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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 24
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
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Bargeld-Prevost

Während des Krieges nun hatte sich bei der Armee Washingtons eine originelle Persönlichkeit befunden, mit welcher Steuben, zumal als Chef der Heeresverwaltung, in vielfache Berührung gekommen war. Der Mann, ein New Yorker, war Agent und Lieferant des Heeres und hieß Prevost. Die Armee hatte ihm den Spitznamen »Bargeld-Prevost« gegeben, weil er die in der damaligen Lage Amerikas allerdings höchst seltene Eigenschaft besaß, stets »Bargeld« zu haben, für seine Lieferungen und Bemühungen stets nur »Bargeld« zu nehmen, aber nie mit etwas anderem als Unionsschuldscheinen, Schecks und anderen Staatspapieren zu bezahlen, welche natürlich damals nur mit Verlust versilbert werden konnten. Von wem allen er Gläubiger im Heere war, mochte Gott wissen, daß er aber Steubens Hauptmanichäer war, der denselben in Händen hatte, das wußte unser Held nur zu gut. Bargeld-Prevost war nicht gerade, was man einen ausgemachten Spitzbuben nennt, er war aber ein schlauer Patron, den sein Herz beim Geschäft nicht genierte, und welchem die Not seiner Mitmenschen, die Lage des Landes, die Stellung der Parteien reiche Quellen geworden waren, um ein großes Vermögen zu sammeln. Trocken, kaustisch, dabei von einer gewissen Bonhomie für seine Opfer erfüllt, war er stets zu der für ihn rechten Zeit gefällig und zu der für ihn rechten Zeit unnahbar, kurz, das Original derjenigen Klasse von Amerikanern, die sich noch heute von der Ausbeutung anderer nähren, ohne selbst jemals Ausbeute zu geben, eine in der Union durch alle Lebenskreise auch heute noch recht verbreitete Menschensorte. War damals irgend jemand die gigantische Zukunft von Amerika klar, dem Bargeld-Prevost gewiß. Dieser würdige Mann besaß nun ein väterliches Erbgrundstück in New York, und nach dem Abzuge der Engländer bevölkerte er es wieder mit Eva, seiner Gattin, Anel, seinem Sohne, seinem Lieblingskinde Diana, kurz Dina genannt, nachdem seine Familie im Kriege mit ihm jenes Nomadenleben geteilt hatte, das im Train nicht gerade von sehr patriarchalischer Art gewesen war, wenn das liebe Vieh in ihm auch eine Rolle gespielt hatte. Dieser Mann lud Steuben und dessen Begleitung in sein Haus ein. Steuben war nicht in der Lage, durch Ablehnung eines kostenfreien Anerbietens einen Mann zu beleidigen, dem er stark verpflichtet war, noch weniger aber war er in der Lage, mit den Seinen ein Gasthaus zu beziehen. Da Prevosts Haus geräumig war, dieser ihm die obere Etage höchst liberal auch in der Zukunft für einen sehr geringen Preis zur Verfügung stellte, New York zunächst aber der Ort war, wo unser Held die Entscheidung seiner Zukunft abwarten mußte, so ging er auf Bargeld-Prevosts Vorschlag ein. Steubens finanzielle Not war so im Steigen, seine Verhältnisse waren vorläufig so inkurabel, daß es wirklich kaum darauf ankam, Verpflichtungen zu vergrößern, die zu verkleinern vorläufig außer seinem Bereiche lag.

Seine Wohnung, welche er mit Duponceau, de l'Enfant, Walker, North, Sigh, Vogel und Bängo teilte, lag auf der höchsten südöstlichen Erhebung der New Yorker Halbinsel in einem reizenden Wäldchen, Johnes Gehölz genannt. Da, wo heute die sogenannte 10. Straße liegt. Damals war New York noch nicht über Ranelagh, das eau douce und den Beginn der Bowery Lane hinaus gebaut Dieses Quartier enthielt in dem weiten Gebäude mehr denn zehn Zimmer nebst Küche. Nach allen vier Himmelsgegenden gingen Fenster, und von Steubens Gemach überblickte man die Stadt, die beiden Hudsonmündungen, die New-Jersey-Seite links, Long Island rechts, in der Ferne aber das Staateneiland mit dem blauen Ozean. Ein entzückendes Panorama voll buntem Hafenleben der stolzen Handelsflotten, die jetzt ab und zu strömten, den lange entbehrten Welthandelsverkehr neu einzuleiten.

Ach die Schulden, wären die Schulden doch nicht gewesen!

Man half sich, so gut es ging, man führte ein Kasernenleben! Vogel war der Kalfaktor, Bängo die Köchin, Sigh sorgte für die übrige häusliche Ordnung mit Karls Hilfe. Solange jeder der anderen Kameraden mit Steuben noch zusammenschoß, was die Wirtschaft erforderte, lebte man ganz leidlich. Steuben darbte wenigstens nicht, obwohl er mündlich wie schriftlich seine Gläubiger abzuwehren hatte, namentlich Prevost, welcher, nun ganz sicher, daß der Baron nicht aus seinen Krallen könne, langsam die Schraube fester anzog.

