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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 9
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
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Sophie von Anhalt

Der nördliche Teil der Wilhelmstraße in Berlin, welcher von den Linden bis zum Wihelmsplatze und über ihn hinaus zur Leipziger Straße reicht, ist von alters her der aristokratischste Teil der preußischen Residenz gewesen, denn hier folgen in ununterbrochener Reihe die verschiedenen Ministerien und Sitze altbrandenburgischer wie preußischer Adelsfamilien aufeinander. Noch heute wohnen in denselben Räumen, welche die Koryphäen der friederizianischen Zeit gesehen haben, die Radziwill und Schwerin. Namentlich die Hotels an der westlichen Seite der Straße, deren Grundstücke bis an die alte, nunmehr gefallene Stadtmauer stoßen, besaßen prachtvolle parkartige Gärten, ganz in dem Stil holländisch-französischen Geschmacks gehalten, welcher sich seit Ludwig XIV. und Oranien unter uns eingebürgert hatte, bevor die Methode der »englischen Anlagen« der Gartenkultur andere Bahnen verzeichnete. Einer dieser Adelssitze, unweit der Linden, war dem damaligen Berlin als das »Hôtel de Anhalt« wohlbekannt. Der alte Dessauer wie seine Söhne Wilhelm Gustav und Maximilian Leopold hatten es innegehabt, solange sie in Preußen dienten, und nachdem der letztere als Leopold II. die Regierung seines Landes angetreten hatte, war es an die Reichsgrafen von Anhalt übergegangen. –

Die Zeit der Frühjahrsparaden und Manöver war gekommen, jener großen Militärischen Schauspiele auf dem Köpenicker und Tempelhofer Felde, durch welche der Große Friedrich den Geist und die Schulung seiner Truppen rege erhielt. Dies war jetzt um so mehr nötig geworden, als das Heer aus dem Kriege fast zertrümmert hervorgegangen war, die Regimenter durch neue Mannschaften, teilweise neue Offizierkorps ergänzt, nicht selten sogar ganz umgeschmolzen werden mußten. Schon jetzt drängte sich dem erfahrenen Auge Friedrichs und seiner Getreuen die Wahrnehmung einer Verschlechterung der Armee zumal in den Provinzen auf, eines Rückganges derselben, einer Verminderung ihrer Leistungsfähigkeit. Diese Ahnung betrog den König nicht. Solange er und seine Kriegshelden noch lebten, wurde diesem Übelstande noch nach Kräften Einhalt getan, aber unter dem schwachen Regiments seines Nachfolgers, des sogenannten »dicken Wilhelm«, kam das einst ruhmreiche Heer in einen so argen Verfall, daß es notwendig bei Jena geschlagen werden mußte.

Begreiflicherweise machte der desolate Zustand seiner Truppen dem Könige eben solche Sorge wie der gesunkene Wohlstand des Landes, den es zuerst zu heben galt, ehe von einer Neugeburt der Armee und der Ausmerzung von Schäden die Rede sein konnte, welche sich, begünstigt durch Zeit und Umstände, eingeschlichen hatten. Zu besagten Übungen erwartete man nächster Tage die Ankunft des Königs und seines militärischen Hofstaats wie der Garnisonen von Potsdam und Spandau in Berlin; Steuben war vorausgesandt worden, die Dispositionen des Königs dem Gouverneur General von Hülsen zu überbringen und mit demselben für Unterkunft der Truppen und alle diejenigen Vorkehrungen zu sorgen, welche bei Ansammlung großer militärischer Massen und deren Bewegungen unerläßlich sind. War dieserhalb unser Held auch vollauf beschäftigt, etliche Nachmittagsstunden blieben für ihn immer frei.

Steuben wußte, daß Graf Anhalt vor drei oder vier Tagen nicht im Gefolge des Königs in Berlin erscheinen konnte, seine Familie aber bereits aus ihrem Logis in Potsdam nach dem »Hause Anhalt« in der Wilhelmstraße übergesiedelt sei, er die Damen mithin zu treffen sicher sei. Sein Zartgefühl wie sein Verstand hätten ihm sagen müssen, daß, wenn er auch eingeführt und ein für allemal invitiert worden war, es der Schicklichkeit gänzlich zuwider lief, in Abwesenheit des männlichen Oberhauptes der Familie nicht bloß hinzugehen, sondern auch ernste Schritte zu tun, seinen Liebeszielen näherzukommen. Aber er war eitel, blind, der Sklave seiner mit aller Gewalt erwachten Gefühle, und gerade das, was ihn hätte abhalten sollen, sich seiner Selbstsucht hinzugeben, wurde ihm ein Grund mehr, rasch zum Zwecke zu kommen. –

