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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Es verging lange Zeit, ehe ich hierin zu einem festen Entschluß kam. Ja ich glaube, daß kaum eine Heirat mit reiflicherer Überlegung geschlossen worden ist. Wie ich mich denn bei keiner meiner Heiraten übereilt hatte, es müßte denn bei der zweiten geschehen sein. Bei dieser aber nahm ich mir über vier Monate Bedenkzeit. Und eben diese allzu große Vorsicht hätte mir beinahe den ganzen Handel verdorben.

Nachdem ich es mir aber endlich fest vorgenommen hatte, rief ich die Jungfer Margarete eines Tages, als sie an meiner Stube vorbei ging, herein zu mir und sagte, ich hätte etwas mit ihr zu reden. Sie kam willig herein, wurde aber so rot wie Blut, als ich sie sich neben mir zu setzen hieß.

Ich machte nicht viele Umschweife, sondern gab ihr mit wenigen Worten zu erkennen, daß ich gesehen hätte, wie freundlich und liebevoll sie sich gegen meine Kinder bezeigt, und wie lieb diese sie auch gewonnen hätten. Daher sei ich gewillt, wenn sie damit einverstanden sei, sie zu ihrer Mutter zu machen, falls sie noch nicht mit jemandem versprochen wäre. Das gute Mädchen saß still und sagte nicht ein Wort, bis ich sie fragte, ob sie vielleicht schon mit jemand anderem versprochen wäre. Doch erwähnte ich nichts weiter davon, außer daß ich zu ihr sagte: Höret einmal, Grete, wenn ihr euch schon versprochen habt, so dürft ihr es mir nicht verschweigen! Denn wir wußten alle, daß ein junger Bursche, nämlich eines ehrlichen Geistlichen ungeratener Sohn, über zwei Jahre sich an sie gehängt und sich um ihre Liebe beworben hatte.

Sie wußte, daß mir dies nicht unbekannt war. Daher sagte sie, als die erste Bestürzung vorüber war, der junge Mann wäre ihr, wie ich wohl wüßte, zwar immer nachgelaufen, sie hätte ihm aber niemals das geringste Versprechen gegeben und ihn verschiedene Jahre gänzlich abgewiesen, weil ihr Vater immer gesagt hätte, er sei ein liederlicher Bursche, der ihr, wenn sie ihn nähme, zum Unglück gereichen würde.

Nun denn, Grete, sprach ich, welche Antwort gibst du mir? Willst du mich haben? Bist du frei, daß du meine Frau werden kannst? Das arme Ding wurde feuerrot und schlug die Augen nieder und wollte eine gute Weile nicht reden. Als ich aber auf einer Antwort bestand, sah sie endlich wieder auf und ließ sich vernehmen, sie glaube, daß ich nur mit ihr zu scherzen versuchte. Ich bemühte mich ihre Zweifel zu zerstreuen und sagte ihr, es sei mein völliger Ernst, sie zur Frau zu nehmen, weil ich sie für ein verständiges, ehrliches und ehrenhaftes Mädchen hielte, das meine Kinder recht lieb hätte. Also sollte sie versichert sein, daß ich es ernst meinte, falls sie nichts dagegen hätte. Ich wollte ihr mein Wort geben, daß ich sie haben und mich morgen schon mit ihr trauen lassen wollte. Sie sah mich hierauf an, lächelte ein wenig und sagte, dies wäre wohl etwas schnell, sie hoffte, ich würde ihr ein wenig Zeit lassen, sich die Sache zu überlegen und erst mit ihrem Vater darüber zu reden.

Ich meinte, sie brauche nicht viel Zeit, dies zu überlegen. Dessenungeachtet wollte ich ihr bis morgen früh Bedenkzeit geben, was lange genug wäre. Inzwischen hatte ich meiner Grete einige Küsse gegeben, und sie fing auch an, etwas freier gegen mich zu werden, und als ich weiter in sie drang, mich am andern Morgen zu heiraten, fing sie an zu lachen und sagte, es würde nicht gut sein, wenn sie sich in ihren alten Kleidern trauen ließe.

Ich stopfte ihr den Mund mit einem Kuß und sagte, sie sollte nicht in ihren alten Kleidern getraut werden, ich wollte ihr schon andere geben.

Ja, das mag wohl sein, aber erst hinterher, sprach Grete und lachte wiederum.