Dieser Zustand nahm bald ein Ende. Ben Walker verheiratete sich und gründete ein Maklergeschäft in Maidenlane, wo seine Braut ein Haus besaß. Auch l'Enfant, North und die anderen fanden verschiedene Berufsarten, nachdem ihre Barschaft zu Ende ging. Dadurch erschwerte sich Steubens Leben. Bald suchte auch Dupoceau außer dem Hause Beschäftigung, endlich gingen selbst Karl Vogel und seine Gattin auf Arbeit und brachten ihren wöchentlichen Gewinn heim, um ihn mit Steuben zu teilen. Das Sansculottentum wurde für ihn eine fürchterliche Wahrheit! Kummer, Aufregung, Mangel und Gicht nahmen ihm seine alte Liebenswürdigkeit, er wurde düster und mürrisch – selbst Sigh hatte darunter zu leiden. Er liebte sie unsäglich, aber hoffnungslos. Der Gram, sie an sich gekettet zu haben, ohne sie besitzen zu dürfen, ihr ein sorgenfreieres Los bieten zu können, machten ihn zornig und ungerecht gegen sich selbst. Seine Geduld und Ergebung waren zu Ende, zumal die Angriffe gegen die hervorragenden Träger des Freiheitskampfes jegliches Maß zu übersteigen begannen. Es war eben der entbrennende Kampf der mit den schimpflichsten Mitteln auftretenden demokratischen Partei gegen die der Föderalisten. Ben Franklin, in die Heimat zurückgekehrt, hatte nicht bloß die neue Bundesverfassung in streng unionistischem Sinne entworfen, er schrieb auch gegen die Sklaverei. Washington hatte soeben mit Befreiung seiner Sklaven in Virginien das erste praktische Beispiel gegeben. Dies alles hieß den Demokratismus an seiner empfindlichsten Stelle verwunden. Seine Wutangriffe galten dem Heere, während sie mittels Parteiversammlungen die Namen aller hervorragenden Föderalisten beschimpften und herabwürdigten.

Am 24. März 1784 forderte Steuben seine Entlassung aus dem Staatsdienste und die Anerkennung seiner Forderungen. Der Abgeordnete Gerry stellte den Antrag, ihm 40 000 Dollar Entschädigung zu zahlen. Am 15. April nahm der Kongreß Steubens Resignation an, versprach ihm gänzliche Schadloshaltung, eine Abschlagszahlung von 10 000 Dollar und votierte ihm einen Ehrendegen, den verfertigen zu lassen der Superintendant der Finanzen Befehl erhielt. Besagte Abschlagszahlung erfolgte denn auch, aber in sehr langen, unsicheren Raten und mittels Schatzbons, welche ihres geringen Kurses wegen die Summe auf das Drittel reduzierten. Es gewann den Anschein, als wolle man Steuben durch Redensarten stumm machen und durch Verzettelung seiner Angelegenheiten ermüden. Bald hierauf verlegte der Kongreß seinen Sitz von Annapolis nach Trenton im Staate New Jersey.

Steubens traurigste Lebenszeit begann. Seine Ansprüche nahmen plötzlich eine völlig ungünstige Wendung, da das demokratische Element den Föderalisten jetzt im Kongresse die Wage hielt. Man bestritt offen die Gültigkeit des vom Kongreßausschuß 1778 mit Steuben eingegangenen Vertrages. Er wurde in Zeitungen angegriffen. Sie schrieben, daß dieselben fremden Abenteurer, welche im Cincinnatus-Orden eine aristokratische Clique zu begründen dächten, den Kongreß mit ihres Bettelforderungen belästigten, nachdem ihr Kriegsruhm darin bestanden habe, die Staatsvorräte in Feindes Hand gelangen zu lassen!

Steuben erwiderte im Daily Advertiser: »Wenn der Schreiber dieses Artikels ein Mann wäre und kein Feigling, so hätte er seine Behauptungen durch Nennung seines Namens vertreten! Dann hätte ich entweder vor Gericht oder mit dem Pistol in der Hand diese Angelegenheit mit ihm abmachen können. So hat er sich außer den Bereich meiner Züchtigung gebracht. Die Devise der Cincinnati ist: Omnia relinquit servare rem publicam! Ich ergänze dieselben im folgenden Verse:

›Alles ließ ich zurück, der Sache des Staates zu dienen,
Dafür läßt mich der Staat – dankbar – im Elend zurück‹

Friedrich von Steuben.«

Dieser Artikel rief enormes Aufsehen hervor! Die Deutschen von New York brachten Steuben einen Fackelzug und riefen ein »Pereat den Demokraten« durch die Straßen. Die deutsche Gesellschaft wurde gestiftet und Steuben zu ihrem Präsidenten ernannt. Sein grimmigster Feind aber lauerte bereits auf ihn. Eine Woche später kehrte Prevost von einer Reise nach Pennsylvanien zurück. Das erste, was ihn empfing, war sein Sohn Abel, der ihm die Nummer des Daily Advertiser mit Steubens Antwort entgegenhielt. »Mach mit ihm ein Ende, Vater, so oder so!«

»Still, Junge, ich kenne den Artikel; in Philadelphia ist man voll davon! Ich weiß aber auch, wie schief seine Angelegenheiten beim Kongresse stehen. Trotzdem bleibt er immer noch ein fetter Bissen; ich werde schon mit ihm fertig.«

Am nächsten Morgen machte Prevost Steuben seinen Besuch. Er fand ihn über Papieren, und nur Sigh war bei ihm. Sie saß an einem Fenster und besserte eine alte Uniform des Generals aus.

