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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleOberst Hannes
noteOriginal-Titel: Colonel Jack
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleOberst Hannes
pages1-423
created20060814
sendergerd.bouillon
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Ich lebte wie gesagt ganz zufrieden, und das Soldatenleben behagte mir. Ich machte meine Übungen so gut, daß der Sergeant, der uns einexerzierte und uns die Waffen führen lehrte, mich fragte, ob ich wirklich vorher noch niemals eine Waffe geführt hätte. Ich sagte: Nein! Darauf sagte er im Scherz: Sie nennen dich Oberst und ich glaube, du wirst es noch bis zum Obersten bringen, oder du mußt eines Obersten natürlicher Sohn sein. Sonst ists unmöglich, daß du dein Gewehr so führen kannst, wie du es tust, obschon es dir nicht öfter als ein bis zwei Male gezeigt worden ist.

Dies schmeichelte mir heimlich und stachelte mich an, so daß mir das Soldatenleben recht gut gefiel. Allein als der Hauptmann mir die Nachricht brachte, daß wir nach England marschieren und zu Newcastle am Tyne nach Flandern zu Schiff gehen sollten, erschrak ich recht sehr und wurde ganz anders gesinnt. Denn erstlich war des Hauptmanns Lage etwas gefährlich: er durfte sich zu New Castle nicht sehen lassen, wenn er aber mit dem Bataillon gegangen wäre, so hätte er sich öffentlich sehen lassen müssen. Und dann würde er ohne Zweifel in Haft genommen und ausgehändigt worden sein. Hierbei fiel mir auch ein, daß ich 100 Pfund Sterling bares Geld in London hatten Wenn ich nun alle Soldaten im Regiment gefragt hätte, wer von ihnen nach Flandern gehen und als gemeiner Soldat Schildwache stehen wollte, wenn er 100 Pfund Sterling in der Tasche hätte, so glaube ich, daß keiner mit Ja darauf geantwortet hätte, zumal da 100 Pfund zu jener Zeit genug waren, sich eine Charge in einem neuen Regiment zu kaufen, obwohl es in diesem Regiment, das alt und schon längst errichtet war, nicht angegangen wäre. Dies stärkte meinen Ehrgeiz, daß ich von nichts anderem als von einem Offizier, Edelmann und einem Kriegshelden träumte.

Da nun diese zwei Umstände zusammenkamen, fing ich an sehr unruhig und in meinen Gedanken höchst unwillig zu werden, als ein armer Musketier nach Flandern zu gehen und sich für wöchentlich 3 Schillinge 6 Groschen totschlagen zu lassen. Indem ich nun hierüber täglich nachdachte, wie es nun gehen würde, kam der Hauptmann Hannes eines Abends zu mir und sprach: Höre, Hannes, ich muß etwas mit dir bereden. Laß uns zusammen einen Spaziergang auf das Feld machen, auf daß wir ein wenig vom Hause fortkommen.

Wir spazierten hin und her, und der Hauptmann erzählte mir, wie unsere Sachen stünden, und daß er mit dem Bataillon nicht nach Newcastle marschieren dürfe, wenn er nicht aus dem Gliede herausgegriffen und zum Strang verurteilt werden wollte. Heimlich möchte ich wohl nach Newcastle gehen, sagte er, sogar mitten durch die Stadt hindurch. Aber mich öffentlich dort zeigen hieße ins Verderben gehen.

Was willst du nun machen? fragte ich.

Was ich machen will, sagte er, meinst du, ich wäre verpflichtet mich ihretwegen henken zu lassen? Nein, ich bin entschlossen auf und davon zu gehen, und wir möchten dich auch gern bei uns haben. Es ist noch ein anderer ehrlicher Kerl dabei, auch ein Engländer, der entschlossen ist auszurücken. Er ist schon lange im Dienst und sagt, er wisse gar wohl, wie es uns draußen gehen würde, ja er wollte eher sterben, als mit nach Flandern gehen.

Ei, sprach ich, ihr werdet, wenn sie euch als Überläufer ergreifen, erschossen werden. Sie werden sofort Steckbriefe und Kundschafter durch das ganze Land schicken, so daß ihr ihren Händen schwerlich entrinnen werdet.

Darum ist uns nicht bange, antwortete er. Mein Kamerad kennt alle Wege und Stege und kann sich im Finstern zurecht finden. Er versichert, uns an das Ufer des Tweed bringen zu können, ehe sie uns einholen, und sobald wir uns auf der andern Seite des Flusses befinden, dürfen sie uns nichts anhaben.

Wann wollt ihr euch denn aufmachen? sprach ich.

Diesen Augenblick noch, sagte er, es ist keine Zeit zu verlieren. Es ist heute eine helle Nacht, da Mondschein ist.

Ich habe nichts von meinem Gepäck bei mir, sprach ich, laßt mich erst zurückgehen und meine Wäsche und einige andere Sachen holen.

Deine Wäsche ist nicht wichtig, sagte er, wir wollen schon andere in England bekommen auf die alte Weise.

Nein, nein, sprach ich, sage mir nichts mehr von der alten Weise. Deiner alten Weise und deinen alten Wegen verdanken wir es, daß wir jetzt in der Klemme sitzen.

Sei nur still, meine alten Wege sind besser als das Hungerleiderleben solcher Edelleute, wie wir es jetzt sind.

Aber wir haben ja kein Geld in der Tasche, sprach ich, wovon wollen wir denn reisen?

Ich habe soviel als genügt, um nach Newcastle zu gelangen, und wenn wir unterwegs keines bekommen sollten, so wollen wir uns auf ein Steinkohlenschiff begeben und darauf bis nach London fahren.

