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Odhin's Trost

Felix Dahn: Odhin's Trost - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleOdhin's Trost
publisherZehnte Auflage
printrunVerlag von Breitkopf und Härtel
year1901
firstpub1880
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectide5ee511e
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VII.

Wir lassen sie nun reiten ihres Weges und wenden uns wieder zu Harald dem Helden.

Denn kunstlos und kraus und wirr gewoben sind meine Worte – ich weiß es und kann's doch nicht wenden.

Harald war ausgezogen mit den Seinen zu rechter Zeit und zu rechter Zeit eingetroffen an dem Grenzhag, die andern beiden Könige zu erwarten.

Aber sie kamen nicht.

Da ließ er Wachen an dem Grenzhag zurück mit dem Gebot, die etwa später noch Eintreffenden ihm nach zu führen und machte sich auf, den Wurm allein zu suchen, fand ihn aber nicht.

Als er nun eines Nachts auf dem Heerweg schlief, kam ein Reiter angesprengt aus König Frodhi's Gau, deß Roß fiel todt, nachdem er abgesprungen. Der Reiter aber rief: »Heil uns, Herr, daß ich endlich dich finde. Ich komme von Baldurs Tempel. Todt liegt König Frodhi und seine Schar, bewältigt vom Wurme. Skadhi aber, der die Todten gefunden, zog nur wenige Rasten mehr auf des Drachen Spur: auf eines Rothhaars Rath, den er am Weg aufgelesen, machte er plötzlich Halt, ließ Drache Drache sein, wandte sein Roß und seine Reiter und jagte zurück vor Baldurs Tempel: mit Gewalt will er Hilde gewinnen: er bestürmt mit Wuth das feste Gefüge, die heiligen Hallen. Held Harald zu Hilfe!«

»Der Neiding!« rief Harald, sprang zu Pferd und wollte befehlen, rasch zu reiten nach Frodhi's Land nach Osten.

Da kam aber ein zweiter Reiter angesprengt von Süden, aus Haralds eigenem Gau, und meldete, der Drache sei in das Land gedrungen und alles Volk Haralds falle vor seinen Flammen und seinem Gifthauch.

Da riß König Harald sein weißes Roß herum und rief: »Erst rett' ich das Reich! Erst befrei' ich mein Volk. So gebot mir der Gott, den vor Allen ich ehre: Odhin der Edle. Erst würg' ich den Wurm, dann helf' ich erst Hilde!«

Und sausend schoß er den Seinen voran.

Die folgten feurig und dachten dankbar: »Harald, unser Herr, heißt »Volks-König« mit Fug.«

Und so ritten sie rasch die ganze Nacht hindurch.

Bei Tagesanbruch erreichten sie schon den Heimatgau.

Nebel umhüllte, obwohl die Sonne schon empor gefahren war, den Ausblick nach beiden Seiten. Da erhub sich von der Rechten ein Windhauch und blies den Nebel zur Seite: und Harald gewahrte, dicht neben dem Heerweg, zur Rechten, eine alte Waldschmiede, welche er wohl kannte, die aber seit Jahren unbewohnt war.

Er staunte, die Esse lohen zu sehen: er sah auch einen Schmidt am Amboß stehen: und mächtig dröhnten dessen Streiche.

Da klirrte es plötzlich unter Haralds Roß wie Eisen auf Stein: das Pferd strauchelte und stand zitternd, von Schreck gelähmt.

Harald sprang ab und sah, daß das Hufeisen des rechten Vorderfußes mitten entzwei geborsten war.

Er war den Seinigen weit voraus gesprengt: so nahm er selbst das edle Thier am Zügel, führte es über den Weggraben an die Schmiede und winkte dem Schmidt.

Dieser nickte, ohne ein Wort zu sagen, nahm ein Huf-Eisen, das er eben fertig geschmiedet, und drückte es, ohne Hammerschlag, mit der Hand auf den rechten Vorderhuf – da saß es wie nornen-genietet.

Harald staunte und frug den geschickten Meister, von wannen er gekommen und wie er heiße.

