Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Albert Emil Brachvogel >

Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/brachvog/steuben/steuben.xml
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121126
projectid41de028a
Schließen

Navigation:

Les Sansculottes

Andern Tages früh, bei gelindem Frost und klarem Wetter, stieg der Baron mit seinen Begleitern zu Pferde. Gegenüber von Washingtons Quartier fand sich dessen berittene Suite ein, und Trommelrasseln wie Hornsignale und die ameisenhafte Bewegung im Dorfe zeigte, daß die Regimenter schon im Ausrücken begriffen seien. Noch am Nachmittag des gestrigen Tages hatte der Obergeneral einen Armeebefehl erlassen, in welchem dem Heere die Ankunft des »Barons, des Adjutanten des großen Preußenkönigs«, angekündigt und eine Parade zu dem Zweck befohlen wurde, um die Tüchtigkeit der Armee zu prüfen, deren Mängeln aber auf frischer Tat abzuhelfen.

Jetzt saß unser Held nebst Genossen zu Pferde und erwartete das Erscheinen Washingtons, dessen bekannter Schimmel mit einem anderen, ebenfalls weißen Pferde eben vorgeführt wurde. Washington trat aus der Tür, gefolgt von einem noch sehr jungen Manne mit kurzgelocktem, brennend rotem Haare, vornehmen, sehr lebhaften Zügen, der eine strahlende französische Generalsuniform trug; hinter beiden wurden etliche Adjutanten sichtbar. Washington und der rotblonde Franzose saßen, nachdem sie der Anwesenden Gruß erwidert hatten, auf, Washington sprengte auf Steuben zu, parierte sein Pferd und sagte:

»Meine Herren Kommandeure, ich stelle Ihnen den preußischen Baron Steuben vor, dessen Ankunft wir längst erwartet haben. Sie werden ihn als den beim großen Stabe angestellten Instrukteur der Armee so lange ansehen, bis der Kongreß seine Wirksamkeit und Stellung definitiv festgesetzt haben wird. Kommen Sie ihm mit demselben aufrichtigen Vertrauen entgegen, das ich für ihn hege. Sehen Sie in ihm den preußisches Kriegsmann, der Schüler und Freund seines großes Monarchen gewesen ist und unter uns erscheint, um der Armee und dem Lande wie ein Patriot, freiwillig und opfermutig, zu nützen. Die Generale Greene, Stirling und Gates kennen Sie schon, Baron. Hier ist Generalinspekteur Convay, dem ich befehle, Ihnen jede verlangte Auskunft und Einblick in seine Papiere zu geben.«

Er deutete auf den rotblondes Franzosen.

»Dies ist mein vorzüglicher Freund, Generalmajor Marquis de Lafayette! – Hier aber sind die Generale Charles Lee, Mifflin und – Benedikt Arnold!« –

Er warf Steuben einen scharfen Blick zu.

Steuben verbarg seine plötzliche Erregung. Das war der Mann mit den verwachsenen Augenbrauen.

»Ferner empfehle ich Ihnen meine Generalstabsoffiziere und militärischen Vertrauten, die Obersten Laurens und Alexander Hamilton, General Kalb, Oberst Armstrong und de Neuville. Die anderes Kommandeure stelle ich Ihnen bei den Truppen vor. Folgen Sie uns, meine Herren, und machen Sie sich mit den Offizieren des Barons bekannt.«

Damit setzte sich Washington nebst Steuben an die Spitze der Suite. Sie verließen den Ort und trabten einer weiten Ebene zu, auf welcher in langen dunklen Linien die Armee aufgestellt war.

»Exzellenz, Sie haben keine Stabswache?«

»Wieso? Was ist das?«

»Es ist eine Truppe, welche die Pflicht hat, den Oberbefehlshaber wie dessen Stab zu begleiten, zu verteidigen und sein Hauptquartier zu beschützen.«

»Eine Leibwache? Ich? Das mag für einen König taugen, nicht für Washington!«

»Sie sehen das, meines Erachtens, nicht richtig an, Exzellenz! Jeder Obergeneral jeglichen Landes hat eine solche Wache im Kriege! Nicht nur dürfen Sie, das Ganze einer Schlacht im Auge, auf Ihre Person nicht achten, Sie müssen sich auch rücksichtslos der Gefahr im Gefecht wie bei Rekognoszierungen aussetzen. Ferner ist noch Ihr Stab nebst Adjutanten da, die mit Ihren Befehlen beschäftigt sind, sich also weder um Ihre noch um die eigene Person kümmern können. Dazu aber ist diese Stabswache eben da und hat zu verhindern, daß nicht eines Tages die Armee ohne Feldherrn und Generalstab sei!«

