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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 20
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
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Tamenund

Der Abend sank herab. In düstergrünem Kranze ragte der Wald und zog sich von allen Seiten über die Hügel zum Fort herunter. In breiten Fluten rauschte der Hudson, Waldfeuer brannten an den Lisieren des Gehölzes, und hin und wieder blitzten im Mondlicht die Bajonette der Soldaten. – Steuben wünschte lebhaft, zu wissen, was aus dem Engländer und dessen Begleitern, was aus seinen indianischen Freunden geworden sei. Er rief den Führer der Stabswache, Sergeant Furner, auf sein Zimmer und teilte ihm mit, daß die Stabswache ihn jetzt begleiten werde. Er habe mit seinem im Walde befindlichen indianischen Kundschafter zu sprechen und werde dessen Tochter zu sich hereinnehmen, weil das Mädchen nächtlich ab und zu Nachrichten empfangen oder den Ihrigen Befehle bringen müsse. Er gebot Furner in der Sache tiefes Schweigen, wenn ihm sein Hals lieb sei, und unterstützte sein Argument mit zehn Dollars. Furner schwor, so wahr er als Puritaner an den konvenatischen Jesus glaube, Treue und Verschwiegenheit. North und Romanai zurücklassend, damit diese einlaufende Nachrichten empfangen und nötigenfalls sofort Verfügungen treffen könnten, hing er, obwohl es warm war, ein leichtes Unwohlsein vorschützend, seinen Feldmantel um und begab sich, mit l'Enfant an der Spitze der Stabswache, durch das südliche Tor.

Hier war nichts vorgefallen. Dewalden meldete, keine Spur der Cherakis sei sichtbar geworden. Auch die Riflemen-Detachements, welche die südliche Straße gezogen seien, waren durch den Wald, den sie abgesucht hatten, resultatlos zurückgekehrt. Um Mitternacht wollten sie indes eine zweite Razzia unternehmen. Indem Steuben die Stabswache vor sich her ausschwärmen ließ, ging er mit l'Enfant von der Südseite aus westlich um das Fort herum. Sie überschritten die Brücke des Baches, dessen Ufer sie untersuchten, besichtigten die Biwaks und näherten sich auf diese Weise der Nordseite. Als sie sich gerade westlich des Forts befanden, stand l'Enfant still und deutete auf die gegenüberliegenden Werke.

»Kocht man da, oder ist das ein Signal für die Cherakis?«

»Teufel auch!«

Steuben erblickte eine schmale dunkle Rauchsäule, welche vom westlichen Walle aufstieg und sich am Nachthimmel als grauer Streif abhob. »Es ist ein Signal Arnolds. Er will den Indianern seinen veränderten Standort anzeigen!«

Sie eilten zum nächstliegenden Biwak am Waldrande.

»Habt ihr jene Rauchsäule im Fort gesehen?«

»Sie qualmt seit einer Stunde schon!« entgegnete der Unteroffizier der Riflemen.

»Schickt eine starke Patrouille westlich in den Wald, legt auch ein Pikett unter die Brücke in den Bach. Es wäre möglich, ihr finget etwas! Fünf Dollars für jede Cheraki-Rothaut, ob tot oder lebendig!«

Eben hatte Steuben das Wachtfeuer verlassen, von dem die Mannschaft aufgesprungen war, um seinen Befehlen zu folgen, als nördlich nach dem Flusse zu ein Dutzend Schüsse krachten, dann wurde auch auf Armstrongs Seite Gewehrfeuer hörbar.

»Dort also sind sie, im Norden? – Ziehen Sie die Stabswache zusammen, l'Enfant! Bringen Sie dieselbe im Laufschritt nach, ich eile voraus!« Damit beflügelte Steuben seine Schritte, von lebhafter Sorge namentlich um Sigh erfüllt.

Als er den Weg zum nördlichen Tor erreichte, sah er Riflemen und Leute vom Detachement Robeson teils mit den Gewehren in der Hand lauernd am Ufer, den Blick nach Süden gewandt, teils in einem Kreise um irgendeinen Gegenstand in ihrer Mitte stehen.

»Was hat es gegeben?« rief Steuben, auf die letzteren zueilend.

Der Kreis löste sich, Robeson eilte zu ihm heran: »Die Cherakis, General, sie kamen – zwei Mann, in einem Kanu von Norden den Fluß herab. Hier ist Tamenund mit den Seinen.«

»Zwei Indianer nur? Es sind aber ihrer vier, Leutnant, und ein verkappter Engländer. Der Engländer mit den beiden anderen Cherakis muß nordwärts im Walde nahe dem Flusse versteckt sein, suchen Sie mit fünfzig Leuten eine halbe Stunde talauf das ganze Terrain ab!«

Damit trat Steuben zu seinen indianischen Freunden.

Die Gruppe, welche sie bildeten, war sonderbar genug. Tamenund kniete und hatte die zusammengesunkene Sigh im Arme. Yokomen stand vor ihm.

»Ist dem Mädchen etwas geschehen?«

»Geschehen? O Baron, Kugel geschehen! Falsche Cherakikugel in Sighs Hals!«

»Um Gottes willen! Ist sie gefährlich verwundet?« »Großer Geist ist guter Geist, läßt es nicht geschehen. Aber sehr viel Blut verloren. Arme Sigh schwach, kann nicht gehen.«

»Das soll sie auch nicht. Schnell, l'Enfant, heran mit der Stabswache!« rief er den Herbeieilenden zu.

Im Augenblick umgab die Wache Steuben und die Indianer.

»Willst du und Yokomen mit hinein ins Fort, wenn ich Sigh zu mir bringen lasse?«

»Nein«, entgegnete der Alte. »Tamenund und Yokomen im Walde die Cherakis suchen und den Inglish-Inschun! Sigh wird sagen, was geschehen ist, wenn sie geschlafen hat. Schlaf ist Gesundheit!«

»Unteroffizier Furner, machen Sie aus zwei Gewehren mittels Schnupftüchern und meinem Mantel eine Tragbahre, wir legen die Ärmste hinein. Rasch aber dann ins Fort zurück!« Er warf ihm seinen Mantel zu.

Während die Mannschaften in wenigen Minuten auf die angegebene Weise eine Trage konstruierten, kniete Steuben nieder, nahm Sigh aus Tamenunds Umarmung und lehnte sie an sich. Er faßte ihren Puls. Sie fieberte, dabei schien sie unendlich schwach. Als die Trage bemannt war, hob Steuben die Leidende sanft auf und legte sie auf seinen Mantel, befahl, daß die Stabswache dieselbe dicht umgebe, deckte Sigh mit der indianischen Decke, die ihr entfallen war, so zu, daß ihr Gesicht nur frei blieb, und der Zug setzte sich in Bewegung.

