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Gutenberg > Daniel Defoe >

Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleOberst Hannes
noteOriginal-Titel: Colonel Jack
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleOberst Hannes
pages1-423
created20060814
sendergerd.bouillon
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Das erstemal, als ich mit ihm ging, führte er mich nur in die Gesellschaft von zwei jungen Burschen. Wir kamen ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang zusammen und gingen hinaus auf die Felder auf einen Ort zu, der Pinder of Wakefield genannt wird, wo es eine große Menge Ziegelöfen gibt. Hier wurde beschlossen, daß wir uns von dem Feldwege aus auf die Landstraße begeben wollten, um vielleicht ein Wildpret oder Weidwerk ausfindig zu machen, welches sie, wie sie sagten, im Fluge schießen könnten. Auf dem Fußsteige trafen Will und einer von den beiden andern unserer Rotte einen Mann, der nach der Stadt zuging, als es schon anfing finster zu werden. Will schrie: Mark ho! welches die Losung war. Worauf wir alle von weitem stillbleiben mußten, damit wir ihm wenn er Hilfe brauchte, auf ein Zeichen beispringen könnten.

Will ging auf den Mann los, hielt ihn an und legte ihm die gewöhnliche Frage vor: Wo habt ihr euer Geld, Mann?

Als der Mann sah, daß er allein war, schlug er mit dem spanischen Rohr nach Will, aber dieser, der ein hurtiger starker Kerl war, fiel über ihn her und warf ihn zu Boden. Da bat der Mann um sein Leben, weil ihm Will drohte, ihm den Hals zu brechen. In dem Augenblicke, da dies geschah, kam eine Mietskutsche auf der Straße daher, und der vierte Strauchdieb, der auf dem Wege stand, schrie: Markho! Dies war das Zeichen, daß es eine Beute zu erjagen gäbe. Darauf ging der nächste Räuber zu ihm, um ihm beizustehen. Sie hielten die Kutsche an, in welcher ein Doktor der Medizin und ein Chirurg saßen, die einen vornehmen Patienten besucht hatten und sicher eine ansehnliche Bezahlung bekommen hatten. Sie erbeuteten hier zwei gute Beutel, einen mit elf oder zwölf Guineen, den andern mit einigem Kleingeld, zwei Uhren, einen Diamantring und ein chirurgisches Besteck, das mit meist silbernen Instrumenten angefüllt war.

Während sie mit dieser Arbeit beschäftigt waren, hielt Will den Mann, der unter ihm lag, am Boden fest. Er versprach ihm, ihn nicht zu töten, wenn er keinen Lärm machte, ließ ihn aber doch nicht eher frei, als bis er die Kutsche fortfahren hörte, woraus er entnahm, daß das Bubenstück gelungen war. Dann führte er ihn ein Stück vom Wege ab, band ihm die Hände auf dem Rücken und gebot ihm still zu liegen und keinen Lärm zu machen, bis er ihn in einer halben Stunde losbinden würde. Wenn er aber zu schreien anfinge, so würde er ihn ohne Mitleid kalt machen. Der arme Mann versprach ganz still zu sein, und hielt es auch. Er hatte nicht über elf Schillinge elf Groschen in seiner Tasche, welche ihm Will abnahm und dann zu seinen Spießgesellen zurückkehrte.

Während sie beieinander standen, fing ich auf der andern Seite auch an zu schreien: Markho! Ich hatte ein paar Weiber, von denen die eine eine Kinderwärterin, die andere eine Magd zu sein schien, nach der Stadt zu gehen sehen. Da Will wußte, daß ich noch ein junger Anfänger war, kam er wie auf Flügeln zu mir. Als er sah, daß es eine leichte Arbeit war, sagte er: Heran, Oberst, ans Werk! Greif an! Ich ging auf die Frauen los, redete die ältere an und sagte: Nur nicht so eilig, ich habe ein Wörtchen mit euch zu reden! Worauf sie beide still standen und ein wenig erschrocken aussahen. Erschreckt nicht, Kind, sprach ich zu der Magd, etwas Geld aus eurer Tasche wird alles gut machen, und ich will euch nicht das geringste Leid antun. Inzwischen kam Will zu uns, den sie vorher nicht gesehen hatten. Da fingen sie an zu schreien. Ruhe! sprach er, macht keinen Lärm, ober ihr zwingt uns, euch zu ermorden. Gebt euer Geld heraus und macht nicht viel Worte, so soll euch nichts geschehen!

Da zog die arme Magd fünf Schillinge sechs Groschen und die alte Frau eine Guinee und einen Schilling heraus, und heulten dabei jämmerlich um ihr Geld. Sie sagten, es sei alles, was sie überhaupt besäßen. Wir zeigten aber kein Mitleid mit ihnen und nahmen es ihnen trotzdem ab.

Mir blutete das Herz, als ich die Todesangst des armen Weibes sah, die ihr Geld hergeben mußte. Ich fragte sie, woher sie wäre und wie sie hieße. Sie sagte, ihr Name wäre Smith und sie wohnte in Kentish-Town. Ich ließ sie dann ihres Weges gehen und gab Will das Geld. In wenigen Minuten waren wir alle wieder beieinander. Wohlan, sagte einer von den Spitzbuben, laßt es genug sein, es ist Zeit, daß wir gehen. Also gingen wir quer über das Feld auf dem Fußsteig heraus nach Tottenham zu. Aber wartet! fing Will an. Ich muß hingehen und den Mann losbinden!

Wer fragt nach dem verdammten Hund, sprach einer von ihnen, laß ihn liegen.

Nein, sprach Will, ich halte mein Wort, ich will hingehen und ihn aufbinden. Als er an den Ort kam, war der Mann schon fort. Ob er sich selbst losgebunden, oder ob jemand des Weges gekommen war, den er um Hilfe angerufen und der ihn aufgebunden hatte, kann ich nicht sagen, jedenfalls war er nicht mehr zu finden und auch nicht durch Rufen zu erreichen.

Hierauf machten wir uns um so schneller fort auf einer andern Landstraße. Hier wagten es Will und einer von den andern wieder eine Kutsche zu plündern, worin ein Edelmann und ein Frauenzimmer, die er sich wohl aufgegabelt hatte, saßen. Sie nahmen dem Edelmann seine Uhr und seinen silbernen Degen ab. Als sie sich nun an die Dame machen wollten, fing diese an zu fluchen und zu schimpfen, und wünschte uns zu allen Teufeln, daß wir den ehrlichen Herrn seines Geldes beraubt hätten und nichts für sie übrig gelassen. Denn obgleich sie ziemlich aufgeputzt war, versicherte sie, sie sei doch nur ein armes Geschöpf, die nicht einen Sechser bei sich habe.