Nein, versetzte ich, komm mit, Grete. Also führte ich sie eine Treppe hinauf in das ehemalige Zimmer meiner Frau und zeigte ihr einen neuen Schlafrock, der meiner Frau gehört hatte, nebst verschiedenen andern Sachen. Sieh her, Grete, sprach ich, hier ist ein Brautkleid für dich, gib mir nun die Hand darauf, daß du mich morgen nehmen willst. Was deinen Vater betrifft, so weißt du wohl, daß er für mich in Geschäften nach Liverpool gegangen ist, aber ich will es verantworten, er wird deswegen nicht böse sein, wenn er nach Hause kommt und seinen Herrn als Schwiegersohn findet, der nicht die geringste Aussteuer von ihm verlangt. Daher gib mir deine Hand, Grete, sagte ich recht aufgeräumt zu ihr, und küßte sie wiederum. Da gab sie mir ihre Hand und zwar auf eine sehr angenehme Art, die mir recht wohltat.

Es wohnte ungefähr die dritte Haustür von uns ein alter Herr, der für einen Doktor der Medizin gehalten wurde, in Wirklichkeit aber ein römischer Ordenspriester war, deren es in unserm Lande viele gibt. Zu diesem sandte ich am Abend und verlangte ihn zu sprechen. Er wußte, daß mir sein Stand nicht unbekannt war, und da ich mich in päpstlichen Ländern aufgehalten hatte, dachte er auch nicht anders, als daß ich römisch-katholisch wäre. Als er zu mir kam, entdeckte ich ihm den Grund, weswegen ich ihn hätte holen lassen. Er zeigte sich ganz willfährig und gab mir zu erkennen, es würde ihm lieber sein, wenn ich des Abende mit Grete zu ihm kommen wollte, dann würde er uns in seiner Studierstube trauen. Es könnte auch abends viel geheimer vor sich gehen als am Morgen. Also rief ich Grete und tat ihr kund, da wir uns doch am nächsten Morgen hätten trauen lassen wollen, daß dies schon am selben Abend geschehen könnte, wobei ich ihr erzählte, was der Doktor gesagt hatte.

Grete entfärbte sich hierüber wiederum und sagte, sie müsse erst nach Hause gehen, es wäre ihr unmöglich, früher als morgen fertig zu werden. Höre, Grete, sprach ich zu ihr, du bist nun meine Frau und sollst niemals als eine Magd wieder von mir fortgehen. Ich weiß schon, was du meinst. Du willst nach Hause gehen, um dich schön zu machen und dich anzuziehen. Komm die Treppe noch einmal mit mir hinauf. Hierauf führte ich sie zu einer Kiste mit Wäsche, worunter sich verschiedene neue Hemden befanden, die meiner vorigen Frau gehört hatten, die sie aber noch nicht getragen hatte. Hier ist ein reines Hemd für dich, und morgen sollst du alles übrige bekommen. Nun geh und ziehe dich an! Hiermit ließ ich sie allein und stieg wieder die Treppe hinunter. Nach einer Weile kam sie in ihrem ganzen Brautschmuck herunter in meine Stube, und die Kleider paßten ihr alle so gut, wie wenn sie für sie gemacht worden wären.

Siehst du wohl, Grete, sagte ich, daß du dich in deinen alten Kleidern nicht brauchst trauen zu lassen. Hiermit nahm ich sie in meine Arme, küßte sie und war so vergnügt in meinem Herzen wie nie zuvor. Sobald es finster wurde, ging Grete voraus, wie der Doktor und ich abgemacht hatten, und ich kam ungefähr in einer halben Stunde nach. Da wurden wir denn in des Doktors Studierstube, das heißt in des Paters Kapelle, die ein kleines Gemach neben seiner Studierstube war, getraut und blieben dann noch bei ihm seine Gäste zum Abendessen. Als wir eine Weile dort gewesen waren, ging ich auf einen Sprung nach Hause, um die Kinder zu Bett und das Gesinde aus dem Wege zu schaffen. Grete folgte mir bald nach und wir gingen zu Bett. Am andern Morgen ließ ich meine Kinder und das Gesinde wissen, daß Grete nun meine Frau wäre, worüber meine Kinder eine recht herzliche Freude hatten.

Nun war ich zum vierten Male ein Ehemann und zwar mit diesem schlichten Landmädchen ein viel glücklicherer Ehemann als mit allen Weibern, die ich zuvor hatte. Sie war eben nicht mehr ganz jung, bereits über 33 Jahre alt, brachte mir aber dennoch das erste Jahr einen Knaben zur Welt. Sie war artig, wohlerzogen und von einem fröhlichen und aufgeweckten Gemüt, obschon sie keine Schönheit zu nennen war. Sie war eine überaus gute Haushälterin, liebte meine Kinder aus voriger Ehe wie ihre eigenen und blieb immer gleich gut zu ihnen. Ich hatte mit einem Wort eine vortreffliche Frau an ihr. Diese Herrlichkeit währte aber nicht länger als vier Jahre. Denn sie starb an einer Verletzung, die sie sich, als sie gesegneten Leibes war, durch einen Fall zugezogen, und ich erlitt dadurch einen sehr schweren Verlust.

