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Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 14
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authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
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Der Prophet

Am 19. Februar war in der bis dahin größten Binnenstadt Amerikas, Lancaster, großer Ball. Der »fremde preußische Baron, der Adjutant des großes Fritz« – sagten die zahlreichen dortigen Kolonisten – war endlich am Morgen angekommen. Die reichen Grundbesitzer und Farmer der nächsten Umgegend, denen Steubens Eintreffen bereits brieflich von York aus durch Kongreßmitglieder angekündigt worden war, und zu denen man alsbald reitende Boten gesendet hatte, zogen zu Roß und Wagen nun in hellen Haufen samt Frauen und Töchtern ein, um im ersten besten Gasthof oder bei den Freunden in der Stadt sich zu schmücken, damit sie des Vorzugs genießen konnten, einen Adjutanten des großen Preußenkönigs zu erblicken, mit ihm zu reden, vielleicht gar zu tanzen – und als die Kerzen den großes Saal des Cityhauses durchflammten, bestrahlten sie eine übervolle Ballgesellschaft, von welcher allerliebste Frauen und holde Jungfrauen nicht den kleinsten Teil bildeten. Vornehmlich hatten die Deutschen von Lancaster sich fast vollzählig eingestellt, ja sogar für eine deutsche Kapelle gesorgt. Als Steuben, von seinen Offizieren begleitet (Beaumarchais' Neffe de Francy war in York zurückgeblieben), in den Festraum eintrat, wurde er nicht wenig überrascht, als die Klänge des alten Dessauers ihn empfingen und der Präses der Deutschen Gesellschaft ihm mit feurigen Worten in seiner eigenen Muttersprache ein Lebehoch brachte. Nicht nur die innere Genugtuung, sich nun auf dem Wege zu seinem Ziele zu befinden, dieser Empfang, dies unvermutete Zusammentreffen mit deutschen Landsleuten versetzte Steuben in eine Freude und machte ihn so heiter und liebenswürdig, wie er lange nicht mehr gewesen war. Er tanzte viel, hatte für jedermann ein herzliches, angenehmes Wort, und manches deutschen Mädchens Wange rötete sich höher, wenn er ihr eine Galanterie sagte, um Veranlassung zu nehmen, mit ihr das Menuett oder den Schleifer zu tanzen. Bis ein Uhr währte der Ball, dann ging man zu Tische, und Steuben nahm zwischen Madame Andres, der Gattin des deutschen Präses, und Mrs. Moulage, der des Mayors der Stadt Lancaster, Platz. Während der Mittelpause des Balles, da man den Tee genommen hatte, war der Held des Tages auch mit Leutnant William North bekannt geworden, der, zu der Armee Washingtons gehörig, von Valley Forge vor sechs Wochen hierhergekommen war, um einige Kompanien rüstiger Lancaster zur Verstärkung zusammenzutrommeln. Der junge, bescheidene und offenherzige Mann mit seinem edlen und doch einfachen Wesen gefiel ihm sehr wohl. Er saß ihm, neben Duponceau, gegenüber und teilte Steuben eben mit, daß er in drei Wochen längstens mit seinem Geschäft zustande zu kommen und ihn Valley dann zu sehen hoffe, als plötzlich die Gesellschaft durch einen ungeladenen Gast vermehrt wurde. Die Saaltür flog auf, Horace Gates trat ein und schritt auf Steuben zu.

»Bei Gott,« rief er, »da sind Sie ja! Dachte ich doch, daß ich Sie mitten unter schönen Augen und lachenden Frauenlippen treffen würde.«

»Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, General!«

»Weshalb? – Sie kennen doch des Obergenerals strengen Befehl an mich, zu ihm zu kommen! Muß dem nicht gefolgt werden?«

»Gewiß, nur dachte ich, Sie würden nicht geneigt sein, den Befehlen so rasch nachzukommen.«

»Ich? – Gott bewahre! Ich komme ihnen nach, ja so sehr nach, daß ich Sie bitten muß, mit Ihnen das Ende der Reise gemeinschaftlich zurückzulegen.«

»Ich habe nichts dagegen, General. Haben Sie die Gewogenheit, Platz zu nehmen. Lieber Duponceau, suchen Sie dem General zwischen sich und Mr. North einen Platz zu verschaffen.«

Damit war das Gespräch beendet. Man aß, trank, scherzte, toastete bis zwei Uhr und ging so heiter auseinander wie nur möglich.

Obwohl Steuben eigentlich hätte gefaßt sein können, Gates wenige Tage später in Valley Forge zu begegnen, so machte ihn dies plötzliche Erscheinen doch stutzig. Besonders sein zuversichtliches Auftreten, als sei so gar nichts vorgefallen, und daß er keck genug war, an seiner Seite Washington unter die Augen zu treten.

Am anderen Morgen gegen zehn Uhr – in der Ballnacht hatte es stark geschneit – setzte man sich zu Pferde und verließ unter den lebhaften Zurufen des herzuströmenden Publikums die gastfreie Stadt. Seinem kecken und anmaßlichen Wesen ganz entsprechend, nahm Gates von dem Platz an Steubens rechter Seite Besitz, Duponceau die andere überlassend.

»Gestehen Sie's nur, Baron,« sagte er, als sie die nördlichen Felder dahin dem Walde zuzogen, »Sie sind von meiner Gegenwart und meinem Benehmen betroffen! Raus mit der Sprache, was?«

»Von Ihrem Benehmen gewiß, von Ihrer Gegenwart weniger. Es ist ja in der Ordnung, daß Sie gehorchen, und ich freue mich wahrhaft, wie Sie es so sorglos und mit soviel Humor zu tun vermögen.«

»Warum nicht? – Weshalb sollte ich Sorge haben, weshalb keinen Humor?«

»Ei, General, weil ich denken muß, Sie hielten mich für Ihren Feind, ferner aber, weil ich glaubte, es könne einem Untergeneral sicht gerade sehr angenehm sein, vor seinem Vorgesetzten erscheinen zu müssen, um sich über eine Sache zu rechtfertigen, die so peinlich ist wie die Ihre!«

»Peinlich? – Haha, nun sehen Sie, Baron, Sie mögen ein sehr kluger Mann und vielleicht ein recht guter Soldat sein, aber Sie haben über Uncle Wash und mich kein Urteil. Er wird mir vielleicht noch mehr mißtrauen, als er es ohnehin schon tut, aber mich fühlen lassen, daß ich ihn kränke, nie! – Nein, nein, sich an ihm versündigen, das kann man völlig ohne Sorge, ich wollte aber keinem raten, daß er gegen das Land oder vor dem Feinde sündigte! – Wissen Sie, was ich tue, und was ihn völlig gut macht gegen mich? Ich werde mich wie ein Teufel in der wachsten Kampagne schlagen! Dann aber wird Wash lächeln und denken, ›Mr. Horace ist zwar ein nichtsnutziger Kerl, aber n' braver General ist er doch!‹ und das läßt ihn meine sonstigen Streiche vergessen.«

Dumm war Gates gewiß nicht. Er merkte auf der Stelle Steubens Absicht, ihn loszuwerden, und war nun ebenso bereit, am Ende des Zuges mit Mac Oddon oder Karl Vogel zu reiten und mit Fergus, dem »Boy«, wie er ihn rundweg nannte, schlechte Soldatenwitze mit noch schlechteren Matrosenwitzen zu tauschen. Gates Charakter war eben ein Gemisch von soldatischer Tollkühnheit, Yankeehinterlist und sorglosester Nonchalance.