Der sprach: »Weither von Wolkenheim kam ich gewandert. Namen nennen mich vielerlei, seit ich unter die Völker fuhr. Eines Namens genügte mir nie, seit ich unter die Völker fuhr: Grimur hieß ich und Gangleri, Wandrer und Wundrer, Runenrather, aber Bölwerkr in Gunlödhs Gehege. Den Huf hat des Hengstes dir Völundr gefestigt!«

»Den Meister, mein' ich, aller Schwert-Schmiede und Schwarzschmiede rühmt dich die Rede der Sänger und Skalden. Was verlangst du als Lohn?« Völundr lachte: »Als Lohn? Dein Leben! Doch heute noch nicht! Aber am Ende deiner Tage, du Tapfrer, schmückst du mir doch noch meine große Schmiede als Genoß und guter Gesell. Für heute höre, wie den Weg ich dir weise. An den Wurm willst du, weißt nicht, wo er sich wälze? Um die Braut bangst du, vor Raub sie zu retten? Es wälzt sich der Wurm neun Nachtritte nordwärts. Um zur Braut dich zu bringen erheischt dein Hengst nochmal neun Nächte.«

Laut klagte da Harald: »Ach, ich Armer! So muß ich die Maid verlieren für immer! Bis ich den Riesen erreiche, reißt mir der Räuber die bebende Braut aus den brennenden Balken! Doch ich reite zum Riesen!« –

Da schlug ihm der Schmidt auf die Schulter – ganz leicht nur, aber Harald zuckte unter der Hand des Hohen: »Heil dir, Harald, Halfdans Sohn. Du wahrst dein Wort: mehr als die Maid liebst du dein Land. – Wagtest du wohl, statt des weiten Weges auf staubiger Straße, den raschen Ritt hoch durch die Himmel, durch Wolken und Wind?«

Harald schüttelte das Haupt: »Hoch durch die Himmel, durch Wolken und Wind weiß nur Einer reisig zu reiten: Odhin der Edle. Ja, wollte der Weise leicht durch die Lüfte mich führen, – furchtlos folgt' ich und freudig: nicht sollte mich Sorge noch Schwindel beschweren.«

Da faßte plötzlich der Schmidt den Helden um die Hüfte, hob ihn auf den Hengst, schwang sich hinter ihm in den Sattel und sprach: »Gewährt ist dein Wunsch! Es beschlug dir als Schmidt dein rasches Roß Siegvater selbst! Und leicht durch die Lüfte hebt dich der Herrscher der Wolken und Winde. Siehst du, mein Sohn, dort oben den Adler? Wie sausend er segelt? Wahrlich, wir werden rascher doch reiten als eilende Adler!«

Und einen Schlag gab Odhin dem Schimmel auf den Schenkel: da stieg laut wiehernd das edle Thier vorn hoch empor, stampfte nochmal mit dem Hufeisen des Gottes auf den Grund und mit schnaubenden Nüstern, mit flatternder Mähne, flog es brausend durch die Luft, wie gefiederter Pfeil von der Sehne geschnellt. Weithin nach wehte Odhins dunkler Mantel, wie eine Wolke, das Roß und die Reiter verbergend: der Ritt freute den König der Lüfte: er lachte und rief: »flink fliegt der Falk, rasch reist der Rabe, – rascher doch reitet durch Wolken und Wind Odhin von Asgardh.«

Harald verging Hören und Sehen: Blut brach ihm aus Ohren und Nase: aber er wankte nicht.

Bald sahen die Luftreiter Feuer aufflammen, das kam aus einer Scheune: deren Thor und Dach waren ausgebrannt, hoch von oben sah Harald hinein: in der Scheune drinnen lag der Drache: er hatte den Bauer sammt beiden Stieren, welche die Aehren auf der Tenne austreten sollten, verbrannt: vergnügt fraß er an dem dreifachen Braten.

Urplötzlich stand das Roß auf dem Boden vor der brennenden Scheune.

Beide sprangen ab: Harald warf einen zornigen Blick auf den Wurm und riß sein Schwert heraus: »Könnt' ich meinen Bauern nicht retten – ich räche ihn rasch: Volkskönig heiß' ich.«

Das gefiel dem Gott: er sprach: »Gut, bestreite den Riesen. Nicht helf' ich dir dabei. Doch zähme den Zorn: Wuth wüthet gegen den eignen Wirth.

Nur Rath rath' ich: halte den Athem an dich. Und nur noch ein Wort – das du selber schon weißt: links allem Lebenden hüpft das Herz. Nun hilf dir, Held, so wird Walhall dir helfen.«

Harald lief nun rasch den Lindwurm an, durch das offne, noch brennende Scheunenthor springend.

