder – noch lieber – mir selbst in das Herz, daß es nicht mehr brenne und zucke.«

»Thörig Beides! Wer selbst sich tödtet, den bannen die lieben Götter in ihrer Gerechtigkeit in den Strom der Schwerter, Schlangen und Leichen wälzt: – dieselben Götter die ihm mehr Weh geschickt, als er tragen konnte! – Ja, sie sind eigen, die Götter! – Und mich tödten? – Nicht mein Rath hat dir geschadet –: mein Rath war gut: nicht schlecht. Hätte nicht ein Zaubrer, den Viele einen Gott nennen, durch die Lüfte jenen Flachskopf hergezaubert – längst lägst du in den weißen, den runden Armen der schlanken Hilde, – Hilde's – mit der hochwogenden Brust. Schwellend sah sie heute aus – wie die warm aufathmende Erde unter dem Frühlingsregen. Ich hatte die Zarte immer für so frostig gehalten – aber heute« – – .

»Schweige von ihr – von ihrem Bild! – Du trägst mir Schuld an dieser Stunde – an der heißen Qual in meinem Herzen.«

Argr lachte hell auf: »Ich trage Schuld? Bin ich es, der jetzt den Kuß drückt auf ihre rothen Lippen? Bin ich es, der sich nun anschickt, der schlanken –«

Auf sprang Skadhi mit einem kurzen Schrei der Wuth, das Schwert zückend.

Auch Argr erhob sich: »Harald heißt doch, fuhr er fort, nicht Argr, der Mann, der da hineinging, durch diesen Vorhang da. Und gut versteht es der Held, – das muß ich rühmen, – sich die Lust der Liebe zu würzen mit der Wonne der Rache, mit der Qual des eifersüchtigen Nebenbuhlers! Ha, ha, ha! Da liegst du draußen auf kalter Waldheide und er – –! Und du mußt ihm Wache halten, daß ja keine Störung ihm komme im süßen Thun. Ei, das mag ihm wohl taugen! Sieh, durch jenen Ritz im Getäfel drängt gedämpftes Licht –: ein matt brennender Spahn. – Da mag er nun sattsam das schöne Antlitz betrachten. Mit schwelgenden Händen fährt er die edel gebildeten Wangen herab und –«

»Schweig' oder ich tödte Hilde und mich!«

»Hei – da würde ich doch lieber den Andern tödten! Das scheint mir klüger.«

»Hört es nicht, ihr Götter! Und laßt es mich nicht hören!«

»Die Götter? Ei, die sind ja deine Feinde ohnehin – siehst du das noch nicht? Sie lachen deiner Qual – und deiner Scheu! Sie haben ja Harald – so zu sagen – mit eignen Händen das Brautbett gebreitet. Ha, wäre ich der Nebenbuhler, von den Göttern und Harald wie ein Narr aus Hohn hier auf Posten gestellt, Harald die Brautnacht zu bewachen – ich wüßte wie ich den Göttern dankte und – Harald.«

Skadhi zitterte vom Wirbel bis zur Sohle – es zitterte das Schwert in seiner Rechten. Aber die Linke drückte er grausam fest vor die Stirn.

Argr hielt eine Weile inne, wie überlegend: zu sich selber flüsterte er: »Mag der Eine sterben oder der Andre – wer weiß es? Aber vielleicht durchbohrt Ein Schwertstoß der Asen Langmuth, der Riesen Geduld – und macht schuldig den »unschuldigen« Odhin. Laß' sehen, ob dieser Liebende statt Blutes nur Schneewasser in den Adern hat.«

Und nun neigte er sich ganz an Skadhi's Ohr und zischelte: »Wonnig denk' ich mir's wahrlich, schön Hilde erbleichen zu machen und erglühen und erzittern vor Scheu und vor Lust. – Wohl liegt schon der Schleier vom Haupt ihr gezerrt, zerrissen der Gürtel. – Noch einmal schlägt sie, wie bittend, die langen Wimpern empor: aber er küßt sie auf die brechenden Augen und schon, schon faßt –«

»Schon faßt ihn der Tod!« schrie Skadhi und stürzte, das Schwert zückend, sinnlos vor aufgepeitschter Wuth des Hasses und des Verlangens, durch die Vorhänge in das Zelt; Argr folgte, ein spitzes Steinmesser in der Hand. – – –

Jetzt geschahen aber bei den Riesen, bei den Asen und in dem Brautzelt viele Dinge zugleich, so daß es viel leichter wäre, es, wie die Bilder auf den Griechenteppichen gewirkt sind, im Bilde zu zeigen als in Worten zu sagen.

Harald stand mit dem Rücken gegen den Eingang: mit leiser, zarter Hand löste er eben den weißen Schleier sorgfältig und sanft aus Hilde's Haar.