»Es liegt viel Wahres darin, aber es ist eine aristokratische Neuerung!«

»An Neuerungen muß sich Exzellenz nicht stoßen, wenn ich Ihnen hier von Nutzen sein soll. Nicht darum, ob dieselben aristokratisch oder demokratisch sind, handelt es sich, sondern ob sie gut sind!«

»Haha, und da fangen Sie gleich mit denselben bei mir an?«

»Es ist der logische Weg von oben nach unten! Übrigens wird diese Stabswache dem ganzen Heere zugute kommen.«

»Wieso?«

»Ich werde sie kommandieren, folglich sie auch exerzieren. Wir nehmen dazu meine Ehrenwache, die ich nicht brauche. Sind die Leute ausgebildet, dann kommt eine neue Kompanie daran, damit man sieht, was aus dem einzelnen Manne unter geschickter Leitung zu werden vermag.«

»Sie können doch aber so die ganze Armee nicht disziplinieren?«

»Nein, die Stabswache soll gewissermaßen nur unser Lehrbataillon sein, unsere Soldatenakademie, welche dann für die übrigen die Instruktoren und Exerziermeister abgibt. Die anderen Truppen aber lassen wir einstweilen regimenter- und brigadeweise üben, die muß man vorerst in der Totalität ausbilden. Das ist allerdings der völlig umgekehrte Weg wie in Preußen, wo man mit dem einzelnen Mann anfängt, aber dieser Weg ist für Amerika und unsere mißliche Lage der einzig gebotene, wenn wir hoffen wollen, nächsten Sommer schon mit besserem Glück an den Feind zu kommen.«

»Ich erkenne jetzt Ihre Absicht, Sie fangen die Reform an beiden Enden auf einmal an! Das ist gut. Ich werde die Stabswache bewilligen und ganz nach Ihrem Sinne handeln. Lassen Sie uns jetzt die Fronten abreiten, dann defilieren die Truppen. Ich bitte nach der Parade um Ihre Meinung.«

Diese Parade unterschied sich von Falstaffs berühmter Garde nur durch die größere Zahl und eine barockere Vielseitigkeit der Leute. Dort sah man Musketiere, die kein Bajonett, statt der Patronentasche aber einen leinenen Beutel am Säbelgurt hatten. Jenen fehlten die Seitengewehre, diesen die Flinten. Kavalleristen ritten zwar auf Sätteln, aber ohne Schabracken, andere auf Decken, aber ohne Sättel. Manche Pferde hatten keine Zäume, sondern nur Halfter. Die Bespannung der Artillerie war höchst ungleich und die Bekleidung erbarmungswürdig. Viele hatten statt der Hemden den Leib in Decken gewickelt, und ein Hauptmann trug sogar einen zerfetzten Schlafrock, von dem Regimentsschreiber aus verschiedenen Kalikoresten verfertigt. Ebenso sonderbar war, was man hier unter Marschieren und Exerzieren verstand. Dabei zeigten Offiziere wie Leute jedoch einen Ernst, einen Eifer, eine Lust, ein so stolzes Selbstbewußtsein, daß es sehr bedenklich gewesen wäre, über sie zu lachen. Während dies sonderbare militärische Schauspiel vor sich ging, erklärte Washington halblaut Steuben, woher diese Mängel alle stammten, welche an dem Mißlingen jeder größeren Aktion bisher schuld gehabt hätten.

Die Revue näherte sich dem Schlusse.

