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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 5
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
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Die Strategie der Leidenschaften

Das sogenannte »Roßbach-Manöver« war eben vorüber. Man hatte es unter Anwesenheit des gesamten Hofes auf der livländischen Seite unweit Katharinenhof mit allem Pompe damaliger Zeit unter dem Zusammenströmen einer unabsehbaren Menschenmenge abgehalten. Daß dasselbe Knobloch und Steuben vorzüglich geglückt war, versteht sich von selbst, da Villebois wie Ungern-Sternberg die Stabsoffiziere der beiden Parteien spielten, Marschall Münnich, Trubetzkoi, Wolkowsky und andere Anhänger der Partei Peters die Truppen der beiden operierenden Korps kommandierten. Zar Peter war geradezu außer sich vor Bewunderung, und da er sah, wie sich mit russischen Truppen schwierige preußische Bewegungen ausführen ließen, erklärte er laut, daß die russische Armee völlig auf preußischen Fuß gebracht werden müsse! Bei dem Diner, das hierauf im Katharinenhof eingenommen wurde, überhäufte der Kaiser Knobloch wie Steuben mit Lob und Gnadenbeweisen, und die russischen Militärs kamen sich wie Automaten vor, welche von preußischen Drähten gelenkt wurden. Dies ostensible Manöver, welches sonach zu einer Glorifikation der preußischen Armee geworden war, legte aber zuerst den Keim jenes Hasses gegen Peter III. in die Herzen der Petersburger Offizierkorps und ihrer Regimenter, welcher für den Kaiser sehr verhängnisvoll werden sollte. Es bedurfte nur noch der Torheit, die Mannschaften selbst, die einzelnen Offiziere zu erbittern, um Peter ihren Herzen gerade dann zu entfremden, da ein einziges Regiment, das ihn geliebt hätte, genügt haben würde, ihn zu schützen.

Nach Beendigung des Manövers und des Diners zu Katharinenhof kehrten Steuben und Knobloch samt ihren Kameraden in der Suite des Kaisers zum Winterpalais zurück. Katharina war mit ihren Damen vorausgefahren. Ihr Benehmen war ruhig und nachdenklich gewesen. Als Steuben bei der Parade, welche den Schluß des militärischen Schauspiels bildete, sein Korps, das die friderizianische Armee personifiziert hatte, der hohes Frau vorüberführte, hatte sie ihn herangewinkt.

»Das, was ich von dir gesehen habe, Steuben, erwartete ich vorher. Ich weiß, ich täusche mich nicht in dir! Ich sehe dich also noch heute?« – Damit entließ sie ihn. Bei dem Diner hatte sie kein Wort mit Steuben gewechselt, aber offen vor dem Kaiser erklärt: »Seine Offiziere machen dem Könige von Preußen Ehre; ich glaube, sie würden selbst mit einem Korps Tschentschenzen oder Baschkiren den Soubise geschlagen haben!«

Als Peter III. sich an der Spitze seines militärischen Hofstaats zum Winterpalais zurückbegab, ritt er zwischen Knobloch und Steuben. In einiger Entfernung folgten sein Vetter und sein Oheim, die Prinzen von Holstein, Villebois, Münnich und Sternberg; hinter diesen erst kamen die übrigen russischen Generale. Somit wurde der Kaiser durch seine Vertrauten genugsam von letzteren getrennt, um sich ungestört seinen militärischen und politischen Sympathieergüssen hingeben zu können.

»Bei der Seele des großen Peter, Väterchen,« rief er unbedacht, »ich wünschte wohl, ich hätte den Tag von Roßbach erlebt und an deines großen Königs Seite am Kampfe teilnehmen können!«

»Niemand würde das eine reinere Freude gewesen sein als meinem Monarchen,« entgegnete Knobloch, »und keine größere Ehre könnte Preußen je widerfahren sein!«

»Wenn mein schwergeprüfter Landesherr«, setzte Steuben das Gespräch fort, »diesen Freudestrahl in seinem Leben voll Sorgen, wenn das von aller Welt gepeinigte Preußen diese Ehre damals nicht haben durfte, weil der Wille Ihrer seligen Vorgängerin, Majestät, dies unmöglich machte – ist denn aber jetzt Eure Majestät nicht frei? Wer kann Höchstihnen zuwider sein, wenn Ihr allmächtiges Wort jetzt das wahr macht, was Sie wünschen, daß es schon damals geschehen sei?«

»Wie meinst du das, Freundchen?«

»Der Schluß des Waffenstillstandes, Majestät, ist seitens unseres Königs ganz unzweifelhaft. Er wird sicher gern auf alles eingehen, was denselben in einen Frieden verwandelt. Wird aber damit dem Blutbade Einhalt getan sein? Werden deshalb Österreich wie Frankreich etwa den Krieg nicht fortsetzen? Ihn zu beenden, hieße sich Friedrichs II. ewigen Dank verdienen, es hieße der Wohltäter Preußens – ja, der gesamten deutschen Lande sein!«

»Es wäre eine schöne, unvergängliche Tat für den, der sie täte!« sagte Peter sinnend.