Sie ritten den ganzen Tag durch den schweigenden Wald und an verstreuten Ansiedlungen vorüber, in deren einer sie übernachteten, ebenso den zweiten Tag, an dem sie gegen Abend das kleine Städtchen Schuykill erreichten, bei welchem der gleichnamige Fluß in den Susquehannah mündet. Es war die letzte Station in der ansteigenden Ebene und lag bereits gegen 3000 Fuß über dem Plateau von Lancaster. Nun begann der Bergpfad, so ziemlich den Schuykill-River entlang, aufwärts in die Albany-Mountains. Jetzt verschwanden die Ansiedlungen völlig, welche sonst, wenigstens in der Nähe des Wassers, häufig genug vorgekommen waren. Die bisher leidliche Straße durch das Holz hörte auf, der Urwald trat in seiner ganzen erhabenen Gewalt und Wildheit zutage, mit Riesenstämmen, wie sie Steuben und seine Begleiter noch nie gesehen hatten, deren Kronen sich oben so verflochten, daß trotz des Schnees und des vollen Tageslichts man wie in einer hellen Dämmerung ritt. Dazu war der Weg steil und griff die Tiere sehr an. Felsenblöcke, schroffe Wände, Schluchten und kleine, scharf eingeschnittene, oft reißende Creeks vermehrten die Hindernisse der Reise außerordentlich.

»Ich muß wirklich Mitleid mit Ihnen haben,« lachte Gates, die Arrieregarde des kleinen Zuges verlassend, »obwohl meine Begleitung Ihnen unerwünscht ist. Ich habe den Weg aber schon drei oder viermal gemacht, Sie und diese Herren sind dagegen noch grün auf unserem Boden. Wollte ich Ihnen die Führung überlassen, so kämen wir zwar tief genug in die Einöde, um nie wieder herauszufinden, nach dem Valley und zu General Wash aber gewiß nicht. Da nun kein annehmbarerer Führer bei der Hand ist, werden Sie mit mir vorliebnehmen müssen, denn ich bin Egoist genug, um recht sehr zu wünschen, meine zusammengefrorenen Glieder am Lagerfeuer und bei 'nem beißen Grog wieder aufzutauen.«

»Wir nehmen Ihr Anerbieten mit Dank an, General, übrigens ist mir Ihre Begleitung so unangenehm nicht, wie Sie meinen. Seien Sie versichert, wenn ich erst den amerikanischen Tick mehr heraus habe und an ihm Geschmack finde, werde ich Ihre Begleitung gewiß derjenigen vieler anderen vorziehen.«

»Ja, ja, wir Amerikaner sind 'ne ganz eigene Art Menschen, und ich kann mir denken, daß so höllisch zivilisierten Europäern, haha, Leuten von königlichen Höfen, wie Sie, unsere Melodie schlecht zu dem Text paßt, den Sie sich jenseits des Meeres über uns gemacht haben.«

Hieran knüpfte Gates ein Gespräch über Land und Landessitte, darüber, wie es früher in dem königlichen Amerika gewesen wäre, und wie es jetzt geworden sei. Er machte die fremden Herren auf die Hauptberufsarten des Volkes, das rauhe, entsagungsvolle Leben der Yeomen oder Axtleute in den Urwäldern aufmerksam und belehrte Steuben über den Unterschied eines Settlers oder rechtmäßigen Ansiedlers von dem Squatter, der ohne Besitztitel Land okkupierte, und daß ein Floater ein um sein Land geprellter Grundherr, ein Trapper aber ein Pelzjäger sei. Bei dieser für die Fremden sehr interessanten Unterhaltung erwies sich Gates als ein sehr ernster, scharfdenkender Mann, der dies Land mit seinen seltsamen Lebensformen fast ebenso warm zu lieben schien als seine eigene Person. Die Stunden eilten unter solcher Verkürzung rasch dahin, und es mochte etwa vier Uhr nachmittags sein, als sie auf einer kleinen Prärie anlangten, um abzusitzen und ein Mittagsmahl zu improvisieren.

»Ich schlage vor, General, wir machen ein Feuer«, sagte Steuben, »und versuchen, ob wir nicht einen Grog brauen können, wie Sie ihn sich in Valley Forge gewünscht haben.«

»Nein, nein, Baron, das verstehen Sie nicht – es geht nicht! Wir sind, seit wir vom Schuykill abritten, in der echten Indianerregion. Sie müssen wissen, daß sich das rote Gesindel während des Krieges nachgerade in die oberen Flußläufe und die Berge gezogen hat. Man kann's ihnen aber nicht verargen, sie sind zu oft zwischen die Engländer und uns geraten und unter zwei Feuer genommen worden; sie müssen ihr Fell also in größere Sicherheit bringen. Hier ein Feuer anmachen hieße uns die roten Teufel auf den Hals ziehen, denn sie würden den Rauch über den Bäumen sogleich sehen. Ich bezweifle nicht, ihr Herren, daß wir zehn – den Boy nämlich als Mann gerechnet – sie heiß genug empfangen würden, aber die Rothäute sind nicht bloß sehr geschickt in Handhabung ihrer Waffen, sie sind auch sehr tückisch. Kämen sie nur dreißig oder vierzig über uns – mit weniger tun sie's nicht –, dann dürfte es doch zweifelhaft werden, wann und wie viele von uns bei Wash ankommen!«

»So sind die Rothäute also Feinde beider weißen Parteien?«

»Nicht immer, Baron. Manche Stämme sind uns, manche den Engländern zugetan und so 'ne Art Verbündete, was natürlich nicht ausschließt, daß sie kleinere Trupps Weißer überfallen und ihr blutiges Werk nur deshalb an ihnen tun, um ihre Pferde und Waffen zu erbeuten und sich 'nen weißen Skalp an den Gürtel zu hängen. Niederträchtige Schufte sind's!«

Gates' Wort wurde durch einen hellen, zitternden Schrei unterbrochen, der von einem Tiere aus der Nähe zu kommen schien. Horace packte Steubens Arm und machte hastig die Gebärde des Schweigens. Noch einmal tönte der Schrei, und zwar auf dem Wege, den sie eben gekommen waren. Nach einer Weile wurde vor ihnen, aber weit entfernt, derselbe Ton, jedoch schwächer, beantwortet. Die Anwesenden umringten Gates.

»Das war der Schrei einer Lomme«, sagte er leise. »Die Lomme ist aber ein Wasservogel, der nur an den nordischen Südwasserseen lebt, hier nicht. Folglich ist's ein Indianersignal vor und hinter uns, sie sind uns auf der Fährte. Endet den Imbiß, ladet rasch die Gewehre und dann zu Pferde. Der Teufel soll mich holen, wenn sie's auf uns nicht abgesehen haben.«

Man brach sofort auf, die Waffen für den leisesten Wink bereit haltend. Stillschweigend überließ man Gates das Kommando. Eine Stunde ritten sie still dahin; es war fast dunkel geworden. Nichts regte sich, weder Mensch noch Tier, nur die Hufe klapperten auf dem gefrorenen Gestein, und die Rosse schnauften bei dem immerwährenden Bergauf.