Sophie von Anhalt liebte Friedrich von Steuben mit aller Tiefe, deren das weibliche Gemüt, namentlich das einer hochgebildeten, zartbesaiteten Frauennatur, fähig ist. Sein Äußeres nicht bloß, nicht seine wertgeschätzten Gaben als Soldat wie Edelmann nur, auch seinen Charakter hielt sie hoch, dessen innerer Menschenwert bei ihr und ihrem Bruder und dessen Gemahlin über allen Zweifel erhaben war. Dennoch liebte ihn Sophie nicht frei, wie das Weib den Mann lieben muß, sondern mit Sorgen, voll Scheu und Bangigkeit, und diese scheue, bange, sorgenvolle Liebe mußte mit dem immer klareren Bewußtsein wachsen, daß Steuben nicht gewillt sei, sein Liebesglück der Zeit und einer ruhigen Entwicklung zu überlassen, sondern eifrig Gelegenheit suchte, sein Glück beim Schopf zu fassen und sich durch entschlossene Kühnheit in dessen Besitz zu setzen. Sophie war die Schranke nicht verborgen, welche Steuben von ihr trennte, und sie hielt dieselbe auch nicht für gänzlich unübersteiglich, doch für ein sehr starkes natürliches Hindernis, das nur Zartheit, Ruhe, Geschick, der Einfluß der Zeit und Umstände beseitigen konnten, welches rücksichtslos zu überspringen aber gefährlich war.

Ein prachtvoller Mainachmittag, als gerade die westlicher rückende Sonne mit wirksamem Strahle den parkartigen Garten und die Hinterfront des »Hauses Anhalt« mit goldiger Flut übergoß, fand Komtesse Sophie allein in seiner Blütenpracht und seinem prangenden Grün. Ihre Schwägerin war ausgefahren, Besuche und Einkäufe zu machen. Die »Bonne« war bei den drei kleineren Mädchen, der »Gouverneur« bei den beiden Knaben des Generaladjutanten. Alles rings war still, friedlich, träumerisch, und ebenso waren Sophies Gedanken. In diesem Augenblick dachte sie weniger als je an die sorgenvolle Seite, die Schatten ihrer Liebe – diese Liebe stand in ihr sonnenhaft licht und groß. Am allerwenigsten dachte sie sich die Gefahr so nahe, welche sie für ihr Herz, ihr Lebensglück fürchtete.

Der Park oder Garten hatte eine hohe, ziemlich breite Mittelallee, die von der Terrasse des Hauses bis zur Fontäne in der Mitte des Areals lief und jenseits derselben bei einem kleinen, schnörkelhaften und massiven Pavillon an der Mauer endete, dessen Stil damals als » à la chinoise« galt, obwohl ein Mandarin dagegen wahrscheinlich erhebliche Einwände gemacht hätte. Diese Allee, deren Weg überdies von wohlverschnittenen halbhohen Taxushecken eingefaßt und so von den seitlichen Rasenplätzen und Blumenbuketts getrennt war, promenierte Sophie auf und ab, die » aventures de Télémaque« des Abbé Fénelon in der Hand, in welchen sie vorher auf einer Steinbank mehr geblättert als gelesen hatte. Die Fontäne bereits hinter sich und im Begriff, auf das Haus zurückzuschreiten, gewahrte sie eine hohe Gestalt in Uniform aus dem unteren Pavillon auf die Terrasse treten.

Im ersten Augenblick überlegte sie, ob sie nicht, um eine Begegnung zu vermeiden, umwenden oder rasch in einen Seitenweg einbiegen solle, damit, wenn Steuben die Allee herabkomme, sie auf einem Umwege ins Haus und auf ihr Zimmer gelangen könne, wo es ihr leicht war, ihn abzulehnen, falls er gemeldet würde. Sie errötete aber über diesen Entschluß, denn er wußte nicht nur bereits, daß sie im Garten sei, er sah sie ja vor sich. Ein Ausweichen hätte Steuben beleidigt. Sie entschloß sich also, auf Steuben und die Terrasse stracks zuzugehen und ihn zu empfangen. – Sophie trat hierbei die ganze Schwere und Peinlichkeit ihrer Lage vor Augen und machte sie erblassen. Trotzdem man ihm doch wahrscheinlich gesagt hatte, daß die Gräfin nicht anwesend sei, hatte Steuben doch den Eintritt verlangt, sein Besuch galt also ihr, und mit schmerzlicher Verlegenheit unterzog sie sich den Folgen. Steuben schritt geröteten Angesichts hastig auf sie zu. »Verzeihung, Komtesse, wenn ich störe, aber –«