»Wer ist zu ihr sichtlicher berufen als Eure Majestät?«

»Wie denkst du dir, daß es geschehen kann?«

»Wenn mein kaiserlicher Herr nicht nur mit Preußen Friede, sondern zugleich ein Schutz- und Trutzbündnis schließen würde!«

»Dann müßte ich aber meine Russen gegen meine bisherigen Verbündeten marschieren lassen?«

»Gegen Ihre Verbündeten, Majestät? – Ich meine, Österreich und Frankreich seien nur die Verbündeten der seligen Kaiserin gewesen. Ihr Herz und Ihr Wort ist nicht gebunden!«

»Nein! Noch weniger mein Wille! Wenn der Waffenstillstand erfolgt, will ich das überlegen, Lubesnoi! – Wie wär's denn aber, Steuben, wenn du mit dem General, mit allen euren preußischen Offizieren hier in meine Dienste treten würdest? Friedrich hat genug berühmte Führer, um euch missen zu können! Wäre es nicht schön, wenn ihr selber meine Truppen für Friedrich und Preussen dann gegen deren Feinde führtet?«

Steuben warf Knobloch einen hastigen Blick zu. »Majestät, das könnte wohl geschehen. Uns müßte es zu einer besonderen Ehre und zu hohem Ruhm gereichen, seinen Landesherrn mit einem so großen Monarchen wie Eure Majestät zu vertauschen. Dazu bedarf es aber unseres Königs Genehmigung. Gewiß wird er sie erteilen, aber, verzeihen Sie ihm das, auch wohl bestimmt nicht eher, als bis Friedrich Ihres Bündnisses gegen seine Feinde sicher ist. Die preußische Armee hat verzweifelte Lücken in ihrem Offizierkorps, und König Friedrich dürfte sich keines brauchbaren Mannes entäußern wollen, wüßte er nicht, daß es seinem teuersten Freunde zuliebe geschieht, dessen Hilfe ihm den Frieden sichert.«

»Ja, ja, 's ist richtig! Ich würde auch Billebois, Münnich oder Tschernitscheff nicht an ihn weggeben, wüßte ich nicht, daß Friedrich mit mir marschierte. Nun, ich weiß wenigstens eure Meinung, und vielleicht werdet ihr in nicht allzulanger Zeit gute Russen.« –

Am Winterpalais verabschiedeten sich die Preußen. Als die kaiserliche Suite in dem gewaltigen Portal des Palastes verschwunden war, stieg Steuben vom Pferde, welches Knoblochs Reitknecht übernahm.

»Sie gehen zur Kaiserin?« sagte der General leise.

»Ich bin befohlen. – Wäre es nicht vielleicht klug, wenn Sie unserem Gesandten von der Goltz einen Besuch machten und ihm erzählten, was wir soeben gehört habe»?«

»Ich dachte bereits daran.«

Damit trennten sich die preußischen Offiziere. Steuben betrat ein Seitenportal, das direkt zu den Appartements der Kaiserin führte, und befand sich alsbald im Vorgemach der Fürstin Daschkow gegenüber.

»Sie kommen gerade im rechten Moment, Herr von Steuben. Die Kaiserin hat aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß Zar Peter Schritte tat, einen Waffenstillstand, vielleicht sogar den Frieden mit Ihrem Könige abzuschließen. Sie werden Ihre Majestät in einiger Aufregung finden.«

»Hoffentlich wird sie nicht mir ungnädig sein, weil etwas geschah das ich die Macht nicht hatte zu verhindern.«

»O nein, Sie haben meine Gebieterin völlig für sich eingenommen. – Ich weiß aber, Steuben, Sie sind Patriot, Sie würden also wohl die Versöhnung Rußlands mit Preußen auch nicht gehindert haben, wenn es in Ihrem Belieben gestanden hätte, wie?«

»Gewiß nicht, schöne Fürstin, ich verdiente sonst die Kugel vor den Kopf!«

»Nun gut, das ist ja natürlich. Was geht Sie auch an, was die Monarchen untereinander treiben? – Aber Ihr Glück, Steuben, geht Sie doch am meisten an, zumal wenn – Frieden werden sollte! Ich bitte Sie also, mein Freund, treiben Sie den preußischen Patriotismus nicht so weit, daß Sie das Glück verscherzen, das Ihnen in Rußland blüht! Jetzt werde ich Sie melden.« – Damit verschwand sie.

