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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 21
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
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Marquis de Lafayette

Während der vorhergegangenen, dem Hauptquartiere noch unbekannten Vorfälle am oberen Hudson hatte der Oberbefehlshaber genug peinliche Schwierigkeiten zu überwinden. Gates hatte sein Sieg bei Saratoga nicht schlafen lassen; er wollte seinen Ruhm um jeden Preis erneuern. Cornwallis war ihm mit einem bedeutenden Teile seiner Heeresmacht rasch entgegengezogen, bevor der amerikanische Heißsporn seine Truppen völlig zu ergänzen vermochte. Gates engagierte sich trotzdem hitzig und wurde am 16. August so schwer geschlagen, daß sein ganzes Korps aufgerieben und zerstreut wurde und sämtliche Geschütze verlorengingen. Washington entsetzte ihn des Oberbefehls und gab denselben an Nathanael Greene. Zu dessen Armeeinspekteur ernannte er, auf dessen eigenen Wunsch, Steuben. Es galt um so mehr, jetzt den bedrohten Südstaaten beizuspringen, als die Möglichkeit hierzu dadurch gegeben erschien, daß Cornwallis seinen Sieg bei Cambden nicht ausgenutzt hatte. Im Begriff, nach Nord-Carolina zu marschieren, hatte er nämlich ein starkes Streifkorps unter Major Fergusson nach den Hochlanden geschickt, um sich dieser zu versichern, dazu litt das englische Heer durch nasse Witterung und Epidemien. Das Korps Fergusson aber wurde auf dem Königsgebirge von dessen ganz der Union ergebenen Bewohnern gänzlich vernichtet, Cornwallis mußte nach Süd-Carolina zurückkehren. In der Hauptarmee hingegen begann es an Offizieren zu mangeln, und die bisherigen Truppenführer sprachen in immer größerer Anzahl den Willen aus, ihren Abschied zu nehmen, da der Kongreß ihre Zukunft noch immer nicht sichergestellt hatte. Washingtons Hauptarmee, die Hoffnung der Union, drohte zu zerbröckeln. In dieser Not hatte Washington kategorisch an den Kongreß die Forderung gerichtet, die Pensionsfrage in befriedigender Art zu erledigen.

Zu diesen Kalamitäten kam nun ein plötzliches, dunkles und schreckhaftes Gerücht: General Howe hatte durch ein reitendes Pikett dem Oberbefehlshaber melden lassen, von der Westpoint-Garnison komme die Nachricht, Arnold sei entflohen, ein englischer Offizier als Spion gefangen worden und Tamenund bei dieser Gelegenheit getötet oder sehr schwer verwundet worden. Washington hatte sofort Befehl gegeben, daß Detachements von Riflemen auf allen verfügbaren Booten auf dem Hudson kreuzen, und daß die Landstraßen wie Waldpfade beständig abpatrouilliert werden sollten, um des Verräters habhaft zu werden. Die Stimmung des Oberbefehlshabers wie seiner vertrauten Offiziere war finster, die Steubens geradezu martervoll. Man war überzeugt, daß irgend etwas Außerordentliches im Fort zugegangen sein müsse, andererseits konnte man nicht an den vollen Umfang der Ehrlosigkeit eines kommandierenden Offiziers, eines geborenen Nordamerikaners, glauben.

Diesem Zwitterzustande von Furcht und Zweifel machte der Morgen des 26. September ein Ende. Auf dampfendem Pferde erschien de l'Enfant in Steubens Quartier zu Tappan, und da er hörte, derselbe befände sich mit General Greene bei dem Obergeneral, eilte er sofort in dessen Wohnung.

»Ist das Gerücht wahr,« rief Washington, »das Ihr Detachement General Howe überbracht hat?«

»Wenn es aussagte, Arnold sei zu den Engländern entflohen, der Prophet getötet und ein englischer Spion gefangen, Exzellenz, so sagte es die Wahrheit. General Knox kommt selbst, um eingehenden Bericht zu erstatten. Der gefangene Spion, Tamenunds Leiche, Yokomen und Sigh sind bei ihm.«

Washington sank das Haupt auf die Brust. Lange starrte er vor sich nieder, als erblicke er einen gähnenden Abgrund zu seinen Füße«.

»Ist Sigh unverletzt?« flüsterte Steuben. »Um Gottes willen, wie überstand sie das furchtbare Ereignis?« – Greene trat horchend hinzu.

»Teuerster Baron,« entgegnete de l'Enfant ebenso, »Sigh kam bis zu dem Augenblick, da man den toten Greis brachte, nicht aus ihren vier Pfählen. Des Mädchens Jammer vermag ich nicht zu schildern, bald genug werden Sie ihn sehen. Hätte Sigh jetzt nicht Sie und des Obergenerals Menschenfreundlichkeit, sie wäre beklagenswerter als ein heimatloses Tier, das seine Mutter verlor.«

»Nein!« schrie Washington. »Das ist nicht Menschenart mehr! Es ist jene Bosheit, welche aus Freude am Schlechten, aus entarteter Wollust des Hasses geübt wird! Ich muß Arnold haben, lebend oder tot! Dieser entartete Sohn seines Landes soll eines so schimpflichen Todes sterben, daß selbst das Herz des Erbärmlichsten unter uns sich sträubt bei dem Gedanken, in eines solchen Schurken Fußtapfen zu treten. An dem Verlust dieses Scheusals ist dem Vaterlande freilich nichts gelegen. L'Enfant, schreiben Sie in kurzen, nackten Worten den Tatbestand an den Kongreß und daß ich auf meinen erneuten Antrag vom 15. des Monats verweise und die Frage stelle, ob man in Philadelphia noch jetzt zögern will, zu tun, was getan werden muß, soll überhaupt noch gekämpft werden! Das schreiben Sie genau so hin! Ist das Schriftstück beendet, dann bereiten Sie die Frauen Tamenunds vor und melden Sie das Geschehene meiner Gattin und der Generalin Greene!« –

Washington, Steuben und Greene ritten, ohne auf ihre Adjutanten zu warten, die nördliche Straße den Fluß entlang. Bald genug erblickten sie den düsteren Zug, der gerade um eine Waldecke bog, welche der Fluß verursachte. Voraus ritt General Knox mit seinen Adjutanten, eine Kompanie Riflemen folgte mit drei Tambouren. Hinter ihnen auf einem alten Proviantkarren lag Tamenund, kriegerisch bemalt, in vollem Waffenschmuck. Neben ihm hockte Yokomen und sang in langen, klagenden Tönen den Totengesang der Oneidakrieger. Sigh folgte dem Gefährt, des Blick zu Boden geheftet, mechanisch schreitend. Von der zweiten Kompanie umgeben, zog dann der Karren heran, auf welchem der gefangene Engländer zwischen zwei Unteroffizieren saß. Dies stumme, schattenhafte Nahen, des breiten Hudsons Rauschen, die klagenden Molltöne Yokomens machten einen unendlich traurigen Eindruck.

