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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Auf diese Art lebten wir eine gute Weile fast zwei Jahre dahin und taten niemandem viel zuleide, was auch kaum in unserer Absicht lag. Wir gingen gemeinsam alle drei miteinander. Denn der Hauptmann war ein so ungeschickter Tölpel und hatte etwas so Unbequemes an sich, daß er wohl Hungers hätte sterben müssen, wenn wir ihn nicht bei uns behalten hätten. Wir waren auch fast überall beisammen und daher allgemein unter dem Namen die drei Hannes bekannt. Aber der Oberst Hannes hatte in vielen Stücken jederzeit den Vorzug. Der Major war lustig und kurzweilig, aber der Oberst ließ sich jederzeit mit den freundlichen Leuten, die sich auch mit Betteljungen abgaben, in ein Gespräch ein. In solchen Gesprächen forschte ich bald nach diesem bald nach jenem, und fragte wohl nach dem, was öffentlich und im geheimen vor sich ging. Insbesondere redete ich gern mit Schiffsleuten und Soldaten vom Kriege, von berühmten Schlachten auf der See oder auf dem festen Lande, an denen der eine oder der andere von ihnen teilgenommen hatte. Von dem, was sie mir erzählten, vergaß ich niemals wieder etwas, so daß ich nach etlichen Jahren eine fast ebenso gute Nachricht von den Kriegen in Holland, von den bekanntesten Schlachten in Flandern und dergleichen geben konnte als nur irgendeiner, der dabei gewesen war. Und dies machte, daß diese alten Kriegsgurgeln und Pechfackeln auch überaus gern mit mir redeten und mir alle Geschichten erzählten, deren sie sich nur erinnern konnten, und zwar nicht nur von den damaligen Kriegen, sondern auch von denen zu Cromwells Zeiten, vom Tode Carls des Ersten und dergleichen. Hierdurch wurde ich, so jung ich auch war, ein rechter Geschichtskundiger. Und obgleich ich keine Bücher gelesen und auch niemals welche zu lesen bekommen hatte, so konnte ich doch eine hinlängliche Nachricht geben von dem, was geschehen war und was damals in der Welt vorging, besonders von denjenigen Dingen, von denen unser eigenes Volk betroffen wurde. Ich wußte die Namen eines jeden Schiffes der Flotte, desgleichen wer es befehligte, und alles dieses, als ich vierzehn Jahre oder nicht viel älter war.

Der Hauptmann Hannes geriet mittlerweile in eine böse Gesellschaft und lief von uns fort. Es verging auch eine gute Weile, ehe wir etwas von ihm hörten, bis ich ungefähr nach einem halben Jahre soviel erfuhr, daß er unter eine Rotte von Kinderdieben oder Menschenräubern geraten war, die im Finstern den Leuten die Kinder wegfingen, ihnen den Mund zuhielten und sie in solche Häuser trugen, wo sich andere Räuber in Bereitschaft hielten, um solche abzunehmen und sie auf Schiffen nach Virginia zu bringen und daselbst zu verkaufen. Dies war ein Handwerk, wozu sich der Hauptmann sehr wohl schickte, besonders was die Gewalttätigkeit betraf. Denn wenn er ein kleines Kind in seine Klauen bekam, so pflegte er ihm den Atem zuzuhalten und bekümmerte sich nicht viel darum, ob das Kind erstickte oder nicht, wenn er es nur am Schreien verhindern konnte. Von dieser Rotte war nun zu der Zeit ein Bubenstück verübt worden, ich weiß nicht mehr, ob sie ein Kind sogar ermordet oder ihm nur sonst übel mitgespielt hatten. Vermutlich aber war es eines vornehmen Bürgers Kind gewesen und die Eltern hatten zu rechter Zeit Wind davon bekommen, so daß sie zwar ihr Kind gerettet aber in einem sehr üblen Zustand und fast halbtot wiedererlangt hatten. Ich war damals noch jung, und es ist zu lange her, als daß ich mich der ganzen Geschichte noch so genau erinnern könnte. Sie wurden aber alle abgefaßt und nach Newgate gebracht, der Hauptmann Hannes unter den übrigen, obgleich er noch nicht viel über dreizehn Jahre alt war. Welche Strafe die Schelme dieser Rotte bekamen, kann ich nicht sagen. Der Hauptmann aber, weil er noch ein Junge war, erhielt einen guten derben Stockschilling, indem ihn der Stadtschreiber wissen ließ, daß es nur aus Mitleid gegen ihn geschehe, wenn man ihn diesmal vom Galgen bewahrte. Wobei er ihm vorhielt, zumal ihm nicht viel Gutes aus den Augen sähe, daß er sich vor dem dreigiebeligen Gerüste oder dem Galgen wohl in acht nehmen sollte. So merkwürdig war des Hauptmanns Gesicht schon, als er noch jung war, und später mußte er sich dies noch bei manchen Gelegenheiten unter die Nase reiben lassen. Als er ins Stockhaus gesetzt war, hörte ich von seinem Unglück und ging daher mit dem Major hin, um ihn zu besuchen.