»Sie müssen die Sache aufgegeben haben, oder das Signal hatte 'nen andern Zweck«, begann Gates halblaut. »Auf Engländer können sie nicht gelauert haben, denn die Rotröcke haben diese Gegend noch nie gesehen, sie bleiben klugerweise in der Ebene. – Die Art des Signals nur macht mich konfus.«

»Wieso, General? Man erzählte mir, die verschiedenen Stämme erwählten verschiedene Tierstimmen zum Erkennungszeichen.«

»Das wohl, aber stets nur von Tieren, in deren Regionen sie selbst leben. Woher an den Schuykill und Susquehanna, an denen sonst nur Rote vom Lenapevolke, also Mohegans oder höchstens Delawaren streifen, Schufte kommen sollen, welche die Lomme aus dem Ontariosee, dem Champlain oder Huron nachahmen, also Oneidas und Tuscaroras sind, geht über meinen Verstand! Freilich einen Kerl gibt's, der alle Indianerdialekte spricht, alle Tiere nachahmt, überall zu Hause ist! – Sollte er? – Es ist eigentlich nicht möglich!«

»Sie machen mich neugierig, General. Was für ein Mensch ist das?«

»Ein alter Teufelskerl und interessant genug! Er gilt weit und breit als eine Art indianischer Prophet und nennt sich Tamenund. Besonders hält er sich gern mehr nordwärts am Delaware auf, wo er aber auch sei, diesem alten Gauner gehorchen sowohl Irokesen, Lenapes als auch Sioux.«

»Sie haben sehr eingehende Kenntnisse des indianischen Wesens.«

»Der Krieg zwingt uns dazu. Man hat ja nicht bloß die Engländer, sondern auch diese verzweifelten Banden sich gegenüber, bei denen man nie sicher ist, was sie vorhaben. Sie werden sie schon noch genau genug kennenlernen, Baron.«

»Wie kam Tamenund aber zu einer solchen Macht über die Gemüter seiner sonst so getrennten Rasse?«

»Durch Schlauheit! Durch die Schlauheit, welche in unserem gesegneten Lande eben alles ist. Auch Washington, trotz aller Tugend, ist schlau, und Sie werden es auch werden müssen, wenn Sie unter uns je was erreichen wollen! Dieser Prophet Tamenund war nun so schlau, drei Weiber zu wählen, die Tochter eines Oneidahäuptlings, die eines Delawaren und die eines Nadowessen, dadurch gehört er den drei größten Volksstämmen der Indianer an. Seine klugen Ratschläge und Aussprüche – er ist satanisch klug – machten ihn bald zum Richter in allen indianisches Streitfälle n, und da man seinem Wort, wie wir sagen würden, gleich ›Gottes Wort‹ glaubt, hat er überall unter den Rothäuten die Macht in Händen. Wenn ich in der Haut dieses alten Halunken steckte, so vermöchte ich ein Heer von mehr als 'ner Million Streiter aufzubringen und trotz Union und Engländern hier ein Reich zu gründen, wie man sagt, daß es die alten Inkas in Peru einst besessen haben sollen. – Ha! Seht, seht da! – Die Rothäute!« Er hielt an und deutete auf einen leichten glühenden Schein, der über ihnen auf einem breiten Felsenabsatz in den Wipfeln der Bäume spielte. »Unter diesen Bäumen haben sie ihr Lager. Sie erwarten uns.«

»Was haben wir zu tun?«

»Wachsam zu sein, sonst nichts. – Entgehen können wir ihnen nicht, denn an ihnen vorüber müssen wir. Es ist die letzte scharfe Steigung, bevor wir nach Montgomery auf die Hochebene kommen. Bigost, ich dachte, es wäre noch zu erreichen, aber die Gäule halten es doch nicht mehr aus.«

Man klomm leise weiter empor. Der Wald wurde freier, das letzte blasse Abendrot und der Sternenhimmel waren nur sichtbar. Die Kronen der Bäume droben, rötlich, von dem Feuer bestrahlt, das man selbst noch nicht sah, prägten sich scharf am Horizonte ab, bald im schwärzesten Dunkel starrend, bald rot blitzend, je nachdem die Flamme, vom Winde bewegt, sank und stieg und dies oder das erhellte. Als die Reisenden die Höhe erreicht hatten, genossen sie einen für Steuben und seine Begleiter außergewöhnlichen Anblick.

In der Tat waren sie gezwungen, sich links südwestlich zu wenden, denn rechts erhob sich steil eine Felswand, von Schluchten flankiert, vor ihnen auf dem breiten Felsabsatze aber lag der weitere Pfad versperrt durch die Lagerstelle der Indianer. Nichts Gewalttätiges zeigte sich in dieser Maßregel. Ein einziges Zelt von Büffelleder, mit grellen Figuren phantastisch und sehr roh bemalt, angeglüht vom Feuerscheine, bildete der Szene Mittelpunkt, hinter ihm ragte düsterer Wald, hohe Eichen umstanden es. An einer derselben, dicht vor dem Zelte, brannte ein hohes Feuer und leckte in den majestätischen Stamm hinein. An einem der untersten Äste des Baumes schwebte ein Kessel und brodelte über der Glut. Vor dem Zelte lagerten zwei Männer und drei Weiber um das Feuer, sonst war keine Seele sichtbar. – Das Haupt der kleinen Familie saß gerade vor der Zeltöffnung, den Ankommenden gegenüber, und rauchte die bekannte steinerne Kriegspfeife der Indianer, mit bunten Federn geschmückt. Es war ein Mann in hohen Jahren, aber noch keineswegs von den Gebrechen des Alters befallen. Sein Körper, sehnig und schlank, war nicht wie bei Greisen mager. Als er sich vor den Nahenden erhob, zeigte sich die ungewöhnliche Größe und Majestät seiner Erscheinung wie der scharfe Schnitt seines trotzdem milden, sinnenden Gesichts. Ungleich anderen Indianern trug er nicht den Schädel geschoren und die geflochtene Skalplocke auf dem Wirbel gedreht, sondern sein volles, lang bis ins Rückgrat wallendes Haar in der Mitte nur durch einen roten Riemen gebunden. Einst glänzend schwarz, war es jetzt bleigrau, das einzige Zeugnis, daß er die Mannesblüte hinter sich habe. Wie die übrigen Glieder seiner Familie trug er das bis zum Knie reichende geblümte Kalikohemd ohne Ärmel. Um den Leib schlang sich das Wampum, der buntverzierte Ledergürtel, in welchem das Bowiemesser steckte, seine Füße bekleideten indianische Ledergamaschen und Schuhe. Außer dem Kriegsbeil, das neben ihm lag, sah man keine weitere Waffe. – Der andere Indianer, ihm auffällig ähnlich, war erst im Beginn des Mannesalters, auf seinen Knien lag eine Jagdflinte, die er eben reinigte. Neben dem Alten saß noch ein ziemlich junges, volles Weib, das einem kleinen Kinde die Brust reichte, und ein anderes weibliches Wesen, älter als jene, hockte auf der andern Seite und bediente den Kessel. Den Schluß machte, den Reisendes den Rücken zugekehrt und auf den Boden halb hingestreckt, ein junges Geschöpf, mehr Kind als Mädchen. Ein Hirsch, dessen Hinterschenkel bereits abgetrennt waren, hing in seiner Haut an einem der nächsten Bäume.

»Bei Gott, es ist wirklich Tamenund!« flüsterte Gates. »Was hat das zu bedeuten, daß er hier ist? – Seid klug, Baron, er hat mehr Hirn als mancher Europäer! Sago!« Sago heißt »Sei gegrüßt« oder »Guten Tag«, die Anredeformel der Indianer beim Begegnen Damit trat der General auf den indianischen Propheten zu und reichte ihm die Hand.

Der Indianer erwiderte die Höflichkeit nicht. »Hauh«, »Hauh« – »ja!«, einfache Zustimmung. rief er mit sonorem Tone, nickte, schritt langsam an Gates vorüber und trat vor Steuben hin. »Sago! Ich heiße meinen Bruder Baron in der Wildnis willkommen. Möge dein neues Vaterland dich mehr lieben als das, welches du verlassen hast, da du auf das große Wasser gingst. Wärme dich, esse und schlafe. Teile mit deinen Freunden, was der große Geist dem Tamenund gegeben hat.« Er reichte Steuben die Hand.