Washington, Steuben und Greene hatten links am Rande der Straße eingeschwenkt. General Knox sprengte heran.

»Exzellenz,« er lüftete den Hut, »dieser Augenblick bedarf keiner Erklärung. Ich erlaube mir, Ihnen das Protokoll des Tatbestandes und der ersten Untersuchung des Kriegsgerichts zu überreichen. Ich glaube, Major Armstrong wie ich haben in Ihrem Sinne gehandelt, Exzellenz, wenn wir dem totes Häuptling die Ehren erwiesen, die unseren eigenen Offizieren gebühren!«

»Ich bin Ihnen wie dem Major sehr dankbar, General,« erwiderte Washington, »Tamenund war mir so teuer, daß mein Herz den Verlust eines Bruders nicht tiefer beklagen könnte! Lassen Sie die Tambours den Totenmarsch der Unionsarmee schlagen!«

Als die Trommeln ihre Wirbel erklingen ließen, unterbrach Yokomen seinen Gesang, Sigh schrak wie aus einer Betäubung auf. Als sie Steubens ansichtig wurde, breitete sie mit einem Schmerzensschrei die Arme nach ihm aus und taumelte mehr zu ihm hin als sie ging. Der Baron saß sofort ab und nahm die Verwaiste in seine Arme. Sie hing an seinem Hals, als habe sie ihre Heimat wiedergefunden.

»Armes, heißgeliebtes Mädchen,« flüsterte Steuben, »komm auf mein Pferd, du bist ja am Zusammenbrechen! Wenn nichts dir bleibt, Sigh, ich bleibe dir!«

»Du,« hauchte sie, »du allein!« Sie ließ sich von ihm zu seinem Pferde führen und hinaufheben wie ein Kind. Der Baron ergriff des Rosses Zügel und führte es hinter Tamenunds entseelter Hülle her. –

Zufolge Verabredung zwischen Steuben und Greene wurde Sigh in des letzteren Wohnung zu Clemence gebracht, in deren schwesterlichen Armen sie sich ausweinen konnte. Wie Tamenund geahnt hatte, zog sein Tod die Auflösung seiner Familie nach sich. Rattan erklärte, zu ihrem Stamme nach dem Delaware zurückzukehren, um dort ihr Elend und ihr Alter zu begraben. Auch Smirk und Yokomen trennten sich, aber in einer für das Volk der »roten« Leute sehr bezeichnenden Weise. Smirk war noch jung und hübsch, sehr bedeutend jünger als Yokomen, in welchem sie stets mehr ihren Bruder als den Sohn ihres Mannes erblickt hatte. Als Rattan ihres Weges gegangen war, sagte Yokomen zu seines Vaters jüngster Witwe: »Smirk, du hattest einen Sioux-Vater, bist von den Cheraki, an deren Händen das Blut Tamenunds ist. Ich bin von den Oneida. Willst du zu den Cheraki gehen? Willst du mit Yokomen zu den Oneida?«

»Was soll ich mit dir bei den Oneida?«

»Ich werde für dich jagen und fischen, mein Wigwam wird dein Wigwam sein, mein Stamm der deine! Smirk, ich frage dich, sehe ich Tamenund ähnlich?«

»Du siehst ihm ähnlich, aber nicht ganz.«

»Ich habe seinen Leib! Wenn ich seine guten Gaben nicht habe, Smirk, so habe ich doch sein Herz! Werde meine Frau und lächle wieder!«

Smirk lächelte wieder, dann weinte sie und küßte ihr Kind. »Yokomen,« sprach sie sinnend nach einer Pause, »jetzt ist in meinem Herzen der Schmerz! Ich will zu meinem Stamme, will die Quellen des Moratoc und Saxapahaw wiedersehen. Vielleicht wird mein Herz dort still, und – ich denke an dich. Dann komme! Sei dann nicht mehr Yokomen, sondern Tamenund. Ich werde dir zu den Oneida folgen und deine Squaw sein.«

Sie reichten einander die Hände. – »Ich nenne mich fortan Tamenund, die wandernde Sehnsucht!«

»Tamenund, die wandernde Sehnsucht willst du sein?« Smirks Stimme bebte. – »Wandere! Wenn du an den Moratoc kommst, Yokomen, willst du Tamenund, der Friede, sein?«

»Dann will ich der Friede werden, will Frieden bringen zu meines Vaters Feinden!« – Das war die indianische Verlobung einer jungen Witwe, so fest und heilig in ihrer Weise, daß der ganze Stamm der Cheraki und Oneida sie nicht hätte ungeschehen machen können.

Am nächsten Tage zog Smirk gen Süden, Yokomen, der sich fortan Tamenund nannte, nordwärts dem Oneidalande zu, nachdem angesichts der ganzen Armee und ihrer Generale der Prophet inmitten des Lagers begraben und eine dreimalige Salve über ihm abgeschossen worden war. Sigh allein blieb zurück an dem Orte, wo der Geliebte lebte und der Großvater unter den weißen Kriegern schlief.

Der Prozeß Andrees war kurz; seine Schuld lag auf der Hand. Man hatte bei ihm eine genaue Karte des ganzen oberen Hudsonlaufes, den Plan von Westpoint und einen Operationsentwurf gegen den Platz für Clinton gefunden. Alle diese Papiere stammten von Arnolds eigener Hand, und man erstaunte zugleich über das Geschick wie die Schlechtigkeit eines Mannes, der zweifellos ein begabter General der Union gewesen war. Am 29. September wurde Andree vor den Augen der aufmarschierten Armee erhängt.