Aus weit geöffnetem Rachen blies der Riese ihm entgegen Geifer und Gift und fauchte Feuer.

Harald hielt die linke Hand vor den Mund, sprang behend auf des Wurmes linke Seite und bevor das ungefüge Ungethüm sich wenden konnte, stieß er ihm, von unten ihn unterlaufend, das Schwert bis an's Heft in das Herz.

Nur mit der äußersten Schwanzspitze traf noch der Drache des Helden Helm: da zersprang der starke Stahl in sieben Scherben.

Der Wurm wälzte sich stark und stöhnte: »Einen Finnen nicht fing ich! Ich ahn' es, ich Armer! In dies Los hat mich listig Loki gelogen.« Und er streckte sich und starb.

Finster furchte Odhin die Stirn, da er dies Wort hörte.

Harald eilte zu ihm zurück und sprang auf das Pferd: »Nun Hilde zu Hilfe!«

Der Gott aber sprach: »Du hast nun den Luftritt gelernt. Nicht Noth ist dir mein mehr. Reite allein. Bist du am Ort, so löse mein Hufeisen ab und wirf es in die Luft.«

Und wieder gab er dem Pferd einen Schlag auf den Schenkel mit holer Hand: und davon schoß es durch die Wolken.

Odhin aber gedachte, daß es Zeit war, zu der Zwiesprach der Götter und Riesen zu eilen: er drückte den Windhut tief in die Stirn, spreitete den dunkeln Mantel mit beiden Armen wie ein Adler die Schwingen aus und augenblicks stand er auf jenem Hügel, wo wir ihn bei der Zwiesprach gesehen. – –

Harald aber kam zur Erde innerhalb des hölzernen Ringwalls, welcher den Baldur-Tempel umhegte.

Feuerschein, Rauch und Waffenschrei schlug ringsher an sein Ohr.

Getreu dem Gebote des Gottes griff er, sowie er abgesprungen war, nach dem frisch beschlagnen Fuß des Pferdes: das Eisen glitt ihm in die Hand: er warf es in die Höhe und wunderte sich, daß er es nicht wieder herab fallen sah oder hörte.

Er stand mitten im dichten Rauchqualm: niemand sah ihn. Er aber nahm wahr, daß er gerade noch recht gekommen war.

Skadhi führte seine Krieger zum Sturm auf das feste Tempelhaus.

Unfroh folgten sie: denn sie scheuten den weißen Gott und der Treubruch ihres Königs war ihnen leid. Argr hatte ihm gerathen, während Harald den Wurm allein aufsuchte und vielleicht erlag, das heißbegehrte Weib zu gewinnen.

Aber jetzt, beim Sturm, fehlte der Rothkopf: er hatte gesagt, er müsse eilen zu einer Versammlung seiner Sippe an diesem Tage. –

Harald sah nun, wie Skadhi, den Seinigen weit voran, mit einer entzündeten dürren Tanne – Argr hatte ihm das noch scheidend gerathen – gegen das Holzthor des Walles rannte, der schon an vielen Stellen brannte –: und er sah auf der obersten Stufe des Tempels Hilde stehen, welche die weißen Arme flehend gen Himmel hob. Die Priester aber und die wenigen Tempelwächter wichen entsetzt von der breiten Brüstung des Holzwalls: sie scheuten die Flammen und König Skadhi. Krachend barst das Hofthor entzwei und herein drang Skadhi durch den brennenden Bruch, die flammende Tanne in der Rechten schwingend.

Da sprang aus der verhüllenden Rauchwolke Harald ihm entgegen: »So wahrst du dein Wort?« rief er und schlug ihm das Schwert durch den Helm in den Schädel.

Jauchzend folgten ihm nun die Tempelvertheidiger, den Erretter erkennend, und leicht trieben sie die Leute Skadhis in die Flucht, welche ihren König hatten stürzen sehen und den gefürchteten Helden, welchen sie fern oder gefallen geglaubt, im Zorn der Rache aus dem Walle brechen schauten.

Harald verfolgte nicht: er wandte sich eilig, den Brand zu löschen, der schon den Tempel selbst bedrohte. Erst als das gelungen war, schloß er die bebende Braut in die Arme. Sie wollte ihm danken, daß er sie vor dem Räuber gerettet.

