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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 8
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authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
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Schwur gegen Schwur

Anfang März 1763 langte Steuben zu Pferde wieder in Berlin an, nur seinen Diener Karl Vogel, mit dem Mantelsack auf dem Reservegaul, als Begleiter. – Vogel war gewiß eine sehr untergeordnete Persönlichkeit. Außer guter militärischer Dressur, einer großen Verschlagenheit und Kaltblütigkeit in der Gefahr besaß er sonst keine Tugend als eine fast ans Abgöttische streifende Liebe für seinen Herrn und ein nicht zu erschütterndes Vertrauen zu dessen Eigenschaften.

In Berlin hatte sich Steuben sofort bei dem Gouverneur, General von Hülsen, gemeldet, der ihn mit Freude und großen Achtungsbezeugungen empfing und zu Tische lud. Nachdem er sich bei ihm über etwa inzwischen eingetretene Veränderungen bei Hofe Belehrung geholt hatte, erkundigte er sich nach seinen Petersburger Mitgefangenen, denn das Gouvernement der Hauptstadt war stets das allgemeine Anfrage- und Adressenbureau für die preußische Armee. – Es war nicht zu verwundern, daß Steuben gerade an seinen Schicksalsgenossen in Petersburg lebendigeren Anteil nahm als an anderen Kameraden. Furcht wie Hoffnung und ihr gemeinsames patriotisches Unternehmen hatte sie enger mit ihm verknüpft, menschlich ihm näher gebracht, als dies mit anderen Offizieren im Wechsel des langen Krieges möglich geworden war. Besonders aber hatte Steuben mit dem Obersten von Koch und dem Adjutanten Knoblochs, von Romanai und de l'Enfant, innige Freundschaft fürs Leben geschlossen. Sie hatten einander gelobt, wo sie das Schicksal such immer hinverschlage, stets brieflich in Verbindung zu bleiben. War dies während der letzten Kriegsaffären rein unmöglich gewesen, so wünschte Steuben doch jetzt, mit ihnen den Verkehr wieder aufzunehmen, ohne zu ahnen, daß dies ihm in der Zukunft ein großer, vielleicht sein einziger Trost werden sollte. Mit lebhaftem Vergnügen hörte er, daß Koch eins der Berliner Garnison-Regimenter erhalten habe, de l'Enfant wie Romanai aber unter ihm dienten. Da er erst gegen Abend in Potsdam zu erscheinen brauchte, suchte er nach dem Diner bei Hülsen alle drei auf und verlebte in Kochs Familie mit ihnen einen vergnügten, erinnerungsreichen Nachmittag. Gegen 6 Uhr saß er wieder zu Pferde und ritt, von den Freunden bis Steglitz begleitet, nebst Vogel zum Potsdamer Tor hinaus. Der Hof Friedrichs II. war bekanntlich eine gute Reihe Jahre nach dem Kriege wenn nicht einer der glänzendsten, so doch gewiß einer der geistvollsten und imponierendsten seiner Zeit. Die Helden, welche der Krieg geboren, aber auch auf den Operationsfeldern zerstreut und nur gelegentlich flüchtig zusammengeführt hatte, vereinte jetzt der Friede um den Thron. Das Waffengeräusch war verstummt. Neben Heilung der Wunden, an denen der Staat litt, der Hebung der Kultur, dem Ausbau der Gesetze und Besserung der Verwaltung war es namentlich Friedrichs II. Vorliebe für Literatur und Kunst, welche ihr altes Anrecht jetzt an ihn geltend machte und besonders der Geselligkeit bei Hofe Physiognomie verlieh. Das eine nur war schade, daß die Dichtungen, welche der König liebte, rein französisches Gefieder trugen, die Musik sich aber meist nur auf italienischer Schwinge wiegte. Es war eben noch die Epoche, da die deutschen Höfe wie das deutsche Volk zur Amme seiner Bildung Frankreich erwählt hatte und mit dem gesunden geistigen Leben, was dieses Land ihm lieh, auch einen großen Teil seiner ungesunden Säfte in sich aufnahm. Aber das sollte man noch lange – lange nicht merken. Das geistige Fluidum, was über den Rhein herkam, war zu süß und berauschend, um es nicht in vollen Zügen einzuatmen als das Universalmittel gegen alle heimische mittelalterliche Barbarei, als das einzige Lebenselixier, um den guten deutschen Michel wieder auf den Strumpf zu bringen.

Jener kleine aber köstliche Konzertsaal ist es, den Menzels meisterhafter Pinsel mit den Gestalten jener Tage belebt hat, in welchem der Hof seit einer Viertelstunde sich versammelte. Der musikalische Genuß ist nach dem Kriege wieder so neu, die Herzen sind so empfänglich für das so lang entbehrte Schöne, daß man zahlreicher versammelt ist als je zuvor. Dies Konzert ist eine Art Jubelhymne auf die Seligkeit teuer erkauften Friedens! Rings im Kreise sitzen die Damen, in ihrer Mitte die Königin, die Prinzessinnen. Da ist Prinz Heinrich, der Sieger von Roßbach. Unweit von ihm, mit Herzberg plaudernd, Herzog Carl Wilhelm von Braunschweig-Bevern, der zu Kassel den letzten Sieg errang. Hier ist Maupertuis und Mylord Marishall von Keith, Bruder des bei Hochkirch gefallenen Feldmarschalls. Mit General von Hülsen und dessen Gemahlin plaudert Seydlitz, der Stolz der preußischen Reiterei, der leichtlebige Baron Pöllnitz aber bildet mit Hofprediger Des Champs und dem Hofmaler Pesne eine Gruppe. Noch viele wären zu nennen, denn wer aus diesen großen Tagen fehlte heute bei der ersten musikalischen Soiree außer dem greisen Ziethen, den das Alter bereits ans Haus zu fesseln beginnt? In der Mitte des Saales aber, am Notenpult unter dem großen Lüster von Kristall steht Friedrich der Einzige, die Flöte in der Hand, Quanz, die Brüder Graun und Benda um ihn her.