An dem Tage, als wir hingingen, sollte er gerade gestäupt werden und zwar, wie das Urteil lautete, auf eine recht derbe und nachdrückliche Weise. Sie kamen auch dem Urteilsspruch genau nach. Denn der Aldermann, der damalige Aufseher über das Stockhaus, hielt ihm erstlich eine scharfe Predigt, hielt ihm seine Jugend vor und wie schade es sei, daß ein solcher Junge am Galgen baumeln sollte, wie er sich dieses sollte zur Warnung dienen lassen, was für eine verruchte, gottlose Verderbtheit es sei, ehrlichen Leuten ihre armen unschuldigen Kinder wegzustehlen und dergleichen. Währenddessen gab ihm der Mann mit dem blauen Abzeichen eine ganz unbarmherzige Tracht und durfte nicht eher damit aufhören, bis der Aldermann mit dem kleinen Hämmerchen auf die Tafel schlug. Der arme Hauptmann stampfte und tanzte und schrie, als ob er am Spieße steckte. Ich muß gestehen, ich war halbtot vor Schrecken. Denn obschon ich als kleiner Junge nicht nahe genug herankommen konnte, um sehen zu können, wie mit ihm umgesprungen wurde, so sah ich ihn doch zuletzt mit seinem blutigen Buckel, der über und über voller Striemen und Eiterbeulen war, ich hätte bei diesem Anblick in die Erde sinken mögen. Es wurde mir schwarz vor den Augen, allein an solche Dinge gewöhnte ich mich später. Ich tat mein möglichstes, um den armen Hauptmann zu trösten, als ich wieder die Erlaubnis bekam zu ihm zu gehen. Allein die Sache war noch nicht ganz überstanden. Das schlimmste stand noch aus. Denn er sollte noch zwei solcher Zahlungen bekommen, ehe sie ihn auf freien Fuß setzen wollten. Sie stäupten ihm auch den Buckel so nachdrücklich aus, daß ihm die Lust zum Kinderrauben eine geraume Weile verging. Er geriet aber dennoch wieder in diesen verfluchten Handel und blieb dabei so lange, bis ihm nach etlichen Jahren das Handwerk gelegt wurde.

Diese scharfe Lektion, die dem Hauptmann gelesen wurde, machte auf mich und den Major, obgleich wir noch sehr jung waren, einen tiefen Eindruck, so daß wir sozusagen mitgezüchtigt wurden, obschon wir nicht an der Tat beteiligt waren. Es war ungefähr ein Jahr vergangen, als der Major von ein paar jungen Spitzbuben, die auch in der Glashütte nächtigten, hinweggelockt wurde, mit ihnen einen Spaziergang zu machen. Diese jungen Burschen paßten vortrefflich zusammen. Der Major war ungefähr zwölf Jahre alt, und der älteste von den zweien, die ihn anführten, war nicht über vierzehn Jahre. Ihr Vorhaben war, auf den Bartholomäimarkt zu gehen. Der Endzweck dieses Besuches aber war mit einem Wort gesagt: Taschendieberei.