Als dieses Abenteuer vorüber war, verließen wir auch diese Straße und gingen über die Felder nach Chelsea.

Als wir nach Chelsea kamen, nahmen wir eine ganz andere Arbeit vor, die ich noch nicht mitgemacht hatte, nämlich in ein Haus einzubrechen. Die Spitzbuben waren im Einverständnis mit einem Diener des Hauses, der auch zu ihrer Rotte gehörte. Mit diesem hatten sie ein bestimmtes Losungswort verabredet, auf welches er sie hineinlassen wollte. Dieser Geselle aber betrog uns um unsere Hoffnung, weil er sich betrunken und nicht aufgepaßt hatte. Er hatte versprochen, um zwei Uhr morgens aufzustehen und uns alle hineinzulassen, weil er aber viel getrunken hatte und bis elf Uhr nicht nach Hause gekommen war, hatte ihn sein Herr ausgesperrt und die Tür vor ihm verschlossen und dem übrigen Gesinde verboten ihn hereinzulassen. Wir gingen gegen ein Uhr um das Haus herum, um unsere Beobachtungen zu machen, und wollten uns unter eine Mauer legen, bis die Uhr zwei schlüge. Aber als wir an das Haus kamen, lag der Kerl vor der Tür im festen Schlaf und gänzlich betrunken. Will, welcher der Anführer bei allem war, weckte ihn auf, und da er fast zwei Stunden geschlafen hatte, kam er ein wenig zu sich. Er erzählte ihnen sein Pech, daß er nicht ins Haus könne. Sie hatten zwar einige Werkzeuge bei sich, mit denen sie hätten mit Gewalt einbrechen können, aber Will hielt es für besser auf eine Zeit zu warten, wo sie in aller Stille eingelassen werden würden, und sie gaben ihr Vorhaben dieses Mal auf. Dies war indes ein Glück für die Familie, denn der Gauner hatte in seiner Betrunkenheit einige Worte fallen lassen und gedroht, sie sollten es teuer bezahlen, daß sie ihn nicht ins Haus gelassen und dergleichen. Da nun der Herr hiervon hörte, jagte er ihn am andern Morgen fort und verbot ihm, wieder in sein Haus zu kommen. Dadurch wurde also die Familie vor einem Unglück bewahrt.

Ich streifte die ganze Nacht mit ihnen herum. Sie gingen von Chelsea, wo sie nichts hatten ausrichten können, nach Kensington, wo sie in ein Brau- und Waschhaus einbrachen, und dort einen kupfernen Kessel von der Kette lösten und forttrugen, außerdem über 100 Pfund Zinn stahlen und auch glücklich beiseite brachten. Jeder ging nun seinen eigenen Weg, um in die verschiedenen Schlupfwinkel zu gelangen, wo die Sachen untergebracht und geteilt wurden.

Am folgenden Tage verhielten wir uns still und teilten die Sachen, die wir nachts gestohlen hatten. Mein Anteil betrug acht Pfund und zehn Schilling. Als das Kupfer und das Zinn gewogen und geschätzt wurde, fand sich jemand, der es für das halbe Geld annahm. Am Nachmittage begaben Will und ich uns wieder fort.

Aber mein Herz war von dem Elend der armen Frau aus Kentish-Town ganz bedrückt, und ich beschloß, wenn es möglich sein würde, sie aufzusuchen und ihr das Geld wiederzugeben. Es konnte nicht anders sein, es stellte sich bei mir ein Mißbehagen an der Sache selbst ein, und so war ich erst recht überzeugt, daß dies gewiß nicht das Leben eines Edelmanns sein könnte.

Will und ich trennten uns diesmal und kamen erst am andern Morgen wieder zusammen. Da war Will überaus lustig und aufgeräumt und sprach: Nun, Oberst Hannes, werden wir bald reich werden!

Ja, versetzte ich, und was wollen wir tun, wenn wir reich sind?

Wir wollen uns ein paar gute Pferde kaufen und damit zu Felde ziehen, sprach er.

Was verstehst du unter »zu Felde ziehen«? fragte ich.

Wir wollen als Raubritter ausziehen und die Landstraßen bewachen und dadurch werden wir Geld genug bekommen.

Gut, sagte ich, und was werden wir dann hernach tun? Was wir tun werden, sprach er, nun wir werden dann als Ritter und Edelleute leben.

Will, sagte ich, wenn wir nun viel Geld erlangt haben, wollen wir dieses Handwerk dann nicht aufgeben, um uns in Ruhe und Sicherheit niederzulassen?

Ja, sagte Will, wenn wir ein großes Vermögen zusammen haben, so wollen wir das Handwerk gern niederlegen.

Allein wohin werden wir gekommen sein, sagte ich, ehe die glückselige Zeit kommt, wenn wir dieses verfluchte Handwerk weiter betreiben werden?

Ich bitte dich, daran denke niemals, sprach Will, wenn du an solche Dinge denkst, so wirst du nimmermehr einen Edelmann vorstellen können.

Hiermit packte er mich am rechten Ort, denn es lag mir noch immer im Sinne. für einen Edelmann zu gelten, und ich wurde für eine Weile ganz stumm und schweigsam. Allein bald sammelte ich mich wieder und sagte ganz keck zu ihm:

Will, nennst du diese Art zu leben das Leben eines Edelmanns? War es wie ein Edelmann von mir gehandelt, daß ich einer armen alten Frau 22 Schillinge fortnahm, als sie mich auf den Knien anflehte, ihr doch nicht ihr letztes Vermögen zu nehmen, so daß sie nun nicht einmal Brot für sich und ihr krankes Kind zu Hause kaufen kann? Glaubst du, daß ich hätte so grausam sein können, wenn du nicht dabei gestanden und mich dazu angestachelt hättest? Mein Herz drehte sich mir herum, als ich die arme Frau so jammern sah, obwohl ich es nicht merken ließ.