Aber Harald sprach: »Holde, dir hat nicht Harald geholfen. Das hat der Hohe von Walhall gewirkt. Dem danke in Demuth.«

Aber als es Abend geworden und die Menschen aufblickten zu den Sternen, da war ein neues Sternbild, ein nie geschautes, aufgegangen: in Hufeisengestalt strahlte es gerade über dem Baldur-Tempel: und alle Sterblichen staunten und sprachen darüber. Nur nicht König Harald: der schaute dankbar empor und schwieg. –

Und als Harald Hilde nach gelöschtem Brande sicher in seine Arme geschlossen hatte in dem offnen Tempelhof – da hörte er über seinem Haupt ein schwirrendes Rauschen.

Ein Rabe flog freudigen Flugschlags pfeilschnell nach Osten: er eilte zu Odhin.

*

Die Sage ist wie ein Wald.

Wer die Wege weiß, durchwandert ihn rasch.

Aber ich war wie Einer, der den Weg verloren hat: weit zurück und wie im Kreise mußte ich schreiten: nun sind wir erst wieder da, wo wir im Anfang waren.

Jedoch von hier ab sehe ich klar und gerade den Pfad sich dehnen, der durch das Dickicht führt. So werden wir wohl unverwirrt an das Ziel kommen.

Den ganzen Winter habe ich bis hierher gebraucht: das heißt die Winter nächte, wann ich keine Gäste im Gehöft hatte. Und nicht dringende Arbeit hatte, die morschen Bote flicken, die Gerste schroten, die Lachspfeile schärfen zu lassen.

Denn auch im Winter hat der Baumann, der Waidmann, der Seemann Arbeit. Und jetzt beginnt die beste Zeit, den Lachs durch Eislöcher zu fangen.

Schon sind die Häuslinge wiederholt mit vielen Floßen Beute heimgekehrt.

Aber neulich wäre Knut der Knecht bald nicht mehr heimgekehrt.

Und loben muß ich, ob ich sie sonst nicht mag, die Mönche, Werinher, den Mönch aus Thüringland: das liegt noch hinter Sachsland mittagwärts.

Niemand weiß, was den Deutsch-Mann so weit zu uns verschlagen hat.

Aber der ist ein Christ – so lob' ich mir die Christen.

Knut, im Aelrausch, hatte ihn vor wenigen Tagen hart geschlagen, als der Mönch Rauchfisch – Dorsch – Strandhafer bei uns kaufen kam. Gestern nun fischte Knut nach Lachs im Fjalla-Endi Wasser, stürzte durch das Loch und verschwand unter dem zackigen Eis.

Einer, der des Weges kam, lief hinzu, brach mit ein, ließ aber nicht los, zog den Erstarrten heraus und trug ihn, der Schmächtige den Schwerknochigen, die weite Strecke bis an unser Knecht-Haus.

Werinher war es, der Mönch.

Und nahm keinen Lohn von mir, nicht einmal, so todtmatt er war, Speise: denn es war Fasttag.

»Werinher, sprach ich, hattest du gesehen, daß Knut es war?«

»Ja«, sprach der Mönch.

»Und noch muß dein Rücken braun sein von seinen Schlägen. Warum thatest du das?«

Er aber sah mich mit großen Augen an und sprach: »Ich aber sage euch: liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen und verfolgen.«

Und wandte sich und ging.

Auch Heiden thäten wohl so.

Aber nicht Viele.

Zu Ende geht nun wohl bald das Wintereis. Von Mittag her, von Akreyristadir, kam gestern ein Walroß-Jäger, der sagte, das Eis bei ihnen sei schon so mürbe, daß sie es bald mit scharfgebognen Schiffen durchschneiden würden.

Die Schifffahrt wird in Bälde frei. Und das ist gut. Denn unser Strandhafer geht zu Ende: ich mußte den Gäulen das Essen schon kürzen. Nur deinem Lieblingsroße nicht: Hvitingr, dem treuen, klugen, kann ich nichts abbrechen. Und muß ich es doch, lege ich ihm zu von meinem eignen Mundbrod. Denn ich weiß – du liebst das edle Thier.

Ob mir wohl die Frühlingswinde deine Segel in die Bucht treiben, lieber Sohn? –

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