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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Da meine Lebensbeschreibung fast so buntscheckig und würflicht aussieht wie eine eingelegte Tischlerarbeit, und ich nunmehr imstande bin, von einem weit sicherern Ausblick auf mein Leben zurückzusehen als den Gesellen der ehrbaren Zunft, zu welcher ich ehemals gehörte, ihr Schicksal insgemein erlaubt, so hoffe ich: meine Geschichte wird von der großen Welt ebenso gut aufgenommen werden wie manche andere auch, die ich sie alle Tage mit Vergnügen lesen sehe, obschon sie nicht so lustig und erbaulich und nicht so voller Abwechselung sind, als man hoffentlich die meinige befinden wird.

Meine Herkunft ist vielleicht so vornehm wie die eines andern, denn meine Mutter hat, wie ich glaubwürdig berichtet bin, keinen schlechten Umgang gepflogen. Allein dieser Punkt gehört mehr in ihre als in meine Geschichte. Alles was ich davon weiß, habe ich nur vom Hörensagen. Meine Pflegemutter erzählte mir, meine Frau Mutter sei eine Edelfrau und mein Herr Vater eine Standesperson gewesen, weil sie – nämlich meine Pflegerin – ein gut Stück Geld bekommen habe, damit sie mich annähme und meinen Herrn Vater und meine Frau Mutter von den Ungelegenheiten befreite, welche gemeinhin das Unglück begleiten, wenn ein Kind geboren wird, von dem nichts gehört oder gesehen werden soll.

Wie es scheint, hat mein Herr Vater meiner Pflegemutter noch etwas darüber gegeben, als meine Frau Mutter in ihrem Vergleiche ausgemacht hatte, und zwar nach einem feierlichen Versprechen, daß sie mich wohl halten und in die Schule schicken wolle. Wobei er ihr auch noch dieses eingeschärft: wenn ich größer und ein wenig zu Verstande gelangt sein würde, so daß ich wüßte, was es zu bedeuten hätte, so sollte sie jederzeit Sorge tragen, mich mit Nachdruck zu erinnern, daß ich ein junger Edelmann wäre. Und dieses, habe er gesagt, wäre das hauptsächlichste, worauf sie bei meiner Auferziehung achten sollte. Denn er zweifle nicht, habe er hinzugefügt, daß mir diese bloße Weisung schon Gedanken einflößen würde, die meiner Geburt gemäß wären, sodaß ich mich gewißlich als ein Edelmann aufführen würde, wenn ich nur glaubte, daß ich einer wäre.

Allein meine Unsterne waren nicht so bald auf einen guten Endzweck gerichtet, wie solches auch nur selten mit Unglücklichen geschieht. So wie die Großen in der Welt gleichsam stufenweise zum Gipfel ihrer Herrlichkeit steigen, in welcher sie prangen, also sinken auch die Elenden gleichsam durch eine beständige Reihe von Unglück zu der Tiefe ihres Elends hinab und schweben sozusagen lange zwischen Tür und Angel oder auf der Folter und in der Klemme ihrer jämmerlichen Umstände, ehe das Glücksrad sich umkehrt und ihnen, wenn es überhaupt geschieht, die Aussicht einer Erlösung zeigt. Meine Pflegemutter kam dem, was sie versprochen, so redlich nach, als man von einer ihrem löblichen Gewerbe zugetanen Person nur erwarten konnte. Wenigstens erwies sie sich als so ehrlich, wie es ihre Umstände erlaubten. Denn sie zog mich mit ihrem eigenen und noch einem andern unter ebensolchen Bedingungen angenommenen Sohne sehr sorgfältig auf.

Mein Name sei Johannes, hat sie mir berichtet. Allein weder sie noch ich wußten etwas von einem Zunamen, der mir gehörte. Also war es mir freigestellt, mich zu nennen wie ich wollte, je nachdem mir das Glück und bessere Umstände die Gelegenheit dazu an die Hand geben würden.

Nun trug es sich zu, daß ihr eigener Sohn – denn sie hatte selbst einen kleinen Jungen, der ungefähr ein Jahr älter als ich sein mochte – auch Johannes hieß. Und ungefähr zwei Jahre danach nahm sie noch einen andern fremden Sohn an, um solchen ebenfalls aufzuziehen, dessen Name ebenso Johannes war.