»Sie stören zwar nicht, Herr Adjutant,« fiel sie ihm mit vorwurfsvollem Tone ins Wort, »aber ich hätte wohl hoffen dürfen, daß Sie eine günstigere Gelegenheit gewählt hätten, dieses Haus zu beehren.«

»Kann es eine günstigere Gelegenheit als jetzt geben, Sophie, um das auszusprechen, was mein Herz peinigt und bewegt?«

»Herr von Steuben, was Sie auch bewege – wenn es meine Teilnahme – ja mein Mitempfinden selbst verdienen mag –, Sie müssen sich aber doch sagen, daß Sie sich am passendsten an meinen Bruder gewendet hätten, der Ihnen ja in jeder Beziehung so nahe steht!«

»Finden Sie es denn so unpassend, teure Komtesse, daß ein Mann zuerst dem Wesen seine Gefühle kundtut, dem sie für alle Zeit geweiht find?«

»Ein solcher Mann, Herr von Steuben, hätte sich doch aber versichern sollen, ob die Situation derjenigen, welche er seiner Empfindungen würdigt, für solche Expektoration schicklich gewählt ist, oder ob er nicht gerade in vorschnellem Streben auf sein Ziel die Dame und – sich selbst gefährde, welcher seine Anwesenheit gilt?«

Dieser Avis war deutlich und wohl sehr angetan, Steuben zur Besinnung zu bringen, aber er wollte sich nicht mehr besinnen, er war von seinen Empfindungen völlig übermannt.

»Sophie,« rief er, leidenschaftlich ihre Hand ergreifend, »sprechen Sie doch nicht in so tadelndem Tone zu mir, verheimlichen Sie doch nicht, dem eigenen Herzen zuwider, daß Sie wohl wissen, was Sie mir sind, und daß Sie meine Hoffnungen nicht ohne Ermunterungen ließen!«

»Wenn ich dies tat, Steuben, dann macht Ihre jetzige Handlungsweise, daß ich es schwer bereue. Ein Mädchen kann eines Mannes Hoffnungen ermuntern, aber kann auch Schmerz und Kummer empfinden, wenn er diese Hoffnungen so eigenwillig wie Sie zu verwirklichen sucht.«

»Und warum, Sophie, soll ich es nicht? Weshalb, wenn ich Sie liebe, soll ich Ihnen das nicht sagen dürfen, um mich meines Glückes zu versichern? – Erinnern Sie sich des Tages von Schönhausen, da Ihnen der noch wenig bekannte Steuben doch so viel inniges Interesse abzunötigen vermochte, daß Sie wünschten, er möge nicht nach Rußland gehen. Sagten mir Ihre Blicke seitdem so gar nichts, um mich zu ermutigen? War das in Seligkeit erglühende, holde Antlitz meiner Sophie denn Täuschung, mit dem sie mich empfing, als ich von Kassel wiederkam? Hat die zarte Freundschaft, welche Sie mir in diesem Hause gönnten, nicht Gefühle gesteigert und befestigt, die ich in heiligen Charakteren aus Ihren Mienen las und welche mein wonneberauschtes Herz verstanden? Nein, nein, edles, engelgleiches Mädchen, du sollst mich nicht hindern, dir zu sagen, daß ich nur eine Frau im Leben liebe, dich, ein Glück nur, eine Wonne, eine Sehnsucht kenne, deinen Besitz! Oh, sprich aus, was ich zu hoffen habe, Gott allein sei zwischen uns Zeuge, er allein schaue in unsere Herzen, ehe wir sie anderen öffnen!«