Es war abgemacht, daß Martha Washington die Nordarmee gleichfalls verlassen, nach Mount Vernon, dem Familienbesitztum des Generals am unteren Potomak an der Grenze von Virginien und Maryland, zurückkehren sollte, Sigh mit Clemence Greene sie aber begleiten und bei ihr bleiben sollten, zumal beide Frauen Nathanael und Steuben dann bedeutend näher waren. Sigh folgte Martha in der Erwartung, daß sie mit dem Baron dann nach dem Süden weiterziehen werde. Vor der Katastrophe, welcher man augenscheinlich näherrückte, faßte auf Washingtons Drängen endlich der Kongreß den heilsamen Beschluß, allen Offizieren, welche bis Ende des Krieges bei der Armee dienen würden, Halbsold auf Lebenszeit zu bewilligen. Diese Aussicht erhielt die Offiziere fortan ihrer Fahne, gab sie ihren Pflichten zurück, und der Bestand der Unionsarmee war gerettet.

Greene und Steuben waren Ende Oktober in Philadelphia beim Kongreß eingetroffen, der ihre Ernennung sanktioniert hatte. Als Adjutant begleiteten ersteren Major Burnet und Oberst Morris, Steuben dagegen Benjamin Walker und Leutnant Duponceau, sein Sekretär. Richmond, Virginiens Hauptstadt, war zum Rendezvousplatz der befreundeten Generale bestimmt, und nach Beendigung aller Reisevorbereitungen eilte Steuben voraus, um in Mount Vernon bei Generalin Washington seinen Besuch zu machen und von Sigh Abschied zu nehmen. Diese Aufgabe war nicht leicht. Niemand vermochte beim jetzigen Stande des Krieges sein Ende und die Zeit zu berechnen, in welcher von einer Wiedervereinigung die Rede sein konnte. Wer aber wußte, unter welchen Umständen sie dann stattfand?

Auf dem Mount Vernon, unter den Bäumen versteckt, lag Vernon House, Washingtons Geburts- und Elternhaus, klein und von fast geschmackloser Einfachheit. Als Steuben seiner ansichtig wurde, meinte er treffend: »Wenn Washington kein größerer General und Staatsmann wäre als er Baumeister ist, die Union würde schwerlich Bestand haben!« Es schien allein den Vorstellungen angemessen zu sein, die man sich von dem Leben eines Cincinnatus zu machen pflegt.

Nachdem Steuben nebst Adjutanten von einer Negerin in das Empfangszimmer geführt wurden, trat ihnen die Generalin mit der bekannten, vornehm-gelassenen Freundlichkeit entgegen und reichte Steuben die Hand.

»Seien Sie gegrüßt, Baron, und nehmen Sie mit unserer engen Gastlichkeit vorlieb. Das Elternhaus meines Mannes ist winzig, wie Sie sehen, denn dies Zimmer, der Vorflur, das Eßgemach und die Küche sind eng. Die Herren werden sich also einrichten müssen. Als Washington die Renovation des alten Hauses vornahm, wollte er es nicht vergrößern. Da wir keine Kinder haben, ist es für uns genügend, und da wir gute Republikaner sind, wollen wir mit unserem Vermögen nicht prahlen, indem wir einen aristokratischen Bau aus ihm machen. George hat überdies eine solche Pietät für den Sitz seiner Eltern, daß jedes Stück, das Sie sehen, noch auf der Stelle steht, wo er es in seiner Jugend sah. Diese Enge ist leider auch schuld, daß ich meine liebe Clemence und unsere Sigh in das Haus des Inspektors einquartieren mußte, der viel besser wohnt als sein Herr. Generalin Greene aber ist dadurch mit Sigh unabhängiger von mir, und ich bin in meinen vielfachen häuslichen Geschäften auch weniger behindert. Kommen Sie, wir wollen beide nun aufsuchen!« Damit setzte sie ihren Hut auf, nahm einen Schirm von Palmenblättern und führte die Herren durch das Haus einen dunklen Laubgang hinab.

»Exzellenz, ich habe eine Bitte!« sagte Steuben.

»Wenn ich sie gewähren kann – gern, General!«

»Ich ersuche Sie um Ihre Unterstützung in einem Kampfe, dem ich entgegengehe. Sigh wird mit mir fort wollen! Daß dies nicht geschehen darf, selbst wenn des Mädchens Sicherheit dabei weniger bedroht wäre, bedarf Ihnen gegenüber keiner Gründe.«

»Sie muß unbedingt bleiben, General. Eine Frage gestatten Sie mir, die zwar für mich schon entschieden ist, die ich aber, bevor Sie in den ungewissen Krieg ziehen, noch einmal von Ihnen beantwortet hören möchte. Ist es Ihr fester Entschluß, Sigh zu Ihrer Ehefrau zu machen, wenn Gott uns den Sieg gibt?«

»Mein fester Wille. Ich betrachte sie bereits als meinen moralischen, seelischen Besitz, als mein Weib. Es kommt nur darauf an, wie bald meine Verhältnisse nach dem Frieden mir gestatten, sie zum Altar zu führen.«

»Und wollen Sie mit Ihrer roten Lady dann unter uns leben?«

»Ich glaube nicht, Exzellenz. Ich weiß sehr wohl, daß, wenn auch im Kriege, namentlich im Feldlager, Unterschiede und Vorurteile der Rasse schwinden, wenn Sigh von einer so edlen Frau, wie Sie, Exzellenz, und Generalin Greese, auch fast als Ihresgleichen behandelt wird, man in Philadelphia oder New York trotz meiner Stellung sie fühlen lassen dürfte, sie gehöre nicht in das Parlour einer amerikanischen weißen Schönen. Gewährt mir der Kongreß die Entschädigung, welche meinen Diensten und Opfern entspricht, erlaubt er mir, meine Pension jenseits des Meeres zu verzehren, dann werde ich mit Sigh in einem stillen Winkel Deutschlands meinen Herd gründen.«

Martha reichte Steuben die Hand. »Ich hoffe, die befreite Republik wird von der Gleichheit und Würde aller Menschen dann einen so erhabenen und religiösen Begriff haben, daß Sie wegen Sigh nicht genötigt sind, uns zu verlassen.«

Steuben küßte der Generalin die Hand, und sie schritten gedankenvoll dahin. Sie kamen an einem nach der Straße zu offenen Hof, von Scheunen umgeben, vorüber, auf dem etwa zwei Dutzend Negermädchen, Weiber und Männer singend emsig wirtschafteten.

