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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 17
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typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
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Monmouth

Die kühne Hoffnung, in kürzester Zeit ein französisches Hilfsheer den Boden Amerikas betreten zu sehen, bewahrheitete sich nicht. Die größere der beiden französischen Flotten unter Graf d'Orbilliers lieferte dem englischen General von Keppel, der sich ihm aus der Höbe von Questant entgegenstellte, eine blutige Seeschlacht, in welcher sich beide Teile den Sieg zuschrieben. Wie dem auch sei, die französische Flotte war so schmählich zugerichtet, daß sie in den Hafen von Brest zurückkehren mußte, also den Amerikanern nichts nutzte. Da nun keine Hoffnung vorhanden war, durch französische Hilfe die Küsten von den Engländern zu befreien, Barrenhill durch der Franzosen Nichterscheinen aber seine strategische Wichtigkeit verloren hatte, marschierte Washington nach Valley Forge zurück.

Inzwischen hatte Frankreich gegen Albion andere, höchst verderbliche Waffen in Bewegung gesetzt. Es hetzte Spanien, den Hyder Ali und die Waratten gegen England auf. Eine siegreiche Rebellion der letzteren, durch Truppen der französisch-indischen Kolonien begünstigt, schien in dem ersten Augenblick den ganzen Besitz der Ostindischen Kompanie zu verschlingen. Vergeblich sandte das Kabinett von St. James Kommissäre mit Friedensvorschlägen an die Union, der Kongreß schlug sie rundweg mit dem Bemerken ab, »daß nur die restlose Räumung des amerikanischen Bodens und Anerkennung der Unabhängigkeit der Union dem Kriege ein Ende machen könne«. In Amerika wie in Ostindien bedroht, ohne Mittel, neue Armeen zu schaffen, mußte England die Kräfte, über welche es zurzeit gebot, teilen. Dem General Clinton in Philadelphia wurde deshalb befohlen, einen Teil seiner Truppen nach Indien zu senden, weil dort der Verlust des Landes näher bevorstand als hier. Diese Schwächung an Macht war der erste Anstoß zur wirklichen Niederlage Englands.

Am 17. Juli hatte Steuben in einer Kriegsratsitzung erklärt, es sei für ihn fernerhin unmöglich, seinen Funktionen nutzbringend obzuliegen, wenn nicht der Kongreß endlich definitiv die Grenzen seiner Machtbefugnisse feststelle. Er wünsche, daß man ihn bei dem beginnenden Feldzuge wenigstens an die Spitze eines Truppeskorps stelle. Die Antwort war eine Aufforderung, seine Sache selbst beim Kongreß zu betreiben. Sofort machte er sich reisefertig, um am anderen Morgen aufzubrechen, und benutzte den Rest des letzten Tages, seinen befreundeten Generalen, Washington und Martha, Clemence und den Damen Lebewohl zu sagen. Mit einiger Verstimmung bemerkte er, daß Sigh nicht bei Greene anwesend war. Auf eine Andeutung gegen Clemence, daß er das Bild gern mitnehmen möchte, entgegnete sie in etwas melancholischem Tone: »Die Kleine hat es immer bei sich und zeigt es nicht einmal. Mittags schon ging sie fort. Sobald sie zur Nacht wiederkehrt, werde ich Ihnen das Porträt senden und hoffe, Sie behalten es dann immer.«

In Anwesenheit der übrigen Damen war es für Steuben unmöglich, dies kurze, geflüsterte Gespräch ohne falschen Verdacht fortzusetzen. Der Baron konnte deshalb über das sonderbare Wort Clemences keine Aufklärung erlangen. Wegen des wertvollen Bildes beunruhigt, durch die auffällige Nachlässigkeit Sighs verletzt, verabschiedete er sich bald. Sinnend schritt er nach seinem Quartier.