»Nun Ihre Meinung, Baron!«

»Sie ist, Exzellenz, daß trotz dieser Mängel, trotz dieser Disziplinlosigkeit und schlechten Ausrüstung dennoch England, kämpfte es auch hundert Jahre, sich niemals zum Herrn Amerikas machen wird! Diese Leute, über die man in Preußen lachen dürfte, werden dem besten englischen Heere dennoch stets verderblich sein, denn ihnen stehen nach jeder Schlappe diese kolossalen Einöden des Gebirges, diese Urwildnisse als Schlupfwinkel zu Gebote, und sie werden stets über die englischen Korps dann wieder mit Feuereifer hereinbrechen, wenn sie gekräftigt sind, der Gegner aber eine Blöße bietet! Durch Waffengewalt erliegen kann die Union also nie, England müßte denn ein Xerxesheer von einer Million an diese Küste werfen. Bei diesen Zuständen der Armee kann aber Amerika auch nie siegen, nie die englische Tyrannei abschütteln. Geld und Kräfte des Landes müssen schließlich versiegen, der Geist der Vaterlandsliebe ermatten. Das Volk wird sich dem Gegner dann mit jener Zahmheit beugen, welche die Frucht der Erschöpfung und Verzweiflung ist. Sie sagen, diese Leute sind nur auf sechs oder neun Monate geworben? Wie ist es möglich, in dieser Zeit aus ihnen Soldaten zu machen? Und wenn sie weniger Sold bekommen, als zu ihrer Existenz nötig ist, wie sollen sie bei der Fahne dauernd erhalten werden? Millionen sind verpraßt, Gott weiß wie, aber die Armee darbt an allem! Der Geist der Truppen muß ja verwildern, und wenn Sie seufzend klagen, daß jeder Leutnant zwei und drei Diener aus seiner Truppe wählen darf, Obersten und Generale aber noch mehr, nun, so ist die Armee, die ich in Europa so bewundern hörte, ein Bedientenheer geworden, wie ich es schmählicher in keinem Lande sah!«

Washington reichte Steuben die Hand. »Entwerfen Sie ein Memorial über die Art, wie die Heeresverwaltung, Verpflegung, Gliederung oder dergleichen in Preußen geordnet ist. Heute abend sieben Uhr sind Sie mit Herrn Duponceau mein Gast; ich erwarte den Propheten!« Er lüftete den Hut, begab sich in die Mitte der Suite und befahl sämtliche Offiziere der Armee vom Major aufwärts heran. Er entfaltete einen Brief.

»Laut Beschluß des Hohen Kongresses ist Generalinspekteur der Armee, Convay, direkt unter meine Befehle gestellt und hat mir allein Rechenschaft zu geben. Baron Steuben ist meinem Stabe einverleibt und soll alle Mängel der Armee untersuchen und als Instruktor bei derselben fungieren. Ich ernenne ihn zugleich zum Kriegsrat und gebe ihm außer seinen mitgebrachten Offizieren die Herren Benjamin Walker, Fish und English und versehe mich zu dem Heere und allen Offizieren, daß sie die Bemühungen des Barons mit entgegenkommendem Eifer vergelten, unsere Mängel entfernen und uns zum Siege verhelfen werden! – Kameraden, der Baron hat soeben versichert, daß, ob ihr auch jetzt in Lumpen steht, schlecht verpflegt und bewaffnet seid, es unmöglich ist, daß England uns je überwinde! Aber er schwört mir ebenso zu, daß wir nie unsere Feinde aus dem Lande werfen werden, wenn es so weiter fortgeht! Ich werde eine Lehrkompanie bilden, die der Baron exerzieren wird, ferner wird er die Armee regimenter- und brigadenweise einüben lassen. Unsere Lage, meine Freunde, ist so traurig, daß jeder, welcher Amerika liebt, einen Mann freudig begrüßen muß, der die Fähigkeit und den Willen mitbringt, unsere Verhältnisse zu bessern. Ich befehle dem Baron Steuben, ans Werk zu gehen!« –

Diese englisch gehaltene Ansprache des Obergenerals wiederholte Hamilton französisch. Steuben aber, den Hut ziehend, erwiderte:

»Ich gehorche Ew. Exzellenz Befehl! Ich habe keine andere Absicht, keinen anderen Willen, als daß Amerika frei und unabhängig werde und der letzte Engländer seinen Küsten bald den Rücken wende!«

»Freiheit! Unabhängigkeit für immer!« rief das Offizierkorps ringsum.

»Amerika und die Union!« hallte es von tausend Zungen wieder.

Man kehrte ins Dorf zurück, und unser Held eilte in sein Quartier, um sofort das Memorial und eine erste allgemeine Instruktion für die Armee zu erlassen. –

Der zweite Abend von Steubens Anwesenheit in Valley-Forge sollte indessen sehr unmilitärisch schließen und unseren Helden in ungeahnter Weise erregen. Als er mit Duponceau bei Washington eintrat – es war etwas später geworden –, fand er außer Hamilton, Greene, Lord Stirling und Lafayette auch Benedikt Arnold vor. In einem Winkel am flammenden Herde saß, auf die Erde gekauert, Sigh. – Sie sprang auf, ihr eigentümliches Seufzen klang wieder, und sie reichte Steuben die Hand. »Er wird kommen«, flüsterte sie. Dann ging sie an ihren Platz zurück.