Du Narr, sprach Will, du wirst nimmermehr fähig sein, etwas Tüchtiges zu vollbringen, ja du passest gar nicht für unser Gewerbe, wenn du dir solche Dinge in den Kopf setzest. Ich will dir diese Grillen bald austreiben. Wenn du zu etwas taugen und für solche Geschäfte geeignet sein willst, so mußt du kämpfen lernen, wenn sie Widerstand leisten wollen, und ihnen die Hälse brechen, die Kehle abschneiden und den Kopf zerspalten, wenn sie sich nicht unterwerfen. Du mußt es lernen, ihnen den Mund zu verstopfen, daß ihnen das Bitten und Flehen vergeht. Mitleid hin, Mitleid her. Was heißt Mitleid? Ich frage dich, wer wird mit uns Mitleid haben, wenn wir in das alte Gefängnis abgeführt werden? Ich bin dir gut und bürge dafür, die jammernde alte Frau, die so flehentlich um ihre 22 Schillinge bat, würde mich und dich auf unsern Knien betteln lassen und doch uns das Leben nicht retten, sondern mit ihrer Aussage gegen uns zeugen. Hast du wohl jemals ein solch altes Scheusal weinen sehen. wenn ein rechtschaffener Kerl zum Galgen geführt wurde?

Meine Meinung, Will, sprach ich, ist, daß wir besser daran täten, bei unserm alten Gewerbe zu bleiben, das keine so grausame und mörderische Arbeit war, und wobei wir mehr Geld gewannen als vielleicht durch dieses, was wir jetzt betreiben.

Nein, sprach Will, du bist ein Narr, du weißt nicht, was für vortreffliche Dinge wir in kurzem verrichten werden.

Nach dieser Unterredung trennten wir uns für diesmal. Allein ich beschloß bei mir, daß ich auf solche Weise nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wollte.

Zwei Tage darauf kam Will zu mir auf meine Stube. Denn ich hatte mir nun auch eine Wohnung gemietet, mir auch ziemlich gute Kleider und einige Hemden angeschafft und fing an menschlicher auszusehen und zu leben wie andere Leute. Will wußte noch nicht, daß einer seiner Kameraden eingefangen worden war, obwohl ihm nicht unbekannt blieb, daß man ihnen dicht auf den Fersen war, so daß sie genötigt gewesen waren, sich zu zerstreuen und jeder auf seiner Hut zu sein. Zu seinem großen Glück war er abends nach Hause gekommen, als die Häscher, die ihn gesucht hatten, gerade zur Tür hinaus waren. Denn sein Kamerad, der gefangen worden war, hatte sich durch das Versprechen, begnadigt und vom Galgen errettet zu werden, bewegen lassen, seine Spießgesellen, und unter diesen auch Will, den Hauptanführer, zu verraten.

Will bekam zur rechten Zeit Wind davon und machte sich aus dem Staube, um ihren Händen zu entgehen. Er kam zu mir und wollte sehen, wie es mir ginge. Allein zu meinem Glück war ich gerade nicht zu Hause. Indessen ließ er seine Beute, die er in einem alten Rock, der unter meinem Bette lag, verborgen, auf meiner Stube mit der Nachricht, daß mein guter Bruder Will dagewesen wäre und seinen Rock, den er von mir geborgt hätte, wieder gebracht und unter mein Bett gelegt hätte.

Ich konnte nichts daraus entnehmen, als ich aber hinaufging und zu Bett gehen wollte, und das Päckchen fand, erschrak ich bis ins Innerste, als ich sah, daß über 100 Pfund an Geld und Silbersachen hineingewickelt waren, ohne daß ich wußte, wo der Bruder Will geblieben war. Während der folgenden drei bis vier Tage hörte und sah ich auch nichts von ihm.

Nach vier Tagen erfuhr ich zufällig, daß Will gefangen sei und gehenkt werden würde. Am nächsten Tag erwischte mich ein armer Schuhmacher, der mir sonst die eine oder andere Gefälligkeit erwiesen und mich ehedem auszuschicken pflegte, als er mich im Rosmariengäßchen bei sich vorbeigehen sah, ehe ich es mich versah, am Ärmel und sprach: Hört junger Mensch! Treffen wir uns hier? Hiermit schleppte er mich, als ob er der Gerichtsdiener und ich ein auf frischer Tat ergriffener Dieb wäre, immer weiter mit sich fort. Hört, hört, Oberst Hannes, sprach er, kommt mit mir, ich habe etwas Notwendiges mit euch zu besprechen! Wie? Seid ihr auch unter diese verfluchte Bande geraten? Kommt, kommt, ihr sollt gewißlich gehenkt werden!

Es war mir schrecklich, diese Worte zu hören. Denn obgleich ich mich an der Tat, die in Frage stand, unschuldig wußte, war ich doch sehr erschrocken und wußte nicht, wessen mich Will, der, wie ich vernommen, gefangen war, beschuldigt hätte. Bei diesen Worten zerrte und schleppte mich der Schuster mit sich fort, wie er zu tun pflegte, als ich noch ein kleiner Straßenjunge war. Als ich mich aber wieder sammelte und mich aufs höchste gekränkt fand, sprach ich zu ihm:

Was wollt ihr, Meister? Laßt mich in Frieden, sonst zwingt ihr mich, andere Saiten aufzuziehen! Hiermit hielt ich an und zeigte ihm, daß ich ein wenig zu groß und stark wäre, um mich von ihm so hin- und herzerren zu lassen wie früher, da ich für ihn noch Botengänge machte, und tat mit der Hand eine Bewegung, als ob ich ihm ins Gesicht schlagen wollte.

Was, Hannes? sprach er, wollt ihr mich schlagen? Wollt ihr euren alten guten Freund schlagen? Alsdann ließ er meinen Arm los und fing an zu lachen. Aber hört, Hannes, sprach er, es ist mein Ernst, ich habe Übles von euch gehört, man sagt, ihr wäret unter eine Bande Spitzbuben geraten, und daß dieser Will euch seinen Bruder nannte. Er ist ein Erzbösewicht und wird, wie ich gehört habe, einer bei einem Diebstahl verübten blutdürstigen Grausamkeit beschuldigt und wird ganz gewiß gehenkt werden, wenn sie ihn beim Kopf bekommen haben. Ich will nicht hoffen, daß ihr mit an dieser Tat beteiligt seid. Wenn ihr kein gutes Gewissen habt, so wollte ich euch geraten haben, euch beizeiten aus dem Staube zu machen, denn der Gerichtsdiener mit seinen Gehilfen ist heute nach ihm aus, und wenn er euch einer Sache beschuldigen kann, so seid versichert, daß er es nicht unterlassen wird. Er wird euch gewiß an den Galgen bringen, um selber davon frei zu kommen.