Das letzte Flüstern verklingt, denn der König sieht ringsum. Das Quintett soll beginnen. In diesem Augenblicke tritt Friedrich von Steuben ein.

»Ei, da ist Er ja, Steuben!«

»Melde mich zu Ew. Majestät persönlichem Dienst!«

»Versteht Er was von Musik?«

»In meiner Jugend, vor dem Kriege, spielte ich erträglich die Geige; mein Vater liebte das Instrument.«

»Da wird Er wohl nicht mehr viel leisten, wenn Er die Violine nicht etwa ins Feld mitgenommen hat! – Aber Noten lesen kann Er doch noch?«

»Ich hoffe, Majestät.«

»Gut, komm Er her, schlag Er mir die Blätter um, damit Er den persönlichen Dienst« – der König lächelte – »gleich anfängt.«

Steuben verbeugte sich, trat an des Königs rechte Seite – das Konzert begann.

Welche Absicht Friedrich mit dieser Dienstleistung bezweckte, da er sie sonst von niemand beanspruchte, ob er Steuben auf diese Weise jedermann zeigen wollte oder plötzliche Laune allein der Grund war, bleibe dahingestellt. Im Ton der Worte, mit denen er Steuben aber an seine Seite gerufen hatte, lag so viel gemütvolle Heiterkeit und Wärme, daß jedenfalls eine Regung persönlichen Wohlwollens aus ihnen hervorleuchtete.

Als die Piece geendet hatte, nickte der König Steuben lächelnd zu, indem er die Flöte auf das Pult legte. »Ich habe mit Ihm nach der Soiree in meinem Kabinett noch etwas zu sprechen, amüsiere Er sich jetzt nur.«

Steuben verbeugte sich, trat zurück, und der König machte bei den Herrschaften, die sich erhoben hatten, die Runde.

Herzog von Bevern kam mit ausgestreckter Rechten auf Steuben zu und schüttelte ihm die Hand. »Ich freue mich, mein wackerer Steuben, Sie in Sr. Majestät Nähe zu sehen. Wir werden nun wohl öfter zusammenkommen und, wie mir scheint, in engerem Verkehr als hier, oder – wo's sonst im Leben tunlich ist. Prinz Heinrich scheint Sie auch begrüßen zu wollen!« Beide Herren schritten zu dem Prinzen, der Steuben lächelnd zunickte.

»Willkommen!« sagte derselbe. »Man ist mit Ihnen sehr zufrieden, und bei mir haben Sie von Sachsen her schon einen Stein im Brett. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Atmosphäre so glücklich sein mögen, wie Sie im Kriege und bei schönen Frauen es schon gewesen sind. Lassen Sie sich aber nicht verleiten,« des Prinzen Stimme sank zum Flüstern herab, »zu kühn zu werden! Einem Monarchen sehr nahe stehen, das hat – seine Übelstände; ich spreche aus Erfahrung. Vergessen Sie also nie, daß Sie doch nur stets – der Kapitän von Steuben für gewisse Leute bleiben, mag die Umgangsform, welche man gegen Sie anwendet, auch viel Blendendes haben. Ich bin Ihr aufrichtiger Freund, Steuben, deshalb sage ich Ihnen das. Sollte Ihnen irgendeine Angelegenheit zustoßen, bei der Sie – Rat brauchen, kommen Sie zu mir!«

»Ich werde mich dieses Vorzugs, Königliche Hoheit, durch Bescheidenheit und Veneration stets würdig zu machen bestreben!«

Die Aufnahme, welche Steuben bei der Gesellschaft fand, war die ausgezeichnetste von der Welt. Die Adjutanten von Krusemark und Graf Anhalt besonders kamen ihm mit einer warmen Vertraulichkeit entgegen, welche sie früher, trotz aller sonstigen Höflichkeit, noch nicht an den Tag gelegt hatten. Daß der König ihn insgeheim sprechen wollte, die Andeutung Beverns betreffs einer größeren Intimität, endlich des Prinzen Heinrich nicht zu verkennende Warnung waren Dinge, welche unserem Helden um so mehr im Kopfe herumgingen, als er nicht zu fassen vermochte, was man mit ihm vorhatte. Sobald es möglich und schicklich war, näherte sich Steuben der Gräfin Anhalt und ihrer schönen Schwägerin.

»Da haben wir ja unseren Petersburger Bayard sans peur et sans reproche wieder!« lächelte die Gräfin, ihm die Hand reichend. »Sie können sich denken, daß wir nach allem, was seit dem 17. Juli vorigen Jahres geschah, einen ganzen Sack voll Fragen an Sie zu richten haben. Neugier ist einmal ein Frauenlaster! Hier dürfen wir es nur nicht befriedigen, dafür aber nächstens, wenn der große Schauerakt vorbei ist!«

»Nach einem Schauerakt, Allergnädigste?«

»Ach, das wissen Sie noch nicht, was man Fürchterliches mit Ihnen machen will? Nun, nun, nur Mut und – auf Wiedersehen!«

»Ich werde nicht verfehlen, Ihnen meine Aufwartung zu machen, sobald ich über die Natur des Schauerns aufgeklärt bin. Ich begrüße Sie, gnädigste Komtesse, und hoffe, daß auch Sie mir ein wenig Wohlwollen bewahrt haben.«

»Seien Sie davon überzeugt!« erwiderte Sophie herzlich, obwohl über sich selbst errötend. »Was Sie während Ihrer Abwesenheit Rühmliches leisteten, hat mein Wohlwollen Ihnen sicher nicht entzogen!«

Gern hätte Steuben mehr mit der Komtesse gesprochen, doch es ging nicht an. Erstlich war die Gräfin in der Nähe, und genug Damen saßen um Sophie herum, die lauschende Ohren hatten, ferner war bei diesen Hofzirkeln keine längere Konversation möglich. Die Zwischenpausen des Konzerts waren kurz, dann schwärmte alles durcheinander. Jeder hatte mit jedem eine Begrüßung, eine Frage oder kurze Mitteilung zu wechseln, und kaum stand der eine Rede, als schon ein anderer sein ernstes oder munteres Wort an einen der Sprecher richtete. So endete, nachdem der Tee, Wein und leichte Speisen serviert worden waren, die erste Soiree, welche Steuben bei Hofe erlebt hatte.