Er wollte sie umfangen, aber sie trat zurück. Dann entströmten ihren Augen heiße Tränen, und beide Hände legte sie in seine Rechte. »Wenn Sie eine Ahnung davon haben, was in meinem Herzen für Sie schlägt, Friedrich, warum wollen Sie mir ein Geheimnis abpressen, weil ich Ihnen gegenüber schutzlos bin. Gewiß ist Gott Zeuge aller unserer Handlungen, Regungen und Gedanken, gewiß muß man ihn zuerst anrufen, wenn man vor der heiligsten Frage seines Lebens steht! Hätten Sie es so getan, Steuben, wie ich, dann hätten Sie mich nicht zu einer Szene gezwungen, deren Folgen für uns beide unvermeidlich, ach – vielleicht verhängnisvoll sind. Steuben, weil Sie gerade in meiner Brust alle Stimmen für sich haben, deshalb antworte ich Ihnen nicht, mein Freund, heute nicht, antworte Ihnen nicht eher, als bis mein Bruder Ihnen das Recht eingeräumt hat, mich zu fragen! Wohl ist die Liebe eine freie Gottesregung, die irdischen Zwang nicht kennt, aber es gibt ein Heiliges und Keusches, die Sitte! Es ist nicht Sitte, daß einer so liebt, so freit wie der andere. Unsere Stellung im Leben bedingt die Form, in der wir uns unseren Gefühlen überlassen dürfen. Vermochten Sie diese Schranke zu überspringen, ich vermag es nicht. Sie haben mein Wort nicht eher, bevor Sie das meiner Verwandten nicht haben! Nachdem Sie mir allein, absichtlich und heimlich Ihren Besuch machten und der Dienerschaft den Zweck Ihrer Anwesenheit ganz unzweideutig ließen, muß ich Sie bitten, mich vor Ankunft meines Bruders nicht wiederzusehen und ihm, als Mann, als Kavalier, das erste Wort in dieser Sache zu gönnen, bevor Sie eine Frage wiederholen, bei der ich nur bedaure, daß sie vier Tage zu früh und in einer Weise erfolgt ist, daß ich vielleicht über das Lächeln und Flüstern derer erröten muß, die auf diese Art eher in ein Geheimnis eingeweiht wurden als Menschen, die für mich das erste Anrecht dazu haben.« Sie gab ihm hastig die Hand, preßte das Taschentuch vor die zuckenden, wehmutsvollen Lippen und schritt an ihm vorüber dem Hause zu. Langsam folgte er ihr, halb beseligt, halb bestürzt. Als er aus dem Portale trat und die Wilhelmstraße hinauf, den Linden zugehen wollte, fuhr eben die Equipage der Gräfin vor. Steuben schrak auf, wie wenn er über einem Unrecht ertappt worden wäre, grüßte hastig und eilte mir großen Schritten davon.

Gräfin Amalie, welche ihn hatte aus ihrem Hause kommen sehen, war höchlich frappiert. Als Dame von Takt ließ sie sich aber nichts merken.

»War Besuch inzwischen hier?« fragte sie den Lakaien im Vorsaal.

»Der Herr Flügeladjutant, Kapitän von Steuben!«

»Brief aus Potsdam gekommen?«

»Einer von des Herrn Grafen Gnaden.«

»Legen Sie ihn in mein Zimmer!«

Sie begab sich eben dahin, wo die Jungfer ihr Enveloppe, Fächer und Hut abnahm.

»Wo befindet sich die Komtesse, meine Schwägerin?«

»Vor wenigen Augenblicken kam die Gnädige vom Garten und eilte in ihr Kabinett!«

»Lasse die eingekauften Sachen aus dem Wagen bringen!«

Als die Jungfer sich entfernt hatte, ging die Gräfin zu Sophie aufs Zimmer. – »Mein Gott, Steuben war hier? – Wie du aufgeregt bist!«

»O wärst du doch eine halbe Stunde früher zurück gewesen, es wäre nicht geschehen!« Schluchzend fiel Sophie Amalie um den Hals.

»Mein Herz, meine liebe, liebe Sophie, was geschah dir denn? – Mein Gott, er hat sich dir doch nicht erklärt?«

Sophie verbarg ihr glühendes Gesicht am Busen der Schwägerin, ein inniges Umarmen allein war die Antwort.

»Ach, ich hab's geahnt, gefürchtet!« sagte Amalie. »Der Unbesonnene! – Doch beruhige dich, geschehen ist geschehen! Ich werde an meinen Mann schreiben und brauche dir wohl nicht zu sagen, daß seine brüderlichen, wahrhaft humanen Gefühle dein bester Trost und sicherste Stütze sind. In wenig Tagen kommt Ludwig mit dem Könige herüber, bis dahin fahre ich stets nur in deiner Begleitung aus. Hätte ich diese Taktlosigkeit irgend ahnen können, ich hätte sie nicht begünstigt.«

*

Es ist schlimm genug, zu wissen, daß man eine Narrheit begangen habe, noch schlimmer aber ist's, wenn man die eine Narrheit mit einer zweiten, nicht geringeren gutzumachen sucht und den bereits als falsch erkannten Weg in der eitlen Hoffnung fortsetzt, man käme auf ihm dennoch ans Ziel.

