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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 18
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
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Das Blaue Buch

Steuben kam in Philadelphia bald zu der Einsicht, beim Kongresse sei auf dem bisher eingeschlagenes Wege entschieden gar nichts zu machen. Ein Kommando im Heere schlug man ihm ab, und er war klug genug, auf alle Kommandos fortan zu verzichten. Aber auch die Feststellung seiner Kompetenzen durchzusetzen, gelang ihm ebensowenig, obwohl man seine Autorität vor der Armee dadurch anerkannte, daß man Oberst de Neuville, welcher Steuben Subordination verweigert hatte, mit Ostentation aus dem Dienst entließ, obwohl er Lafayettes Protegé war. Höchlich empört ging de Neuville nach Frankreich zurück. –

Auch im übrigen wurde Steuben von dem Kongreß wie allen öffentliches Kreisen Philadelphias die höchste Achtung und ein unzweifelhaftes Wohlwollen erwiesen, ihm für sein siegreiches Eingreifen in die Monmouth-Schlacht und seine organisatorische Tätigkeit rückhaltlose Anerkennung gezollt. Unser Freund war darüber ebensowenig erstaunt, als ihn das Mißlingen, seine Stellung zu fixieren, mehr erzürnte oder ihn erlahmen ließ. Er hatte endlich erkannt, daß der Widerstand gegen ihn, trotzdem man ihn anerkannte, allein in seiner Person liege. Die Eifersucht, welche ihm einen Vorrang, eine Machtsphäre verweigerte, die für amerikanische Verhältnisse allerdings außergewöhnlich war, ging nicht nur, wie er entdeckte, von den Generalen, nicht nur von den politischen Parteien aus, sondern war durch das republikanische Prinzip selbst bedingt, das eine privilegierte Stellung nicht oder nur aus dem Bewußtsein eines dringendsten Notstandes anerkannte. Der Amerikaner beugte sich dem Gesetze und dem, der es gesetzlich ausübte, aber er beugte sich nicht der Autorität. Steubens Generalinspektorat aber war eine Autoritätsstellung mit sehr dehnbaren Normen gewesen. –

Gelang es nun dem Baron, seine Person außer Spiel zu bringen, dennoch aber alles das durchzusetzen, was er für das Heil der Armee für wichtig hielt, so mußte er den ganzen Umfang seines Wollens einfach kodifizieren, das heißt in ein Militärgesetzbuch bringen. Dann befahl nicht er, sondern die Paragraphen herrschten, er führte sie tatsächlich nur durch. Das war für das Bewußtsein der Unionsstaates aber ganz etwas anderes, es war eben echt amerikanisch-republikanisch. Steuben erkannte nur zu gut, daß der mehr oder weniger entschiedene, wenn auch stets wohlwollende Widerstand, den Washington selber ihm, namentlich je mehr die Truppenausbildung vorgeschritten war, entgegengesetzt hatte, nur auf dies amerikanische Unabhängigkeitsbewußtsein zurückzuführen sei. Sofort begab er sich zu dem Präsidenten Morris. Er erklärte ihm freimütig, er sähe ein, daß das ganze Inspektorat und Reformwerk anders angefaßt werden müsse. Ein Militärkodex allein müsse sagen, was jeglicher zu tun habe oder nicht. Morris stimmte ihm mit der lebhaftesten Freude zu, und als er hiervon dem Kongreß Anzeige machte, gab derselbe unter lautem Beifall seine Genehmigung.

Steuben war glücklich, endlich doch den rechten Ausweg gefunden zu haben. Mit wahrem Feuereifer ging er ans Werk, und langsam, aber wie ein unverrückbares Gebäude, erhob sich das stolze Werk seines Lebens, » the blue book«, das berühmte blaue Buch. –

Inzwischen hatte sich beim Kongreß der Prozeß gegen General Lee abgespielt. Zahlreiche Offiziere, Steuben selbst, auch Washington, hatten Zeugnis gegen dessen nachlässige, ja sogar feige Führung der Truppen abgelegt. Das Urteil lautete, daß General Lee unfähig sei, eine Division oder ein Detachement selbständig zu kommandieren und ihm nur noch, je nach Dafürhalten des Obergenerals, eine Brigade anzuvertrauen wäre. Den Tod im Herzen, ging Lee zur Armee zurück; Washington behielt ihn ohne Kommando bei seinem Stabe.

Der Baron beendete jedoch nur den Anfang des blauen Buches in Philadelphia, man bedurfte seiner anderswo. Die zweite aus Frankreich erwartete Flotte war endlich angelangt und bei Sandy-Hock erschienen, hatte dort die britische Flotte blockiert, doch auf Washingtons Betreiben sich dann nach New Haven begeben, um einen Versuch gegen Rhode Island zu machen, das die Engländer seit 1776 innehatten, General Sulivan mit der Nordarmee sollte dabei von der Landseite aus mitwirken. Der englische Admiral Howe, dies ahnend, wollte mit seiner Flotte der französischen folgen, wurde aber von einem Sturm gezwungen, nach Sandy Hock umzukehren. Die französische Flotte konnte den Engländern in Rhode Island hingegen aber auch nicht beikommen, denn sie vermochte ihre Truppen nicht zu landen. Das Korps Sulivan kam daher ins Gedränge. Am 28. August abends erhielt Steuben Befehl, sofort zu Washington zu reisen, der ihn als Ratgeber zum Korps Sulivan zu schicken wünsche. Auf der Stelle reiste der Baron ab. –

