Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Albert Emil Brachvogel >

Oberst von Steuben

Albert Emil Brachvogel: Oberst von Steuben - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/brachvog/steuben/steuben.xml
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleOberst von Steuben
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121126
projectid41de028a
Schließen

Navigation:

Horace Gates

Ein festliches Mittagsmahl vereinte Gouverneur Langdon, dessen Gäste und die Honoratioren der Hafenstadt. Staunend hörten die Amerikaner aus Steubens und seiner Genossen Munde die Erzählung ihrer gefährlichen und dennoch von Glück gekrönten Fahrt.

»Meine Freunde,« sagte Langdon, wir können uns wirklich Glück wünschen, daß alles so zusammentrifft, um den glücklichen, baldiges Ausgang des Befreiungskrieges zu verbürgen. Ihr werdet noch nicht wissen, meine Herren,« wendete er sich zu den fremden Offizieren, »daß der englische General Bourgoyne auf den Brämutshöhen bei Saratoga am 13. Oktober von unserem vortrefflichen Horace Gates geschlagen worden ist und sich vier Tage später mit 3500 Mann seiner zusammengeschmolzenen Truppen ergeben mußte! Erst gestern langte hier die glückliche Nachricht an!«

»Wissen Sie, Gouverneur, was diese Post wert ist? Die offene Allianz Frankreichs mit Amerika!« rief de Francy, Beaumarchais' Neffe. »Ich zweifle keinen Augenblick, daß, sobald die Kunde des Sieges von Saratoga in Paris und Versailles bekannt wird, Frankreich an England den Krieg erklärt!«

»Es lebe Frankreich!« riefen die Amerikaner.

»Es lebe das freie Amerika!« entgegneten toastend die fremdes Gäste.

»Amerika und Frankreich!« brauste es zu den Fenstern empor von den Lippen der jauchzenden Menge.

Während einige Zeit verging, ehe der Orkan des Enthusiasmus sich legte, hatte Steuben Zeit, nachzudenken. Unzweifelhaft war hier soeben ein Sieg erfochten worden, der schwer wog, und er unterschätzte denselben wicht. Zweierlei aber fiel ihm auf. Erstlich mußten – seiner militärischen Erfahrung nach – verschiedene, nicht von General Gates allein abhängige Dinge hier zusammengetroffen sein, welche eine so schimpfliche Niederlage gut geschulter englischer Linienregimenter durch Volksmilizen möglich gemacht hatten. Ferner sah Steuben, daß das, was Graf St-Germain in Paris als »Humbug« bezeichnet hatte, in Amerika wirklich Stil zu sein schien und dieser blaue Dunst der Leute hier in der Manie zu bestehen schien, nicht sein eigenes Verdienste nur, sondern auch jeden Erfolg, jedes Ereignis im öffentlichen Leben zu übertreiben, um einen höheren Kredit durch denselben für sich selbst zu erlangen. Alles um ihn sah sozusagen wie ein berechneter Enthusiasmus aus, bei dem die eigene Selbstsucht sich stets am besten befand.

Als ein ruhiges Gespräch wieder möglich wurde, wandte sich Steuben an Gouverneur Langdon.

»Wo befindet sich denn General Washington nun, der dürfte doch solchem eklatanten Siege nicht allzu fernstehen?«

»Pah! George Wash? Abkürzung, als Spitzname »Sumpf« bedeutend. – Haha, dem geht's jetzt sehr washy! George Wash, den der König Cong Washy heißt »wässerig«. Das Ganze ist eine Probe jener stechenden Yankee Witze, die man damals über seine eigenen größten Männer zu reißen liebte; König Cong ist zum Beispiel der Spitzname für Congreß. zum Diktator ernannt hat, sitzt mit seinen zerbleuten Leuten noch immer weit oben am Schuylkhill in irgendeinem verschneiten Gebirgstal. Er wird sich hüten, aus seinem Bau zu kriechen!«

»Das wundert mich, Gouverneur. Washington galt bisher sowohl hier wie in Europa für euren besten General!«

»Gewesen, Baron, gewesen! Man gilt bei uns so lange für etwas, als man es ist. Nach dem Siege zu Princeton ließ er sich am Brandywine-River den ll. September und am 4. Oktober von demselben General Howe bei Germantown schlagen! Mit seinem zerfetzten Korps zog er sich darum in die Einöden zurück, wie er schon einmal in Whiteplains tat, bevor er bei Trenton durchbrach. Es ist aus mit ihm! Gates ist fortan unser Mann, mein alter Freund Horace! Gates for ever

»Dann müssen Sie noch sehr viele Generale zuzusetzen haben,« lächelte sarkastisch Romanai, »wenn es mit jedem gleich aus ist, wenn er etliche Male Unglück hat.«

»Bah, nicht bloß, daß er etliche Male Unglück hatte! Dieser Virginier hatte stets zu viel Glück! Man wälzte auf seine Schultern alles, Ehre und Macht, da brach er zusammen, weil er auf zu schwachen Beinen stand! – An wem liegt's denn, daß der eine General geschlagen wird, indes der andere siegt? An unseren Milizen, sagen George Washs gute Freunde! Narrheit! Die Männer Amerikas sind überall aus demselben tapferen Stoffe, die dem Teufel in den Bart greifen. Wenn sie bei Saratoga siegen, zu Germantown und dem Brandywine aber geschlagen werden, so ist eben Gutes der bessere Soldat und »the washy Wash« der schlechtere! Lernt nur unseren Gates kennen, 's ist ein Goldkerl, Baron. Ihr werdet ihn sehen, wenn euch der Kongreß ruft. Ich bin gut dafür, man macht ihn nächstens in York zum Obergeneral oder gar zum Diktator an des Virginiers Stelle; mir hat es wer ins Ohr gesagt. Will Euch an ihn empfehlen, Barson, denn Ihr gerade seid der rechte für ihn! Ich meine, Ihr reist sobald als möglich nach Boston, da Ihr doch Sam Adams wie Handcock sprechen müßt.«

