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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Diejenigen, welche die Anlage der Glashütten und die gewölbten Bögen kennen, wo die gläsernen Flaschen, wenn sie geblasen sind, allmählich hart werden, wissen gar wohl, daß die Stellen, wo die Asche hingeschüttet wird, und wo wir armen Jungen lagen, Höhlen in dem Mauerwerk sind, die so warm zu sein pflegen wie eine Badestube, so daß man unmöglich darin frieren kann, auch wenn die Glashütten in Grönland oder Novaja Semlja lägen. Demnach waren wir Jungen nicht nur sicher, sondern hatten es auch bequem, ausgenommen was die Asche anbelangt, die wir eben mit in den Kauf nehmen mußten.

Am andern Tage gingen der Major und seine Kameraden wieder aus und hatten abermals Glück und wurden von keinem Ungemach betroffen. Der Major Hannes wurde in sehr kurzer Zeit durch öftere Nachahmungen und Anweisungen ein sehr geschickter Taschenspitzbube. Er hatte auch manche Fehlschläge durchzumachen, auf die ich mich hier aber nicht weiter einlassen sondern wieder auf meine eigene Geschichte zurückkommen will, die doch die Hauptsache ist, die ich hier zu erzählen habe. Der Major verfehlte nicht, mich die Wirkungen seiner neuen Glückseligkeit alle Tage sehen zu lassen, und war so gütig, mir öfters ein paar Groschen und bisweilen sogar einen Schilling hinzuwerfen. Ich merkte, daß er anfing, Kleider auf seinen nackten Leib zu ziehen und das Aschenhaus zu verlassen, da er sich eine Stube gemietet hatte, doch darüber will ich noch bei einer andern Gelegenheit sprechen. Ja was noch mehr war, er fing an ein Hemd zu tragen, was weder er noch ich vor drei Jahren gewagt hätten.

Ich merkte aber all diese Zeit über, obgleich der Major so glücklich war, und seine Lebenslage sich so verbessert hatte, sich auch immer gegen mich freigebig und gütig erwies, daß er mich doch niemals aufforderte, mich in seine Gesellschaft zu begeben oder mit ihm auszugehen, wodurch ich hätte ebenso glücklich werden können wie er. Er empfahl mir nicht einmal das Gewerbe, das er trieb. Es gefiel mir nicht, daß er so mißtrauisch gegen mich war und so hinter dem Berge hielt. Soviel hatte ich aber doch von ihm erfahren, daß man dieses Geschäft das Beutelschneiden nannte, und ich dachte mir, daß es bei diesem ehrlichen Handwerk hauptsächlich auf eine gute Geschicklichkeit und eine geschwinde Hand ankäme und solches nicht allzu schwer zu erlernen wäre. Insbesondere dachte ich mir, es gäbe so viele Gelegenheiten, und das Bauernvolk, das nach London käme, sei so einfältig, so närrisch und so neugierig, gaffte überall herum und hielte Maulaffen feil, so daß es ein Handel wäre, der mit keiner gar zu großen Gefahr verknüpft und leichtlich zu erlernen wäre, wenn ich überhaupt nur ein wenig zu diesem Handwerk Geschick hätte. Der Teufel, der bei allen Gelegenheiten bereit ist seine List spielen zu lassen, räumte auch diese Schwierigkeiten aus dem Wege und vermittelte mir die vertrauliche Bekanntschaft des geschicktesten Beutelschneiders der ganzen Stadt. Und unsere Vertraulichkeit lief dahinaus, daß er, weil ich Neigung und Geschicklichkeit bezeigte, Sorge tragen wollte, daß ich in meinen Hoffnungen nicht getäuscht würde. Er übertraf die kleinen Beutelschneider, die herumliefen und Kleinigkeiten und Spielsachen auf dem Bartholomäimarkt stahlen, bei weitem. Er hatte wichtigere Dinge im Auge. Seine Absichten gingen auf nichts Geringeres als auf ansehnliche Geldsummen und Wechselbriefe hinaus. Er redete mir ernstlich zu, ich sollte mit ihm auf Kundschaft ausgehen, und wenn er mich geschickt genug dazu gemacht hätte, sollte ich für mich allein gehen und die Kunst selber betreiben, wozu er mir schon im voraus viel Glück wünschte. Gleichwie der Major Hannes mit seinem Lehrmeister ausging, nur um zuzusehen und das Erbeutete an sich zu nehmen und doch seinen Teil davon zu fordern, so wollte er mir, wenn er glücklich wäre, einen Teil davon geben, als wenn ich gleich dem Meister das Hauptwerk selbst verrichtet hätte. Und dies wäre, versicherte er mir, Brauch bei diesem Handwerk, um junge Anfänger anzuspornen. Denn hierbei sei nichts zu machen, wenn einer nicht ein Löwenherz und Greiffenklauen hätte.