»Lange nicht gesehen, Baron! War sechs Wochen im Lande herum!«

»Vermutlich um Geschäfte zu machen und Geld einzutreiben.«

»Ungefähr so, Baron, nun komme ich zu Ihnen.«

»Mit anderen Worten, Mr. Prevost, Sie kommen wegen Ihres Geldes!«

»Ja, Baron, wegen barer 6000 Dollars, die Sie mir schulden, abgerechnet die Wohnung.«

»Leider. Prevost. Mir tut leid, daß der Kongreß mich noch immer nicht in die Lage versetzt hat, Sie zu befriedigen.«

»Das muß ein Ende nehmen, General, ich brauche mein Geld! Der Kongreß geht mich nichts an, desto mehr Sie.«

»Ich muß Sie aufmerksam machen, Mr. Prevost,« und Steuben erhob sich zu seiner vollen Größe, »daß ich artiges Benehmen gewöhnt bin und man mit mir in den Tönen der guten Gesellschaft redet. Wenn Sie nicht warten wollen, Sie sich etwa einbilden, jetzt sei die Zeit gekommen, mir die Kehle zuzuschnüren, dann tun Sie, was Sie wollen! Aber wenn Sie mit mir reden, Sir, dann werden Sie trotz alledem den Respekt bewahren, den man einem General der Republik schuldig ist, den Respekt, den Sie sehr wohl zu beachten wußten, solange Sie als Lieferant mit krummem Rücken vor mir standen! Andernfalls werden Sie aus meiner Wohnung rascher die Treppe hinab den Weg finden, wie Sie ihn heraufgefunden haben!«

»Ach, Herr General, wie schlimm muß es mit Ihnen stehen, wenn Sie mit Gewalt drohen. Gut, Sie sind in Ihrer Lage eben reizbar, ich in meiner nicht. Beklagen kann ich mich aber wohl, daß Sie Ihre eigenen Vorteile so leicht opfern, anstatt sich ohne den Kongreß frei zu machen und mir zu meinem Gelde zu verhelfen!«

»Welche Vorteile opferte ich so leicht, mit denen ich Sie hätte bedenken können?«

»In Ihrem Sensationsartikel im Advertiser sagen Sie ja selbst, daß Sie 15 000 Acres, welche Sie von Virginien erhielten, Invalidenfamilien abtraten. Bei Gott, dabei sagen Sie noch, daß Sie der Staat im Elend lasse?! Man könnte Sie auf diese Art mit der ganzen Republik dotieren, Sie würden sie wegschenken, Ihre Gläubiger aber blieben unbezahlt, und Sie hungerten?«

»Diese Klage ist in Ihrem Munde sehr kurios, Prevost! Sie tun wirklich, als ob Sie als Geschäftsmann nicht wüßten, daß ich ein Kapital doppelt so groß wie alle meine Schulden und dazu eine Menge Arbeitskräfte nötig gehabt hätte, hinten am Miami aus dem Urwalde Dollars zu machen.«

»Zum Teufel, Sir! Ja, was Sie gebraucht hätten, um zu Ihrem Gelde zu kommen, und was ich gebraucht hätte, Ihnen zu Ihrem Gelde und mir zu meiner Bezahlung zu verhelfen, das ist der Unterschied!«

»Sie meinen, ich hätte die Acres Ihnen verkaufen sollen, statt sie meinen virginischen Kameraden zu schenken?!«

»Ich sage, ich hätte Ihnen das Land zu Gelde gemacht! 15 000 Acres, Goddam, ich hätte alle Ihre Schuldscheine zerrissen und Ihnen 15, hol mich der Teufel, 20 000 Dollars hätte ich Ihnen sogar noch draufgelegt.«

Steuben zuckte auf. Er sah Prevost durchdringend an.

»Wie hätten Sie das wohl anfangen wollen?«

»Pah, wie es Ihre Soldatenfamilien jedenfalls angefangen haben, denen Sie das Terrain schenkten. Da ich mit Geld in den Taschen das getan hätte, was die mit dem leeren Beutel und nur mit der Axt tun, wäre die Geschichte wohl etwas schneller gegangen. Haha, was denken Sie denn, ich hätte allein für 10 000 Dollars Felle jährlich an die New Yorker Pelz-Kompanie geliefert!«

Steuben ging ein ungeheures Licht auf. Prevost war gewiß nicht der Mann, eine Behauptung in finanziellen Dingen aufzustellen, die er nicht durch Ausführung realisiert hätte. Steuben ohne Mittel hätte dies freilich nicht gekonnt, und er bereute es auch nicht, so viele brave Familien glücklich gemacht zu haben. Aber der Gedanke lag nahe, daß, wenn er mit diesen Kolonisten an den Miami gezogen wäre, er jetzt keine Ursache hätte, sich solche Eröffnungen gefallen zu lassen! Fast war er im Begriff, einen Wink wegen der 2000 Acres fallen zu lassen, die er in Pennsylvanien besaß.

»Hören Sie, General,« sagte plötzlich Prevost, »Sie schreiben, Sie seien auch Ehrenbürger von Pennsylvanien. Ist dort nicht auch etwas für Sie abgefallen?! So ein paar hundert Acres am Laurell Hill oder Chestnut Ridge?«

Welch' starke Versuchung auch Steuben anwandelte, die Idee Prevosts aufzugreifen und sich von diesem Polypen zu befreien, er warf einen Blick auf Sigh, deren schwermütige Augen in stummem Jammer auf ihm ruhten, und er sagte sich: »Diese letzte Hilfe, die letzte Scholle Besitzes dürfe schon als Ruhestätte für dies teure Mädchen nicht verlorengehen. Ich wüßte nicht, daß ich mit Ihnen über derartige Geschäfte zu verhandeln hätte. Sie haben Ihr Geld zu fordern, sonst nichts. Wenn Sie nicht warten und fünf Prozent Zinsen nehmen wollen, – nun so warten Sie nicht.«