Steuben hatte auf wenig kavaliermäßige Weise eine Dame in Verlegenheit gesetzt und sie bedrängt, deren Neigung er auch ohne vorschnelle Kühnheit ziemlich sicher sein konnte. Nachdem er diesen Schritt getan hatte, bereute er ihn. Er wußte nun zwar gewiß, daß sie ihn liebe, aber er wußte nicht, ob sie sein werde oder nicht. So schrieb er an sie. Er bat sie wegen des Besuches um Verzeihung, versicherte sie seiner Leidenschaft mit heißen Schwüren und daß er nur des Grafen Rückkehr erwarte, um sich die Erlaubnis zu erbitten, ihr Jawort einzulösen. Dieser Brief wurde gegen Abend im Hotel Anhalt durch Karl Vogel abgegeben, und als der Diener der Frau Gräfin mit schlecht verborgenem Lächeln das duftende Billetdoux übergab, sie auf dem Kuvert Steubens Wappen, Handschrift und Sophies Adresse sah, rief sie empört aus: »Die Fadessen des Herrn Adjutanten übersteigen alle Begriffe! Herr von Steuben ist von einer Naivität erfüllt, die wirklich nur ein kleinbürgerliches Begriffsvermögen voraussetzen! Du wirst erlauben, liebe Sophie, daß dein Bruder diese épître amoureuse zuerst eröffnet.«

Sophie entgegnete kein Wort. Sie zog sich zeitig auf ihr Zimmer zurück, um eine tränenvolle Nacht zu durchwachen.

Der König ist in Berlin angelangt, der Empfang der Generalität und Staatsbeamten vorüber. Anfänglich hat der König Steubens Anwesenheit kaum obenhin bemerkt, Graf Anhalt seinen Gruß mit kurzer, geschäftsmäßiger Verneigung erwidert. Als der König mit seinen Adjutanten und dem zurückgebliebenen Gouverneur allein war, examinierte er mit sonderbarer Kälte und Schärfe Steubens Tätigkeit in Berlin bis auf das Pünktchen über dem i und beruhigte sich nicht eher, bis General von Hülfen versicherte, es sei alles buchstäblich ausgeführt, »was Majestät befohlen habe«. Nach einigen Erörterungen zwischen ihm, Hülsen, Krusemark und dem Grafen sagte der König: »Ich danke, lieber Hülsen. Es ist alles gut; also morgen die Kavallerie, übermorgen die Artillerie, dann die Fußtruppen. Adieu! – Er kann gehen, Steuben, Ihn brauch' ich nicht mehr!« – Steuben verbeugte sich bestürzt. – Das: »Ihn brauch' ich nicht mehr!« klang eigenartig, klang ihm ganz fürchterlich ins Ohr. Die Adjutanten benahmen sich ihm gegenüber, als ob sie einen Ladestock verschluckt hätten. Mein Gott, gehörte Steuben denn noch hierher? – Auf sein Zimmer zurückgekehrt, setzte er sich nieder, schrieb an Sophies Bruder und suchte eine Privatunterredung mit ihm nach. –

Am anderen Tage war das Benehmen des Königs und seiner Umgebung unverändert. Als die Truppenübung vorüber war und die Suite vom Tempelhofer Felde zurückkehrte, fügte es der Zufall oder auch Absicht, daß Graf Anhalt neben Steuben ritt. – »Herr von Steuben,« sagte ersterer kalt, »Sie haben mich zu sprechen gewünscht. Nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr bin ich bereit, Ihre Mitteilung in meinem Hause entgegenzunehmen.« Damit brachte er durch eine kurze Wendung sein Pferd neben das des Dragonerobristen Zastrow, welchen der König seines Regiments wegen besonders belobt und zur Tafel befohlen hatte. –

Zu der bezeichneten Stunde betrat Friedrich von Steuben das Haus des Mannes, der ihm unlängst ein so herzlicher Freund, ja mehr als Freund gewesen war, das Haus, welches das einzige Wesen umschloß, dem er sich in Liebe heiß und ewig verbunden fühlte. Sein Zustand war in diesem Augenblicke von verschiedentlichsten Seelenstimmungen aufgeregt. Erstlich hing sein Lebensglück, hing seine bisherige Stellung an Anhalts Seite beim Könige von dem »Ja« oder »Nein« dieser Stunde ab, die Pein der Liebe kämpfte also in ihm mit den beängstigendsten Zweifeln. – Diese plötzliche eisige Behandlung nicht nur seitens des Grafen, sondern des Königs und seiner Umgebung empörte ihn um so mehr, als sie ihn alle nicht nur sonst mit Vertraulichkeit geehrt hatten, sondern auch weil er sich nicht des geringsten Fehlers im Dienst bewußt war. Was ging es den König an, wenn es ihm gefiel, der Komtesse Sophie einen Antrag zu machen, und wenn der Monarch sich in diese Sache mischte, ihn seinen Unwillen fühlen ließ, war dieser nicht durch eine beleidigende Indiskretion Anhalts hervorgerufen, der Steubens Absichten dem Könige also eröffnet hatte, bevor er selbst Zeit gefunden, dem Grafen dieseleben auszusprechen? Scham und Zorn gekränkter Ehre, verletzter Eitelkeit und unverdienter Mißachtung machten Steuben gleich ungeschickt, in dieser Stunde den Brautwerber zu spielen. Statt in sich die Quelle seiner so plötzlich veränderten Stellung zu suchen, suchte er sie bei anderen.