Ich überlegte es mir eine gute Weile. Die Sache schien mir bedenklich und ich wendete die Gefahr ein, die dabei bestünde, und erzählte, wie es dem Hauptmann Hannes, meinem ältesten Bruder, gegangen wäre.

Ich merke wohl, sprach er, du bist feige und wer feige ist, schickt sich nicht für unser Handwerk, denn damit kann nur ein kühner und beherzter Mann zurecht kommen. Allein, da du das erstemal nichts dabei zu tun hast, so läufst du auch keine Gefahr dabei. Wenn ich gefangen werde, so geht das dich nichts an. Sie werden dich frei gehen lassen, denn es wird leicht zu beweisen sein, daß du mit dem, was ich ausgeübt habe, nichts zu schaffen gehabt.

Auf dieses Zureden hin wagte ich mich mit ihm hinaus. Da wurde ich denn bald gewahr, daß mein neuer Freund ein recht vornehmer Dieb und ein Beutelschneider ersten Ranges war, der weit höhere Ziele verfolgte als mein dummer Bruder, der Hauptmann Hannes. Er war ein gut Teil größer als ich. Denn obschon ich jetzt wohl mehr als sechzehn Jahre zählte, so war ich doch für mein Alter nicht groß. Was die Sache selbst betraf, so war mir dieselbe noch ganz unklar. Ich kam sehr jung zu dieser Zunft, verstand aber auch jetzt noch nichts davon und dachte, daß ich keine weitere Gefahr liefe als eingetaucht oder geplumpst zu werden, welches wir Einweihen. oder Einweichen hießen, und daß damit alles überstanden wäre. Wir fragten nicht viel danach, ob unsere Lumpen ein wenig naß würden. Ich kam nicht eher dahinter, daß es ein Verbrechen sei, das mit dem Tode bestraft würde, als bis ein großer Kerl, ein Mann von unserer Gesellschaft, deswegen gehängt wurde. Und da befiel mich ein großer Schrecken, wie man alsbald hören wird.

Von meinem Lehrmeister überredet, spazierte ich nun hinaus mit ihm und hatte, soviel ich mich noch erinnere, keine üblen Absichten. Am ersten Tage führte er mich geradenwegs in die Stadt hinein, und nachdem wir auf der Wasserseite angelangt waren, auf den langen Platz beim Zollhause. Wir sahen nicht viel besser aus als Gassenjungen, ich sah noch am schlimmsten aus, denn mein Anführer hatte noch einen Hut, ein Hemde und ein Halstuch; was mich betraf, so war ich mit nichts dergleichen versehen. Seit dem Tode meiner Pflegemutter, was schon einige Jahre her war, war ich nicht so unhöflich gewesen, einen Hut auf den Kopf zu bringen. Mein Kumpan befahl mir, ich sollte ihn jederzeit im Auge behalten, aber nicht nahe an ihn herankommen, auch nicht tun, als ob er zu mir gehöre, bis er an mich heranträte. Und wenn eine Verwirrung oder ein Lärm entstünde, so sollte ich tun, als ob ich ihn nicht kennte und nichts mit ihm zu schaffen hätte. Ich kam seinen Anweisungen bis aufs kleinste nach, während er in alle Winkel hineinguckte, überall herumlungerte und seine Augen überall hatte. Ich sah unverwandt auf ihn, aber hielt mich jederzeit in gemessener Entfernung von ihm auf der andern Seite des langen Platzes, tat gleichsam als ob ich Nadeln suchte, las solche auch aus dem Staube auf und steckte sie auf meinen Ärmel, bis ich endlich vierzig bis fünfzig gute Nadeln beisammen hatte. Inzwischen hatte ich meine Augen beständig auf meinen Spießgesellen gerichtet, welcher unter der großen Volksmenge, die an der Tafel stand und bei den Zollbeamten, welche Freizettel ausschrieben, sich überaus geschäftig zeigte.

