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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleOberst Hannes
noteOriginal-Titel: Colonel Jack
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleOberst Hannes
pages1-423
created20060814
sendergerd.bouillon
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Ich will nicht vergessen zu erzählen, daß ich, während diese Dinge vorgingen, ganz allein einen Spaziergang auf das Feld hinaus machte, um nach Kentishtown zu gehen und der alten Muhme ihr Recht widerfahren zu lassen. Da geschah es, daß ich gerade an den Ort kam, wo ich die arme alte Frau und die Magd ausgeplündert hatte. Mein Gewissen hatte mir schon oft diese grausame Tat vorgehalten, ich hatte auch schon bei mir selbst gelobt, Mittel und Wege zu suchen, um ihnen ihr Geld wiederzugeben, wozu ich mir denn auch diesen Tag ausersehen hatte. Ich erschrak aber doch ein wenig, als ich mich plötzlich an dem Unglücksort befand, da er mich an die Schurkerei, welche ich dort begangen hatte, erinnerte, und ich hegte den heimlichen Wunsch – Gebet kann ich es nicht nennen, weil ich hiervon nichts wußte –, daß ich dieses verfluchte Handwerk aufgeben möchte. Ich wünschte ein ehrliches Gewerbe zu verstehen, durch das ich meinen Lebensunterhalt verdienen könnte, dann wollte ich niemanden mehr berauben!

Ich setzte meinen Weg nach Kentishtown fort und fragte eine arme Frau, die von dort war, ob sie eine Frau namens Smith kenne. Sie antwortete: Ja, sehr gut, sie ist keine ansässige Einwohnerin, sondern wohnt nur zur Miete, ist aber ein armes ehrliches und fleißiges Weib, das durch mühselige Arbeit einen kranken Mann ernähren muß, der vor einigen Jahren zu Schaden gekommen ist, so daß er sich selbst nicht helfen kann.

Ich fand ohne Mühe heraus, wo sie wohnte. Als ich ein kleines Mädchen vor der Tür nach der Frau fragte, hörte sie es drinnen und kam heraus. Ich redete sie an und sprach: Ehrliche Frau, seid ihr ungefähr vor einem Jahr, als ihr von London nach Hause ginget, ausgeplündert worden?

Ja freilich wurde ich geplündert, sagte sie, und bin vor Schreck bald umgekommen.

Wieviel wurde euch denn genommen, fragte ich.

Sie haben mir alles Geld weggenommen, was ich besaß, und was ich mir auch blutsauer verdient hatte, es war auch Geld dabei für ein Kind, das ich damals zu verpflegen hatte und wofür ich in London das Geld bekommen.

Wieviel war es denn? fragte ich.

Sie sagte: es waren 22 Schillinge, 6 Groschen, alles halbe Groschen, 21 Schillinge hatte ich mir erst geholt, das übrige hatte ich bei mir gehabt.

Hierbei stiegen mir die Tränen in die Augen, obgleich ich mir alle Mühe gab sie zu unterdrücken. Ihr armes Weib, sagte ich, es ist erbärmlich, daß solche Galgenvögel eine arme Frau, wie ihr seid, ausplündern und sie des ihrigen berauben. Nun, der Täter hat jetzt Zeit es zu bereuen.

Ich merke, daß ihr sehr mitleidig seid, mein Herr, sagte sie, ich wünsche, daß der Verbrecher die Zeit, die Gott ihm noch schenken will, recht wohl anwenden und sich bekehren möge.

Haltet eure Hand auf, sprach ich. Sie tat es. Da zählte ich ihr denn neun halbe Kronen in die Hand. Da, sagte ich, habt ihr eure 22 Schillinge und 6 Groschen wieder, die euch geraubt wurden.

Die Zeit über, als ich ihre Hand hielt, merkte ich, da ich ihr beständig ins Gesicht sah, daß sie bald weiß bald rot wurde vor äußerster Verwunderung, Bestürzung und Freude.

Gott vergelte es euch, sprach sie. Sie bewegte mich derart mit ihrem Wunsch, daß ich mit der Hand noch einmal in die Tasche griff.

Nun, sprach ich, da habt ihr noch etwas über euren Verlust! Und hiermit gab ich noch eine Krone mehr.

Dann fragte ich sie, wer diejenige gewesen, die gleich ihr geplündert worden wäre. Sie sagte, es sei eine Magd, die in der Stadt wohne, sie wäre aber aus ihrem Dienst getreten und sie wüßte nicht, wo sie sich aufhielte.

Nun, sprach ich. wenn ihr erfahret, wo sie wohnt, so hinterlasset Nachricht, wo sie anzutreffen ist. Und wenn ich euch dann wieder besuche, so will ich das Geld für sie auch wiederbekommen, ich denke, es wird nicht viel gewesen sein.

Nein, sprach sie, es waren nur fünf Schillinge und sechs Groschen.

Also versuchet es zu erfahren, wo sie ist, sagte ich. Sie versprach es mir und ich machte mich wieder fort.

Dies gab mir eine große Zufriedenheit. Allein die ganz natürliche Folge davon wäre gewesen, daß mir tiefsinnige Überlegungen kämen, und daß ich zu dem Schluß gebracht würde, daß ich nun allen, denen ich auf gleiche Weise Unrecht getan hätte, das ihrige zurückerstatten müßte. Aber wie sollte ich dies tun und wie hätte ich es anfangen sollen? Mit der Zeit verloren sich diese Gedanken, denn es war eben eine Unmöglichkeit, da ich doch gar kein Vermögen dazu hatte. Ich kannte ja auch niemanden von den Leuten, die ich geschädigt, und so schlug ich denn alles bald in den Wind.