»Auch gut! Ich ersuche Sie um meine 6000 Dollars binnen heute und vier Wochen.«

»Heute habe ich sie nicht, binnen vier Wochen wahrscheinlich auch nicht, der Kongreß müßte denn plötzlich seine demokratische Natur verleugnen!«

»So werde ich meine Schritte bei Gericht tun. In vier Wochen legen Sie mir 6000 Dollars auf den Tisch, oder ich lasse Sie als Bankerotteur und Schuldenmacher so lange ins Gefängnis stecken, bis Sie Mittel gefunden haben, mich zu bezahlen!«

Steuben erschauerte, seine Wange wurde fahl. »So ist das Gefängnis denn das Ende deines Lebens!« klang es kreischend in ihm wieder. »Tun Sie, Mr. Prevost, was Ihr christliches Gewissen Ihnen gestattet!«

»Guten Morgen, General.«

Steuben saß lange, das Haupt in die Hände gestützt. Dann zog er sich an, um in die Stadt zu gehen; er wollte Walker sein Herz ausschütten. Ehe er aufbrach, trat er zu Sigh. Tränen umflorten seine Augen, dann umarmte und küßte er sie. »Arme Sigh, du wirst meine rote Lady nicht werden!«

Sie antwortete nicht. Aus dem Fenster blickte sie ihm nach durchs Gehölz; es arbeitete in ihrem Innern. Als sie ihn jenseits des Wäldchens den Feldweg auf Bowry Lane hinab einschlagen sah, verließ sie das Zimmer, schlich die Treppe hinunter in den Flur, wo bei dem Hausflur Prevosts Schreibstube lag, und horchte an der Tür. Alles war still, mitunter hörte sie nur den alten Geldmenschen husten und dies und das hantieren. Um ihrer Sache gewiß zu sein, trat sie aus dem Hause und ging langsam an dem Kontorfenster vorbei. Jetzt blieb sie vor demselben stehen und starrte durch die Scheiben hinein. Niemand als der Alte war drinnen. Da Sighs Gestalt das Fenster verdunkelte, mußte er sie sehen. Ahnend, daß sie irgend etwas wolle, öffnete er das Fenster.

»Willst du mit mir reden, Sigh?«

»Ja, Prevost, wenn du klug genug bist, zu schweigen!«

»Hm! – Gut, ich schweige!«

»Gegen den Baron, den Duponceau, Vogel und Bängo! Auch die Deinen dürfen's nicht wissen!«

»Wenn es klug ist, zu schweigen, so bin ich nicht Narr genug, meine Zunge zu mißbrauchen. Niemand außer uns beiden erfährt von dem, was du wir zu sagen hast!«

»Du läßt ihn bestimmt in vier Wochen in das dunkle Gefängnis stecken, wenn er dir nicht 6000 Dollars zahlt?«

»Verlasse dich fest darauf, Sigh!«

»Schreibe das auf. Deinen Namen und den heutigen Tag darunter.«

»Weshalb?«

»Schreibe! Du wirst dein Geld erhalten!«

Prevost schrieb den Schein und reichte ihn ihr heraus. »Wie willst du das zuwege bringen?«

»Ich kenne eine reiche, schöne Lady, die gibt für ihn das Geld. Ich gehe zu ihr. Er darf nichts wissen!«

»Höllenteufelswetter!« – Prevost starrte sie an. – »Du, du willst das? Für ihn?« – Er schüttelte den Kopf. »Du willst von einer schönes Lady das Geld holen, das sie für ihn geben wird?«

»Holen nicht! Wenn sie deinen Schein und mich hat, schickt sie das Geld!«

»Du weißt das gewiß?«

»Bei dem großen guten Geist, bei der Schrift, an die ihr Blaßgesichter glaubt, und dem Kreuz an meinem Halse, ich weiß es ganz gewiß!«

»Willst du in die Stadt?«

»Weit weg, wo er mich nicht mehr sieht. Du brauchst das nicht zu wissen!«

»Wenn es aber weit ist, wie willst du ohne Geld hinkommen? – Höre, Mädchen, ich will dir noch 500 Dollars geben und dir raten, wie du dein Ziel erreichst.«

»Den Ort sage ich dir nicht. Ich will nach dem Potomak.«

»Eine gute Strecke und vier Wochen sind bald rum! Wenn du willst, gehe ich nach dem Hafen und sichere dir 'nen Platz in 'nem Handelsschiff, das morgens fünf Uhr nach der Chesapeake-Bai geht. In etlichen Tagen kommst du dort an.«

»Tue es und gib mir das Geld. Du sollst 6500 Dollars auf die Stunde haben, Prevost! – Bedenke aber, erfährt mein Baron, ich habe ihn um deiner Unbarmherzigkeit willen verlassen, er ist Soldat, Mensch, und hat Pistolen! Mit der Verzweiflung ist wie mit den Bären des Gebirges schlecht zu ringen!«

»Du wirst ihn nie wiedersehen? Er wird nie wissen, wo du bist?« –

»Ich werde ihn wiedersehen, aber wo? Das weiß der große Manitou! Ich werde nie verraten, wo ich bin!« – Sie ging ins Haus zurück und wieder hinauf. – Mittags kam Steuben nicht zum Essen. Erst abends, als es dunkelte, Duponceau und Vogel von ihren Geschäften aus der Stadt zurückkehrten, erschien er düster wie immer. Er teilte beiden den heutigen Vorgang mit Prevost mit. –

Was sollten sie erwidern, was er nicht schon wußte? Was konnten sie empfinden, was er nicht martervoll genug empfand? Als Steuben zu Bett gegangen war, huschte Sigh aus ihrer Kammer, ein Bündelchen in der Hand, in eine Matte gewickelt. Sie schlich die Treppe hinab zu der Kontortür. Prevost trat heraus, schob ihr einen vollen Lederbeutel und einen Schein zu und führte sie durchs Gehölz den Berghang hinab, indem er ihr leise auseinandersetzte, wo das Schiff zu finden sei, wie der Kapitän heiße, und was sie zu tun habe. Dann trennten sie sich.