Gleichwie wir nun alle Johannes hießen, also hießen wir auch alle Hannes und wurden auch so gerufen. Denn in demjenigen Teile der Stadt, wo wir aufgezogen wurden, werden die Johannes gemeinhin Hannes gerufen. Allein meine Pflegemutter, welche die Freiheit zu haben vermeinte, ihren eigenen Sohn vor den übrigen zu unterscheiden, wollte haben, man sollte ihn, weil er der älteste wäre, den Hauptmann nennen.

Ich wurde darüber sehr aufgebracht, daß dieser Junge sollte Hauptmann gerufen werden, fing an zu weinen und vermeldete meiner Pflegemutter, daß ich Hauptmann genannt sein müßte, denn sie hätte mir doch gesagt, daß ich ein Edelmann wäre, daher wollte ich auch Hauptmann sein. Darauf hieß sie mich Oberst, was um ein groß Teil besser wäre als Hauptmann. Denn, mein liebes Kind, sprach sie, jedweder Schiffsknecht, wenn er blos ein Leutnant von einem kleinen Schiff wird, das Gaffelsegel führt, wird schon Hauptmann genannt, aber Obersten, das sind Kriegshelden, wozu niemand gemacht wird, es sei denn, er könnte seinen Adelsstand dartun. Überdies habe ich Obersten gekannt, setzte sie hinzu, die Lords und Generale geworden sind, ungeachtet sie von Geburt nur Bankerte waren, und deshalb sollst du auch Oberst genannt werden.

Hiermit wurde ich nun für diesesmal beruhigt, aber nicht gänzlich zufriedengestellt, bis ich sie eine kleine Weile hernach zu ihrem eigenen Jungen sagen hörte, daß ich ein Edelmann wäre, und er mich daher Oberst nennen müsse. Darüber fing er an zu heulen, und nun wollte er Oberst genannt werden. Dieses vergnügte mich im Grunde meines Herzens, daß der Junge deswegen schrie, denn dadurch ward ich für gewiß überzeugt, daß Oberst mehr als ein Hauptmann sein müßte.

So allgemein hat der Ehrgeiz in den menschlichen Gemütern Sitz genommen, daß auch kein Betteljunge zu finden ist, der nicht seinen Teil davon hätte.

Also gab es nun einen Obersten Hannes und einen Hauptmann Hannes. Was den dritten Jungen anbelangte, so wurde er etliche Jahre lang nur schlechtweg Hannes gerufen, bis er durch das Verdienst seiner Geburt, wie man an seinem Orte hören wird, ebenfalls einen Vorrang erlangte.

Wir waren alle drei hoffnungsvolle Burschen und verhießen sehr frühzeitig durch viele Umstände unseres Lebens, daß wir alle miteinander einstmals Erzgalgenvögel werden würden. Indes kann ich nicht anders sagen, wenn das, was ich von meiner Pflegerin Gemütsart erzählen kann, wahr ist: daß die ehrliche Frau alles getan hat, was ihr möglich gewesen, dieses zu verhüten.

Ehe ich mit der Erzählung unserer Geschichte weiter fortfahre, wird es nicht undienlich sein, von unserer unterschiedlichen Gemütsart, soweit ich mich in meinem Gedächtnis entsinnen kann, eine kurze jedoch unparteiliche Nachricht zu geben.

Der Hauptmann Hannes war der älteste unter uns allen, und zwar um ein ganzes Jahr älter als wir. Er war ein quatschlicher, starker, ausgewachsener Junge und verhieß ein stämmiger Kerl zu werden, schwerlich aber konnte man ihn lang aufgeschossen und schlank von Leibe nennen. Von Natur war er schlau, verdrießlich, heimtückisch, boshaft und rachgierig. Dabei hatte er etwas Gewalttätiges, Grausames und Blutgieriges an sich. Seinen Sitten nach war er ein rechter Bauer, der hinter dem Mistkarren auferzogen worden, war leichtfertig wie ein Gassenrange sein muß, aber ein recht dummer und ungelehriger Klotz von Kindheit an. Er hatte gar vieles von der Art eines Bullenbeißers an sich. Er war verzweifelt kühn, aber gar nicht großmütig. Alle Schulmeister, zu denen wir gingen, konnten ihm nichts, ja nicht einmal die ersten Buchstaben des ABC beibringen. Und gleichwie er zu einem Spitzbuben geboren war, also pflegte er alles zu stehlen, was ihm zu nahe kam, auch schon von der Zeit an, da er kaum reden konnte, und nicht nur von seiner Mutter, sondern von jedermann, sogar von uns, die wir seine guten Brüder und Spielkameraden waren. Er war von Natur ein Spitzbube und ein Dieb von Mutterleibe an. Denn er pflegte die leichtfertigsten, gottlosesten Schelmenstreiche aus eigenem Triebe und aus Neigung vorzunehmen. Er hatte gar kein Gefühl für das, was Ehre heißt, ich meine auch in Ansehung seiner andern Kumpane oder Spitzbubengesellen, oder woraus andere Diebe eine Ehrensache machen, nämlich sich ehrlich gegeneinander zu erweisen.

