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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 25
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authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
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Die rote Lady

Wenn Steuben auch jetzt allein lebte und nur für sich zu sorgen hatte, mußten binnen zwei, höchstens drei Jahren seine Mittel sich doch erschöpfen. In seiner Stellung im Hauptquartier und auf seinen vielen Inspektionsreisen stets gewohnt, zu repräsentieren, vermochte er sich jetzt um so weniger einzuschränken, als die große Geselligkeit, in der er lebte, ihm auch die entsprechenden Ausgaben auferlegte. Auch von Walker trennte er sein Leben. Derselbe hatte sein Haus verkauft und war auf Courtlandstreet gezogen, Steuben aber fand nicht mehr die wünschenswerten Wohnräume bei ihm. Er mietete deshalb in einem Hause des Dr. Vaché in der Fultonstreet ein Quartier, aß in dem bekannten Boardinghouse der Miß Danberry in der Wallstreet zu Mittag, kurz, richtete sich völlig darauf ein, als alter Junggeselle zu sterben und allem Valet zu sagen, was Liebe, Ehe, Häuslichkeit und friedlichen Besitz in sich schloß. – Im Jahre 1785 siedelte der Kongreß von Trenton nach New York über und erhob dadurch diesen Welthafen zur Hauptstadt der gesamten Union. Diesen Umstand benutzte Steuben, um direkt auf endliche Erfüllung seiner Ansprüche zu dringen. Erst wollte ihm die Regierung nur 20 000 Dollars bewilligen, also kaum den dritten Teil seiner Forderungen, endlich gar nur 7000! Neue Kränkungen, neue Bitterkeiten wurden ihm bereitet, und zugleich steckte er tief in dem Kampfe der beiden großen Parteien, welcher immer heißer entbrannte, ein immer drohenderes Aussehen annahm. Die ihm fortgesetzt erwiesene schlechte, ja geradezu schimpfliche Behandlung seitens des Kongresses erregte in New York aber nach und nach den Unwillen aller maßgebenden Kreise. Das New Yorker Staatenhaus endlich, um ihm dem Kongreß gegenüber seine Hochschätzung zu beweisen, verlieh ihm am 5. Mai 1786 eine Viertelsektion von 16 000 Acres kürzlich den Indianern abgekauften Landes, zwölf Meilen nördlich vom alten Fort Schuyler Nunmehr die Stadt Utica. D. V. im Oneidalande. Man erhob das Gebiet zu einer eigenen Sektion und nannte es »Steubenville«.

Oneidaland! Oh, er kannte es gut genug! Hatte er nach seiner letzten Krankheit zu Saragota nicht dies Paradies mit Sigh besucht und geträumt, mit ihr hier einst zu leben? Jetzt war ein ansehnlicher Teil dieses von Gott überreich gesegneten Distriktes sein, aber nicht bloß die Mittel fehlten ihm, es für sich zu nützen, vor allem fehlte sie, sie, die allein diesem Eden Wert verliehen, ihm den Reiz der Heimat und des Friedens gegeben hätte! Wehmütige Bitterkeit war das Gefühl, mit dem er die Schenkung annahm. Er hätte sie leicht auch ohne Prevost jetzt zu Geld machen können, denn da in drei Tagen sein Besitztum von New Port aus zu erreichen war, dessen Rohprodukte mittels des Susquehanna sich ohne Schwierigkeit in den Handel bringen ließen, man auch bereits begann, in umfangreichem Maße Agrikultur zu treiben, war dieser Besitz von ganz anderem Werte als die Strecke am Alleghany oder am Muskingum. Wie hätte er vom Oneidalande aber nur eine Hufe weggeben sollen, dem Lande, wo Tamenund gelebt hatte, wo wie er wußte, Yokomen hauste, Sigh vielleicht unter dem roten Volke bei ihm? – Es war ihm eine Art traurig-stolzer Genugtuung, Herr dieser köstlichen Strecke zu sein, besaß er auch nicht das Geld, sie zu genießen.