Der alte Kammerdiener des Grafen empfing ihn überaus ernst. Im Hause war's totenstill, nur der leise Tritt der Schuhe des Lakaien klang wider, als ihn derselbe durch eine ihm wohlbekannte, jetzt einsame Zimmerreihe zu dem entfernten Arbeitskabinett des Grafen führte. – Leopold Ludwig von Anhalt war allein und augenscheinlich auch nicht so innerlich ruhig, wie es ratsam gewesen wäre. Er verneigte sich und bot, als der Diener das Zimmer verlassen, Steuben mit erzwungener Ruhe das Kanapee an.

»Sie haben eine Unterredung gewünscht, Herr von Steuben, und ich habe kein Recht, Ihnen eine solche zu verweigern. Ich bin bereit, jede Frage zu beantworten, die anständigerweise beantwortet werden kann. – Gestatten Sie mir, ehe Sie mich mit Ihren Wünschen beehren, vorher einige Worts über Ihr Benehmen fallen zu lassen, welches Sie zu beobachten für gut fanden, bevor ich eintraf. – Keinen Kavalier oder Offizier Sr. Majestät kann ich abhalten, der Komtesse, meiner Schwester, den Hof zu machen, ja, sich in sie zu verlieben und kühnere Erwartungen an seine Leidenschaft zu knüpfen. Auch steht es Komtesse Sophie frei, über ihre Gefühle zu verfügen und dadurch gewisse Hoffnungen zu erwecken, denn ich bin nicht ihr Vormund. – Ihr Bruder aber bin ich gewiß und der Chef der Familie, deren Schutz die Komtesse genießt, bis sie einen besseren zu wählen vorgezogen hat. – Gebe ich alles dies aber auch zu, so werden Sie mir zugestehen müssen, daß es der Dame gegenüber, welcher Sie Ihre Huldigung widmeten, nicht zartfühlend ist, daß Sie nicht nur meine, sondern auch der Gräfin Abwesenheit benutzten, sich zu einem Tete-a-tete bei meiner Schwester einzudrängen und sie dem Gerede der Domestiken preisgaben, nur um der jungen Dame eine Erklärung aufzunötigen, die Sie nicht Mut genug hatten, so scheint es, aufzusparen, bis die Komtesse wieder unter unserem Schutze stand! Sie haben dies in Ihrem mehr als naiven Briefe an die Komtesse ja auch zugegeben!«

Steuben fuhr heftig empor: »Sie wagten, Herr Graf, dies Billet zu öffnen, das nicht an Sie gerichtet war?« »Ich hoffe, wie werden uns nicht echauffieren, sondern dies unliebsame Gespräch mit soldatischer Kälte und der Würde unseres Ranges beendigen! Allerdings, ich eröffnete zuerst das Billet, bevor ich es meiner Schwester einhändigte. Die Gründe hierzu sind Sache meiner Familie!«

»Dann erlaube ich mir die Frage, Herr Graf, ob Sie es waren, dem ich Sr. Majestät Kälte und das Benehmen der übrigen Herren seiner Umgebung zu verdanken habe? Sind Sie es gewesen, welcher Sr. Majestät Mitteilung meines Besuchs bei der Komtesse gemacht hat, und gehören die Gründe zu dieser Mitteilung auch lediglich zur Sache Ihrer Familie oder sind sie auch Sache meiner Ehre?«

»Allerdings veranlaßten mich Familiengründe, Ihren Besuch dem König mitzuteilen, und die Art, wie er denselben aufgenommen haben mag, wird Ihnen keinen Zweifel lassen. Messen Sie nicht mir noch sonst jemand, messen Sie sich allein die Schuld aller dieser Folgen bei! Eins ist doch gewiß, Herr von Steuben, entweder Sie kannten die Empfindungen meiner Schwester zu Ihnen nicht, dann war es nicht bloß illoyal, sondern auch höchst unklug, nicht mir zuerst Ihr Vertrauen zu schenken, ehe Sie sich einem Refus aussetzten. Kannten Sie aber die Gesinnungen meiner Schwester für Sie – und ich fürchte, Sie kannten sie nur zu gut –, dann hätten Sie die heiligste Scheu vor diesen Gefühlen haben sollen, einen Schritt zu tun, welchen Sie nicht widerrufen können, und der nach jeder Richtung heillos enden muß! – Ich habe Ihnen meine Meinung nicht verhehlt, ich bitte nunmehr auf die Unterredung zu kommen, welche Sie gewünscht haben.« –