»Unsere Leute, Baron«, sagte Martha, als dieser stehenblieb. »Noch sind sie, wie alle Farbigen, Sklaven vor dem Gesetz. Sie wissen aber längst, daß sie nach dem Frieden freigelassen werden. Trotzdem fürchte ich nicht, daß sie dann von uns gehen würden, erhielten sie auch besseres Brot. Sie ersetzen uns ja die Kinder«, fügte sie weicher hinzu.

Nun traten sie aus dem Grün. Vor ihnen auf abwärts gesenkter Bergwelle lag ein schönes, zweistöckiges Haus, das, zwischen Buketts und Rosenplätzen an der steil abfallenden Flußseite gelegen, auf den Potomak und die Chesapeakebai heruntersah. Martha deutete auf die Mündung der Bai: »Dort und im südlichen Küstenlande wird bald Ihre Tätigkeit beginnen. Denken Sie daran, daß wir drei harrenden Frauen hier stehen und Gott bitten, Ihr Schwert möge uns mit den Gatten den Frieden wiederschenken. Doch man hat uns schon gesehen.«

Sighs Jubelruf schlug an sein Ohr. »Er ist es, Clemence, mein lieber Baron!« Und aus der Pforte des Hauses eilte das Mädchen mit ausgebreiteten Armen ihm entgegen und umarmte ihn. »Nun gehe ich mit dir, nicht wahr? Ich verlasse dich nicht mehr!«

Ein Kuß auf diese schöne Stirn war Steubens erste Antwort. »Wir werden schon noch Zeit gewinnen, ruhiger darüber zu reden. Lasse mich Generalin Greene nur erst begrüßen.«

»Aber mit dir gehe ich doch?« – Damit ließ ihn die Indianerin los und trat beklommen zurück.

Steuben hatte Clemences Hand ergriffen. »Mein erster Gruß, teure Frau, muß die Bitte sein: Helfen Sie mir doch, Sigh begreiflich zu machen, daß sie in diesem Kriege unmöglich meine Gefährtin sein kann.«

»Ich soll nicht bei dir bleiben? Wo soll ich denn nach Tamenunds Tode sein, wenn nicht an deiner Seite?«

»In den Krieg, der dort geführt werden wird,« fiel Martha Washington mit sonorer Stimme ein, »darf kein Weib ihrem Manne folgen. Deswegen sind wir hier und nicht bei unseren Gatten; auch du wirst bei uns bleiben, wenn der Baron es dir befiehlt, denn jede gute Squaw folgt dem Willen ihres Mannes, wie sie dem Willen Gottes folgt.«

»Wenn Manitous Stimme aber in mir anders redet? Wenn sie spricht: ›Gehe mit ihm!‹ Oh, befiehl mir nicht, daß ich bleiben soll, Baron! Solange ich dich habe, solange meine Arme dich umfangen, meiner Stimme Ton dein Ohr noch erreicht, laß mich dich bitten, daß ich dir folgen darf. Kannst du im Krieg nicht sterben? Sterben, fern von mir, ohne meinen letzten Kuß?«

»Gewiß, liebe Sigh, kann ich sterben, gleich Tamenund, deinem Großvater. Meinst du, mir würde der Tod nicht viel schwerer, ließe ich dich als einsames Weib im Kriegsgetümmel zurück, vielleicht der Bestienroheit unserer Feinde Opfer? Nimmermehr! Ein Wort für tausend: Betrachtest du mich als deinen künftigen Gemahl?«

»Manitou hat dich mir zu eigen gegeben.«

»Gut denn! So wahr ich dein Mann bin und du mein bist, so wahr ich dir befehlen darf und du meinem Willen folgen sollst, so gewiß befehle ich dir, bleibe! Bleibe hier im Schutze dieser edlen Frauen und glaube dann, ich werde fröhlicher meine Pflicht tun!«

Sigh senkte traurig das Haupt. »Ich bleibe! Ich tue deinen Willen! Doch wenn im Kriege dir eine Stunde kommt, da es dich grämt, daß du deine Sigh nicht hast, dann frage dein Herz, wer weiser war von uns beiden. Dann rufe mich!«

Mit dieser fast feierlichen Mahnung war die Aussprache zu Ende. Man verbrachte den Tag teils bei Clemence Greene, teils bei Generalin Washington. Sighs Abschied von Steuben war herzlich, doch traurig still, sie kämpfte mit ihren Tränen. So schwer sich auch unser Held von dem Mädchen losriß, er war, als Sigh mit Clemence Greene spät abends von Vernon House endlich wegging, doch froh, daß dieser Kampf vorüber, er voll und ganz seiner Pflicht zurückgegeben war. Martha Washington, die ihn noch eine Stunde in den mondbeglänzten Garten einlud, machte ihm den Abschied noch leichter. Mit ernst-sittiger Anmut, die ihr sein ganzes Herz gewann, erklärte die Generalin: »Wir müssen Sigh durch Beschäftigung ablenken. Ganz gleich, ob sie in Amerika oder Deutschland als Baronin Steuben auftritt, sie wird ihre Stellung doch nur dann behaupten können, wenn sie sich höhere weibliche Bildung aneignet, den Gewohnheiten ihres Volkes ganz entsagt.« Steuben brach ungleich ruhigeren Herzens nach Richmond auf.

In Virginiens Hauptstadt traf er mit Nathanael Greene zusammen. Die erste Nachricht, welche ihn empfing, war die Vereinigung von Rochambeaus Korps mit Washington und daß der Norden dadurch unangreifbar geworden sei. Als Steuben dem Präsidenten des Staates Virginien, Jefferson, von Greene vorgestellt wurde, erklärte dieser, daß er unseren Helden zum Oberkommandierenden in Virginien ernenne. Eine Instruktion gebe er ihm nicht, er möge aus eigenem Ermessen tun und lassen, was die Kriegslage gebiete. Greene mußte nämlich alsbald nach den Staaten von Carolina aufbrechen, um dort das versprengte Heer Gates' zu sammeln und zu komplettieren, Steuben lag gleiche Pflicht in Virginien ob, namentlich aber, verschiedene virginische Korps, sobald sie ausgerüstet seien, Greene zu Hilfe zu senden.