Steuben überließ sich seinem Sinnen. – Der Wink der Fürstin war deutlich. Es schien auch, als habe die Wahrscheinlichkeit des Waffenstillstands und des Friedens bei Katharina nicht so schweren Zorn erweckt, wie man bei ihrer politischen Richtung und ihrem Widerwillen gegen Friedrich II. notwendig gewärtigen mußte. Es kam also nur darauf an, die Stimmung der Kaiserin zu mildern, den Verhältnissen, wie sie sich in Preußen zu gestalten schienen, ihre günstige Meinung zu sichern.

Fürstin Daschkow öffnete die innere Tür und winkte lächelnd. Steuben folgte ihr durch einen prachtvollen Saal und mehrere Gemächer, in welchen sich Hofdamen aufhielten, zum Arbeitskabinett der Kaiserin, in das beide eintraten.

Katharina saß an ihrem Schreibtisch, das Haupt auf die kleine, volle Hand gestützt und finster sinnend. Als sie Steuben sah, ward ihr Gesicht milder. »Nein, du bist nicht schuld daran, ich weiß es! Komm her, dich lasse ich nichts entgelten!« Sie hielt ihm die Hand hin.

Er eilte zu ihr und preßte seine Lippen auf ihre Rechte.

»Aber ist es nicht bitter, daß dieser – dieser Mensch das tun mußte, der sich mein Gemahl und Rußlands Herr nennt und hinter meinem Rücken operiert, nur weil ich's bin, die er damit zu kränken denkt? Still nur! Du kennst nicht ihn, kennst nicht mich, kennst nicht die Ehe, die dem Manne schrankenlose Willkür läßt, aber das Weib zur Sklaverei und Entehrung verdammt! Peter muß ganz rasend sein und wird mich rasend machen, bis ich endlich etwas tue –!« Sie brach kurz ab – »Was hältst du von dem Zaren?«

»Majestät, die Ehrfurcht verbietet mir –!«

»Ehrfurcht?! – O ja, das ist ein guter Vorwand, kein Urteil abzugeben. – Hier sprichst du als Freund zu deiner Freundin, Steuben, und über jemand, der ihr mehr Feind als irgendein Mensch und den sie weit mehr haßt als deinen Friedrich! Man mag diesem Könige gram sein, aber achten und bewundern muß man ihn, Peter aber kann man nur verachten. Doch selbst in dem Zustande, in dem ich mich jetzt befinde, will ich gegen ihn gerecht sein, will eine parteilose Stimme über ihn hören.«

»Majestät, es gibt nicht leicht einen Charakter, der schwerer zu beurteilen ist als der des Zaren, seine Individualität, die sich in Gegensätzen und sprungweise bewegt. In dem einen Augenblicke bewundert man Sr. Majestät Scharfsinn, in dem nächsten weiß man nicht, ob man ihn nicht beklagen muß.«

»Sehr richtig!« Katharina erhob sich und schritt durch das Zimmer. »Es kommt mir vor, als habe er zwei Hirne, ein begabtes, ja mitunter großartiges, und ein albernes voll von Dummheiten! Bald denkt das eine, bald faselt das andere, bald denken und faseln beide durcheinander, so daß es sich wie Verrücktheit anhört! Rußland wird von einem Narren regiert, der mitunter Geistesblitze hat, das schlimmste aber ist, daß dieser Narr nicht einmal ein gutes Herz hat, damit er wenigstens ein gutherziger Narr wäre!«

»Sie urteilen so scharf und dabei so klar, Majestät, daß man sich eigentlich vor Ihrem Urteil fürchten müßte.«