Dieser Vorschlag gefällt mir am besten, sagte ich. Ich willigte nun ein mitzugehen und machte mich unverzüglich mit ihm auf die Beine. Der listige Galgenvogel hatte seinen Kumpan eine Meile entfernt unter den Bergen lauern lassen und hatte mich immer langsam in dem Gespräch auf diesem Wege fortgelockt, so daß ich fast in dem Augenblicke, wo ich einwilligte, auch an dem Orte war, wo ich ihn zu Gesicht bekam und er mir sagte: Sieh, da ist mein Kamerad. Ich kannte ihn schon, da ich ihn unter dem Volk gesehen hatte.

Da wir also unter die Berge und eine Meile vom Wege weg gelangt waren, und sich der Tag neigte, schritten wir kräftig aus, damit wir so weit wie möglich kämen und unsere Verfolger uns nicht mehr einholen könnten, wenn sie uns vermissen sollten und etwas von unserer Flucht erführen.

Wir nützten unsere Zeit und eilten so rasch, daß wir uns morgens um 5 Uhr bei einem kleinen Dorfe, dessen Name mir entfallen ist, befanden. Die Leute sagten uns, daß wir ungefähr noch acht Meilen vom Tweed entfernt wären und uns, sobald wir über den Fluß kämen, auf englischem Boden befinden würden.

Wir erfrischten uns hier ein wenig, setzten aber unsern Weg nach kurzer Rast wieder fort. Es war 9 Uhr morgens, als wir den Tweed erreichten. Es waren wenigstens zwölf Meilen bis dahin gewesen statt acht, wie sie uns gesagt hatten. Hier holten wir noch zwei andere von diesem Regiment ein, die von Huddingtown ausgerückt waren, wo eine andere Kompagnie mit Rekruten einquartiert lag.

Dieses waren Schotten und sehr arme Teufel, die nicht einen Heller in ihrer Tasche hatten, da sie zusammen bei ihrer Flucht nicht mehr als sechs Schillinge besessen hatten. Als sie uns sahen und merkten, daß wir von demselben Regiment waren, hielten sie uns für ihre Verfolger, die ihnen an den Kragen wollten. Daher machten sie sich zur Verteidigung bereit, da sie wie wir das Seitengewehr ihres Regiments bei sich hatten. Die Uniform indes sollten wir nicht eher bekommen als bis wir in Flandern angelangt wären.

Wir ließen sie nicht lange bei diesem Irrtum sondern gaben ihnen zu verstehen, daß wir in derselben Lage wie sie wären. Also vereinigten wir uns und bildeten eine kleine Kompagnie. Nachdem wir auf der andern Seite des Flusses auf englischem Grund und Boden angelangt waren und uns eine Weile ausgeruht hatten, denn wir waren alle hundemüde, setzten wir unsern Weg nach Newcastle fort und waren entschlossen uns dort umzusehen, wie wir zu Wasser nach London kommen könnten. Zumal wir kein Geld hatten die Reise länger fortzusetzen. Unser Geld ging ganz auf die Neige. Denn obwohl ich noch ein Goldstück in meiner Tasche hatte, das ich für den höchsten Notfall aufgehoben hatte, so war es doch auch nicht mehr als eine halbe Guinee, und mein Hauptmann hatte alle unsere Reisekosten getragen, solange sein Geld reichte. Als wir nach Newcastle kamen, hatten wir nicht mehr als sechs Groschen alles in allem, die zwei Schotten hatten sich den ganzen Weg mit Betteln weitergeholfen.

Wir beschlossen, in der Dämmerung in die Stadt hineinzugehen. Aber auch dann durften wir nicht recht wagen, uns mitten in der Stadt sehen zu lassen. Daher wandten wir uns ein wenig unterhalb der Stadt, wo einige Glashütten standen, nach dem Flusse zu. Unser Schicksal wollte, da wir uns äußerst vorsehen mußten, daß wir in einem abgelegenen Wirtshause einkehrten und einen Krug Bier verlangten.

Diese Wirtschaft wurde von einer Frau besorgt, wenigstens sahen wir niemanden sonst dort. Da sie uns sehr vertrauensvoll entgegenkam und uns freundlich begegnete, so trugen wir kein Bedenken, ihr unsere Lage zu entdecken und sie zu fragen, ob sie uns nicht einen Kapitän eines Kohlenschiffes nennen könne, der uns zu Wasser mit nach London nehmen würde. Die geschickte Schlange, die alsbald sah, daß wir an ihren Köder anbeißen würden, gab uns die freundlichsten Worte von der Welt und sagte, es täte ihr herzlich leid, daß wir nicht einen Tag früher gekommen wären. Ein guter Bekannter von ihr, ein Kohlenhändler, wäre mit der Morgenflut abgesegelt, und das Schiff wäre schon bis Shields, sie glaube aber, daß es noch nicht aus der Mündung des Flusses heraus sei und wolle zu dem Schiffsherrn schicken, um zu sehen, ob er schon an Bord gegangen sei. Denn bisweilen gingen die Schiffsherren nicht eher an Bord, als bis das Schiff schon auf offener See wäre. Wenn er noch nicht fort sein sollte, so wollte sie ihn bewegen, uns alle mitzunehmen. Allein, da müßt ihr noch an diesem Abend an Bord gehen.

Wir baten sie doch hinzuschicken, denn wir wüßten nicht, was wir tun sollten. Und wenn sie den Kapitän dahin bringen könnte, uns an Bord zu nehmen, so wäre es uns ganz gleich, zu welcher Zeit es geschähe. Denn da wir kein Geld hätten, so hätten wir auch kein Nachtquartier und wünschten nichts weiter als an Bord zu sein.