Als Duponceau diese Anrede dem betroffenen Steuben übersetzt hatte, erwiderte letzterer französisch: »Man nennt dich mit Recht einen Propheten, Tamenund, da du mich erkanntest, den du doch sie gesehen hast. Ich nehme deine Einladung für mich und meine Freunde an; möge es dir und den Deinen nach deiner Gerechtigkeit wohlgehen!«

Als Duponceau dem Indianer dies übersetzen wollte, erhob er Ruhe gebietend die Hand. In höchst geläufigem Französisch erwiderte er:

»Zwischen uns sei keine fremde Zunge. Laß uns die Sprache der Sacristis »Sacristi« Bezeichnung der französischen Amerikaner, namentlich der Trapper, mit der sie von den Eingeborenen belegt werden. wählen, wenn wir reden wollen, was der Mann mit der Narbe nicht verstehen soll. Deine Freunde werden uns nicht verraten.« Damit sah er ruhig jeden von Steubens Begleitern an. – »Komm, Bruder!«

»Duponceau, lassen Sie die Pferde besorgen und abpacken.«

Als er zum Feuer trat, an welchem Gates stehengeblieben war, bemerkte er an dessen bewölkter Stirn und unstet schweifenden Augen, daß der bisher sorglose Sieger von Saratoga von peinlichen Gedanken erfüllt war.

Unser Held nahm neben dem greisen Häuptling Platz, welcher den Seinen einige Befehle in indianischer Sprache gab. Die Frau mit dem Kinde verschwand sogleich im Zelte, die übrigen sprangen auf. Die ältere Frau begann in dem Kessel zu rühren, das junge Mädchen zündete mehrere Feuer an, der junge Mann aber eilte, den Ankömmlingen zu helfen. Während Steuben Tamenund betrachtete, der sich um Gates gar nicht zu kümmern, ja für den »Mann mit der Narbe« einen sichtlichen Widerwillen zu empfinden schien, stopfte Tamenund wieder die steinernde Pfeife, entzündete sie und tat ein paar Züge, dann reichte er sie Steuben.

»Rauche die Friedenspfeife mit mir, Baron, denn zwischen uns kann kein Streit sein. – Ich sehe den Geist in dir, den der große Manitou Gott dir gab, und, was besser ist, dein Herz! Rauche zum Zeichen, daß meine Rede dir wohlgefällt, und laß die, welche du liebst, dasselbe tun, bevor du ißt.«

Steuben vollzog schweigend die Zeremonie, dann reichte er das dampfende Symbol der Freundschaft Duponceau zu gleichem Zwecke mit der Weisung, daß es der Reihe nach herumgehen und auch Gates angeboten werden solle. Die Gesellschaft vereinte sich am Feuer. Auch die jüngere Frau erschien mit Näpfen aus Tannenholz. Die Weiber füllten eilig dieselben mit warmer, würziger Hirschbrühe und großen Fleischstücken, und mit wahrem Behagen, welches die überstandenen Beschwerlichkeiten der Reise erhöht hatten, vertiefte sich jedermann in das Essen.

»Den in Aussicht gestellten Grog jetzt darauf zu setzen, Baron,« sagte Gates nach Beendigung des Mahles, »dürfte sehr angenehm sein, wir werden diese Nacht bei vier Grad Kälte hier oben im Freien zubringen müssen.«

»Es wird nicht das letztemal sein, General, daß uns das geschieht; lassen Sie Mac Oddon Wasser besorgen, Duponceau; Karl mag Zucker und Rum bringen.« Die Pfeifen wurden hervorgeholt, und während Karl Vogel die Grogbereitung dirigierte, eröffnete sich ein allgemeines, meist englisch geführtes Gespräch, dessen Hauptinhalt die Person des altes Tamenund betraf.

»Sage mir, Bruder,« sagte endlich Steuben, »wie kommt es, daß du nicht nur alle Sprachen des roten Mannes, sondern außer Englisch auch Französisch sprichst?«

»Ich zähle fünfundsechzig Sommer, bleicher Freund«, erwiderte der Indianer lächelnd. »Ich kenne das Land vom großen Wasser bis an den Mississippi, von den Sees im Norden, wo der Winter lang ist, bis in den Süden, wo das große Licht, das Manitou für den Tag gemacht hat, alles versengt! – Ich kenne alle Flüsse und alle Pfade des roten Mannes, mein Leben ist Wanderung, Krieg und Jagd gewesen, meine Heimat ist überall. – Einst war es nicht so! – Ich bin unter den Delawaren geboren, aber zu der Zeit, da noch die englischen Yankees die französischen Yankees nicht anfeindeten, lebte ich lange im Oneidalande droben, denn meine erste Squaw Squaw, Gattin, Ehefrau, im Gegensatz zu dem allgemeinen Begriff von weiblichen Wesen. war Ouivit, die Häuptlingstochter der Oneidas. Das Land hatten die französischen Yankees inne. Sie waren gut, sie vertrieben den roten Mann nicht, sie waren seine Freunde. Mein Sohn da, Yokomen, wurde von ihr geboren, auch sein älterer, toter Bruder. Er hieß wie ich, denn er hatte meinen Leib und meinen Geist. Der große Manitou hatte ihm wie mir die Kraft gegeben, seine Stimme zu hören und ins Verborgene zu sehen. Er sah auch seinen Tod, denn vor dem Kriege wollte er mit seinem jungen Weibe und dem Pappussen Pappusse, eine Verkrüppelung von Baby. Säugling. wegziehen. Er konnte sich aber von uns nicht trennen! – Als die bösen englischen Jankees in Kanada einfielen und wir das Kriegsbeil nahmen, um uns zu wehren und unseren Freunden zu helfen, da schossen sie meinen Sohn tot. – Sigh!«

Auf diesen Ruf sprang das Mädchen herbei, dem man bisher noch keine Beachtung geschenkt hatte. Es setzte sich zwischen des Alten Knie, legte den Kopf in seinen Schoß und sah mit ihren dunklen wunderbaren Augen liebevoll den Greis an, und ein Seufzer, ein leichter Klagelaut floh von ihren Lippen. Wo hatte Steuben doch diese großen, träumerischen Augen gesehen, welche jetzt flackernd wie zwei Sterne an ihm haften blieben? Waren es dieselben schönen Augen denn, die sich auf ewig für ihn geschlossen hatten? Steuben wurde ganz wundersam weh, ganz ahnungsbange bei dieses Mädchens Augen.

»Sie hat den Blick meines Sohnes,« sagte Tamenund, »sie ist sein einziges lebendes Blut! – Sie hat auch seine Gaben, mögen sie ihr mehr Glück bringen! – Nach dem Tage der Trauer zog ich an die oberen Seen, von da zum Mississippi. Dann ostwärts wieder bis zum Ohio zurück und weiter her, in diese Berge, hier starb meine arme Squaw! Aber Yokomen war groß geworden und stark und half mir. Wo ich nur auf den Inglish-Yankee stieß, da krachte mein Kriegsbeil auf seinen Schädel, da führte ich die roten Männer gegen die roten Röcke, in denen schwarze Herzen wohnen. Am Delaware nahm ich eine andere Squaw, das Kind des mächtigen Harnaul, des großen Uhu. Sieh sie da, die Rattan! – Sie ist mit mir gealtert, sie wird mich nicht lange überleben. Ich wurde ein großer Häuptling unter den Delawaren. Die Blaßgesichter fürchteten mich, aber alle roten Männer liebten mich. – Die Sacristis, die Franzosen, wurden aber dennoch besiegt von den Rotröcken, sie mußten fortziehen und ihr Kriegsbeil begraben. – Ich lernte die Blaßgesichter darin unterscheiden, die Yankees, die hier geboren sind wie ich, nur daß sie bleiche Haut haben und aus dem Walde Felder machen, feste Häuser bauen und viele Städte. Ich sah, wie sie alles das taten für ihre Herren, die Inglish-Yankees. Die Rotröcke, welche übers weite Wasser kamen in den großen Kanus, nahmen ihnen alles weg und behandelten sie schlecht. Hatten die Yankees mit ihnen nicht als Freunde gegen die Franzosen gekämpft? Jetzt hatten die Yankees ihren Lohn für ihre Treue! Ich, der ich nie lache, damals lachte ich! Mein Stamm zog immer höher das Land hinauf, denn immer weiter hinein drangen die Squatter und Farmer. Ich ließ Rattan bei den Ihren und ging zu den Cherakis, dem Stamm der Sioux, weit im Süden. Unter ihnen nahm ich ein zweites Weib, ich nannte sie Smirk, denn sie lächelte immer. Da seht, ist sie nicht wie ein still lächelnder Tag? Ich nahm sie, denn Rattan hatte der große Geist die Gabe nicht gegeben, ein Kind zu haben, und sie wurde alt.« – Er winkte der Frau, die das Kind getränkt hatte, und sie kam sofort heran. Wirklich lag auf ihrem Gesicht ein immerwährendes, leises Lächeln wie ein sanfter Sonnenblick. Als sie neben ihm hinkniete, legte er seine Hand liebevoll auf ihr Haupt. – »Ich bin mit ihr wieder jung geworden, Manitou segnete sie. Aber ich werde lange vor ihr sterben, und sie wird eine Verlorene sein, sie und ihr Kind! Dann wird auch dies Lächeln von ihr schwinden.« – Er schwieg.