Als er am 1. September in Whiteplains eintraf, eröffnete ihm Washington, Sulivan habe bereits glücklich seinen Rückzug nach Providence beendet. Sei des Barons Hilfe jetzt dort zwar unnötig, so bedürfe man seiner doch im Hauptquartier. Wegen neuer Rekrutenmassen und Abgangs Gedienter müsse mehr exerziert werden als je, und das sehr wohltätig wirkende blue book könne im Lager, wo das Material gleich zur Hand sei, ebensogut und besser geschrieben werden, zumal Steuben dann auch die Hilfe der Unterinspektoren habe. Ohne ein Wort zu verlieren, fügte er sich, nahm seine alte Drillmeisterei wieder auf, schrieb sein Buch und wurde wieder der liebenswürdige Freund der Damen. In Wahrheit zogen ihn diese Frauen an und fesselten ihn an die Armee, ebensosehr der Orden der Sansculotten, noch mehr aber Sigh. Wieviel Rechenschaft er sich über seine Sympathien für das Indianermädchen ablegte, bleibe dahingestellt. Sie fesselte ihn, weil sie nicht einen Schritt der Annäherung tat. Es war eine solche Naivität, verbunden mit einer so sinnigen und bewußten Sittsamkeit in dem Mädchen, eine so unbeschreiblich bezaubernde Ruhe lag wie ein Schleier über ihrer Neigung gebreitet, daß ein gänzlich empfindungsloses Gemüt dazu gehört haben würde, für sie nicht wenigstens ein gewisses Gefühl von Liebe zu empfinden.

Einer jener seltenen und sonderbaren Abende brachte Steuben in dieser Zeit bei Nathanael Greene und Clemence zu, da Gemüt und Verstand aufhören, zwei besondere, nebeneinander fungierende Seelenkräfte zu sein, sondern wo sie sich zu einer höhern Form gatten, zu der durch Intuition hochflammenden Vernunft.

Sigh saß in dem Garten, wo Steuben, Greene und dessen Frau sich am Abendtische befanden, auf einem niedrigen Schemelchen zu Clemences Füßen. Man sprach allerlei: vom Stande der öffentlichen Dinge, der Parteien, von den verschiedenen kämpfenden Armeen, und kam endlich auf Religion zu reden. Natürlich nicht auf die Religion oder die verschiedenen christlichen Glaubensbekenntnisse, sondern man verstand stillschweigend bei diesem Gespräche die eine alles ihren Bekennern gemeinsame, einfache Lehre Christi. Sigh hatte wortlos bisher zugehört und an einer indianischen Decke mit bunten Fäden genäht.

»Ach,« sagte Clemence im Laufe der Rede, »jeder Religion eigentlicher Inhalt und Grund ist die Liebe, muß ja Liebe sein, sonst kann sie nicht geglaubt werden, denn sie dringt dann nicht ins Herz! Sage doch, Sigh, wo ist der Liebe Anfang? Ihr Anfang nämlich, Baron, muß auch der Anfang alles Glaubens sein; du wirst mir das doch auch zugeben, Nathanael!«

»Ob ich's tue, sage ich erst,« lächelte der General, »wenn uns die Kleine auseinandergesetzt hat, wo wir den Anfang zu suchen haben.«

Sigh legte die Arbeit auf ihren Schoß, blickte Steuben mit sinnenden großen Augen an, dann wendete sie ihr Gesicht zu Clemence. – »Beim Mann und seiner Squaw fängt unter allen Menschen die Liebe an, ob sie helle oder dunkle Haut haben mögen!«

»Bei Mann und Frau?« erwiderte die Generalin. »Weshalb aber nicht beim Kinde? Fühlt das Kind nicht schon Liebe, wächst diese nicht mit ihm, wird Jünglings- oder Jungfrauenliebe, ehe sie Gattenliebe werden kann?«

»So ist's nicht!« sprach Sigh, die langen Wimpern senkend. »Kann ein Kind lieben, bevor es lebt? Die Liebe muß doch in seinen Eltern begonnen haben, damit es leben kann, um selbst zu lieben!«

»Gut«, lächelte Greene. »Also die Ehe ist der Liebe Anfang.«

Sigh nickte ernst. »Wenn zwei zusammen erst Mann und Frau sind, ja!«

»Ei, Mädchen,« wendete Steuben ein, »wie können sie beide denn Mann und Frau werden, wenn sie sich nicht vorher schon lieben?«

»Natürlich!« warf Clemence ein, »du wirst zugeben, Sigh, das müssen sie!«

»Nein!« erwiderte diese. »Ihr mögt es mit Euren Gaben anders tun, wir roten Menschen nicht. – Ich weiß, Ihr meint, Mann und Weib müssen vorher etwas empfinden, ehe sie sich haben können. Sie empfinden Verlangen und eine Pein! Haben sie sich aber, so verlangen sie nichts mehr, sie lieben und sind zufrieden! Der Liebe Anfang ist Mann und Weib, das Verlangen, die Pein führt sie nur zueinander!«

»Und wo ist der Liebe Ende?« fragte General Greene, plötzlich die Pause gemeinsamen Sinnens unterbrechend.

»Wenn es die Liebe war, die dem großen Manitou wohlgefällt, nirgend! Einmal erweckt, währt sie ewig!«

»Wie unsere Seele, der unsterbliche Geist?« fragte lebhaft Clemence.

»Wie der große gute Geist, der eben die Liebe ist!« Sighs Antlitz wurde wie verklärt.

»So ist dir die Liebe von Mann und Weib zugleich ein Zeugnis von Manitous Liebe?« erwiderte Steuben.