Ich dankte ihm für seinen Rat und ging fort, allein ich muß gestehen, mit der größten Sorge. Ich wußte nicht, was ich anfangen und wo ich meinen auf unehrliche Weise erworbenen Reichtum hinstecken sollte. Ich ging in tiefen Gedanken und ganz allein auf die Felder meinen gewohnten Weg und fing an zu überlegen, was zu tun sei. Da Will seine Beute in meiner Kammer gelassen hatte, so kam mir der Gedanke, daß, wenn er gestehen und die Gerichtsdiener hinsenden würde, die Sachen zu suchen, und sie diese fänden, es gewiß um mich geschehen sein und ich für einen Genossen dieser Bande gehalten und gefangengenommen werden würde, obgleich ich doch nichts von der Sache wußte und nichts damit zu tun gehabt hatte.

Indem ich nun so in tiefem Nachdenken dahinging und in der größten Bekümmernis war, hörte ich jemanden mit lauter Stimme rufen und schreien, und als ich mich umsah, erblickte ich Will, der spornstreichs auf mich zugelaufen kam. Ich wußte anfangs nicht, was ich davon denken sollte, aber da ich ihn ganz allein sah, faßte ich mich, blieb stehen und wartete auf ihn. Als er zu mir kam, fragte ich ihn: Was gibt es? Will, was gibt es?

Mehr als zuviel! Es ist um mich geschehen! Ich bin verloren! Wann bist du zu Hause gewesen?

Ich habe gesehen, was du dagelassen hast, sprach ich. Was wolltest du damit anfangen, und wo hast du es bekommen? Ist das dein Unglück und Verderben?

Ja freilich, sprach Will, ist das mein Unglück, denn die Gerichtsdiener sind hinter mir her, und ich bin ein toter Mann, wenn sie mich bekommen. Denn der Georg ist verhaftet und hat, um sein Leben zu retten, mich und die andern verraten.

Sein Leben? sprach ich, warum solltest du denn dein Leben verlieren, wenn sie dich ergreifen, was würden sie dir tun?

Was sie tun würden? sprach er, sie würden mich henken und würden mich so gewiß henken, wie ich jetzt lebe und sollte der König keinen einzigen Mann mehr unter seinem Volk behalten.

Dies war mir entsetzlich zu hören, daher fragte ich ihn: Was willst du nun tun?

Das weiß ich wahrhaftig nicht, sprach er, ich würde meinem Vaterlande gern den Rücken kehren, wenn ich nur wüßte, wohin ich mich wenden sollte. Allein ich weiß nicht aus noch ein und kann mich auf nichts besinnen, was ich tun könnte; gib mir einen Rat, Hannes, ich bitte dich, sage mir, wohin ich mich wenden soll. Ich habe nicht übel Lust, zur See zu gehen.

Du redest von Fortgehen, sprach ich, was willst du denn mit all dem anfangen, was du in meiner Kammer verborgen hast? Es kann dort nicht bleiben, denn ich würde deswegen verhaftet werden, wenn es herauskäme, daß es das Geld ist, was ihr gestohlen habt, und ich würde zur Belohnung dafür den Strick bekommen.

Ich frage nichts danach, sprach Will, es mag hinkommen, wohin es will, ich muß fort, nimm es und mache damit, was du willst. Ich muß fliehen und kann es nicht mitnehmen.

Ich mag es nicht haben, sagte ich, ich will gehen und es dir holen, ich mag nichts damit zu tun haben. Außerdem ist Silbergeschirr dabei, was sollte ich damit wohl machen? Wenn ich es jemals verkaufen wollte, würden sie mich gewiß dabei abfassen.

Was dies betrifft, so wollte ich schon Rat schaffen, wenn ich es nur hier hätte, sprach Will. Allein ich darf mich unter meinen alten Bekannten nicht sehen lassen, denn da ich nun einmal vogelfrei bin, würden mich alle verraten. Allein, ich will dir sagen, wo du hingehen und es verkaufen könntest, wenn du wolltest, wo sie dich kein Wort fragen werden, wenn du ihnen die Losung sagst, die ich dir geben werde! Darauf gab er mir die Losung und noch einige Anweisungen an einen Wucherer, der auf Pfänder lieh. Das Losungswort war: Good Tower Standard! Nachdem er mir diese Unterweisung gegeben hatte, sah er mich an und sagte: Oberst Hannes, ich hoffe, du wirst mich nicht verraten. Denn ich verspreche dir, deinen Namen nicht zu nennen, wenn ich auch ergriffen und gehenkt werden sollte. Ich will in ein gewisses Haus im Bow gehen, wo wir, wie dir bekannt ist, schon öfters gewesen sind, daselbst will ich warten, bis es finster ist, und will nachts auf die Straße kommen und unter dem Heuhaufen, den du auch weißt, liegen. Wenn du aber nicht fertig werden und du nicht dorthin kommen kannst, so will ich zurück nach dem Bow gehen.

Ich ging zurück, holte das Bündel, ging in das Haus am Kleidermarkt und gab das Losungswort: Good Tower Standard. Darauf nahmen sie mir stillschweigend das Silbergeschirr und die Wechsel ab, wogen alles und gaben mir nach der Taxe zwei Schillinge für das Lot. Also kam ich glücklich davon, und ging dahin, wo ich Will anzutreffen hoffte. Allein es war schon zu spät, ihn an dem ersten verabredeten Ort zu treffen. Daher ging ich zu dem Heuhaufen, wo ich ihn im festen Schlafe liegend fand.

Ich gab ihm den Erlös seiner Beute. Wie hoch sie sich belief, kann ich nicht sagen, da ich das Geld nicht gezählt hatte. Dann ging ich sehr spät und ganz müde nach Hause und begab mich alsbald zur Ruhe. Aber trotzdem ich so müde war, konnte ich doch verschiedene Stunden nicht einschlafen. Als ich endlich vom Schlaf übermannt wurde und kaum ein wenig geschlummert hatte, wurde ich durch ein Getümmel von Leuten, die gegen meine Tür anstürmten, wieder geweckt. Ich hörte sie ein über das andere Mal schreien und rufen: Ihr Leute im Hause, stehet auf und lasset die Polizei herein, wir wollen euren Hausgenossen in der Oberstube abholen.