Alles zog sich gegen elf Uhr zurück, die Königin mit ihren Damen zuerst, die Musiker und Sänger zuletzt, nur der König, Graf Anhalt und Steuben blieben zurück.

»Kommen Sie, Messieurs,« sagte er französisch und schritt ihnen vorauf nach seinem Arbeitskabinett, wo Fredersdorf ihm Hut, Handschuhe und Degen abnahm. Mit stummer Geste befahl Friedrich, daß beide Adjutanten sich setzen sollten, sein Gesicht nahm jetzt die Miene eines feierlichen, zugleich aber eigentümlichen Ernstes an. – Fredersdorf zog sich zurück.

»Was ich Ihnen jetzt sagen will, lieber Steuben,« er blieb bei der französischen Sprache während der ganzen Unterhaltung, »spreche ich nicht als Monarch, sondern als Mensch zu seinem Mitmenschen. Wenn ich mit einem meiner Umgebungen so weit ins Vertrauen gekommen bin wie mit Ihnen, Steuben, dann gehe ich, wie das bei unserem Anhalt hier, dem Herzog von Bevern und anderen geschah, einen Schritt weiter! Ich nehme ihn dann unter die Männer der Gesellschaft auf, welchen gestattet ist, in den kurzen Stunden, die uns zu dem gemeinsamen Werk gegönnt sind, in mir den König zu vergessen und nur den Menschen, den durch Gottes Fügung ihm gleicherschaffenen Bruder zu sehen! Ich bin Freimaurer, und ich wünsche, Sie würden es auch!«

»Ew. Majestät Wunsch ist mir ein ehrenvoller Befehl.«

»Da sehen Sie die Sache von vornherein falsch an! Maurer zu werden kann und darf man keinem befehlen. Das muß ein Akt freiwilligen Entschlusses, muß – das Herzensbedürfnis eines freien Mannes sein! Ich habe keinen besonderen Zweck, Sie in den Orden aufzunehmen, Sie werden mir dadurch weder lieber noch ich Ihnen ein anderer. Ich möchte Ihnen aber, weil Sie Mann meines Vertrauens sind, etwas geben, was Ihnen noch mangelt und in dessen Besitz ich mich glücklich fühle! Ganz gleich, ob Sie dann in meiner Nähe, ob Sie wo anders in meinen Diensten sind, oder ob Sie in fernen Ländern freundlos unter fremden Menschen wohnen müssen – sind Sie Maçon, dann haben Sie überall und selbst in der Einsamkeit einen vertrauten Freund, mit dem Sie reden können, dann wird es auf dem weiten Erdenrunde keine Stätte geben, die nicht, sobald Ihr Fuß sie betritt, Ihnen zur Heimat würde. – Dieses Glück wünsche ich Ihnen zu verschaffen, will den zweiten, geistig höheren Menschen in Ihnen erwecken, den Menschen, der der ewige Steuben, der Gottcharakter wird, wenn der andere, der kleine Steuben, Flügeladjutant et cetera – dahin geht, wohin wir alle durch die letzte Wanderung kommen. Haben Sie mir auf diese Anschauung etwas zu erwidern?«

»Nichts als eine Frage. – Ist denn der Glaube, ist nicht die Kirche mit ihrem Gottesdienst der sichere Weg hierzu?«

»Gewiß, Steuben, nicht bloß der sichere, der geeignetste, er ist auch für die große Summe der Menschen, fürs Volk, der einfachste, faßlichste. Es gibt aber in dieser Summe Menschennaturen, die nun einmal höher veranlagt sind als die alltäglichen Menschen, Naturen, welche über die Vorstellungen und Grenzen hinüberschauen, die die Religion hegen und ziehen muß, will sie nicht gestaltlos für uns werden! In solchen Mannesseelen tut sich dann eine Sehnsucht kund, die weder die Schönheit dieser Erde, weder Mannes-, Frauen- noch Kindesliebe, die auch der herrlichste Gottesdienst und die höchsten Wunder der Kunst nicht zu überwältigen vermag! Eine Sehnsucht, Steuben, weiter zu dringen, höher zu wachsen im Geist, und diese Sehnsucht wird dann zur Klage, zum Wehe in uns über unsere Unzulänglichkeit und Endlichkeit. Diese Klage verstummt in der Maurerei, denn aus der Sehnsucht wird bewußte Überzeugung! Zwei Wege gibt's zu Gott, den einen gehen alle durch den Glauben, durch die Kirche, den anderen gehen einzelne, von allmächtigem Drange getrieben, durch die Maurerei! Wer aber ein vollendeter Mensch werden will, so weit er nur kann, der geht in die Kirche und geht in die Loge, er geht zwei ewige Wege des Heils zugleich! – Haben Sie mich verstanden? Haben Sie die Möglichkeit, das könne am Ende wahr sein, empfunden?«

»Ja, Majestät! – Ich will darum, nicht Ihretwegen, sondern meinetwegen beide Wege gehen. Ich bitte um Aufnahme in den Orden!«

Friedrich II. umarmte Steuben und küßte ihn. »Damit begrüße ich Sie vor der Schwelle des Baues. Morgen nachmittag gehen Sie zu Graf Anhalt, abends sehen wir uns beide in einem anderen Zustande, anderem Lichte wieder! Gute Nacht, Steuben!«