»Das mußt du uns erklären«, sagte Nathanael gespannt, »und ob das alle roten Leute glauben!«

»Sie glauben es alle!« – Sigh erhob sich, nachdem sie die Arbeit weggelegt hatte, feierlich und richtete den Blick in stiller Verzückung zum Himmel. – »Alles schuf er,« begann sie, »das Sichtbare und Unsichtbare. Er schuf es aus ewiger Sehnsucht, und als er es geschaffen, hegte er es in ewiger Liebe! Sehnsucht schafft, es ist das Männliche, Liebe hegt, es ist das Weibliche! Jedes Geschlecht schuf er so in jedem Ding. Die Blume, der Baum, das Tier, der Mensch ist gestaltet als Mann und Weib, damit immer mehr die Sehnsucht und Liebe Manitous und seiner Welt wachse. Er führt durch sie aus diesen dunklen Gründen in seine ewigen, lichten, wo alles blüht und reift, nichts abfällt und vergeht, alles ewig, wie Manitou, und alles Geist und Liebe ist!« – Sie stand still, als horche sie hinauf, als könne sie durch die Himmelsdecke blicken. »Er redet zu mir, daß es so recht ist!«

»Hörst du denn seine Stimme, Sigh?« fragte Clemence mit bewegtem, leisem Tone.

»Nicht durch mein Ohr – mein Herz hört ihn! Dann seufze ich; es ist der Widerhall seiner Stimme.«

Steuben konnte seiner Regungen nicht mehr Herr werden. Er vergaß, daß sie ein rotes, ein indianisches Weib sei. Er sah in ihr nur den Engel, der Gott in seiner Kindlichkeit offenbarte. Er eilte zu ihr, ergriff ihre Hand und küßte sie inbrünstig. »Ich danke dir, Mädchen, Manitou segne dich!«

Da jauchzte Sigh auf, eilte zu Clemence, warf sich vor ihr nieder und umfing die schöne blonde Frau.

»Er hat mir die Hand geküßt, vor euch offen diese Hand!« Sie sprang auf und reichte Steuben die so von ihm geehrte Rechte: »Nun ist auch diese Hand noch dein! Willst du sie wieder küssen?«

»Hier tu ich's wieder, so wahr mir Gott helfe!« und er drückte die kleinen Finger des Mädchens nochmals an den Mund.

Der General und Clemence hatten sich staunend erhoben. »Küßte dir der Baron schon mehr als die Hand?« rief Nathanael.

Steuben errötete tief, und er wendete sich ab.

Sigh senkte das Haupt. »Was er offen küßt, ist offen! Was er im stillen küßt, bleibt still!« – Sie ging langsam sinnend ins Haus.

Eine Weile herrschte Schweigen unter den dreien, dann legte Greene die Hand auf des Freundes Schulter. »Sie hat uns allein gelassen, damit Sie mit uns reden können, Baron, wie Ihnen ums Herz ist.«

»O Gott, Nathanael, ich weiß es nicht!«

Clemence faßte bittend Steubens Rechte. »Aber Sie entsinnen sich doch, ob Sie ihr noch andere Küsse gegeben haben. Sie sind zu sehr Mann und Christ, haben, wie wir, für das Mädchen zuviel Gefühl, um uns etwas zu verschweigen!«

»Sie haben recht, und kein noch so leichter Flecken darf an dieses Kindes Reinheit haften, teure Frau! Wenn niemand, so sollen doch Sie und Nathanael, meine liebsten Freunde, alles erblicken, was in mir lebt. Als ich von Valley Forge schied, um nach Philadelphia zu gehen und beunruhigt war, daß Sigh mir nicht mein Bild brachte, kam sie heimlich in mein Blockhaus – spät am Abend.«

»Heimlich? Ohne daß sie jemand sah?«

»Durchs Fenster meines Schlafgemaches. Sie stand, Sophies Bild in der Hand, plötzlich vor mir. Ich klagte ihr, warum ich die Tote ewig lieben müsse und keine andere, sagte ihr, daß ich nur ihre Augen liebe, nicht sie. Sigh erwiderte, ihre Augen seien der Toten Augen und also mein, ich möge sie küssen. Ich habe ihre Augen geküßt, habe mich satt geküßt an diesen holden, unvergeßlichen Augen! Mir war, als hielt ich meine Sophie atmend und lebend wieder in meinen glückseligen Armen, an meiner freudelebenden Brust, und – ich küßte ihr auch den Mund.«

»So haben Sie von ihr Auge, Mund und Hand in Besitz genommen, lieber Steuben!« sagte Clemence. »Hochbedeutsame Güter für alle Menschen, zumal aber für den Indianer, der in den Blick, das Wort, die Tat die Summe seines ganzen Lebens legt. Vergessen Sie das nicht, mein Freund. Gute Nacht, Baron!« – Sie warf ihrem Gemahl einen lächelnden Blick zu, Nathanael nickte und lächelte wieder.

Steuben hatte gesenkten Blickes Clemencens Hand gedrückt. Er wandte sich und schritt dem Ausgange des Gartens zu. Greene folgte ihm. Kurz vor dem Gartenpförtchen rief er leise: »Baron, ein Wort!«

Steuben blieb sinnend stehen. Greene trat zu ihm.

»Hören Sie, lieber Freund, einen Wink. Ich bin selbst in den zartesten, süßesten, heiligsten Dingen praktisch. Das mag nicht sehr schön sein, aber ich werde dadurch meinen Freunden mitunter nützlich!«

»Sprechen Sie, mein teurer Greene.«

»Zwischen Ihnen und Sigh liegt die Sache nach zwei Seiten hin sehr einfach. Küssen Sie sie nie mehr, so handeln sie ungerecht gegen sich, noch ungerechter gegen das Mädchen. Küssen Sie Sighs Augen, Mund und Hand, so handeln Sie richtig und gerecht zwar, aber Sie machen sich zum Besitzer der Gaben des Mädchens, die den Indianern die wertvollsten find. Sie brauchen bei diesem Besitze nicht stehenzubleiben, denn wer würde Sie daran hindern? Tamenund nicht, Sigh noch weniger, aber Sie werden dann wissen, Baron –!«

»O schweigen Sie, Freund! Das war das Gefühl ja eben, was auf mir lastete! Soll ich denn verflucht sein, noch einen Engel in Frauengestalt zu morden?«

»Das werden Sie nicht, und bei Sigh vermöchten Sie es auch schwerlich, aber der Baron von Steuben, der General der Armee, der ebenso Beneidete wie Angefeindete, wird sich doch fragen müssen, ob er eine rote Squaw haben will!« –

Steuben wendete sich zu ihm völlig um, eine eigentümliche Vornehmheit überkam ihn.

