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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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XI.

Am Morgen dieses Tages – seines Hochzeitstages – war König Harald ganz früh aus dem Gehöfte getreten nahe dem Baldurtempel, wo er geschlafen.

Er wollte in den Wald gehen nach dem Grabhügel, in welchem Skadhi gefangen saß, das Urtheil durch die Wächter vollstrecken zu lassen: denn um Mittag sollten die Mannen aus Skadhi's Land kommen, die Leiche in Empfang zu nehmen.

Und war das in dem Monat, der »Eierzeit« heißt, weil da die Vögel brüten: das ist Spätwinter oder Vor-Frühling, da der Lenz zu kommen pflegt.

Noch war er aber dies Jahr nicht gekommen: Schnee deckte noch Feld und Wald.

Nur hatte man in den letzten Tagen hellere, leichtere Wolken und weicheres Blau am Himmel gesehen.

Und in der eben versunkenen Nacht hatten heftig streitende Winde mit einander gekämpft.

Und endlich war der Wind ganz umgesprungen: – der Süd hatte gesiegt.

Da hatte, noch in der Nacht, das Thauen begonnen: – das trauliche Tropfen vom Dachfirst auf die Anfangs noch feste, gefrorene Erde, die allmälig immer weicher, lockerer wird, so daß der Dachtropfen immer weicher auffällt: – ein Laut, der das Herz erfreut.

Und Harald, geweckt in der Nacht durch Stöße des Südwinds, hatte das wohl gemerkt: und gern vernahm er das träufende Thauen.

»Nun kam,« sprach er halb wachend, halb träumend, »der Lenz nah an's Land. Baldur, Odhins Sohn, bring' ihn doch mit dem Morgen ganz in den Gau: – unseren Hochzeittag gilt es zu feiern! – – Und noch ein ander Werk – ein ganz anderes – habe ich morgen zu verrichten – welches doch?« –

Aber er hatte nicht mehr vermocht, es zu sagen. Er war wieder eingeschlafen, bevor er's gefunden.

Als aber Harald am Morgen aus dem Hofe trat – wohl wußte er nun das andere Werk, das zu vollenden war – da sah er, daß Eis und Schnee in dem Thalfeld völlig geschwunden: – die kleinen Eisflächen waren alle kleine Wasserspiegel geworden, die in der Morgensonne glänzten, vom Winde in winzige Wellen bewegt –: an dem feuchtblauen Himmel zogen hellrothe Wölklein hin: und hoch aus den Lüften grüßte ihn der Ruf des Wanderschwanes, der singend von Süden strich.

Freudig blickte Harald auf: »noch heute, scheint es, kommt Baldur in den Gau!«

Und weiter schritt er, dem Walde zu.

Da stob das junge Reh – schon wich sein graues Winterkleid dem rothen Sommerhaar – tiefer in das Gehölz: es hatte, leckeren Mundes, geäst an den bitteren Knospen, den schon stark schwellenden, der rothen Weidenbüsche.

Und aus der hellgrünen Sat – trefflich hatte sie und treu die schirmende Schneedecke geschützt: fast zwei Hände hoch ragend wogte das Grün leise im Frühwind – stieg, hell aufjauchzend, Baldur's Freundin empor, die trillernde Lerche: langsam stieg sie, in gewundenen Schwingungen, vom hellsten Sonnenschein beglänzt, in die blaue Luft.

Weit dehnte Harald die breite Brust, tief aufathmend: »Laue Luft und lindes Licht und liebes Leben! Heil wer euch noch hat! – Ich aber, – ich gehe, sie Einem zu nehmen, der sie nicht minder liebt als ich.«

Kaum hatte er das Letzte seufzend vor sich hin gesprochen – er hatte den Wald nun schon durchschritten und trat im inneren Gehölz in eine Lichtung, – da stand plötzlich, aus dem Weißdornbusch auftauchend, neben ihm ein schlanker Jüngling –: der war sehr schön und weiß: und höher als der hochgewachsene Harald.