Selbstverständlich war dadurch, daß er seinen Monarchen, den Herzog von Bevern, Anhalt, Krusemark und eine Menge Offiziere unter Bürgern, Fabrikanten und Kaufleuten im Ordenshause fand, Steubens Stellung wie Beziehung zum Könige selbst in nichts verändert. Im Dienste, im äußeren Leben war Friedrich II. für ihn der König, in der Loge war er ihm Lehrer, Vorbild, Bruder. Beide Stellungen trennten eben die Wände der Loge, trennte das gelobte Geheimnis. Kein Mensch merkte Friedrich II. den Maçon an, und er litt es auch von seiner Umgebung nicht, daß sie ihn im profanen Leben daran erinnerte. – Insofern brachte diese neue Beziehung zum Könige und zu verschiedenen Herren am Hofe eine Veränderung zuwege, daß die Art des gegenseitigen Umganges besonders milder, von ruhiger, prätentionsloser Innigkeit durchleuchteter wurde. Der König redete seinen Adjutanten nicht mehr an: »Hör Er, Steuben«, sondern »Lieber Steuben, hör Er einmal.« Keine Vertraulichkeit duldete Friedrich, aber jenes ehrfurchtsvolle kindliche Vertrauen, mit dem diejenigen seiner Umgebung, welche dem Orden angehörten, ihm nahten. Es ist bekannt, daß er anderen Kavalieren, welche aus nicht ganz reinen Motiven die Aufnahme nachsuchten, kurz und rund sagte: »Er? – Er ist 'n ganz guter Kerl, dazu paßt Er aber nicht. Geh' Er in die Kirche, das ist für ihn genau ebensogut!« In seiner neuen Stellung fand aber zwischen Steuben und Graf Anhalt ein besonderes gegenseitiges Anschließen, eine Freundschaft statt, die über das bloße Kameradschaftliche, über den sozusagen täglichen Bedarf geselliger Höflichkeit und Wertschätzung ging. Beide Männer lebten sich seelisch mehr ineinander ein, ohne daß in den Umgangsformen etwa eine auffällige Kordialität hervorgetreten wäre. Dieses gegenseitige Anschließen hatte zur Folge, daß Graf Anhalt Steuben sein Haus öffnete, mit ihm bei sich unter vier Augen oft über Dinge sprach, die Steuben nicht ganz oder nicht richtig in der Ordenslehre aufgefaßt hatte. Wenn sie dann zu der Familie des Generaladjutanten nach solchem Diskurse zurückkehrten, sagte die Gräfin oft lächelnd: »Sie haben wohl wieder was fertiggemauert?« – »Oh, ein ganzes Stockwerk!« – »Das muß ja aber schon bald so hoch wie der babylonische Turm sein!« – und man lachte herzlich darüber. – Aus diesem vertraulichen Verkehr der Männer erwuchs auch eine größere Traulichkeit und Annäherung Steubens an die Gräfin und Komtesse Sophie, und die leider etwas zu sehr genährte Eitelkeit unseres Helden verlockte ihn zu törichten Hoffnungen, ja, ließ ihn endlich die Grenze vergessen, welche das Geschick ihm gesteckt hatte. –

Steuben war blutarm. Sein Gehalt mit den Revenuen seiner Domherrnstelle brauchte er völlig auf, und selbst wenn er es bis zum Generaladjutanten oder Regimentsobersten gebracht hätte, würde er Sophie von Anhalt nie das aristokratische Leben haben bieten können, das sie jetzt genoß. Gewiß waren Graf von Anhalt wie seine Schwester reich, aber wir können wohl Steubens Ehrenhaftigkeit zutrauen, daß er ein Mädchen, welches er heiß und innig liebte, gewiß nicht aus Berechnung sein zu nennen wünschte. – Wäre Steuben weniger eitel, aber kaltblütiger und besonnener gewesen, er hätte sich gewiß gesagt, daß es sein sehr Bedenkliches habe, sich in eine so hohe, dem preußischen Königshause nahe Verwandtschaft drängen zu wollen, er hätte das Gefühl haben müssen, daß Sophie zur Verbindung mit Söhnen aus den ältesten und reichsten gräflichen oder fürstlichen Häusern Deutschlands berechtigt war.

Steuben mochte bereits zwei Monate in den Dienst des Königs zurückgekehrt sein – es war Mitte Mai und Potsdam ein einziges Blumenmeer –, als ihm ein wenig erwartetes Ereignis begegnete. Ein Billet des jetzigen russischen Gesandten, Grafen Panin, lud ihn in dessen Potsdamer Sommerwohnung, da Exzellenz ihm eine »angenehme Mitteilung« zu machen haben – Wir erinnern uns so gut wie Steuben, daß Panin ein enragierter Russe, einer der heftigsten Feinde Peters III. und Intimus Alexanders von Orlow war. Unserem Helden mußte es sehr auffällig sein, daß gerade dieser Mann ihm so besonders Angenehmes zu sagen haben sollte, und diese Selbstfrage machte ihn stutzen.

»Ist es Majestät allergnädigst angenehm, dies Billett Panins anzusehen?« sagte der Flügeladjutant, sofort nach Empfang das schreiben Friedrich aushändigend.

»Aha, nun kommen sie!« lächelte der König sarkastisch, nachdem er die Juvite gelesen hatte. »Er ist doch über die Annehmlichkeit klar, mein lieber Steuben?«

»Ich fürchte, daß ich darüber nur zu klar bin. – Mir fällt indes auf, daß gerade Panin diese Offerte zu machen hat!«

»Mir gar nicht, ich sehe das Spiel durch und durch. – Die Kaiserin wünscht Ihn zurück als Amateur. Sie wird ihren herzliebsten Steuben an den Schwur mahnen, und diese Mahnung, wahrscheinlich mittels eines Handbilletts, muß Panin naturgemäß als Gesandter an Ihn übermitteln. Gesetzt, unser guter Steuben ist ebenso eitel wie schwach, zu glauben, die Liebe einer hohen Dame erhöhe ihn zu ihr, gesetzt, unser Steuben quittierte den – kleinen König von Preußen, um der erste Mann im Winterpalais zu sein – glaubt Er denn, Panin wisse durch die Orlows nicht bereits, was in dem Billettdoux etwa stehen könne? Glaubt Er, lieber Steuben, Er würde je die Newa zu Gesicht bekommen?«

»Ich werde sie nie wiedersehen, Majestät! Aber gesetzt, ich wäre Tor genug, König und Vaterland in den Wind zu schlagen und abzureisen, wer wollte mich hindern, anzukommen?«