Ich komme nun jetzt auf meine Reise mit dem Hauptmann Hannes. Wir begaben uns zu Fuß von London fort und wanderten den ersten Tag bis nach Ware. Denn wir hatten uns erkundigt, daß wir unsern Weg durch diese Stadt nehmen müßten. Wir waren müde genug, weil wir das Reisen noch gar nicht gewohnt waren. Trotzdem gingen wir einmal durch die Stadt hindurch, als wir dort angelangt waren.

Ich merkte bald, daß Hauptmann Hannes diesen Spaziergang durch die Stadt nicht zur Besichtigung und zur Befriedigung seiner Neugierde unternahm, sondern daß sein Zweck war, eine Gelegenheit zum Rauben ausfindig zu machen.

Es bot sich aber in Ware nichts, was nach seinem Sinn gewesen wäre, weil kein Markttag war. Was mich betraf, so war ich, obgleich ich mir kein Gewissen daraus machte, auf Kosten seiner Spitzbüberei zu essen und zu trinken, doch fest entschlossen, mich in nichts einzulassen und nicht das geringste fortzunehmen.

Als der Hauptmann merkte, wie ich hierin dachte, fragte er mich, wie ich zu reisen gedächte.

Ich fragte ihn wieder, was er sich dächte, da er doch gewiß gehenkt werden würde, sei das Verbrechen auch noch so klein, wenn er ergriffen würde.

Wie kann das sein, sprach er, sie kennen mich doch nicht auf dem Lande?

Ja, sagte ich, denkst du, es wird kein Steckbrief davon nach Newgate gesandt. Sobald ein Dieb auf dem Lande ergriffen wird, forschen sie nach, wer ihnen entflohen ist, damit er angehalten wird. Sei versichert, die Gefängnisse führen den genauesten Briefwechsel miteinander und wenn du hier nur einen Korb Eier stiehlst und dabei ertappt wirst, so wird bald ein Ankläger geschickt werden, um zu sehen, ob er dich kennt.

Dies schreckte ihn eine Weile ab und hieß ihn ein paar Tage ehrlich bleiben. Allein dies dauerte nicht lange. Denn er verübte später eine ganze Menge Spitzbubenstreiche ohne mich, bis er endlich auch sein Ende fand, was allerdings erst nach einer Reihe von Jahren geschah, wie man später erfahren wird. Da aber diese Diebshändel nicht in meine Geschichte eingreifen, sondern nur ihn betreffen, dessen Leben und Taten ein dickeres Buch ausfüllen würden als dieses ist, so will ich alles fortlassen, wobei ich nicht selber beteiligt gewesen bin.

Von Ware reisten wir nach Cambridge, obwohl es nicht gerade an unserer Landstraße lag. Dies machte sich so. Als wir auf dem Wege durch ein Dorf, Puckeridge genannt, kamen, kehrten wir dort im Gasthof »Zum Falken« ein. Während wir dort saßen, kam ein Landmann in den Gasthof und band sein Pferd vor der Tür an, um hineinzugehen und eins zu trinken. Wir saßen im Torweg und hatten uns einen Krug Bier geben lassen. Wir hatten uns bei dem Stallknecht erkundigt, wo der Weg nach Schottland ginge. Er sagte uns, wir müßten auf der Straße nach Royston fragen. Allein, sprach er, es geht gleich hier ein Weg ab, den ihr nicht gehen dürft, denn er führt nach Cambridge.

Wir hatten unser Bier bezahlt und saßen nur noch, um uns ein wenig auszuruhen, als plötzlich eines Edelmanns Kutsche, mit vier Pferden bespannt, vor der Türe hielt. Die, welche zu Pferde saßen, ritten geradenwegs in den Hof, und der Stallknecht mußte mit ihnen gehen. Daher sprach er zum Hauptmann. Seid doch so gut und haltet dieses Pferd ein wenig! Damit meinte er des vorhergenannten Landmanns Pferd, das er aus dem Wege ziehen mußte, um der Kutsche Platz zu machen. Der Hauptmann tat dies und winkte mir, daß ich ihm folgen sollte. Wir gingen vorsichtig bis zum abzweigenden Wege. Er sagte mir, ich solle sachte vor ihm hergehen, er wolle mir schon folgen. Ich ging den Fußsteig hinauf und in wenigen Minuten saß er zu Pferde und folgte mir. Komm, setz dich auf, sprach er, ich will des Henkers sein, wenn wir das Pferd nicht glücklich wegbringen!

Es machte mir keine Schwierigkeit, hinten hinaufzuspringen. Wir galoppierten eine gute Strecke fort, weil es ein starkes Pferd war. Wir verloren keine Zeit, sondern ritten eine Stunde lang, bis wir dachten, wir wären nun weit genug, daß sie uns nicht mehr einholen könnten, zumal der Bauersmann, wenn er sein Pferd vermissen und hören sollte, daß wir nach dem Weg nach Royston gefragt hätten, uns gewiß auf diesem Wege und nicht auf dem nach Cambridge verfolgen würde.

Wir ritten nun ein wenig langsamer, nachdem wir etliche Stunden so gejagt hatten, und wenn wir durch eine Stadt oder ein Dorf kamen, stiegen wir abwechselnd ab, um nicht zu zweien hindurchzureiten.