»Morgen abend um dieselbe Stunde bin ich oder Yokomen hier«, sagte Tamenund, Steuben die Hand reichend, dann schritten Vater und Sohn dem Walde zu. – Als der Baron sein Quartier erreicht hatte, ließ er Sigh in sein Schlafzimmer bringen, legte sie mit Vogels Hilfe auf sein Bett, befahl letzterem, alle Vorbereitungen zum Untersuchen wie Verbinden der Wunde zu treffen, und eilte zu seinen Adjutanten ins Vorzimmer.

»Sind Berichte über das Schießen eingegangen?«

»Von verschiedenen Seiten, sowohl von Robeson, Dewalden, Knox und Armstrong. Alle stimmen darin überein, daß ein Kanu mit zwei Indianern hart am diesseitigen Ufer stromab vom Norden gekommen sei, unfehlbar in der Absicht, sich der Feste zu nahen«, sagte Romanai.

»Vielleicht um zu untersuchen, ob die Wasserpforte geöffnet ist?« warf Steuben ein.

»Sie wurden von Robesons Leuten zuerst bemerkt, welche Feuer auf das Boot gaben. Oberst Armstrongs Posten beschossen es ebenfalls. Es stieß aber sofort von der Wasserpforte ab, gewann die Mitte des Flusses und ließ sich, außer Schußweite, stromabwärts treiben.«

»Für heute nacht werden die Schurken keinen Versuch mehr wagen. Setzen Sie gemeinsam ein Protokoll für Washington über alle Vorgänge auf, welche wir seit unserem Abmarsch aus Morristown bis jetzt beobachteten, morgen vervollständigen wir es. Sie aber, teuerster de l'Enfant, begeben sich zu Arnold. Ich lasse den General fragen, ob der Rauch von seinen Schanzen etwa ein Signal vorstellen sollte und für wen? Geben Sie ihm mein Ehrenwort, daß ich demjenigen den Prozeß mache und ihn nötigenfalls hänge, welcher veranlassen oder dulden wird, daß auf dem Walle Biwakfeuer brennen oder Rauch erzeugt wird! Gute Nacht, Freunde. Für den Anfang hätten wir der kriegerischen Abenteuer genug.«

Der Baron eilte an das Lager des Mädchens. Leises Stöhnen zeigte, daß sie Schmerzen empfand. Vogel hatte Feuer unter dem Teekessel gemacht, des Generals Arzneikasten und Verbandzeug bereitgestellt.

Steuben beugte sich zu ihr nieder.

»Hast du großen Schmerz, liebe Sigh?«

»Nein,« hauchte sie, »du bist ja bei mir!«

»Halte dich recht ruhig, Kind. Ich werde die Wunde untersuchen und verbinden.«

Mittels warmen Wassers gelang es Steuben und Vogel, das von Blut starrende Kalikohemd von Sighs Schultern loszulösen und abzustreifen. Eine Mutter hätte mit ihrem wunden Kinde nicht liebevoller umgehen können als der Baron mit dem Oneidamädchen. Als er die Wunde an ihrem Halse erblickte, erschrak und erstaunte er zugleich. Einen Zoll tiefer, und die Kugel wäre durch Sighs linke Brust in ihr Herz gedrungen! – Die Wunde, durch einen Streifschuß erzeugt, lief unterhalb der Halsgrube bis zur linken Brust, an der sie plötzlich spitz verlief. Gerade war dieser Schuß nicht gefallen, er mußte von oben oder unten auf sie abgegeben worden sein. Gott wußte wie – es war unerklärlich. Bei der Grübelei hierüber versäumte Steuben seine nächste Pflicht indessen nicht. Er wusch die Wunde, stillte das aus ihr noch leise rinnende Blut und bedeckte sie mit einer kühlenden Kompresse.

»Geh hinab und braue am Wachtstubenfenster den Tee, Karl, ich komme jetzt schon allein mit ihr zurecht. Schärfe den Leuten ein, daß sie über des Mädchens Anwesenheit schweigen.«

Abgesehen davon, daß er dies zu befehlen für nötig hielt, sich auch wirklich von der Reise und der großen, sofort entfalteten Tätigkeit erschöpft fühlte, wollte er auch mit Sigh einige Worte des Wiedersehens wechseln. Als Karl hinausgegangen war und Steuben sie bewegt auf die Stirn küßte, lächelte Sigh.

»Mein armes Lieb,« flüsterte er, »weshalb mußte dir das zustoßen? Wärst du doch bei Clemence Greene geblieben!«

»Nicht dort! Bei dir lieber tot sein als woanders ohne dich! – Mach mir die Hände frei, es ist so heiß!«

»Du hast eben Fieber, Schatz.« Dabei hob er aber sanft ihre Arme empor und legte sie auf die Decke.

»Ich möchte dich umarmen – küssen! Ich möchte vor dir knien! Du bist mir Vater, Mutter, du bist mein Mann – mein Manitou, den ich sehen kann!« –

»Willst du stilliegen, kleine rote Lady, so will ich dir alles zuliebe tun.« –

Er legte ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihr Augen und Mund. –

»Willst du meine Squaw werden, dann gehe nicht mehr auf den Kriegspfad!«

Er fühlte, wie sie seines Kuß erwiderte, und wie ihre Hände ihn an sich preßten.

Er legte nun den von Vogel bereit gehaltenen Verband an.

»Weißt du auch, Mädchen, daß nicht viel fehlte, so hätte der Elende dich durch die Brust geschossen, in der dein Herz schlägt, das Herz, das mir gehört? Dann hätte ich nichts – nichts gehabt als eine – zweite heilige Tote!«

Da klang's wie ein leises Freudejauchzen von Sighs Lippen.