Ich war so erschrocken, daß ich mich kaum fassen konnte, und fuhr von meinem Bette in die Höhe. Aber als ich ganz munter geworden war, hörte ich kein Lärmen mehr, außer daß zwei Wächter mit ihren Stangen an die Türe stießen und riefen, daß die Uhr drei geschlagen hätte und daß es ein regnerischer Morgen wäre. Ich war recht froh, als ich merkte, daß alles nur ein Traum gewesen. Ich legte mich wieder ins Bett, wurde aber zum andern Male wieder von demselben Lärm und demselben Geschrei aufgeweckt. Ich sprang aus dem Bette, lief ans Fenster und fand, daß ich wieder eine Stunde geschlafen hatte und die Wächter um vier Uhr gehört hatte, die eben in aller Stille wieder fortgingen. Also legte ich mich beruhigt wieder nieder und schlief die übrige Nacht ungestört.

Ich habe nie viel auf Träume gegeben, hätte auch damals nicht geglaubt, daß sie von irgendwelcher Wichtigkeit wären. Allein, als ich am folgenden Tage ausging, um meinen Bruder Will zu treffen, begegnete mir mein Bruder, der Hauptmann Hannes. Als er mich erblickte, kam er in seiner gewohnten plumpen Art gerade auf mich zu und sagte: Hast du schon das neueste gehört? Dein alter Kamerad und Lehrmeister ist an diesem Morgen gefangen und nach Newgate geführt worden.

Wie, sprach ich, heute morgen?

Ja, sprach er, heute morgen ist er eines Diebstahls und einer Mordtat, die er irgendwo bei Brentford begangen, beschuldigt worden, und was das schlimmste ist, einer von seiner Bande hat ihn angezeigt, um sein Leben zu retten. Daher wirst du gut tun, dir zu überlegen, wie es mit dir steht.

Was willst du damit sagen? fragte ich.

Nun, Bruder, sprach er, du wirst am besten wissen, ob du in Gefahr bist oder nicht. Es sollte mir sonst lieb sein, aber ich denke, du bist daran beteiligt gewesen.

Nein, ich versichere dir, ich bin nicht dabei gewesen, sagte ich.

Nun gut, sprach er, allein wenn du auch dieses Mal nicht dabei warst, so bist du doch andere Male mit ihnen zusammen gewesen, und das ist ebenso schlimm.

Nein, sagte ich, du bist falsch unterrichtet, ich gehöre nicht zu ihrer Rotte, sie sind mir zu groß und vornehm.

Nachdem wir darüber noch gesprochen hatten, trennten wir uns, und Hauptmann Hannes ging seiner Wege, ich merkte aber, daß er beim Weggehen den Kopf schüttelte und um mich mehr bekümmert zu sein schien, als ich zuerst dachte. Und gewiß hatte er auch alle Ursache, meinetwegen besorgt zu sein, davon werden wir bald mehr hören.

Ich wurde überaus unruhig, als ich hörte, daß Will in Newgate sei, und wenn ich gewußt hätte, wohin, so wäre ich so weit geflohen, wie mich meine Beine hätten tragen können. Ich zitterte am ganzen Leibe und dachte in die Erde sinken zu müssen. Ja ich fand den ganzen Abend und die darauffolgende Nacht keine Ruhe. Ich sah nichts weiter in meinen Gedanken vor Augen als Newgate und den Galgen, an den ich kommen würde und den ich ja auch verdient hatte, und wenn auch wegen nichts anderem, als daß ich der armen Frau ihre 22 Schillinge genommen hatte.

Das erste, worauf meine verworrenen Sinne ihre Sorgfalt richteten, war mein Geld. Ich trug alles bei mir, es mochten über 60 Pfund Sterling sein, denn ich vertat nichts und wußte nicht, was ich damit anfangen sollte. Endlich fiel mir ein, zu meinem Wohltäter, dem Schreiber auf dem Zollhaus, zu gehen, um ihn zu bitten, mein übriges Geld auch in Verwahrung zu nehmen. Die einzige Schwierigkeit dabei war, ihm die Sache als wahrscheinlich darzustellen, damit er nicht in Verwunderung über das viele Geld geriete.

Allein in meinem Kopf kam bald ein guter Einfall. In einem von den Häusern, wo wir unsere Zusammenkünfte hatten, lag ein Haufen Kleider, welche sich dort beständig befanden, damit sie jeder von der Bande bei einer besonderen Gelegenheit, um sich zu verkleiden, anziehen könnte. Dies war eine graue Livree mit nelkenfarbener Borte eingefaßt und auch mit solchem Zeug gefüttert. Dazu ein eingefaßter Hut, ein paar Stiefeln und eine Karbatsche. Ich zog diese Livree an und ging zu meinem Bankier in der Townstraße, wo ich ihn bei guter Gesundheit und als denselben guten Freund antraf wie früher.

Er sah mich zuerst starr an, als ich zu ihm kam. Ich verbeugte mich verschiedene Male tief vor ihm und hatte meinen Hut unter dem Arm. Er erkannte mich aber nicht und sprach: Wollt ihr etwas von mir, junger Mann?

Ich antwortete: Ja, Herr, Euer Gnaden kennen mich wohl nicht mehr – denn ich hatte schon feinere Manieren angenommen – ich bin der arme Hannes.

Darauf sah er mich scharf an, erkannte mich dann und sagte: Was? Der Oberst Hannes? Ja, wo wart ihr denn die ganze Zeit über? Es ist ungefähr sechs Jahre her, daß ich euch nicht gesehen habe?

Ich bin auf dem Lande in Diensten gewesen, Herr, gab ich zur Antwort.

Ei, ei, Oberst Hannes, ihr gebt langen Kredit. Warum habt ihr die ganze Zeit über weder euer Geld noch die Zinsen eingefordert? ihr werdet mit der Zeit durch die Zinsen eures Geldes so reich werden, daß ihr nicht wißt, was ihr damit anfangen sollt.

Ich antwortete nichts darauf, sondern verbeugte mich ein über das andere Mal.

Nun, Oberst Hannes, sprach er, kommt herein, ich will euch euer Geld mit den Zinsen geben.