Wir sahen es als eine hohe Gunst an, daß sie zu dem Herrn hinschickte. Ungefähr eine Stunde darauf brachte sie uns zu unserer unaussprechlichen Freude die angenehme Nachricht, daß der Kapitän noch nicht fort, sondern in einem Gasthofe der Stadt wäre, und daß er sagen lasse, er wolle auf dem Heimwege selbst vorbeikommen.

Alles schien uns zu unserem Glück zu sein, und wir waren alle recht froh darüber. Ungefähr eine Stunde darauf, als unsere Wirtin bei uns in der Stube war, kam die Magd und sagte, der Herr sei gekommen. Nun wollte sie ihm unsere Sache vorstellen und ihn bereden, uns an Bord zu nehmen. Nach einiger Zeit kam sie mit ihm herauf und führte ihn zu uns in die Stube.

Wo sind die tapferen Herren Soldaten, sprach er, die in solcher Not schweben? Wir erhoben uns alle und bezeigten ihm unsere Hochachtung.

Nun, ihr Herren, sprach er, habt ihr all euer Geld verzehrt?

Jawohl, antwortete einer von uns, wir würden euch deshalb unendlich verbunden sein, wenn ihr uns umsonst mitnehmen wolltet, wir wollen gern alle möglichen Dienste auf dem Schiffe verrichten, obschon wir keine Seeleute sind.

So, sprach er, ist keiner von euch jemals zur See gefahren?

Nein, sagten wir, nicht ein einziger von uns.

So werdet ihr wohl nicht imstande sein, mir Dienste zu leisten, sprach er, sondern werdet ohne Zweifel alle krank werden. Jedoch um meiner guten Frau Wirtin einen Gefallen zu tun, will ich euch alle mitnehmen. Aber seid ihr denn alle bereit sogleich an Bord zu gehen, denn es muß noch heute abend geschehen.

Ja, Herr, versetzten wir, wir sind bereit noch in diesem Augenblicke mitzugehen.

Nein, sprach er, überaus freundlich, wir müssen erst noch eines miteinander trinken. Geht, Frau Wirtin, und bringt diesen Herren einen guten Punsch!

Wir sahen einander an. Denn wir wußten alle, daß wir kein Geld hatten. Er bemerkte es und sagte: Macht euch keine Sorgen, daß ihr kein Geld habt. Meine Frau Wirtin und ich scheiden niemals mit trockenen Lippen voneinander. Kommt, Frau Wirtin, macht den Punsch wie ich euch gesagt habe.

Wir bedankten uns bei ihm und sagten: Gott vergelte es euch hunderttausendmal, Herr Kapitän, und waren unseres Glückes wegen in tausend Freuden. Während wir Punsch tranken, rief er die Wirtin und sprach zu ihr: Ich will einen Gang nach Hause machen und meine Sachen zusammenpacken und den Befehl geben, daß sie, wenn hohe Flut ist, mit dem Boot hier vorbeifahren und mich von hier aus mitnehmen. Inzwischen macht eine Abendmahlzeit bereit. Kann ich diesen ehrlichen Herren freie Fahrt geben, so kann ich ihnen auch einen Bissen Abendbrot geben, sie werden ohnehin keine allzu kräftige Mittagsmahlzeit eingenommen haben.

Hierauf ging er fort und ein Weilchen darauf hörten wir den Bratenspieß sich drehen. Einer von uns schlich sich die Treppe hinunter und meldete uns bei seiner Rückkunft, daß eine große schöne Hammelkeule am Feuer briete. In kaum einer Stunde kam unser Kapitän wieder zu uns und schalt, daß wir den Punsch nicht ausgetrunken hätten.

Kommt, sagte er, geniert euch nicht, wenn dieser alle ist, können wir noch mehr davon haben. Wenn ich armen Leuten etwas Gutes antun will, soll es an nichts fehlen.

Wir tranken den Punsch aus, worauf mehr gebracht wurde, wozu er uns eifrigst nötigte. Alsdann wurde die Hammelkeule aufgetragen, und es ist wohl nicht erst nötig zu erwähnen, daß wir tapfer zulangten und es uns wohl schmecken ließen, besonders da verschiedene Male betont wurde, daß wir nichts zu bezahlen brauchten. Als die Mahlzeit vorbei war, befahl er der Wirtin nachzufragen, ob das Boot gekommen sei. Sie brachte zur Antwort, es sei noch nicht da.

Dann gebt uns noch etwas Punsch, befahl er. Es wurde also noch mehr Punsch hereingebracht, in den, wie man uns hernach gestanden, etwas hineingetan worden, wenigstens mehr Branntwein, als es üblich war, so daß wir, ehe der Punsch ausgetrunken war, alle sehr angetrunken waren, und ich an meinem Platze lag und wie eine Ratte schlief.

Mittlerweile wurde uns gemeldet, das Boot sei angekommen, also taumelten wir hinaus und fielen bald einer über den andern, als wir ins Boot gelangten. Hierauf gings fort, unser Kapitän kam in dem Boote mit. Die meisten, ich glaube wohl alle, fielen in einen festen Schlaf, bis wir nach einiger Zeit, da wir nicht wußten, wie schnell wir gefahren waren, anhielten und geweckt wurden mit der Mitteilung, daß wir auf dem Schiffe angekommen wären, was auch der Fall war. Wir gelangten endlich alle mit vieler Unterstützung und Hilfe, damit wir nicht über Bord fielen, auf das Schiff. Alles, woran ich mich noch zu erinnern vermag, ist, daß unser Kapitän, als wir an Bord waren, ausrief: He, Bootsmann, gib acht auf diese Herren und räume ihnen gute Kajüten ein und laß sie ein wenig schlafen, denn sie sind sehr müde. Und das waren wir auch in der Tat und noch sehr betrunken dazu, zumal es das erstemal in meinem Leben war, daß ich Punsch getrunken hatte.