»Deine Rede ist lang gewesen, Vater,« sagte Gates nicht ohne Teilnahme und Ehrfurcht, welche ihm sonst fremd war. »Ich weiß, du sprichst selten und selten soviel.«

»Ich habe gesprochen vor diesem weißen Manne,« sagte Tamenund, auf Steuben deutend, »weil der große Geist mich trieb.«

»Willst du nicht auf mein Wohl trinken, Tamenund, wie ich auf dein langes Leben?« Steuben reichte dem Alten die Schale mit dem dampfenden Grog.

»Kein Feuerwasser nimmt mein Mund, Bruder! Du wirst mein und ich werde dein Freund sein ohne das Trinken. Verlängert dein Trunk meine Zeit? – Feuerwasser haben die englischen Rotröcke den Yankees gebracht und sie verdorben! Yankees verderben mir Feuerwasser den roten Mann. Tamenund trinkt kein Feuerwasser!«

»Kannst du denn wirklich in der Zukunft lesen, Vater?« lächelte Steuben.

»Wir werden uns nicht eher trennen, Baron, bis du es weißt!«

»Er hat wirklich eine Art wunderbarer Gabe der Voraussicht!« sagte Gates zu den anderen. »Es ist auch immerhin seltsam, daß dieser fünfundsechzigjährige Mann noch ein so guter Krieger ist wie die jüngste, stolzeste Rothaut. Er fehlt niemals sein Ziel, er würde es, glaube ich, im Schlafe treffen.«

»Nie sein Ziel? – Davon möchte ich doch den Beweis sehen«, rief Duponceau.

Tamenund berührte Sighs Schulter und winkte Smirk. Beide Frauen sprangen auf und traten beiseite. Der Prophet ergriff sein Kriegsbeil. »Mann mit der Narbe,« sagte er zu Gates, »du kennst mich! Willst du mein Ziel sein?«

Gates richtet sich langsam auf.

»Ich weiß, Tamenund, daß du mein Freund nicht bist! Aber ich bin ein Krieger, ich will dein Ziel sein!«

Er schritt, mit stolzem Lächeln Steuben einen Blick zuwerfend, an den vom Feuer beleuchteten Stamm einer dem Lager gegenüber etwa zwanzig Schritt weit ragenden Fichte, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und schlug die Arme über der Brust ineinander, seinen Blick starr auf Tamenund richtend.

Dieser, in den Raum beim Feuer schreitend, welchen die übrigen rasch verlassen hatten, setzte langsam den rechten Fuß vor, das linke Knie ein wenig beugend. Jetzt erhob er mit der Rechten das Kriegsbeil rasch über sein Haupt, wirbelnd fuhr es aus seiner Faust und saß dicht über Gates' Haupt im Stamm der Fichte, so dicht, daß der krumme Stiel über des Generals Stirn herausragte.

Ein allgemeiner Aufschrei erfolgte. Man stürzte herzu, das Ungewöhnliche zu sehen. Tamenund schritt ruhig durch die Schar seiner erstaunten Gäste und reichte Gates die Hand.

»Sago! – Mann mit der Narbe, jetzt grüße ich dich! – Ich traue dir nicht, aber dein Feind bin ich nicht mehr; tapfere Krieger sollen sich achten!«

»Und der böse Geist soll mich heimsuchen, Tamenund, wenn du nicht die einzige Rothaut bist, die in meinem Zelte schlafen soll als mein Bruder, sobald du nach dem Valley kommst!«

»Ich werde kommen, Blaßgesicht. Es wird Nacht, laßt uns die Augen schließen.« – Er winkte. Die Weiber vermehrten die Glut durch neues Holz. Yokomen zog aus dem Gebüsche ein zweites indianisches Zelt und schlug es ebenfalls vor dem Feuer mit Vogels und Oddons Hilfe auf, indessen Steuben unter seine Begleiter die Nachtwachen verteilte und sich dann mit Gates und Duvonceau in das zweite Zelt zurückzog. Eine Stunde später schliefen alle, nur Karl Vogel, die Flinte im Arm, hielt bei den Ruhenden Wache. –

Seltsame Träume zogen an Steuben im Schlafe vorüber, Sophies Bild und das der Sigh. Friedrich II., den Krückstock unter den Arm gepreßt, saß nachdenklich am Feuer bei Tamenund, und sie erzählten einander von dem großen Geiste. So wunderlich hatte Steuben noch nie geträumt, und noch wunderlicher war sein Erwachen. Eine Stimme klang an sein Ohr, die französisch redet, leise erst, dann immer lauter. Er riß die Augen auf. Sonnengold flammte ins Zelt hinein, und eine Hand legte sich auf seine Brust. Tamenund saß neben ihm.

»Steh' auf, Bruder,« sagte er leise, »begrüße den Tag, dann will ich mit dir reden.«

Steuben folgte lautlos der Aufforderung. Als er vor das Zelt trat, genoß er einen überwältigenden Anblick. Der Felsvorsprung, auf dem sich das kleine indianische Lager befand, war so hoch über der Gegend gelegen, welche die Reisenden durchquert hatten, daß ein weiter Ausblick gegen Osten möglich war. Er sah nichts als den hellen Winterhimmel, an welchem rotglühend das Tagesgestirn durch den Frostnebel heraufstieg, ihm zu Füßen aber dehnte sich der beschneite Wald wie ein grünes ewiges Meer, am Horizonte verrinnend. Die riesigen Baumwipfel glichen grünen Wellen, und als der Morgenwind über sie heranbrauste, gab es ein Wogen und Rauschen in der Laubflut.

»Es ist das grüne Wasser ohne Kanu!« sagte Tamenund, Steubens Empfindungen erratend. »In ihm bin ich geboren, in ihm verirre ich mich nie, in ihm werden sie mich begraben! Baron, du fragtest gestern, ob ich ein Prophet bin, ein Mann, der alles voraussieht. Nein, Bruder. Ich bin von meinem Volke nur ein weiser Mann genannt, weil der große Geist mir mehr Geist gab als anderen. Dennoch kann ich dir sagen, was du vielleicht nicht glaubst. Aber es ist doch wahr. Ich bitte dich, Bruder, hüte dich vor dem Mann mit der Narbe! In seiner Seele ist Stolz und Neid, er wird dir im Valley mit seinen Genossen Sorge machen! Noch mehr aber hüte dich vor dem Manne mit den zusammengewachsenen Augenbrauen, er hat das tückische, treulose Herz eines Schakals! Willst du mir nicht glauben, so glaube wenigstens daran bei der Macht der zwei toten Augen, die dich in Sigh anblicken! In Valley sehen wir uns wieder, ich sage dir also nicht Lebewohl!«

Steuben war erstaunt und erschüttert zugleich. Es kam eine Art kindliche Furcht vor diesem greisen Indianer über ihn, dem Manne, der von der Geliebten Augen sprechen konnte, die jenseits des Ozeans tief in seiner märkischen Heimat seit vielen Jahren den letzten Schlaf schliefen. Rasch wandte er sich fragend nach ihm um. Der Häuptling war fort. Steuben hatte den leichten Tritt des Wegeilenden nicht vernommen.