»Sie hätte wohl da sein können, um mir die Hand zu geben, wenn sie wirklich Empfindungen für mich hegt«, flüsterte er. »Und dann das Bild! Wie kann ich es in ihren Händen lassen, ist doch sein Platz an meinem Herzen? Was weiß ich denn, was sie damit treibt, und im Grunde bleibt sie doch nur eine Indianerin und ein Kind dazu.«

Mit solchen Gedanken betrat er sein altes Blockhaus wieder. Indem er so sann und sich ernsthafte Vorwürfe machte, sich zu der Indianerin in eine solche Lage gebracht zu haben, vernahm er plötzlich hinter sich das ihm wohlbekannte Seufzen. In der Nähe des plötzlich nun offenen Fensters stand Sigh, trat gebückt zu ihm und reichte ihm das Porträt.

Staunend maß Steuben das jungfräuliche Kind und nahm mechanisch sein Eigentum zurück. »Aber Mädchen, wie bist du hereingekommen?« flüsterte er verlegen und deutete besorgt nach der Tür, welche ihn allein von seinen Offizieren trennte.

Sigh legte ihre Hand auf Steubens Arm und deutete auf das Fenster.

»Aber ich bitte dich,« flüsterte er, »man wird dich bemerken!« Sigh schloß lächelnd mit ihren kleinen Fingern seine Lippen, brachte ihren Mund dicht an sein Ohr und sagte kaum hörbar: »Niemand wird wissen, daß Sigh bei dir war, auch die Generalin nicht! Niemand wird sehen, daß ich hereinkam. Hat Sigh mit dir geredet, schlüpft sie da wieder hinaus in die schweigende Nacht.« Das Antlitz der Kleinen hatte in diesem Augenblick so völlig den Ausdruck kindlich-schalkhaften Triumphes, daß unser Held, so betreten er auch war, ihr nicht zürnen konnte. Ehe er etwas erwidern konnte, hatte sie beide Hände auf seine Schultern gelegt, ihr Gesicht war plötzlich traurig geworden. Dann näherte sie ihre vollen Lippen wieder seinem Ohr: »Du wolltest Sigh etwas sagen, denn morgen gehst du weg. Sage es jetzt, Baron, oh, sage es jetzt!«

Er wandte sanft ihr Haupt, das sich dicht zu ihm geneigt hatte, und flüsterte: »Hast du ihr Bild gesehen?«

»Ich habe es vielmal gesehen«, erwiderte sie ebenso, »und habe es gefühlt in mir. Ich habe ihre Augen angesehen und meine Augen im Wasserspiegel, meine Augen sind ihre Auges.«

»Ich habe sie geliebt, Sigh, so heiß, als mein Herz, meine Seele nur kann, geliebt ganz und gar, ihren Geist wie ihres Leib! Ich kann nach ihr keine andere mehr lieben'«

»Aber meine Augen, die ihre Auges sind, liebst du und kannst sie sowenig vergessen wie die ihren – nein, noch weniger, denn von meinen Augen brauchst du kein Bild.«

»Ja, Sigh, ich liebe deine Augen, aber nichts mehr an dir!« erwiderte Steuben beklommen; seine Pulse begannen heftiger zu schlagen.

»Wenn du doch von mir mußt, wer weiß wie weit, Baron, und du meine Augen liebst – küsse meine Augen!«

Die Bitte wurde so ausgesprochen, die Nähe des lieblichen Mädchens in seiner Unschuld war so bezaubernd, so aufregend und zugleich für Steubens Gemüt so unbegreiflich beruhigend und wohltuend, daß er der Empfindung des Mädchens nachgab. Er nahm es in die Arme, sah in diesen unendlich schönen, großen, zu ihm emporgerichteten, fragenden Blick, und indem er seinen Mund zu ihr niedersenkte und sie die Augen selig schloß, küßte er sie auf die großen, schwarz bewimperten Lider, küßte sie heiß, küßte sie oft und lange. Ach, alle erstorbenen Gefühle standen in seinem Herzen plötzlich wieder auf, Erinnerungstränen rollten aus seinen Augen auf Wangen und Busen der Indianerin. In diesem Momente höchsten Empfindens, da seine Vergangenheit mit der Gegenwart zusammenfloß, küßte er auch ihren Mund.

Sigh trat von ihm weg.