»Ich gehe nicht mehr auf des Kriegspfad, und deine rote Lady, Baron, werde ich doch.«

»Gesund werden mußt du nur erst! Nimm den Fiebertrank, dann schlafe. Schlaf, sagt der Großvater, ist Gesundheit!«

Sie schwieg, nahm den Trank und schloß lächelnd die Augen. Nach einer Weile entschlummerte sie. Vogel brachte den Tee und verschwand. Steuben nahm sein frugales Abendbrot ein, indessen die Bilder des Tages an ihm nochmals vorüberzogen. Endlich vertauschte er die Inspektoratsuniform mit einem alten Interimsrock, legte seinen Mantel neben Sighs Bett auf die Diele und entschlief. – –

Am anderen Morgen war er früh auf. Bei den Adjutanten war nichts während der Nacht eingelaufen. Die Geschäfte wurden für den Tag geordnet, die nötigen Befehle erteilt, dann widmete er sich Sigh. Sie hatte sehr gesund geschlafen, das Fieber hatte nachgelassen, die Entzündung der Wunde war nur noch unbedeutend; er erneuerte den Verband. Sigh war jetzt auch kräftig genug, ihm – obwohl in Pausen – den ganzen Hergang zu erzählen. Der verkappte Engländer und die vier Cheraki hatten es nämlich gar nicht darauf abgesehen gehabt, durch die Tore in das Fort zu kommen. Sie hatten vom Bache aus Westpoint umgangen. Nördlich des Platzes hatten sie sich dann getrennt, indem zwei von ihnen direkt an den Fluß geeilt waren, der Engländer mit einem Indianer nördlich durch den Wald weitergegangen war, indes der vierte Indianer umkehrte, als wolle er zum Fort. Diese dreifache Bewegung des Gegners zwang Yokomen, Tamenund und Sigh, sich gleichfalls zu teilen. Sigh sollte dem Zurückgehenden folgen, der unzweifelhaft in die Hände der Streifparteien hätte fallen müssen. Tamenund suchte dem Engländer und dessen Begleiter zu folgen, während Yokomen den beiden anderen nachschlich, um zu sehen, was sie am Flusse trieben. Hatte Sigh trotz aller Gewandtheit die Spur ihres Cheraki verfehlt, oder hatte derselbe alsbald ein Versteck gefunden, sie wußte es nicht. Er war am Eingange des Waldes, wie der Abdruck seiner Sohlen bewies, sehr viel herumgelaufen, als ob er dort etwas suche, dann war er plötzlich verschwunden, als sei er in den Boden versunken. Sigh, die alle Hoffnung aufgab, ihn zu erspähen, war in die Tiefe des Waldes wieder bis zu dem Punkte zurückgekehrt, wo sie sich von den Ihrigen getrennt hatte, und war den Spuren ihres Großvaters gefolgt. So schlau auch Tamenund war, den Engländer, auf den er es abgesehen hatte, erreichte er nicht. Derselbe schien sich von den Cherakis getrennt zu haben. An einem Bache, der fast eine Stunde nördlich des Forts in den Hudson strömte, war der Prophet aber auf dessen Begleiter gestoßen, der wahrscheinlich zurückgeblieben war, den Weg des Engländers zu decken. Mit der List, die Tamenund bei solchen Gelegenheiten selbst vor den Kriegern seines Stammes voraus hatte, und in Erwägung, daß er durch einen Schuß nicht die Aufmerksamkeit der übrigen Cherakis wecken dürfe, hatte er seine Büchse in einen hohlen Baum versteckt und war dann an den Gegner herangeschlichen. Ein Pfeil hatte dem Cheraki ein Ende gemacht. Nachdem der Prophet die Leiche in den Bach geworfen und vergebens die Spur des Engländers gesucht hatte, war er zurückgekehrt, zufrieden, die Genossen des Inglish-Inschun um einen Mann verringert zu haben. Großvater und Enkelin trafen darauf zusammen und suchten nun Yokomen auf. Dieser lag unfern des Hudson auf der Lauer und zeigte ihnen durch eine Lichtung ein Kanu, das unter dem Ufergebüsch versteckt war. Bei ihm schliefen scheinbar die anderen Cherakis. Es wäre ganz leicht gewesen, sie zu beschleichen und zu töten, da es jetzt aber darauf ankam, daß ihre Verräterei entdeckt werde, so mußte ihnen nun auch die Gelegenheit gegeben werden, eine solche zu begehen. Unsere drei indianischen Freunde blieben also den ganzen Tag auf dem Anstande, sahen am Abend beide Cherakis das Kanu besteigen und das Ufer entlang vorsichtig fußweise nur hinabgleiten. Indem Yokomen ihnen direkt in der Nähe des Ufers folgte, ging Tamenund mit Sigh voraus, um die Patrouillen auf die Ankunft der Indianer vorzubereiten. Ehe sie dies jedoch bewerkstelligen konnten, waren die Cherakis von den Truppen schon gesehen worden und erhielten gerade Feuer, als Tamenund und Sigh aus dem Walde treten wollten. In diesem Augenblick empfing das Mädchen von oben herab den Schuß und brach zusammen. Der Cheraki, welchem sie nachgeschlichen war, hatte sich nämlich bereits völlig darüber belehrt, daß Delawaren-Indianer auf seinem und seiner Gefährten Wege seien, und sich auf einen Baum geflüchtet, unter welchen Sigh unglücklicherweise gerade forteilte. Er hatte herabgefeuert, und nur der Zufall wollte, daß sie nicht durch den Kopf oder die Brust tödlich getroffen worden war. –

Die Voraussetzung, daß es sich für den englischen Offizier allein um die Wasserpforte handle, war jetzt erwiesen. Sie mußte also Steubens besonderes Augenmerk werden. Er beschäftigte im Laufe des Tages alle Truppen durch Exerzitien, denen er auf den verschiedenen Punkten beiwohnte. Bei dieser Gelegenheit kam er absichtlich in die Richtung, in der die Pforte im Mauerwerk liegen mußte. Es war ein etwas abseits gelegener Platz mit leeren Vorratsschuppen. Hinter ihnen, verdeckt durch Gebüsch, fand er die innere Tür der Pforte. Er öffnete sie mit dem Schlüssel geräuschlos und trat hinaus ans Wasser. Dort war Gestrüpp, hängende Weiden und Schilf, sonst nichts Auffälliges. Daß mehrere Menschen hier hätten unbemerkt ab und zu gehen und verkehren können, dazu schien kein Raum! Steuben verschloß die Tür wieder und gab sich seinen übrigen Tagesgeschäften hin, traf auch umfassende Vorkehrungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging. Nichts geschah. Am Abend hatte Tamenund nur dem Baron berichtet, was dieser schon durch die Verwundete wußte, aber hinzugesetzt, so bald würden die Indianer nun nicht wiederkommen, erschienen sie aber, dann gewiß abermals von Norden.

»Wieso ist das möglich?« fragte Steuben.

»Haben das Kanu hinabtreiben lassen weit, dann ans andere Ufer gegangen! Ziehen das Kanu ans Land, tragen drüben wieder Kanu nach Norden weit durch den Wald, dann setzen oben Cherakis über, dahin wo Kanu gestern gelegen hat. Machen es so oft, bis sie zu dem Manne kommen mit den finsteren Augenbrauen.«

Steuben erzählte ihm von der Wasserpforte.