»Wir warten schon eine Weile auf Sie, Baron!«

»Ich wollte nur das Memorial fertigstellen, das auf die Gliederung und Verwaltung der preußischen Armee Bezug hat, denn diese, Exzellenz, müssen wir unserem Beginnen zugrunde legen.«

»Das ist richtig. Ich sehe ein, Sie sind schnell bei der Hand. Natürlich dachten Sie an die Stabswache noch nicht?«

»Sie exerzierte heute vier Stunden; mein Diener, ein alter Infanterist, und Kapitän Romanai instruieren sie.«

»Gut. Nun lassen Sie uns zu Tische gehen. Sigh, der Diener mag das Essen bringen!«

Man begab sich in ein größeres Nebengemach und nahm an der Tafel Platz. Das Gespräch war zwanglos und lebhaft. Es drehte sich um die Neubildung der Armee, und gegen Convays Wirtschaft wurde schonungslos hergezogen. Nathanael Greene zumal ließ in bitterer Satire Steuben einen Blick in das unglaubliche Chaos von Unordnung und Verschwendung tun, welches in allen Branchen der militärischen Verwaltung herrschte, so daß Überfluß wie Mangel gerade stets dort herrschte, wo beides hinderlich oder verderblich werden mußte. Beim Grogglase, Wein gab es in dem Valley nicht, saß man so noch lange schwatzend und rauchend. Stunde um Stunde verrann; schon begannen die Amerikaner des Barons Absichten zu würdigen, nur die arrogante Großsprecherei Lafayettes, der aus einem kaum neunzehnjährigen Leutnant vor ein und dreiviertel Jahren ein amerikanischer Generalmajor geworden war, und die gar zu heuchlerische Liebenswürdigkeit Arnolds behagten Steuben nicht. Steuben erörterte gerade lebhaft, daß es der größte Mangel der Amerikaner wäre, fast keine Kavallerie zu besitzen, weil dies sie hindere, mit Raschheit in der Ebene zu operieren. Widerreden und Erörterungen folgten. Washington besonders ging auf diese Materie lebhaft ein, denn er trug sich damals mit dem geheimen Plane, den englischen General Sir Henry Clinton aus New Port zu entführen oder abzufangen. Es ist bekannt, daß nur Alexander Hamiltons kluges Abmahnen Washington an der Ausführung dieses allerdings abenteuerlichen Gedankens verhinderte.

Plötzlich wurde das Gespräch durch das Erscheinen Tamenunds und seines Sohnes Yokomen unterbrochen. Das Aussehen beider Indianer, obwohl den Offizieren gewiß nicht neu, war für Steuben sehr auffallend. Beide trugen nicht mehr das Kalikohemd, sondern waren nackt. Ihren Körper hatten sie mit grellen schwarzen, roten und blauen Linien, Kreisen und Figuren bemalt, führten ihre Waffen bei sich, und wenn Yokomen seine Skalplocke mit einem Fuchsschwanze verziert hatte, so trug der Prophet in ihr ein Büschel Schwungfedern des wilden Schwanes. Seine linke Schulter bedeckte eine bunte lange Decke so, daß sie seine ganze untere Gestalt verhüllte.

»Sago, großer General!« sprach er und reichte Washington seine Rechte. »Tamenund hält sein Versprechen!«

»Du bist auf dem Kriegspfad, Bruder«, entgegnete dieser. »Wo sahst du einen Feind? Doch setze dich, nimm meine Pfeife, unter uns ist Friede.«

»Ich brauche die Friedenspfeife nicht, Wash. Denn die, welche immer zusammen im Frieden leben, wie ich und du, wissen es ohne den blauen Dampf!« Er setzte sich neben Arnold, wo – war es Zufall oder Veranstaltung des Obergenerals, ein Stuhl frei geblieben war und man das Gedeck nicht fortgenommen hatte.

»Wo sahest du deinen Feind?« fragte Washington.