»Hihi, es geht ganz von selber, mein alter Fuchs,« lachte er im Zurückschreiten leise, »wie du willst! Die kleine Rote war mir nur im Wege, und sie ist jetzt dumm genug, Platz zu machen! – Hoho, Baron, du magst Truppen recht leidlich kommandieren, die Dollars aber, deine Schulden, die Zahlen im Konto, die kommandiert Prevost besser als du, und wenn du nicht völlig verrückt bist, marschierst du nun, wie ich kommandiere!«

Als die Sonne mit geldigem Glührot die Batterien und das alte Fort St. George beleuchtete, verließ ein Handelsschiff mit vollen Segeln die Zollstation des East-River und zog gleich einem Schwane an Long Island vorüber dem Meere zu. Unweit des Steuers stand Sigh, schlicht, doch wie weiße Frauen gekleidet, sah zum entschwindenden Lande hin und breitete ihre Arme nach jenem grünen Hügel, gekrönt von Prevosts Haus, dessen Fenster im Morgenlicht wie Feuer glühten. Überströmenden Gesichts flüsterte sie bebend, leise: »Lebe wohl, mein Baron, deine rote Lady geht von dir für immer! Oh, nur in Manitus blauen Gefilden wirst du sie wiedersehen! – Großer Geist, der du ihn liebst, laß ihn gerettet sein durch meine Liebe, laß ihn nicht in die Hand des Mannes fallen, dessen Herz finster ist, weil er nichts kennt als das gelbe Metall, mit dem die Blaßgesichter einander betrügen!« – Jetzt hüllte sie sich in die Decke, setzte sich neben ihr Bündel und starrte noch lange dem in die Wogen versunkenen New York, ihrer versunkenen Erdenliebe, nach. Das Volk auf dem Schiffe lies sie zufrieden, der Kapitän hatte überdies gesagt: »Dies rote Mädchen soll man gehen lassen. Sie ist Frachtgut wie jedes andere, das sicher und unverletzt ankommen muß!«

Als Steuben sich denselben Morgen von seinem Lager nach schlafloser, von wüsten, trübseligen Gedanken erfüllter Nacht erhob, war's ihm unendlich traurig im Gemüt, der Anblick des Meeres stimmte ihn melancholisch. – Als die Zeit des Frühstücks kam, das er mit Sigh zu teilen pflegte, schellte er. Bängo kam mit dem Kaffee und war sonderbar aufgeregt.

»Hast du Sigh gebeten, zu kommen?«

»Sigh nicht kommen, Massa! Sigh nicht da! Nicht in der Kammer, nicht im Hause; Sigh weg!«

»Du bist närrisch!«

»Sigh schon in der Nacht weg, nicht geschlafen, Massa! Sighs Bett ist glatt und zugedeckt. Sie ist weg mit ihren Kleidern und allem!«

»Das ist unmöglich, ist unglaublich!« Er sprang auf. »Sie kann höchstens in die Stadt gegangen sein!« – Er eilte in Sighs Gemach, es war leer. – Die Indianerin hatte nicht nur ihre weiblichen Habseligkeiten, sondern auffälligerweise auch noch ihre Waffen mitgenommen, wie wenn sie dieser Schutzmittel bedürfe. –

»Das deutet auf eine Reise!« flüsterte er starr. »Aber wo kann sie denn hingegangen sein? Welcher Zweck treibt sie fort? Wo ist dein Mann und Duponceau, Bängo?«

»Früh in die Stadt; Massa weiß ja, warum!«

»Erkundige dich bei Prevost und den Leuten, ob man sie gesehen hat.«

Er taumelte fast, als er nach seiner Stube ging. Er ließ das Frühstück unberührt, vollendete seinen Anzug und schritt, auf den Stock gestützt, schwer die Treppe hinab.

Bängo trat ihm mit Abel Prevost im Hausflur entgegen.

»Haben Sie sie gesehen?«

»Nein, Baron. Der Vater sagte, er habe gestern spät noch aus dem Fenster geschaut, da sei sie nach elf Uhr aus dem Hause gekommen, ein Bündel in der Hand. Er habe Sigh angerufen, sie habe aber zu laufen angefangen, hinab ins Holz, und fort war sie.«

»Wenn sie noch in New York ist, muß ich sie finden! Wissen Sie, ob etwa diese Nacht oder heute morgen ein Schiff auslief?«

»Mir ist, als wenn gestern morgen davon gesprochen worden, heute früh ginge ein Küstenfahrer nach dem Süden!«

Steuben eilte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause, durchs Gehölz, der nahen Stadt zu. Ihm war, als sei ihm das Herz aus der Brust gerissen, als bräche und sänke alles in ihm, Glaube, Vernunft, Empfinden. Wie er in die Stadt, durch das Menschengewühl zum Hafen kam, wußte er nicht. Nur die eine Idee bewegte sein Denkvermögen, daß, wenn ihn wirklich Sigh verlassen habe, sie mit einem Seeschiff nicht nach dem Süden, sondern mit einem Flußschiff den Nordriver hinauf gegen Norden gereist sein müsse. Vermochte sie aus irgendeinem Grunde nicht mehr bei ihm auszuhallen, so war doch sicher das Oneidaland, das Land ihrer Geburt, ihr Ziel, wo Yokomen lebte. Dieser Schluß wurde in ihm mehr instinktiv als durch Nachdenken klar, und wie schlafwandelnd wandte er sich dem westlichen Hafenquai des Hudson zu. Er fragte, ob Schiffe heute morgen oder diese Nacht stromauf abgegangen wären, ob man denn auf einem derselben oder im Hafen eine Oneidaindianerin gesehen habe. –