»Was ich bin, lieber General, und was ich muß, weiß ich. Aber wie ich es muß, das lehrten Sie mich soeben! Ich besitze Sighs Augen, Mund und Hand. – Ich werde – so hoffe ich von meinem Charakter – mit diesem Vorzüge mich begnügen. Wohl hat ihn Sigh mir als Indianerin nur verliehen, ich könnte als Weißer mit diesem Schatze ihrer Liebe also gewissenlos umgehen. Dies Mädchen ist aber seit heute für mich keine Indianerin mehr. Dieses engelgleiche, von Gottes Geist erfüllte Kind steht mir hoch über manchem jener weißen Weiber, die ich in Rang und Reichtum sich blähen sah. Ich erkläre Ihnen, ich werde das immer so halten, sei's vor unseren Ladies, sei's vor den Soldaten beim Marsch. Sagen Sie Sigh, daß ich sie so liebe wie meine geliebte Tote, und wenn sie meinen Kuß auf ihrer Hand fühlt, möge sie dabei stets denken, ich hätte auch ihre Lippen und Augen geküßt!«

»Baron, Sie sind ein wahrhaft rechtschaffener Mensch!« und Greene umarmte und küßte Steuben. »Aber noch ein Wort. Wenn Sie des Mädchens Hand vor allen küssen, wo und wann es auch sei, was werden die Leute dann von Ihnen sagen, Baron?«

»Lieber Nathanael, darauf, was die Leute sagen, kommt's nicht an! Küssen Sie Ihre Frau und grüßen Sie sie!« – Steuben schritt rasch durch die Gartenpforte und die Straße zu seiner Wohnung hinab, Greene sah ihm lange nach. Dann kehrte er zu Clemence zurück, die ihn erwartet hatte. Er umfing sie innig und sagte sanft: »Ja, sie hatte recht, der Liebe Anfang ist, wenn Mann und Weib sich haben!«

»Und dann ist sie göttlich, ewig, Nathanael!« –

Mit Eifer sowohl seinem alten Amte wie der Ausarbeitung seines militärischen Gesetzbuches obliegend, genügte unser Freund zugleich seinen geselligen Pflichten mit gewohnter Liebenswürdigkeit. Es war sichtlich zu merken, wie Groll und Neid im Heere einer immer entschiedeneren Vorliebe für ihn zu weichen begannen. Der Sitte der galanten Zeit gemäß küßte er natürlich jeder Dame, mit der er in Gesellschaft zusammentraf, ob alt oder jung, häßlich oder schön, die Hand. Seit jenem Abend jedoch, mochte auch Martha Washington, die Exzellenz selber, mit noch soviel schönen Amerikanerinnen anwesend sein, suchte sein Blick gewiß zuerst Sigh auf, und sicher war ihre Hand auch die erste, die seine Lippen berührten. Obwohl das Mädchen durch Clemence wußte, warum er das tat und was es für ihn bedeute, nahm sie doch diese Huldigung nicht so offen, so naiv mehr hin, wie wenn er sie auf Augen und Mund geküßt hätte, sondern mit einer ihr sonst fremden Scheu und Scham, die ihr zwar reizend stand, deren Herr zu werden sie sich aber vergeblich bemühte. Natürlich fiel solche Auszeichnung Sighs durch den Baron allen Damen und Herren auf. Martha Washington, die als streng auf Takt haltende Frau solche Bevorzugung des Oneidamädchens vielleicht nicht ganz in der Ordnung finden mochte, fragte einmal Steuben in einer größeren Gesellschaft, in der Sigh gerade nicht zugegen war:

»Weshalb, lieber Baron, hat sich Sigh stets des ersten Handkusses von Ihnen zu erfreuen?«

»Nicht darum, Exzellenz,« erwiderte Steuben mit Wärme, »weil, wie Sie wissen, Sigh dieselben Augen wie eine von mir heißgeliebte Tote besitzt, denn für diesen Vorzug kann sie ja nichts. Der öffentliche Handkuß, gnädige Frau, geht aber als äußerliche Huldigung die Gesellschaft gewiß an, und ich erzeige sie Sigh auch nur darum, obschon sie nur eine Indianerin ist, mit tiefster, liebevollster Verehrung, weil sie unter allen lebenden Frauen mir am meisten als Engelsnatur erscheint, in mir die höchsten und göttlichsten Empfindungen hervorruft. Wie das geschah, Exzellenz? Lassen Sie sich von Frau Generalin Greene einmal das Gespräch wiederholen, das wir eines Abends mit diesem wunderbaren Mädchen hatten, und Ihr eigener, reiner Sinn, gnädige Frau, wird mir zugestehen, Sigh verdiene meine Huldigung.«

Natürlich zog noch denselben Abend Madame Washington, immerhin eine Tochter Evas, Clemence auf die Seite; sie wollte gar zu gern das Gespräch wissen. Als es ihr mitgeteilt worden war, Martha dann kurz vor Schluß der Gesellschaft in deren Mitte stand, um den Abschied derselben entgegenzunehmen, sagte die schöne, majestätische Frau mit bedeutsamem Lächeln: »Ich muß Ihnen wohl frei und offen gestehen, meine Freunde, daß unser Baron sehr recht hat. Die Gesinnung Sighs, dieses von Gott wirklich mit allen Gaben gesegneten Mädchens, erheben sie zu einer Dame, die unserer würdig ist. Ich habe sie bisher geliebt, nun bewundere ich sie, und nicht wahr, liebe Generalin,« sie reichte Clemence die Hand, »wir wollen nun sorgen, daß Sigh jetzt auch ladymäßig unter uns erscheint.«

