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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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IX.

Am gleichen Tag, als Odhin aus seiner Schlafkammer trat – Frigg war, wie immer, schon vorher in den Hof gegangen, wo sie unter der hohen Eiche das Frühmal eigenhändig rüstete – stand Baldur auf der Schwelle, den Vater zu begrüßen. Oft that er so: denn er wußte: der Vater liebte es, wenn sein erster Blick im Freien auf seines Lieblings Antlitz fiel.

Aber Baldur erbleichte, da er heute die gefurchte Stirn des grübelnden Gottes sah.

Die beiden Raben – jede Nacht sitzen sie auf dem vorspringenden Sims der Thürpfosten – flogen auf und umflatterten ihren Herrn: da sie aber des Gottes düsterer Blick traf, wagten sie nicht, wie sie sonst wohl thaten, auf seine Schultern zu fliegen und muthwillig in seinem wirren Bart zu zausen. Ehrfurchtvoll duckten sie auf die Erde nieder und blickten scheu mit ihren klugen Augen zu dem Gebieter auf.

Odhin aber, als er Baldur erblickte, ward, ganz gegen seine Gewohnheit, noch ernster als zuvor: Wehmuth zuckte um seine bärtigen Lippen.

»Was hast du, mein Vater?« fragte mit verhaltener Stimme der junge Gott und legte dicht herantretend die Hand ihm auf die Schulter.

»Träume hatte ich, mein Sohn, im Schlaf: sie werden zu dunkeln Sorgen im Wachen«. Und er schlang, die Stufen herab steigend, den Arm um den Liebling.

»Kann ich sie dir nicht abnehmen?«

»Du?! – Nein, du Herz von lautrem Golde! Du – am Wenigsten.« Und er strich über Baldurs hell leuchtendes Gelock. – »Aber komm. – Laß uns eilen. Die Mutter hat wohl schon das Frühmal bereit unter der Adler-Eiche im Gartengehege. Sie liebt nicht, zu warten.«

»Und Heidhruns Milch mundet dir, Vater, nur frisch gemolken,« fiel eine liebliche Frauenstimme ein. »All Heil, Odhin, du Edelster aller, du Wächter der Welt! Dich grüßen die frühsten Kinder des Frühlings.«

Es war Nanna, welche mit einem großen Strauß weißer Blumen in der Hand aus dem Gartengehege Beiden entgegen trat.

»Nanna!« sprach Odhin, freundlich aber ernst lächelnd. »Wer hat je Nanna ohne Blumen gesehen?«

Und er nahm dankend den Strauß.

Beide Gatten faßten seine Hände und führten ihn in den Garten.

»Nanna's Fingerlein nennen die Menschen,« lächelte Baldur, »diese Weißen, die zu allererst aus dem Schnee lugen und langen. Sie wissen nicht, wie viel weißer Nanna's Hände sind.«

»Auf Midhgardh ist es fast noch ganz Winter!« sprach Nanna. »Sieh, wie einzelne Flocken abwärts wirbeln.«

»Nur in Breidhablik, Baldur's Gehege, lebt ewiger Lenz,« sagte Odhin. »Das hab ich dem Sohn als Zahngebinde geschenkt.«

Die beiden Raben sahen das Düster in Odhin's Antlitz heller geworden: freudig krächzend flogen sie nun den Dreien voraus über die Häupter hinweg zu der großen Eiche im Garten: dort fanden sie andre geflügelte Gesellschaft.

Die Eiche netzte die Wurzel in silberglänzendem Weiher: da schwammen Frigg's stolze Schwäne: aber von dem Giebelgebälk vor dem nahen Breidhablik, das nur durch einen schmalen Hof von Odhin's Halle getrennt ist, erblickten Nanna's schneeweiße Tauben die Herrin: und schwirrend kamen sie geflogen.

Unter der Eiche war der Rundtisch gefestigt: von weißem Lindenholz die mächtige Platte und halbrunde Bänke rings herum.