»Wir reisen nach Boston, sobald wir uns nur etwas erholt haben, gerüstet sind und annehmen können, eine Antwort auf die Meldung unserer Ankunft dort vorzufinden, welche ich nächster Tage an den Kongreß wie Washington richten will, denn an diesen General, der bis jetzt noch Oberkommandierender ist, nicht aber an Mr. Horace Gates bin ich durch Franklin gewiesen.«

»Ach wohl, Ben Franklin, der alte Ben! – Er ist fromm und listig zugleich, der ist denn freilich der erste Abgott! Er sorgt bei den Franzosen leidlich für uns und hat hier zuerst für die Unabhängigkeit geschrieben; das ist schon etwas! – Aber andere Leute tun auch was, und man wird sehen, wer an dem Tage, da wir als Sieger Frieden machen, der eigentliche General und Staatsmann gewesen ist, haha! – Schreibt Eure Briefe also wem Ihr wollt, wir haben Euch, und das ist das beste! Bevor indes noch irgendeine Zeile von Euch Eure Ankunft beweist, werden die Amerikaner bereits durch den kleinen Joel Himpson im Portsmouth-Advertiser von Euch gehört haben.«

Damit endete der erste Gedankenaustausch auf amerikanischem Boden.

Steuben machte über denselben seine eigenen Bemerkungen. Jedenfalls fiel ihm Langdons unverschämtes Absprechen für die bewährtesten, in Europa so geehrten Männer seines Landes auf. Wenn schon Franklins Lauterkeit, die anzuzweifeln Steuben empört, so angegriffen wurde, waren sicherlich des Gouverneurs hämische Bemerkungen über Washington ebenso falsch und parteiisch wie seine Vorliebe für Gates. In militärischen Dingen, obwohl doch Langdon ein höherer Offizier war, fand Steuben dessen Urteil ebenso oberflächlich wie arrogant. Er beschloß deshalb, um so mehr dem Sieger von Saratoga, falls derselbe ihm begegnen sollte, mit Vorsicht zu nahen, überhaupt erst persönliche Erfahrungen zu sammeln, ehe er einen Schritt in einem Lande unternahm, in dem jeder sich für den Ersten zu halten schien. Am 6. Dezember, nachdem sich die Reisegesellschaft von den Strapazen der Seefahrt erholt hatte, sandte Steuben seine Meldungen an den Kongreß und Washington, denen er seine Empfehlungsbriefe beilegte. Am 12. Dezember reiste er mit besonderer Gelegenheit, welche Langdon beschafft hatte, unter den größten Hochachtungsbezeugungen der Bewohner von Portsmouth nebst Genossen ab. Außer Karl Vogel hatte die Gesellschaft nun Mac Oddon und Fergus zur Dienstleistung bei sich.

Zwei Tage später trafen sie in Boston ein, und Steuben begab sich sogleich zu dem berühmten Patrioten und Redner John Handcock, der unlängst erst sein Amt als Präsident des Kongresses niedergelegt hatte. Er fand in ihm einen von dem hageren, heißspornigen Langdon sehr verschiedenen Mann. Mittelgroß, breitschulterig, mit breiter Stirn und markierten Zügen, prägte sich in diesem Manne Ruhe und eiserne Beharrlichkeit aus. Er reichte Steuben die Hand.

»Ich begrüße Sie wie einen alten Bekannten, Baron – ich lege Ihnen diesen Aristokratentitel nämlich bei, weil's mir für Sie eine bequemere Bezeichnung ist als Ihr vertrackter deutscher Name. – Also, wie 'nen alten Bekannten! – Freund Ben hat mir von Paris schon vor Wochen über Sie geschrieben, bald nachdem Sie wieder aus Deutschland zu ihm zurückkamen und ja sagten. Wenn der Mann aber Sie kennt, kenne ich Sie auch! Zuvörderst habe ich Ihnen diese Antwort des Obergenerals zuzustellen; es ist das beste, sie gleich zu lesen, für den Fall, daß ich Ihnen nützen kann. Zugleich aber ging ein Befehl des Kongresses ein, nach welchem ich ermächtigt bin, für Sie und Ihre Begleitung alle erforderlichen Bequemlichkeiten zur Reise nach York in Pennsylvanien zu beschaffen. Dort ist zur Zeit der Kongreß und will Sie sehen. Es versteht sich von selbst, daß ich für alles sorge, was Ihre baldige, möglichst rasche und angenehme Reise ermöglicht.«

»Was das Angenehme betrifft, Mr. John, so bitte ich, ja nicht mehr Ausgaben zu machen, als Sie, der des Orts wie des hiesigen Klimas kundig sind, für geboten erachten. Ich bin als Soldat abgehärtet und denke, ich werde manchmal noch unbequem genug versorgt sein, bis es uns gelingt, die Engländer aus dem Lande zu werfen.«

»Schon gut, in Wolle packen werde ich Sie nicht. Was schreibt Washington?«

Steuben, der den Brief des Diktators geöffnet hatte, las ihn vor.

»Mein Herr, ich habe Ihr patriotisches Schreiben empfangen, das mich befriedigte. Indem ich Ihnen mitteile, daß ich Ihretwegen sogleich an den Kongreß schrieb, ersuche ich Sie, sich sofort an den Sitz desselben zu begeben und die Entschließungen der Regierung abzuwarten. Inzwischen wird es gut sein, wenn Sie mir mitteilen, welches Urteil Sie über unsere militärische Lage, besonders über die meine, gewonnen haben. Sie werden wissen, daß ich vorigen September zweimal von Howe geschlagen wurde, als ich das bedrängte Philadelphia zu entsetzen unternahm. – Einesteils soll mir Ihre Ansicht schon jetzt klarmachen, wen ich vor mir habe, andererseits aber, inwieweit Sie von unseren Übelständen unterrichtet sind. Haben Sie an Ihre Ansichten Vorschläge zu knüpfen, so bitte ich Sie, dieselben nicht zu verhehlen.