Es wurde nun ordentlich für uns gesorgt, wir bekamen gute Kajüten angewiesen, wo wir uns sogleich schlafen legten. Mittlerweile lichtete das Schiff, das fertig dalag, um auf Befehl unter Segel zu gehen, die Anker, fuhr durch die Mündung und stach in See, und als wir erwachten und hinaussahen, war es schon Nachmittag. Am folgenden Tag waren wir schon sehr weit auf See. Wir konnten zwar noch das Land sehen, aber nur noch in sehr großer Entfernung. Nun ging es auf London zu, wie wir uns dachten. Wir wurden sehr gut behandelt und waren in den ersten drei Tagen mit unserer Lage sehr zufrieden, bis wir anfingen zu fragen, ob wir nicht bald in den Fluß kämen, oder wielange es noch dauern könne.

In welchen Fluß? gab einer von den Seeleuten die Frage zurück.

Nun, in die Themse, sagte der Hauptmann Hannes.

Die Themse, sagten die Schiffer, was meint ihr denn damit? Habt ihr noch nicht Zeit genug gehabt, euren Rausch auszuschlafen? Der Hauptmann Hannes sagte diesmal weiter nichts, sondern sah sich um, als ob er närrisch wäre, bis eine Weile darauf ein anderer von uns dieselbe Frage tat und die Seeleute, die nichts von dem Betruge wußten, merkten, daß uns ein Possen gespielt worden war. Daher sagte einer zu dem Engländer, der bei uns war: Wohin denkt ihr denn, daß ihr fahret?

Nun nach London, sprach er, wo sollten wir sonst hinwollen? Wir sind mit dem Kapitän einig geworden, daß er uns nach London nehmen werde.

Nicht mit dem Kapitän, sprach er, ich kann euch versichern, daß es nicht der Kapitän war. Ihr armen Leute, ihr seid alle betrogen, ich kam gleich auf diesen Gedanken, als ich euch mit dem Menschendieb an Bord kommen sah. Ihr armen Leute, ihr seid betrogen, ihr segelt nirgend anders wohin als nach Virginien.

Der Engländer fing an zu wüten und zu toben wie ein Irrsinniger. Wir sammelten uns um ihn wie die Krähen um eine Eule. Kann sich wohl ein Mensch vorstellen, wie groß unser Erstaunen und unsere Verwirrung war, als wir vernahmen, wie es um uns stand? Wir zogen blank und fingen an tapfer um uns herumzuschlagen und erregten solchen Aufruhr im Schiff, daß die Seeleute um Hilfe rufen mußten. Das erste, was der Kapitän befahl, war, daß man uns entwaffnen sollte, was aber nicht ohne Wunden und Schläge abging. Nachdem sie sich unser bemächtigt und uns die Wehr abgenommen hatten, ließ er uns in die große Kajüte bringen.

Hier redete er mit ruhigem Ernst auf uns ein und sagte, es täte ihm wahrhaftig recht leid, daß uns solches betroffen, und er merke wohl, daß wir verraten und verkauft worden wären, und daß der Kerl, der uns an Bord gebracht hätte, ein Schuft sein müsse, der von einer Rotte gottloser Händler angestiftet wäre. Er selber wüßte es nicht anders, als daß er uns als Verfrachter des Schiffes vorgestellt worden sei. Wir gaben ihm nun eine weitläufige Nachricht von uns, wie wir in des Weibes Haus gekommen, und wie uns dieser Mann versprochen, uns in seinem eigenen Schiffe nach London mitzunehmen.

Er sagte uns, es wäre ihm sehr leid, er hätte aber an dem Anschlag keinen Teil, es stünde auch nicht in seinem Vermögen uns zu helfen. Er sagte uns auch unverhohlen, was unsere Lage sei, nämlich daß wir uns auf seinem Schiffe als Sklaven befänden, die nach Maryland an einen gewissen Herrn, den er auch nannte, ausgeliefert werden sollten. Inzwischen wolle er uns, wenn wir uns ruhig und wie es sich gehörte auf dem Schiffe aufführten, alle Güte erzeigen und Sorge tragen, daß uns wohl begegnet würde. Wenn wir uns aber unruhig und widerspenstig benähmen, so müßten wir uns versehen, daß er solche Mittel und Wege nehmen würde, uns mit Gewalt zur Ruhe zu bringen, daß man uns die Hände binden und als Gefangene unter das Verdeck des Schiffes bringen würde. Der Hauptmann Hannes raste wie toll, fluchte und schimpfte auf den Kapitän, drohte ihm entweder an Bord oder am Ufer den Hals zu brechen und die Kehle abzuschneiden, sobald er ihm nur beikommen könnte, und wenn es ihm jetzt nicht möglich wäre, so wollte er sich zu rächen wissen, und sollten zehn Jahre darüber vergehen.

Dieser Vorsatz ist sehr christlich, sagte der Kapitän lächelnd. Indessen muß ich Sorge für euch tragen, solange ich euch hier habe, nachher werde ich mich schon selbst in acht zu nehmen wissen.

Macht es so arg, wie ihr könnt, sprach Hannes trotzig, ich will euch schon einmal rechtschaffen dafür bezahlen.

Ich werde dem zu begegnen wissen, mein lieber Bursche, sagte der Kapitän ganz gelassen, jetzt aber müssen wir etwas anders miteinander reden! Hiermit befahl er dem Bootsmann, daß er ihn ins Gewahrsam abführen sollte. Ich redete ihm gut zu und ermahnte ihn, geduldig und ruhig zu sein, und sagte, daß der Kapitän von unserm Unglück ja nichts gewußt habe.