Zwischen dem Stamme der Eiche und dem Tisch aber stand Frigg im blauen Gewand, das schöne Haar von tief dunkel goldner Farbe wie eine Krone in breiten Flechten um das Haupt geschlungen: ihre wunderschönen, vollen, weißen Arme waren unverhüllt: und schön war zu schauen, wie die herrliche Frauengestalt des Frühmals waltete: Fulla, ihre freundliche, immer heitere Magd reichte der weißen Ziege Heidhrun, welche sie eben gemolken, noch knieend Salz in der flachen Linken: mit der Rechten strich sie dem klugen Thier über die krause Stirn und die goldenen Hörner.

Frigg trat nun Odhin entgegen mit dem Silberhorn voll schäumender Milch: er aber drückte, bevor er trank, sein wunderschönes Weib an die Brust und küßte sie herzlich auf den üppigen rothen Mund: »Freude dir, Frigg! Schimmernd Schöne! Heute noch herrlicher bist du zu schauen als alle Töchter, die du mir geboren!«

Frigg aber sprach, – und ihre manchmal harten, stahlblauen Augen glänzten weich und feucht: – »Und herrlicher heute ist mir Odhin der Arge, da Reif ihm Haar und Bart weißgrau gesprenkelt, als da er vor dreißig Wintern die dunkelbraunen Locken geschüttelt.«

Sie ließen sich nun auf die teppichbehangnen Bänke nieder.

Auf weißes, duftendes Brod, das sie selber gebacken, strich Frigg mit dem Messer aus Hirschhorn köstlichen Honig, der in reichen Waben aus der Rinde der Eiche troff.

Die Schwäne waren nun, schwerfälligen, langsamen Trittes, aus dem Weiher heraufgeschwankt: ungestüm drängten sie gegen Frigg's Kniee, Brosamen aus ihrem Schos zu nehmen, während Nanna's weiße Tauben deren Haupt umflatterten und eine, auf dem Handgelenk sitzend, aus den Lippen der Herrin die Waizen-Körner pickte, aus welchen Fulla das köstliche Waizenmus bereitet hatte. Verständig und ruhig saßen Hugin und Munin auf des Gebieters Schultern und nahmen, ohne Gier, ganz bedächtig, die Brocken von lockerem Käse, welche der Herr ihnen langsam zureichte. Hoch oben aber im Wipfel der gewaltigen Eiche, unsichtbar im dicht von Aesten verhüllten Horst, saß Odhins Adler: er spürte scharf nach Süden: denn nicht von Norden oder von Osten, wenig von Westen, von Süden einst segelt den Göttern Gefahr – so hatte Odhin aus Runen gerathen: seit dem sieht nach Süden sein Späher.

Von Osten her fielen nun warme Strahlen auf den Tisch und Bänke. Odhin blickte hinüber: es war Freyr, der, in dem Sonnenwagen stehend, höher und höher hinauffuhr und eben mit seinem leuchtenden Schwert – denn noch hatte er es nicht zu seinem Verderben hingegeben! – blendend einen Gruß herabgewinkt hatte. Odhin nickte ihm zu. »Hätte nicht dich, Baldur, heute die Reihe getroffen, den Sonnenwagen zu führen?« fragte er den Sohn.

»Ja, Vater. Aber ich bat Freyr, mir es heute abzunehmen. »Ich hätte ein Geschäft, einen Gang auf Erden – wenn du es verstattest. Denn – nicht wahr, Vater? – nicht brech' ich den Bund mit den Riesen, lege ich es darauf an, – ich scheue auch den Schein der Untreue – heute morgen Harald im Walde zu begegnen. Du weißt: – er soll heute freien und –«

»Und Skadhi soll sterben«, fuhr Odhin fort.

»Ich werde ihm nichts zur Hochzeit schenken,« fiel Baldur hastig ein, »wie ich beschlossen hatte vor dem Vertrag mit den Riesen: meinen Bernsteinbecher hatte ich ihm zugedacht, der zerspringt, wenn er Gift zum Munde führen soll.«

»Behalte den Becher!« gebot Odhin ernst.

»Ich werde ihm nicht Geräth reichen noch Rath reden: – aber das ist doch keine Hilfe, wider das Eidwort, – daß ich ihm begegne?«

»Begegne ihm,« sprach Odhin und drückte ihm die Hand.