Ich gab ihm aufs neue mit vielen Bücklingen und großer Unterwürfigkeit zu erkennen, daß ich nicht meines Geldes wegen käme, denn da ich an verschiedenen Orten einen guten Dienst gehabt hätte, brauchte ich mein Geld nicht.

So, so, Oberst Hannes, wo seid ihr denn jetzt?

Bei Herrn Jonathan Loxham in Sommersetshire, Euer Gnaden, sprach ich. Dies war ein Name, den ich irgendwo gehört hatte, wußte aber nichts von einem solchen Edelmanne noch dem Lande, wo er wohnte.

So wollt ihr also euer Geld nicht wieder haben? sagte er.

Nein, Herr, sprach ich, wenn Euer Gnaden es bei sich behalten wollen, ich habe einen guten Dienst und brauche es nicht.

Dann begreife ich nicht, was ihr wollt, Hannes, sprach er.

Euer Gnaden wollen vernehmen, daß mir meines alten Herrn, Sir Jonathans Vater, bei seinem Tode 30 Pfund Sterling nebst einem Trauerkleide . . .

Was, Hannes, unterbrach er mich, bringt ihr mir etwa noch mehr Geld zum aufheben – und dann verstand er, was ich von ihm wollte.

Ja, sprach ich, Euer Gnaden mögen so gut sein es anzunehmen und mit dem andern zusammenzutun, auch das, was ich noch von meinem Lohn erspart habe.

Habe ich euch nicht gesagt, Hannes, daß ihr reich werden würdet! Hannes, sprach er, wieviel habt ihr denn zusammengebracht, kommt, laßt sehen!

Ich zog es heraus und er war so gütig es anzunehmen und gab mir seine Unterschrift für die ganze Summe, die sich auf 94 Pfund Sterling belief, nämlich:

25 Pfund das erste Geld,
6 " für 6 Jahre Zinsen, und
60 " die ich ihm jetzt gab,

zus. 94 Pfund Sterling.

Ich war recht froh, als ich wieder fortging und machte ihm wieder einen Haufen Bücklinge und Verbeugungen und ließ es mir angelegen sein, meine Kleider wieder zu wechseln. Ich faßte den festen Entschluß, mich von London zu entfernen und es in langer Zeit nicht wiederzusehen. Allein ich war nicht wenig bestürzt, als ich am nächsten Morgen durchs Rosmariengäßchen ging und ans Ende des Wollmarktplatzes kam, jemanden Hannes! rufen hörte. Als ich nun meinen Namen rufen hörte, sah ich mich um und wurde alsbald drei Männer gewahr, hinter denen ein Gerichtsdiener herging, und die mit großem Ungestüm auf mich zukamen. Ich erschrak und wollte die Flucht ergreifen. Allein einer von ihnen sprang auf mich los und faßte mich beim Arm. Als ich mich nun von ihnen umringt und gefangen sah, fragte ich, was sie von mir wollten und was ich getan hätte. Sie antworteten mir, es wäre da nicht der Ort, um darüber zu reden. Sie zeigten mir aber den Befehl, den sie von der Obrigkeit hätten, und hießen mich ihn lesen. Das übrige würde ich erfahren, wenn ich vor den Richter käme. Dann führten sie mich mit Gewalt fort.

Ich nahm zwar den Befehl in die Hand, wußte aber zu meinem großen Leidwesen nicht mehr als vorher, weil ich doch nicht lesen konnte.

Ich ersuchte sie also, mir den Befehl vorzulesen. Da erfuhr ich denn, daß sie einen Dieb, der einer der drei Hannes wäre, verhaften sollten, weil er auf eine eidliche Aussage hin angeklagt worden sei, an einem Diebstahl und Mord an dem und dem Tage und an dem und dem Ort teilgenommen zu haben.

Es half mir nun nichts, daß ich leugnete und sagte, ich wüßte nichts davon. Allein sie bedeuteten mir, das wäre nicht ihres Amtes sondern müßte vor dem Richter ausgemacht werden, wo ich bald erfahren würde, daß jener ausdrücklich gegen mich gezeugt hätte, worüber ich dortselbst Gewißheit haben würde.

Mir blieb nichts anderes übrig als geduldig abzuwarten. Und da mein Herz voll Furcht und Schrecken, und mein Gewissen nicht rein war, so wünschte ich mir lieber tot zu sein, während sie mich so fortschleppten. Denn obgleich ich mich dieser Tat nicht schuldig fühlte, zweifelte ich nicht daran, daß ich nach Newgate geschickt und schließlich aufgeknüpft werden würde. Denn nach Newgate geführt und gehenkt zu werden kamen mir wie Dinge vor, die notwendig aufeinander folgen müßten.

Allein, ehe es so weit kam, hatte ich vor dem Richter einen harten Strauß auszufechten. Als ich hingelangt war, und der Gerichtsfron mich hineingeführt hatte, fragte mich der Richter nach meinem Namen: Doch halt, junger Mann, sprach er, ehe ich euch nach eurem Namen frage, muß ich euch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn ihr seid nicht verpflichtet zu antworten, ehe nicht eure Ankläger zugegen sind! Hiermit wandte er sich an den Gerichtsfron und fragte ihn nach dem Haftbefehl.

Ihr habt, sprach er zu ihm, diesen jungen Mann hierher geführt – ist er die Person, gegen die der Befehl ausgegeben worden ist?

Der Gerichtsfron antwortete: Ich glaube es, Herr Richter.

Ihr glaubt es nur, sagte der Richter, seid ihr denn dessen nicht gewiß?

Der Gerichtsdiener antwortete: Euer Gnaden mögen verzeihen, die Leute sagten es mir, als ich ihn in Haft nahm.

Darauf sagte der Richter: Dies erscheint mir eine sonderliche Art, einen Befehl und eine Vollmacht zu benutzen und einen jungen Menschen abzuführen, der nur unter dem Namen Hannes bekannt ist und der nicht einmal einen Zunamen hat, außer daß man sagt, er werde Hauptmann Hannes oder so genannt. Junger Mann, sagt mir, ist euer Name Hauptmann Hannes oder werdet ihr allgemein so genannt?