Tamenund erwiderte hierauf nichts, sondern wendete sich zu Arnold. »Mann mit den finsteren Augen, ich bringe dir einen Gruß deines Freundes!«

»Meines Freundes?« erwiderte Arnold, der plötzlich zu lächeln aufgehört hatte. »Was mag das für ein Freund sein, roter Mann?«

»Der Freund, du Blaßgesicht, der deine Tat nicht verrichten kann, denn eine weite Reise hat die Squint Snake angetreten!«

Arnolds Stirn rötete sich. »Was soll das heißen? Was weiß ich von der Snake? Seit wann ist ein indianischer Inschun mein Freund?«

Blitzschnell erhob sich der Prophet. »Frage ihn selber!« Die Decke entglitt seinem Körper, in der Rechten erhob er an den Haaren das losgetrennte Haupt eines getöteten Indianers, dessen Blick verglast und zugleich mit einem scheußlichen Schielen starrte, und setzte ihn auf seinen noch leeren Teller vor Arnold hin.

Dieser fuhr mit einem Schrei erbleichend empor und warf dabei den Stuhl um, des Propheten Hand aber legte sich langsam an den Griff seines Skalpmessers. Steuben war entsetzt und starrte die anderen an. Keiner regte sich. Die Blicke der Offiziere wendeten sich von Arnold fragend zu Washington.

»Du klagst General Arnold an, Tamenund? Du mußt sehr guten Grund haben, um das zu wagen! Meines Wissens war der tote Cheraki mit den Seinen wieder hinab zum Susquehanna gegangen!«

»Er war es, und ich wußte nicht, warum«, erwiderte Tamenund ruhig. »Als du sagtest, der Baron, der über das große Wasser kam, sei von York auf dem Wege ins Valley, sah ich, daß die Snake mit den Ihrigen deshalb hinab war, damit der Baron nicht hierher käme.«

»Woraus schließt du das?«

»Er hat ihn verfehlt, aber er folgte ihm! In der Nacht, da der Baron bei mir schlief, habe ich die Spur der Mokassins des Snake um unser Lager gesehen. Das war der große Bär, den ich jagen wollte! Ich schickte Yokomen vorher hinauf in die Schlucht bis über die Höhe. Ihm folgte ich!« – Der Prophet nahm das starre Haupt und verbarg es unter der Decke. »Er war in den Wald zurückgegangen, denn er war allein und unserer waren viele. Ich wußte, daß er da bleiben würde.«

»Das war vorgestern abend?«

»Du sagst es. – Als gestern morgen der blasse Baron und die anderen fortritten mit Sigh, brachte ich die Squaws mit dem Papussen in meine Verborgenheit, eilte in die Schlucht und wartete auf ihn, Yokomen aber sollte herabkommen, wenn der blasse Baron am Eingang des Valley wäre. – Snake kam. Ich hätte ihn schießen können, ich tat es nicht! Es konnten jetzt Cherakis hinter ihm sein. Ich wartete zwei Stunden, der Pfad blieb leer. Die schielende Schlange ging den Kriegspfad nicht, sondern den Schleichweg! Ich eilte ihm nach, ich traf ihn, wie Yokomen eben über den Grat weg und in die Schlucht kam, wir hatten ihn zwischen uns. Mit der Büchse durchschoß ich ihn, und mein Messer endete das Werk. Bleichgesicht!« Tamenund wendete sich zu Arnold, und seine Augen flammten wild. »Kannst du bei deinem Manitou schwören, daß er nicht zu dir kam, nicht mit dieses Mannes Blut an den Händen zu dir kommen wollte?« Damit deutete er auf Steuben.

Arnold hatte sich von seiner furchtbaren Alteration genug erholt, um gefaßt zu antworten. »Ich verachte dich! – Seit wann, Exzellenz, kann eine Rothaut Zeugnis ablegen, ein Inschun Bigh Inschun, Schimpfwort auf die Eingeborenen, später auch auf die Neger übertragen. D. V. gegen einen General der Armee?«

»Wenn Euer Gewissen kein Zeugnis gegen Euch ablegt, gewiß nicht!« Washington erhob sich und zog den Degen. »Dies Zeugnis Ihres guten Gewissens aber fordere ich!« Er hielt Arnold des Degens Kreuzgriff hin. »Legen Sie die Rechte auf dieses einzige Kreuzsymbol des Soldaten und schwören Sie bei jenes Toten Haupte – daß Sie die Squint Snake niemals gekannt haben!«