Nichts davon gewußt? sprach Hannes und sah mich scheel über die Achsel an, der verdammte Schuft, denkst du denn, der ist nicht mit im Bunde bei dieser Spitzbüberei! Würde wohl ein ehrlicher Mann unschuldige Leute an Bord seines Schiffes nehmen, ohne sie nach ihren Verhältnissen zu fragen, sondern sie so im stillen, ohne ein Wort mit ihnen zu reden, hinwegführen? Und nun, da er alles weiß und sieht, wie grausam man mit uns umgegangen ist, könnte er uns da nicht wieder ans Land setzen? Ich sage euch, er ist ein Schurke und nichts anderes! Warum macht er seine Gemeinheit nicht voll und ermordet uns, um unserer Rache zu entgehen? Nichts anderes soll ihn aus meinen Händen retten, als daß er uns zum Teufel schickt oder wir ihm dahin verhelfen, ich benehme mich noch ehrlich gegen ihn, indem ich ihm ms Gesicht sage, wie er mit uns umgegangen ist, und dies mit weniger Zorn, als er zu haben scheint!

Der Kapitän wurde über diese Kühnheit wirklich ein wenig stutzig. Denn der Hannes redete mit einem ungestümen Feuer und großer Treuherzigkeit, ohne daß deswegen sein Gemüt in Unordnung geraten zu sein schien. Ich mußte mich in der Tat darüber wundern. Ich hatte ihn meiner Lebtage nicht mit solcher Beredsamkeit und Geschicklichkeit reden hören. Ich sage, der Kapitän war darüber ein wenig stutzig. Trotzdem redete er ganz glimpflich mit ihm und sagte: Mein lieber Freund, ich habe Mitleid mit euch und muß gestehen, daß euer Schicksal hart ist. Indes kann ich eure Drohungen nicht vertragen und ihr nötigt mich dadurch, strenger mit euch umzugehen, als ich sonst getan haben würde. Jedoch will ich euch nichts antun, als was zur Erhaltung meines Lebens, eurer Drohungen wegen, unumgänglich notwendig ist. Der Bootsmann befahl, ihn ins Geschirr zu bringen und ihm die neue Katze zu kosten zu geben, welches alles solche Redensarten waren, die wir nicht verstanden, sondern erst viel später. Es hieß nämlich soviel, er sollte gepeitscht und eingepökelt werden. Denn sie sagten, sein leichtfertiges Maul dürfe nicht so ungestraft hingehen, denn es wäre nicht zu ertragen. Aber der Kapitän sagte: Nein, nein, dem ehrlichen Menschen ist wirklich übel mitgespielt worden und er hat alle Ursache sehr ungehalten zu sein. Allein er habe ihnen nicht wehgetan, sagte er und beteuerte es hoch und heilig, er habe seine Hand nicht in diesem Spiele gehabt, sondern er wäre uns von den Agenten der Handelsleute und auf ihre Verantwortung an Bord gebracht worden. Es sei zwar richtig, daß sie mit leibeigenen Knechten handelten und deren viele auf jeder Reise fortführten, das brächte aber ihm als Kapitän keinen Gewinn ein, sondern sie würden allemal von den Schiffseigentümern an Bord gebracht, es wäre aber seines Amtes nicht, sich ihrethalben so genau zu erkundigen. Um uns aber zu beweisen, daß er nichts damit zu tun gehabt hätte, sondern ihm im Gegenteil die ruchlose Tat recht leid täte, und er nicht ihr Werkzeug sein wolle, uns wider unsern Willen fortzuführen, so wolle er uns, wenn es Wind und Wetter zulassen würde, wieder ans Land setzen, wiewohl es damals, da der Wind sehr stark aus Südwesten blies, und sie schon so weit von den Orkney-Inseln wären, unmöglich sei.

Allein mein Hauptmann blieb standhaft. Er sagte ihm, der Wind möge so viel blasen als er wolle, so dürfte er uns doch nicht wider unsern Willen fortführen. Er möge dem Schiffseigentümer schuld geben so viel er wolle, das wasche ihn doch nicht rein. Denn er, der Kapitän, wäre es, der uns hinwegführte, es mochte uns nun an Bord verkauft haben, wer da wolle, so dürfte er uns doch jetzt, da er alles wisse, wenn er ein ehrlicher Mann wäre, ebensowenig hinwegführen, wie er das Recht hätte uns zu ermorden. Daher verlange er nichts weiter als an Land gebracht zu werden. Wenn nicht, so wäre der Kapitän ein Lump, ein Dieb, ein Mörder.