Sigh war nun nicht mehr indianisch entblößt unter den Damen sichtbar. Sie trug auf Clemences Bitte jetzt stets ein ausgeschnittenes, kurzärmeliges Musselinkleid wie alle anderen. Nun war sie aber noch viel scheuer und schöner geworden – ach, alle ihre Naivität war verloren. Sie kam auch jetzt seltener zu den Zirkeln, blieb fast allein in Clemences Umgebung, wurde noch ernster, noch stiller, und wenn bei Greene Besuch war, verließ sie gern das Gemach.

»Ein roter Mensch hat nur rote Gaben, ein weißer aber weiße.« Diesen Spruch Tamemnunds hatten die weißen Herrschaften leider vergessen. –

Der Herbst war da, ohne daß sich Washingtons Hauptarmee regte. Man hatte sich im ersten Rausche von trügerischen Hoffnungen täuschen lassen, hatte über scheinbar Näherliegendem das zwar Fernere, aber Solidere vergessen. Man hatte die französischen Hilfsheere erwartet, bis zu dieser Stunde – man stand Ende des September – hatte aber noch kein französisches Korps Amerikas Boden betreten. Die Flotte hatte sich nach der verunglückten Landung auf Rhode Island begnügt, englische Schiffe an der Küste von Georgien wegzunehmen. Da das Mißtrauen der Generale wie des Kongresses Steubens ursprünglichen Organisationsplan und seine anfängliche Stellung nicht sanktioniert, sondern unterbrochen hatte, so befanden sich alle Bildungen in der Halbheit, die alte Liederlichkeit und Verschleuderung, der alte Mangel herrschte noch immer, und wenn man warten wollte, bis Steubens Gesetz beendet, adoptiert und eingeführt sei, verlor man eine nie zurückzukaufende Zeit.

Lange genug hatte Washington drohend zu Whiteplains gestanden, es war Zeit, in die sicheren Winterquartiere zu Boundbrook und Middlebrook zu ziehen. Noch war die Jahreszeit warm und schön, und man konnte also hoffen, sich bequem einzuschanzen, bevor der Winter von den Albany Mountains herabkam. Man zog über Friedrichsburg den Hudson hinauf, den Hochlanden zu. Nachdem Washington General Lee bisher untätig gelassen hatte, übergab er ihm die Führung der Proviantkolonne. Das fuhr demselben heftig in die Krone. Vom Divisionär zum Trainkommandeur versetzt zu werden, war eine Erniedrigung, die er sich nicht gefallen lassen wollte. Er nahm Urlaub, um sich in Philadelphia zu beklagen.

Bei dem Aufbruch nach Norden befand sich der Baron wieder bei einem Teil von Pulawskys Lanciers an der Tete der Vorhut. Er hatte während des Marsches das Generalquartiermeisteramt erhalten und war gleichzeitig beauftragt worden, zu rekognoszieren. Da Tamenund das Heer die kürzesten Pfade zu führen versprochen hatte, kam er beim Ausmarsch auch Steuben bald zu Gesicht. Wie erstaunte er, Sigh nun bei ihm und nicht bei den Damen im Zentrum des Heeres, dazu in ihrer alten indianischen Nacktheit und kriegsmäßig bewaffnet zu finden. Jede Scheu und Verlegenheit war jetzt an ihr verschwunden, und wie glückselig leuchtete ihr Blick ihm zu.

Pulawsky kommandierte »Vorwärts!«. Steuben ritt an Tamenunds Seite, neben welchem Yokomen schritt. Sigh ging Steuben zur Rechten, während die Frauen Tamenunds mit den beiden Packpferden folgten.

»Sags! Du führst uns den Hudson hinauf in die Berge, Prophet?«

»Sago! Ich führe dich die Richtung, wo mein Oneidaland liegt. Da war ich so glücklich und so traurig. Dort ist Wald, Berg und Wasser schöner als sonstwo. Mein Herz ist dort froh von Erinnerung und trübe vom Weh.«

»Es ist ja natürlich, Tamenund. Ein weiser Mann darf immer jauchzen und weinen zur rechten Zeit.«

»Das darf er, Baron, aber nicht laut.«

»Weshalb? Soll er sich schämen?«

»Weiße Menschen schämen sich zu falscher Zeit, roter Mann anders. – Roter Mann und rotes Weib gehen ohne Kleider, wie ihre Eltern, bis das Wetter den Körper angreift. Sie begreifen nicht, daß Wange und Herz dabei zu brennen anfangen müssen, wenn man seine eigene Haut zeigt. Rote Männer und Squaws weinen und lachen aber nicht laut wie die Blaßgesichter, sie schämen sich dessen. Denn am Menschen ist das Schönste der stille Geist, wie das Seltenste an ihm der gerechte Geist ist; du hast beides.«

»Ich verstehe meinen Bruder«, entgegnete der Baron. »Er tadelt auch die weißen Frauen, daß sie Sigh mit solchen Kleidern wie sich selbst bedeckt haben.«

»Sigh ist nicht Lady, kann nicht Lady werden. Tamenund hat noch keine rote Lady gesehen.« Der Prophet richtete seinen großen Adlerblick fragend auf Steuben. »Tamemund wird auch keine sehen!«

»Für mich ist aber Sigh eine Lady und wird immer eine bleiben. Nicht wahr, du weißt das, Mädchen?«

Sie drückte ihm leise verstohlen die Hand und lächelte. »Ich weiß es.«

»So wird Sigh durch dich die erste rote Lady unter dem weißen Volke sein!«

Steuben schwieg betroffen.