Steuben befand sich gerade zur Inspektion der Truppen in Chesterfield, als die Nachricht wie ein Blitzstrahl durch die virginische Armee zuckte, Arnold sei von den Engländern als General an die Spitze eines Korps gestellt worden und schicke sich an, in Virginien einzufallen. Präsident Jefferson selbst hatte sie von Richmond gebracht und erschien wie ein Verzweifelter im Lager. Die Bildung einer größeren Kontinentalarmee gedienter Liniensoldaten war nicht mehr möglich, mit einheimischen Milizen mußte Steuben also den ungleichen Kampf gegen Arnold wagen, und: »Milizen,« so hatte noch unlängst Nathanael Greene geschrieben, »von ihnen, guter Gott, erlöse uns!« – Es gibt Augenblicke, wo nicht nur die schlechteste Waffe besser ist als gar keine, sondern wo eine schlechte Waffe in verzweifelter und todesmutiger Hand Wunder verrichtet. Die Truppen, besonders aber die Virginia-Milizen, schäumten vor Wut. Wohl hatten sie den Rotröcken oft den Rücken gekehrt, aber Arnold, dem Verräter, der mordbrennerisch ihren heimischen Fluren nahte, vor dem nicht Weib noch Säugling sicher war, dem schworen sie zu stehen, selbst ohne Waffen. »Mit Zähnen und Nägeln wollen wir den Hund anfallen!« wetterten sie Steuben entgegen. – Bei dieser merkwürdigen Inspektion fiel Steuben ein wettergebräunter Sergeant auf, der seine Kompanie an Stelle der fehlenden Offiziere ganz vortrefflich eingeübt hatte. – Steuben rief ihn heran.

»Sergeant, wie heißt du?«

»Ich, General? – Oh, o Gott, ich?«

»Wie du dich nennst, will ich wissen. Heraus damit!«

Der Mann senkte schamerfüllt sein Gesicht. »Ach, mein General, ich – ich heiße Lawrence Arnold.«

Alle blickten finster auf den Unglücklichen und Steubens strenges Gesicht.

»Arnold?« donnerte dieser, sogleich den seltsamen Umstand aufgreifend. »Welcher brave Patriot kann noch den Namen Arnold tragen, seitdem dieses Scheusal ihn in sich gebrandmarkt hat? Lawrence, du bist ein zu guter Soldat, ein zu redlicher Kerl, um ferner so zu heißen. Taufe dich um. Hier vor der Front deiner Kameraden lege diesen entehrten Namen ab! Wie willst du heißen?«

»Ich will heißen wie Sie, General, the Baron.«

Steuben zog bewegt den Degen und hielt ihm den Kreuzgriff desselben hin. »Bei diesem Zeichen unserer Erlösung, das uns allein zum Kampfe folgt, schwöre deinen alten Namen ab und schwöre, fortan zu leben und zu sterben als Lawrence Baron!«

Unter tiefster Stille schwor der Sergeant die Annahme von Steubens Soldatennamen.

»Und nun, Kamerad,« rief der General leuchtenden Auges, »ernenne ich Sie, Lawrence Baron, zum Leutnant und Kommandeur Ihrer Kompanie. Es lebe die Ehre und die Freiheit!«

Der Jubel der Soldaten erstickte des Generals Stimme, rings lohte die Flamme der Begeisterung. Ein Sonnenblick war's durch unendliche Nacht, ein Sonnenblick aber, der anhielt, eine Begeisterung und Energie, die sich verstärkte und ausbreitete, und welche gezeitigt und erhöht wurde durch die Niedertracht des Gegners. Die Baronstaufe von Chesterfield ging durch das ganze Heer von Mund zu Mund, und viele Soldaten, als ob dieser Name ein Talisman wäre, vertauschten den ihren mit Baron. »Wahrhaftig,« rief Steuben, als er dies hörte, »so habe ich mehr Kinder als je ein verheirateter Mann!« –

Im Januar 178l erfolgte Benedikt Arnolds Einfall; die Union befand sich gerade auf der Höhe ihres finanziellen Mißgeschicks. Da half endlich Frankreich mit sechzehn Millionen Livres und großen Waffensendungen. Washington konnte sich wieder regen, der Armee flossen neue Lebensquellen zu. Wenn das Schach ein Kriegsspiel ist, bei welchem kluge Berechnung, nicht aber Übermacht entscheidet, dann wurde unter Steubens Leitung der Krieg in Virginien zu einem Schachspiel eigentlichster Art. Am 21. Januar erschien Arnolds Korps mit vierunddreißig Schiffen, um den Appomattox hinauf nach Petersburg zu segeln. Er landete bei Jamestown, stürmte um Mitternacht die Batterien von Hoods und nahm dann Westower, raubend und sengend, weg; sein Ziel war die Hauptstadt Richmond. Steuben hatte bereits alle dortigen Militärmagazine nach Westham gebracht und stellte dort seine aus Petersburg gezogenen Truppen auf. Dasselbe tat der amerikanische Oberst Davis, nachdem er alle Vorräte aus Chesterfield weggebracht hatte.

Arnold marschierte nach Richmond und brannte es total nieder. Den Vandalismus, den er dort sowohl an Tories wie Republikanern übte, trieb arm und reich, Farmer und Handwerker, Kaufleute, kurz, was nur eine Jagdflinte besaß, den Truppen Steubens zu. Sein Extrem wurde Arnold verderblich, kam aber Steuben zugute. Als in Richmond nichts mehr zu vernichten war, ging Arnold nach Westower zurück. Steuben marschierte nach Marwick, die dortigen Vorräte zu decken, und als Arnold Westower erreichte, erschien Steuben schon in Petersburg. Dort brachte er die Regierungsmagazine mit General Smallwoods Hilfe in Sicherheit, und als die englische Flotte den Fluß aufwärts dort passieren wollte, zwang eine formidable Kanonade dieselbe, den Appomattox gänzlich zu räumen. Am 19. Januar marschierte Arnold plötzlich nach Petersburg und setzte sich dort fest.

Er hatte nämlich, von Steubens Bewegung beirrt, geglaubt, für denselben sei Petersburg der Stützpunkt. Steuben hatte ihn aber nur dorthin gelockt und schloß ihn mit seinen von allen Seiten anmarschierten Korps ein, die sich durch Zuzug verdoppelt hatten. Der Krieg, wie Washington gewollt, war nicht nur nach Virginien verlegt worden, er war nun zwischen Appomattox-, James- und York-River auf einem klar sichtbaren Operationsrayon verdichtet. Washington meldete Steuben, der französische Admiral werde von der Seeseite gegen Arnold operieren und im März in der Chesapeake-Bai sein, ferner werde er 1200 Mann Linie unter Lafayette senden, dem der Kongreß den Oberbefehl in Virginien übergeben habe.