Gegen Herbst desselben Jahres hatte er sich eines Abends in der Sitzung der Deutschen Gesellschaft befunden und verließ eben mit etlichen Freunden das Versammlungslokal. Als er auf die Straße trat, fiel sein Blick auf einen Indianer, der, völlig zur Reise gerüstet, vor ihn hintrat.

»Yokomen!«

»Sago; Tamenunds Sohn kommt zu dir!«

Steuben empfahl sich seinen Freunden und gab der Rothaut ein Zeichen, ihm zu folgen.

»Du kommst vom Oneidalande?«

»Mit noch fünf anderen Oneidabrüdern, Baron. Die Leute von New York mit ihren Gerichten und Gesetzen haben uns gezwungen, unser Land für Geld zu geben! Ist Geld Boden? Ist Geld Wald, Berg und Wasser, in dem arme Indianer leben können? Sie wollen uns zwingen, weiter nach Norden zu ziehen, und viele Länder sind schon weg. In Kanada aber leben unsere alten Feinde, die Rotröcke und die falschen Mingos, die herauf ins Gebirge steigen, Yokomen geht nicht dahin! Ich bin mit den fünfen bei Fort Schuyler zu Mr. Post, deinem Freunde, gegangen, dem Kaufmann aus Schenektady, der auch immer unser Freund war, unsere Felle und Häute kaufte und mit uns Handel trieb. Hat Tamenunds Sohn ihn gefragt, ob der neue Herr des Tals, in dem er und Sigh geboren sind, uns nicht wolle wohnen lassen wie immer. Mr. Post hat gesagt, der große Baron, unser Freund, sei jetzt des Landes Herr, die New-York-Leute hätten ihm viel davon gegeben. Lasse uns wohnen bleiben, Baron!« –

Steuben stand erschüttert. Er reichte Yokomen die Hand. »Mein Bruder soll mit den Seinen nicht von mir verdrängt seien. Mein ist das Land zwar, und ich will es behalten, aber ihr sollt seine Gründe bewohnen, sollt in seinen Wäldern jagen und in seinen Wassern fischen!«

»Ich habe gewußt, Bruder, daß du so handeln wirst! Aber wir wollen mit dir teilen, was Wald und Strom bietet, wollen dir ein Blockhaus bauen, wie du im Valley Forge eins hattest, und wie die Farmer sie haben. Du sollst unser weißer Häuptling sein. Dann komme mit ihr. Komme und mache Sigh zu deiner roten Lady!«

»Sigh? Haha! Hahaha! Ich soll mit Sigh zu euch kommen? So ist denn Sigh nicht im Oneidaland?«

»Sigh? Tamenunds Enkelin, meines toten Bruders Kind, kann nirgends als bei ihrem Baron sein!«

»So sieh doch, haha, ob sie bei mir ist! Verlassen hat sie mich! Verlassen hat sie mich! Verlassen seit zwei Jahren! Allein bin ich, allein will ich auch bleiben, Oneidaland soll mich nicht wiedersehen!«

Yokomen stand wie ein regungsloses Steinbild. –

»Sie muß um schwere Dinge von dir gegangen sein!« sagte er endlich tiefatmend.

»Natürlich, um leichte Dinge nicht! Ein Bettler war ich, der Hunger drohte ihr, mich aber erwartete das Gefängnis, weil ich mehr Schulden hatte, als ich bezahlen konnte. Da schlich sie sich in einer Nacht weg. Freilich, als sie noch neben mir zu Pferde sitzen konnte, als ich Diener und Gefolge genug hatte, sie um meinetwillen Ehre genoß, da konnte sie bei mir leicht aushalten!«