»Nun, dann wird sie's. Wenn ich sie und wenn alle sie dafür halten, dann ist sie's auch!«

»Mache, wie dir's gefällt, denn du kannst nichts tun, ohne daß Manitou zu dir spricht. – Wir ziehen aber jetzt nach Norden!«

»Ist das so auffällig, Tamenund?«

»Für den, der Augen hat. – Du wirst vielleicht noch das Oneidaland sehen. Behalt's in deinen Gedanken. Wenn das Kriegsbeil einst begraben ist und Tamenund längst tot, gehe nach den Oneidawäldern und nimm sie mit. Dort kann Sigh deine rote Lady sein. Störe mich nicht. Du wirst auf diesem Kriegspfade auch anderes sehen. Den Mann mit den Augenbrauen!«

»Ha, Arnold. – Richtig, der ist im Korps Sulivan! – Werden wir ihn bald treffen?«

»Ich weiß es nicht, aber treffen wirst du ihn, und – ich werde dabei sein. Mein Bruder wird es erlauben.«

»Hast du von den Leuten der Squint Snake nichts mehr zu fürchten?«

»Rotes Herz ist ohne Furcht! Aber Ohren und Augen müssen offen bleiben. Baron, frage nichts mehr.«

Aus dem Propheten war nun keine Silbe mehr herauszubringen. Nach einigen herzlichen Worten zu dem Mädchen wendete Steuben und ritt zu seinen Offizieren und Pulawsky.

Ohne daß der Feind sie belästigte oder sich Tamenunds Andeutungen bewahrheiteten, langte die Armee im Gebirge am oberen Hudson an, wo jenseits des Kammes der Oneida entspringt. Dort, in einem wonnevollen Tale der Gebirgsscheide, nistete man sich ein. Von der Lieblichkeit der Gegend genoß aber unser Freund außer flüchtigem Betrachten nichts, ihn beschäftigte die Quartierung der Truppen, die Herstellung der Verschanzungen, die Einrichtung der gesamten Winterökonomie dieser Masse von Menschen, endlich das Gesetzbuch des Heeres. Darüber war es Ende November und schon so kalt geworden, daß die Indianer wieder zu den Kalikohemden, die Soldaten zu den Mänteln greifen mußten. Steuben wurde nun nach Philadelphia berufen, um das Gesetz über das Heer zu beenden, es prüfen, genehmigen, drucken und seine Stellung nach demselben endlich fixieren zu lassen. Oberst Fleury, Kapitän Walker, de l'Enfant und Duponceau hatten ihn zu begleiten.

Es konnte lange dauern, ehe er wieder zum Heere zurückkam, ehe er Greene und Clemence, Tamenund und Sigh wiedersah. Von allen hatte er Abschied genommen, nur von dem Mädchen nicht, obwohl er sie bei Greene heute gesehen hatte. Als er von letzterem weggegangen war, war Sigh ihm gefolgt, und er hatte ihr zugeflüstert: »Komm heute abend; Vogel wird dich zu mir bringen.«

Der treue Karl, welcher sein altes Liebesleid in Berlin mit ihm durchlebt hatte und an Steuben wie an seinem älteren Bruder hing, war instruiert. Sigh kam; sie war sehr still. Viel Herzliches und Liebes sprach Steuben zu ihr. Er redete von seiner teuren toten Braut, von Sighs verstorbenem Vater, von diesem stillen, großartig schönen Lande hier und von dem Geiste aller Geister, dem Manitou. Ehe sie ging, küßte er ihr die Hand. Sie blieb stehen und sah ihn lange fragend an. Ihr Busen flog, Tränen begannen ihr hervorzubrechen.

Da umarmte und küßte er sie. »Nein, um mich selbst sollst du nicht weinen, um mich nie! Lebe wohl, ich werde deiner niemals vergessen.«

»Du wirst es nicht, denn Manitou hat dich und mich lieb. Er sagt mir, ich werde, wie ich auch immer bin, einst deine rote Lady sein.« – Beruhigt schied sie von ihm.

Dieser Abschied, der einer langen Trennung vorherging, war, so wie er ernst und lieblich zart gegeben und genommen wurde, nur die symbolische Bekräftigung der seelischen Vereinigung beider. Von dieser bis zur Ehe aber war ein unendlich weiter Weg, welchen gewöhnliche Leidenschaft wohl leichtsinnig überspringen mochte, aber sicher nicht abkürzen konnte. Das Kind der Natur und der im Leben herumgeworfene Kulturmensch waren eben an denselben einfachen Quellen stiller Erkenntnis angekommen, und ihr Abschied bedeutete nur, daß sie bei ihnen vereint bleiben wollten.

*

Steuben langte Anfang Dezember in Philadelphia an. Schon während des letzten Teils der Reise durch größere Ansiedlungen und Ortschaften hatte er verschiedentliche Nachrichten erhalten, welche seine Ungeduld, endlich die Angelegenheiten des Heeres geregelt zu sehen, mäßigten und ihm die Überzeugung gaben, daß, wenn auch viel versäumt, trotzdem noch nichts verloren sei, es sich vielmehr jetzt um die Gründlichkeit seiner Institutionen handle. Inzwischen war freilich der britische General Campbell nach Georgien gegangen, hatte Savannah erobert und war nach Süd-Carolina vorgedrungen, so daß General Lincoln mit der üblichen Unionsarmee nur Charlestown retten konnte. Mit letzterer vereint, hatte die französische Flotte unter l'Estaing vergebliche Wiedereroberungen versucht; sie war dann nach Europa zurückgesegelt. Die Union blieb also so ziemlich auf ihre eigene Kraft angewiesen. Aber dafür hatte sich inzwischen der Kriegsschauplatz bedeutend erweitert. England hatte Frankreich sich nicht bloß in beiden Indien in schwerem Kampfe gegenüber, am Jahresschlusse erklärten auch die Niederländer den Krieg, Spanien aber rüstete mit aller Gewalt. Von allen Seiten gepackt, mußten die übermäßig angestrengten Kräfte Englands sich zersplittern. Die Amerikaner erhielten also nicht nur Luft, freiere Bewegung, sondern auch das Wichtigste – Zeit.