Steuben wurde also Lafayettes Untergebener! Was er dabei empfinden mochte, ist leicht zu erraten, aber er schwieg. Lafayette hatte durch seinen Einfluß ja eben die Millionenanleihe, die neue Flotte und die Verstärkung, welche sicher erwartet wurden, veranlaßt, dafür mußten dessen Adelskoterie, der Hof von Versailles und Frankreich auch des Marquis Ruhm in tönenden Berichten lesen können. Folglich kommandierte er in Virginien, wo sich alles ja so brillant anließ. Statt der französischen Flotte erschien am 20. März aber die britische unter Admiral Arbutnoth, welcher eben des Franzosen Destoues Geschwader auf den Höhen von Virginia Cap so zugedeckt hatte, daß es nach Newport umkehren mußte; General Arnold wurde entsetzt. Lafayette kehrte in der selbstsüchtigen Erwägung, daß hier nichts mehr für ihn zu holen sei, alsbald ins Hauptquartier zu Washington zurück.

Für jeden anderen wie Steuben wäre dies Mißgeschick entmutigend gewesen, aber in seiner Seele wohnten lichtere Gewalten. Zwar war Arnold frei, aber für die Amerikaner stand die Sache darum nicht schlechter als vor der Zernierung von Petersburg. Obwohl Cornwallis in Carolina Greene zweimal geschlagen hatte, konnte er sich gegen diesen zähen General ohne Zuzug und Lebensmittel nicht halten. Er beschloß deshalb, sich zu Virginien mit den Generalen Arnold und Phillips zu vereinigen und mit Clinton in New York in Verbindung zu treten. Worauf Washington so lange gerechnet hatte, nämlich Cornwallis auch nach Virginien gelockt und dort den Kampf sich ballen zu sehen, geschah, vorerst auf Steubens Kosten. Damit Greene im Süden nicht abgeschnitten werde, sandte ihm der Obergeneral Lafayette mit einem Korps leichte Infanterie zu. Die Infanterie nahm Greene an, Lafayette aber schickte er zu Steuben mit der Weisung, in Virginien den Oberbefehl zu übernehmen. Dies meldete Greene Steuben in einem vorausgesandten Briefe mit der kurzen Motivierung: »Lassen Sie ihn nur seine Narrheiten treiben. Er beschäftigt eben Cornwallis und Clinton, sei es auch so zwecklos, wie es wolle. Inzwischen kommt hoffentlich der große Schlag. Bergen Sie nur möglichst die Vorräte.«

Dieselben waren bereits vereinigt und nach Point of Fork ins Gebirgsland gerettet worden, indessen General Mühlenberg sowohl Arnold wie Phillips festgehalten hatte. Jetzt brach ersterer am 19. April von Broadwater nach Cabin Point auf. Einen Tag später rückten die Engländer nach Jamestown vor, indes die englische Flotte bei Sandy Point landete. Nun marschierte Steuben mit Kavallerie und leichter Infanterie am 22. April nach Petersburg, sein Ziel war, die Korps Arnolds und Phillips' von der Vereinigung mit Cornwallis abzudrängen. Wirklich, beide Korps marschierten auch nach City Points Plünderung wieder gegen Petersburg. Nur 1000 Mann stark, ließ Steuben jetzt Mühlenberg die Stadt Blandford als Verteidigungspunkt wählen und bestimmte die Brücke von Pocahontas zum Rückzug. Am 25. April kam der Feind in Sicht, aber erst 3 Uhr nachmittags begann das Feuer.

Neben Steuben hielt Präsident Jefferson zu Pferde. Die Milizen standen wie Sturmböcke gegen den Feind. Das Artillerie- und Infanteriefeuer dauerte zwei Stunden. Erst als seine Leute alle Munition verschossen hatten, befahl Steuben lächelnd den Rückzug, der in musterhafter Ordnung über den Pocahontas ging, dessen Brücke man abwarf. Zum ersten Male hatten Milizen in waldloser Ebene ein Feuergefecht gegen englische Regierungstruppen bestanden. Der Feind wagte nicht, dem Korps Steuben zu folgen. Wenn die Virginier nachmals des Befreiungskrieges sich erinnerten, riefen sie einander zu: »Denkt des Barons und an den Tag von Pocahontas!«

Mehr als geschehen war, konnte nicht geschehen, der Feind war vom Süden abgelockt und dann respektabel bedient worden. Daß Phillips jetzt nach Richmond marschierte, die dort aus dem Innern angekommenen Handelsschiffe und großen Tabaklager zerstörte, Arnold aber zu Warwick ebenso hauste, beide Spießgesellen zu Warwick aber sich vereinten, konnte nicht verhindert werden. Vier Tage später langte Lafayette beim Heere an, mit ihm 2000 Milizen aus dem westlichen Innern Virginiens.

»Zweifellos haben Sie mich mit Sehnsucht erwartet«, rief der eitle Mann Steuben entgegen, als er bei ihm eintrat.

Steuben verbeugte sich. »Mit Sehnsucht? Nein, Marquis. Die Milizen erwartete ich mit Spannung, Sie, wie es sich gebührt, mit Ruhe.«

»Foudre, ich verstehe Sie nicht, mein Herr. Ihre Sprache ist beleidigend.«

»Die Wahrheit kann nie beleidigend sein. Ich bin ein alter Soldat und habe meinen Aberglauben. Daß derselbe sich an Ihre Person knüpft, dafür kann ich nichts.«

»Sie werden sich darüber Ihrem nunmehrigen Obergeneral erklären müssen.«

»Das bin ich Ihnen schuldig, Marquis. Es mag närrisch sein, aber es ist einmal so. Solange wir ohne Sie in Virginien operierten, gewannen wir zwar keine großen Schlachten, aber geschlagen wurden wir nicht und hielten den Feind beständig in Atem. Wenn mein Aberglaube mich jedoch nicht trügt, so fürchte ich, werden wir von Ihrem Eintreffen ab geschlagen werden.«

Lafayette legte die Hand an den Degen. »Für diese Behauptung werden Sie mir Genugtuung geben.«

»Eine Stunde nach Proklamation des Friedensschlusses gewiß, sobald Sie bis dahin nicht geschlagen wurden. Beschämen Sie mich doch! Zwingen Sie mich doch, Ihnen diese Behauptung abzubitten! Cornwallis rückte an, Arnold und Phillips werden sich mit ihm vereinen wollen. Ich habe ihnen das bisher verwehrt, habe sie bis Richmond, Warwick und Manchester herausgelockt. Werfen Sie sich doch zwischen den James- und den Appomattox-River! Nehmen Sie Petersburg! Schieben Sie sich als Keil zwischen Cornwallis und seine Untergenerale, indes ich und Mühlenberg den Arnold und Phillips festhalten.«

»Ich danke für den Rat, welchen Sie so berechnend in eine Beleidigung hüllten. Es bleibt bei der Forderung. Vorläufig indessen befehle ich, und Sie gehorchen!«

»Unzweifelhaft!«

»Ich werde nur noch schriftlich mit Ihnen verkehren!«

»Wie Sie befehlen!«

Zornig entfernte sich der gekränkte Marquis.