Zugleich aber brach die Sonne, welche einige Schritte lang leichtduftig Gewölk und die Wipfel der Bäume verdeckt hatten, mit vollem Guß wärmer als je zuvor auf die Waldwiese, aus welcher dampfend warmer Brodem stieg: ein schöner Falter flog gaukelnd über die Gräser, hellgelb, wie die Schlüsselblumen, die der Jüngling auf dem grünen Hirtenhute trug: in der Hand hielt er eine frisch geschnittene Gerte, an welcher bereits ein paar kleine krause Blättchen schwankten.

»Heil dir, Held Harald, Halfdans Sohn,« rief der Hirt mit hellklingender Stimme – »und Heil all' deinen guten Gedanken!«

»Wer bist du? Woher kennst du mich?«

»Frühwach heiß' ich und hüte die Herden des Baldur-Tempels. Wer aber kennt nicht Harald, den Drachenschläger! – Du gehst in den Wald –: wohl zu frohem Werk?«

Harald furchte schweigend die Stirne.

»Zur Hochzeit gehst du mit Hilde?«

»Vorher geh' ich, einen Mann zu tödten.«

Da blieb der Jüngling, hart den Schritt hemmend, stehen, als wolle er den Weg nicht mehr theilen.

Harald sah ihn fragend an.

»Ich übernehme heute neues Werk – eine neue Herde« –

»Nun – und?«

»Vergieb: da geh' ich nicht gern mit einem Manne blutiger Gedanken. Wir alle bedürfen der Gnade der Götter: – wenn auch sie jede verwirkte Strafe vollzögen – wer lebte noch von uns Menschen? – – O der arme Zappler!« –

In dem Graswege lag auf dem Rücken ein kleiner rother Käfer mit schwarzen Punkten – ein Steinchen war auf ihn gefallen und drückte ihn fast zu Tode. – Vergeblich trachtete das Thierlein mit allen sechs Füßen und mit den Flügeldecken, sich empor zu heben. – Ermattet, dem Tod sich ergebend, ruhte es nun.

Der Jüngling hob die Gerte: »Sterben soll er!«

»Was fällt dir ein,« rief Harald, »heut', am ersten Tage des Lenzes!« Rasch bückte er sich, hob den Käfer unter dem Stein hervor, legte ihn auf die flache linke Hand und reckte diese in den wärmsten Sonnenschein.

Alsbald regte sich das Thierlein, putzte sich mit dem vordersten Füßepar das Köpfchen, spreitete die Flügel aus und flog summend in die Sonne.

»Grüße mir Nanna«, rief ihm der Hirt nach.

»Ja,« sagte Harald nachdenklich, »er heißt Nanna's Bote.«

»Du hast ihm das Leben gerettet, – wie etwa ein Gott verzweifelndem Manne.«

»Dann wahrlich – selig sind die Götter!« rief Harald. »Ich sage dir, Knabe, wohlig warm ward mir im Herzen, daß ich das arme Kriecherlein retten konnte –: wie warm muß es erst den Göttern zu Herzen schießen, können sie Menschen das Leben schenken. – Nein! – und er stieß den Speerschaft auf die Erde – bei'm blühenden Baldur, der uns heute den Lenz gebracht –: nicht sterben soll Skadhi! Leben soll er, an Luft und Licht sich laben! Leben soll er und das Leben danken Hilde's Hochzeitstag und Baldurs Frühlingstag.«

»Aber am Höchsten – Harald's Herzen! Heil dir, o Harald. Schön hast du entschieden – und aus eigener Einsicht: nicht aus fremder Fügung.«

So rufend bog der Hirt in den nächsten Weißdornbusch am Wege und war verschwunden.

Erstaunt sah ihm Harald nach: aber er gewahrte nichts als einen breiten hellen Streifen von Sonnenlicht, der durch die blattlosen Zweige verschwand.

»War es ein Gott oder nur ein Hirt? Nicht weiß ich's zu sagen! Aber beweglich traf sein Blick, sein schlichtes Wort sein Herz – – . Nein, Skadhi, du sollst nicht sterben.«

Mit diesen Worten eilte er an das Hügelgrab, vor welchem zwei seiner Krieger Wache hielten.

Er schritt in die Oeffnung. Lang weilte er in dem Hügel. –

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