»Ich habe die Squint Snake nie gekannt, und Tamenund lügt, so wahr mir Gott helfen möge!«

»Es ist gut, General.«

»Ich hoffe, Exzellenz, daß Sie diese elende Kreatur jetzt aber züchtigen werden!«

»Das werde ich nicht tun!«

»So erkläre ich Ihnen, daß ich mit Rothäuten nicht zu Tische sitze!«

»Das werden Sie sich in meinem Hause stets gefallen lassen müssen, sooft Tamenund oder die Seinen hier sind!«

»Dann gestatten Sie mir, daß ich mich zurückziehe.«

»Guten Abend, Mr. Arnold!«

General Arnold war bei dem Schwur sehr bleich geworden, sein trotziger Stolz war jetzt offenbar nur Verstellung. Lautlos ging er hinaus. – Tamenund winkte Yokomen. Der Sohn trat aus dem Halbdunkel der Tür und reichte dem Vater einen indianischen Gürtel, dessen innere Seite aufgetrennt war. Aus ihm zog der Häuptling ein Stück Papier.

»Das Wampum der Snake?« rief Washington.

»Hauh! – Arnold hat geschworen! Arnold hat falsch geschworen! Schrift redet lauter als falsches Gewissen!« Er legte das Papier vor Washington hin.

Washington las es gedämpft vor. – »Sir! Ein Indianer von den Cherakis, den Snake mit Ihrem Briefe zu mir sandte, bringt diesen an Sie durch den Schielenden zurück. Ich akzeptiere alle Ihre Forderungen und hoffe, wenn der Verräter Wash aus seinem Sumpfe im Sommer herabkommt, werden wir ihm aufspielen, und Sie werden dann der Unsere sein! Mein Auftrag an Sie geht jetzt dahin, daß der besagte Baron, über den wir aus Paris genaue Mitteilung haben, auf indianischem Wege beseitigt wird! Die Snake und deren Leute sind bereits damit betraut. Mißglückt dies, dann suchen Sie allen Einfluß des Barons mit Ihren Freunden zu vernichten! Setzt er die preußische Organisation im Heere durch, so kommen wir in schlimme Lage, zumal wenn es wahr ist, daß die Franzosen sich anschicken, England den Krieg zu erklären. Philadelphia. Harry Clinton, General Sr. Majestät.«

Man war starr. – »Meine Freunde, wenn es auch nicht bewiesen werden kann, daß dieser Brief gerade an Arnold gerichtet gewesen ist, denn wohlweislich fehlt jede Adresse, zweierlei wissen wir aber doch! Wir haben Verräter im Heere, und die Engländer fürchten des Barons Wirksamkeit bei uns! Dies Zeugnis des Feindes muß ihn uns nur noch werter machen.«

»Wie es auch sei, Tamenund rettete mein Leben. Der Tod jenes Indianers wird dem Propheten aber den ewigen Haß des Cherakistammes zuziehen. Er und seine Familie müssen geschützt werden.«

»Das versteht sich«, rief Greene. »Wir können unseren roten Freund sowieso nicht entbehren.«

»Die Squaws mit dem Pappussen stehen bei den Soldaten an der großen Tür des Passes«, sagte Tamenund leise.

»Man lasse sie in der Stille herein, aber wohin mit ihnen?«

»In mein Quartier. Ich gehe sogleich nach Hause«, rief Steuben. »Mein Lebensretter muß mein Gast sein!«

Washington reichte Steuben die Hand, indes Greene mit Yokomen hinauseilte.

»Sie haben heute ein Stück englischer Schurkerei und indianischer List gesehen. Sie begreifen, weshalb Tamenund mir so wert ist. Gute Nacht!«

Man trennte sich. Der Baron eilte mit Tamenund und Duponceau in sein Quartier und wies den Indianern eine größere Kammer bei seinem Schlafzimmer an, die vom Hof direkt betreten werden konnte. Eine halbe Stunde später traf die indianische Familie geräuschlos ein und bezog ihr Asyl. Spät erst ging Steuben zu Bett.

*

Am 4. Mai – der Schnee hatte diese Hochplateaus und Schluchten eben verlassen und war nur noch in der oberen Albanyregion zu finden – hatten Steubens Offiziere ihn gebeten, einige jüngere Kameraden von der Armee einladen zu dürfen und der Gesellschaft die Ehre seines Erscheinens zu gönnen.