»Sie sehen,« lächelte Steuben achselzuckend, »daß seine törichte Eitelkeit der Feind seines Ruhmes und seine engherzige Selbstsucht der Feind seiner Eitelkeit ist.«

»Ich wette,« erwiderte Duyoncean, »er wird Ihren Rat befolgen, und Sie werden ihm unrecht getan haben, mein General.«

»Nein doch«, fiel Walker ein. »Er wird, geben Sie acht, Ihren Rat entweder gänzlich in den Wind schlagen, oder er wird aus ihm ein so eigenes Gebräu lafayettischer Genialität machen, daß gewiß die schönste Schlappe herauskommt.« –

Lafayette begann zuerst mit einer demonstrativen Entfaltung der ganzen Armee am oberen James-River. Weder Phillips noch Arnold rührten sich. Am 2. Mai ging ersterer langsam wieder stromab bis Cobham, Arnold aber blieb. Lafayette folgte Phillips mit dem Hauptkorps und ließ Mühlenberg und Steuben Arnold gegenüber zurück. Drei Tage später erhielt Phillips von Cornwallis Order, sich in Petersburg mit ihm zu vereinigen. Lautlos brach dieser in der Nacht auf und erreichte Petersburg in Eilmärschen. Lafayette war verblüfft, Phillips am anderen Tag nicht mehr vor sich zu sehen, und setzte sich nach Petersburg in Marsch. Er kam um eine Nacht zu spät und wurde mit Kartätschen empfangen. Der Marquis war wütend über diese Dupe und blieb trotzig vor der Festung stehen. Jetzt marschierte aber auch Arnold in Petersburg ein, von General Mühlenberg verfolgt. Wenige Tage später rückte Cornwallis' Hauptarmee an, zwang Lafayette, sich vor der Gefahr einer Einschließung zurückzuziehen und vereinigte sich in Petersburg mit seinen Untergeneralen. Inzwischen war von Greene an Steuben die Order gelangt, Lafayette habe, da des Cornwallis Anmarsch doch unaufhaltsam sei, Richmond zu besetzen und festzuhalten, Steuben aber mit allen diensttüchtigen Rekruten zu ihm zu stoßen, General Woyne, der mit pennsylvanischen Linientruppen unterwegs sein solle, möge Steuben unverzüglich folgen.

Es war klar, daß Greene sich anschickte, aus Carolina nordwärts nach Virginien zu marschieren, daß die projektierte Bewegung Washingtons also begann. Steuben eilte mit dieser Order zu Lafayette und überreichte sie ihm.

»Was werden Sie tun, Herr Baron?« fragte Lafayette höchst kleinlaut.

»Ich werde dem Befehl entsprechen, wie sich das von selbst versteht.«

»Halten Sie dafür, daß ich sofort nach Richmond abrücke oder am Appomattox vorläufig stehenbleibe, bis Cornwallis eine Bewegung macht?«

»Ich halte dafür, daß ich Ihnen keinen Rat zu geben habe. Sie könnten ihn ja wieder als Beleidigung auffassen, mehr als einmal totschießen im Duell aber können wir einander doch nicht. Hier ist übrigens keine andere Erwägung am Platze als die, wie dem Befehle unseres gemeinsamen Oberbefehlshabers Greene zu gehorchen ist.« –

Am selben Tag eilte Steuben nach Point of Fortan zu den Einmündungen des Rivanna und Fluvanna in den Jamesfluß, wo das Rendezvous der Rekruten stattfinden sollte. Statt 1500 Mann fand er dort nur 540 und im elendesten Zustande. Cornwallis brach indessen gegen Lafayette auf, der wirklich noch zögernd bei Wilson stehengeblieben war, um denselben mit Übermacht anzugreifen. Lafayette rief in dieser Gefahr Steuben zu Hilfe und zog sich hastig nordwärts zurück. Cornwallis folgte ihm und trieb Lafayette vor sich her bis tief ins Innere des Landes. Steuben, statt zu Greene abzurücken, mußte Lafayette notgedrungen auf seiner verzweifelten Retirade begleiten. Als er mit ihm zusammentraf, sagte er. »Herr Marquis, ich tat Ihnen Unrecht. Geschlagen wurden wir unter Ihrer Leitung nicht, aber wir müssen ohne Schwertstreich ausreißen, was mir noch nicht passiert ist.«

»Baron,« sagte Lafayette, »ich nehme das Duell zurück. Ich bin der Schuldige, und die Folgen meiner Empfindlichkeit sind meine größte Strafe.«

Steuben reichte ihm die Hand. »Lassen Sie uns darüber schweigen, Herr Marquis, und seien Sie überzeugt, daß ich Ihnen dies freimütige Geständnis hoch anrechne. Wollen Sie meinen ernstlichen Rat jetzt annehmen, so suchen Sie nordwärts durch Eilmärsche General Woyne zu erreichen, und kehren Sie mit ihm zurück. Ich bleibe bei Ihnen, solange noch ein Gefecht in Aussicht steht, dann sichere ich die Vorräte des Point of Fork. Sicher wirft Cornwallis sich alsbald auf mich, Sie werden also Gelegenheit haben, mir einen Gegendienst zu leisten.« –

Ein Treffen fand nicht mehr statt. Lafayette verstand das Ausreißen so meisterhaft, daß Cornwallis ihn nicht einzuholen vermochte. Als der Marquis ihm zwei volle Tagesmärsche voraus war, verließ Steuben den windigen Franzosen und ging seitwärts nach dem Point of Fork. In denselben Tagen, da Lafayette sich scheinbar vor ihm demütigte, sandte er aber an Washington einen renommistischen Brief, in welchem er seine Mißerfolge auf Steuben abwälzte; der Marquis war unverbesserlich.