Davon machte Steuben Gebrauch. Er hatte im Winter mit seinen Getreuen zu Philadelphia die »Militärischen Regulative« – so hieß sein Werk ursprünglich – entworfen und dem Kongreß den Plan, also den Rahmen des Gesetzes, vorgelegt. Am 18. Februar genoß unser unermüdlicher Freund das Glück, seinen Plan adoptiert zu sehen; jetzt konnte er endlich freudevoll Washington den Anfang des Gelingens melden. Er stellte nun das längst kodifizierte Material zusammen, und so wuchs organisch das Werk aus sich heraus. Dieses ganze Gesetzesfaszikel hatte Steuben zufällig in einen dunkelblauen Deckel heften lassen und übergab es so dem Kongreß. Dieser Umstand und daß es, als es später gedruckt war, auch einen blauen Einband erhielt, wurde Anlaß, die Regulative des amerikanischen Heeres schlechtweg das »Blaue Buch« zu nennen.

Am 29. März des nächsten Jahres adoptierte der Kongreß das Blaue Buch selbst einstimmig und ohne jede Änderung und befahl, 3000 Exemplare für das Heer drucken zu lassen, ferner, daß sich die Infanterie der Union fortan auf 38 160 Mann belaufen solle. Die größte Lebensaufgabe Steubens war erfüllt. Da das Werk mit Ansichten und Plänen versehen war, welche de l'Enfant gezeichnet hatte, und die gestochen werden mußten, auch wegen mangelnder Arbeitskräfte in Philadelphia der Druck höchst langsam vor sich ging, wurde das Werk erst im Juni fertig. Wer da weiß, daß sehr bald nach dessen Erscheinen in den Unionsstaaten es nach der Bibel kein populäreres Buch gab als »the blue book«, der wird begreifen, daß unser Held nach Washington auch der volkstümlichste Mann in der Union wurde. Er hatte, ohne irgendeinen Heerführer zu beeinträchtigen, ja, indem er mit diesem Buche jeglichen sich zum Freunde machte, eine Stellung über alle anderen erlangt, die nur von Washington selbst überragt wurde.

Während Steubens Anwesenheit in Philadelphia hatte General Lee mittels der demokratischen Partei, welcher er angehörte, eine Revision seines Urteils durchgesetzt. Die Kommission aber, welche die Akten prüfte, fand indes, daß namentlich Steubens Aussage für Lee, betreffs Monmouth, so gravierend sei, daß von Vernichtung des Urteils keine Rede sein könne. Lee war außer sich. Er richtete an Steuben einen Brief, in dem er ihn ziemlich unverblümt der Feigheit bezichtigte. Steuben erwiderte denselben mit einer Forderung auf Pistolen, welche Major Walker dem Mr. Lee überbrachte. Tödlich erschrocken, revozierte der erbärmliche Lee. So auf allen Seiten kompromittiert, vergaß er sich endlich soweit, Washington einen Brief ohne allen Respekt, ja voller Ungezogenheiten zu schreiben. Washington sandte das Schriftstück an den Kongreß mit der Randglosse: »Er geht – oder ich!« – General Lee wurde cum infamia entlassen. Man hat nie wieder von ihm gehört.

Die Sommerkampagne sollte beginnen, Steuben wollte wieder ins Hauptquartier. Seine Geldmittel aber waren in Philadelphia durch die außerordentlichen Nebenkosten des Werkes aufgebraucht, die Summen, welche der Staat ihm gezahlt hatte, unzulänglich gewesen und durch die vielfachen Dienstreisen erschöpft. Die Kassen der Union aber waren leer. Ohne seiner Bedürfnisse zu erwähnen, wandte er sich an den Kriegsrat nur um eine mäßige Entschädigung für seine Offiziere. Sie wurde gewährt. Der Kongreß, Steubens Zartgefühl ehrend und wohl wissend, daß er sogar in Verlegenheit sei, wie er seinen Diener bezahlen solle, ließ ihm 4000 Dollar Equipagengelder einhändigen. Nun konnte er sich reichlich ausrüsten und brach mit seinen Gefährten wieder zur Armee auf.

Seine Aufnahme im Lager war ausgezeichnet.

Am Abend gab Generalin Washington zu Ehren des Barons eine große Soiree.

Als Steuben eintrat, war Sigh die erste Person, welche er sah. Sie stand mit Clemence neben Martha und trug ein einfach weißes Kleid im Schnitt der englischen Mode. Steubens Geist hatte trotz aller Arbeiten so manchmal bei ihr und dem greisen Tamenund geweilt, der auf des Obergenerals Wunsch ebenfalls heute im schlichten Kalikohemd erschienen war. Eine wahre Herzensfreude empfand unser Freund jetzt bei Sighs Anblick. Größer, voller war sie geworden, sie war mehr Mädchen jetzt, kein Kind. Ob sie das etwa fühlte, ob es die Kleidung vielleicht machte, oder daß sie lange nicht in Gesellschaft gewesen war, oder ob sie Steubens, des »großen Barons« Benehmen gegen sich doch nicht ganz sicher fühlte, sie schlug bei seinem Nahen die Augen nieder. Die Damen der Offiziere, welche die frühere Bevorzugung Sighs mit dem nunmehr großartigen Ansehen und Einflusse dieses Mannes in Erwägung zogen, waren jetzt höchlichst gespannt, ob derselbe sich treu bleiben werde. Selbst die Frau Exzellenz und Clemence dachten, daß Ehrgeiz und Eitelkeit die menschliche Natur oft verkehren, und daß so mancher sonst wackere Mann, sobald er zu Ansehen und Gewalt kam, sich dessen oft schon geschämt hätte, was ihm sonst lieb und nicht zu gering gewesen war.