Ergebenst

George Washington.«

»Vor allen Dingen«, sagte Handcock, »wird also die Reise nach York betrieben. Hoffentlich bringe ich alles rasch in Ordnung. Jedenfalls haben Sie Zeit genug, über das, was Sie wegen unserer Armeeleitung glauben sagen zu müssen, dem General Antwort zu erteilen.«

»Sobald als möglich. Wo treffe ich Mr. Samuel Adams, ich habe einen Brief Franklins an ihn.«

»Wollen Sie bis morgen warten? – Ich denke, Sie können es. – Dann erspare ich Ihnen einen Weg. Ich wünsche Mr. Samuel und Sie mit Ihren Begleitern zu Tische zu laden.«

»Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten so an, wie es gegeben ist.« Damit kehrte Steuben in sein Quartier zurück. –

»Ich glaube,« sagte er unterwegs zu sich, »daß die Wahl zwischen Charakteren wie Handcock, Washington und Langdon nicht sehr schwer ist. Bei den ersteren beiden handelt sich's zweifelsohne stets um die Sache, bei dem Gouverneur aber stets nur um die Person. Ist General Gates, wie ich fürchte, von Langdonschem Kaliber, dann wird er wenig Vergnügen an meiner Bekanntschaft finden.«

Ein einfaches, aber nach dem kräftigen Geschmack der Amerikaner bereitetes Mahl vereinte am nächsten Tage bei Handcock den Baron und seine Genossen mit Samuel Adams. Letzterer war in seiner Art auch ein Original, welches mit Langdon und Handcock zu vergleichen Steuben sehr interessant fand. Er war untersetzt, voll gebaut, mit hochgewölbter Brust, der eine dröhnende Baßstimme entstieg. Große, treue, blaue Augen, eine dicke Stumpfnase, starke, leicht lächelnde Lippen und rotblondes, kurzes, krauses Haar bildeten die Erscheinung des Mannes, der im Kongreß geradezu gefürchtet war wegen seiner rücksichtslosen Wahrheitsliebe, die sich von Grobheit kaum noch unterschied. Er war indes keiner jener politischen Komödianten, welche mit ihren Eigenschaften sich selbst in Szene zu setzen suchen, er war auch kein Schwätzer. Was er auch empfand, was er auch mißbilligte und verwarf, er behielt seine Gefühle sehr lange bei sich, wollte nicht besser, tugendhafter erscheinen, nicht bedeutender als jeder andere. Aber wenn sich, durch mühsame Unterdrückung seiner ehrlichen und starken Leidenschaften, ein Ungewitter in seinem Herzen gesammelt hatte und er's für Pflicht hielt, dreinzufahren, dann prasselten seine Donnerschläge auf die Häupter der Gegner, und die Blitze seines drastischen Witzes zermalmten jede andere Rhetorik. Für gewöhnlich war er gern schweigsam.

Als Steuben ihm vorgestellt wurde, erwiderte Adams demselben lächelnd zunickend: »Bin erfreut!« – Als ihm der Baron dann Franklins Empfehlungsbrief überreichte, wurde er ernst, fast feierlich. Er nahm ihn, ging ans Fenster und las ihn, dann steckte er ihn langsam ein. »Wenn 'n Mann wie der alte Ben über Euch so zu schreiben für Pflicht hält, wie er getan hat, muß an Euch was dran sein! Wie viel, das werden meine eigenen Augen wohl sehen. Von Militärsachen versteht Old Ben aber nichts, da glaube ihm der Teufel, nicht ich. Ans Essen, John, mein Junge, wenn dir's recht ist.«

Anfänglich drehte sich das allgemeine Gespräch um die Fahrt des »Flammand« und die Meuterei. De Franey, Beaumarchais' Neffe, Duponceau und de Pontière schilderten besonders das Benehmen Steubens und wie seine kaltblütige Energie hauptsächlich alle gerettet habe. Der Baron verhielt sich dabei still, er hatte ganz andere Dinge auf dem Herzen, an denen ihm sehr viel gelegen war, und als gerade de Pontière von seiner Großmut gegen die Meuterer erzählte, schnitt er ihm etwas ungeduldig das Wort ab. »Genug von diesen Erlebnissen, Monsieur. Wir taten samt und sonders unsere Schuldigkeit und damit gut. Es lohnt nicht, von Vergangenem zu reden, wo uns die Zukunft gerade genug zu tun macht. Ich wollte auf etwas anderes kommen, was mir in diesem Lande, so kurze Zeit ich es auch kenne, doch bereits auffiel. – Ist es denn hier Sitte, Mister John, Mister Samuel, daß die Leute gerade ihre verdienstvollsten Männer verunglimpfen, Urteile schlechthin und trotzig über Dinge abgeben, die sie augenscheinlich nicht verstehen? Ist die öffentliche Meinung denn hier der Sklave jedes zufälligen Erfolges, so daß sie demjenigen allein nachläuft, der heute Glück hat, ihn morgen aber, wenn Mißgeschick ihn trifft, begeifert?«

»Wieso?« fuhr Samuel Adams auf.

»Ich machte wenigstens bei Gouverneur Langdon und den Portsmouthleuten die Erfahrung.«

»Hat Euch das Publikum oder Langdon weniger gut empfangen, als man hier tat?« fiel Handcock ein.