Endlich kam er zu mir herüber, bückte sich, als ob er eine Nadel gerade neben mir aufheben wollte, praktizierte mir etwas in die Hand und sagte: Stecke dieses ein und folge mir geschwind die Treppe hinunter! – Er rannte nicht, sondern drängte sich langsam durchs Volk hindurch, ging auch nicht die große Treppe, welche wir hinaufgestiegen waren, sondern am andern Ende des Platzes eine Wendeltreppe hinunter. Er merkte, daß ich ihm folgte, und ging unten weiter, ohne stehen zu bleiben oder auch nur ein einziges Wort mit mir zu reden, bis wir durch unzählige Straßen und Gäßchen und dunkle Wege nach den Fleischhallen gelangten. Es fand an diesem Tage gerade kein Fleischmarkt statt, also hatten wir Platz, uns auf eine Fleischbank niederzusetzen. Da befahl er mir herauszuziehen, was er mir gegeben hätte. Es war ein kleines ledernes Brieffutteral, worin ein französischer Kalender steckte und eine große Menge Papiere aller Art.

Er sah alle durch und fand, daß verschiedene Wechselbriefe und Zahlungsanweisungen von hohem Werte darunter waren, alles Dinge, von denen ich nichts verstand, unter anderm war ein Wechsel an einen Goldschmied Stephan Evans über 300 Pfund Sterling an denjenigen zahlbar, der ihn bringen würde. Außerdem fand sich noch ein anderer Wechsel auf 12 Pfund 10 Schillinge, der auch auf einen Goldschmied lautete, dessen Namen ich aber vergessen habe. Es waren auch etliche französische Wechselbriefe darunter, die keiner von uns verstand, sie schienen aber großen Wert zu haben.

Mein Meister verstand gar wohl, was es mit dem Goldschmiedwechsel auf sich hatte, denn als er den Wechsel des Herrn Evans las, ließ er verlauten: dieser ist zu groß für mich, ich mag mich damit nicht abgeben! Als er aber zu dem Wechsel über 12 Pfund 10 Schilling kam, sprach er: dieser mag hingehen, komm mit, Hannes! Hiermit lief er fort nach der Lombardstraße zu, ich ihm nach, nachdem er die andern Papiere schnell wieder in die Brieftasche gesteckt hatte. Er forschte unterwegs bald den Namen aus und ging geradewegs auf den Laden zu, setzte ein ernsthaftes Gesicht auf und bekam das Geld, ohne daß er angehalten oder auch nur im geringsten gefragt wurde. Ich stand auf der andern Seite des Weges und sah mich auf der Straße um, als ob ich gar nichts zu tun hätte. Merkte aber, daß er den Wechselbrief vorzeigte und das Brieffutteral herauszog, als ob er ein Kaufmannsjunge wäre, der sich gar wohl auf den Handel verstünde und noch mehrere Wechselbriefe bei sich hätte. Sie zahlten ihm darauf das Geld in Gold aus. Er zählte es geschwind noch einmal durch und ging dann seines Weges an mir vorbei nach dem dritten Königshof auf der andern Seite des Weges. Alsdann eilten wir, so schnell wir konnten, nach der Wasserseite zu und dingten ein kleines Schifferboot, um uns über das Wasser nach der St. Marytreppe bringen zu lassen, wo wir landeten und sicher genug waren.

Hier wendete er sich zu mir: Oberst Hannes, ich glaube, du bist ein Sonntagskind – dies ist ein guter Fund. Wir wollen nach dem St. Georgsfeld gehen und unsere Beute teilen! – Wir gingen durch die Felder und setzten uns weit genug vom Wege ins Gras, wo er das Geld herauszog und sagte: Sieh her, Hannes, hast du in deinem Leben schon einmal dergleichen gesehen?

Nein, niemals, sagte ich und fragte etwas einfältig: Dürfen wir das alles behalten?