»Gut, ihr Herren,« erwiderte Steuben voll Laune, »unter zwei Bedingungen! Sie müssen den Obergeneral auch dazu bitten, und dann darf keiner erscheinen, der ein Paar ganze Hosen hat! Wir wollen heute eine Brüderschaft der Gleichheit in der Armut stiften, die frères sans culottes, deren erster Grundsatz sein muß, keine Hosen zu haben!«

Fröhlich stimmten alle ein, Washington trat auch dem Scherze bei, und man traf seine Vorbereitungen, die freilich primitiv genug waren.

Abends trafen die Geladenen, Generale, Obersten, Leutnants, kurz etwa dreißig Offiziere der verschiedensten Grade und Waffengattungen, in Steubens Quartier ein. Da ihre sogenannten Paradeuniformen schon sehr defekt waren, jeder aber das Schlechteste angezogen hatte, was er besaß, so fand sich eine wahre Lappenredoute zusammen, und man bewillkommte einander mit schallendem Gelächter. Selbst Washingtons gemessenes, stets gleiches Wesen wurde heiterer, und er beteiligte sich an der harmlosen Fröhlichkeit. Nachdem die Gesellschaft Platz genommen hatte, ließ sie sich ein zähes Beefsteak mit Kartoffeln vortrefflich schmecken, zum Dessert knackte sie Walnüsse.

»Meine Herren!« sagte Steuben. »Ich habe an diese kleine Abendgesellschaft meiner Offiziere nicht ohne Absicht die Bedingung geknüpft, daß Sie in diesem Aufzuge erscheinen möchten. Nicht bloß schmückt uns diese Armut mehr als die gestickteste Uniform, sie sagt auch der Welt, daß wir Brüder in Leid und Freude sind, daß uns das Elend gleichmachte und wir diese Gleichheit und männliche Unabhängigkeit nur deswegen der Disziplin und dem Gehorsam opfern, weil ohne beide wir eben nie hoffen können, diesen Boden vom englischen Joche zu befreien. Deshalb schlage ich vor, einen Orden zu stiften, genannt les frères des Sansculottes! Sein Symbol sei sie zerfetzte Hose, sein Zweck, daß wir, sooft wir uns in brüderlichem Verkehr, ob im Lager, im Dienste oder in der Schlacht begegnen, uns erinnern sollen, wie unsere Entsagung und Aufopferung allein Amerika erretten werden! Die Statuten sollen darum nur den einen Paragraphen haben: ›Sieh in deinem Vorgesetzten, im Untergebenen in den schwersten Augenblicken selbst nur den Kameraden und Bruder, der seine Pflicht bis ans Ende tut, und strebe, ihn zu übertreffen! Wenn du dies nicht tust, bist du ein Lump, aber kein ehrlicher Sansculotte.‹«

» Vivat les Sansculottes!« rief Lafayette, »die Ohnehosen von Amerika und Frankreich sollen leben!«

» The sansculottes of the Union God save!« donnerte es rings. Gläser voll Rum und Arrak wurden herumgereicht.

»Damit aber unser Orden«, begann Washington, »bis über unser Grab hinaus bestehe, solle jeder in den Orden getretene Sansculotte am nächsten Tage, da er mit anderen Kameraden zusammen beim Glase sitzt, diese unter der gleichen Bedingung in den Orden mit der Verpflichtung aufnehmen, daß sie ihren Kameraden dasselbe tun, was wir an uns allen heute durch Eintritt in den Orden tun! Ausgeschlossen ist nur der schlechte Soldat, der Feigling und der Verräter! Lassen Sie uns das schriftlich jetzt gleich festsetzen und unterschreiben, der Baron soll unser erster Ordensmeister sein, unsere Kinder und Enkel aber werden sich einst erinnern, wie wir in der hoffnungslosesten Kriegszeit in diesen Einöden uns unverbrüchliche Liebe gelobt haben!«

Von der Gewalt des Augenblicks ergriffen, riefen alle ein schallendes »Ja«, umarmten sich und reichten sich die Hände, Walker setzte das Ordensdokument englisch, Lafayette französisch auf, beide wurden von allen unterzeichnet und bestimmt, daß am nächsten Tage für die dreißig ersten frères Abschriften des Dokuments gefertigt und auf solche Weise das Statut vervielfältigt werde. Wenn die Dokumente aber in der ganzen Armee zirkuliert hätten, sollten sie an den Baron zurückgelangen. Während man mit dieser Angelegenheit so eifrig beschäftigt war, daß man selbst Glas und Pfeife, den einzigen Genuß des Soldaten, vergaß, schlugen ferne Klänge wie Trommeltöne an ihr Ohr, ein Offizier von den Vorposten trat atemlos ein.