»Du hast ihre Augen in des meinen geküßt, meine Augen sind fortan dein! Du hast aber nicht ihren Mund in dem meinen, den meinen allein hast du geküßt! Mein Mund im Schweigen, im Reden, im Kusse, ist so ewig dein wie der Toten Augen; Manitou will es so. – Lebe wohl!« Im Augenblick war sie durch das Fenster verschwunden, und als Steuben ihr betroffen nachstarrte, sah er, wie ihre Hand von außen das Fenster leise zuzog.

Wir glauben aufrichtig, daß es für ihn sehr heilsam war, als er am anderen Morgen von Valley Forge mit Karl Vogel, Mac Oddon und Fergus nach Yorktown aufbrach, wo der Kongreß eben tagte. Oddon und dessen Neffen hatte er zu dem Zwecke mitgenommen, um bei erster Gelegenheit eins der Schiffe des Susquehannah zu benutzen und auf kürzeste Weise Yorktown zu erreichen. Hierbei konnten ihm die ehemaligen Matrosen des »Flammand«, Onkel und Neffe, nützlich werden und zugleich Proben ihrer Geschicklichkeit in der Flußschifferei ablegen.

Am 22. Juni traf Steuben auf dem Wasserwege in Yorktown ein. –

Doch gar bald belehrte ihn jeder Schritt, den er in den nächsten Tagen bei dem Kongreß tat, daß seine Gegner im Heere ihm nur zu gut entgegengearbeitet, die Regierung völlig umgestimmt hatten. Eine weitere Reform der Disziplin und Verwaltung wurde vertagt. Statt ihm seine früher erteilten Machtbefugnisse wieder einzuräumen, wurden sie noch mehr beschränkt, er wurde zum bloßen Exerziermeister herabgedrückt. Nicht bloß diese persönliche Zurücksetzung kränkte ihn tief, er beklagte auch aufs bitterste, daß alle Resultate seiner rastlosen Mühen in Frage gestellt wurden. Man dachte jetzt nur an die Erneuerung des Krieges, an die Ankunft der Franzosen, und daß man weder Zeit noch Geld habe, sich auf Reformen einzulassen. Während der oft bitteren Verhandlungen und Täuschungen dieser Tage kam Steuben bei einem Erholungsgange um die Stadt der plötzliche Gedanke, sie topographisch in einer Skizze aufzunehmen. Die Stadt war eine kleine, etwas desolate Festung oberhalb Hamptons und dem heutigen Fort Monroe am York-River und auf der breiten, hügeligen Landzunge gelegen, welche der York- und Jamesfluß bilden, und die sich fast am Eingange der Chesapeakbai befindet, also einer Landung sowohl für die Engländer wie für die Franzosen überaus günstig war. Gut ausgebaut und stark armiert, konnte sie den Freunden der Union nicht nur als Verteidigungsfeste, sondern als Schlüssel zu der ganzen Bai und ihrer zahlreichen Flußmündungen dienen.

Wenige Tage später schwamm der Kongreß und ganz Yorktown in Seligkeit. Der englische General Clinton, an Truppen stark geschwächt, hatte Philadelphia am 18. aufgeben müssen und zog nun durch New Jersey, um den Hudson und New York zum Zentralwaffenplatz und zur Basis seiner Operationen zu machen. Als Präsident Morris dem Baron diese Nachricht mitteilte, sprach er seine Überzeugung aus, Washington werde diesen Zug Clintons zu verhindern suchen. Auch Steuben zweifelte nicht daran und, sofort aufbrechend, zeigte er sich bereit, Clinton rekognoszierend nachzufolgen, um dann mit der amerikanischen Hauptarmee, wie ihm für diesen Fall befohlen war, zusammenzutreffen.