Washington führte Steuben feierlich in die Gesellschaft ein.

»Meine Herren Kameraden, meine Damen! Ich stelle Ihnen unter unserem alten Freunde, dem Baron, nunmehr den definitiv ernannten Generalinspekteur und Generalmajor, den Gesetzgeber und Vater unserer Armee vor, wie sie nun nach dem Willen der Republik sein soll. Dies ist, meine Freunde, ein so großes, segensvolles Ereignis, daß wir erst vom heutigen Tage an eine ernstere Zuversicht auf den Sieg unserer Waffen setzen können. Ich heiße Sie im Namen des Offizierkorps der Armee willkommen, bester Baron!«

»Exzellenz« – Steuben verneigte sich –, »indem ich in Ihnen zugleich meinen Herren Kameraden danke, danke ich vor allem Gott, daß er mich nach manchem inneren Kampfe, mancher Täuschung, und nachdem ich genug Fehler begangen habe, doch den rechten Weg finden ließ, meine Absicht ins Werk zu setzen, ohne irgendeines Offiziers Rechte zu verletzen oder dessen Ehrgefühl zu kränken! Fortan kann jeder mir wenigstens mit den Buchstaben des Gesetzes entgegentreten, wenn ich ihm zuviel tue, und ich habe die Beruhigung, daß das Blaue Buch es ist, nicht ich, das unser Leiter ist. Dieser Gnade Gottes, der ich soviel schulde, mögen Sie mir gestatten in dem Wesen zu danken, welches er mir als ein lebendes Beispiel seiner Allmacht und Weisheit vor Augen stellte.« Er ging ehrfurchtsvoll auf Sigh zu und drückte ihre Hand an seine Lippen, dann zog er ein goldenes Kreuz an einem blauen Bande aus der Brusttasche und schlang es ihr um den Hals. »Das ist das Zeichen dessen, liebe Sigh, durch den ich einst zu Gott eingehen will, um dich und sie zu treffen.«

Die Indianerin stand erschüttert. Die Damen umdrängten sie, um das schöne Kreuz zu betrachten. Damals zumal war in dem verarmten Lande Schmuck sehr selten; meist war man durch die Rot gezwungen worden, dergleichen Wertstücke einzuschmelzen. Wer solche wirklich aber noch besaß, pflegte sie gewiß nicht zu tragen. Martha Washington war die erste, welche das Kleinod in die Hand nahm und näher betrachtete. »Meine Freunde,« und das Gesicht der Generalin erglühte in Ergriffenheit, »diese Gabe kennzeichnet unseren Baron ganz! Dies Kreuz trägt den 29. März als Datum! Den Tag der Sanktion des Blauen Buches! – Du kannst stolz sein, liebes Mädchen, auf diese Anerkennung deines Werts!«

Steuben küßte Marthas Hand. »Sie ist derselben auch würdig, Exzellenz. Ich habe unter den Mühen meiner Arbeit oft an Sigh gedacht, durch meiner entschwundenen Liebe Bild das ihre mir zurückgerufen, und Gott hat mich durch sie gestärkt. Es ist nur Dankbarkeit, die ich ihr zolle, ist das Bekenntnis, daß sie mir gleich-, ja daß sie höhersteht, als ich mich selber halte.«

»Das ist nicht christlich, nicht edel allein, mein Freund, das ist wahrhaft republikanisch gedacht, und Sie gehen uns in Anerkennung der Rassengleichheit voraus!« rief Washington. »Wissen Sie, Kameraden, was die Folge sein wird, wenn wir siegen, wenn wir die einige Staaten-Union gegründet haben? Daß nicht nur alle Religionen gleiche Duldung, alle Menschen gleiche Rechte haben werden, sondern daß der Unterschied der Hautfarbe, vor allen Dingen, daß die Sklaverei unter uns aufhört! Steubens Leben und dieses Mädchens ganzes Tun hat bewiesen, daß in Amerika allerdings ein Adelsprivilegium herrscht und ewig herrschen wird, das Vorrecht, der beste Mensch zu sein! Solche Aristokraten aber wollen wir Sansculotten werden. Ich bringe dem Baron, dem Präses der Sansculottes, dies Glas zu!«

Die Soiree verwandelte sich in ein patriotisches Freudenfest, Steuben wie Sigh waren stillschweigend dessen Heldenpaar geworden.

So war damals der Geist beschaffen, welcher jene Recken durchflammte, die in zähem Ringen langsam aber sicher Albion das Szepter über Amerika entwanden und es zerbrachen, um an dessen Stelle die Faßes zu setzen. Das waren ihre Hoffnungen und ihre Absichten. Die Befreiung ihres Landes erreichten sie allerdings, aber die Konsequenzen der Befreiung nicht mehr, sonst wäre der blutige, jahrelange Sezessionskrieg unmöglich gewesen. Wilde Gier nach Besitz, Aussicht auf schrankenlosen Reichtum ließ nachmals die Yankees von der sittlichen und heroischen Höhe herabsinken, zu welcher der Befreiungskrieg sie erhoben hatte, und Amerikas kranke Gesellschaft konnte endlich nur durch eines jener großen Blutopfer gesunden, welche die Vorsehung den Völkern mitunter zu ihrer Reinigung schickt.

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