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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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XII.

Als die Sonne im Mittag stand, kam von Süden, vom Baldurtempel her, der Brautzug, der Hilde geleitete und dem Bräutigam zuführte – ein junger Vetter der Braut führte den Zug –: der sollte auch die Brautwache halten vor dem Hochzeitzelt, das im Walde, nahe dem Hügelgrab, errichtet war.

Aber in die lauten frohen Gesänge des Brautzuges mischte sich ein anderer Ton: von Norden her aus König Skadhi's Land kamen dessen Mannen gezogen mit dumpf klagendem Hörnerklang, ihres Fürsten Leiche zu holen.

Vor dem Hügelgrab trafen der Hochzeitzug und der Leichenzug zusammen.

Da kam aus dem Gewölbe Harald geschritten, hellfreudiger Miene –: »er sieht aus, als ob ihn Baldur auf die Stirne geküßt,« sprach alles Volk.

Er eilte auf Hilde zu, schlug ihren Schleier zurück und küßte sie auf den rothen Mund.

Dann wandte er sich zu Skadhi's Mannen und sprach: »Euren König kommt ihr, den todten, zu holen? Da habt ihr den Helden: nicht traurig todt, – nein: lebenden Leibes!«

Und er sprang an den Eingang des Grabhügels und führte Skadhi, an der Hand ihn haltend, den Seinigen zu.

Da staunte alles Volk und lobte Harald.

Hilde aber sank an seine Brust: feucht waren ihre Augen.

Und der Aelteste von König Skadhi's Mannen trat vor, nachdem er mit den Anderen geflüstert hatte, und sprach: »Wie dünket euch, Herr König? Erblos seid ihr. Vater fehlt euch und Vetter, Bruder und Bruderssohn. – Solltet ihr nicht noch Söhne gewinnen –«

Finster fiel Skadhi ein: »Dort steht Hilde – des Andern Braut. Nie wähl' ich anderes Weib.«

»So sollt ihr wissen, daß wir dem Gauthing vorschlagen werden – ihr selbst sollt dazu rathen – und die Männer werden thun wie ihr und wir empfehlen: – König Harald soll euer Erbe sein, – denn ihr zählt zehn Winter mehr. Nämlich ein Großes ist es und nicht ein Geringes, was König Harald heute hat an euch gethan. Und wir wüßten uns nach eurem Tode keinen lieberen König als König Harald.«

»Ei und ihr hattet ihn wohl schon gekoren, als ihr hieher kamt, die Leiche zu holen!«

So schlug, Alle überraschend, ein grelles Lachen aus dem nächsten Dornbusch.

Ein schlanker Krieger trat daraus hervor, die rothen Locken in den Nacken schüttelnd.

»Du, Argr! Du kamst wohl auch, meine Leiche zu holen? Keiner hat ein näheres Recht. Dein Rath hat mich in diesen Hügel geführt.«

»Mein Rath? Mußtest du ihm folgen? Habe ich ihn aufgedrängt? Wer hat von uns beiden sich aufgedrängt Einer dem Andern? – Uebrigens wußte ich, daß du lebst. – Einen jungen Hirten – einen guten Bekannten aus andrem Reich – sah ich durch das Jungholz streichen, wie ein Füchslein, das sich wohlgelungenen Streiches freut – . Ich stellte ihn: und in der Freude seines Herzens erzählte mir der Schwätzer Alles, was ich wissen wollte.«

»Er freute sich, daß ich lebe?«

»Mancher freute sich schon über Sat, die ihm Unfreude tragen sollte.«

Skadhi seufzte: »mir wäre wohler, ich läge todt durch des Siegers Schwert, als daß ich lebe durch des Siegers Gnade.«

»Noch wohler aber wäre dir, flüsterte Argr, er läge todt durch dein Schwert und du lebendig bei schön Hilde. – Schau' nur, wie deiner Mannen Augen schon jetzt mehr an Harald hangen als an dir.«

Da wandte sich Harald, der einstweilen dankend mit Skadhi's Kriegern gesprochen, zu diesem: »Lieber! Langes Leben wünsche ich dir. Oft überlebt der Aeltergeborene den Jüngeren. So vielleicht auch du mich.«

»Ahnungen,« lächelte Argr, »soll man nicht Lügen strafen, sondern erfüllen helfen!«

»So lang wir aber leben,« fuhr Harald fort, »wollen wir feste Freundschaft halten. Komm mit – sei mein Gast an der Hochzeittafel –: Blutsbrüderschaft wollen wir trinken – du solltest mein Brautführer sein, hätte nicht Hilde's junger Vetter, Hroar, das nähere Recht.«

Als Argr diese Worte vernahm, glitt er unvermerkt in das Gebüsch und verschwand. –

Skadhi hätte nun diese Gastladung lieber ausgeschlagen: denn heißer noch als Haß gegen Harald verzehrte ihn Verlangen nach Hilde: sie hatte nie so reizvoll geblüht wie an diesem Tage.

Ein süßer Schimmer seliger Scham lag auf ihrem Antlitz: die vollen, schwellenden Lippen öffneten sich manchmal, wie in Erwartung geheimnißvollen Glückes. Ihre üppigen, glänzend weißen Arme wurden von den breiten, goldenen Armringen noch schöner in ihrer Weiße und Fülle gezeigt. Unter dem feinen Schleier blieb der Hals sichtbar und die volle, wogende Brust. Sie seufzte manchmal tief athmend: aber es war nicht ein Seufzer der Trauer, nein: bangen Sehnens –: sie wußte nicht, was sie ersehnte.

Wie alle Gäste folgte auch Skadhi dem Zuge nach der Brauthalle vor dem Walde, wo das Hochzeitmahl gehalten ward: er saß Hilde gegenüber: mit heißen Blicken sog er ihren Reiz.

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