»O Baron,« und Yokomen hob warnend den Finger, »dein Herz ist dunkel geworden, dein Geist trübe! So spricht keiner von Tamemunds Kind, so darfst du von Sigh, vom Weibe deiner Seele, nicht denken! Wenn sie ging, so ging sie mit zerrissenem Herzen! Wenn sie ging, so ging sie aus Liebe zu dir! Lache nicht! Untreue lag nie im Blute Tamenunds! Ich werde sie suchen! Da du uns in Oneida leben läßt, sollen die fünf Brüder zurück, ich will aber nach dem Süden unter die Cherakis, will Smirk holen ins Oneidaland; sie hat versprochen, mir zu folgen! Überall, bei dem großen Wash, bei General Greene, bei allen, die dich und sie, die Tamenund je geliebt haben, will ich fragen, ob sie von Sigh hörten! Vielleicht finde ich sie so, daß deine Worte dich reuen und du dich schämst über dein leeres Herz! Gib mir eine Schrift, Baron, daß wir letzten roten Männer mit unseren Weibern leben dürfen in deinem Lande!«

Steuben war still geworden. Er konnte dem starken Gefühle Yokomens seine Zweifel ferner nicht entgegensetzen, war es ihm in diesem Augenblicke, wo er seinen roten Freund wiedersah, doch selber so, als könne es nicht wahr sein, daß Sigh ihn wirklich verlassen habe! Und doch war sie fort. Wo war sie? Schweigend hatten beide des Barons Wohnung erreicht. Steuben schrieb und unterzeichnete den Erlaubnisschein, in Oneida zu hausen, für Yokomen und die fünf letzten Indianerfamilien, für seine ersten Ansiedler!

»Sehe ich dich wieder?« fragte er Yokomen trübe, als er ihm die Schrift reichte. – »Wenn ich Sigh gefunden habe, ja, sonst – nie!« Ohne Handschlag, ohne Gruß ging der Indianer hinaus; er war gekränkt in tiefster Seele.

Diese Reaktion zu Sighs Gunsten hielt bei unserem Helden leider nicht lange vor, und der Grund hierzu war einfach genug. Hätte er sich die Schuld beimessen müssen, daß Sigh ihn verließ, Steuben hätte das Leben nicht ertragen können. Sie hatte ihn verlassen, heimlich und seinen Wünschen entgegen, hatte ihn in der Zeit seiner schwersten Lebensnot aufgegeben, ihm in sich den letzten Trost geraubt. Sigh der Treulosigkeit überführt zu finden, gab ihm allein das Recht, so zu sein, wie er jetzt war, so töricht gehandelt zu haben, wie er gehandelt hatte. Er gefiel sich in der Vorstellung, daß gerade der Umgang mit der Kultur der Weißen, mit Martha Washington, Clemence Greene und das für das indianische Mädchen neue glänzende Leben der Kriegszeit nach und nach ihren einfachen Charakter verändert, verschlechtert habe und ihr Herz, das dem General Steuben geschlagen hatte, dem Bettler Steuben entfremdet worden sei. Schließlich wäre sie heimlich weggeschlichen, um ihm nur nicht gestehen zu müssen, daß sie ihm innerlich lange schon verloren sei. Diese Anschauung, von den Tatsachen unterstützt, überwog alles, was Yokomen behauptet hatte. Es war klar, daß der Indianer sie nicht finden würde.

Im Jahre 1787 überwog im Kongreß endlich einmal die föderalistische Partei die der Demokraten. Am 4. Januar wurde Steuben mit einer Zuschrift des Kriegsministers General Knox der bereits votierte Ehrendegen überreicht. An dessen goldenem Griffe prangte der Adler der Union mit dem Sternen- und Streifenschilde. Neben den Symbolen des befreiten Amerika und der Minerva im Kriegsgewande am Griffe befand sich, emailliert, das »Blaue Buch, der Kodex der Armee«.