Wohl wären vier Frachtschiffe abgegangen, von einer Indianerin wußte niemand. Steuben keuchte weiter über Broadway die French Churchstreet hinab zum Osthafen. Dieselbe Frage, dieselbe Antwort! Ein Schiff war am Morgen zwar südwärts nach der Chesaspeake Bai ausgelaufen, von Sigh jedoch wußte keiner. Unseres Freundes geistige Kraft war zu Ende, er fühlte nur das Eine, Ungeheuerliche, Unfaßbare, daß er – verlassen sei! Verlassen von ihr! Er lachte bitter. Er wandte um, sein nächster Gedanke war: »Zu Walker!« Als er so dahinschritt, fühlte er, sie sich seine ganze Natur verkehrte, sein ganzes Ich einen Stoß erhielt. Er traf den Freund im Wohngemach neben seinem Kontor, den kleinen sonnenverbrannten fröhlichen Walker, sie er so neben seiner großen brünetten Frau am vollen Frühstückstisch behaglich saß, es war mittlerweile elf Uhr geworden.

»Bei Gott, Baron, am Vormittag? Da pflegen Sie sonst nicht die Stadt zu besuchen! Ein Glas für den Baron, Beth, und ein Kuvert! Vielleicht haben Sie meinen Vorschlag von gestern überlegt?«

»Hahaha, hahaha!« Steuben sank auf den Stuhl am Tisch. »Überlegt? Wir Menschen denken und fühlen, guter Ben, überlegen, sorgen und hoffen. Dann stehen wir aber eines Morgens auf, haha, und finden, daß wir Narren wären, weil wir ja gar nichts mehr zu überlegen, zu sorgen und zu hoffen haben!«

»Großer Gott, was fehlt ihm?« rief Walker entsetzt seiner Elisabeth zu, die mit Glas, Teller, Messer und Gabel eintrat.

»Sie sehen ganz verstört aus, General!«

»Verstört, Mrs. Elisabeth? – Nun ja! Es geht eine Rebellion in mir vor. Aus des großen Friedrichs Adjutanten, aus dem Freunde Washingtons, aus dem Schöpfer der Armee haben wir diesen Lumpen-Baron gemacht, der über sich selber spottet, sich selber verachtet.«

»Wenn noch ein Funken gesunden Menschenverstandes in Ihnen ist, General,« sagte Walker bebend, »sprechen Sie, was geschah?«

»Was geschehen ist? Nichts. – Eine Kleinigkeit, die noch dazu so natürlich ist. Gestern stellte mir Bargeld-Prevost in vier Wochen das Gefängnis in sichere Aussicht. Hätte ich den Kerl unschädlich machen, mir außerdem noch 'ne hübsche Summe als verständiger Kerl sichern wollen, ich hätte ihm meine 2000 Acres bestes Pennsylvanialand am Alleghany-River verkaufen können, der Filou weiß sehr gut, wie es zu versilbern ist. Aber Sigh war bei mir, das Weib meines Herzens, der ich eine Heimat für alle Fälle der Not sichern wollte, mit der ich hätte in die Einöde ziehen, wie ein Holzhacker arbeiten und dennoch glücklich sein können! Ich schwieg. Ich riskierte den Käfig! Ich hätte mich zeitlebens hineinsetzen lassen, damit Tamenunds Enkelin nur nicht zu darben brauchte! Was geschehen ist? Nun, diese Nacht ist sie auf und davon, sie hat mich verlassen!«

»Sigh? Wäre es möglich, zu denken, daß Sigh Sie verlassen könne, Sie, der ihr Schützer, ihr Lebensodem war?«

»Hunger, lieber Walker, die Furcht vorm Elend sind selbst der tiefsten Liebe Tod! Wenn ein Schiff sinkt, wie ich, verlassen es nicht bloß die Ratten, edlere Wesen tun's auch!«

»Wenn Sie behaupten würden, die Engländer hätten Amerika wiedererobert und Cornwallis, der Ihnen den Degen übergab, werde in einer Stunde einmarschieren, bei Gott, eher hätte ich's geglaubt, als das! Ich hoffe, General, daß diese furchtbare Erfahrung Sie nicht hindern wird, die Probe zu machen, ob Ben Walker mit seinem Weibe Sie nicht auch noch verläßt und die letzte Ratte ist!«

»Das kommt auf die Probe an. Ihre Qualität in Ehren, Walker, aber ich sehe nicht ein, weshalb mein Kamerad bei guter Gelegenheit nicht weniger treulos sein sollte als das Weib, an das ich mein ganzes Dasein gekettet habe!«

»Nehmen Sie meinen gestrigen Vorschlag an?«

»Gestern tat ich es Sighs wegen nicht, heute kann ich ihn annehmen! Also ich ziehe sobald als möglich zu Ihnen und zahle ehrlich so lange Wohnung und Kost, als ich noch was habe. Macht der Kongreß oder die Gicht der Geschichte kein Ende, nun, Oberst, ein alter Soldat weiß immer, was ihm noch bleibt!« Steuben erhob sich starren Blickes.