»Herr Graf, es wird mir schwer, nach dem, was Sie gesagt und getan haben, den wahren und innigen Ton der Herzlichkeit zu treffen, welcher sonst unter uns Sitte war, und der zu dem gerade am nötigsten ist, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich hoffe aber, Sie werden mir glauben, daß mein Antrag offen und ehrlich gemeint und der Ausfluß meiner wahren Hingebung und der unaussprechlichen Liebe für Ihre Fräulein Schwester ist.«

»Das, Herr von Steuben, glaube ich Ihnen unbedingt, glauben wir Ihnen alle. Eben deswegen tut mir's wehe, daß die Sache so endet, durch Ihr beklagenswertes und selbstsüchtiges Vorgehen enden muß. Machen wir es kurz, Frage wie Antwort ist bald gegeben!«

Steuben überglühte es wie Lohe, dann schüttelte es ihn wie Fieberfrost. »Herr Graf, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Schwester und frage Sie, ob ich wert oder unwert bin, Komtesse Sophie meine Gattin nennen zu dürfen!«

»Diese beiden Fragen schließen sich einander völlig aus. – Daß Sie wert sind, meiner Schwester Gemahl zu sein, es wert sind als Patriot, als Soldat und Mensch, wert als Charakter, das, Herr von Steuben, gestehe ich Ihnen freiwillig zu. Würdig sind Sie meiner Schwester nicht! Deshalb muß ich Ihren Antrag ablehnen, der ehrenvoll in jeder Beziehung ist, dem ich aber sowenig in der Lage bin, wie meine vernünftige Schwester, Folge zu geben!«

»Sie weisen mich ab, Graf?« rief Steuben drohend.

»Ich bin hierzu gezwungen!«

»Haha, Sie spielen mit Worten und mit Herzen! Wert bin ich Sophie also, würdig aber nicht? In was besteht denn die Würde, die Ihre Familie für den beansprucht, der es wagen darf, ein Glied derselben zu werden?«

Der Graf wurde blaß. »Da Sie mich dazu treiben, diese Würde zu nennen, so besteht sie darin, daß Ihr Blut wie Ihr Rang dem Sophies und dem meinen nicht gleich sind, und daß keine Neigung, kein sonstiger Wert über die Klippe forthelfen kann! Das ist auch Sr. Majestät Meinung, der in dieser Frage ein doppeltes Recht hat, seine Meinung zu äußern! Sie hätten sich das selbst sagen können, wenn Sie nicht blind nur Ihren Gefühlen gefolgt wären und die der anderen vergessen hätten!«

Steuben verlor den letzten Rest kalten Blutes und seiner Vernunft, er verlor sich selbst, seine Vergangenheit und Zukunft in dem Wahnsinn einer Sekunde!

»Hahaha!« lachte er im Kampfe der Leidenschaft. »Darin liegt also die Reichsgräflich Anhaltische Würde? – Nun, mein Herr, was die Ebenbürtigkeit betrifft, so ist mein Vater Major Augustin von Steuben, meine Mutter aber war Maria Dorothee, eine Dame aus dem Hause von Jagow, altmärkischen Adels, was Ihre gräfliche Familie nicht von Ihrer Frau Mutter behaupten kann!«

»Steuben!« schrie der Graf auf und taumelte totenfahl zu seinem Schreibtische, an dessen Rand er sich klammerte. – »Gerechter Gott, was haben Sie getan! Sie beschimpften das Andenken unserer geliebten Toten!«

»Um Gottes willen, Herr Graf, ich bereue von Herzen –!« Er eilte auf Althalt zu.

»Schweigen Sie! – O schweigen Sie um Gottes willen! Schonen Sie den letzten Rest von Vernunft in mir und – bei der alten Gemeinschaft, die uns verband – machen Sie nicht, daß ich mich an Ihnen vergreife, an Ihnen in meinem Hause zum Verbrecher werde!«