Ich merkte bald, daß die Männer, die mich aufgegriffen, nichts von mir wußten, und der Gerichtsdiener mich nur auf Hörensagen hin verhaftet hatte. Daher faßte ich mir ein Herz und bat den Richter mir zu erlauben mich zu verantworten, zumal es meines Erachtens jetzt nicht das wichtigste war, wie ich hieße, sondern was diese oder andere Leute gegen mich vorbringen wollen, und ob ich die Person wäre oder nicht, gegen die sie den Verhaftungsbefehl ausführen sollten.

Der Richter lächelte und sprach: Es ist wahr, was ihr sagt, und ich versichere euch, wenn sie euch hergeführt haben, ohne euch zu kennen, und kein Mensch da ist, der euch anklagt, so haben sie dies zu ihrem eigenen Schaden getan.

Ich sagte hierauf zum Richter: Wenn mein Ankläger herbeigeführt würde, so wollte ich meinen Namen nicht länger verschweigen.

Dies ist nicht mehr als recht, sagte der Richter und wendete sich zu dem Gerichtsdiener: Seid ihr gewiß, daß dieses die Person ist, die in eurer Vollmacht gemeint ist? Wenn ihr dessen nicht sicher seid, so müßt ihr den herbeiholen, der die Anklage erhoben und den Eid darauf abgelegt hat. Sie versuchten es durch viele Umstände zu beweisen, daß ich die rechte Person und demnach auch verpflichtet sei meinen Namen zu sagen.

Ich blieb dabei, daß ich dieses Verlangen unbillig fände und keineswegs gesonnen wäre mich selbst anzuklagen. Der Richter konnte mir auch hierin nicht unrecht geben und gab ihnen mit deutlichen Worten zu verstehen, daß er mich nicht zwingen könne, wenn ich es nicht freiwillig täte. Ihr seht, sprach der Richter, er ist zu gescheit dazu, als daß er sich hierin etwas vergäbe. Die Sache zog sich über eine Stunde hin, währenddessen sie sich vor dem Richter stritten und ich mich gegen einen von ihnen verteidigte. Endlich sagte der Richter, sie müßten entweder den Ankläger herbeiführen, oder er müßte mich frei lassen.

Hierdurch wurde ich etwas aufgemuntert und kämpfte um so kräftiger für mich.

Endlich wurde der Ankläger mit Ketten und Fesseln, wie er im Kerker war, herbeigebracht. Ich war heilfroh, als ich sah, daß ich ihn gar nicht kannte und er keiner der beiden Schelme war, mit denen ich in jener Nacht ausgezogen war, als wir die arme Frau plünderten.

Der Gefangene wurde in die Stube gebracht und mir gerade gegenübergestellt.

Kennt ihr diesen jungen Menschen, fragte der Richter.

Nein, Herr Richter, sprach der Gefangene, ich habe ihn in meinem Leben nie gesehen.

Hm, sprach der Richter, habt ihr nicht einen beschuldigt, der unter dem Namen Hannes oder Hauptmann Hannes bekannt ist, daß er mit bei dem Diebstahl und Mord beteiligt gewesen, weswegen ihr verhaftet seid?

Der Gefangene sagte: Ja, Herr Richter, so ist es.

Worauf der Richter wieder fragte: Ist dies nun der Mann oder ist er es nicht?

Dies ist nicht der Mann, Herr Richter, sprach der Gefangene, ich habe diesen Menschen niemals vorher gesehen.

Da haben wir es, sprach der Richter zu dem Gerichtsfron, was sollen wir machen?

Ich muß mich wundern, sprach der Gerichtsdiener, als ich bei einem gewissen Hause war und dieser junge Mann vorbei ging, fing das Volk an zu schreien: Das ist der Hannes, das ist euer Mann! Worauf ihm die Leute nachliefen und ihn ergriffen.

Nun gut, sprach der Richter, haben denn die Leute etwas gegen ihn gehabt? Können sie beweisen, daß er die gesuchte Person ist? Der erste sagte nein, der zweite sagte nein, der dritte sagte nein, mit einem Wort: sie sagten alle nein. Nun fing der Richter an: Was ist hier zu tun? wir müssen den jungen Menschen wieder laufen lassen. Ich kann euch aber nicht verhehlen, Gerichtsfron, daß der junge Mann euch wegen eurer Übereilung Ungelegenheiten machen kann, wenn er es tun will. Allein, junger Mann, sagte der Richter zu mir, es ist euch keine Gewalt angetan worden, und der Gerichtsdiener, der sich geirrt hat, hat dabei keine böse Absicht gehabt, sondern wollte nur seiner Pflicht getreulich nachkommen. Ich dächte, ihr könntet es gut sein lassen.

Ich sagte ihm, ich wollte es dabei bewenden lassen, wie er mir geraten, möchte aber beantragen, daß der Gerichtsdiener und die übrigen Gerichtspersonen mit mir an den Ort zurückkehren sollten, wo sie mich auf so schimpfliche Weise angehalten hätten, und dort öffentlich bekannt machen, daß ich in allen Ehren wieder auf freien Fuß gesetzt worden und nicht der Täter gewesen sei. Der Richter sagte, dies wäre recht und billig; der Gerichtsfron mit seinen Helfern versprach es auch zu tun. Wir gingen also als gute Freunde wieder auseinander, und ich war zu meiner größten Freude freigesprochen.

Notabene: Dies war die Begebenheit, die ich oben erwähnt habe, da der Richter meinte, ich sei zu besseren Dingen geboren, und er schlösse aus dem, was ich zu meiner eigenen Verteidigung angeführt hätte, daß ich eine gute Erziehung gehabt haben müsse, und es täte ihm daher leid, daß mir solche Unannehmlichkeit begegnet wäre, wovon ich doch so rühmlich losgesprochen worden.

Obwohl sich der Richter in dem, was meine Erziehung betraf, irrte, so bewirkte es doch in mir den Entschluß, lesen und schreiben zu lernen, es mochte kosten, was es wolle, ich mochte nicht länger ein solch unwissendes Tier bleiben, das nicht einmal imstande wäre, einen schriftlichen Befehl zu lesen und zu sehen, ob ich die Person, die verhaftet werden sollte, sei oder nicht.

Allein es steckte doch mehr dahinter, als ich gemerkt hatte. Denn es klärte sich allmählich auf, daß mein Bruder, der Hauptmann Hannes, der mir so eifrig vorgehalten, ich sollte mich prüfen, ob ich zu der Diebesbande gehöre, selbst dazu gehörte und alle Ursache hatte die Flucht zu ergreifen, und zwar zu der Zeit, als er mich für vogelfrei erklären wollte.