Jetzt regte sich's rings, die Schläfer erwachten. Zuerst tauchten die beiden Squaws auf, versorgten das fast erstorbene Feuer mit neuer Nahrung und füllten den Kessel. Steuben zog die Wache ein, während Vogel, Fergus und Oddon die Pferde sattelten und packten. Bald saß man um das Feuer, und die warme Wildbrühe mit Hirschfleisch galt als Frühstück, auf das man einen Schluck Rum setzte.

Diesmal saß Tamenund neben Gates, sie sprachen englisch über den nächsten Weg nach dem Valley.

»Ich kenne keinen besseren als den längs des Flusses nach Montgomery, von dort geht's steif südlich auf die Forge!«

»So werdet ihr erst abends in dem Tale sein. Gehst du aber meinen Weg, so bist du's in drei Stunden.«

»Wie sollten wir deinen Weg aber finden, Yokomen müßte denn mitgehen.«

»Yokomen geht nicht mit, mein Sohn ist auf der Jagd. Er hat diese Nacht den großen grauen Bären gewittert. Sigh kennt den Weg ebensogut.«

»Wie kann das arme Kind denn allein aber zurück, wenn solch ein graues Biest hier herumhaust?«

»Ich werde sie holen oder mein Sohn. Der große General wird als Vater für sie sorgen.«

Tamenund, jeden Widerspruch abschneidend, trat zu Steuben: »Bruder,« er legte feierlich seine Hand auf des Barons Schulter, »das Seltenste auf Erden ist ein ganz gerechter Mensch. Einen solchen wirst du in dem Manne sehen, der dir nun befehlen wird! Auch wirst du einst solch ein gerechter Mensch sein, wenn dein Herz immer in deinem Kopfe, wenn dein Geist immer in deinem Herzen lebt! Der große Manitou schreitet vor dir auf dem Pfade!« – Er drehte sich um und trat in sein Zelt, aus ihm kam jetzt Sigh, gekleidet wie gestern, aber das Bowiemesser hing auf ihrem Rücken, im Ledergürtel trug sie das Kriegsbeil und in der Linken einen langen abgeschälten Stock. Sie stellte sich still an den Kopf von Steubens Pferd und küßte es auf die Nüstern. Nur einen nachdenklichen Blick warf unser Held auf diese geschmeidige, noch kindliche Gestalt, dann winkte er den anderen und saß auf. Mochte auf Gates der gestrige Abend ebenso tief gewirkt haben oder die Gewißheit, binnen wenigen Stunden dem strafenden Blicke Washingtons zu begegnen, die Ursache sein, der General war heute ernst und schweigsam, seine frühere sorglose Dreistigkeit hatte ihn gänzlich verlassen. Er drängte sich weder Steuben auf, noch trieb er Narrheiten im Nachtrab, vielmehr gesellte er sich zu Duponceau, während Steuben vorausritt, Romanai und l'Enfant aber zunächst ihm folgten.

Neben dem Kopfe seines Rosses, dicht vor ihm, schritt Sigh. Sie war still und wandte sich nicht um. Hinter dem Zelte ihres Großvaters führte sie auf einer schmalen Fährte die Offiziere durch das hohe Holz der Schierlingstannen einer engen Kluft zu, die über Steingrate zackig steil zwischen zwei Felswänden emporführte, welche kulissenartig links oder rechts in den Weg vorsprangen, ja ihn oft verdeckten. Steuben, auf der ganzen Reise mit seinen Ideen beschäftigt, erwog, daß hier eine halbe Kompanie energischer Leute völlig genügen würde, des Paß selbst gegen ein starkes Korps erfolgreich zu verteidigen. Hatte er bei solchen Gedanken nun vielleicht sein Pferd außer acht gelassen, oder tat es von selbst einen Fehltritt, kurz, es war eben im Begriff, auf die Vorderfüße zu stürzen, als Sigh es kraftvoll am Zügel emporriß, Steuben einen warnenden Blick zuwarf und nun die Hand nicht mehr von dem Halfter des Pferdes ließ. Es lag so viel besonnene Entschlossenheit und zugleich zarte Sorgfalt in dem Kinde, daß Steuben gerührt war. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie blieb stehen und regte sich nicht. Er legte seine Hand auf ihr Haupt. »Gott segne dich!« sagte er sanft in französischer Sprache.

Da wendete sie ihr flammendes, liebliches Gesicht, ihre Augen schimmerten in Tränen. »Der große Geist sei bei Euch, mein Baron!« erwiderte sie leise ebenso, und ihr Blick bohrte sich ihm in Auge, Hirn und Herz. Es war nur ein Augenblick, aber – welch ein Augenblick! Die Hand am Zügel und jetzt von einer Art Unruhe erfaßt, eilte Sigh schneller vorwärts als vorher.

»Auch du sprichst die Sprache der Franzosen, Mädchen?«

»Der Großvater und General Wash spricht sie stets mit mir!«

»Du verstehst auch Englisch und Indianisch?«

»Ich verstehe alle Sprachen, die der Großvater kennt; ich muß oft ins Valley!«

»In unser Lager und allein?« rief Steuben. »Kind, fürchtest du dich denn nicht, zu den Soldaten zu gehen?«

Sie wendete sich in grenzenlosem Erstaunen zu ihm.

»Du bist doch ein wehrloses Kind, bist ein Mädchen!« verbesserte er sich, über seine eigene Frage errötend.

»Wer sollte dem Wesen etwas tun, das der große Wash liebt, welchen alle lieben? – Doch ich verstehe dich! Es gibt dort,« sie zeigte nach der Richtung des Weges, »wie überall, Menschen mit guten Gedanken und Menschen mit bösen Gedanken. Wer Menschen mit bösen Gedanken in der Einsamkeit begegnet, ist so in Gefahr, wie wenn die Unze, der Jaguar oder der graue Bär in seinen Weg tritt. Sigh ist ein Kind, Sigh ist ein Mädchen! Sigh ist aber des toten großen Kriegers Tamenunds Tochter, ist die Sohnestochter des Propheten! Sein Kriegsbeil trifft nicht sicherer als das meine, und der böse Mensch auf meinem Wege mag seinen Skalp in acht nehmen!« Es lag in diesen Worten ein so weibliches Bewußtsein, ein so stolzer Trotz, daß unser Freund überzeugt war, unter Umständen werde sie ihr Selbstvertrauen auch durch die Tat zu rechtfertigen wissen.

Unter derlei Gesprächen waren sie über zwei Stunden dahingezogen, stetig bergauf durch dieselbe Schlucht, welche sich wie ein ewiges Labyrinth dahinzuziehen schien. Plötzlich hielt sie Steubens Pferd an, blieb stehen und machte zu den übrigen Offizieren die Gebärde des Stillschweigens. Dann kniete sie hastig nieder und näherte ihr Ohr dem Boden.