»Gehen Sie nicht; jetzt in dieser grauenvollen Stimmung nicht! Nehmen Sie ein Glas Wein!«

Mistreß Walker drückte Steuben sanft in den Sessel nieder und schenkte ein.

»Sie haben recht. Alle beide habt ihr recht! Ja, Walker, ich hege den Glauben noch, will den Glauben hegen als letztes Gut, daß Freundschaft, im Schlachtfeuer geschmiedet, dauerhafter ist als Frauenliebe. Vielleicht ist mein ganzer Lebensfehler nur der, daß ich für Weiber viel zuviel empfand, ich mir von der Frauennatur zu göttliche Begriffe machte, die, welche ich geliebt, so verklärt und in die reinste Sphäre versetzt habe, daß sie notwendigerweise meinen Anforderungen eben nicht mehr genügen konnte. Oh, ich hatte ja bei Sigh völlig vergessen, daß auch der beste rote Mensch doch nur nach seinen roten Gaben handelt. Schenkt ein den Wein und trinket leer, das Trauern wollen wir lassen! Haha, mein Junge, ich werde kalt wie ein Eiszapfen sein, werde mit den Schönen meinen Spaß haben, mich ins Leben stürzen und den Rest meines Daseins verwirtschaften. Wenn noch eine süße, tiefere Regung in mir aufkommt, ein anderes Gefühl noch als Ironie, dann sollen auch Sie das Recht haben, Walker, sich von mir zu wenden, wie man den Narren verläßt, der sich selber verloren hat! Eins tröstet mich bei diesem Schlage. In meiner Jugend ging um mich ein geliebtes Weib zugrunde, ihrem Andenken allein wende sich das letzte kleine Stückchen Herz zu, was ich noch so der Nachfrage wegen in mir habe. Sigh aber habe ich nicht elend gemacht. Was sie an Glück genoß, sie hatte es von mir! Fand sie ein besseres Los, konnte sie es ohne mich finden, wohlan, sie nahm freiwillig ihr Geschick auf sich!«

An dem Tage, welcher sein Herz so zertrümmert hatte, hielt er sich, nach Hause zurückgekehrt, scheinbar ruhig für sich, wanderte viel im Gehölz umher und suchte mit sich selber ins klare zu kommen. Am Abend machte er Duponceau und Karl Vogel Sighs Entweichen bekannt und eröffnete ihnen mit jener Ruhe, die nur in Ertötung aller Gefühle denkbar ist, daß er für ihre Lieb und Treue, für ihr Aushalten bei ihm zwar danke, aber mir noch so lange ihre Dienste annehmen werde, bis er das »Louvre« mit Walkers Haus in der Stadt zu vertauschen vermöchte. Dann sollten sie nur noch ihren eigenen Vorteile nachgehen. Zu diesem Entschlusse nötigten ihn nun seine Verhältnisse, die ihm jeden selbständigen Haushalt verboten. Änderten sich dieselben zu seinen Gunsten, daß er ihre Treue belohnen könne, und sie wären in der Lage, daß es ihnen wünschenswert sei, mit ihm sich wieder zu vereinen, dann würden Duponceau, Vogel und Bängo sicher sein erster Gedanke sein.

Die kalte, klare Entschiedenheit, mit welcher das gesagt wurde, und die Karl Vogel schon aus Berlin her sehr wohl kannte, ließ keinen Widerspruch zu. Betrübt zogen sich die drei letzten, welche Steubens kleinen Hausstand gebildet hatten, am Abend dieses Trauertages zurück.

»Still, Mr. Duponceau! – Lamentiere nur nicht jetzt los, Bängo!« sagte Karl Vogel, ehe sie sich in der Küche trennten. »Ich kenne ihn, er wird sich vorerst auswirtschaften, wie er das schon einmal vor Jahren getan hat. Vielleicht ist ihm das ganz gut und kratzt ihn wieder auf. Aber eins ist gewiß, das lasse ich mir nicht ausreden: Sigh ist aus 'nem besonderen Grunde von ihm gegangen, und ganz gewiß war es ein Grund, der zu loben ist! Was, weiß ich freilich nicht. Wenn er diesen besonderen Grund aber einmal zu erfahren kriegt, ich wette, das passiert ihm aber noch, dann wird er Sigh an aller Welt Enden suchen, sollte er dann auch nichts mehr tun können als an ihrer Brust zu sterben!«

Am anderen Tage ließ Steuben durch Bängo Prevost zu sich bitten. Derselbe erschien und war nicht wenig über die Ruhe und klare Kälte des Barons erstaunt.

»Es bestätigt sich also, daß Sigh fort ist?« sagte er mit scheinbarem Bedauern.

»Da sie nicht hier ist, so bestätigt es sich natürlich, Prevost. – Setzen Sie sich, wir wollen von Geschäften reden.«

»Ich bin immer dazu bereit.«

»Sagen Sie, Prevost, wie kommen Sie zu der Mutmaßung, der Staat Pennsylvanien habe mich gleichfalls dotiert. Ohne Umstände, wieso wissen Sie das?«

»Hm, hm, ja! Na, General, man sagte mir in Philadelphia und so, so – da ich in jener Gegend gerade zu tun hatte, reiste ich ein wenig nach Westmoreland Country – es ist der große Verkehrsweg nach dem Westen, General – und besah mir den Fleck. Zweitausend Acres herrliches Land! Hoher Wald, Prärie, Berg und Wasser – es lachte einem 's Herz!«