»Ah, Pforte gut für Indianer! Ich und Yokomen jetzt in Pforte schlafen alle Nacht. Indianer denken, wir weggegangen! Indianer kommen und bringen Inglish-Inschun, und er reden mit dem Augenbrauenmann in der Pforte. Da aber Tamenund und Yokomen den Inglish-Inschun, Cherakis und Yankee-Inschun Arnold ertappen!«

»Der Plan ist gut. Ich werde auf der inneren Seite ein Pikett Soldaten bereit halten, welches Arnold den Rückzug abschneidet!«

*

Von diesem Plan wußten außer Steuben nur Armstrong, Yokomen, Tamenund und der Unteroffizier Furner, welcher mit zehn Mann der Stabswache still in einer Nacht nach einem der leeren Schuppen bei der Pforte aufgebrochen war und dort einen permanenten Beobachtungsposten eingerichtet hatte. Arnold und der Engländer mußten in die Falle gehen. Aber sie gingen nicht. Arnold rührte sich nicht, er verließ seine Schanzen nicht einen Augenblick. Keine Cherakis, keine Engländer waren während vieler Wochen zu sehen, sie waren noch schlauere Füchse als Steuben und Tamenund. Inzwischen genas Sigh; eine kleine Narbe nur blieb am Halse, die wie ein leichter feuriger Strahl nach dem goldenen Kreuze auslief. Diese Narbe war Sighs ganzer Stolz, denn der Baron liebte sie. Er konnte des teuren Mädchens Wunde sie ansehen, ohne daß er ihre Hand an seine Lippen preßte. –

Über sechs Wochen verstrichen. Bei den Forts, in oder außer der Festung hatte sich nichts begeben. Exerzitien, Schanzarbeiten, mühevolles Aufbringen von Waffen, Munition und Proviant, Empfang und Absendung von Depeschen wie Berichte füllten Steubens Zeit aus. Wenn Sigh nur immer hörte, was Tamenund und Yokomen machten, so war sie beruhigt. Zu Westpoint, zu Morristown, überall litt die Unionsarmee Not. Die Franzosen kamen nicht, weder mit Geld, Waffenlieferungen noch mit Soldaten. Man hatte Lafayette deshalb nach Frankreich gesandt, und indem man ihm erlaubte, als Theatertribun à la Racine zu triumphieren, hoffte man, die Allianz aus dem Stadium der bloßen Phrasen herauszubringen. »Die Unionsarmee in ihrer Operationen«, so schrieb Greene Steuben aus dem Hauptquartier, »gleicht einem Kaufmann, der, zu ohnmächtig, große Geschäfte zu machen, auch kleinere aus der Besorgnis nicht mehr wagt, das Wenige zu verlieren, was er errungen hat!«

Selbstverständlich wußte Washington, wie sehr sich sein und Steubens Verdacht gegen Arnold bestätigte. Um den Riegel am Hudson für Clinton zu verstärken, eine Wegnahme Westpoints völlig unmöglich zu machen, hatte Steuben von Washington Befehl erhalten, aus der in Westpoint, Fishhill und der umliegenden zweiten, sehr starken Division neun Bataillone Riflemen auszuheben, von denen vier Bataillone unter General Howe südlich an den Hudson vorgeschoben werden sollten, fünf Bataillone aber direkt zu Washingtons Hauptarmee zu stoßen hätten. Clinton hatte inzwischen Springsfield niedergebrannt und schien jetzt im Nordosten gegen Connecticut und Massachusetts operieren zu wollen.

Nachdem Howe vier Riflemen-Bataillone gebildet hatte, marschierte derselbe ab, und Steuben war, laut Washingtons Order, an seine Stelle gerückt. Die gesamten, auf dem Territorium des nördlichen New England stehenden Unionstruppen ballten sich jetzt um des Hudson zusammen, welcher das entscheidende Objekt zu werden schien, an welches der Sieg oder Untergang der Unabhängigkeit Amerikas geknüpft werden sollte.

Um Mitte August, es hatte sich seit Howes Abmarsch zu Westpoint nichts geändert, erschien in dem Fort ein von Washington expreß gesandter Offizier, welcher Steuben eine Depesche überbrachte. Dieselbe erhielt die höchst erfreuliche Nachricht, daß der französische General Rochambeau mit einem Korps auf Rhode Island gelandet wäre und dessen Vereinigung mit der Hauptarmee nur noch eine Frage der Zeit sei. Washington sei jetzt im Begriff, über den Hudson zu setzen und an dem rechten, westlichen Ufer desselben bei Tappan sein Hauptquartier zu beziehen. Da Westpoint hierdurch von zwei Seiten völlig gedeckt und den Engländern unzugänglich wäre, Rochambeau Clinton jetzt im Schach halte, so möge Steuben den Befehl über das Fort an General Arnold übergeben und mit seinen Offizieren zu Washington zurückkehren, bei dem er die Geschäfte des Stabschefs übernehmen solle, zumal man noch im Herbste wichtigen kriegerischen Entscheidungen entgegensähe. Dieser Order war folgendes geheime Billet beigelegt:

»Ich verkenne nicht, lieber Baron, daß es als Akt des Leichtsinns erscheint, General Arnold Fort Westpoint anzuvertrauen, aber Verrat zu üben vermag er faktisch nicht. Wollte er in Person mit Hilfe besagten Engländers und der Cheraki zu Clinton desertieren, so bliebe ihm hierzu jetzt nur noch der Hudson selbst frei, welcher von Howe bei Nacht und Tag aber so unter Augen gehalten wird, daß kein Schiff herauf oder herab kann. Er ist in Westpoint also sein eigener Gefangener. Kommen Sie ungesäumt. Für den Fall eines dennoch projektierten Verrats ist Major Armstrong durch diesen Brief, den Sie ihm zur Legitimation einhändigen werden, an Arnolds Stelle zum Kommandanten von Westpoint und aller dortigen Truppen ernannt. Ich denke, Mr. Arnold wird es soweit denn doch nicht kommen lassen!«

Wie einfach auch diese Argumente des Oberbefehlshabers klangen, und so sehr Steuben auch wünschen mochte, endlich im offenen Felde zu irgendeiner entscheidenden Tätigkeit zu kommen, er empfand doch geradezu Widerwillen, eine ganz unerklärliche Bangigkeit, Washingtons Order zu befolgen. Traute er Arnold wirklich noch zu, er könne Westpoint unter solchen Umständen dem Feinde in die Hände spielen? Gewiß nicht, denn es war unmöglich. Hielt er den energischen und erfahrenen Armstrong nicht für fähig, Arnold bei dem leisesten Versuche einer Verräterei sofort zu ertappen und unschädlich zu machen? Ganz sicher, denn Steuben traute Armstrong wie sich selbst. Aber Tamenund und Yokomen zurückzulassen, kam ihm sehr hart an. Wochenlang hatten Vater und Sohn im Freien der Pflicht obgelegen, den Cheraki und dem Engländer aufzulauern. Wenn Arnold mit dem Oberbefehl aber nun die Macht erhielt, mit seinen Helfershelfern draußen zu verkehren, und er von Tamenunds Anwesenheit erfuhr, dann konnte der Greis samt seinem Sohne leicht das Opfer einer Rache werden, welche ihnen den Tod der Squint Snake blutig heimzahlte.