»Im Gegenteil! – Man empfing mich hier freundlich, wohlwollend, vertrauensvoll, also wie einen Mann, der, ohne von Eitelkeit gebläht zu sein, es erwarten kann, wenn ihm ein gewisser guter Ruf vorausgeht. In Portsmouth empfing man uns aber enthusiastisch mit Ovationen. Das gerade hat mich frappiert, denn während das Volk noch vor Langdons Fenstern über unsere Ankunft jauchzte, fand es der Gouverneur bei dem uns bereiteten Festmahle für gut, über Ben Franklin wie Washington höchst lieblos herzuziehen, Gates wegen Saratoga aber in den Himmel zu erheben. Ich weiß gewiß nicht, was es war, das Mister Horace siegen machte, ob eigenes Talent, ob des Gegners Torheit. Eins weiß ich nur, wäre ich Bourgoyne gewesen, hätte ich die Engländer kommandiert, etwas saurer wäre das Einschließen meiner Leute dem Herrn Gates mit seinen Milizen denn doch geworden. Es ist für mich betrübend, daß man mir zujubelt, bevor ich irgend etwas tat, wenn in demselben Atem verdiente Kämpfer der Volkssache geschmäht werden. Eine so wechselnde Laune der öffentlichen Gunst, die hierzulande eben die Regierung bildet, ist nicht sehr ermutigend für einen, der es erlebte, daß Friedrich, der erste Soldat Europas, mehrfach bis – ja, meine Herren, bis zur Vernichtung geschlagen wurde! Wer da, wie ich, weiß, daß nur Bourdalues Gebetbuch meinen großen Monarchen nach dem Unglück von Kollin vor dem Selbstmord bewahrte, denselben König, an dessen Seite ich die letzte Siegesschlacht bestehen durfte, der lernt doch etwas fester, edler über Charaktere denken, als hierzulande zu geschehen pflegt!«

»Will Euch gleich darauf antworten«, dröhnte Sam Adams Stimme. »Ich bitte Euch, macht unter uns Eure hellen Augen und Euer richtig fühlendes Herz auf. Laßt diese, weniger aber Eure Ohren urteilen.

Was Langdons Geschwätz betrifft, nun, er ist ein Esel. Sobald Ihr Gates eine Stunde gesprochen haben werdet, bin ich gewiß, daß Ihr ihn für 'ne höchst pfiffige Canaille haltet! 's ist zwar auch nur 'n Urteil, was ich ausspreche, Ihr werdet aber Gelegenheit haben, zu erfahren, ob der Gouverneur oder Sam Adams recht hat!«

»Ich stimme Sam völlig bei, Baron!« sagte Handcock. »Überall in der Welt sind zwar Eifersucht und neidische Parteilichkeit zu finden, überall existiert ja eine zahlreiche Gattung mittelmäßiger, wenn nicht schofler Charaktere mit höchst zweifelhaften Talenten. Bei uns, lieber Baron, ist diese Sorte aber ganz besonders zu Hause, sie gibt den Ton an! Hier pflegt man eben rücksichtslose Urteile, schroffe Ansichten und grobe Anklagen als offene Wahrheit eines freien Mannes, als Bürgertugend anzusehen, und man ist in dieser Beziehung um so tugendhafter, also ein um so größerer Schreier, je bornierter man ist! Bei uns kann man der elendste Patron sein, sobald man sich durch sein freches Mundwerk eben Ansehen verschafft, ist man ein gemachter Mann; das ist für die Mittelmäßigen im Leben aber doch immer die Hauptsache. Ich rate Ihnen deshalb, Baron, ja Ihnen allen, meine Herren, tun Sie nach bestem Wissen und Gewissen Ihre Pflicht für Ihr neues Vaterland. Halten Sie sich zu allen denen, welche Sie mehr denken, mehr handeln, aber weniger sprechen sehen, im übrigen lassen Sie die Menge schwatzen. Auch Sie, sobald Sie sich auszeichnen, werden verleumdet werden. Sie werden Feinde haben, bevor Sie es noch wissen, denn Partei ist alles bei uns! Antworten Sie der Niedertracht wie der Narrheit mit Taten! Das ist auch hier die Manier, die Majorität mundtot zu machen!«

»Wenn ich in Washington einen ebenso guten Lehrer finde, dann hoffe ich meine Gegner mundtot zu handeln!«

»Ich denke, man schickt Sie zu dem Obergeneral«, sagte Adams. »Er wird Ihnen 'n besserer Lehrer sein als wir. Washington ist nicht nur der beste Mensch, er ist das größte Genie, das unter uns lebt. Selbst unser alter Ben in Paris, so sehr er Amerikas Liebe verdient, kann immerhin erst nach George genannt werden. Er verhält sich zu ihm wie Aaron zu Moses.«

»Eins übrigens ist Ihnen, bevor Sie den Kongreß sehen, zu wissen wichtig«, fiel Handcock ein. »Ehe Sie uns dienen, müssen Sie sich pro oder kontra hierüber entscheiden. – Sie werden sehr bald die leidige Erfahrung machen, was Volksgeist ist. Meinungen werden Sie wie Heuschrecken offen und heimlich umschwirren. Zwei große Parteien aber, die Sie zu beachten gezwungen sind, zu deren einer Sie sich bekennen müssen, haben sich während des Krieges herausgearbeitet und werden in Amerika so stabil werden, wie die Whigs und Tories in England. Es sind die Demokraten und die Republikaner.«

»Um Vergebung,« fiel der Baron ein, »wie kann man denn Republikaner sein, ohne sich Demokrat zu nennen? Wie kann man das demokratische Prinzip sich nur denken, wenn nicht in republikanischer Form?«

»Dicker Irrtum, Baron, schrecklicher Irrtum!« polterte lachend Sam Adams heraus. »Haha, Sie meinen wohl europäische Demokraten und Republikaner, nicht aber unsere? – Ein Demokrat in Amerika ist ein Mensch, dem die Freiheit nur sein eigener verkörperter Egoismus ist! Sein Staat soll tun und lassen, was er will, so wie er es selbst macht. Was für Virginien, New York oder Philadelphia profitabel ist, ihnen Vorteil bringt, das ist dem Virginier, New Yorker und Pennsylvanier der Inbegriff seiner Freiheit! Ob dabei die anderen verbündeten Staaten zugrunde gehen, ob das übrige Amerika von den Engländern allenfalls wieder erobert wird, daß ist 'nem solchen Kerl egal. Er würde sich in solchem Falle dem Franzosen oder Spanier, kurz der absoluten Monarchie ruhig an den Hals werfen, sobald sie ihm nur garantiert, daß sein Staat und er in ihm regieren und machen kann, was er Lust hat oder nicht! – Die Republikaner, Liebster, sind aber die, welche das Gesamtvaterland, die Union der amerikanischen Staaten, und ein gemeinsames kraftvolles Regiment, kurz, welche die Einheit allem vorziehen! Für diese Einheit bringen sie jedes Opfer, für die Einheit geben sie ihren Sonderwillen hin, so lieb er ihnen auch ist, und sind der Überzeugung, daß die Freiheit der einzelnen Staaten nur ein hohler Schall, eine bloße läppische Einbildung ist, sobald die Einheit nicht die starke Quelle ist, aus der sie fließt! Sind Sie nun klar, Baron?«