»Wer? – Ein unfreiwilliger Sprung vom Verdeck! Die unglückliche Kugel eines Grenzbeamten!«

»Majestät!?«

»Ach, glaubt Er denn, die Helfershelfer, welche Katharina zur Witwe machten, würden sich gutwillig einen Vizekaiser vor die Nase setzen lassen, der die teuren Altrussen ›à la Prussienne‹ modernisierte? Hat Er wirklich gar sowenig in Petersburg und von jenem 17. Juli gelernt?«

»Majestät haben recht! – Wenn ich Katharinas Rufe folgte, ich handelte nicht nur an Höchstihnen undankbar, nicht nur als Mensch und Bürger schlecht, ich handelte wie ein Selbstmörder!«

»Da hat Er recht – wenn Er sich wirklich selber so sehr hassen wollte, könnte er sich das hier mittels eines Pistols besorgen, ohne die zweite schimpflichere Gemeinheit auf sich zu laden, den – männlichen Harem einer hohen Dame als erste Schönheit zu zieren. Eine große und kluge Herrscherin ist Katharina gewiß, lieber Steuben, aber – eine sehr gewöhnliche Frau!«

»Ich werde den Brief in Empfang nehmen und Eurer Majestät verschlossen übergeben.«

»Er ist sein freier Herr! Tue Er, was Er in dieser Sache für korrekt hält.«

Steuben begab sich zu Fuß von Sanssouci nach Potsdam zum Sommerlogis Panins, das in der Nähe des königlichen Stadtschlosses lag. Er wurde von dem russischen Botschafter mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit empfangen.

»Ich habe mich also nicht in der schmeichelhaften Hoffnung betrogen, Sie nach Empfang meines Billets bei mir zu sehen?«

»Das durften Sie mit Sicherheit voraussetzen, Herr Graf. Wenn Ihre Kaiserliche Majestät sich herabläßt, mich einer besonderen Botschaft würdig zu halten, so versteht es sich von selbst, daß ich solcher Ehre mit Ehrfurcht entgegenkomme.«

»Allerdings ist diese Botschaft von besonderer Huld, denn sie besteht nicht in einer bloßen Benachrichtigung, einem Wunsche oder einer Erwartung der hohen Frau, welche ich Ihnen auszusprechen beauftragt wäre, sondern in einem eigenhändigen Allerhöchsten Briefe an Sie!«

»Das habe ich erwartet«, entgegnete Steuben trocken.

Panin fuhr zurück. »Sie? Erwartet? – Sie sind höchst zuversichtlich, mein Herr!«

»Bei dem persönlichen Vertrauen Ihrer hohen Gebieterin zu meiner Wenigkeit kann mich eine direkte Mitteilung derselben nicht frappieren. Ich bin bereit, sie entgegenzunehmen.«

»Zweifeln Sie nicht, daß ich alsbald dies Allerhöchste Schreiben in Ihre Hand legen werde. Sie gestatten aber doch gewiß, daß, da der Gegenstand, den dies Handbillet enthalten dürfte, zarter Natur sein könnte, ich einige Vorsicht beobachte.«

»Herr Graf, meines Wissens haben Sie nichts zu beachten als mir den von Kaiserlicher Majestät an mich gerichteten Brief zu übergeben oder ihn mir nicht zu übergeben! Betrifft es so zarte Dinge, daß Sie sich bei der sehr einfachen Zeremonie des Überreichens glauben erst sichern zu müssen, dann nehme ich Anstand, ein derartiges Schreiben zu empfangen«

»Mein Herr?!« – »Ganz gewiß. Ich würde mir nämlich sagen, wenn Majestät Ursache haben, mir – gewissermaßen mit Gnädigster Intimität – irgendeine Mitteilung zu machen, daß es dann mein Geheimnis ist! Wenn Ihro Majestät Sie aber über den Inhalt des Billets verständigt hat, ich mich dann nicht berechtigt halte, es mein zu nennen. Ich würde mich dann begnügen, seinen Inhalt von Ihnen nur zu hören, denn dann wäre derselbe offiziell!«

Panin war in höchster Verlegenheit. Um sie zu verbergen, wandte er sich ab, trat an den Tisch, öffnete eine Art Kassette von Leder und nahm ein wohlversiegeltes Schreiben heraus. »Sie fassen die Angelegenheit etwas eigen auf. Ich weiß vom Inhalte dieses Briefes natürlich nichts. Majestät hat auch nicht geruht, mir über dasselbe irgendwelche Weisungen oder Andeutungen zu geben, außer dem Befehl, Ihren Beschluß betreffs der Frau Kaiserin mit allen Mitteln und meinem ganzen Ansehen zu unterstützen. Hier, mein Herr, ist der Brief.«

Steuben nahm ihn und schob ihn in die innere Brusttasche seiner Uniform.

»Sie lesen ihn nicht?«

»Gewiß, aber nicht hier, sondern in meinem Kabinett. – Da der Inhalt, wie Sie andeuten, vertraulicher Natur ist, Sie aber nichts von demselben wissen, so werde ich Sie auch nichts davon wissen lassen!«

»Ich begreife Ihr Zartgefühl, noch mehr Ihre politische Vorsicht. Jedenfalls aber werden Sie mich doch benachrichtigen, welchen Beschluß Sie diesem Billet zufolge gefaßt haben.«

»Mir scheint, daß ich verpflichtet bin, diese Benachrichtigung direkt an die Majestät zu richten, und daß Sie nur die Übermittlung gütigst übernehmen.«

»Wenn eine Antwort erforderlich ist, ganz sicher. Ich glaube aber, die beste Nachricht für meine Kaiserin würde Ihr persönliches Erscheinen in Petersburg sein, ich aber würde die angenehme Pflicht haben, Ihre Reise zu unterstützen.«

»Dies sind Annahmen, Herr Graf, welche nicht bloß sehr gewagt sind, sondern – verzeihen Sie – etwas voreilig. Erstlich muß doch erst das kaiserliche Handschreiben erweisen, daß Majestät mich zu sich wünscht, dann fällt doch auch ins Gewicht, ob ich eine so huldvolle Auszeichnung anzunehmen vermag oder ob nicht dies Billet ganz etwas anderes enthält, was mit meiner Person wenig, mit einer Anwesenheit meinerseits bei Ihro Majestät gar nichts zu tun hat.«