»Reiter sind auf unserem Wege!« sagte sie, sich erhebend, sie kommen herunter, uns entgegen!«

»Was für Leute können es sein, Sigh?«

»Von Valley Forge allein, der Weg führt nirgend anders hin! 's ist General Wash, denn er hat gesagt, er wolle die Stunde deiner Ankunft wissen. Deshalb ist Yokomen in der Nacht voraus.«

»Ich denke, er jagt den Bären, den er gespürt hat?«

»Nicht er, Vater Tamenund hat ihn die Nacht gespürt und ist ihm jetzt auf der Fährte!« sagte Sigh leiser. »Bleichgesichter brauchen roten Mannes stillen Weg nicht zu wissen, nur Wash weiß ihn!«

Steuben wurde es nun klar, daß der greise Indianer und die Seinen, mochten ihrer nun viele oder wenige hier herum sein, Kundschafterdienste für Washington verrichteten und ihn lange vorher benachrichtigten, wenn irgend jemand sich dem verborgenen Tale näherte, in welchem die Hauptarmee, die eigentliche Hoffnung der Union, kampierte. Man setzte sich ruhig wieder in Gang, da der Baron wegen des General Gates es nicht für geraten hielt, das Erscheinen des Diktators offen anzukündigen, ihm auch, trotz der Verläßlichkeit Sighs, nicht glaublich erschien, daß Washington ihn durch ein solches Entgegenkommen so auffällig auszeichnen werde.

Plötzlich erklang vor ihnen die teilweise verschneite Felsschlucht von Roßtrapp, der Schall zog wie durch einen von Echos erfüllten Tunnel die Schlucht zu ihnen herab. Nun wurden Reiter sichtbar.

»Wash, der große Krieger!« rief Sigh und eilte in Sprüngen voraus, dem Nahenden zu. Ein eigenes Gefühl von Ehrerbietung und Liebe beschlich Steuben, als er des Mannes ansichtig wurde, der von allen verehrt wurde, ja dessen Feinde selbst nur den einen Fehler an ihm fanden, daß er zu tugendhaft sei. George Washingtons große, schlanke Figur nahm sich auf dem Schimmel, den er stets ritt, imposant, fast königlich aus. Sein langes Haar, im Nacken nur durch ein Band gebunden, umrahmte ein edles, von jener stolzen und großen Ruhe erfülltes Gedicht, wie innere Wahrhaftigkeit bedeutenden und guten Männern es verleiht. Sein braunes Auge war tief, fragend und sinnend, aber weder von drohendem Glanze noch Unruhe erfüllt. So kam es, daß Washingtons bloßes Erscheinen oft die aufsässigen Milizen zu Vertrauen und Geduld zurückführte. Bedenkt man, daß des Obergenerals Lage jetzt gerade die bedenklichste des ganzen Krieges war, jeder geringere Feldherr und Staatsmann sie für verzweifelt angesehen hätte, so wird man ermessen, welche Willenskraft dieser Heros der Amerikaner über die Gefühle seines Innern übte. Seine Uniform war dunkelblau und ziemlich abgetragen, sie hatte karmesinrotes Futter und Aufschläge. Seinen Leib umgab die dreifarbige Schärpe der Union, und seinen Rang als Oberstkommandierenden kennzeichneten nur die Kantillen, seine Epauletten und ein kurzer weißrot und blauer Federbusch auf dem Hute. Ar seiner Begleitung befanden sich nur zwei Stabsoffiziere und ein Diener zu Pferde.

Sigh lief auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Er kommt, der Baron, großer Vater!«

Washington überließ der Kleinen seine Hand, die sie küßte. »Der Mann mit der Schmarre ist bei ihm?«

»Wie Yokomen dir gesagt hat.«

»Hat Tamenund von der schielenden Schlange gehört?«

»Die Squint Snake ist vor zwei Wochen an den Ort zurückgekehrt, wo der Schuylkhill in den großen Fluß fällt. Wir haben die Spur seiner Füße bis dorthin verfolgt. Er wird aber wiederkommen. Er hat viel falsche Cherakis nach dem Norden gebracht!«

»Es ist gut. Wir werden schon sehen, wo der Schwanz der Snake zu finden ist. Bleibe zurück, bis wir umwenden. – Meine Herren,« er wendete sich halb zu seinen Begleitern, »ihr werdet die Güte haben, euch mit des Barons Begleitung zu beschäftigen, damit ich ihn allein habe!«

Als Steuben Washington näher kam, brachte er sein Pferd in raschere Gangart, zog den Hut und ritt entblößten Hauptes zu ihm. »Exzellenz,« sagte er französisch, »Friedrich Steuben, ehemals preußischer Adjutant, meldet sich zum Dienst!«

Washington lüftete den Hut. »Willkommen, Herr Baron! Bedecken Sie sich, und reichen Sie mir als Freund, Gesinnungsgenosse und Kamerad die Hand. Ich stelle Sie hier zweien meiner Stabsoffiziere, Lord Stirling, den wir schlechtweg den »Lord« nennen, und meinem Divisionsgeneral, Nathanael Greene, vor. Zeigen Sie uns Ihre Begleiter.«

Steuben wendete und ritt neben Washington zu den Seinen zurück. Während er sie sämtlich vorstellte, würdigte Washington den General Gates, welcher sichtlich verlegen war, keines Blickes. »Ich begrüße Sie sämtlich, meine Herren, als wertvollen Zuwachs der Armee, die Ihren Geist wie Ihre Energie bald schätzen lernen wird. Machen Sie sich mit meinen Begleitern bekannt. Mister Gates, kommen Sie doch an meine rechte Seite, der Baron reitet links!« Damit wandte er, und die Kavalkade setzte sich in Gang. Natürlich verfehlten Steuben wie Gates nicht, dem Willen des Oberbefehlshabers nachzukommen. Als sie zu Sigh kamen, trat die Kleine wieder an Steubens Pferd, neben dem sie hinschritt.

»Gates,« begann Washington, »ich entbinde Sie von jeder Erklärung wegen des Geschehenen, es ist vergessen! Ich würde dessen gar nicht erwähnen, wenn nicht Ihre Machinationen in diesem Falle das Staatswohl so nahe berührt hätten, daß dasselbe gefährdet schien! Ich warne Sie deshalb! Tun Sie mir gegenüber, was Sie wollen. Solange es nur mich allein betrifft, wissen Sie, daß ich alle Ihre Künste nur zu bemitleiden vermag. Wiederholt sich der Fall aber, daß Ihr selbstischer Eifer nicht bloß die Person, sondern die Sache gefährdet, so lasse ich Sie vor Ihrer eigenen Front niederschießen. Der Baron ist Zeuge, daß Sie gewarnt sind! – Reiten Sie sofort voraus nach dem Valley, melden Sie sich bei Lafayette. Sie sind vorläufig meinem Stabe beigegeben und dem Kriegsrat! Im übrigen begrüße ich Sie gleichfalls, Kamerad Gates!« Er reichte dem blassen Manne die Hand.

»Exzellenz, wenn ich Unrecht tat, so bin ich gründlich bestraft. Sie werden keine Ursache mehr haben, mir Ihre Achtung zu entziehen.«

»Bringen Sie Convay dieselbe Gesinnung bei, dann tun Sie an uns allen ein gutes Werk! Sigh, zeige dem Manne mit der Schmarre den Weg, dann komme zu mir.« – Sofort sprang Sigh an Gates Seite und erfaßte seines Pferdes Zaum.

»Es kommt die schroffe Höhe«, sagte sie entschuldigend. – Im nächsten Augenblick war die Indianerin mit dem General um die breite Felsenecke verschwunden, welche wandartig so in den Weg ragte, daß mit knapper Mühe ein Reiter bei ihr vorüberpassieren konnte.