Da es dem Hauptmann unmöglich war, eine Gelegenheit vorbeigehen zu lassen, wo es etwas zu stehlen gab, so war jetzt, da er ein Pferd hatte, um die gestohlenen Sachen fortzubringen, die Versuchung nur noch größer geworden. Wir ritten durch ein Dorf, wo man gewaschen und die Wäsche auf den Zaun neben der Straße aufgehängt hatte. Er konnte es nicht übers Herz bringen vorbeizugehen, ohne ein paar Hemden zu erwischen, die halb trocken waren, darauf holte er mich spornstreichs ein, denn ich war ein wenig vorausgegangen. Ich sprang geschwind hintenauf, und wir galoppierten so schnell davon, als unser Gaul nur traben wollte. Hierbei gerieten wir zu unserm großen Glück ganz von der Straße ab. Denn da wir es versäumt hatten, nach dem Wege zu fragen, so verirrten wir uns viele Meilen zu weit rechts, bis wir durch Bishop-Stratford auf die Landstraße gelangten, die von London nach Cambridge geht. Die besonderen Umstände, die uns bewogen hatten, so fort zu wandern, waren diese: Das Land bestand aus lauter offenen Kornfeldern, die nicht umzäunt waren. Als wir auf einem etwas höher gelegenen Grunde waren, hieß ich ihn das Pferd anhalten, weil ich absteigen und ein wenig zu Fuß gehen wollte, da meine Beine vom langen Reiten ganz steif geworden waren, zumal ich hintenauf gesessen und ohne Steigbügel geritten hatte. Als ich abgestiegen war und mich ein wenig umsah, konnte ich die große breite Straße gar deutlich sehen, die wir hätten reiten sollen und die beinahe zwei Meilen von uns entfernt lag.

Als ich mich aber ein wenig zur Linken umsah, erblickte ich einige Reiter, die in voller Eile herankamen, einige mit einem Vorsprung vor den andern, welche jagten, als ob sie einem Kurier nachsetzten.

Ha, Bruder Hannes, sprach ich, steig augenblicklich vom Pferde und sieh, was es dort gibt!

Was gibts denn? fragte er.

Sieh dorthin! Es ist gut, daß wir unsern Weg verfehlt haben. Siehst du dort die Reiter? Ich versichere dir, sie setzen uns nach – entweder verfolgen sie dich vom letzten Dorf aus wegen der Hemden, oder von Puckeridge aus wegen des Pferdes.

Sein findiger Sinn riet ihm, das Pferd hinter einen großen Dornbusch zu ziehen, der gleich daneben stand. Also konnten sie das Pferd keineswegs sehen, das sie sonst, da wir gerade auf einer Anhöhe waren, hätten sehen müssen, worauf sie uns dann ohne Zweifel auf diesem Wege verfolgt hätten.

Ebenso wie es ihnen aber unmöglich war das Pferd zu sehen, war es ihnen auch nicht möglich, uns selber auf solche Entfernung zu erblicken, weil wir uns auf die Erde gesetzt hatten, um ihnen aus desto größerer Sicherheit nachsehen zu können.

Sie ritten so schnell als ihre Pferde nur konnten. Als wir sie ganz aus dem Gesicht verloren hatten, saßen wir wieder auf und säumten nicht unsere Reise fortzusetzen. Denn obgleich wir zu zweien auf einem Pferde ritten, blieben wir doch unserm Wege nichts schuldig, wo es derselbe zuließ, fragten auch keinen Menschen, wo der Weg hinführe, bis wir ungefähr nach zwei Stunden zu einer Stadt kamen, die Chesterford hieß. Hier hielten wir an, fragten aber in keinem Orte nach unserm Weg, sondern nur, wo dieser Weg überhaupt hinginge und erfuhren, daß es die Landstraße nach Cambridge war.

Wir ruhten eine Zeitlang aus, weil wir uns sicher glaubten, gegen Abend ritten wir weiter bis an einen Ort, der Bournbridge hieß, wo sich die Landstraße nach Cambridge auf die Straße nach Newmarket zuwendet und wo nur zwei Häuser stehen, die beides Wirtshäuser sind. Hier sagte der Hauptmann zu mir: Höre! du siehst, daß wir auf dem Wege nach Cambridge verfolgt und daselbst angehalten werden, wenn wir dorthin gehen. Newmarket ist nur zehn Meilen von hier, dort sind wir in Sicherheit und können vielleicht Gelegenheit finden ein Geschäft zu machen.

Sieh dich vor, Hannes, sagte ich, sprich nicht mehr von solchen Geschäften, ich will damit nichts zu tun haben. Ich möchte dich gern nach Schottland bringen, ehe sie dir ein hänfernes Halsgeschmeide umlegen, und ich möchte nicht gern, daß du in England gehenkt würdest, deshalb gehe ich nicht mit nach Newmarket, wenn du mir nicht versprichst, deine alten Schliche dort zu lassen.

Nun, sprach er, wenn ich nicht darf, so darf ich nicht. Allein ich hoffe, du wirst mir erlauben zu sehen, wie wir noch ein Pferd bekommen können, um desto geschwinder zu reisen.

Nein, sprach ich, dies will ich nicht erlauben, dazu gebe ich meine Einwilligung nicht. Wenn du zugibst, daß ich dieses Pferd wieder zurückschicke, so will ich dir sagen, wie wir nachher Pferde mieten und sie behalten können, so weit wie wir wollen. Wir brauchen nur dem Eigentümer einen Brief zu senden, daß er das Pferd holen lassen solle und wenn wir auch deswegen angehalten werden, so wird uns doch deswegen kein Schaden zugefügt werden.

Du bist ein schlauer Kopf, sprach Hannes, allein ich denke, es ist so am besten, wie es ist. Denn wir sind außer aller Gefahr, unterwegs angehalten zu werden, wenn wir von hier fort sind.