Steubens direktes Ziel war Philadelphia, wohin er sich weitere Weisung erbat; er wollte dem Feinde möglichst bald an die Fersen kommen. Den Delaware hatte Clinton zwar schon überschritten, aber wenn es den Unionstruppen gelang, ihn an der Erreichung des Hudson zu hindern und auf der Landzunge von New Jersey zu packen, so konnte das leicht den Untergang der englischen Hauptarmee zur Folge haben. Washington war sicher der Mann nicht, sich diese Möglichkeit entgehen zu lassen. Steuben betrat zum ersten Male Philadelphia, die Wiege der ersten Unabhängigkeitserklärung Amerikas. Engländer und Hessen hatten die sonst so schmucke, blühende Stadt von Schmutz und Ungeziefer starrend zurückgelassen. In Slate Hause, einem damals berühmten Privathotel in der zweiten Straße, traf Steuben solche Scharen von »hessische Fliegen« an, wie sie die Philadelphia titulierten, daß er bei Tag und Nacht nicht Ruhe fand. Seines Bleibens war auch nur kurze Zeit. Washington hatte ihm Duponceau über Porktown sofort nach der Kunde von Clintons Abzug mit dem Befehl nachgeschickt, zur Armee zu kommen, dieselbe werde fünfzehn Meilen oberhalb Philadelphia bei Corryels Ferry über den Delaware gehen und den Feind angreifen.

Washington hatte bereits Maxwells Brigade zur Verfolgung des Feindes abgeschickt, diesem General aber zugleich befohlen, sich mit Dickinson, dem General der New-Jersey-Milizen, zu vereinigen und mit ihm dem Marsch des Feindes möglichst zu hindern. Zu demselben Behufe waren auch die Divisionen Lee und Woyne entsendet, hatten aber Auftrag, am ersten günstigen Punkte den Anmarsch der nachrückenden Hauptarmee zu erwarten. Washington hatte am 24. bereits Hopewill, fünf Meilen von Princeton, erreicht, dort traf Steuben mit ihm zusammen. Sofort wurde Kriegsrat gehalten. Sechs Generale mit Lee an der Spitze meinten, daß man sich einer Schlacht enthalten, höchstens 1500 Mann zur Beunruhigung des Feindes verwenden möge. Steuben mit den übrigen Generalen stimmten aber fürs Losschlagen, und der Obergeneral übernahm auf eigene Verantwortung hin die Schlacht. Um Gewißheit über die Bewegungen des Feindes zu erlangen, beorderte er Steuben und dessen Offiziere zur Rekognoszierung.

Clinton war inzwischen nur langsam von Glocester Point, links des Delaware, nach Haddenfield und Mont Holly, von da nach Croßwicks und Allentown gerückt. Vom letzteren Punkte liefen nach New York zwei Straßen, die linke über Brunswick und South Amboy, die zur Rechten über Monmouth und Sandy Hock. Am 25. vermochte Steuben dem Brigadegeneral Scott mitzuteilen, Clinton schicke sich an, rechts über Monmouth zu gehen, er stelle ihm anheim, mit seinem Corps bis Highestown zu rücken und die Kommandeure der vorgeschobenen Corps über den Marsch der Engländer aufzuklären. Clinton, dem Steuben mit der Brigade Scott hart auf den Fersen war, kam erst am 27. in die Nähe von Monmouth Courthouse. An demselben Tage konnte Steuben die Stellung der Engländer genauer ermitteln, wobei ihm Tamenund und Yokomen durch Kundschafterei besonders nützlich waren; stillschweigend hatten sie sich ihm in Princeton angeschlossen. Nachdem er Washington durch eine Depesche über die Situation am Mittag aufgeklärt hatte, der Gegner aber bis Abend untätig stehenblieb, begab sich der Baron mit seiner persönlichen Begleitung in Washingtons Hauptquartier.

Die Schlacht stand also vor der Tür.

Die Morgensonne des 28. Juni strahlte feuriger als jemals über dem Kampfgefilde. Bei Anbruch des Tages schickte sich der Baron in Begleitung Walkers und Tenants an, die etwa veränderte Stellung des Feindes bei Monmouth zu ermitteln, und begab sich nach einem links von einem dichten Walde gelegenen Höhepunkt, der ihm klaren Einblick in die Stellung der Briten und Hessen bei Courthouse verstattete. Der Feind verließ eben seine Stellung und bewegte sich in das zwischen Courthouse und Middletown gelegene Tal hinab. Clinton, der glauben mochte, der Angriff habe es auf sein Gepäck abgesehen, hatte dieses zur Avantgarde der Hessen unter General Knyphausen beordert, während er seine zuverlässigsten Truppen unter Cornwallis in die gefährdete Nachhut stellte.