Der Major verstand nichts von diesem Handel und sollte deshalb auch damit nichts zu tun haben. Sie versprachen ihm aber trotzdem einen Anteil davon. Also machten sie sich auf den Weg. Die zwei geschickten jungen Spitzbuben drehten ihr Ding so, daß sie um acht Uhr abends wieder zu unserm staubigen Nachtquartier in der Glashütte zurückkehrten. Dort setzten sie sich in einen Winkel nieder und bei dem Licht des Feuers in der Glashütte teilten sie ihre Beute. Der Major brachte die gestohlenen Sachen hervor, denn sobald sie einen Fund gemacht hatten, so gaben sie ihm alles, damit, wenn sie ergriffen würden, nichts bei ihnen gefunden würde.

Es war ein verdammt glücklicher Tag für sie. Der Teufel hatte seinen Segen dazu gegeben, daß sie eine solche Beute machten und einen jungen Menschen ins Spiel ziehen konnten, der vorher durch des Hauptmanns üble Vergütung abgeschreckt worden war. Die Beute, die sie am ersten Abend in diesem ehrlichen Gewerbe heimbrachten, war ein weißes Schnupftuch von einer Bäuerin, als sie nach einem Hanswurst gegafft hatte, darinnen waren drei Schillinge und eine Reihe Nadeln in einem Zipfel eingebunden; dann ein farbiges Schnupftuch aus eines jungen Bauern Rucksack, als er sich eine frische Pomeranze kaufte; zum dritten eine Frauenzimmertasche mit elf Schillingen und einem silbernen Fingerhut darinnen. NB. Sie vermißte ihre Tasche alsbald, weil sie aber den Dieb nicht sah, so beschuldigte sie einen Kerl, der etwas aufklauben wollte, und fing an zu schreien: Spitzbube! Spitzbube! Also fiel er dem gemeinen Pöbel in die Hände, aber weil er in der Straße bekannt war, so kam er, wiewohl nicht ohne Schwierigkeit, so doch mit einem blauen Auge davon. Viertens ein Messer und eine Gabel, die ein paar Knaben eben gekauft hatten und damit nach Haus gehen wollten: der junge Spitzbube, der sie stahl, erhaschte sie in dem Augenblick, als der Knabe sie gerade in den Rucksack steckte; fünftens ein kleines silbernes Büchschen, worin sieben Schillinge waren, welche eine Magd aus ihrer Tasche herausgezogen hatte, als sie sich die Puppenspiele ansehen wollte: da hatte der kleine Spitzbube mit der Hand hineingelangt und hatte es weggehascht, eben als sie es wieder einstecken wollte; sechstens ein anderes seidenes Schnupftuch aus eines ansehnlichen Herrn Tasche; endlich ein gedrechseltes Püppchen und einen kleinen Spiegel, den sie auf dem Jahrmarkt einem weggenommen hatten, der Spielsachen für Kinder feil hielt.

Diese Beute, die an einem einzigen Nachmittage oder Abende nur von zwei ganz kleinen jungen Spitzbuben nach Hause gebracht wurde, war gewiß außerordentlich, daher bildete sich auch der Major am folgenden Tage nicht wenig darauf ein. Er kam sehr frühe zu mir, der ich nicht weit von ihm lag, und sprach zu mir: Oberst Hannes, ich habe mir dir zu reden.

Nun, sprach ich, was ist es denn?

Ja, antwortete er, es ist eine Sache von Wichtigkeit, ich kann hier nicht davon sprechen.

Also gingen wir hinaus. Sobald wir in ein enges Gäßchen in der Nähe der Glashütte gekommen waren, fing er an und sagte: Sieh her: und seine Hand war ganz voll Geld.