»So! – Gesetzt nun, ich wollte damit was anfangen, wie hoch taxieren Sie das Land?«

»Das ist – ehrlich gesagt, 'ne etwas eigene Sache. Da gibt es drei Taxen!«

»Drei Taxen? Ich denke, der Wert einer Sache ist doch nicht dreifältig verschieden?«

»Doch, doch! Er ist erstlich verschieden nach dem Manne, der das Land hat; ich bin gegen meine Gewohnheit ganz aufrichtig, Baron. Wenn Sie, mein Schuldner, es verkaufen, der Sie keine Mittel haben, – bah, so ist es« – Prevost schmatzte und hob die Nase schnüffelnd in die Höhe – »noch seine 12 000 Dollars Wert, 6 Dollars der Acre. Kauft das Land einer, der Geld hat, aber er weiß nicht wohin damit, na, der wird 20 000 geben, dann aber knapp durchkommen, das ist die zweite Taxe. Kauft Prevost es aber und packt das Geschäft an, wie 'n wirklicher Spekulant es soll, so ist das die dritte Taxe. Bah, dann kann er ruhig dreißig geben und weiß, daß er mit sechzig unter allen Umständen herankommen wird. Aber das wissen außer mir nicht viele, hihi, deshalb bin ich auch Prevost, Baron!«

»Wie wär's mit 20 000? – Dafür würde ich's geben!«

»General, ich – ich möchte eigentlich gar nicht kaufen, möchte es Ihnen lassen und mit meinem Verstande damit so manipulieren, daß Sie den ganzen Nutzen hätten!«

»Was? – Aber Prevost, wie kommen Sie mir denn vor? Sie bilden sich doch nicht ein, ich glaube wirklich, Sie täten etwas aus Edelmut und umsonst?«

»Lirumlarum, was heißt umsonst? Was ist Edelmut! Entweder ich habe an 'ner Sache ein Interesse und Sie nicht, oder es ist mein Vorteil oder mein Wunsch oder meine gutmütige Laune, daß Ihr Interesse mit dem meinigen Hand in Hand geht!«

»Nun, wie geht das denn Hand in Hand?«

Eins Pause sichtlicher Verlegenheit für Prevost kam. Dann wurde er rot, schnappte nach Luft und rückte an der Binde. – »Hand in Hand, jawohl! Ha, nehmen Sie also meiner Tochter Dina Hand, und ich gebe Ihnen dann meine Hand!« –

Eine abermalige Pause erfolgte. Prevost senkte den Blick.

»Mr. Prevost, ich werde Ihnen hierauf geschäftsmäßig antworten. Für Sie hat mein Penssylvanialand 60 000, für mich hat es nur 20 000 Dollars Wert. Die Differenz beträgt 40 000. Wenn ich nun den Wert von Miß Dina Prevost wirklich auf 40 000 rechne – Sie sehen, ich bin galant – und wenn ich die Hand der jungen Dame Ihnen mit dieser Summe dankbar jetzt zurückerstatte, dass würden Sie mir also runde 20 000 weniger 6000 herauszahlen. Auf dieses Geschäft gehe ich ein!«

»Sie, General, Sie schlagen Dinas Hand aus?«

»Diese mir für 40 000 Dollars wertvolle Hand – ja!«

»Aus welchen Gründen, General? Weshalb wollen Sie sie nicht, Baron Steuben, da Dina eines reichen Mannes Tochter ist, Sie aber nichts mehr haben als Ihre sogenannte Ehre und Titel und das Vergnügen, daß die Leute Sie grüßen, wenn Sie vorbeigehen!«

»Das eben ist der Grund!« und Steuben erhob sich. »Ist's gefällig?« Eine entlassende Geste erfolgte.

»O gut! Sehr schön! – Aha, so stehen wir?« Prevost erhob sich. »Wissen Sie, daß Ihre Gesamtschulden 15 000 betragen? Wissen Sie, daß ich alle Forderungen Ihrer Gläubiger aufkaufen werde? – Der Teufel soll mich holen, wenn Ihnen noch was anderes übrigbleibt als Dina zu heiraten! Ich will Ihnen zeigen, daß ich durchführen kann, was ich mir in den Kopf gesetzt habe!«

»Mein Herr Prevost, Sie sind in Ihren Handlungen, was Geld betrifft, ungeniert. Ich weiß jetzt wenigstens, was mein Gut am Alleghany-River wert ist! Klagen Sie! Ich zeige Ihnen an, daß ich morgen nach der Stadt zu Oberst Walker ziehen werde!«

Prevost sah ihn mit einem dummstaunenden Stierblick an, als sei ihm Steuben unbegreiflich, dann zuckte er die Achseln und ging hinaus. –

Am nächsten Morgen schickte sich Steuben an, sein »Louvre« zu verlassen. Ein Lastkarren nahm bereits seine Habseligkeiten auf, als Prevost noch einmal erschien.

»Sie können sich wohl gar nicht von mir trennen, lieber Herr?« sagte Steuben sarkastisch.

»Wie gestern, Baron, wenigstens nicht. – Donnerwetter, ich – ich muß besoffen gewesen sein, Ihnen so mitzuspielen!«

»Wenigstens rechtfertigte Ihr Benehmen so ziemlich die Vermutung.«

»Wie gesagt, ich war 'n Narr! – Kurzes Gebot also, General, 20 000, und das Gut in Westmoreland Country ist mein; natürlich die Schulden abgezogen.

»Mit 20 000, wie gesagt, ist es Ihr Eigentum! Von morgen an stehe ich Ihnen und Ihrem Notar bei Mr. Walker zu Diensten.«

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