Steuben mochte sich auf seinem Rekognoszierungspunkte dem Feinde wohl zu sehr ausgesetzt haben, denn als er mit seinen Wahrnehmungen gerade zu Ende war, raschelte es plötzlich im Gehölz. Seine Augen schnell dahin wendend, sah er, daß zwei hessische Reiter auf ihn zuritten. Er feuerte seine Pistole auf sie ab, wendete sein Pferd, setzte über eine Hecke, wobei er den Hut verlor, und gelangte glücklich ins Hauptquartier nach Englishtown. Nicht ohne trübe Besorgnis dachte er an seine Adjutanten, die wahrscheinlich abgeschnitten und gefangen waren.

Zum Bedauern war indessen keine Zeit. Er stattete Washington Rapport ab, indem er sagte, daß der Feind sich auf den Marsch begeben habe und es zu bezweifeln wäre, ob man ihn noch einholen könne. Sofort hatte Washington dem General Lee, welcher die Avantgarde führte, Befehl zum Angriff gegeben, um zu verhindern, daß Clinton die deckende Höhe von Middletown gewinne. Steuben ritt wieder nach Monmouth zurück, um zu sehen, wie weit der Feind im Tale hinab sei, und bemerkte dort nur noch, daß einige amerikanische Milizkompagnien dem Gegner hitzig nacheilten. Er kehrte hierauf in Englishtown ein, um zu ruhen und etwas zu sich zu nehmen, da er seit der Tagesdämmerung zu Pferde gewesen war. Erfrischt, saß er wieder mit Walker, Tenant, Duponceau und North auf, um den Obergeneral aufzusuchen. Kaum war er aus dem Orte gelangt, als er heftigen Kanonendonner hörte.

»Das muß Clintons Arrieregarde sein, General Lee hat ihn also gepackt. Vorwärts, ihr Herren, wenn wir noch etwas nützen wollen!« Steuben galoppierte auf die seitwärts gelegene Höhe und traf Washington, der eben seine anmarschierenden Truppen in Schlachtordnung stellte, während vorn in der Niederung die Avantgarde Lees im Gefecht stand.

»Stellen Sie die Flankenbatterie da am Höhenrande auf, Baron! Schaffen Sie Lee Luft, und halten Sie den Feind unter Feuer!« befahl Washington.

Steuben ritt zu dem erwähnten Punkt, ließ mit Hilfe seiner Offiziere die besagte Batterie postieren, richtete selbst die Geschütze und begann das Schießen. In demselben Augenblicke aber sah er die Avantgarde weichen, verfolgt von etwa 2000 Mann des Korps Cornwallis. Todesbleich kam General Lee im Galopp an Steuben vorüber, von seinen fliehenden Leuten umgeben.

»Vorwärts die Divisionen Greene und Smalwood!« donnerte Washington, »Angriff auf der ganzen Linie!« – Unter heftigem Kugelregen und scharfer Kanonade führte er sein Gros über die Höhe herab, indes Steuben mit der Batterie die den fliehenden Leuten Lees nachdringenden englischen Kolonnen so scharf in die Flanken nehmen ließ, daß, von den eigenen Verwundeten und Leichen behindert, Cornwallis eilig zurückging, um sich dem Gros Clintons wieder anzuschließen.

Wenige Augenblicke hierauf kam Alexander Hamilton auf dampfendem Gaule die Höhe empor. »Der Obergeneral läßt für die Abweisung des Feindes danken und befiehlt Ihnen, die Division Lee bei Englishtown zum Stehen zu bringen, die Führung derselben zu übernehmen und sie zu seiner Unterstützung bereit zu halten. Ich bleibe bei der Batterie, die gleich Sukkurs erhält!«

Ohne ein Wort der Erwiderung zog Steuben den Degen und setzte sein Pferd in Karriere, die Adjutanten folgten ihm. Er traf bald genug auf die hintersten fliehenden Bataillone Lees. Er warf sein Pferd zwischen sie mit donnerndem »Halt«.