»Der Mann dort würde ein ganz leidlicher General sein, Baron,« sagte der Diktator gedämpft, »wenn er sich mit dem Waffenhandwerk allein, nicht aber mit Parteipolitik befaßte, und würde ein noch besserer Bürger wie Soldat sein, vermöchte er mehr an sein Land und weniger an sich zu denken! Sein freiwilliges Versprechen hält er gewiß, dennoch werden Sie erleben, daß er sich auf die eine oder andere Art durch die Gewalt seiner eigensüchtigen Leidenschaften den Hals bricht.«

»Mir scheint, Sie beurteilen den Sieg von Saratoga ebenso wie ich.«

»Der Tag von Saratoga ist dann von politischem Werte, wenn er uns die offene französische Allianz einträgt! Vom militärischen Gesichtspunkt ist dieser Sieg aber keine Meisterleistung. Ferner ist das, was ihn ermöglichte, nämlich die geschickt Vorbereitung der Umstellung des Generals Schuyler, nicht das Verdienst Gates'!«

Inzwischen hatten alle die Höhe ohne Unfall erreicht. Hier ritten sie über eine muldenförmige Ebene hin, welche in einer kurzen Schlucht in einen etwa eine Meile haltenden schroffen Kessel fiel, es war »das verlorene Tal«, die Valley forge!

»Unsere Bergfeste ist schrecklich unangenehm.«

»Der Ort ist so lange gut, bis wir ein besseres Heer haben, Exzellenz. – Eine Frage! Da Tamenund Ihr unbedingter Freund ist, könnte er, bei seiner Macht über die Gemüter, nicht etliche Dutzend Stämme vereinigen, mit denen man inzwischen die Engländer beunruhigen könnte?«

»Das ist unmöglich! Des Propheten Macht ist gewiß unbedingt, aber nur über den Stamm, bei dem er sich gerade befindet. Feindliche Stämme untereinander versöhnen kann er wohl, sie aber zum Kampfe für uns gegen England vereinen niemals. Sie würden den Propheten auslachen und an ihm irre werden.«

»Sie selbst nennen ihn einen Propheten. Glauben Sie wirklich, er sehe Dinge, die anderen verborgen sind?«

»Glauben Sie es denn?«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er sah mich nie, kann von meiner Vergangenheit nichts wissen. Dennoch erinnerte er mich daran, daß Sigh dieselben Augen habe wie das tote Weib meines Herzens, das seit Jahren in preußischer Erde schlummert!«

Washington lächelte leicht. »Tamenund ist zwar kein Prophet, aber gewiß ein sehr weiser Mann und Menschenkenner! Er merkt auf alles, benutzt alles; wenn irdische Klugheit je von dem Heute auf das Künftige richtig schließen könnte, die seine kann es! Ich will Ihnen klarmachen, wieso er Sie staunen machte. Leah Franklin fragte Sie am Tage Ihres ersten Besuches bei Ben, ob Sie geliebt hätten, Sie erklärten, Ihre Braut sei tot. Hieran knüpfte Bens Frau den ihr sehr ähnlichen Vergleich zwischen Ihrer toten Liebe und der begrabenen Freiheit Amerikas!«

»Leah erschütterte mich und reifte zuerst meinen Entschluß, zu kommen.«

»Ich weiß es. Ben teilte mir das Gespräch mit, um mich einen Blick in Ihren Charakter tun zu lassen. Tamenund ist nun von höchster Wichtigkeit für uns, vor ihm habe ich kein Geheimnis. Sie werden seine eigentliche Macht noch kennenlernen, mir aber war darum zu tun, daß er Sie auch schon kenne, ehe er Sie sähe.«

»Sie teilten ihm Bens Brief und Leahs Worte mit?«

»Und er sagte: ›Der Mann, dessen Squaw geschieden ist, und der nicht wieder lieben kann, wird seiner Freunde bester Freund, wird wild wie der Panther und kalt wie der Bär beim Kampfe sei«!‹ – Wahrscheinlich, als Sie des lieben Kindes schöne Augen sahen, verriet dem Alten Ihre staunende Ergriffenheit, daß Ihnen der Verklärten Bild vorschwebe! Das ist Tamenund, der Prophet.«

»Er warnte mich heute früh vor dem Mann mit der Schmarre!«

»Gates? – Dann hat er guten Grund! Gates und Convay stecken unter einer Decke, reformieren Sie aber die Armee, so ist Convay eine Null!«

»Gut, Exzellenz. Der Indianer sagte aber, ich sollte mich noch mehr vor einem Manne in acht nehmen, der zusammengewachsene Augenbrauen hat, er besäße das treulose Herz eines Schakals!«

Washington zuckte auf, dann sann er. – »Baron,« sagte er nach einer Pause, »diese Warnung geht nicht Sie, sie geht vielmehr mich an! Es sieht dem Tamenund ganz ähnlich, daß er wichtige Dinge, welche er ahnt, ja oft mit seltsamem Instinkte voraussieht, die er aber nicht beweisen kann, dem, den sie angehen, nicht selbst, sondern solchen sagt, von denen er weiß, daß sie dem Betreffenden davon Mitteilung machen werden. Der Mann, den er meint, ist General Arnold; Sie werden ihn morgen sehen. Jedenfalls schwebt Tamenunds Verdacht nicht völlig in der Luft; ich werde Mr. Arnold fortan schärfer ins Auge fassen. Vielleicht, wenn der Alte ins Lager kommt, wird er mir sagen, weshalb er ihn beargwöhnt. Ich frage ihn nicht, denn er wird nie zu mir selbst reden oder eine Anklage aussprechen, wenn er seiner Sache nicht gewiß ist.«

Das Gespräch stockte, sie kamen an eine kurze, enge Schlucht, die wie ein gewundener Trichter nach der Forge von dem Plateau hinabführte. Washington ritt voraus. Plötzlich hielt sein Pferd an, denn aus einer Querspalte glitt ein Indianer herab und sprang in den Weg.

»Ei, Yokomen, du?« rief der Obergeneral. »Aber was machst du hier? Wenn du mich sprechen mußt, ist in dem Valley denn nicht Zeit, und wenn du den Vater verließest, weshalb kamst du nicht mit dem Baron statt Sighs?«

»Im Lager zwei, vier, sechs böse Ohren! Lief die Schlucht voraus hierher, Tamenund folgt und wird bei dir sein, wenn das große Licht zum zweiten Male sinkt.« Er zeigte nach der Sonne.

»Also morgen abend? Wo ließet ihr die Frauen, junger Mensch?«

»Im Verborgenen!«

»So ist ein Feind auf dem Wege!«

»Du sagst es! Reite vorüber, daß ich ihm begegne; Tamenund folgt seiner Spur herauf!«

»Squint Snake!«

»Ich habe nichts gesehen«, sagte die Rothaut ausweichend. »Tamenund aber sagt, du sollst etliche deiner Freunde und den Mann mit den verwachsenen Augenbrauen bei dir haben, wenn er kommt. Er hat dem Manne große Dinge zu sagen.«

»Es soll geschehen!«

Yokomen verschwand. Man erreichte des Ausgang des Hohlweges, welcher mit einem Verhau versehen und durch ein starkes, rohes Holztor zu passieren war. Am Verhau war ein Wachtpikett, das vor den Ankommenden präsentierte. Jetzt wurde das Tal frei. Von hohen Bergen umgeben, verschneit und teilweise bewaldet, lag in dessen Mitte ein ärmliches Dorf von weitverstreuten Blockhäusern. Elende Zelte, Erdhütten, Schuppen, kurz, die primitivsten, rohesten Wohnungen menschlicher Wesen waren überall sichtbar, das Haus Washingtons zeichnete sich durch einen dreifarbigen Wimpel aus.

»So sind unsere Truppen logiert, Baron, hier mögen Sie auf ihren Zustand schließen. Sie werden morgen so viel Heilloses sehen, daß es Ihnen schwerfallen wird, zu sagen, was zuerst zu bessern sei.«

Damit verabschiedeten sich der Obergeneral, Greene und Stirling, Steuben stieg ab, und wenige Augenblicke später löste das warme Herdfeuer seines Quartiers den lähmenden Frost von seinen Gliedern.

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