Arnold, obwohl jetzt der Älteste der zum selbständigen Kommando eines besonderen Korps berechtigten Generale, war seit jener Affäre von Washington stets zurückgesetzt, stets jüngeren Generalen unterstellt worden. Es war zu erwarten, daß diese Schmach in der unbändigen, stolzen und heimtückischen Seele dieses Mannes unvergessen sei. Indessen die Order mußte befolgt werden. Um alle Vorbereitungen zu größerer Sicherheit erst geheim zu treffen, bevor Arnold seine Erhöhung ahnte, hatte der Baron gleich nach Empfang der Depesche, und als geschehe das infolge derselben, sofort Detachements der Riflemens nach allen Seiten ausschwärmen und den Wald rings absuchen lassen. Romanai, de l'Enfant und North, welche sich bei diesen Streitereien beteiligten, hatten den Auftrag erhalten, Tamenund und Poksmen um Mitternacht an das Südtor zu bestellen, wo zuverlässige Leute Armstrongs sie zu Steuben bringen sollten. Armstrong war um dieselbe Zeit von Steuben zu einem Gespräch geladen worden.

Den Rest des Tages brachten sie, Vogel und Duponceau, mit Packen und den Vorbereitungen zur Abreise zu. Sigh sah wohl, was geschah, und mochte sich ihr Teil denken, aber da der Baron finster war und schwieg, wagte sie keine Frage.

Vom Turme der kleinen Kirche, die auf dem Markte ihnen gegenüberlag – Sigh pflegte ihn den »stummen Finger Gottes« zu nennen –, hatte es zwölf geschlagen. Steuben war unruhiger als jemals im Leben. Gegen Viertel auf eins traten Armstrong, Tamenund, Yokomen und Steubens Adjutanten ein.

»Sie scheinen vom Hauptquartier geheime Nachricht zu haben, Baron?«

»Ich übergebe Ihnen diese Depesche und den beigefügten vertraulichen Brief. Ich habe Order, mit meinen Offizieren zum Hauptquartier zurückzukehren. Gern hätte ich Tamenund und Yokomen so gut wie Sigh mitgenommen, der Obergeneral aber wünscht, daß beide hierbleiben und Arnold beobachten, denn Arnold ist nun an meiner Stelle Oberbefehlshaber in Westpoint!«

»Er?« rief Armstrong heftig.

»Lesen Sie nur die Depesche und den Brief!« entgegnete Steuben finster und schritt gesenkten Hauptes das Gemach auf und ab, während der Major sich in die Papiere vertiefte.

Der Prophet schritt langsam zu Steuben und legte ihm die Hand auf die Achsel.

»Lebe wohl, Bruder, Tamenund und Yokomen bleiben hier!«

»So soll Sigh wirklich allein mit mir?« sagte Steuben traurig.

»Sigh geht, wohin ihr Geist sie treibt!«

»Großvater! Baron!« rief das Mädchen, zu ihnen eilend. »Tamenund jetzt nicht hier ohne seines liebsten Sohnes Tochter bleiben! Meine Hand, mein Geist sollen ihm helfen, wo allein List hilft!«

»Hier willst du bleiben, Mädchen,« rief Steuben erschrocken, »bei den Deinen bleiben, nicht bei mir?« –

Die Indianerin schlang ihre Arme um ihn. – »Sei ruhig, mit dir geht mein Herz! Meine Schritte müssen aber Tamenund und Yokomen folgen, ihr Los ist mein Los; wir werden dich doch wiedersehen!«

Steuben war außer sich. In der Furcht, im Wehe der Trennung fühlte er erst recht, wie allgewaltig er dies Mädchen liebe. Ohne die Anwesenden zu beachten, bat er sie mit allen Schmeicheltönen der Liebe, mittels aller Überredungskünste, sie wenigstens solle sich der Rache Arnolds nicht aussetzen. Doch was er auch sagte, sie schüttelte das Haupt.

»Manitou will es so! Er redet in mir. Wollte ich mit meinem Baron gehen, so wäre fortan mein Herz schwarz und nicht rein mehr, nie wieder würde Manitou in mir reden!«

Die übrigen hatten diesem Kampfe der Liebenden zugesehen, welcher Steubens ganze Leidenschaft seinen Freunden enthüllte. Als alle Gründe gegenseitig erschöpft waren, ohne daß das Mädchen zum Mitgehen zu bewegen war, sprach Tamenund:

»Mein Bruder, lasse Sigh hier. Sigh wird nichts geschehen. Sigh wird des Barons rote Lady sein und Tamenund froh und still werden!«

»Weißt du das so sicher, Prophet?« –

»Weiß es! Inglish-Inschun mit Cheraki weit hinab den Hudson; nicht mehr hier!« Er blickte seines Sohn mit starrem blitzenden Auge an. »Yokomen wird auch sagen, daß Inglish-Rotrock und Cheraki nicht hier mehr sind!«

»Nicht hier mehr!« erwiderte Yokomen langsam.

»Damit ist die größte Gefahr für unsere roten Freunde vorüber«, sagte Armstrong. »Tun Sie des edlen Mädchens Kindesliebe keine Gewalt an. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, General, eher soll Westpoint durch meine Schuld fallen, bevor ein Haar vom Haupte Sighs gekrümmt wird. Sie ist mir ein Pfand, das Ihre Freundschaft meiner Sorgfalt übertrug, und wie ein Vater sein Kind will ich die Braut meines Freundes hegen!«

»Ich danke Ihnen, lieber Armstrong, obwohl der Gedanke, sie zurückzulassen, mir furchtbar ist. Eine Bedingung nur, Sigh, erfülle, eine Bitte! Du verläßt dies Zimmer erst an dem Tage, an dem du unter sicherer Bedeckung zu mir zurückkehrst! Sie, l'Enfant, bleiben bei ihr unter der Form eines Kommandos zur Inspektion der Riflemen. Tamenund, Yokomen, nehme euch Gott in seinen Schutz! Laßt euch nur nie in der Festung blicken!« –