»Seid ihr Amerikaner oder feige Hunde? Seid ihr Soldaten, die ich geschult, seid ihr trotzige Herzen oder Memmen? Halt in Amerikas Namen! Walker, North, Tenant, rufen Sie alle andern zurück!«

»Baron,« sagte der Oberst bitter, »General Lee wich hinter uns, so mußten wir Vordersten endlich zurück, wir hatten die ganze Wucht des Feindes auf uns! Wären wir von Ihnen geführt worden, wir hätten festgestanden!«

»Jetzt führe ich euch, also steht! Wir gehen in Reserve nach Englishtown. Wenn General Washington uns aber braucht, rücken wir vor, und ich führe euch ins Feuer.«

Inzwischen hatten sich die anderen Bataillone rangiert, es war, als ob ihres Lehrmeisters Nähe sie elektrisierte. Er führte die Division lautlos nach Englishtown. Als er diesen Ort passierte, traf er General Lee, der vor einem Hause hielt.

»Wohin geht es, Baron?«

»Auf Befehl Sr. Exzellenz formiere ich die Division in Reservestellung!«

»Ich bin sehr erfreut darüber,« sagte Lee verlegen, »daß Sie diese Aufgabe übernommen haben. Ich fühle mich sehr ermattet.«

Steuben sammelte dann einen Teil von General Maxwells Brigade und einen Teil des Detachements Scott hinter dem Bache der Stadt. Kaum hatten die Truppen ihre Position eingenommen, als General Patterson mit drei Brigaden der zweiten Linie, die zurückstand, ankam.

»Ich wünsche zu wissen, Baron, wo Sie für dienlich halten, daß ich mich aufstelle.«

»Haben Sie die Güte, ein wenig rückwärts auf der Höhe Stellung zu nehmen und mir eine Batterie hierzulassen!«

Pattersons Korps nahm Stellung, die Batterie fuhr bei Steuben auf, und er ließ sie auf dem rechten Flügel der zweites Brigade des Generals Smalwood aufstellen. – Inzwischen hatte vorn die Kanonade beiderseits ununterbrochen fortgedauert. Eine halbe Stunde nach Steubens Aufstellung überbrachte Oberst Gemat Washingtons Befehl, »daß der Baron ihm Verstärkung zuführen solle, da der Feind nahe am Wanken sei, seine eigenen Truppen aber sehr erschöpft wären«.

Steuben sprengte zu Marwell.

»Mein General, ich übergebe Ihnen das Kommando sämtlicher Reserven, bleiben Sie hier bis auf weitere Order!« – Vor die Division Lee hintretend, rief er: »Ich gebe mir laut Oberbefehl jetzt die Ehre, die Division gegen den Feind ins Feuer zu führen! Vorwärts für Jung-Amerika!«

»Jung-Amerika for ever!« donnerte es die Linien entlang. Die Trommeln rasselten, und wie in Parade rückten sie durch Englishtown.

Lee kam dort auf Steuben zugeritten. »Wo wolle Sie denn hin? Vorrücken?«

»Der Feind wankt, der Obergeneral befiehlt mich zum Sukkurs!«

»Ich bezweifle, Sir, daß der Feind das tut und Washington die Division befohlen haben kann!«

»Ich erhielt die Order vom Oberst Gemat!«

»Es muß ein Irrtum sein!«

Steuben wendete sich: »General Mühlenberg, lassen Sie Ihre Brigade halten, die anderen Truppen gehen laut Befehl vor! Rufen Sie Oberst Walker, Duvonceau!«

Wie ein Steinbild auf seinem Pferde haltend, ließ Steuben, nachdem Mühlenberg eingeschwenkt hatte und hielt, die übrigen Truppen an sich vorüberziehen, und jede Kompanie begrüßte ihm mit Hurra. Inzwischen brachte Duponceau Walker heran.