Als mir dieses einfiel, ließ ich es mir angelegen sein ihn auszuforschen, um ihm Nachricht darüber zukommen zu lassen.

Da ich mich nun selber gänzlich in Sicherheit fühlte, hatte ich meinetwegen keinen großen Kummer mehr, sondern es wurde mir angst und bange um den armen Will, meinen Lehrmeister und Anführer, welcher zu Newgate in Ketten und Banden saß, während ich glücklich in Freiheit war. Daher verlangte es mich, ihn aufzusuchen und mit ihm zu sprechen.

Ich fand ihn in einem traurigen Zustande, mit schweren Fesseln beladen und ohne Trost und Hoffnung mit dem Leben davon zu kommen. Er sagte mir unverhohlen, daß er werde daran glauben müssen, aber ich sollte mir deswegen nur keine Sorgen machen. Ich könnte mich darauf verlassen. daß er mir keine Ungelegenheiten machen würde, da es ihm ja auch nichts helfe, wenn er mich anklagte, da ich nur das eine Mal mit ihm auf Raub ausgewesen wäre. Der Galgenvogel, der sie alle verraten habe, könne mir auch nichts schaden, denn er habe mich in seinem Leben mit keinem Auge gesehen. Aber, Oberst Hannes, sprach er, ich will euch sagen, wer mit uns gewesen ist: nämlich dein Bruder, der Hauptmann Hannes, und jener Schelm hat ihn sicherlich namhaft gemacht, daher gib ihm, wenn du kannst, Nachricht, daß er sich aus dem Staube machen soll.

Hierauf fing er an mir eine sehr erbauliche Predigt zu halten, seinen Fußstapfen nicht länger nachzufolgen: Ich irrte mich sehr, mein lieber Hannes, sprach er, als ich dir sagte, ein berühmter Dieb sein hieße ein Edelmann sein!

Er hatte eine große Summe Geldes bei sich: es war das, was ich ihm zu dem Heuhaufen gebracht, und er hatte es so gut verborgen, daß die, welche ihn in Haft genommen, es nicht gewahr geworden waren. Er gab mir den größten Teil davon, damit ich es seiner Mutter brächte. Ich lieferte es ihr auch ehrlich ab und ging mit schwerem Herzen fort. Ich habe ihn auch nach dieser Zeit nicht wieder gesehen, denn er wurde gleich am nächstfolgenden Gerichtstag verurteilt und ungefähr drei Wochen danach gehenkt.

Meine größte Sorge ging nun darauf aus, wie ich den Hauptmann antreffen könnte, von welchem ich auch endlich, obgleich nicht ohne große Mühe, Nachricht einzog. Ich erzählte ihm die ganze Begebenheit, wie ich irrtümlich statt seiner verhaftet gewesen aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden wäre, und teilte ihm mit, daß noch immer ein Befehl auf ihn ausgestellt sei und überaus scharf nach ihm nachgeforscht würde.

Als ich ihm dies alles erzählte, verriet er sich bald selbst durch seine Bestürzung, daß er bei dem Diebstahl beteiligt gewesen war und den größten Teil der Beute in Verwahrung hatte. Er bat mich daher um meinen Rat, den ich ihm aber nicht geben konnte, da ich gar zu wenig von der Welt wußte. Da teilte er mir mit, daß er nach Schottland fliehen wollte, was wohl leicht zu bewerkstelligen wäre. Er fragte mich, ob ich mit ihm gehen möchte. Ich sagte: Von Herzen gern, wenn ich nur soviel hätte die Reisekosten zu zahlen.

Er hatte aber noch immer das alte Handwerk im Sinn. Ich versichere dir, sprach er, wir wollen es schon so anfangen, daß uns die Reise auch die Kosten einbringt.

Nein, versetzte ich, wir dürfen nicht mehr daran denken, unser Leben auf diese Art aufs Spiel zu setzen. Überdies wenn uns ein Unglück träfe, dem wir nicht gewachsen wären, so würden wir uns nimmermehr wieder herauswickeln können, und es würde dann gewiß um uns geschehen sein.

Ei, sprach er, man wird kein Mitleid mit uns haben, wo man uns auch erwischt, sie können uns außerhalb Londons auch nichts Schlimmeres antun. Ich bin entschlossen es noch einmal zu wagen.

Aber Hauptmann, sprach ich, hast du denn so schlecht Haus gehalten, daß du kein Geld hast, um dich aus solcher Not zu retten, in der du jetzt steckst?

Ich habe, sagte er, jetzt in der Tat sehr wenig, denn ich habe letzthin Unglück gehabt. Es war aber nicht so, denn er hatte einen großen Teil der Beute, die sie bei ihrem letzten Diebstahl erworben hatten, beiseite gebracht. Die andern hatten sich sogar beschwert, daß er und der Will fast alles davon genommen und die übrigen um ihren Anteil gebracht hätten, was sie um so eher bewogen hatte, die beiden zu verraten.

Trotzdem gestand er, ungefähr 22 Pfund Sterling bei sich zu haben und noch sonst manches, was man versilbern könne, was vielleicht Küchengeschirr war. Allein er wollte es mir nicht verraten, wo es läge und wo er es hätte, sondern sagte nur, er dürfe nicht hingehen es zu holen, wenn er nicht ergriffen werden wollte. Darum wollte er es liegen lassen und ohne jenes in die Welt hinausziehen. Wir werden schon noch zu gelegener Zeit zurückkommen, setzte er noch hinzu.

Ich zog alles Geld, was ich hatte, 16 Pfund Sterling und etliche Schillinge, hervor. Wenn wir gut haushalten und sparsam auf unserer Reise sind, sagte ich, wird uns dies schon außer Gefahr bringen. Denn wir glaubten beide, daß wir, wenn wir aus England heraus wären, beide in Sicherheit sein würden, so daß uns kein Mensch mehr etwas anhaben könnte, wenn man uns auch kennen sollte. Allein wir wußten damals beide noch nicht, daß dies viel Vorsicht und Behutsamkeit erfordert.

Ich redete mir ein, daß ich mich in ebenso großer Gefahr befände wie mein Bruder Hannes. Aber obgleich ich in ebensolcher Furcht schwebte wie er, so stand es doch nicht so schlimm um mich.

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