Um zu seinem Rechte zu kommen, ließ Steuben jetzt alle schriftlichen Beweise für die Solidität seiner Forderungen drucken und veröffentlichte sie in einer Broschüre, die er an die hervorragenden Männer des Staates versandte. Das Übergewicht der föderativen Republikaner hielt eben nicht lange vor, die Gegenpartei machte die unerhörtesten Anstrengungen. Alle Staaten kamen in politische Bewegung, der Augenblick war da, wo entweder die Union zerreißen, in einzelnen Sonderstaaten sich auflösen mußte oder eine Gegenbewegung eintrat, welche das zersetzende Prinzip niederwarf und die Union mittels einer starken Regierung für immer befestigte. Dieser das Jahr 1783 kennzeichnende Kampf hatte zur Folge, daß das Kongreßkomitee, welches Steubens Angelegenheiten ernstlich untersuchen sollte, sich überaus kläglich verhielt. Unser Freund hatte dasselbe Los wie der amerikanische Staat, so konnte er nicht mehr existieren! Er war jetzt an derselben äußersten Grenze seiner Not wie Amerika an der Grenze des Bürgerkrieges angelangt. Ein Mittel gab's, die Sache zur Entscheidung zu bringen, und beide streitenden Parteien verlangten schließlich nach ihm, die Auflösung des alten Kongresses, die Wahl einer neuen Regierung auf Grund der von Franklin verfaßten Konstitution.

Welche Wahlkämpfe stattfanden, mit welchen Mitteln operiert wurde, kann, wer die Agitationen des heutigen Amerika kennt, erraten. Steuben war mitten in der Bewegung und rastlos tätig. Seine Armut machte mit seinem Verdienst und seiner Rednergabe seinen Einfluß nur noch entscheidender, zumal er als rein und unbestechlich bekannt war. Die Demokraten unterlagen, die Anhänger der Union siegten. Der erste Kongreß trat zusammen und wählte im Frühjahr 1789 zu seinem ersten Präsidenten George Washington!–

In New York herrschte grenzenloser Jubel. Steubens Herz war in dem Gedanken beglückt, daß der Staat, für den er alles eingesetzt hatte, der ihm so teuer geworden war, gerettet sei, war er doch verwachsen mit ihm durch alle Lebensfasern. –

Anfang April wurde Washington erwartet, Cincinnatus, den das Volk aus der stillen stolzen Einsamkeit des Mount Vernon, aus dem engen schmucklosen Hause seiner Väter zurückberief. Steuben war leidend, die letzten politischen Kämpfe hatten ihn sehr angegriffen – leidend und allein in seiner kleinen Wohnung, die er nunmehr im Hause des Dr. Tillory an der südöstlichen Ecke von Broadway und Wallstreet bezogen hatte. Immer kleiner, immer enger war's um ihn geworden, was Wunder also, daß er in der Außenwelt allein alles fand, im Äußerlichen sich selbst vergaß?

Der Abend sank. Schatten lagerten auf den Straßen, der letzte rosige Schein am Himmel verglomm. In Steubens Klause war's finster. Ein Geräusch unterbrach sein Grübeln.

»Ist da jemand?«

»Ich bin es, mein Bruder, Sago!«

»Yokomen, du?« Er erhob sich überrascht.

»Ich bin lange geblieben, Baron. Ich habe unter meines Vaters Feinden, den Cherakis, gelebt, Habe das Kriegsbeil mit ihnen zusammen begraben und ziehe mit Smirk ins Oneidaland!«

»Wohl dir, so hast du alles, um beglückt zu sein. Hast du sie gefunden?«

»Ich habe Sigh gefunden, und damit du siehst, daß ich wahr rede, nimm das!«

Er legte ein Papier in des Erstaunten Hand.

Als Steuben es öffnete, glänzte ihm im Abendlicht das goldene Kreuz entgegen, welches er als ewiges Liebeszeichen einst Sigh geschenkt!

»Großer Gott!« schrie Steuben. – »Oh, habe Erbarmen, Yokomen, wo fandest du sie und wie? Ach, werde ich sie jemals wiedersehen?«

»Ich fand sie so, wie ich Tamenunds Enkelin stets gefunden habe! Du wirst sie sehen, wenn du willst!«

»Und wo?«

»Wo du sie findest, Baron? – Ich sage es nicht, du wirst es erfahren, und welch arges Herz du hattest! Warte, bis der große Wash kommt!«

»Washington? Sie ist bei ihm, bei Martha?«

»Ich sage nichts weiter. Lebe wohl! Im Oneidalande magst du mich treffen, wenn dieses Zeichen, das du anbetest, an der Stelle ruht, die du ihm an einem besseren Tage gegeben hast!«