»Was haben Sie, Leutnant Collins?«

»Leutnant North mit den Kontinental-Rekruten von Lancaster marschiert herab!«

»Herein mit ihm, sie sind willkommen, je mehr ihrer sind!«

»Es sind Damen und Wagen mit ihnen, Tamenund führt sie!«

»Damen?« – Alles fuhr auf.

»Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, Exzellenz, aber ich hörte, es sei Ihre Gemahlin und Frau Generalin Greene.«

»Um Gottes willen,« rief Lafayette, »lassen Sie uns diese Angelegenheit dann vertagen! In solchem Aufzuge dürfen die Ladies uns nicht sehen.« Er sprang auf, und verschiedene wollten hinaus.

»Halt! Ruhe! – Setzen Sie sich!« rief Washington. »Ich denke, unsere Frauen kennen uns! Sie wären sehr schlechte Gattinnen und wenig edel gesinnt, wenn sie selbst in ihren Lumpen nicht die Befreier ihres Landes in uns ehrten. Sind sie gekommen, unsere Entbehrungen aus Liebe zu teilen, so müssen sie sich an diese auch gewöhnen. Wir, die Sansculottes, erwarten sie mit vollen Gläsern! Gehen Sie, Collins, North, um die Damen herzugeleiten!«

Kaum stand die letzte Unterschrift auf dem Papier, als auch die Tür aufflog. Eine hohe, gebietende Frauengestalt in der Blüte des Lebens, die berühmte Martha Curris, trat ein. Hinter ihr, rasch sich hervordrängend und auf Greene zufliegend, eine liebliche Frau, die blonde Clemence.

»Du beweist sehr starken Mut und große Zuversicht, teure Frau,« sagte Washington bewegt, »daß deine Liebe zu mir dich hierher führt.« Er schritt auf sie zu, um sie zu umarmen.

»Nicht so, George,« sagte sie, ihm nur die Hand gebend und ihn errötend abwehrend, »ehe ich dein Weib sein darf, laß mich Patriotin sein. Selbst über die Liebe, die ich für dich empfinde, geht der Stolz dieser geweihtes Stunde, der Stolz, daß ich dir eine Glücksbotin sein darf! Lies das! Den Brief gab der Kongreß mir mit! – Meine Herren Offiziere, ich habe Ihnen zu melden: Frankreich hat England des Krieg erklärt! Am 13. April, so wird aus Paris berichtet, ging bereits das erste Hilfskorps von Toulon mit einer Flotte unter Graf d'Estaing unter Segel, Ende dieses Monats folgt eine zweite unter Graf d'Orbilliers. Die erste Wirkung dieser Nachricht auf England machte, daß Howe, als sein Waffenstillstandsvorschlag von unserm Kongreß verworfen ward, den Oberbefehl an General Clinton abgab!«

Keiner wagte zu atmen, als sie sprach. Dann aber sanken sie jubelnd einander in die Arme. »Es lebe Frankreich! Nieder mit England! The Sansculottes for ever

Tumultarisch trennte man sich, um in die Quartiere zu den Kameraden zu eilen und die glückselige Kunde weiterzuverbreiten. Ein Taumel des Entzückens erfaßte das Heer, ein Wonnerausch erfüllte Valley Forge. Es war die Vorahnung des Sieges, es war die Freiheit. Am anderen Tage wurden die Programme der Sansculottes schon mit 900 Namen gezeichnet.

Leider war die Siegeshoffnung verfrüht. Dieser merkwürdige Abend aber hatte die Gründung jenes Ordens zur Folge, der später den Namen »Cincinnati« erhielt, ferner, daß die französischen demokratisches Truppen nachmals den »Sansculottismus« nach Frankreich brachten. Des großen Friedrichs Adjudant aber mußte es gerade sein, dessen ironische Kaprice einen Namen und einen Begriff erschaffen hatte, dem nachmals die Jakobiner eine so konkrete Wirksamkeit verliehen! –

Auch die Geschichte der Völker hat ihre – Kaprice.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.