Der andere, nämlich der jüngste unter uns drei Hannes, wurde der Major Hannes genannt, und zwar mit folgendem Grunde: Die ehrliche Frau, welche unserer Pflegemutter dieses Liebespfand anvertraute, hatte ihr gestanden, daß ein Major von der Garde Vater von diesem Kinde wäre, sie wäre aber verbunden seinen Namen zu verschweigen, und das sei genug. Also wurde er erst Johannes der Major, hernach Major, und endlich, als wir anfingen miteinander herumzuschweifen, nach dem Beispiele der übrigen Major Hannes genannt. Denn sein Name war ebenfalls, wie ich bereits vermerkte, Johannes.

Der Major Hannes war ein lustiger, aufgelegter, artiger Junge, hatte einen guten natürlichen Verstand und wußte gleich, wie man sagt, einen Schwank aus dem Stegreif zu erfinden. Er hatte auch etwas von einem Edelmann an sich: er besaß von Natur eine wahre männliche Herzhaftigkeit, fürchtete sich vor nichts und konnte ohne Zittern dem Tod in die Augen sehen. Und auch, wenn er den Vorteil hatte, erwies er sich als der großmütigste und mitleidigste Mensch von der Welt. Die Höflichkeit schien ihm gleichfalls angeboren zu sein, ohne von dem brutalen und schrecklichen Wesen, wie es der Hauptmann an sich hatte, versteckt zu werden. Es fehlte ihm mit einem Wort nichts mehr als die Ehrlichkeit, um ihn zu einem vortrefflichen Menschen zu machen. Er hatte Lesen gelernt ebenso wie ich, und gleichwie er sehr wohl zu reden wußte, also schrieb er auch überaus vernünftig und in einer sehr reinen Sprache, wie man aus dem Verfolg seiner Geschichte ersehen wird.

Was nun, lieber Leser, deinen gehorsamen Diener, den Obersten Hannes, betrifft, so war er ein armer, gutwilliger, unglücklicher Narr, der Anlage und Gelegenheit genug hatte alles zu lernen, wenn er nur jemand besseren als den Teufel aus der Hölle zum Schulmeister gehabt hätte. Er begab sich so frühzeitig hinaus in die Welt, daß, als er anfing Übles zu tun, er weder die Gottlosigkeit desselben noch auch, was er danach zu erwarten hatte, recht verstand. Ich entsinne mich noch sehr wohl, daß einmal, als ich wegen eines Diebstahls, dessen ich nicht schuldig war, vor den Richter geführt wurde, und mich durch Beweistum verteidigte und die Irrtümer meiner Ankläger aufzeigte, wie sie einander widersprächen, der Richter zu mir sagte, es wäre schade um mich, daß ich zu nichts Besserem gebraucht worden wäre, da ich gewiß eines Besseren belehrt worden sein müsse. Worin sich indes der gute Herr Richter irrte, denn es war mir niemals etwas anderes gelehrt worden als ein Dieb zu werden, ausgenommen Lesen und Schreiben, und das war bis zu meinem zehnten Jahre alles. Allein ich hatte die Gabe der natürlichen Rede und wußte so viel mit gutem Geschick zu einer Sache vorzubringen als mancher andere nicht, der eine geraume Zeit länger studiert hat als ich.