»Du brauchst es nicht. Ich weiß, du hast ein Herz!« Sie legte ihre Hand auf Steubens Arm. »Ich fühle, daß du Preußen liebst und für deinen König mehr tun kannst als für jeden anderen. Das ist deine Schuldigkeit und deine höchste Ehre zugleich. Für Zar Peter würdest du nichts tun können, er würde dich nur zu seinem Affen machen oder du ihn zu deinem. – An deinen Evolutionen im Manöver erkannte ich gut genug, daß du nicht bloß ein tüchtiger Soldat im Felde gewesen sein mußt, sondern daß du einst ein großer Feldherr sein wirst! Du bist der geborene Lehrer und Gestalter einer Armee!« Damit sahen ihre großen, klugen Augen Steuben an und bohrten sich tief und glühend in seine Seele. Als er halb erschrocken, halb beschämt und in geheimer Sorge, von diesem Blick durchschaut zu werden, das Haupt senkte und tief errötete, legte sie ihm die Hand unter das Kinn, erhob ihm den Kopf und lächelte ihn an wie eine liebende Braut.

»Es fragt sich, Steuben,« sagte sie sanft und leise, »ob du mir zuliebe etwas vermagst?!«

Der kecke Preuße, vor solch eine klare Alternative gestellt, ergriff Katharinas Hand. »Alles vermag ich für Sie, was ein Mann im Leben und Sterben zu bieten vermag!«

»Das wäre nicht weniger als dich selbst mit allen deinen Gaben! Nichts würdest du für dich behalten?«

»Doch, Majestät! Meine Ehre und mein Gewissen! Sie gehen mir übers Leben!«

»Die lasse ich dir gern; ich liebe weder ehrlose noch gewissenlose Männer! Eins aber muß ich wissen, ob du es kannst. Peter hat es nie vermocht, für dich ist es doppelt schwer! Vermagst du russisch zu fühlen und zu denken?!«

»Das wird mir etwas schwierig sein, selbst wenn ich wüßte, wie es zu machen wäre. Aber zu fühlen und zu denken wie – Katharina, wie die hohe Frau, die ich so heiß verehre – das muß ich doch wohl vermögen!«

»Wir wollen's einmal versuchen. – Erkläre mir doch, weswegen ich solchen Widerwillen gegen deinen König und dies Preußen habe.«

»Ich glaube, man würde Ihrem fürstlichen Frauenherzen wie Ihrem hochsinnigen Geiste gleich Unrecht tun, wollte man diesen Widerwillen für Laune halten oder für ein verstandsloses Gefühl. Ebensowenig kann ich mir denken, daß Sie Preußens Geist und Friedrichs II persönliche Gaben mißachten.«

»Nein, Steuben, das tue ich nicht, im Gegenteil!«

»Sie beneiden Preußen um seinen König und diesen König um Preußen.«

Die Stirn Katharinas erglühte, ihr Busen hob sich, ein leichtes Zittern durchrieselte sie. »Ich sehe,« sagte sie, »du siehst in mich hinein! – Bist du mit deinem Urteil fertig?«

»Nicht ganz, Majestät. – Es ist kein kleiner gewöhnlicher Neid, der Sie beseelt, sondern der Neid der guten und großen Fürstin, daß ein anderes Land ein Wissen und Können, eine Gesittung besitzt, welche Ihrem heißgeliebten Rußland noch abgehen! Der tiefe Neid einer in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten fürstlichen Frau ist es, daß das kleine Preußen von einem so großen und weisen Könige regiert wird, einem Könige, der zu Ihrem Geiste paßt, Majestät, indessen das große Rußland und Sie einen Mann zum Schicksalslenker erhielten, der –« Steuben stockte. »Ich dächte – der Punkt wäre genügend erörtert! – Jeder von uns Fremden, jeder Ausländer muß Ihnen darum eine Bitterkeit über alles das erregen, was die Russen nicht leisten, und es ist eine Beleidigung für Ihre patriotische Empfindung, Rußland von fremder Kultur überflutet zu sehen und es nicht hindern zu dürfen, soll Ihr Reich nicht kulturlos bleiben!«

»Du sprichst mir aus der Seele!« rief sie, die Hände ineinanderpressend, und große Tränen standen ihr in den Augen. »Ich wollte ja Friedrich und Preußen mit beiden Händen Frieden und meine Freundschaft obenein geben, vermöchte ich Rußland durch die Russen zu dem, nein, zu noch mehr zu machen, als Preußen durch sein eigenes Volk geworden ist!«

»Das können Sie. Majestät!«

»Wie?! – Der Mann, der das zu sagen und zu erringen wüßte, der müßte Rußlands Zar sein! Ich wollte ihn wie eine Sklavin anbeten, denn in ihm lebte Peter des Großen Riesengeist wieder unter uns auf!«