»Sagen Sie doch General Lee, welche Order mir Oberst Gemat und von wem er sie überbracht hat! Ich wünsche Ihnen Ihr Bestes, General!« – Damit befahl er auch der Brigade Mühlenberg den Weitermarsch und begab sich eiligst an die Tete der Truppen kurz vor ihrem Einrücken in die Schlachtlinie. Das Erscheinen der unlängst geflohenen Division Lee wurde von Washington auf der Höhe anfänglich mit der höchsten Sorge beobachtet. Die Truppen aber, an Steubens Leitung gewöhnt, setzten ein so großes Vertrauen auf sich, daß sie, obwohl bereits von feindlichen Kugeln überschüttet, mit einer Kälte und Unerschrockenst aufmarschierten, wie sie nur alte, Truppen besitzen. Steuben ließ sie ohne einen Schuß in die Stellung rücken, ob der Feind auch herandrängte. Dann aber gab seine Division in nächster Nähe auf ihn Feuer.

»Zur Attacke! Sturm!«

»Hurra!« – – General Clinton und Cornwallis wurden geworfen. Die anderen schon ganz ermatteten Teile der Unionsarmee schlossen sich jetzt dem Vorstoße Steubens an, das »Aufrollen« des Feindes begann. Sicher wäre es geglückt, die englische Armee zu zertrümmern, hätte man nur noch zwei Stunden länger Tag behalten. Die Dunkelheit machte dem Treffen ein Ende. Washington befahl, das Gefecht abzubrechen, die Truppen aber in ihren Stellungen biwakieren zu lassen, nachdem Beobachtungsdetachements vorgezogen worden seien; er erwartete zuversichtlich, den Angriff am nächsten Tage zu erneuern. –

Er täuschte sich indessen. Die englische Armee, heillos zugerichtet, zog es statt eines neuen, verhängnisvolleren Kampfes vor, unter dem Schutze der Nacht über Monmouth nach Sandy Hock zu flüchten, wo sie zu Schiff New York erreichte.

Allerdings war es durch Lees Verschulden unmöglich geworden, zu rechter Zeit den Feind noch zu umspannen und von der Richtung nach New York abzudrängen, aber ein Sieg, der erste auf freiem Felde und in geschlossener Linie, war erkämpft worden, Steubens Schulung und Organisation hatte sich bewährt. Alle Generale – natürlich Lafayette und dessen Anhänger ausgenommen –, die Truppen und ihre Unterkommandeure aber besonders, waren in ihrem Lobe, ihrer Begeisterung für Steuben einig. Auf der blutigen Walstatt wurde am anderen Morgen Revue gehalten.

Nachdem die Hauptarmes gerastet und ihren Bedürfnissen genügt hatte, trat sie ihren Weg nach Brunswick, in den folgenden Tagen weiter über Bergen, Paramus und Haverstraw nach dem westlichen Ufer des Hudson an, welchen sie bei Kingsferry überschritt und am 20. Juli zu Whiteplains anlangte. Dort nahm Washington sein Hauptquartier. In einem Armeebefehl wurde Steuben zwei Tage später seines temporären Kommandos enthoben, in seine alten Funktionen wieder eingesetzt und die Division Lee unter Washingtons direkten Befehl gestellt. Lee aber war nach Philadelphia gegangen, wo nunmehr der Kongreß seinen Sitz genommen hatte, um vor demselben sein Verhalten bei Monmouth zu verantworten.

Friedrich von Steuben, der bei dem Siege den Ausschlag gegeben hatte, wurde also das Kommando der Division, die er so glorreich geführt hatte, nicht belassen. Er war wieder in die Stellung des bloßes Drillmeisters zurückverwiesen. – Er wußte, daß sein Erfolg bei Monmouth die Feindschaft alter wie neuer Gegner im Heere gegen ihn erregt hatte, und daß man ihm weder seine Kenntnisse, noch daß er ein Fremder sei, zu vergeben wußte. Er kannte die Schwierigkeiten, mit denen Washington bei seinen Generalen zu kämpfen hatte, aber er konnte sich eine solche Behandlung dennoch nicht gefallen lassen.