Während wir noch darüber redeten, kam, obgleich es schon finstere Nacht war, ein Mann vor die Tür des andern Wirtshauses und forderte einen Krug Bier. Allein die Leute waren schon zu Bett gegangen und wollten nicht aufstehen. Da fragte er sie, ob sie nicht zwei Kerle hätten diesen Weg kommen sehen, die beide auf einem Pferde gesessen hätten. Der Wirt sagte, daß er sie wohl gesehen hätte, sie wären am Nachmittage vorbeigeritten und hätten nach dem Weg nach Cambridge gefragt. aber nicht so lange angehalten, bis sie einen Krug Bier ausgetrunken hätten.

So sind sie, sprach er, nach Cambridge gegangen, und ich werde sie bald haben!

Ich war noch nicht eingeschlafen, sondern wachte noch in der kleinen Kammer der Herberge, wo wir logierten. Als ich den Kerl vor der Tür rufen hörte, stand ich auf, ging zum Fenster, zumal mir jedes raschelnde Blatt Unruhe machte. Auf diese Weise hörte ich das ganze Gespräch. Diesmal waren wir also noch davongekommen. Unser Schicksal hatte also noch ganz andere Dinge mit uns vor. Die Sache verhielt sich so: Als wir zuerst nach Bournbridge gekommen waren, hatten wir in dem ersten Hause gefragt, welches der Weg nach Cambridge sei, hatten einen Krug Bier getrunken und waren fortgegangen, und man mochte gesehen haben, daß wir uns auf den Weg zuhielten, den man uns gezeigt hatte. Da aber die Nacht hereinbrach und wir sehr müde waren, so fürchteten wir den Weg zu verfehlen. Daher waren wir in der Dämmerung wieder zurückgekommen und im andern Wirtshause eingekehrt, weil dieses bei unserm Rückweg das erste war – wo wir uns zuerst erkundigten, war bei unserer Ankunft das erste gewesen.

Man kann mir glauben, daß mir nicht sehr wohl zumute war, als ich das Gespräch hörte, und ich hatte auch wohl alle Ursache dazu. Der Hauptmann lag im tiefsten Schlafe, ich schüttelte und rüttelte ihn so lange, bis ich ihn aufgeweckt hatte.

Steh auf, Hannes, sprach ich, wir sind beide verloren! Sie sind uns hierher nachgekommen! Ich tat unrecht daran, ihn auf solche Weise zu erschrecken, denn er fuhr in die Höhe, sprang aus dem Bett und rannte gerade aufs Fenster zu, ohne zu wissen, wo er sei, und wollte mit halboffenen Augen zum Fenster hinausspringen. Ich ergriff ihn aber an einem Arm und sagte: Was willst du tun?

Ich will mich nicht fangen lassen, sprach er, laß mich zufrieden, wo sind sie?

So groß war seine Bestürzung, und er war vor Furcht so außer sich geraten und dabei noch so schlaftrunken, daß ich alle Mühe hatte ihn abzuhalten, daß er nicht aus dem Fenster hinaussprang. Allein ich hielt ihn fest, bis er völlig wach war, und dann war alles wieder gut, und er kam alsbald zur Besinnung.

Alsbald erzählte ich ihm die ganze Begebenheit und wir setzten uns auf das Bett und überlegten, was zu tun wäre. Da aber der Kerl, der auf unserer Spur war, seinen Weg nach Cambridge genommen hatte, so brauchten wir nichts zu fürchten und konnten in aller Stille abwarten, bis es Tag werden würde, alsdann aufsitzen und unsern Weg fortsetzen. Sobald also der Tag anbrach, machten wir uns auf, und da wir uns glücklicherweise nach dem Wege bei dem andern Hause erkundigt und erfahren hatten, daß die Straße nach Cambridge links abbog, die Straße nach Newmarket aber geradeaus ging, so vermeldete mir der Hauptmann, er wolle zu Fuß nach Newmarket gehen, so daß ich, wenn ich mich aufmachte, nur ein einzelner Reisender zu sein schien. Hierauf ging er alsbald voraus und zwar so schnell, daß ich mehr als einmal dachte, wir hätten uns verfehlt. Denn obgleich ich scharf zuritt, konnte ich ihn doch eine Stunde lang nicht zu Gesicht bekommen. Endlich aber, da ich den großen Damm hinter mir hatte, den man den Teufelsgraben nennt, traf ich auf ihn und nahm ihn hinter mir aufs Pferd, und wir ritten zu zweien, bis wir beinahe am Städtchen Newmarket angelangt waren.

Gerade am ersten Hause der Stadt stand ein Pferd vor der Tür, genau so wie zu Puckeridge. Nun sprach Hannes: Wenn dieses Pferd am andern Ende der Stadt stünde, so sollte es gewiß unser sein, ebenso wie das, welches wir von Puckeridge mitnahmen. Allein es ließ sich nicht machen, also stieg er ab und ging auf der rechten Seite des Weges durch die Stadt.

Er war noch nicht bis zur Hälfte der Stadt gegangen, so kam das Pferd, das sich auf irgendeine Weise losgerissen hatte, in sanftem Trabe von selbst hinterher und kein Mensch verfolgte es. Der Hauptmann als ein alter erfahrener Soldat in dergleichen Freibeuterei fing an, dem Pferde nachzulaufen, sobald dasselbe ein gutes Stück vor ihm war und er niemanden sah, der ihm folgte. Sowie aber das Pferd ihn nachfolgen hörte, lief es schneller. Da fing der Hauptmann an zu rufen: Haltet das Pferd an! Mittlerweile war es bis ans andere Ende der Stadt gelangt, weil es die Leute, denen es gehörte, die ganze Zeit nicht vermißt hatten.