»Was in Amerika ein Demokrat oder Republikaner ist, gewiß. So wahr ich dieses Glas Wein nun erhebe, um auf Amerikas Unabhängigkeit zu trinken, so wahr will ich von Stunde an als Republikaner leben und für die einige, unteilbare Republik sterben! Wer anders denkt, der ist für mich ein Staatsverräter!«

Alles war aufgesprungen. Handcock ergriff das Wort, und seine Züge leuchteten. »So heiße ich Sie in diesem Gegentrunke als meinen und Sam Adams, als Washingtons und Franklins, als jedes wahren Amerikaners Bruder hoch willkommen!« Er stürzte sein Glas hinunter und erfaßte Steubens Hand.

*

Schnee und Eis lag als dicker Mantel auf dem Lande. Man schrieb bereits den 14. Januar 1778, als der Baron samt Genossen seine Abreise nach York bewerkstelligte. Trotz aller Bemühungen Handcocks, von Adams unterstützt, hatte es fünf Wochen gedauert, ehe die Reiseequipage aufgetrieben und eingerichtet war, Wagen, Schlitten und Handpferde, die nötigen Reit- und Wagenknechte beschafft und der geeignete Kommissär, Mr. Giffon, gefunden war, welcher auf dem Wege für Quartier und Fourage zu sorgen hatte. Auch mußte erst Washingtons Antwort abgewartet werden, welche sehr umfangreich war und zugleich Instruktionen für Steuben enthielt, gewisse militärisch-diplomatische Geschäfte bei dem Kongresse abzuwickeln. Mit dem Gefühle gegenseitiger warmer Zuneigung und Hochachtung schieden der Baron, Handcock und der grobe Sam Adams voneinander. –

Der Sieg von Saratoga, so äußerlich glänzend er war, so ungeheures Aufsehen er in Europa machte und Frankreichs Kampfbegeisterung zur Siedehitze brachte, hatte sich, bei Licht besehen, doch nichts weniger als besonders folgenreich erwiesen. Die Amerikaner befanden sich in einer höchst kritischen Lage. Die Engländer waren im Besitze von New York, Rhode Island und Philadelphia, dazu hatte Howe sämtliche Forts der Chesapeake-Bai erobert, und Britannien besaß noch immer eine wohldisziplinierte Armee. Ein Glück für die Republik, daß der englische General Howe jetzt in sein altes Laster der Untätigkeit verfiel und an der Küste stehenblieb, statt durch einen energischen Winterfeldzug das Unglück Bourgoynes bei Saratoga in Vergessenheit zu bringen und die Verlegenheiten des Gegners auszubeuten; diese waren unendlich groß. Die amerikanische Hauptarmee unter Washington befand sich hoch im Gebirge zu Valley Forge am Schuylkhill in Pennsylvanien, inmitten eines strengen Winters, ohne Kleider, ohne Provisionen, ohne regelmäßige Disziplin, entblößt von allem außer ihrem Mute und ihrem Patriotismus. Die zweite, kleinere Armee unter Gates dagegen stand am oberen Hudson bei Albany, also ungefähr einhundertunddreißig geographische Meilen von Washington entfernt. Das Schlimmste war aber die Unzufriedenheit im Lande, die täglich mehr Boden gewann, der Überdruß an den eigenen patriotischen Opfern und Leiden und der selbstsüchtige Wunsch mancher einzelnen Staaten, Frieden zu schließen um jeden Preis und ohne Rücksicht auf die übrigen. Solche Sinnesrichtung drohte verhängnisvoll für die Sache der Union zu werden. Angesichts so trauriger Verhältnisse hatten Handcock und Adams dem Baron den Rat gegeben, sich soweit wie möglich von der Küste entfernt zu halten, damit er nicht von den Engländern oder von Detachements der Tories, wie man die königlich Gesinnten im Lande nannte, aufgehoben werde, welche von New York, Philadelphia und der Küste aus Streifzüge bis ins Innere des Landes unternahmen. Steuben richtete daher seinen Kurs westlich, erreichte am 18. Januar Springfield, am 20. Hartford, vier Tage später Fisykill, Ende des Monats Bethlem, am 2. Februar Reading und traf am 5. nach dreiwöchentlicher, bald per Schlitten, bald zu Pferde oder Wagen vollbrachter Reise in York im südlichen Pennsylvanien ein.

Ein damals noch kleines, meist aus hölzernen Blockhäusern bestehendes Landstädtchen war's, in welchem sich dermalen die Regierungsgewalt Amerikas befand, und der einzige Gasthof des Ortes mußte seinen Tanzsaal für die Sitzungen des Kongresses hergeben. Dieses primitive Städtchen am Codorus-Creek, im Umkreis kaum einer halben Meile von dichtestem Urwald umgeben, und alles das in des tiefsten Winters Leichentuch gehüllt, gab so recht das melancholische Bild der geistigen Erstarrung wieder, in welcher der Unabhängigkeitskampf Amerikas zu liegen schien.