Wir haben es, sprach er, wer soll es denn sonst haben? –

Darf der Mann, fragte ich, der es verloren hat, nichts davon wieder haben? –

Was wiederhaben, sprach er, was meinst du damit? –

Das weiß ich nicht, versetzte ich, aber du sagtest, du wolltest ihn die andern Wechselbriefe wieder holen lassen, die zu groß für dich wären.

Er lachte über mich und sagte: du bist zwar noch ein Junge, das ist wahr, aber für ein solches Kind hätte ich dich nicht mehr gehalten. – Er erklärte mir die Sache ganz ernsthaft, daß der Wechsel des Herrn Stephan Evans ein großer Wechsel über 300 Pfund Sterling wäre. Wenn ich nun, sprach er, als ein armer Kerl es wagen würde hinzugehen, um das Geld zu fordern, so würden sie mich alsbald fragen, wie ich zu einem solchen Wechsel käme, und daß ich solchen entweder gefunden oder gestohlen haben müßte, und da würden sie mich anhalten, ihn mir wegnehmen und mich deswegen in die äußerste Bedrängnis bringen. Deshalb kann ich mich nicht damit befassen und würde ihn dem Manne lieber zurückgeben, wenn ich nur wüßte, wie dies zu machen wäre. Jedoch was das Geld anlangt, Hannes, das wir bekommen haben, so soll er davon nichts bekommen. Im übrigen, fügte er hinzu, wird der, der die Brieftasche verloren hat, sobald er sie vermißt, zum Goldschmied gelaufen sein und ihn angewiesen haben: wenn jemand nach dem Gelde käme, solle er ihn anhalten. Allein dafür bin ich ihnen zu gescheit, fügte er hinzu.

Was willst du denn nun mit dem Wechselbrief machen, fragte ich, willst du ihn wegwerfen? Dann wird ihn jemand anderes finden und hingehen, um das Geld einzustreichen.

Nein, nein, versetzte er, da würde er sicher angehalten und ausgefragt werden.

Ich wußte nicht recht, was er damit sagen wollte, also redete ich nicht mehr davon sondern nahm das Geld. Meiner Lebtag hatte ich niemals soviel beisammen gesehen, auch wußte ich nicht, was ich damit anfangen sollte, und war mehr als einmal willens ihn zu ersuchen, es mir aufzuheben, was gewiß recht kindisch von mir gewesen wäre, denn ich würde wohl schwerlich je etwas davon wiedergesehen haben. Da ich aber darüber den Mund hielt, so teilte er das Geld recht ehrlich mit mir, ließ jedoch dabei verlauten, daß er mir zwar die Hälfte versprochen, da es nun aber das erstemal sei und ich dabei weiter nichts getan als zugesehen hätte, so hielte er es für billig, daß ich etwas weniger bekäme als er. Also teilte er das Geld, das 12 Pfund Sterling und 10 Schillinge betrüg, in zwei gleiche Teile und zog mir dann 1 Pfund 5 Schillinge von meinem Teil ab: dieses Geld wolle er von mir als Lehrgeld annehmen. Gut, sprach ich, nimm es nur, denn dir gehört ja alles. Was soll ich nun mit diesem Gelde anfangen, sagte ich, denn ich weiß nicht, wo ich es hinstecken soll.

Hast du keine Taschen? fragte er.

Ja, sagte ich, ich habe wohl Taschen, aber sie sind voller Löcher.