Als er nun rief, das Pferd aufzuhalten, kamen die Leute, die am nächsten zur Hand waren, von beiden Seiten des Weges herzu und hielten das Pferd auf, so gut es möglich war. Da kam Hannes ganz gravitätisch auf das Pferd zu, gab ihm etliche Hiebe mit der Peitsche und nannte es ein verfluchtes Aas, das ihm durchgegangen wäre. Er gab dem Manne, der es eingefangen, zwei Groschen Trinkgeld, setzte sich auf und kam mir in aller Gemütsruhe nachgeritten.

Nun war die Frage, wohin wir unsern Weg nehmen sollten. Wir hatten vier Wege vor uns, und einer war uns so wenig bekannt wie der andere. Da wir nun nicht wußten, welchen Weg wir einschlagen sollten und wie wir auf die große Straße nach Norden, die wir verlassen hatten, gelangen sollten, nahmen wir auf gut Glück den Weg nach Brandon und von da nach Lynn. Ich beobachtete dabei diese Regel: Wenn wir nach einem Wege fragten, nahmen wir niemals diese Straße, sondern eine andere, auf welche uns die zufällige Unterredung mit den Leuten brachte. Und so machten wir es auch hier. Denn da wir hauptsächlich nach dem Wege, der auf die Nordstraße führte, gefragt hatten, so entschlossen wir uns, geradenwegs nach Lynn zu gehen.

Dies ist eine große volkreiche Stadt, und es war gerade Markttag, als wir ankamen. Wir kehrten am äußersten Ende der Stadt in einem Häuschen ein und gingen in die Stadt hinein.

Hier war es nicht möglich, den Hauptmann abzuhalten, seine Kunstgriffe aufs neue zu versuchen. Ich sagte es ihm rund heraus, daß ich nicht mit ihm gehen wollte. Denn es heißt: mitgegangen, mitgehangen! Allein er kehrte sich nicht daran. Ich aber war über die Vermessenheit dieses Wagehalses derart besorgt, daß ich mich nicht getraute, einen Fuß aus unserm Quartier hinauszusetzen. Er ging auf den Markt und fand dort einen Quacksalber, gerade die Gelegenheit, die er suchte. In einer Viertelstunde hatte er einige Beutel abgeschnitten und ein Stück holländisch Tuch von acht oder neun Ellen nebst einem andern Stoff in unser Quartier gebracht, darauf in weniger als zwei Stunden noch manch andern losen Streich gespielt. Auch wie er später noch einen Doktor der Medizin ausgeplündert und doch allemal nicht abgefaßt wurde, gehört in die Erzählung seiner Geschichte und nicht hierher.

Ich will in meine eigene Geschichte keine seiner Streiche mehr bringen, – sie verdienen, an besonderer Stelle erzählt zu werden – sondern ich will nur das anmerken, was sich auf unsere Reise bezieht. Ich schleppte ihn so schnell wie ich konnte mit mir fort, bis wir nach Leeds in Yorkshire kamen. Hier konnte er nicht viel ausrichten, trotzdem es eine große volkreiche Stadt war. Auch zu Wakefield wollte ihm das Glück nicht hold sein. Er meinte, die Leute im Norden müßten alle Diebe sein.

Warum, sprach ich, die Leute sehen doch wie andere Menschen aus.

Nein, nein, sprach er, sie haben ihre Augen überall und sind so umsichtig, daß sie einen jeden, der ihnen zu nahe kommt, für einen Beutelschneider halten, sonst wäre es unmöglich, daß sie so auf ihrer Hut sind. Überdies, sagte er, sind sie so arm, daß wenig bei ihnen zu holen ist, und ich fürchte, je weiter wir nach Norden kommen, desto schlimmer wird es bestellt sein. Ich schließe daraus, daß es für uns dort nichts zu tun geben wird, und daß wir ebensogut nach dem Süden zurückgehen können, um dort gehenkt zu werden, als nach dem Norden, um dort Hungers zu sterben.

Wir gelangten endlich nach Newcastle am Tyne. Hier war an einem Markttage ein großes Volksgedränge, da jedermann aus der Stadt auf den Markt ging, um Vorräte einzukaufen. Hier spielte er seine Streiche wieder, betrog einen Krämer um fünfzehn Pfund Sterling Wert an Waren und kam auch glücklich davon; stahl ein Pferd und verkaufte das, auf dem wir angekommen waren. Er spielte so gottlose Streiche, daß mir angst und bange wurde. Ich meine um ihn, denn für mich selbst hatte ich nichts zu fürchten, da ich aus dem Hause, wo ich logierte, keinen Fuß heraussetzte, zum mindesten niemals mit ihm ausging, sondern stets mit den andern, die in dem Gasthofe waren und die meine Zeugen sein konnten. Ich hatte auch sehr gut daran getan, so vorsichtig zu sein, denn er war durch seine Spitzbübereien allgemach so bekannt geworden, daß ihm allenthalben nachgestellt wurde. Und hätte er nicht in listiger Weise verbreitet, daß er von Schottland käme und nach London ginge, wenn er nach dem Wege fragte, so daß die, welche ihm nachtrachteten, auf falscher Fährte waren, so wäre er sicher ohne Zweifel gefangen und aufgeknüpft worden. Durch diese Arglist aber gelangte er eine halbe Tagereise von ihnen weg. Dessenungeachtet waren sie ihm so dicht auf den Fersen, daß er sich gezwungen sah, mit dem Pferde in den Fluß Tweed hineinzusprengen und hinüberzuschwimmen, damit sie ihn nicht beim Kragen bekämen. Da befand er sich schon auf schottländischem Grund und Boden, so daß sie keine Gewalt mehr über ihn hatten, wenn sich ihm jemand in den Weg gestellt hätte. Da sie ihm aber aufs hitzigste nachsetzten, würden sie alles daran gewagt haben, um ihn nur einzuholen. Man hätte ihn auch ausliefern müssen, wenn jemand deswegen hätte die Forderung stellen wollen. Allein da er einmal über den Tweed und sicher gelandet war, konnten sie ihm nicht weiter nachfolgen, weil das Wasser an der Stelle der gewöhnlichen Überfahrt sehr breit war.