Der Kapitän blieb bei seiner vorigen Gelassenheit. Alsdann brachte ich einen solchen Grund vor, der uns vielleicht, wenn das Wetter nicht wirklich hinderlich gewesen wäre, alle wieder zurückgebracht hätte. In der Tat, als ich mich besser auf das Seewesen verstehen lernte, sah ich auch ein, daß es unmöglich gewesen war. Ich gab dem Kapitän zu erkennen, es täte mir leid, daß der Hauptmann, mein Bruder, so hitzig gewesen wäre, indes könnte er auch selbst nicht leugnen, daß man recht gemein an uns gehandelt habe. Alsdann maßte ich mir eine Art an, mit der mein Anzug wohl nicht ganz übereinstimmte. Ich teilte ihm mit. daß wir keine Leute wären, die als Sklaven verkauft werden dürften. Obgleich wir schon das Unglück hätten, in solchen Verhältnissen zu sein, die uns nötigten, unsern Stand zu verbergen, da wir uns nur verkleidet hätten, um nicht mit der Armee nach Flandern zu gehen, so wären wir doch Leute von Vermögen und schon imstande, uns von der Knechtschaft, wenn es so weit käme, loszukaufen. Und um ihn davon zu überzeugen, wollte ich ihm eine hinlängliche Versicherung geben, zwanzig Pfund Sterling für mich selbst, und zwanzig Pfund Sterling für meinen Bruder zu bezahlen, und so schnell wir es von dem Ort aus, wo wir landeten, absenden könnten, sollte er es in London abheben können. Um zu zeigen, daß ich vermögend wäre, solches zu tun, zog ich meinen Wechselbrief über 94 Pfund Sterling mit des Zollbeamten Namen heraus, welchen er, sobald er den Wechsel sah, zu meiner unaussprechlichen Freude kannte. Er erstaunte hierüber und sagte, indem er die Hand emporhielt: Durch was für Leute seid ihr hierhergebracht worden!

Was dies betrifft, sagte ich, haben wir euch den Verlauf der Sache bereits erzählt und wir haben weiter nichts hinzuzufügen, sondern wir bestehen darauf, daß ihr uns jetzt Gerechtigkeit widerfahren lasset.

Gewiß, sprach er, es ist mir leid, allein ich kann nicht versprechen, das Schiff zurückgehen zu lassen, es ist auch ganz unmöglich, selbst wenn ich es wollte.

Die zwei Schotten und der andere Engländer sagten nicht ein Wort während des Gesprächs mit dem Kapitän. Allein als ich mich damit zufriedenzugeben schien, redete der eine Schotte etwas, was ich nicht wiederholen würde, wenn es nicht wegen des lustigen Streiches wäre, der darauf folgte. Nachdem die Schotten alles gesagt hatten, was sie konnten, und ihnen der Kapitän immer wieder versicherte, sie müßten sich darein ergeben, sagten sie: So wollt ihr uns denn nach Virginia führen? Und wir sollen verkauft werden, wenn wir hinkommen?

Beides wird geschehen, sprach der Kapitän.

Nun so wird euch der Teufel, versetzte der eine Schotte, in den Handel kommen.

Weil ihr es sagt? fragte der Kapitän lächelnd, dafür laßt den Teufel und mich sorgen, wir wollen uns schon deswegen miteinander einigen. Seid ihr nur ruhig und zeigt euch höflich wie sichs gebührt, so soll euch wieder freundlich begegnet werden, sowohl hier als dort, soweit es in meiner Macht steht. Die armen Schotten wußten so wenig darauf zu antworten wie einer von uns, denn wir sahen ein, es gab kein anderes Mittel, als dem Teufel und dem Kapitän die Freiheit zu lassen, sich unsertwegen miteinander zu vergleichen, wie der Kapitän selbst ehrlich zugegeben hatte.

So waren wir mit einem Worte alle genötigt, uns unserm Schicksal zu unterwerfen. Allein als mein Hauptmann sah, daß ich ein solches Kapital besaß, wurde er nur noch halsstarriger, daß all mein Zureden nichts bei ihm helfen wollte. Ja der Kapitän und er hatten noch manchen lustigen Wortwechsel miteinander auf dieser Reise, wobei ihn Hannes mit keinem andern Titel belegte, als Menschendieb, Schuft, Galgenvogel, und von nichts anderem redete, als sich an ihm rächen und ihm den Hals brechen zu wollen.

Der Wind wehte noch immer stark, obwohl es ein guter Wind war, bis wir, wie die Seeleute sagten, die Inseln, die im Norden von Schottland liegen, passiert hatten und anfingen, westwärts zu steuern.

Da nun viele hundert Meilen weit kein Land zu sehen war, so blieb uns nichts anderes übrig als die Geduld und uns so ruhig zu verhalten wie nur möglich, außer daß mein wunderlicher Bruder Hannes den ganzen Weg über sich gleich blieb. Es begegnete uns nichts Besonderes auf dieser Reise, wir lebten auch ziemlich eingeschränkt, so daß uns nicht leicht etwas Absonderliches begegnen konnte.

Als wir an Land kamen, was bei einem großen Flusse, welcher Potomack hieß, geschah, fragte uns der Kapitän, besonders aber mich, ob ich ihm etwas mitzuteilen hätte.

Ja, antwortete der Hannes, ich habe euch etwas mitzuteilen, Kapitän, nämlich daß ich halten werde, was ich euch versprochen habe, euch den Hals zu brechen, und ihr könnt euch darauf verlassen.

Nun, sprach der Kapitän, wenn ihr euch nicht anders helfen könnt, so sollt ihr es tun. Hiermit wandte er sich zu mir. Ich wußte gar wohl, was er haben wollte. Allein es war nun keine Hilfe mehr nötig und, was meinen Wechsel betraf, war er nichts weiter als ein Stückchen Papier, das nichts wert war. Denn es konnte ihn niemand erheben als ich selbst. Ich sah keinen Ausweg und so redete ich ganz kaltblütig zu ihm davon als von einer Sache, die mir gleichgültig sei. Ich war auch in der Tat ganz gleichgültig geworden. Denn ich überlegte auf dem ganzen Wege, daß ich als ein Landstreicher aufgezogen worden, einen Beutelschneider abgegeben, als ein Soldat gedient, von meinem Regiment geflohen, keinen bestimmten Aufenthalt in der Welt hätte, auch keinen Beruf oder kein Gewerbe verstünde, wodurch ich etwas verdienen könnte, ausgenommen das gottlose Handwerk, worin ich ausgelernt hatte, das endlich den Galgen zur Belohnung hat. Also sah ich nicht, warum mir dieser Dienst nicht ebensowohl wie ein anderes Geschäft anstehen sollte. Ich wurde noch mehr darin bestärkt, als sie mir versicherten, wenn ich meine fünf Dienstjahre überstanden hätte, sollte ich die Vorteile des Landes genießen, das heißt, ich sollte einen gewissen Landstrich für mich selbst zum Anpflanzen und Bebauen bekommen, so daß ich nun die Hoffnung hegen konnte, etwas vornehmen zu können, womit ich mein Leben ehrlich durchbringen könnte.