Schwer und erschöpft vor Aufregung sank er auf seinen Arbeitsessel und verbarg das Gesicht in den Händen. Steuben stand wie gelähmt. – Nach einer Weile erholte sich der Graf, und tiefer Gram umflorte sein edles Angesicht. – »Steuben,« sagte er gepreßt, »diese Beleidigung kann nicht zurückgenommen, nicht verziehen, nicht gesühnt – sie muß gerächt werden. Ich kann nicht leben, kann neben Ihnen nicht leben, der, meiner Schwester Liebe sich bewußt, dennoch dessen fähig war! Zwischen uns muß der König, dann aber Gott auf der Walstatt entscheiden! Es gibt keinen Ausweg sonst, denn ohne volle Entlastung von diesem Schimpfe würde meiner Familie Existenz Vergiftet sein. Ich beschwöre Sie, verlassen Sie dies Haus. Kehren Sie in einem Fiaker sogleich zum Schloß zurück und halten Sie sich auf Ihrem Zimmer. Das Weitere findet sich!« –

Graf Anhalt wankte aus dem Kabinett; wie ein Verdammter, einem wandelnden Gespenste gleich, verließ Steuben den Ort, wo alles, was ihm teuer war, zurückließ, selbst seinen Charakter – niedergewürgt von einer Bestie, geheißen: selbstsüchtige Eitelkeit.

Unser wenig heldenmäßiger Held, nachdem er das Residenzschloß in höchst bedauernswertem Zustande erreicht hatte, verzog etwa zwei Stunden in seiner Dienstwohnung, welche mit den Gemächern des Königs durch einen inneren Korridor und einen Glockenzug in Verbindung stand. Wie ein Unsinniger wälzte er die gräßliche Wahrheit des Geschehenen durch sein Hirn. Den Schellenton hätte er gesegnet, der ihn vor das strenge Auge seines Monarchen gerufen, um das Urteil »drei Jahre Festung und Kassation« zu vernehme«. Jegliches Opfer hätte er daran gesetzt, seine Tat vergessen zu machen. – Karl Vogel, dessen Treue in schweren Stunden ihm wohl ein altes Anrecht an seinen Gebieter gegeben hatte, umschlich ihn, ohne ihn zu stören. Der brave Mensch sah diese Kämpfe, diese Leiden.

»Was hat denn Ew. Gnaden?« flüstert« er trübe. »Nichts habe ich mehr, Karl, nichts als dieses erbärmliche, wüste, zerschlagene Herz, und auch das ist nicht mehr mein – es gehört der Kugel eines anderen! – Ein Ehrenhandel! – Ich oder er! Ich hoffe, ich werde es sein!«

Mit leisem Aufschrei erhob Karl die plumpen Hände, die er zusammenschlug. Dann senkte sich sein Haupt, und er schwieg. Er wußte, was das für eine Sache nur sein konnte, sein ungebildetes, aber empfindungsvolles Herz, wie so oft einfachen Leuten eigen, sagte ihm, daß, wie dieser Konflikt auch auslief, alles für seinen Herrn verloren sei.

Jetzt regte sich etwas draußen, es klopfte.

»Öffne, dann geh' weg – laß sie mit mir machen, was sie wollen.«

Vogel öffnete. Generaladjutant von Krusemark trat ein, Vogel verließ das Zimmer. –

»Ich denke, Herr Kapitän, wir können uns kurz fassen. Majestät weiß alles, Graf Anhalt ist bei ihm! – Auf Befehl des Königs sind Sie von jetzt bis morgen früh vier Uhr Arrestant. Drei Viertel fünf Uhr Rendezvous im Keller! – Pistolen! – Ich sekundiere dem Grafen, besorge Zeugen und Arzt! – Sollten Sie nach der Affäre noch gesund sein, dann kehren Sie in dies Gemach als Arrestant zurück bis auf weitere Verfügung. Majestät wird Sie entweder nie mehr wiedersehen oder nur aus alter Großmut vielleicht einmal noch, denn, wenn Sie leben, werden Sie sehr elend sein! Als letztes Freundeswort mag Ihnen die Versicherung gelten, ich bemitleide Sie namenlos, noch mehr aber jene Unschuld, die Ihre Leidenschaft zu Boden trat! Nennen Sie mir die Herren, welche Sie in dieser Sache zu Vertrauten wählen!«

»Leutnant de Romanai vom Regiment Koch als Sekundanten, den Generalleutnant selbst als Unparteiischen, de l'Enfant von dem gleichen Regiment als meinen Zeugen. – Gestattet Majestät, in Ihre Hände mein Testament niederzulegen, so bitte ich, es der Allerhöchsten Gnade zu empfehlen!« –

»Ich bin alle Wünsche entgegenzunehmen ermächtigt, die Sie in dieser Sache haben können. Ein Fiaker wird Punkt vier Uhr bereitstehen. – Leben Sie wohl!« – Krusemark ergriff Steubens Hand, sah in des Gebeugten jammervolle Züge, dann ging er rasch hinaus.

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