»Mit einem Male ist es gewiß nicht zu machen, hohe Frau. Auch befinden Sie sich im Irrtum, zu glauben, sein eigenes Volk allein habe Preußen zu dem gemacht, was es ist, was es selbst noch in diesem langen, fürchterlichen Kriege geblieben ist. – Holländische Einwanderer im Mittelalter, französische Flüchtlinge, übergetretene schwedische, österreichische und sächsische Generale, die alle sind die Lehrer meines Volkes gewesen. Noch heute blüht zahlreich und wohlhabend die französische Kolonie, die Herren de Valadie, Duloulin, Lafauche, l'Enfant und Romanai in unserem Offizierkorps sind alle französischen Blutes! Ich habe aber darum weder gesehen noch gehört, daß dadurch die Berliner Franzosen geworden wären. – Die Enkel der Fremdlinge, die ihrer Länder Wissen hierher nach Petersburg tragen, Majestät, werden einst so gute Russen sein wie Höchst sie selbst. Ist es nicht Ihrem Volke zu verzeihen, wenn es nicht Ihre Geisteskraft besitzt, Majestät, um sich so rasch auf die Höhe seiner nationalen Aufgabe zu schwingen? Wenn die preußische Nation nur aus ringenden, sich entwickelnden Menschen besteht, soll die Ihrige denn nur Götter hervorbringen, Götter, die einen so ahnenden Blick über alle Zeiten hinaus haben wie Sie?!«

»Daschkow,« sagte Katharina flammend, »er ist der einzige Mann, der mich versteht, der einzige, dessen Geist dem meinen entspricht. – Geh hinaus, Liebchen, es gibt nicht viele so selige Stunden für mich im Leben!«

Die Fürstin hatte sich entfernt. Mit starken Schritten und in fieberhafter Erregung schritt Katharina auf und nieder, dann ergriff sie Steubens Hand. »Komm, mein Freund, mein Geliebter. Nicht hier, da drinnen ist der Ort, das Beste zu sagen.« Sie führte ihn zu einer kleinen Tür, die aufsprang. Sie standen in der Kaiserin Schlafzimmer.

»Du hast versprochen, mir alles, dich selbst zu geben, nur deine Ehre, dein Gewissen nicht. Steuben, alles sollst du mir sein, Herz von meinem Herzen, Geist von meinem Geiste, Blut von meinem Blute! Willst du der Ordner und Verbesserer meiner Armee, willst du mein Herrschaftsgenosse einst – willst mir zuliebe du ein Russe werden?! – Verlasse deines Königs Dienst, mag sein Land meinetwegen Friede und Glück haben. Verlasse ihn, sei unser, nein, sei mein! Ich will dich einst so hoch erheben, daß Birons und Menschikows Namen gegen den deinen ein Gespött werden sollen! Willst du das?« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Für eine einzige Gnade, für ein Opfer, ja!«

»Nenn's, und ich bring's!«

»O große Frau, dafür, daß ich mich dir geweiht, sei eine Freundin meines Landes, meines Königs, den ich um dich verlassen soll!«

»Sei es denn! – Ewig bist du mein Gefangener! Friedrich sei ewig von meinem Haß frei! In dir will ich ihn lieben!«

Der Abend dämmerte bereits, als der preußische Stratege vom Kaiserpalaste zum preußischen Gesandten schritt. Freiherr von der Goltz war sehr erstaunt, ihn bei sich zu sehen.

»Das muß etwas ganz Besonderes bedeuten, zumal Ihr General schon hier war! Ich dachte, Sie pflegen nach dem anstrengenden Manöver jetzt in der Zitadelle der Ruhe?«

»Ich hatte noch andere Manöver zu machen. – Ich komme von der Kaiserin!«

»Privataudienz?«

»Privatim! – Ich bitte Sie, mir in einer Angelegenheit behilflich zu sein, welche für das Gelingen unseres Planes und die Interessen unseres Königs von äußerster Wichtigkeit ist!«

»Sie machen mich begierig!«

»Ich kann Ihnen vorläufig mitteilen, daß die Kaiserin bereits weiß, daß es sich um einen Waffenstillstand handelt!«

»Was? Woher um Gottes willen?!«

»Sie weiß es nicht nur, sie wird sogar bei dem Frieden keine Miene verziehen!«

»Das – ja, das ist wirklichst höchst überraschend! Wahrhaftig, ich glaube am Ende noch, sie wird ernstlich Preußens Freundin, nachdem sie – Ihre Freundin geworden ist.«