In dieser Gemütsverfassung befand ich mich, als wir in Virginia anlangten. Als mich daher der Kapitän fragte, was ich zu tun gesonnen sei, und ob ich ihm etwas vorzutragen hätte, das sollte heißen, ob ich ihm meinen Wechsel geben wollte, nach dem es ihm in allen Fingern juckte, so antwortete ich ihm ganz kaltblütig: Mein Wechsel könnte mir nun nichts mehr nützen, zumal hier kein Mensch etwas darauf geben würde, aber wenn er mich und den Hauptmann wieder zurück nach London brächte, so wollte ich ihm die versprochenen 20 Pfund Sterling für einen jeden von uns von meinem Wechsel bezahlen. Hierzu hatte er keine Lust. Was meinen Bruder betrifft, sagte er, so wollte er ihn nicht wieder in sein Schiff nehmen und wenn ich ihm noch 20 Pfund dazu gäbe. Er ist ein solcher verstockter und verzweifelter Galgenvogel, daß ich mich genötigt sehen würde, ihn wieder in Eisen und Banden hinzubringen, wie ich ihn hergeführt habe.

Also schieden wir und unser Herr Kapitän oder Menschendieb, welchen Titel er vielleicht eher verdiente, voneinander. Wir wurden alsdann den Kaufleuten überliefert, denen wir zugeschickt waren, die wiederum mit uns verfuhren, wie sie es für gut befanden, und in wenig Tagen wurden wir voneinander getrennt.

Was den Hauptmann Hannes betraf, so hatte dieser Schelm das Glück, einen sehr milden Herrn zu bekommen, dessen Geschäft und Güte er mißbrauchte und eine Gelegenheit ersah, mit einem Boote durchzugehen, welches sein Herr ihm und noch einem andern anvertraut hatte, einige Vorräte den Fluß hinabzuführen zu einer andern Plantage, die er daselbst hatte. Mit diesem Boote und den Vorräten gingen sie durch und segelten nordwärts gegen den Grund der Reede, wie sie es nennen und in einen Fluß, Suasquehannah genannt, wo sie das Boot verließen und durch die Wälder wanderten, bis sie nach Pennsylvanien kamen, von dort suchten sie eine Gelegenheit nach Neu-England und von da nach Hause zu kommen. Als er dort angelangt war, geriet er unter die alte Rotte und in das alte Diebshandwerk, bis er endlich einen Monat, ehe ich wieder nach London kam, ergriffen und gehenkt wurde.

Mein Schicksal war zwar härter im Anfang, aber glücklicher am Ende. Ich wurde an einen reichen Pflanzer verkauft und außer mir noch der andere Engländer, der mit mir als Soldat durchgebrannt war.

Wir waren also beide Knechte geworden, und unser Los ging dahin, daß wir einen kleinen Fluß oder Meerbusen hinaufgeführt wurden, der ungefähr acht Meilen von dem großen Fluß in den Potomackfluß hineinmündet. Hier wurden wir zu einer Plantage gebracht und zu fünfzig andern leibeigenen Knechten, sowohl schwarzen wie weißen gesteckt. Und als wir dem Aufseher der Plantage überliefert waren, bedeutete er uns, daß wir nichts anderes zu tun hätten, als scharf und hart zu arbeiten, denn nur zu diesem Zwecke kaufe sein Herr Knechte. Ich gab ihm ganz demütig zu verstehen, daß, nachdem es unser Unglück so hätte haben wollen, in einen solch elenden Zustand zu geraten, so könnten wir freilich nichts anderes erwarten, nur wollten wir ihn höflichst ersucht haben, daß uns unsere Arbeit erst gezeigt und uns erlaubt würde, sie erst nach und nach zu lernen, zumal wir ihm versichern könnten, daß wir die Arbeit noch nicht gewöhnt wären. Ich fügte hinzu, wenn er eigentlich wüßte, auf welche gottlose Art und Weise wir dahingebracht und verraten worden, würde er vielleicht Veranlassung nehmen, uns zum wenigsten diese Gütigkeit widerfahren zu lassen, auch wenn wir keine andere erlangen könnten. Ich sagte dies mit so bewegter Stimme, daß es ihn neugierig machte und nach den Umständen unseres Zustandes fragte, welche ich ihm auch weitläufig, jedoch ein wenig mehr unseren als der Wahrheit Vorteil wahrnehmend, erzählte.

Diese Erzählung unseres elenden Zustandes bewegte ihn, wie ich gehofft hatte, zu einigem Mitleid. Trotzdem meldete er uns, seines Herrn Geschäfte müßten verrichtet werden, da gäbe es keinen andern Rat, als daß wir uns zur Arbeit bequemen müßten. Daher ergaben wir uns darein und fingen an zu arbeiten. Dabei hatten wir drei beschwerliche Plagen auszustehen. Wir mußten scharf arbeiten, hatten ein übles Nachtlager und bekamen überaus schlechte Kost. Das erste war mir bisher ganz unbekannt gewesen, aus den letzten beiden Dingen aber pflegte ich mir nicht gar zu viel zu machen.