Nicht ein Riß entstellte den Schleier.

Und war da nichts Wildes, kein Reißen und Ringen, wie Argr gemeint, wie heiß auch Harald's Herz wallte.

Denn Harald war nicht von Argr's Art, sondern von Baldur's.

Einstweilen hatten aber Riesen und Asen von ihren Hügeln herunter auch mit hochklopfendem Herzen zugesehn, zum Theil zugehört: denn Skadhi's Wehlaute verstand man wohl: und daß Argr hetzte, sah man an seinen Bewegungen.

»Wehe den Bundbrüchigen, sagte Surtur zum Fenriswolf, wenn sie Harald jetzt warnen.«

»Schwerlich erträgt es, erwiederte dieser, Thor, den Mord mit anzusehen. Sieh, wie sein Hammer-Arm zittert vor Wuth.«

Odhin aber drückte mit überlegener Kraft Faust und Hammer des Sohnes herunter: »Du mußt es tragen, treuer Thor. Aber, bricht ein Riese nur mit einem Athemzug den Frieden: – dann laß' deinen Hammer fliegen. Ich wollte, – fügte er, sich vorbeugend, schärfer zu spähen, bei – ich wollte, dieser Argr träte in einen Lichtstreif, daß ich seinen Schatten sehen könnte. Mir ist« – –

In diesem Augenblick sprang hinter Skadhi Argr in das Zelt, das Messer gegen Harald's Rücken gezückt: er trat in das Licht des Spahns.

»Er wirft keinen Schatten! Es ist kein Mensch! Ein Riese in Menschengestalt! Gebrochen haben sie den Bund. Wirf, Thor.«

Und ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, wie er in vielen Jahrhunderten kaum einmal gehört wird.

Denn lange, lange hatte Groll sich aufgespeichert in Asathor und furchtbar zornig brach er jetzt endlich los. –

Aber ich erzähle schlecht: denn schon vor dem Blitz und Donner war ein Anderes geschehen.

Hilde, mit dem Antlitz dem Eingang zugekehrt, hatte Skadhi mit erhobenem Schwert hereinstürmen sehen, bevor Harald sein gewahren konnte: sie schrie auf, Schreck in den Zügen: Harald wandte sich, sah den Mörder, fiel ihm in den Arm, entriß ihm das Schwert und stieß es ihm bis an's Heft in das Herz: todt fiel Skadhi.

Ueber Skadhi's Leiche hinweg hatte Argr das Messer gegen Harald gezückt, als ihn der Hammer Thors, gerade auf den Helm, traf: und war da das allergrößte Wunder, daß zwar der Helm zerbarst, aber das Haupt unversehrt blieb als sei Miölnir eine Flaumfeder: eine Fülle rothen Gelocks, bisher unter dem Helme versteckt, fluthete über des Trotzigen Nacken. –

»Loki!« rief Odhin.

»Loki war Argr!« riefen alle Götter. Und gedachten, wie er Freia und Miölnir den Riesen in die Hände gespielt.

»Ja, Loki!« lachte dieser aus den Flammen des lichterloh brennenden Zeltes, ( – aus welchem Harald gleich nach dem Blitz Hilde in's Freie gerissen – ) zu den Asen hinauf: »Gebrochen habt ihr den Bund, zertrümmert die Treu! Doch, dummer Donnerer, nicht schlägt mich dein Schlag – mich erlegt nur ein Andrer.«

Da stürzte das brennende Dach der leicht gezimmerten Hütte krachend nach Innen: die hochauflodernde Flamme schlug prasselnd in die Höhe: ein feuriger Springquell von Funken schoß in langer Säule, einer Mannesgestalt ähnlich, in die Luft: Loki war verschwunden.

Die Flamme ergriff die nächsten Bäume: der Wald begann langsam zu brennen.

Nun aber schrieen die Riesen brüllend durch die Luft, durch Flammen und Rauch zu den Göttern hinüber: »Treulos und trugvoll, Brecher des Bundes, sind Odhin und die Asen. Harald zu helfen hoben die Hände der treulose Thor und Odhin der Arge!«

Und schon flogen, von den Riesen geschleudert, Felstrümmer gegen die Götter herüber.

Harald und Hilde flohen aus dem brennenden Wald gegen die Halle zu: da sauste beiden ein Felsen nach, groß genug, nicht nur, Beide zu tödten, auch ausreichend, Beide als Grabhügel zu bedecken.

Aber Baldur hatte es scharf bemerkt: er blies –: und harmlos glitt der Stein neben Harald nieder.

Frigg aber und Freia warfen, nachschwebend, ihre Schleier über das Par –: ein silberweißer Nebel entzog die Fliehenden den Blicken der Riesen.

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