Steuben, den geradesten Weg wählend, nachdem er am Tore der Stadt gehört hatte, der Kongreß tage eben, ritt mit seinen Begleitern sofort vor das Hotel, welches den bescheidenen Namen »boardinghouse« führte. Der Baron wußte aus Eröffnungen Handcocks, daß »das Bündel von Königen« oder »King Cong«, wie man das amerikanische Staatenhaus nannte, längst nicht mehr jene begeisterte Versammlung repräsentierte, welche die Unabhängigkeitserklärung votiert hatte. Alle hervorragenden Männer, mit Ausnahme weniger, hatten der Tribüne entsagt, und diese jetzt tagende Versammlung war etwa auf die Hälfte jener ersten berühmten Versammlung zusammengeschmolzen. Jetzt zerriß sie Hader und Zwiespalt, die Partei der Demokraten stand der der Republikaner gegenüber. Anderseits hatte Steuben auf der Reise aber die Erfahrung gemacht, daß der Sieg von Saratoga die Herzen des Volkes doch unendlich wieder erhoben hatte, überall war er von lebhaften Sympathien für den »großen Fritz« begrüßt worden, und seine Ankunft hatte überall eine solche Freude, ein solches Vertrauen erweckt, als wäre er an der Spitze eines Hilfskorps erschienen. Augenscheinlich hatten die Blätter von Portsmouth und Boston sein Erscheinen im »Humbug-Stile« gründlichst ausgebeutet.

Vor der verschlossenen Tür des Kongreßsaales, die in ein Vorgemach führte, waren zwei Konstabler stationiert, welche dafür zu sorgen hatten, daß die Versammlung in ihren Verhandlungen nicht gestört werde, während im Erdgeschoß des Gasthauses die Wache der Miliz von York stand, welcher der Schutz des Kongresses anvertraut war. Nachdem der Offizier von dem brieflichen Befehl des Kongresses an Steuben, in York zu erscheinen, Kenntnis genommen und ihn den Konstablern vorgelegt hatte, tat einer derselben mit dem Kolben einen Schlag gegen die Tür des Versammlungszimmers. Die Rede, welche bisher ertönt war, brach ab, eine Glocke erklang. Die Tür wurde aufgeschlossen, und der Quästor der Versammlung erschien auf der Schwelle.

»Welche Ursache unterbricht die Sitzung?« sagte er.

»Das Eintreffen dieses Herrn, des Generals Baron Steuben, das sogleich zu melden ich von dem Präsidenten ermächtigt bin«, entgegnete der Konstabler.

Des Quästors Gesicht erhellte sich sofort. »Haben Sie die Güte, Baron, zu warten, bis die Versammlung Sie empfangen kann, ich werde sie von Ihrem Eintreffen benachrichtigen.«

Die Tür schloß sich wieder. Man hörte den Quästor drinnen laut Steubens Namen nennen, darauf erfolgte lebhafte Bewegung und Unruhe in der Versammlung. Der Präsident schien eine kurze Bemerkung zu machen, auf welche der vorhin unterbrochene Redner seinen Vortrag beendigte. Dann öffnete sich die Tür. »Baron Steuben, der Kongreß erwartet Sie!« rief der Quästor.

Seinen Sekretär und Dolmetscher Duponceau neben sich, trat Steuben, den Hut in der Linken, wie wenn er vor Seiner Majestät in Sanssouci erschiene, in den Sitzungssaal, trat bis in die Mitte desselben, verneigte sich vor dem Präsidenten, dann vor der Versammlung und sagte französisch:

»Herr Präsident! Hohe Versammlung! Ich, Friedrich von Steuben, vordem Adjutant des Königs von Preußen und deutscher Generalleutnant, melde mich mit meinen Gefährten zum Dienst und bitte, bis ich des Englischen ganz geläufig bin, mich dieses Mannes, Mr. Duponceaus, meines Sekretärs, als Dolmetscher bedienen zu dürfen.« – Duponceau wiederholte Steubens Worte in der Landessprache.

Die imposante Erscheinung des Barons im vollen kriegerischen Schmucke seiner Nation, sein geistvoll edles und offenes Antlitz und die Kürze und Geradheit seiner Anrede nahmen sofort für ihn ein und erhöhten das Vertrauen, welches man für ihn durch St-Germains, Vergennes' und Beaumarchais' Empfehlung, zumal aber durch Ben Franklins Brief, dem das Schreiben Friedrichs II. beigeschlossen war, gefaßt hatte. Als Duponceau geendet, erhob sich Laurent Morris, der Präsident.

»Wir heißen in Ihnen, Baron, einen ausgezeichneten Offizier willkommen, welcher dem siegreichen Preußenkönige nicht bloß lange gedient hat, sondern auch dessen Vertrauter gewesen ist. Wenn Sie den Staaten, der Union, deren Gesetzgeber und Regierung Sie in uns sehen, ebenso treu dienen wie Ihrem Monarchen, so werden Sie finden, daß eine Republik ein nicht weniger dankbarer Herr sein wird, als es ein Monarch ist! Sie erscheinen zu einem höchst wichtigen und schwierigen Augenblick für die Union, und das Zeugnis, das Ihnen schriftlich nicht bloß der würdige Ben Franklin, sondern unlängst erst noch Mr. Handcock in Boston betreffs Ihrer Einsicht und Ihrer Gesinnungen gegeben hat, läßt uns hoffen, daß Ihre Dienste sich jetzt zumal besonders segensreich für Amerika erweisen werden. Wir werden eine Kommission erwählen, welche Ihre Wünsche entgegennimmt. Nehmen Sie solange mit Ihrem Dolmetscher Platz.«

Dr. Witherspon, der allein in der Versammlung des Französischen mächtig war und deshalb die Verhandlungen leiten sollte, Mr. Henry aus Maryland und Thomas Mc. Kean wurden nunmehr als Kommissare erwählt; hierauf richtete Morris das Wort an Steuben, der sich erhob.