Yokomen ging hinaus. Wie von eurem Wetterstrahl geblendet, verwirrt und betäubt stand Friedrich von Steuben. – –

Der 30. April war zur feierlichen Einführung des Kongresses bestimmt. Seit einer halben Woche schon schmückten Banner und Flaggen mit Gewinden aus erstem Grün die Straßen von New York, und der Hafen glich einer offenen Festhalle. Vom Georgsfort standen die Milizen die alte Biberstraße und Broadstreet entlang bis zur Kongreßhalle, in dessen Räumen Washington residieren sollte. Steuben war es so festlich erwartungsvoll und doch so weh, hoffnungsreich und doch gar bange zumute. Wohl gehörte er zu den Ersten, Glänzendsten, die den berühmten Staatsmann hätten begrüßen müssen, aber seine alte Uniform war doch zu abgetragen; er wollte seine offenbare Armut den Blicken an diesen Freudentagen denn doch nicht preisgeben. Deshalb hatte er seinen Freunden, den Deputierten Jay und Hamilton, gesagt, er werde am 29., dem Ankunftstage Washingtons, nicht auf der Reede sein, wenn ihn Exzellenz aber sprechen wolle, möge er ihm die Dunkelstunde zu einer Audienz bewilligen. –

Die Dunkelstunde kam. Steuben saß am offenen Fenster in der alten Uniform, den Ehrendegen im Gehänge, Sighs Kreuz in der Tasche auf seiner Brust. Wohl hatte er gegen Mittag drei Uhr das Jauchzen vom Hafen her gehört, das Hochrufen. Die Fenster begannen nun überall zu schimmern im Lichterglanz, und Arm in Arm zogen die Menschen, flammende Lieder singend vom »freien Young Amerika«. –

Es klopfte. Hamilton trat herein. Er drückte Steuben die Hand. Kommen Sie nur zum alten Wash. Erheben Sie das Haupt! Auch mit Ihnen wird es jetzt besser!«

»Es müßte nur bald sein, Hamilton, sonst ist's – zu spät!« – Er folgte ihm durch die volkreichen, von Freudentönen erfüllten Straßen, brütend und geistig abwesend. War es ihm nicht in diesem schrillen Menschengewoge, wie wenn er ein halb zerbrochenes Fahrzeug wäre, ankämpfend gegen die Fluten, wie eine einzelne Menschenwelle, begraben im Sturmschwall seiner Mitgeschöpfe? Oh, diesen Volksjubel, diese wälzenden Massen, hatte er sie in Petersburg nicht gesehen, Katharina zujauchzend, die ihn so zärtlich geküßt hatte? Hatte nicht ebenso rauschende Volkslust den einzigen Friedrich umtönt, den jetzt das Grab deckte wie die stille Sophie? Noch nie war ihm die Menge so zuwider, noch nie die Sehnsucht nach Stille so nahe gewesen, noch nie hatte er inmitten allgemeinen Wonnetaumels so herb die Endlichkeit aller Dinge empfunden. Alexander Hamilton führte ihn durch eine Seitentür der Kongreßhalle eine Hintertreppe hinauf in ein kleines Vorzimmer.

»Gehen Sie nur zu ihm hinein, seine Familie ist bei ihm. Ich kann warten.«

Als Steuben das weite, hellerleuchtete Wohngemach betrat, sah er Washington mit Martha am Tische sitzen, Sigh zwischen sich. Steuben blieb stehen. War es, daß Sighs nun völlig vollendete weiblich entwickelte Schönheit ihn so blendete, oder daß die stumme Ergebenheit ihn tief erschütterte, mit der sie niedergeschlagenen Blickes sich erhob, er wußte nicht, was mit ihm vorging.