»Allerdings, alle die und wer weiß welche Annahmen sind möglich«, sagte Panin in gereiztem und spöttischem Tone. »Würden Sie aber infolge des kaiserlichen Briefes sich bemüßigt sehen, die Antwort auf ihn selbst zu überbringen, dann dürfte ich doch wohl erwarten, daß Sie mir kund tun, ob Sie über Stettin zu Wasser oder den Landweg zu reisen belieben.«

»Das weiß ich noch gar nicht, ob ich Ihnen das sagen würde!«

»Sie sind mir etwas rätselhaft, Herr von Steuben. Man kann in der Vorsicht auch zu weit gehen!«

»Oh, wenn es Ihro Majestät betrifft, geht man nie zu weit!«

»Mein Gott, wie wollen Sie denn aber reisen?«

»Mit meinen eigenen Mitteln und auf meine eigene Methode, Herr Graf. Es bedarf dazu weder Ihrer Pässe noch Ihrer Bemühungen für mein Wohl unterwegs. Ich finde, daß hierüber aber jedes Wort vorher ganz unnötig ist.«

»Ich begreife Ihr Verhalten gegen mich. Sie mißtrauen mir, weil Sie wissen, daß ich zu den Widersachern der Pläne gehörte, welche der selige Zar gehegt und teilweise ausgeführt hat. Jetzt ist von denselben aber gar nicht mehr die Rede, denn wir haben in Ihro Majestät eine national gesinnte Herrscherin.«

»Das ist mir bekannt, aber auch sehr gleichgültig, denn soviel ich weiß, hat Ihre Majestät mit mir weder wegen der russischen, noch weniger aber habe ich mit ihr wegen der preußischen Politik etwas zu tun. Zwischen Höchstihr und mir besteht nur ein persönliches Verhältnis, und daß es persönlich bleibe, dafür zu sorgen ist meine Sache! Ich empfehle mich Ihnen, Herr Gesandter!«

»Darf ich vorher nicht um eine Bescheinigung darüber bitten, daß ich meiner Gebieterin Brief in Ihre Hände gelegt habe?«

»Das versteht sich von selbst. Ich werde Ihnen die Quittung sogleich schreiben.« Steuben setzte sich an Panins Arbeitstisch und fertigte ihm den Schein aus.

Panin stand neben ihm. »Und Sie haben keinerlei Neigung, Veranlassung oder Gründe der Klugheit, sich mit der nunmehr herrschenden Partei bei uns zu – verständigen?« sagte er leise.

»Wenn ich Petersburg wiedersehen sollte, Exzellenz, so besuche ich die Kaiserin, aber keine Partei. Ich verständige mich also mit ihr, nicht mit wem anders! Schlimm genug, wenn nicht die Kaiserin mehr, sondern eine Partei regieren sollte, dann wäre der 17. Juli überflüssig gewesen!« Er verbeugte sich und verließ den Gesandten.

»Ein unergründlich schlauer Schuft!« murmelte Panin giftig. »Gelangt er wirklich noch zu ihr, wird er Menschikoff selbst an Gewalt in Schatten stellen, die Opfer aber werden wir sein!« – –

Der König promenierte in der großen Allee, seine Lieblinge, die Windspiele, umsprangen ihn. Unter diesen hohen Bäumen liebte er es, ohne irgendeine andere Begleitung zu lustwandeln und den erhabenen Grundsätzen und Gefühlen nachzuhängen, so manchen großen und geheimnisvollen Fragen, die auf dem Grunde seiner Seele verborgen ruhten. Es ist bekannt, daß Friedrich II. so gut wie der große Kurfürst, und trotz des kritischen Skeptizismus, den die Enzyklopädisten in ihm erregt hatten, an die Prädestination glaubte. Gewiß hegte er die Überzeugung, daß der Mensch mit Freiheit handle, aus eigenem Willen, aus eigener Überzeugung und somit für seine Handlungen verantwortlich sei. Aber ebenso glaubte er, daß trotz dieser Freiheit und Verantwortlichkeit alle Handlungen der Menschen, alle ihre Schicksale einem großen Gesetze zwingender Notwendigkeit unterliegen, und daß des Menschen ganzes Geschick, die Art seines Lebens, zufolge dieses Gesetzes, von der Vorsehung vorher bestimmt sei. Der große König glaubte nicht bloß, die Wahrheit dieser Überzeugung an sich selbst und den großartigen Wechselfällen seines Lebens erfahren zu haben, es bot sich ihm gerade in Friedrich von Steuben, an welchen soeben eine ganz eigentümlich verhängnisvolle Frage herantrat, auffälliger als an irgend jemand seiner jüngeren Umgebung eine Gelegenheit, diese göttliche Vorherbestimmung sich bewahrheiten zu sehen oder nicht. Ein armer, unbedeutender junger Mann des märkischen Adels, aus einem wenig hervorragenden Geschlecht, eines Soldaten Sohn, vom Krieg schon als Knabe zum Soldaten gemacht, hatte die schwersten und glänzendsten Schlachten dieses großen Krieges trotz mehrfacher Verwundungen glücklich überstanden, um – gefangen zu werden, und zwar kurz vor dem Tode von Friedrichs großer Feindin Elisabeth, gefangen zu werden und Katharinas II. Herz und Sinn zu erobern und mit Hilfe seiner Genossen das Mittel der Vorsehung zu werden, einen heillosen Krieg dadurch zu beenden, daß er Rußlands Tatkraft lähmte, den einzigen Gegner also, welcher Anfangs des Jahres 1762 Preußen noch verderblich werden konnte. Ungewöhnlich waren Steubens Gaben, das erkannte der große König wohl, ungewöhnlicher war aber auch Steubens Glück gewesen. –

Steuben ward in der Allee sichtbar, sich rasch auf den König zubewegend, auch Friedrich beschleunigte seinen Schritt. Als beide einander nahe waren, verbeugte sich Steuben, griff in die Brusttasche seiner Uniform und brachte den kaiserlichen Brief zum Vorschein.