Ich galt unter meinen Kameraden als ein kühner, unerschrockener Junge, der sich mit dem Teufel und seiner Großmutter herumgeschlagen hätte. Allein ich hegte eine ganz andere Meinung von mir selbst und vermied daher das Prügeln soviel als ich konnte, wagte es aber doch etliche Male und kam sehr gut davon, weil ich ziemlich stark und zugleich hurtig von Beschaffenheit war. Wo ich aber meine Hände nicht für zureichend hielt, schlug ich mich zuweilen mit der Zunge durch, und zwar sowohl als erwachsener Mann wie schon damals, als ich noch ein Knabe war. Ich bewies mich behutsam und geschickt in meinem Handwerk und wurde nicht so oft erwischt wie meine Spießgesellen. Denn solange ich diesem sauberen Handwerk nachging, bin ich doch – dem Himmel sei Dank – nicht gehängt und, wie man hernach hören wird, nicht ein einziges Mal ins Gefängnis gekommen.

Was meine Person betrifft, so ist freilich nichts anderes zu vermuten als daß ich, solange ich noch ein schmutziger Glashüttenjunge war, der des Nachts in der Asche schlief und den ganzen Tag in der Gasse im Dreck manschte, demjenigen glich, der ich in der Tat gewesen, nämlich ein barfüßiger, lausiger, nackichter Betteljunge, verächtlich und elend im höchsten Grade. Und dennoch erinnere ich mich, daß die Leute von mir zu sagen pflegten: dieser Junge hat ein feines Gesicht, und wenn er nur gewaschen und sauber gekleidet wäre, würde er ein artiger Knabe sein, seht nur, was für schöne Augen er hat und was für ein hübsches lächelndes Gesicht! Es ist schade um ihn – ich wundere mich, wer des Schelmen Vater und Mutter gewesen sein mögen! Alsdann pflegten sie mich zu sich zu rufen und mich zu fragen, wie mein Name wäre. Ich sagte ihnen dann: mein Name wäre Hannes.

Aber wie heißt dein Zuname, du Schelm? sprachen sie.

Das weiß ich nicht.

Wie, hast du denn keinen gehabt? fragten sie wieder.

Nein, sprach ich, ich weiß von keinem.

Da schüttelten sie denn ihre Köpfe und pflegten zu sagen: du armer Junge! es ist schade! und dergleichen – und ließen mich wieder laufen. Allein ich schrieb mir alle diese Reden hinter die Ohren.

Ich war ungefähr zehn Jahre alt, der Hauptmann elf und der Major etwa acht, als die gute Frau, unsere Pflegemutter, ihren Abschied von der Welt nahm. Ihr Mann war ein Schiffer gewesen und nicht gar lange vorher mit einem von des Königs Schiffen untergegangen, welches zur Zeit des Königs Carl des Zweiten mit dem Herzog von Yorck nach Schottland gesegelt und verschlagen worden: und weil die arme Frau sehr arm starb, so wurde sie auf des Kirchspiels Unkosten begraben. Wir drei Jungen gingen hinter der Leiche: ich, denn wir wurden alle wie ihre eigenen Kinder gehalten, trug das Leid oder vertrat die Stelle des hinterlassenen betrübten Witwers, während der Hauptmann als der älteste Sohn ganz traurig hinterdrein ging.

Da nun die gute Frau gestorben war, stand uns drei Hansen die ganze Welt offen. Das Kirchspiel hätte uns zwar versorgen müssen, allein danach sehnten wir uns gar nicht. Wir streiften alle drei überall herum, und weil uns die Leute im Rosmariengäßchen, in Ratcliff und da herum sehr gut kannten, so bekamen wir leicht satt zu essen und zwar ohne erst lange darum zu bitten.

Ich für meinen Teil erwarb mir bald den Ruf eines anständigen ehrlichen Jungen. Denn wenn ich nach etwas geschickt wurde, so verrichtete ich es allemal auf das genaueste und sorgfältigste und kam in einem Augenblick wieder. Und wenn mir etwas anvertraut wurde, so rührte ich es nicht an, sondern machte mir eine besondere Ehre daraus, allem, was mir geheißen wurde, aufs genaueste nachzukommen, während ich doch in allen andern Fällen ein so arger Erzdieb war als nur irgendeiner von der übrigen Kameradschaft. So pflegten mich einige von den armen Krämern öfters vor ihrer Tür auf ihren Laden achtgeben zu lassen, wenn sie bei Tische waren oder über die Gasse in ein Bierhaus gingen, was ich jederzeit überaus freudig und willig tat und mich recht ehrlich dabei aufführte.