»Mutmaßlich!«

»Herr von Steuben, ich bewundere Sie! Diese Tatsache ist ganz außerordentlich! – Dann ist am Ende wohl Aussicht, daß Katharina auch noch ruhig zusieht, wenn Rußland für unseren König marschiert?«

»Dessen bin ich denn doch nicht sicher! Es gilt also, über diesen Punkt sehr geheim und geschickt zu verhandeln. Sie muß, bevor wir Rußland verlassen, keine Ahnung hiervon haben, und es muß so veranstaltet werden, daß wir an demselben Tage oder der auf ihn folgenden Nacht Petersburg den Rücken gekehrt haben, da dieser Friede unterzeichnet ist!«

»Die Sicherheit von Ihnen allen würde sonst bedroht sein?«

»Darum handelt es sich gar nicht, sondern daß Katharina auch nach dem Friedensschluß solange getäuscht wird als möglich! Am besten, sie bliebe es solange, bis mit russischer Hilfe Preußen von seinen übrigen Gegnern des Frieden erzwungen hat!«

»Wie soll diese Täuschung indes möglich sein?«

»Ich reiche hiermit mündlich meinen Abschied aus dem preußischen Dienste ein, morgen werde ich denselben schriftlich senden!«

»Sie? Ich – ja aber was heißt denn das? – Welche Ideenverbindung zwischen diesen beiden Sätzen besteht denn?«

»Sie benachrichtigen Se. Majestät, daß ich und mutmaßlich noch eine Anzahl meiner Schicksalsgenossen ihren Abschied nachsuchen wollen.«

»Um in russische Dienste zu treten?«

»Das können Sie dazusetzen, obwohl sich Se. Majestät es selbst wohl sagen wird.«

»Ihr Gesuch ist sehr eigentümlich! Majestät dürfte wahrscheinlich erwidern, daß Sie, als im Kriege gefangen, gar keine Bestimmung über sich haben, Ihnen der Abschied also nicht zu bewilligen sei.«

»Diese Resolution wäre mir sehr angenehm! – Ich würde dann, wenn ich frei wäre, also nach dem Friedensschluß, meinen Abschied erhalten?«

»Auch dies möchte ich bezweifeln, Sie und Ihre Genossen haben zu Treptow die Waffen gestreckt, den Ort übergeben und – Kolbergs Fall war die Folge! Wer unseren König kennt, der wird der Ansicht sein, daß er diesen Vorfall an seinen Urhebern zu bestrafen wünscht, schon des Beispiels in der Armee wegen. Die Folge wird sein, daß, nachdem man Sie nach Preußen entlassen hat, Ihnen ein Kriegsgericht bevorsteht, und etliche Monate Festung dürften Ihnen schwerlich erspart werden.«

»Sehen Sie, Exzellenz, das alles wünsche ich eben, gerade das kann ich brauchen. In Preußen angelangt, ziehe ich sofort meinen Abschied zurück und diene weiter! Vielleicht ist unser Plan dann hier geglückt, und Se. Majestät gratuliert sich am Ende noch zu der Gefangennahme in Treptow, welche uns ermöglichte, ihm in Petersburg Rußland zum Bundesgenossen zu machen!«

Von der Goltz starrte Steuben eine Weile an, dann brach er in helles Gelächter aus. »Jetzt erst verstehe ich Sie, das ist ja ganz einzig! – Ihre Pointe also ist, hier offiziell den Abschied abgeschlagen, Ihnen Untersuchung und Strafe verheißen zu sehen, ehe der Friede perfekt ist?«

»Damit, wenn ich hier fort bin, die Kaiserin der festen Meinung lebe, ich kehre nach meiner Bestrafung verabschiedet wieder.«

»Die Hoffnung Ihrer Wiederkehr aber wird sie uns Preußen gegenüber zahm erhalten?«

»Eine Weile – ganz gewiß!«

» A la bonheur, Herr von Steuben, Sie sind nicht nur Stratege, wo es gilt, Truppen, sondern auch, wo es gilt, Leidenschaften ins Feld zu führen! Ich setze sofort den Bericht Ihres Besuches auf und sende ihn ab. Morgen erwarte ich Ihren schriftlichen Abschied, der übermorgen mit dem inzwischen angelangten zweiten Kurier abgehen soll. In Petersburg wird eine hohe Dame wohl lange genug mit Bitterkeit und Wehe an Sie denken!«

»Das soll mich nicht kümmern, wenn Friedrich, mein einziger Herr und König, erst Sieger ist und in den Lorbeer die Palme des Friedens schlingen darf!«

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