»Die Zarin hat Ihm also selbst geschrieben? – Wenn man es wissen darf, was will sie?«

»Ich errate es, obwohl ich es nicht weiß. Ich bitte, daß Majestät die Epistel zuerst erbrechen.«

»Er wünscht das?«

»Ich ersuche Eure Majestät darum!«

König Friedrich nahm den Brief, klemmte den Krückstock unter den linken Arm und öffnete das Schreiben. Eine Weile stand er still und überflog den Brief; keine Muskel seines Gesichts regte sich. – »Er wird nunmehr einen kurzen und ernsten Entschluß fassen müssen, Steuben. Fasse Er ihn bald und mit ebenso freiem wie klarem Geiste!« Er gab den Brief an Steuben zurück. »Lese Er ihn gleich!«

Der Flügeladjutant errötete, als er der Kaiserin Schriftstück aufklappte und gleich die Worte ihm ins Auge fielen: »Friedrich! Einzig geliebter Steuben!« – Er faßte sich indessen genug, um in dem Texte weiterzulesen, welcher also lautete: »Nachdem das Geschick unsere und Deine Wünsche erfüllt hat, Ich Witwe bin und Gebieterin Rußlands zugleich, bitte Ich Dich flehentlich, geliebter Mann, komme an Mein Herz, erlöse Mich von nagender Liebespein, sei Mein wie Ich Dein, ach, wenn Du willst, sei sogar Mein Gebieter! Ich mahne Dich an den Schwur, den Du auf das heilige Holz Christi getan hast! – Erfüllst Du ihn, will Ich Dich nicht nur glücklich machen, es soll Deinem Lande, Deinem Könige zu großem Nutzen gereichen! – Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Feinde und Neider Dich erwarten! – Vertraue Dich betreffs der Reise also nicht Unserem Gesandten Panin an, komme auf einen offenen, eigenhändigen Geleitsbrief Deines Königs, der französisch und russisch zugleich sein muß, und komme als Überbringer einer geheimen Botschaft Sr. Majestät, Unseres Bruders von Preußen! Was Er in dieser von Uns verlangt, wenn es nicht Land und Leute sind oder etwas, das Ich nicht geben kann, weil Er es selbst nicht tun würde an meiner Stelle – das ist im voraus gewährt! So wahr Ich Dich liebe bis über die Grenze der Vernunft hinaus und mit Dir teilen will alles, alles, so wahr möge Mein Fluch und Gottes Gewalt Dich treffen, wenn Du treulos bist, denn Du nur kannst Mir Meiner Seele verlorenen Frieden wiedergeben! Katharina.«

Steuben ließ die Hand mit dem Briefe sinken, er war sehr blaß geworden.

»Hat Er sich entschieden?«

»Ich habe mich entschieden, in Eurer Majestät Dienst zu bleiben und diesen Brief nach meinem Gewissen zu beantworten!«

»Ich erwartete das von Ihm! Komme Er!«

Der König schritt mit Steuben langsam bis zur großen Fontäne, dann erstiegen sie die Terrassen von Sanssoucie und betraten, ohne ein Wort zu sprechen, die Gemächer des Königs. Im Arbeitskabinett, als Fredersdorf seinem Gebieter Degen, Hut, Stock und Handschuhe abnahm, sagte Friedrich: »Benutze Er meinen Sekretär zur Erwiderung, Steuben, Gott leite seinen Sinn und seine – Hand! Öffne Er das Fenster da, Fredersdorf, dann – die Flöte! – Übereile Er sich nicht, Steuben, überlege Er ja recht, was und wie Er schreibt, sie bleibt, trotz allem, eine Souveränin!«

Während Steuben, vor dem Schreibtisch des Königs sitzend, nachsann, wie er die Antwort wohl am besten fasse, ergriff Friedrich II. sein Lieblingsinstrument. Er trat an das Fenster, und in zitternden, sehnsüchtig leicht verhauchenden Triolen begann er eine freie Fantasie. Er sprach in Tönen mit sich selbst, sprach in Tönen zu jenem jungen Mann, der mit der Feder, die da über das Papier hinglitt, sein und das Schicksal der mächtigsten Frau in Europa besiegelte.

»Allergroßmächtigste, Allergnädigste Kaiserin und Herrin! – Exzellenz Graf Panin hat mir das huldreiche Schreiben übergeben, durch welches meine Allerhabenste Frau mich zu sich ruft. Eure Majestät erinnern mich zugleich an meinen Ihnen geleisteten Schwur! Zu diesem Schwur bekenne ich mich offen vor Gott und meinem Gewissen. Mich ganz mit Seele und Leib indes Ihrem Dienst zu ergeben und nach Petersburg zu kommen, verbietet mir Ehre und Gewissen, bevor Höchstsie nicht einen schweren Zweifel entfernt haben, der mich belastet. Können Eure Majestät auf dasselbe Kreuz, auf welches ich schwor, öffentlich in der St.-Peter- und Pauls-Kathedrale vor dem Metropoliten, gehört von Ihrem Volke, den Eid ablegen, daß der selige Zar Peter III. am 17. Juli 1762 eines völlig natürlichen Todes gestorben sei und keine frevelnde Hand in sein Leben griff? Wenn Sie das vermögen und ich die untrüglichen Beweise in Händen habe, daß diese heilige Handlung der Eidesreinigung durch Höchstsie, wie ich erbeten habe, erfolgt sei, komme ich und bin für ewig der Ihrige.

In Ehrfurcht

Friedrich von Steuben.«

Leise stand er auf und ließ das Schreiben liegen. – Nach wenigen Kadenzen endete der König.