Nachdem er so geflohen war, ging er nach Kelso, wohin ich ihm nachfolgen sollte.

Ich folgte ihm schweren Herzens, und dachte alle Augenblicke, ihn auf der Straße in den Händen der Gerichtsdiener und Häscher anzutreffen, oder zu hören, daß man ihn ergriffen hätte. Allein als ich in einem Ort am Ufer ankam, vernahm ich, daß er zwar scharf verfolgt worden, aber glücklich entkommen sei.

Als ich nach Kelso kam, war es leicht, ihn ausfindig zu machen, denn da er den reißenden Tweed auf so verzweifelte Weise durchschwommen, hatte er sich so berühmt gemacht, daß jeder davon redete, obwohl ihnen weder die Ursache noch sonst etwas von seinen heimlichen Mucken bekannt war. Denn er war gescheit genug, dies alles zu verbergen und so zurückgezogen wie nur möglich zu leben, bis ich zu ihm kam.

Ich fragte ihn hierauf, wie er sich in diesem Lande aufzuführen gedächte. Er erklärte mir kurz, das wisse er nicht, er glaube aber, die Leute seien arm. Wenn sie aber doch etwas Geld hätten, so wäre er entschlossen, auch etwas davon zu bekommen. Wir machten uns nun wieder auf den Weg, worüber ich innerlich froh war, und setzten unsere Reise nach Edinburg fort. Auf dem ganzen Wege dorthin kamen wir durch eine größere Stadt, und es war übel für uns zu reisen, da wir Fremde waren. Denn wir trafen Gewässer an, die wegen des vielen Regens sehr gefährlich zu passieren waren, besonders an dem Orte, der Lauderdal hieß, wo mein Hauptmann wirklich in Gefahr war zu ertrinken, weil sein Pferd den Fluß hinuntergetrieben wurde und er herunterfiel, wodurch der arme Stockfisch eingewässert und seine gestohlenen Sachen, die er bisher stets trocken erhalten hatte, da er sie auf seinen Armen hoch überm Wasser hielt, verdorben wurden. Es fehlte nicht viel, daß er samt seinem Pferd untergegangen wäre, denn das Wasser war nicht allein sehr tief, sondern auch sehr reißend. Allein er bildete sich ein, daß er nicht ersaufen könne, sondern für eine höhere Todesart vorbehalten bleiben sollte, wie ich später erzählen werde.

Am dritten Tage, nachdem wir von Kelso abgereist waren und einen ganzen Tag in einem Gasthofe zu Hill stillgelegen hatten, um unsere Sachen zu trocknen und uns ein wenig zu erfrischen, wurden wir zu Edinburg am folgenden Tage, als wir dort angekommen waren, auf eine seltsame Art bewillkommnet. Mein Hauptmann verspürte Lust ein bischen spazieren zu gehen und fragte mich, ob ich mitkommen wolle. um die Stadt zu besichtigen. Ich sagte, ich wolle ein wenig mitgehen. Also gingen wir miteinander fort und kamen durch ein Tor, das Nether-Bow hieß, auf die große Highstreet, die hinauf zu dem Kreuz ging. Wir gerieten in Verwunderung, als wir ein furchtbares Volksgedränge erblickten. Ha, sagte mein Hauptmann, hier gibt es etwas zu tun. Allein er hatte mir versprechen müssen, an diesem Tage keinen seiner verwegenen Streiche zu unternehmen, sonst wäre ich nicht mit ihm gegangen, so hielt ich ihn denn beim Ärmel fest und wollte ihn nicht von meiner Seite lassen.

Dann kamen wir hinauf zu dem Kreuz, wo wir außer der großen Menge Volks eine Versammlung von mehreren vornehmen Herren erblickten, was meinem Hauptmann wieder Mut machte und woran er ein rechtes Wohlgefallen hatte.

Während wir so dastanden und das Maul vor Verwunderung aufsperrten, wurden wir von einem Anblick in Schrecken gesetzt, dessen wir uns nicht versehen hatten. Wir sahen das Volk haufenweise zusammenlaufen, als ob etwas ganz Außerordentliches geschehen würde. Es war auch gewiß etwas Seltsames. Wir sahen zwei Kerle, die nackt bis auf die Hüften waren, geschwind wie der Wind bei uns vorbeilaufen. Wir dachten, diese Kerle veranstalteten einen großen Wettlauf. In diesem Augenblicke aber wurden wir zwei dünne lange Seile gewahr, die erst schlaff herabhingen, nun aber straff angezogen wurden, um die Läufer anzuhalten, die nun dicht beieinander stillstanden. Wir konnten nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Allein wie groß war unsere Bestürzung, als wir einen Mann nachfolgen sahen, der die beiden Enden von den Seilen in der Hand hatte und der, als er zu ihnen kam, jedem zwei schreckliche Hiebe mit einer Drahtpeitsche gab, die er in der Hand hielt. Dann rannten die beiden armen nackten Kerle wieder so weit fort, als ihre Seile gingen. wo sie von neuem die Schläge erhielten und so mußten sie die ganze Straße hindurch, so lang sie war, hindurchtanzen.