Man ging auf alle Wünsche Steubens ein. Die Indianer nahmen mit einer gewissen Feierlichkeit von ihm Abschied, dann legte Tamenund seine Rechte auf Sighs Haupt, sie die ihre auf seine Brust. Darauf – das erstemal, daß Steuben eine solche Herzlichkeit an dem Greise bemerkte, küßte derselbe seine Enkelin und schritt mit dem Sohne hinaus. Armstrong folgte beiden und brachte mit einer Eskorte der Stabswache in Person die Indianer zum Südtor. Ehe sie dasselbe jedoch erreichten, ergriff Tamenund Armstrongs Hand. »Schweigen! Was ich jetzt sage, soll Baron nicht wissen, sonst großes Unglück!«

»Dann werde ich schweigen. Was ist es?«

»Tamenund und Yokomen vorhin Unwahrheit gesprochen! Inglish-Rotrock und Cherakis noch da, der Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen hat sie zweimal am Wasser gesprochen!«

»An der Wasserpforte?«

»Und ich habe gehört, was sie gesagt. Arnold hat noch einen Schlüssel zu der Pforte! Arnold hat gesagt, er kann nicht Festung übergeben, will nun fliehen, sobald er kann, mit Inglish-Inschun! Tamenund, du, Major, und Yokomen werden sie fassen. Gute Nacht!«

Armstrong stand starr. Ihm war, als gerinne das Blut in seinen Adern. Eines war gewiß, dieses Geheimnis mußte zwischen ihm und den beiden Indianern bleiben, wenn Arnold mit dem Engländer je ertappt, dessen Verrat erwiesen werden sollte. Nur l'Enfant, beschloß er, sobald Steuben abgereist wäre, einen Wink zu geben.

Am anderen Tage beim großen Appell erschien Steuben nebst Begleitern zu Pferde, reisemäßig gerüstet. Er erklärte, daß, nachdem das Hauptquartier nach Tappan verlegt, die Überrumpelung Westpoints nicht mehr zu besorgen wäre, der Obergeneral ihn zurückberufe und von seinen Offizieren nur Kapitän de l'Enfant noch zur Einübung der Rifle-Kompanien zurückbleibe. »Laut Order«, er übergab sie ihm, »geht das Kommando nun an den General Arnold über, der die weiteren Weisungen von Tappan aus zu gewärtigen hat.« – Nicht eine Miene verzog der Schurke, obwohl über den Besitz des Oberbefehls sein Herz jubeln mußte, da er den letzten Rettungsweg für sich nun geöffnet sah. Er nahm von Steuben in bester Form Abschied. Dieser schüttelte jedem der Regimentschefs die Hand und sagte dabei nicht ohne Absicht: »Man geht bedeutsamen Ereignissen nunmehr entgegen, da General Rochambeau mit einem französischen Armeekorps gelandet ist und im Begriffe steht, sich mit General Washington zu vereinigen.« Als das Abschiednehmen beendet war, ritt Steuben mit seinem Reisegefolge durch das südliche Tor und zog die Straße hinab seinem neuen Ziele entgegen. –

Kaum hatte er den Rücken gewandt, als Arnold die Order Washingtons, welche er durchgelesen hatte, nachlässig in die Tasche steckte. »Wir wären also den preußischen Drillmeister los! Sie sind ja wohl sein Freund, Armstrong?«

»Ich rechne mir das zur Ehre an.«

»Das sind Geschmackssachen, über die ich nicht streite. Also, meine Herren, exerzieren Sie, trommeln Sie, suchen Sie Wälder ab, kurz, tun Sie, was sie wollen, und lassen Sie, was Sie nicht wollen, mir ist's egal. Bah, der Hudson ist ja so bespickt mit Truppen, daß alle drei britischen Reiche anmarschieren müßten, bevor wir uns ein graues Haar wachsen zu lassen brauchten. Weil man mir das Kommando erst anvertraute, wo es nichts mehr zu verteidigen gibt, so werde ich die Sache auch so auffassen, wie sie liegt. Für mich ist Steubens Blaues Buch gar nicht da, es ist ein Unsinn! Komme man mir doch nicht mit solchen Sachen und malträtiere unsere armen Teufel, wenn man nichts zu essen für sie hat! Laßt erst die Leute für ihre Magen sorgen, ehe ihr sie zum Dienste zwingt! Gute Mahlzeit!«

»Herr General,« erwiderte Armstrong, »meine Leute werden nach meinem Befehl ihre Schuldigkeit tun, und jeder unserer Regimentschefs Wird die seinige der Republik gegenüber wohl ebenso genau wie ich kennen!«

»Ah, gut, daß Sie mir das erwidern. Meine Pflicht kenne ich auch. Sie werden mit Ihren Truppen meine bisherige Stellung, ich aber die Ihre wieder einnehmen. Die Guckerei auf den Fluß hilft verteufelt wenig, wenn nichts während Monaten zu sehen ist als 'n einziges Kanu mit ein paar dummen Teufels von Rothäuten, die man dann wie wilde Enten schießt!«

»Zu Befehl, General!«

*

Während Steuben seines Weges zog, Sighs letzte Umarmung, letzte Träne noch im Gedächtnis, begann zu Westpoint das, was nachmals Armstrong mit dem – freilich sehr drastischen – Worte »Schweinewirtschaft« bezeichnete. In Benedikt Arnold war auch der letzte Funke von Ehrgefühl erstorben. Haß, Rache, selbstsüchtiger Ehrgeiz, zugleich aber Angst vor Entdeckung ließen ihn all seinen Witz anspannen, um diesem Käfig zu entrinnen. Er kannte sehr wohl den ganzen Umfang der Gefahren, denen er entgegenging, sowohl wenn er blieb, als auch wenn er floh; er war ferner von der Anwesenheit Tamenunds und Yokomens unterrichtet. Wenn er Sigh für erschössen hielt, wie der Indianer, der die Tat begangen, ihm mitgeteilt hatte, so geschah dies nur, weil man sie in Steubens Quartier vor den Augen der Garnison streng verborgen hielt. Floh Arnold, so war er freilich in Gefahr, getötet zu werden, aber es war doch die Möglichkeit noch vorhanden, Clintons Hauptquartier zu erreichen. Blieb er aber, so wurde über kurz oder lang der Engländer gepackt, ihm selber war der Tod des Verräters alsdann gewiß. Er mußte ein Deserteur und Vaterlandsverräter werden, denn jetzt wäre selbst seine offene Reue sein Todesurteil gewesen.

Seine heimlichen Aufpasser, Armstrong, Tamenund und Yokomen, hingegen hatten sich zu einem Plane vereinigt, der Arnold wie seine Mitschuldigen unfehlbar in die Hände der Besatzung liefern mußte.