»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, die Antwort zu lesen?«

Die Flöte in der Hand, setzte sich Friedrich II. und las langsam, jede Silbe wägend, das Schriftstück Steubens durch. Dann erhob er sich. »Steuben, Wir haben Uns nicht in Ihm betrogen! Er hat meine größte Estimation! – Für diesen Entschluß kann ich Ihn freilich nicht durch Erhöhung der Charge oder sonstigen Vorzug belohnen, denn das ist ein Verdienst, das außer Mir und Ihm nur Gott sieht! Folge Er seinem ehrlichen Gewissen nur immer so, und nie wird sein König ihn verlassen! – Siegle Er den Brief jetzt mit Seinem Petschaft, nach der Tafel werde ich den Panin rufen lassen, da kann Er ihm den Brief geben. Die Kaiserin wird Ihn wohl nach diesem chapitre de moral nicht mehr molestieren!« –

Die Gesellschaft, welche gewöhnlich mit König Friedrich zu speisen pflegte, war nur klein. Außer seinen Adjutanten pflegte er ab und zu Generale der Potsdamer oder Berliner Garnison um sich zu sehen, besonders Jugendfreunde oder die berühmten Genossen seiner Siege. Auch heute waren nur etwa acht Herren versammelt, unter ihnen Mylord Marechall, Seidlitz, der Herzog von Bevern und Baron von Pöllnitz. Das Diner war fast zu Ende, nur noch ein kriegerischer Wortwechsel hielt alle beim letzten Glase fest, als Fredersdorf erschien und den russische« Botschafter meldete.

»Ah, gut! – Pöllnitz, gehe Er doch zu Sr. Exzellenz und unterhalte Er ihn, ich werde ihn im Augenblick empfangen!«

Als der Baron den Speisesaal verlassen hatte, sagte Friedrich lächelnd: »Ich hielt euch mit Absicht noch bei Tische fest, Messieurs, weil ich eure Anwesenheit wünsche. Man kann in Petersburg nämlich noch immer nicht die amabilité unserer gefangenen preußischen Offiziere vergessen, namentlich aber ihre militärischen Fähigkeiten. So hat Kapitän von Steuben durch ein eigenes Handschreiben Ihrer Majestät so vorteilhafte Anträge erhalten, wie Wir sie ihm nicht bieten können. Wir ließen ihm freie Wahl, sein Glück zu machen, Steuben hat die glänzende Avantage aber abgelehnt, und deshalb ließ ich Panin rufen. – Nachdem er seinen Entschluß freiwillig erwählt hat, ist es nun Sache seines Monarchen, für ihn einzutreten. Ihr werdet Zeugen davon sein, meine Herren!« Er erhob sich, und alle übriges folgten ihm. –

Der Botschafter, so rasch zum Könige entboten, wußte nicht, was das bedeuten sollte. Er vermutete ein dringendes, also wichtiges diplomatisches Geschäft, und Panins Eitelkeit schmeichelte sich, dabei eine Rolle zu spielen, welche ihm bei seiner Gebieterin irgendeinen Vorteil eintragen könnte. Sein lächelndes Gesicht, als er sich verbeugte, wurde indes ziemlich erstaunt, als er Friedrich in der Umgebung von Offizieren sah.

»Exzellenz,« redete ihn der König an, »Ihro Majestät hat geruht, den Hauptmann und Adjutanten von Steuben mit einer höchst verlockenden Proposition zu beehren, und derselbe hat sie Uns pflichtmäßigst vorgelegt.«

Panins Gesicht wurde furchtbar lang, sein Blick völlig verwirrt, dann schoß ihm das Blut ins Gesicht.

»Eure Majestät nahm also von diesem Schreiben Kenntnis?«

»Wie von allem, was Unsere Offiziere betrifft, die zumal vom Dienst bei Unserer Person! Ebenso nahm Ich Kenntnis von seiner Antwort an Unsere erhabene Freundin und Nachbarin. Gebe er mir den Brief an die russische Majestät, Steuben.«

Steuben händigte dem Könige die Antwort ein.

»Haben Sie die Güte, dieselbe zu befördern und Ihrer gnädigsten Gebieterin dabei zu melden, daß Wir völlig die Gründe billigen, welche es dem Kapitän von Steuben vorläufig unmöglich machen, den königlich preußischen Dienst mit dem der kaiserlichen Armee zu vertauschen!«

»Ich werde gewiß dies Schreiben und die über dasselbe ausgesprochene Meinung Eurer Majestät auf rascheste Art zu Allerhöchster Kenntnis bringen. – Ich darf wohl so kühn sein, anzunehmen, daß der Entschluß des Herrn Kapitäns sich – einigermaßen den Wünschen Sr. Majestät untergeordnet habe, obwohl es scheint, daß die Anfrage meiner Gebieterin privater Natur war und auf solche Art durch den Herrn Adjutanten hätte erwidert werden sollen.«

»Wir bemerken, daß der Adjutant hierin, eben wegen seiner nahen Stellung zu Uns, seine Pflicht besser kennt! Um Ihro kaiserlichen Majestät Wünsche zu erfüllen, mußte er mir notwendig ein Dokument vorlegen, welches sein Abschiedsgesuch hätte erklärlich machen können, da im übrigen der Kapitän doch wohl keine Veranlassung finden dürfte, Unseren Dienst zu quittieren.«

»Ich bescheide mich und hoffe, die Antwort des Herrn Adjutanten werde keinen Einfluß auf die freundlichen Gefühle Ihrer Majestät der Kaiserin haben.«

»Wir befürchten das nicht. Höchstihre Gebieterin ist eine zu kluge Dame, einen noch nicht verabschiedeten Offizier, der freiwillig nicht den preußischen Dienst zu verlassen gesonnen ist, zu einer Quelle ernsterer Mißstimmung zu machen!« – Friedrich II. machte mit leichter Verbeugung dem vor Ärger und Verlegenheit berstenden Grafen die Geste der Entlassung.

Als die Tür hinter ihm zufiel, wandte sich der König zu Steuben. »Seine Treue hat freiwillig auf die russischen Anerbietungen verzichtet, wie Wir vor diesen Herren Ihm attestieren müssen. Wir wollten Ihm durch Unser Verfahren nur die Verantwortlichkeit für einen refus abnehmen, den Er Uns zuliebe gegeben hat. Wir danken Ihm für seine honnêteté

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