Bei diesem Anblick wurde meinem Hauptmann fast schwarz vor Augen, denn es erinnerte ihn daran, was er zu erwarten hatte, sondern auch an das, was er an dem berühmten Orte Bridewell bereits ausgestanden hatte.

Allein dieses war noch nicht alles. Denn da wir die Vollziehung der Strafe mit ansahen, so waren wir auch neugierig, die Ursache derselben zu erfahren. Wir fragten einen jungen Menschen, der neben uns stand, was diese armen Teufel verbrochen hätten und weswegen sie diese Strafe erleiden müßten. Dieser Kerl, ein boshafter, heimtückischer Schotte, der unserer Sprache anhörte, daß wir Engländer waren, gab uns in recht lügnerischer Weise zur Antwort:

Es sind zwei Engländer, die deshalb gepeitscht werden, weil sie Beutelschneiderei verübt haben und nach allerhand andere Diebereien, und sie sollen danach wieder über die Grenze nach England zurückgebracht werden.

Es war aber kein wahres Wort daran, sondern er hatte es nur schnell erfunden, um uns Engländern eins auszuwischen. Denn als wir weiter nachfragten, vernahmen wir, daß es Schotten waren und wegen der gewöhnlichen Verbrechen wie auch bei uns in England gestäupt wurden. Der Mann, der dies so nachdrücklich tat, war der Henker der Stadt, der dort sehr angesehen war, zumal er eine anständige Besoldung erhielt, und nicht nur ein sehr reicher, sondern auch ein sehr geschickter Bursche in seinem Handwerk war, womit er jährlich ein ansehnliches Kapital verdiente.

Wie gesagt, war uns der Anblick ein Dorn im Auge, und mein ehrlicher Hauptmann kehrte sich zu mir und sagte: Komm laß uns fortgehen, ich mag hier nicht länger bleiben. Niemand war froher als ich, aber ich glaubte noch nicht recht daran, daß es sein Ernst sei, jedoch gingen wir wirklich in unser Quartier zurück. Wir hielten uns zu Hause, trauten uns auch nicht eher hinaus, als bis es Abend war, dann gingen wir ein wenig spazieren. Aber auch dann fand mein Hauptmann kein Geschäft und keine Anregung dazu. Zwar erbeutete er einige Krämer- und Galanteriewaren, allein wenn er sie hatte, wußte er nicht, was er damit anfangen sollte. Daher mußte er wider Willen ehrlich sein, was er sonst wohl hätte bleiben lassen.

Wir blieben über einen Monat hier, als mein Hauptmann plötzlich mit dem Pferde und allem Plunder auf einmal verschwunden war, und ich wußte nicht, was mit ihm geschehen war. Ich bekam auch 18 Monate lang nichts von ihm zu hören und zu sehen. Er hatte auch nicht eine Zeile zurückgelassen, wo er hingegangen oder ob er jemals wieder nach Edinburg zurückkehren würde.

Ich war von seinem heimlichen Abschied nicht angenehm betroffen, da auch ich nicht wußte, was ich als Fremder in der Stadt anfangen sollte, zumal auch mein Geld auf die Neige ging.

Ich hatte die ganze Zeit über die Last auf dem Halse, mein Pferd zu erhalten. Und da die Pferde in Schottland sehr wenig gelten, hatte ich auch keine Gelegenheit, etwas daraus zu markten. Außerdem war ich fest entschlossen, es, wenn ich nach England zurückkäme, seinem Herrn zu Puckeridge wieder zuzustellen. Ich hätte ihn dann um nichts gebracht, als daß er es solange nicht hatte benutzen können. Bald fand ich eine Gelegenheit, die vortrefflich mit meinen Wünschen zusammenfiel.

Es kam ein Mann zu dem Staller – so wurden in Edinburg die Leute genannt, die Pferde aufnehmen und halten – und fragte, ob er von Pferden wisse, die nach England zurückgingen. Mein Wirt kam gerade auf mich zu und fragte mich, ob das Pferd, das ich hätte, mein eigen wäre. Dies war eine seltsame Frage und machte mich anfangs stutzig. Ich fragte ihn, warum er solches wissen wolle.

Er sagte: Weil ich euch, wenn es ein gemietetes Pferd aus England wäre, zu einer Gelegenheit verhelfen kann, es wieder zurückzusenden und euch noch ein Stück Geld von dem, der es reitet, zu verschaffen.

Ich war über diese Gelegenheit recht froh und ließ mir von dem Mann eine Bescheinigung geben, daß ich ihm das Pferd frisch und gesund übergeben hatte, und bekam noch 15 Schillinge von dem, der es ritt. Nach dieser Abmachung gab ich ihm auf, das Pferd zu Puckeridge im Gasthofe »Zum Falken« abzuliefern. Ich erfuhr erst viele Jahre danach, daß es ehrlich dort abgegeben worden war und daß es sein erster Herr wiederbekommen hatte, aber daß niemand ihm etwas für die Ausleihung gegeben hatte.