Diesem Anschlag zufolge schlichen mit jeder anbrechenden Nacht Tamenund und Yokomen, der eine von der nördlichen, der andere von der südlichen Seite des Forts, den kaum zwei Fuß breiten, von Gebüsch und Binsen verdeckten Uferrand zwischen dem Hudson und den gemauerten Wällen entlang und trafen bei der bewußten Wasserpforte zusammen. Dort blieben sie unter hängendem Gesträuch die ganze Nacht, den Augenblick erspähend, da der Fluchtversuch stattfinden sollte. Armstrong hingegen hatte seinen Adjutanten und den ältesten Kapitän in die Angelegenheit eingeweiht, und jede Nacht waren dieselben in der Nähe der innerhalb des Forts liegenden Seite der Wasserpforte auf dem Anstande, um Arnold wie ein Wild zu erwarten. Hinter die nächsten Baulichkeiten der kleinen Stadt hatten sie einzelne Posten von Riflemen aufgestellt, denen ein Pistolenschuß das Zeichen sein sollte, sofort herbeizueilen.

Arnold, der seine Truppen in die Werke der Flußseite wieder zurückgeführt, Armstrong von derselben entfernt hatte, spähte Tag und Nacht umher, in der Überzeugung, daß man ihn und sein Vorhaben beobachte. Er vermochte aber weder Anzeichen von Tamenunds Nähe noch irgend sonst Verdächtiges zu entdecken. Schon über zwei Wochen nach Steubens Abreise hatten seine Wächter vergeblich auf eine Katastrophe gewartet. Augenscheinlich wollte sie Arnold einschläfern, ermüden. Andererseits wußten sie aber recht gut, daß jeder Tag Zögerns Arnolds Gefahr nur vergrößerte, sein Entrinnen erschwerte, seine Erregung und den Wunsch also notwendig steigern mußte, das Äußerste zu wagen. Er und der Engländer konnten nur mit Hilfe der Cheraki in einem Kanu entfliehen, das weiter oberhalb Westpoints am rechten Ufer liegen mußte. Das Erscheinen des Bootes war mithin das Zeichen sowohl für Arnold und seine Gegner, daß der Moment der Flucht gekommen sei. –

In einer dämmerig-hellen Septembernacht waren Tamenund und Yokomen, Armstrong und seine Vertrauten wie die Riflemenposten, kurz jeder wie immer auf seinem verabredeten Posten. Oben auf der Zinne der Wasserschanze, gerade über dem Pförtchen, stand Benedikt Arnold, die geladenen Pistolen in der Schärpe, den Schlüssel zu seiner Freiheit in den Händen. Sein Herz klopfte unruhevoll, seine Lippen waren gepreßt, sein Auge starrte auf die Wasserfläche, er erwartete das Kanu. Gegen Mitternacht sah er links einen schwarzen Punkt am diesseitigen Ufer langsam heranrücken. Die Außenposten und Streifpiketts hatte er klugerweise längst einzuziehen befohlen, seine Leute schliefen. Die wenigen Wachen waren so verteilt worden, daß sie von dem, was unten etwa vorging, nichts sahen. Armstrong aber wußte er in den westlichen Werken, das Kanu konnte ohne Gefahr herankommen. Der dunkle Gegenstand rückte langsam vor, bald zwischen den Binsen und Gebüschen verschwindend, bald im matten Mondlicht sichtbar; das Fahrzeug wurde von nur einem Indianer dirigiert.

»Aha,« murmelte Arnold, »die drei anderen schleichen auf dem schmalen Uferstreifen heran. So, das Kanu ist bei der Pforte, der rote Schlingel wird es am Ufer befestigen. Sei's denn! Hinab!« Er eilte zu dem nächsten Wallgange, der hinunter in die Nähe der Pforte führte.

Alles hatte seine Richtigkeit. Das Kanu langte wirklich an. Der Cheraki legte zwei Schritte unterhalb der Stelle an, auf welche die Pforte mündete, zog leise das Ruder in das Fahrzeug und sprang, das Seil des Bootes in der Hand, gerade an der Stelle ans Ufer, wo Yokomen lauerte. Im Nu erhob sich derselbe, gab mit Blitzesschnelle dem Cheraki noch während des Sprunges einen Tritt vor den Leib, der ihn rücklings ins Wasser stürzte und unter demselben lautlos verschwinden ließ. Yokomen, sofort die Sehne des bereit gehaltenen Bogens ans Ohr ziehend, wartete einen Augenblick. Der Kopf des Cheraki kam über das Wasser, der Mann begann zu rudern, um das Ufer zu gewinnen. Ein schnalzender Klang, und für ewig sank er unter; der Pfeil war ihm durch den Kopf gegangen. Das Seil des Kanus ergreifen, es an einen Strauch binden, war für Yokomen das Werk eines Augenblicks, dann verschwand er, sein Kriegsbeil ziehend, wieder im Gestrüpp.

Etliche Minuten verstrichen in tiefstem Schweigen. Dann hörte Tamenund von seiner Seite, also von Norden her, ferne Schritte. Er machte ein leises Geräusch, wie wenn eine Schlange durchs Laubwerk raschele. Es war für Yokomen das Zeichen: »Sie kommen.« Zu gleicher Zeit sahen innerhalb der Werke Armstrong und seine Gefährten Arnold endlich herabsteigen und vorsichtig zu der Pforte schleichen. Er trat in ihre tief in das schräg geböschte Rasenwerk eingeschnittene dunkle Wölbung, welche jetzt plötzlich hell erschien. Er hatte das Pförtchen geöffnet, und der mondbeglänzte Fluß schimmerte herein.

Armstrong schlich hervor, seine Gefährten folgten. Der Major blickte in die Öffnung, wendete sich dann zu den anderen und flüsterte: »Sie sind beisammen.« Damit zog er eine Pistole und schoß. Die Riflemen kamen im Fluge heran, und der beorderte Tambour schlug Generalmarsch.

Bevor innen dies letztere Ereignis erfolgte und die Riflemen die Pforten besetzten, hatte sich am Wasser bereits alles entschieden. Arnold trat, nachdem er die Pforte geöffnet hatte, eben heraus, als von links eine Gestalt heranschlich – der Engländer im Kalikohemd.

»Seid Ihr's, General Arnold?« flüsterte er.

»Natürlich, Sir John! – Kommen Sie.«

»Wo ist dritter Cherakibruder?« fragte der Indianer, welcher hinter der Sir John angeredeten Person stand. »Wo ist er?«

»Hol' dich der Teufel, roter Hund! Halte dein Maul und komm!« rief Arnold halblaut.