Washington erwiderte, es sei ihm sehr leid, die Sachen ständen indessen so, daß sämtliche Brigadegenerale mit ihrer Entlassung gedroht hätten, falls dem Baron das Divisionskommando verbleibe. Sie beklagten sich, daß die amerikanische Hauptarmee während des letzten Marsches durch drei fremde Generale, von Kalb, Lafayette und Steuben, kommandiert worden sei, der Kongreß aber habe Steuben allein als Generalinspekteur und nominellen Generalmajor angestellt. Steuben erbat sich Urlaub, um in Philadelphia beim Kongreß eine Erklärung zu verlangen, ob seine Befugnisse endlich festgestellt werden sollten, da Oberst de Neuville, ein Anhänger Lafayettes, welcher früher bei Gates Generalinspekteur gewesen, jetzt aber im Hauptheere war, ihm jede Subordination verweigert und erklärt habe, er diene nicht unter ihm! Washington erteilte natürlich den Urlaub und sagte ihm zu, er werde alles aufbieten, ihn in seinen Rechten als Generalinspekteur zu schützen, mehr könne er der Unzufriedenheit der Offiziere wegen aber nicht tun, wolle er nicht das Ganze in Gefahr bringen.

Mißmutig hatte sich Steuben bei der Generalin und den Damen empfohlen, vor Greene und Clemence aber seiner Bitterkeit den vollsten Ausdruck gegeben.

»Lieber Baron,« sagte Nathanael, »Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin und Ihnen jedes Kommando schon in der Überzeugung gönne, es gereiche meinem Lande zum Segen. Wenn Sie aber glauben, es sei unter den übrigen amerikanischen Offizieren nur ein gemeiner Neid, eine Verkennung Ihres Wertes und ein persönliches Übelwollen gegen Sie im Spiele, dann sage ich Ihnen, Sie täuschen sich! Sie tun meinen Kameraden unrecht. Natürlich nehme ich ja einzelne elende Kerle unter uns aus, Lafayette, Lee, Gates, Neuville, Arnold. Ich wüßte aber sonst wirklich keinen, der Sie nicht hoch achtete, Ihr Verdienst nicht ebenso schätzte wie Sie selbst. Seien Sie nur auch gerecht! Es dienen sehr viele fremde Offiziere unter uns, die unseren heimischen Generalen die höheren Chargen versperren!«

»Ist es denn besser, unter Lee geschlagen zu werden, als unter Steuben das Feld zu gewinnen?«

»Welche Frage? Aber nicht alle fremden Offiziere sind Steuben, lieber Freund, und wir waren in der Wahl eines großen Teils Fremder unglücklich genug! Verdenken Sie denn uns einheimischen Offizieren, wenn wir eifersüchtig sind auf den Ruhm, doch auch unseres Landes Unabhängigkeit miterkämpft zu haben? Sollen wir als Bettler an Ehre neben Ihnen am Tage des Friedens stehen und uns scheel ansehen und sagen lassen: ›Ja, selber habt ihr nie was gekonnt, Fremden verdankt das Land alles‹?«

»Sie haben ein zu gerechtes Herz, Baron!« Damit legte Clemence ihre Hände sanft auf Steubens Arm. »Sie können das an uns nicht verdammen, was Sie ebenso als Offizier in Ihrer Heimat schmerzlich empfinden müßten, wenn es dort wie hier zugegangen wäre.«

»Sie haben recht, teure Frau, immer haben Sie recht! Aber ich hatte gehofft, man werde mich hier bald als Amerikaner ansehen, denn wie ein Amerikaner Ihres Blutes habe ich bisher gefühlt!«

»Weiß ich denn das nicht, mein einziger Freund?« rief Greene. »Aber wie können Sie von den anderen schon verlangen, daß sie Ihnen den besonderen Ehrenplatz einräumen, den Sie in unseren Herzen haben?«

»Sie müssen warten können,« sagte Clemence, »warten wie Sigh – mit Seufzen! Ja, ja, es ist schon so! – Aber wenn Sie mutvoll warten, wird Ihnen alle Welt einst die Palme geben, die Ihnen gebührt!«

Steuben küßte der holden Trösterin die Hand und umarmte Greene. Am anderen Tage befand er sich auf dem Wege nach Philadelphia.

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