Der Hauptmann Hannes dagegen, ein trotziger, tückischer, roher Junge, dem nichts Gutes aus den Augen blickte, brachte kein Wort hervor, was Geschick oder Sinn hatte. Er konnte nicht mehr sagen als Ja und Nein, wenn er gefragt wurde, das war alles. Er führte sich so auf, daß ihm kein Mensch zugetan war. Wenn er fortgeschickt wurde, so vergaß er die Hälfte von dem, was ihm aufgetragen war, oder ging dem Spiel nach, wenn er ein paar Jungen traf, aber ging nicht dahin, wohin er sollte, oder er kam überhaupt nicht wieder zurück. Er hatte ein so unachtsames und liederliches Betragen, daß ihm kein Mensch gut gesinnt war, sondern über ihn jedermann sagte: der Spitzbube sähe ihm aus den Augen, und er würde noch einmal gehängt werden.

Mit einem Wort: er bekam von keinem Menschen gutwillig etwas, sondern sah sich gleichsam gezwungen ein Dieb zu werden, damit er nur einen Bissen Brot zu essen bekäme. Denn wenn er bettelte, so tat er es mit einer so unangenehmen Stimme und auf so trotzige Art, daß er die Leute mehr anzuherrschen als sie um etwas anzusprechen schien, so daß einer, der ihm etwas gegeben hatte und ihn kannte, eines Tages zu ihm sagte: Hauptmann Hannes, du bist schon jetzt, wo du erst ein Junge bist, ein garstiger häßlicher Bettler, ich besorge, wenn du nur etwas älter geworden bist, wirst du geschickter sein, jemanden um seinen Beutel anzusprechen als um ein Almosen!

Der Major war ein lustiger aufgeräumter Geselle, immer fröhlich, niemals traurig, er mochte etwas zu essen haben oder nicht. Er beklagte sich niemals und machte sich so sehr durch seine gute Aufführung beliebt, daß ihm die Nachbarn recht gewogen waren und er auf die eine oder andere Weise zu essen und zu trinken genug bekam.

Also waren wir alle drei bemüht, wie wir uns des Hungers erwehren möchten. Was unser Quartier betraf, so lagen wir zur Sommerszeit um die Wachthäuser und äußersten Teile der Schiffe, oder um die Türen der Kramläden, wo wir bekannt waren, herum. Was ein Bett war, wußten wir nach unserer Pflegemutter Tode viele Jahre nicht: im Winter krochen wir in die Aschenlöcher und warmen Mauern einer Glashütte im Rosmariengäßchen oder im Ratcliff-Highway.

Auf diese Art lebten wir etliche Jahre, und da konnte es denn nicht fehlen, daß wir unter die gleiche Rotte lumpiger, nackichter Galgenschwengel geraten mußten, als wir selbst waren: nämlich so saubere Bürschchen, wie sie sich der Teufel in der Zölle in einem so frühen Alter nur wünschen konnte, reif zu aller Art Unfug.

Ich erinnere mich, daß wir einmal in einer kalten Winternacht aus unserer Ruhe von der Scharwache aufgescheucht wurden, welche mit ihrem Geschrei einen, den sie Krummhals hießen, suchte, der eine Spitzbüberei verübt hatte und den die Wache unter den Betteljungen in dem warmen Gemäuer der Glashütte anzutreffen hoffte. Wir wurden unter Lärm mit der Aufforderung geweckt: Kommt heraus, ihr Teufelsbrut! Kommt heraus und laßt sehen, wer ihr seid! – Dann wurden wir alle hervorgeholt. Einige kamen von selbst heraus, rieben sich die Augen und kratzten sich an den Köpfen, andere wurden mit Gewalt hervorgezogen. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir unser zusammen siebzehn. Aber der Krummhals, den sie suchten, war nicht darunter. Wie ich später erfuhr, war dieser ein dicker stämmiger Junge, der die Nacht vorher bei einer Dieberei dabei gewesen war und den sein Kamerad, der ergriffen worden, in der Hoffnung, der Strafe zu entgehen, genannt hatte und auch angezeigt, wo er für gewöhnlich seine Herberge aufzuschlagen pflege. Allein dieser hatte den Braten gerochen und sich, wenigstens für eine Zeitlang aus dem Staube gemacht.

Also erhielten wir Erlaubnis, wieder in unser warmes Lager unter die Steinkohlenasche zurückzukriechen, wo ich manche kalte Winternacht, ja ich kann wohl sagen, manchen Winter so sanft und vergnügt geschlafen habe, wie seit der Zeit nicht wieder in den allerbesten Quartieren.

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