»Obwohl wir Sie bereits als den Unsrigen betrachten, Baron, wird dies faktisch doch erst der Fall sein, wenn wir wissen, wie wir mit Ihnen stehen, und welche Art von Dienst es ist, den wir Ihnen anzuvertrauen vermögen. Ich bitte Sie, mir Ihre Wohnung anzugeben, in der diese Herren Sie morgen aufsuchen werden. Noch einmal heiße ich Sie willkommen.«

»Exzellenz!« erwiderte Steuben. »Indem ich für den gütigen Empfang und das Vertrauen des Hohen Hauses innig danke, erkläre ich Ihnen allen, meine Herren, auf meinen Eid als Christ, daß ich dem Hohen Kongreß und dessen Haupt, dem Präsidenten, stets so mit Ehrfurcht, Liebe und Treue dienen werde, wie ich meinem früheren Könige gedient habe. Jede Art des Dienstes, den Sie von mir fordern, wird mir recht sein und mich bereitwillig finden. Ich gebe mich völlig Ihrer Einsicht in die Hände. Nur zweierlei wage ich heut schon offen zu erbitten. Lassen Sie mich unter keinem anderen General dienen als unter Mr. George Washington, denn unter ihm hoffe ich am besten zu lernen, was in militärischer Beziehung der Union heilsam ist. Ferner bitte ich, daß Sie meine Dienststellung unter General Washington derartig sein lassen mögen, daß ich wirksam dazu beitragen kann, daß in den nächsten und allen künftigen Schlachten die Engländer vor uns den Rücken kehren müssen! Mr. Handcocks Haus ist mein Quartier, und ich erwarte mit Vergnügen die Herren der Kommission.«

Als Duponceau diese Erwiderung Steubens kundtat, erhob sich in begeisterter und überraschter Bewegung Morris mit dem ganzen Hause.

»Für diese eben ausgesprochene Gesinnung, Baron, sagen wir Ihnen Dank und erweisen Ihnen, wie Sie sehen, aus der freien Bewegung unserer Gemüter durch Aufstehen die höchste Ehre, welche wir einem wackeren Manne zu erzeigen vermögen. Gehen Sie mit Gott, Baron!«

Steuben verneigte sich und verließ die Versammlung.

Am nächsten Tage fand sich bei ihm die Kommission ein, und nur weniger Sitzungen bedurfte es zur völligen Einigung. Er erklärte, daß er auf seinen ehemaligen Rang als Militär verzichte, um durch denselben den Offizieren der Unionsarmee keinerlei Grund zur Mißstimmung zu geben; daß er nur als Freiwilliger unter Washington in derjenigen Art Dienste zu tun wünsche, in welcher er diesem General für geeignet erscheine. Er besitze kein eigenes Vermögen, sondern nur die Einkünfte von Ämtern und Ehrenstellen, welche er nunmehr in Europa aufgegeben habe, und die etwa fünfundachtzig Friedrichsdor jährlich betragen hätten. Er hoffe, die Republik werde die Ausgaben, welche sein Dienst nötig mache, bezahlen. Schlüge der Krieg unglücklich aus, so mache er auf nichts weiter Anspruch, siege aber die Sache der Union, und seien seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt, so erwarte er, daß die Union ihn für alle Opfer, die er freiwillig ihrer Sache wegen gebracht habe, so entschädigen werde, wie ihre Liberalität und ihr Gerechtigkeitssinn ihr vorschreibe. Er verlange für sich selbst vorläufig kein Patent, denn er überlasse es Washington, seinen Rang zu bestimmen. Für seinen Adjutanten, Herrn von Romanai, dagegen verlange er Majorsrang, für de l'Enfant den eines Ingenieur-Hauptmanns, den eines Rittmeisters für Herrn de Pontière, für Duponceau aber ein Kapitänspatent. Wären diese Wünsche den Vereinigten Staaten genehm, so erkläre er sich bereit, mit seinen Begleitern auf der Stelle zur Armee abzureisen.

Mit lebhaftem Beifall erklärte die Kommission sich bereit, diese Bedingungen einzugehen, und erstattet noch denselben Tag dem Kongreß Bericht. – Gegen Abend ließ sich bei Steuben General Horace Gates anmelden.

»Aha«, damit nickte Steuben Romanai und l'Enfant zu. »Der Sieger von Saratoga hängt die Angel nach dem fremden Weißfisch aus! – Mir ahnt, er will mich allein sprechen, verlaßt mich darum, Freunde, außer dem Duponceau. Wir wollen ihm seine Herzensergüsse erleichtern, vielleicht gewinne ich dabei in diesen Mann einen ganz nützlichen Einblick.«

Seine Umgebung leistete Folge, und Gates trat ein. – Horace, in England geboren, stand mit Steuben ziemlich im gleichen Alter. 1765 in Virginien als Grundbesitzer angesiedelt, war er 1776 bei der Erhebung in die Dienste der Union getreten und hatte mit abwechselndem Glück gekämpft. Hager, sehnig, mittelgroß und von der Sonne tief gebräunt, hatte er eine blutige Schmarre, die vom rechten Stirnbein quer über die linke Wange herablief: er hatte sie gleich zu Anfang des Krieges empfangen. Seine Uniform war einfach dunkelgrün. Außer den goldenen Epauletten ohne Kantillen mit dem Generalsstern der Union hatte er als Abzeichen nur eine blauweiße Schärpe, deren weiße Hälfte mit roten, schmalen Streifen durchwoben war. Er erschien ohne Waffe, den Schlapphut unterm Arm und in etwas nonchalanter Haltung. Er ging auf Steuben ohne Umstände los, schüttelte ihm die Hand und begann ein Gespräch, das Steuben teils absichtlich in seinem noch sehr schlechten Englisch, teils mit Duponceaus Hilfe führte.