Ich habe seit der Zeit oft daran gedacht und darüber lachen müssen, wie ich damals wirklich mehr Reichtum besaß, als ich unterbringen konnte. Denn ich hatte keine Wohnung, also auch weder Schrank noch Schubkasten, wo ich mein Geld verwahren konnte, und meine Taschen waren wie gesagt voller Löcher. Ich kannte auch keinen Menschen, dem ich das Geld zur Aufbewahrung hätte geben können. Denn da ich ein armer, nackichter, zerlumpter Junge war, fürchtete ich, die Leute würden alsbald denken, ich hätte das Geld gestohlen, und würden mich vielleicht anzeigen. Also war ich voller Sorge, wie ich mein Geld in Sicherheit bringen sollte. Und dies machte mich endlich so verdrießlich, daß ich mich am folgenden Tage hinsetzte und darüber weinen mußte. Dieses Geld war mir die ganze Nacht eine große Last. Ich trug es eine gute Weile in meiner Hand, denn bis auf 14 Schillinge bestand es in Gold, das heißt es waren vier Guineen. Diese 14 Schillinge waren beschwerlicher zu tragen als die vier Guineen zusammen. Endlich setzte ich mich nieder, zog einen meiner Schuhe aus und steckte das Gold hinein. Nachdem ich aber eine Weile damit gegangen war, drückte mich mein Schuh solchermaßen, daß ich nicht weiter gehen konnte. Also sah ich mich genötigt mich wieder zu setzen, das Geld herauszunehmen und es in der Hand zu tragen. Da fand ich einen schmutzigen Lumpen Leinewand auf der Gasse, den hob ich auf, wickelte meinen Schatz hinein und trug ihn darin ein gutes Stück weiter. Ich habe die Leute seit der Zeit öfters sagen hören: ich wollte, daß ich es in einem schmutzigen Lumpen hätte! Der meine aber war mehr als schmutzig, allein ich war froh, daß ich ihn nur hatte, denn er diente mir doch, bis ich an einen bequemen Ort kam, wo ich den Lappen in dem Flusse, der durch die Stadt läuft, wusch und dann mein Geld wieder hineinband.

Ich nahm es nun mit mir in mein Nachtquartier, die Glashütte. Als es aber zum Schlafengehen kam, wußte ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Wenn ich einen von der schwarzen Rotte, unter welcher ich mich befand, etwas davon hätte merken lassen, so würde ich entweder in der Asche erstickt oder auf eine andere Art beraubt worden sein. Daß sie mir einen Possen gespielt haben würden, ist gewiß. Also lag ich da und hielt es in meiner Hand, die ich in den Busen gesteckt hatte, und der Schlaf floh meine Augen. Wenn ich dann und wann in einen leichten Schlummer fiel, träumte mir, mein Geld sei fort, so daß ich voller Schrecken aus dem Schlafe auffuhr. Wenn ich dann merkte, daß ich es noch fest in meiner Hand hielt, so versuchte ich aufs neue wieder einzuschlafen, konnte aber eine gute Weile kein Auge zutun, oder wenn ich gar ein wenig eingenickt war, fuhr ich alsbald wieder in die Höhe. Endlich machte ich mir darüber Sorgen, daß ich vielleicht, wenn ich einschliefe, von dem Gelde träumen und im Schlaf davon reden und mich so verraten könnte, daß ich Geld bei mir hätte. Und wenn mich nun einer von den Schelmen davon reden hörte, so würde er mir, ohne daß ich erwachte, das Geld aus meinem Busen und meiner Hand nehmen. Als mir dieses eingefallen war, konnte ich kein Auge mehr zutun, sondern verbrachte die ganze Nacht in Angst und Sorge. Und ich kann wohl sagen, daß dieses die erste Nacht war, da mich die Sorgen dieses Lebens um meine Ruhe gebracht haben.

Sobald es Tag wurde, kroch ich aus dem Loche, in dem wir lagen, heraus und lief auf das Feld. Da stand ich still und überlegte, was ich nun mit dem Gelde anfangen sollte. Ich wünschte wirklich, ich hätte es gar nicht besessen. Denn nach allem Beratschlagen und Kopfzerbrechen, wo ich es unterbringen sollte, fiel mir kein Mittel ein, das mir sicher genug erschienen wäre. Dies machte mich so verwirrt, daß ich mich endlich, wie bereits gesagt, hinsetzte und bitterlich weinte. Nachdem ich mich ausgeweint hatte, fühlte ich mich noch immer mit meinem Kummer beladen. Ich hatte das Geld noch immer und wußte nicht, was damit anfangen. Endlich fiel mir ein, mich nach einem hohlen Baume umzusehen, in dem ich es verbergen könnte, bis ich es brauchen würde. Ich war recht froh über diesen Einfall und sah mich alsbald nach einem Baume um. Allein auf den Feldern waren keine Bäume, die mir für mein Vorhaben geeignet schienen. Und wenn ich einen erblickte, den ich genauer in Augenschein zu nehmen gedachte, so war das Feld so voller Volk, daß man mich unbedingt gesehen haben würde, wenn ich etwas hätte verbergen wollen. Ja, ich bildete mir sogar schon ein, daß aller Augen auf mich gerichtet wären und daß mir zwei Männer auf dem Fuße folgten, um zu sehen, was ich vornehmen würde.