Ich war voller Verwunderung darüber. Er steckte es wieder ein, zog aber seine Hand bald wieder mit den Worten heraus: du sollst auch etwas davon haben, und gab mir ein Sechsgroschenstück und einen Schilling von dem kleinen Silbergeld. Dies war mir sehr willkommen, da ich mir wohl auf meine vornehme Geburt als Edelmann viel einbildete, aber niemals vorher in meinem ganzen Leben einen Schilling Geld als mein eigen besessen hatte. Ich drängte ihn sehr eifrig mir zu sagen, wie er zu diesem Reichtum gekommen wäre. Denn er hatte als Anteil sieben Schillinge sechs Groschen an Geld, den silbernen Fingerhut und ein seidenes Schnupftuch bekommen, was für ihn, der sowohl wie ich seiner Lebtag keinen Schilling besessen hatte, ein Vermögen war.

Was willst du nun damit machen, Hannes? fragte ich.

Was ich damit machen soll? Zuerst will ich auf den Markt gehen und mir ein Paar Schuhe und Strümpfe kaufen.

Daran tust du recht, sprach ich, so will ich es auch machen.

Also gingen wir miteinander und kauften uns jeder ein Paar Strümpfe für fünf Groschen. Nicht das Paar für fünf Groschen, sondern beide für fünf Groschen zusammen, und es waren gewiß sehr gute Strümpfe, wohl noch viel zu gut für uns zu der damaligen Zeit. Uns mit Schuhen zu versehen, war viel schwieriger. Nachdem wir uns aber eine gute Weile danach umgesehen hatten, ehe wir passende für uns finden konnten, kamen wir endlich zu einem Schusterladen, der welche für uns hatte, und kauften hier zwei Paar für sechzehn Groschen. Wir zogen sie mit großer Freude alsbald an. Keiner von uns hatte je einen Strumpf an den Füßen gehabt. Ich fand mich recht davon erfrischt, daß ich ein Paar warme Strümpfe und ein Paar trockne Schuhe an den Füßen hatte. Dies waren wie gesagt Dinge, die ich seit langem nicht mehr gekannt hatte, und so fing ich auch wieder an, mich meines Adelstandes zu erinnern, der meine Gedanken viel beschäftigte.

Nachdem wir uns also herausstaffiert hatten, fing der Major wieder an und sprach: Höre doch, Oberst Hannes, du und ich haben unser Lebtage kein Geld in Händen gehabt und haben auch noch niemals eine gute Mahlzeit gegessen, wie wäre es, wenn wir irgendwo etwas essen gingen, ich bin sehr hungrig? Also gingen wir zu einem Koch im Rosmariengäßchen, wo wir uns stattlich auffahren ließen. Wir bekamen gekochtes Rindfleisch, Pudding, Semmeln und ein ganzes Maß starkes Bier, was alles in allem sieben Groschen kostete. Ich trage auch nach, daß wir beide eine überaus gute Rindfleischbrühe bekamen. Und was mich im Grunde meines Herzens am meisten freute, war, daß die Magd und der Junge, so oft sie an dem Tische, an dem wir saßen, vorbeigingen, uns fragten: Haben die Herren gerufen, belieben die Herren etwas? Dies tat mir ebenso wohl wie meine Mittagmahlzeit. Der Lord Mayor zu London, ja der größte Herr auf Erden könnte in seiner Einbildung nicht glücklicher sein, als ich es in meiner neuen Glückseligkeit war. Mit einem Wort: niemand, der früher im Elend gelebt hat, kann sich für glücklicher halten, als ich es damals tat. Und dabei hatte ich doch nicht mehr als achtzehn Groschen von der Beute bekommen!

In dieser Nacht freuten wir uns über unser Glück und schliefen zufrieden an unserm gewöhnlichen Orte, wo mir oben von der Wärme des Feuers der Glashütte bestrahlt wurden, aber uns dafür unten in der staubigen Asche herumwälzen mußten.

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