»Muß durchaus der Erste sein, Baron, der Ihnen Glück wünscht! Morgen werden Sie ein amerikanischer Soldat sein, und der Kongreß wird Sie in jeder Weise ehren. – Etwas habe ich auf dem Herzen, das mich besonders herführt. Als 'nen offener Kerl und Ihr künftiger Kamerad sage ich, was ich denke, geradeheraus! Wie, das ist Ihnen doch recht?«

»Biedere Geradheit liebe ich immer, General, selbst wo sie mir nicht angenehm ist. Seien Sie ganz offen.«

»Sie wissen doch, daß ich bei Saratoga siegte, indes George Wash zu Valley Forge in seinem Loche lag?«

»Ich weiß es und gratuliere Ihnen sowie dem Lande zu diesem Siege.«

»Gut. Er war nur etwas für den Anfang, verstehen Sie! Mich wundert nur teufelmäßig, daß Sie sich gerade so auf den Dienst bei Washington gespitzt haben! Denken Sie denn, ich könne einen so ausgezeichneten Mann wie Sie nicht auch brauchen? Ich hätte Sie zu meinem ersten Divisionsgeneral gemacht, haha!«

»Sie ehren mich durch diese Versicherung überaus, General. Die Frage aber, unter wem ich diene, ist für mich keine persönliche, wie Sie zu denken scheinen, Horace, Sie ist rein sachgemäß. Daß Sie bei Saratoga siegen konnten, Washington aber zweimal geschlagen wurde, vermag meine siebenjährige kriegerische Erfahrung in Preußen nur dadurch zu erklären, daß Ihre Truppen bedeutend besser sein müssen als die des Obergenerals. Da es sich für die Union nun darum handelt, daß nicht nur Sie, sondern alle Generale derselben, also auch Washington, siegen, so ist es mein Wille, da zu dienen, wo eben ein Mißerfolg gerade erlitten worden ist. Sie sind ein so glänzender Sieger gewesen, daß es lächerlich wäre, Ihnen erst noch meine Hilfe anzubieten. Die steht Ihnen übrigens für den Fall zu Diensten, daß Sie sich einmal in Washingtons Lage befinden, wenn er in der Ihren ist.«

»Goddam, verflucht edelmütig!« lachte Gates. »Aber wissen Sie, Baron, daß Sie mit Ihren deutschen idealen Gefühlen unter uns nichtswürdig schlecht fahren werden? Bei uns beruht alles auf der Person, und wenn ich meine Person möglichst fördere, so fördere ich in ihr auch die nationale Sache, der ich diene! In Amerika finden Sie keine tugendhaften Träumer, haha, aber dafür kraftvolle Leute, die den Egoismus in sich zur sozialen und politischen Tugend machen. Oder glauben Sie denn, daß Franklin, Morris, Adam, Handcock, Washington, kurz wie sie alle heißen, keine krassen Egoisten sind? Warten Sie es nur ab! Wenn Sie nicht selbstsüchtig wie wir sein wollen, so werden Sie von allen anderen mißbraucht und ausgebeutet werden, und indem Ihr Obergeneral Ihre Verdienste in seine Tasche steckt, werden Sie am Tage des Sieges leer ausgehen!«

»Für Ihren klaren und uneigennützigen Rat bin ich Ihnen sehr verbunden, General, obwohl ich Ihrer Meinung doch nicht bin. Mir steht die Sache hoch über meiner Person, und ich lebe der Überzeugung, daß eine selbstsuchtlose Hingabe für Amerikas Unabhängigkeit der einzige Weg ist, meiner Person den besten Dienst zu leisten. Sie sehen meine Angelegenheit mit demokratischen Augen an, ich mit republikanischen, General!«

»Ah, nicht übel! Sie haben von unseren kleinen inneren Angelegenheiten mehr Kenntnis als vorauszusetzen war! So würden wir mithin politische Gegner sein?«

»Insofern Sie der demokratischen, ich der republikanischen Partei angehöre, gewiß!«

»Haha, das tut nichts, mit meinem Demokratismus ist's nicht weit her. Ich bin Soldat, das ist alles! – Nun sagen Sie, wenn Sie zu Wash gehen, was denken Sie da zu tun? Man erzählt sich im Kongreß, Sie würden des Obergenerals Armee zu reformieren suchen, wie?«

»Das käme doch ganz auf des Obergenerals Willen und Befehl an!«

»Oh, er wird schon den Willen dazu haben, weil er ihn haben muß! Sie irren aber, wenn Sie glauben, das gehe nur so. Da ist der Generalinspekteur Convay noch zu Valley Forge, der sich von Ihnen gewiß nicht ins Handwerk fahren läßt, und ich bezweifle lebhaft, daß die amerikanischen Herren Offiziere sofort nach preußischer Pfeife tanzen werden. Haha, aber Sie wollen es so! Bei mir hätten Sie dagegen frei schalten können, und wir hätten die Ehre unserer Erfolge viel brüderlicher geteilt, als Ihnen das am Schuylkhill passieren dürfte. Nun, wir kennen uns jetzt. Ich habe Ihnen nur mit dem allen sagen wollen, wie sehr ich Sie schätze. Bitte, besuchen Sie mich, und sehen Sie mein Haus ganz als das Ihrige an!«

»Sehr verbunden, General. Da mir mein verehrter Freund Handcock dies Haus aber bereits als das meinige zu betrachten empfahl, würde es sehr unhöflich sein, das Ihrige vorzuziehen.«

»Nichts für ungut, nichts für ungut!« Damit schüttelte Gates Steuben die Hand und ging, wobei es unserem Baron vorkam, als schiede eben ein Heuchler von ihm, der höchst verlegen sei, sich durchschaut zu wissen.

Am anderen Morgen erhielten Steuben und seine Gefährten von Präsident Morris die Einladung zu einem Festessen, das der Kongreß ihnen zu Ehren veranstaltet hatte. Nachmittags fand es im Kongreßhause statt, und Steuben hatte neben Morris den Ehrenplatz. Die Solennität ward damit eröffnet, daß Morris Steuben den Beschluß des Kongresses vorlas und dann überreichte, »daß derselbe den Baron Steuben in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten aufnehme, in die von ihm mit der Kommission vereinbarten Bedingungen ebenso wie in die von ihm gewünschten Chargen seiner Begleitung willige und ihn ersuche, in das Hauptquartier der Armee abzureisen«.

Es verstand sich von selbst, daß Steuben seiner Ergebenheit Ausdruck verlieh. Er schloß mit einem so flammenden Toast auf den Sieg der Union und Englands völlige Niederwerfung in Amerika, daß rauschender Jubel den Saal erfüllte. Die Kongreßmitglieder erschöpften sich in Artigkeit gegen ihn und seine Begleiter; Gates allein hielt sich kühl.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.