Frigg jedoch sprang auf und küßte den Sohn auf die Stirn: »Ich sehe, wie dein Vater, deine Gedanken schimmern durch deine weiße Stirn. – Ei, da erröthest du, wie, wann du sie küßest, stets noch erröthet deine Nanna – das Weib, das ewig Mädchen bleibt.«

Da erröthete Nanna tief und über und über vom zarten Halse bis hoch in die Stirn: sie bog das Antlitz zur Seite und hielt vor die gesenkten Wimpern, wie einen Schirm, eine Welle ihres frei flatternden Goldhaars.

Baldur stand auf: »Ich wollte in diesem Jahr erst später den Lenz in Haralds Land tragen. Nun thu' ich es heute, an seinem Hochzeittag: da hat er doch ein Hochzeitsgeschenk, – lächelte er – das können die Riesen nicht weigern und wehren.«

Er nickte noch Nanna heimlich zu, grüßte ehrfurchtsvoll die Aeltern und sprang leichten Fußes durch die Thür des Gartengeheges, ein Liedchen trillernd, das also begann: »Flink nun die Flügel, Lerche, mein Liebling, hebe und hebe den süßen Gesang. Auf die Erde nun eilig! Frühling und Freude bringen wir beide!«

Odhin sah ihm sinnend nach: »Nein«, sprach er dann zu sich selber; »nein, Sonnenblick der Welt und meiner Seele – sie sollen dich nicht morden. Ich verhüte es, wenn Kraft und Weisheit es können wehren. – Wenn!« seufzte er und stand auf.

Frigg trat zu ihm und reichte ihm Mantel, Hut und Speer, welche Fulla schon vorher aus der Halle geholt: »Wann?« frug er die Gattin leise, mit dem Blicke Nanna streifend.

»In wenigen Wochen, antwortete Frigga. Sobald der Storch sein Nest gebaut, wird Baldurs Erbe geboren. – Du willst schon wieder hinweg von uns: – ewiger Wandrer? Wohin willst du diesmal?«

»Nach Svartalfaheim.«

»Zu den Dunkelalfen? Den Bergzwergen? Weit ist der Weg! Düster denk' ich mir Dunkelheim.«

»Doch weisen Witz weiß ich dort wohnen!«

»Unter der Erde ist's! Unheimlich! Ich sorge um dich.«

»Nun, es ist ja nicht, als ob ich nach Hel führe.«

Da schauderte Frigg – Grauen durchschüttelte sie –: sie umschlang den Gatten mit beiden Armen und barg das stolze, schöne Haupt an seinem Halse: »Nach Hel! Furchtbares Wort! Mich friert. Nach Hel dringt ja kein Leben!«

Nachdenklich, grübelnd sprach Odhin vor sich hin: »Man muß doch athmen können in Hel. Die Nornen leben dort! – doch« – und er richtete sich hoch auf und hob den Speer: »Was frommt ewiges Fragen! Recht redest du, Frau: grübeln macht grau. Nach Dunkelheim diesmal nur führt mich die Fahrt, zu erzwingen von Zwergen, was nützlich und nöthig.«

Und beiden Frauen mit dem Speer Abschied winkend, schritt er bedachtsam, langsam aus dem Gehege.

Frigg ging ihm nach bis an die Thür: »Odhin, rief sie ihm nach, noch einmal dein Antlitz, noch einmal dein Auge!«

Er blieb stehen, wandte sich, blickte sie an und nickte ihr zu. Dann schritt er langsam weiter.

Frigg ging zu Nanna an den Tisch zurück und gab ihr das kurze Geleit nach Breidhablik hinüber. »Immer ernster, klagte sie dabei, wird mir Odhins Antlitz. Selten mehr spielt um den bösen Mund jenes übermüthige, sieghafte Lachen! Ach wie seh' ich es gern! Auch wenn es meinen Fehlern gilt, die er trägt und bezwingt mit lachendem Spott. Aber Geduld! – In wenigen Wochen wird meine Nanna ihm Freude bescheren – legt sie ihm den Enkel in die offenen Arme.«

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