Da ich also von den Unkosten, die mir das Pferd verursachte, befreit war und gar nichts zu tun hatte, überlegte ich bei mir, was ich wohl vorderhand unternehmen könnte. Ich hatte zwar mein Kapital noch nicht sonderlich angegriffen. Denn obschon ich mich auf der ganzen Reise nicht in des Hauptmanns verzweifelte Unternehmungen einließ, machte ich mir doch kein Gewissen daraus auf seine Kosten zu leben, was, da ich nur seinetwegen aus England fortgegangen war, nur recht und billig gewesen wäre, wenn ich nicht gewußt hätte, daß alles, was er auf mich verwandt, ehrlichen Leuten weggeraubt worden war und ich die ganze Zeit über nichts anderes als der Hehler der gestohlenen Güter gewesen war. Allein so weit war ich noch nicht gekommen, daß ich mir hierüber Gedanken machte.

Ich war aber wegen der Abnahme meines Geldes nicht sehr bekümmert, da ich doch in London einen Notgroschen zurückgelassen hatte. Indes hätte ich doch gern ein ehrliches Gewerbe angefangen, um etwas zu verdienen. Denn ich war des wüsten Lebens eines Landstreichers wirklich überdrüssig und daher entschlossen, der Dieberei Valet zu sagen. Bei diesem Entschlusse fiel mir schwer auf die Seele, daß ich weder lesen noch schreiben konnte. Dies lag wie ein schwerer Alp auf mir. Allein der Staller befreite mich von meiner Angst und brachte mich zu einem armen jungen Menschen, der es übernahm, mich in kurzer Zeit und für geringes Geld lesen und schreiben zu lehren, wenn ich nur ein wenig Mühe anwenden wollte. Ich versprach den größten Fleiß und griff das Werk mit besonderem Ernst an. Es stellte sich heraus, daß mir das Schreiben viel schwerer fiel als das Lesen.

Ich konnte ungefähr in einem halben Jahre lesen und auch so ziemlich schreiben. Ich schmeichelte mir nun, daß ich geschickt genug zu einem Beruf wäre, und kam in den Dienst eines Zollbeamten, der mich eine Zeitlang beschäftigte. Allein er gab mir wenig zu tun, ließ mich nur mit den Rechnungen, die er für die Zollpächter ausschrieb, zwischen Leith und Edinburg hin- und hergehen, und da ich mich aus meiner eigenen Tasche beköstigen mußte, bis mein Gehalt fällig war, so gab ich das wenige Geld, das ich noch übrig hatte, für Kleidung und Unterhalt aus. Als das Jahr zu Ende ging und ich meine zwölf Pfund Sterling Lohn bekommen sollte, wurde mein Herr seines Amtes entsetzt, und was das schlimmste war, er wurde einiger Unterschlagungen beschuldigt und sah sich gezwungen, seine Zuflucht nach England zu nehmen, also mußten wir Untergebenen – wir waren unserer drei – sehen, wie wir fertig wurden.

Dies war ein harter Schlag für mich, und ich wurde dadurch in die äußerste Not versetzt. Ich hätte nun nach England gehen können, zumal mir der Kapitän eines englischen Schiffes, als ich ihm mein Unglück erzählte, anbot mich mitzunehmen und meinem Wort vertraute, ihm in England bei unserer Ankunft die 10 Schillinge, die er verlangte, zu zahlen. Allein mein Hauptmann erschien damals unter ganz neuen Umständen, welche ihn dazubleiben nötigten, und ich wollte ihn nicht gern verlassen.

Er hatte in dieser Zeit manche Streiferei und manches Abenteuer erlebt. Er war nach Glasgow geritten, hatte dort recht leichtsinnige Streiche begangen, war auf wunderbare Weise dem Galgen entschlüpft, war in Irland umhergewandert und hatte sich auch dort als Räuber aufgeführt. Er war dann von Londonderry entwischt, war in die Gebirge von Schottland entflohen und ungefähr einen Monat, ehe ich von meinem Herrn zu Leith verlassen wurde, kam mein edler Hauptmann Hannes angefahren mit der Fähre von Fife und war nach allen ausgestandenen Gefahren, nachdem er in ein Rekrutenregiment im Norden aufgenommen worden war, zur Würde eines Musketiers aufgerückt.

Da es nun leider fast ebenso schlimm um mich stand wie um den Hauptmann, sah ich kein besseres Mittel vor mir, als mich ebenfalls anwerben zu lassen, und so wurden wir in einem Gliede nebeneinander gestellt und prangten beide mit einer Muskete auf den Schultern. Ich muß gestehen, es kam mir nicht so schlimm vor, wie ich mir zuerst gedacht hatte. Obgleich ich nicht gut lebte und dazu ein elendes Nachtquartier hatte, wie es den armen Soldaten in der Welt meistens zu gehen pflegt, so erschien mir dies, der ich in der Asche in der Glashütte geschlafen hatte, nicht gar so schlimm. Ich empfand ein inneres Behagen, daß ich nun nicht mehr gezwungen war, andere Leute zu bestehlen und in steter Furcht vor dem Gefängnis und dem Henker zu leben brauchte. Denn die Stäupung, die ich in Edinburg gesehen, hatte auf mich einen so schrecklichen Eindruck gemacht, daß ich nicht ohne Entsetzen daran zurückdenken konnte. Daher gereichte es mir zu einer großen Gemütsruhe, daß ich jetzt eine gewisse Lebensart ausübte, die ehrlich, ja vielleicht sogar eines Edelmanns würdig war.

So groß auch meine Zufriedenheit in dieser Hinsicht war, so kamen doch andere Umstände dazu, die mir das Leben nicht so erträglich machten, wie es hätte sein können: Nachdem wir uns ungefähr sechs Monate in diesem Stande befunden hatten, erhielten wir Rekruten den Befehl, nach England zu marschieren und zu Newcastle oder Hull uns einschiffen zu lassen, um zu dem Regiment, das damals in Flandern stand, zu stoßen.

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