Unter diesen Umständen hatte ich Zeit genug, an mein voriges Leben zurückzudenken und zu erwägen, was ich bisher in der Welt geleistet hatte. Und obschon ich nicht fähig war, mir ein richtiges Urteil darüber zu bilden, oder zu einer klaren inneren Überzeugung zu gelangen, so machte es doch einen ziemlichen Eindruck auf mein Gemüt.

Der Herr, bei dem ich als Sklave diente, war ein reicher und angesehener Mann im Lande und hatte sehr viele leibeigene Knechte, sowohl Schwarze wie Engländer. Wenn ich mich nicht irre, belief sich ihre Zahl auf nahezu zweihundert. Unter einer solchen Menge wurden alle Jahre einige schwach und unfähig zur Arbeit, andere gingen fort, wenn ihre Zeit um war, andere starben. Durch dergleichen Zufälle und Veränderungen nahm die Anzahl ab, wenn sie nicht öfter wieder ergänzt und vollgemacht wurde, und dies nötigte ihn, alle Jahre andere zu kaufen.

Es begab sich, während ich dort war, daß ein Schiff mit verschiedenen Sklaven von London ankam, worunter sich 17 transportierte Spitzbuben befanden, von denen einige an der Hand gebrandmarkt waren, andere aber nicht. Von diesen kaufte mein Herr acht für die in ihrem zur Überfahrt von der Obrigkeit erhaltenen Paß bestimmte Zeit, wonach einige länger, andere kürzere Frist von Jahren zu dienen hatten.

Unser Herr war ein vornehmer Mann im Lande und außerdem Friedensrichter. Er pflegte gar selten in eigener Person nach der Plantage zu kommen, wo ich mich befand. Allein als diese neuen Sklaven ans Land gebracht und an unsere Plantage ausgeliefert wurden, kam der gestrenge Herr in einem recht ansehnlichen Staate selbst dahin, um sie zu sehen und in Empfang zu nehmen. Nachdem sie der Herr besehen hatte, wurden sie von einer Wache vom Schiff gebracht. Der Oberbootsmann kam mit ihnen, um sie unserm Herrn zu überliefern.

Als unser Herr die obrigkeitlichen Befehle, die die Vollmacht zu ihrer Überbringung erteilten, alle durchgelesen hatten rief er einen nach dem andern mit seinem Namen zu sich. Nachdem er jedem von ihnen seinen Befehl vorgelesen und ihm mitgeteilt, welcher Verbrechen wegen er herübergebracht worden war, ermahnte er jeden einzelnen nachdrücklich und stellte ihnen vor, welche große Gnade ihnen widerfahren sei, daß sie vom Galgen, den sie nach dem Gesetz verdient hätten, errettet worden und auf ihr demütiges Bitten und Flehen die Bewilligung zur Überfahrt erlangt hätten.

Er führte ihnen hierbei zu Gemüte, daß sie das Leben, das sie jetzt anträten, so anzusehen hätten, als wenn sie von neuem in der Welt zu leben anfingen. Wenn sie sich fleißig. gehorsam und bescheiden aufführen wollten, so würden sie, wenn die Zeit ihrer Leibeigenschaft um wäre, nach der Landesordnung aufgefordert werden, sich dort niederzulassen und sich anzubauen. Ja, wenn er sähe, daß sie ihre Zeit getreulich aushielten, so pflegte er seinen Knechten alle möglichen Vorteile zu gewähren, um sich im Land anzubauen und festzusetzen, wenn sie es durch ihr Betragen verdient hätten. Sie würden verschiedene Pflanzer um sich herum sehen und kennen lernen, die sich jetzt in sehr guten Verhältnissen befänden, obgleich sie vorher auch nur Sklaven gewesen wären und sich in demselben Zustand wie sie befunden hätten, ja auch von demselben Orte, von Newgate, oder eigentlich vom Galgen hergekommen wären. Einige darunter hätten das Zeichen noch an ihren Händen, wären aber jetzt ehrliche Leute und lebten in hohem Ansehen.

Ich wurde durch die nachdrucksvolle Rede meines Herrn ungemein bewegt. Denn ich dachte nicht anders, als daß mein Herr dies alles nur für mich gesagt hätte. Daher dachte ich mir, mein Herr müßte mehr als Brot essen können, zum wenigsten ein außergewöhnlicher Mensch sein, weil er alles so haarklein kannte, was ich in meinem Leben verübt hatte.

Ich erschrak, daß ich nicht wußte, wie mir geschah, als mein Herr die übrigen Sklaven alle entließ und, indem er mit dem Finger auf mich wies, zu seinem Oberschreiber sagte: Bringt diesen jungen Mann zu mir her!

Ich hatte wohl fast ein Jahr lang auf der Plantage gearbeitet und mich so fleißig dabei bewiesen, daß mir der Aufseher entweder schmeichelte oder es wirklich meinte, wenn er mir sagte, daß ich mich wohl aufführte und meine Sache gut machte. Indes erschrak ich doch heftig, als ich mich bei meinem Namen rufen hörte, da man im allgemeinen nur diejenigen, die etwas versehen oder angestiftet haben, aufzurufen pflegte, um sie hernach zu stäupen oder auf andere Weise zu züchtigen.

Ich kam wohl so recht wie ein Übeltäter hinein und sah nicht anders aus wie einer, der auf frischer Tat ertappt worden und nun vor den Richter geführt wird. Die Ansprache und Vermahnung, die der Herr an die andern hielt, war in einem großen Saale gehalten worden, wo er wie ein Richter auf seinem Stuhle, oder besser wie ein König auf seinem Throne saß. Ich aber wurde durch einen hinteren Raum im Hause zu ihm hineingeführt.

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