Washington trat auf ihn zu und reichte ihm bewegt die Hand. »Steuben, ich heiße Sie als Kriegskamerad, als Mitstreiter im Kampfe dieser Tage willkommen. Kein Wunder, daß die erlittene Mühsal, daß die Stürme der letzten Zeit Ihren früheren großmütigen Charakter, Ihren inneren Menschen aus den Fugen trieben! Sie haben geirrt und wahrscheinlich sich ein Glück verkürzt, das Ihrer längst gewartet hat! Als Sigh vernahm, jener Schurke Prevost wollte Ihnen an Ehre und Freiheit, wolle Sie gar ins Gefängnis bringen, da bat sie diesen Mann heimlich, daß er mit seiner Drohung noch warte, sie wolle ihm das Geld schicken. Sie hat es ihm gesandt. Sigh hat sich meiner Martha als Sklavin verkauft für 7000 Dollars, und der Wechsel von Hunter & Blakeley zu Baltimore an Sie war dieses einzigen Mädchens Kaufpreis! Hier ist der Zettel, den Prevost ihr mitgab. Hier ist Ihre Quittung über die Summe. – Sigh, du bist frei! Du warst die Letzte meiner unfreien Leute, uns aber so lieb wie ein Kind. Möge der Mann dich belohnen, für den du dich selber hingegeben hast!« –

Steuben wankte auf die Indianerin zu. Er wollte sie umarmen, aber er brach kraftlos in die Knie, seine Hände umfingen ihre Füße.

Sie erhob sein Haupt, sie drückte es an ihre Brust. »Kannst du's vergessen, daß ich dich verließ?«

»O Weib, mein Weib, ich denke jetzt an nichts mehr, als daß ich wieder dich besitze! Willst du mein, willst du meine rote Lady sein und mit mir bei den Deinen im Oneidalande wohnen? Sieh hier das Kreuz, nimm's wieder an deine Brust, und ich werde Frieden haben für immer!« – Zitternd erhob er sich, weinend vor Weh und Lust hing er das Kreuz ihr um den Hals, dann küßte er ihr wie ehemals Augen, Mund und Hand.

»Tamenund hatte recht!« flüsterte sie. »Ich werde die erste rote Lady unter dem weißen Volke sein, deine Lady, mein Baron!«

»Ich bitte Sie, Exzellenz, bitte Sie, teure, hochsinnige Frau, die diesem Engel Mutter war, seien Sie Zeuge, wie ich Sigh zu meiner Gattin mache!«

»Ich habe das vorausgesehen und bereits dafür gesorgt. Ihre Rechte, lieber Baron, werden Ihnen durch des Kongreß nunmehr gesichert werden. Sie werden bis zur Ordnung Ihrer Verhältnisse über meine Kasse verfügen, ich aber werde hoffentlich kulanter als Prevost sein! Eins nur mache ich mir im Namen der Union, in Ihrer Freunde, in unserem Namen zur Bedingung! Ihre Winter gehören uns und New York, der Sommer dem Oneidalande! Gehen Sie darauf ein?«

»Exzellenz, könnte ich Ihnen denn das verweigern, was Inbegriff meiner eigenen Wünsche ist?«

Washington lächelte. Er reichte Sigh den Arm, die Präsidentin bot Steuben den ihren. Sie traten in den angrenzenden Saal. Ein Jubelruf empfing Steuben, Hamilton, Greene und Clemence, Armstrong, Jay und Walker mit ihren Frauen umarmten ihn. Der Hochzeitstafel gegenüber, zwischen den beiden Fenstern, war ein kleiner Altar errichtet, dort segnete der Prediger von St. Paul den »amerikanischen Generalmajor Baron von Steuben und Miß Sigh« – die erste rote Baroneß – ein. Am anderen Morgen ging Steuben Washington zur Seite, als der Kongreß ihn feierlich auf den ersten Präsidentenstuhl setzte.

Wenige Tage später eilten drei Gefährte dem Oneidalande zu. Im erstes saß Sigh und der Baron, im zweiten Karl Vogel und Bängo, der dritte Wagen trug Steubens kleine Wirtschaft.

Im reizenden Oneidalande, unfern den Trentonfällen, lebten Steuben und Sigh selige Jahre der Liebe. Dort unter den Tannen senkten sie auch des großes Friedrichs Adjutanten in die Gruft.

*

 

Sub tutela altissimi semper!

Wappen der v. Steuben. Quelle: Familie von Steuben
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