Lord Cornwallis war Lafayette fast bis zur nördlichen Grenze Virginiens gefolgt. Als er einsah, dessen Vereinigung mit General Woyne sei nicht mehr zu hindern, kehrte er um; Steuben war sein Ziel. So teilte er also seine Streitmacht und sandte unter Tarliton 250 Mann nach Charlotteville am rechten Ufer des Nivanna, um das dort tagende Virginia-Staatenhaus aufzuheben. Dasselbe, rechtzeitig gewarnt, war fort, Tarliton sengte und raubte, dann ging er langsam am Flusse zurück. 500 Mann unter dem schlauen General Simcoe hatte Cornwallis inzwischen gegen Steuben detachiert, indes er selbst langsam mit seiner abgehetzten Hauptarmee südwärts folgte. Alle diese Bewegungen wurden von den Engländern so sorgsam verheimlicht, daß Steuben erst am 2. Juli Cornwallis' Anmarsch erfuhr.

Seine schwerste Stunde schlug! Er wußte, daß er den Stoß aushalten und sich opfern, Virginien also dem Feinde zur rückhaltlosen Beute geben oder aber daß er ihn herumzerren, aufhalten, kurz ihn beschäftigen müsse, bis Hilfe kam. Um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, verteilte er die noch am Fork befindlichen Staatsvorräte so, daß stets nur ein Teil derselben dem Feinde in die Hände fallen konnte, er selbst aber bewegungsfähig wurde. Am 3. Juli meldete er dies Lafayette. Am anderen Tage erschien Major Call von Washingtons Hauptarmee, bestätigte Cornwallis' Anmarsch, durch dessen Korps er sich mit genauer Not durchgeschlichen hatte, und brachte die Weisung: »Durch Lavieren Zeit gewinnen!« Steuben wußte, nun bereite sich Washington auf die große Entscheidung vor! Sofort ließ er alle Bagage auf die andere Flußseite bringen, vereinte sich mit General Lawson, der 250 Mann Fußmilizen und 50 Reiter herangeführt hatte, und nachdem er den Anmarsch des Feindes jenseits des Flusses gesehen, trat Steuben mit der Dämmerung den Rückzug nach Wallis Creek an. Er wich aus, weil er sich der ganzen Armee Cornwallis gegenüber glaubte und alle Nachrichten ihn getäuscht hatten.

Er beschloß jetzt, einen Versuch zu machen, sich südlich mit Greene zu vereinigen, und zeigte dies während des Nachtmarsches dem Gouverneur Nash von Nord-Carolina ebenso an wie Lafayette. Inzwischen langten die englischen Generale Simcoe und Tarliton am Point of Fork gemeinsam an und fanden Boote wie Vorräte geborgen, das Korps Steuben aber über den James-River gesetzt. Der Hauptzweck der englischen Expedition war vereitelt.

Steubens Kräfte aber waren völlig erschöpft. Als er am anderen Morgen aufstehen wollte, fand er seine Füße geschwollen. Während der vier Tage, die er auf seinem Schmerzenslager zubrachte, traf die Nachricht ein, daß, von der glücklich gelungenen Vereinigung Steubens und Lafayettes nördlich und Greenes Anmarsch vom Süden her bedroht, Lord Cornwallis Richmond geräumt und an die Küste zurückgewichen sei.

»Wir haben ihn!« rief unter Schmerzen jubelnd Steuben. »Wir haben Cornwallis zwischen den Rappahannoc und Potomac geklemmt! Dort, an welchem Flecken es auch sei, liegt Amerikas Sieg und Frieden!« –

Am 20. Juni sollte der Vormarsch der Steuben-Lafayetteschen Armee auf Richmond erfolgen. Cornwallis hatte inzwischen auch Fort Williamsburg geräumt, da Clinton ihm befohlen hatte, die Hälfte seiner Truppen zum Sukkurs nach New York zu senden. Seit langem zum ersten Male strahlten die Gesichter der zerlumpten Truppen der Sansculotten der Union. Alle Fibern spannten sich der nicht mehr fernen Entscheidung entgegen. Steuben wollte sich das erstemal wieder zu Pferde setzen. Als er, von Walker und Duponceau begleitet, aus seiner Wohnung schweren Schrittes trat und den Fuß aufhob, um ihn in den Steigbügel zu setzen, schrie er auf und taumelte zurück. Man mußte ihn halten, daß er nicht zur Erde stürzte.

»Bringt mich weg, Kameraden! Es ist aus mit mir!« –

Man trug ihn ins Haus zurück, legte ihn aufs Bett und hüllte ihn ein. Eine Menge Generäle und Offiziere erfüllten das Gemach, Lafayette erschien.

Er ergriff des stöhnenden Steuben Hand. »Um Gottes willen, was haben Sie? Was fehlt Ihnen?«

»Hahaha, Marquis, fehlen? Mir fehlt nichts, ich habe was zuviel! Nämlich die Gicht! Lassen Sie mich irgendwo an den Rand setzen und machen Sie jetzt alles so vortrefflich, wie wenn ich Ihnen als Nebenbuhler zur Seite säße und Sie ärgerte!« –

Unter tiefstem Bedauern der Armee wurde Steuben auf einem Proviantwagen nach Charlotteville in das leere Landhaus eines entflohenen Tory gebracht. Duponcean und Karl Vogel mit Bagage und Pferden begleiteten ihn. Als er in der teilweise zerstörten Villa anlangte, war sein erstes Wort, ehe er todesmatt auf sein Lager sank: »Oh, wäre sie jetzt, wäre meine Sigh doch bei mir!«

Als er eingeschlafen war, zog Vogel Duponceau beiseite. »Ich nehme sein und mein Pferd und hole sie ihm!«

»Sigh? – Um Gottes willen! Vom Potomac bis zum Rivanna?«

»Der Liebe eines Weibes und eines alten Dieners Treue, Mr. Duponceau, ist nichts zuviel. Ich bringe sie ihm! – Eher wird er uns doch nicht gesund, bis er ihr liebes Gesicht sieht. Ich kenne das – noch von Europa her, Sir!« –

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