Dies trieb mich noch weiter fort, bis ich in der Stadt ein Gäßchen hinabging, das auf die Blind Beggars zugeht. Als ich durch das Gäßchen ging, fand ich einen Fußsteig, der über die Felder führte, und auf diesen Feldern verschiedene Bäume, die mir für mein Vorhaben passend schienen. Ich fand einen, in welchen von oben ein Loch hineinging. Es war aber so hoch, daß ich es nicht erreichen konnte, und ich kletterte daher den Baum hinauf. Als ich an das Loch kam, steckte ich meine Hand hinein und hielt es für einen sehr geeigneten Ort, meinen Schatz zu verbergen, worüber ich sehr froh war. Als ich meine Hand wieder hineinsteckte, um das Päckchen noch bequemer hinzulegen, entwischte es mir plötzlich und fiel so tief in den hohlen Baum hinunter, daß ich es nicht erreichen konnte, wußte auch nicht, wie weit das Loch hinunterging. Mit einem Wort, all das Geld war fort und unwiederbringlich verloren, und ich hatte nicht die geringste Hoffnung, es jemals wieder zu sehen, zumal es ein sehr großer und starker Baum war.

So jung ich war, so merkte ich doch, was ich für ein Narr gewesen war, so weit herzulaufen und das Geld in ein Loch zu werfen, aus dem ich es nicht wieder herausbekommen konnte. Ich steckte meine Hand bis zum Ellenbogen hinein, allein da war kein Boden noch Ende zu verspüren. Ich brach einen Stecken vom Baum und stieß diesen ein gutes Stück hinein, aber es war vergebliche Arbeit. Da fing ich an zu weinen, ja zu heulen und zu schreien, und war so aufgeregt, daß ich den Baum bald hinab bald hinauf stieg und meine Hand ein über das andere Mal hineinsteckte, bis ich mir den Arm ganz zerritzt hatte, daß er blutete, und ich mittlerweile ganz jämmerlich weinte. Und wenn ich daran dachte, daß ich nunmehr nicht einen einzigen Groschen übrig hätte, so daß ich nicht einmal meinen hungrigen Magen stopfen konnte, fing ich von neuem an zu heulen. Bald lief ich voller Verzweiflung fort, heulte und schrie wie ein kleiner Bube, der ausgepeitscht worden; bald lief ich wieder zum Baume und kletterte an ihm hinauf und hinab. Dies tat ich zu verschiedenen Malen.

Das letztemal stieg ich den Baum auf der andern Seite hinauf, als ich bisher hinauf- und hinuntergestiegen war, und kam also auch auf der andern Seite des Hügels hinunter. Da hatte denn der Baum ganz dicht über der Erde eine große Öffnung, wie alte Bäume öfters zu haben pflegen. Und als ich in diese offene Stelle hineinblickte, lag zu meiner unaussprechlichen Freude mein Geld noch eingewickelt in den Lumpen darin, wie ich es in das Loch hineingesteckt hatte. Denn weil der Baum von oben bis unten ganz hohl gewesen war, mochte wohl einiges Moos oder anderes Zeug inwendig nachgegeben haben, als ich das Geld aus meiner Hand fallen ließ, und war auf einmal ganz hinuntergerutscht.

Ich war noch ein Kind und freute mich auch wie ein Kind, ich schrie vor Freude so laut ich konnte, als ich es wieder hatte. Ich hob es geschwinde auf, herzte und küßte den dreckigen Lumpen wohl an hundertmal, tanzte und sprang umher und hüpfte von einem Ende des Feldes bis ans andere. Kurzum ich wußte nicht, was ich tat, und will es auch niemandem verraten. Doch werde ich wohl mein Lebenlang nicht vergessen, welchen Kummer meinem Herzen der Verlust verursachte, und welcher Strom von Lust mich gleichsam überschwemmte, als ich es wiedergefunden hatte.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, setzte ich mich nieder, machte den schmutzigen Lumpen auf, worin das Geld war, zählte es nach und fand, daß noch alles beisammen lag. Dann fing ich wieder so arg an zu weinen wie vorher, als ich glaubte, alles verloren zu haben.

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