Tamenund hatte sich leise aufgerichtet, das Kriegsbeil in der Hand. Da krachte Armstrongs Schuß.

»Verflucht, wir werden gefangen! Ich oder du!« Damit schleuderte Arnold den Engländer rückwärts nach der Pforte und sprang in das Boot. Tamenund wollte mit dem Beil nach ihm eben den nie fehlenden Wurf tun, da schmetterte auf den Greis die Waffe des Cheraki nieder, welcher alsbald Arnold nachsprang und das Seil zerhieb. Der Engländer wollte jetzt auch nach, aber ein Schlag von Yokomens Beil in seine Kniekehle, und er knickte in der Öffnung der Pforte zusammen. Der letzte Indianer, in Hast, noch in das Kanu zu gelangen, traf jetzt auf Yokomen, der, als er seinen Vater fallen sah, ihm sein Messer in den Leib rannte und dann dasselbe, mit Gedankenschnelligkeit in der Hand wirbelnd, wie ein Geschoß auf Arnold schleuderte. Es war zu spät! Der erste Indianer, welcher Tamenund verwundet hatte und Arnold ins Kanu gefolgt war, hatte dasselbe mit kräftigem Ruderstoß bereits über sechs Fuß vom Ufer fortgeschnellt. Eben ließ er es in die Strömung schießen, und dicht hinter Arnolds Rücken fuhr Yokomens Waffe wie ein blitzender Strahl in die Flut.

Alles war das Werk weniger Sekunden. Armstrong hatte kaum seine Pistole entladen, als er auch mit gezogenem Degen an der Spitze seiner Begleiter durch die Pforte ans Ufer drang.

»Wo ist Arnold?« rief er.

»Arnold da im Kanu! Zu weit im Wasser!«

»Er ist entflohen?«

»Entflohen,« sagte Yokomen, »nicht mehr kriegen! Aber hier Engländer lebendig und Tamenund tot!«

Die Offiziere, aus ihrer Betäubung erwachend, sahen eine Gestalt im Kalikohemd in die Knie gesunken, Yokomen aber hielt links im Gebüsch seines Vaters blutigen Leichnam in den Armen.

»Etliche Leute heran, Kapitän!« rief Armstrong. »Sie sind mein Gefangener«, wendete er sich zu dem Engländer und packte ihn an der Brust. »Steht auf, Herr, wenn's gefällig ist, und nennt Euren Namen.«

»Ich kann nicht aufstehen, Sir«, sagte der Angeredete. »Der Indianer hat mich gelähmt. Der Name eines unglücklichen Mannes aber, der sich seiner Regierung opferte, ist bald gesagt. Ich bin Sir John Andree, Major und Generaladjutant Sr. Exzellenz des Generals Clinton.«

Armstrong trat betroffen zurück, dann zog er den Hut. »Sir John, ich bedauere, daß ein Mann von solchem Range des Hallunken Arnold wegen so enden muß!«

»Ich danke, mein Herr, für Ihr Mitgefühl. Ich habe gewußt, was ich unternahm, als ich herkam, Sie sehen wahrscheinlich meine Tat von Ihrem Gesichtspunkte an, ich von dem meinen. Mein Tod ist der Lohn für das mißlungene Werk, dessen Gelingen mir vielleicht den Baronstitel eingetragen hätte!«

»Bei uns wird man leider einen anderen Mann als den Baronet aus Ihnen machen! Heda, Riflemen, steckt ihm zwei Gewehre durch die Beine und laßt ihn reiten, da er nicht gehen kann. Hebt Tamenunds Leiche auf und den Cherakischurken, dann zum Alarmplatz! Eine Wache bleibt an der offenen Tür, bis der Tatbestand aufgenommen ist. Leutnant Vorister,« wandte er sich zu seinem Adjutanten, »begleiten Sie Yokomen zu des Propheten Enkelin!«

Der düstere Zug bewegte sich zurück durch die Werke nach der Stadt, wo die Alarmtrommeln rasselten und Lichter an den Fenstern erschienen. Als sie an der ersten konsignierten Truppe vorüberkamen, eilten fragend deren Offiziere herzu.

»Arnold ist soeben den Hudson hinab zu den Engländern auf einem Kanu entflohen! Senden Sie sofort bis zu Howe Streifpiketts den Fluß entlang, ob der Verräter vielleicht doch noch zu erwischen ist. 500 Dollars, wer ihn tot, 1000, wer ihn lebendig fängt!«

»Arnold entflohen! Arnold bei den Engländern!« tönte es rings. Entsetzen, Wut, Flüche aller Art folgten dem Ehrlosen.

Auf dem Marktplatze waren die Oberoffiziere an der Spitze ihrer Stäbe versammelt, als man Tamenund niederlegte und Major Andree in den Kreis trug. Alle waren ergriffen, als sie den in der amerikanischen Armee so wohlbekannten indianischen Freund Washingtons blutbedeckt mit zerschmetterter Hirnschale sahen.

Ein herzzerreißender Schrei gellte durch die flüsternden Gruppen. Sigh, Yokomen und Armstrongs Adjutanten wie l'Enfant hinter sich, drängte sich mit flatterndem Haare durch die Militärs. Einen einzig furchtbaren Blick nur warf sie auf den Großvater, dann fiel sie über ihn her, und ihre zuckenden Glieder bewiesen, wie ihr Geist verzweifelt den seinen in seine irdische Hülle zurückzujammern suchte.

Feierlich still war's ringsum. – »Sehen Sie dies arme Mädchen, Major Andree. Sie haben nicht bloß eine mißlungene Tat, den Tod dieses Greises haben Sie auf dem Gewissen!«

»Ich glaube nicht, Sir,« entgegnete der Gefangene, »daß Sie hier ein Schauspiel in der Nachtluft mir zu Ehren aufführen wollen. Mich wenigstens läßt der Tod einer Rothaut und das Bestiengeheul eines Weibes kalt.«

»Seht, Kameraden, in diesem, selbst in der Schmach noch übermütigen Engländer verkörpert sich das humane und christliche Königsregiment Englands! Mein guter Sir, dieser tote Indianer hatte in einer Stunde mehr edle Gefühle und Gedanken als Sie in Ihrem ganzen Leben! Gerecht ist der Himmel doch. Er ging als Krieger in ihn ein, Sie werden zu ihm durch einen Strang gelangen; das ist zwischen euch der kleine Unterschied! Feldscher, verbindet den Gefangenen, in zwei Stunden beginnt das Kriegsgericht die Voruntersuchung, damit wir den Herrn Generaladjutanten und – Baronet in spe schleunigst an die Jurisdiktion des Obergenerals abliefern können!«

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