Dennoch, ungeachtet allen Errötens und aller Sprödigkeit, die Jungfer Grete an sich hatte, war sie zehn Jahre vorher von einem Edelmann von großem Vermögen, der ihr die Ehe versprochen hatte, sie aber hernach hatte sitzen lassen, zu Falle gebracht worden. Da dies aber längst vorher geschehen war, ehe ich ins Land kam, und das Kind tot und vergessen war, erwiesen sich die Leute artig gegen sie und mich, als sie gehört hatten, daß ich sie geheiratet hätte, daß sie nie ein Wort darüber erwähnten. So hörte ich niemals etwas davon, hatte auch nicht den geringsten Verdacht deswegen und erfuhr nicht eher etwas davon, bis sie bereits im Grabe war, und dann war mir wenig daran gelegen. Genug, daß sie sich gegen mich als eine tugendhafte, gefällige und ehrenhafte Frau erwiesen hatte. Während ich sie zur Frau hatte, trafen mich sehr schwere Schicksalsschläge. Denn die Pocken oder Blattern, hierzulande eine schreckliche Krankheit, rafften drei von meinen Kindern nebst einem Dienstmädchen hinweg. So hatte ich nur noch ein Kind von meiner vorigen Frau und eines von meiner Margarete, das erste war ein Sohn, das andere eine Tochter.

Ich war wirklich ein betrübter Vater, und der Verlust meiner Kinder kam mich sehr hart an, aber der Verlust meines Weibes wurde mir noch schwerer. Es wurden auch meine Schmerzen um ihren Tod nicht verringert, noch das Andenken an sie bei mir getrübt, als ich von ihrem vorigen Fehltritt erfuhr, da es ja lange vorher, ehe ich sie gekannt hatte, geschehen war, und mir bei ihren Lebzeiten weder von ihr noch von jemand anderem entdeckt worden war.

Alle diese Umstände zusammen machten mich sehr trostlos. Und nun dachte ich nicht anders, als daß mir der Himmel einen Wink gäbe, mich wieder nach Virginia, dem Ort, wo ich glücklich gewesen und mein Glück angefangen hatte, zurückzuwenden. Meine Geschäfte waren dort wirklich in guten Händen und die Pflanzungen so sehr vergrößert, daß mein Einkommen hier etliche Jahre über 800 Pfund Sterling und in einem Jahre beinahe 1000 Pfund betrug. Ich nahm meinen Sohn mit mir und ließ meine Tochter Margarete bei ihrem Großvater, welchen ich zu meinem ersten Agenten ernannte, und ließ ihm nicht nur beträchtliche Wertpapiere zum Unterhalt des Kindes in Händen, sondern auch meinen letzten Willen, in dem ich meiner Tochter, falls ich eher sterben sollte, bevor ich sie auf andere Weise versorgt hätte, 2000 Pfund Sterling statt eines Heiratsguts vermachte, das von meinem Sohne aus dem Vermögen, das ich in Virginia hätte, an sie bezahlt werden sollte; falls er unverheiratet stürbe, sollte das ganze Vermögen an sie fallen.

Ich schiffte mich nun nach Virginia ein und hatte eine ziemlich gute Reise dahin, außer daß uns auf dem 48. Breitegrad ein Raubschiff begegnete, das uns ausplünderte und alles nahm, was ihnen gefiel, nämlich Proviant, Munition, Waffen samt allem Gelde, das sie fanden. Jedoch diesen Schelmen ihren gebührenden Ruhm zu lassen, trotzdem sie die schlimmsten Galgenvögel waren, die ich jemals gesehen, muß ich doch sagen, daß sie uns eben nicht sehr übel mitspielten. Und was meinen Verlust betraf, so war er so schwer nicht. Die Ladung, die ich an Bord hatte, bestand aus Kaufmannsgütern und konnte ihnen also nichts nützen. Sie hätten auch zu diesen Sachen, ohne das Schiff von oben bis unten umzukehren, nicht gut gelangen können.

Ich fand zu Virginia alle meine Angelegenheiten in gutem Zustande. Meine Pflanzungen hatten sich gehoben und vergrößert, und mein Verwalter, der mir die Reisegedanken zuerst eingegeben und mich in den Wissenschaften unterrichtet hatte, empfing mich nach vierundzwanzigjährigem Herumstreifen in der Welt mit der größten Freude.

Ich war mit seiner Verwaltung ausnehmend zufrieden und hatte auch gute Ursache dazu. Die Einrichtung seines eigenen Hauswesens gefiel mir nicht weniger, denn er besaß eine sehr ausgedehnte Pflanzung, die sein eigen war, und die er auf dem Stück Land angelegt hatte, das ihm eingeräumt worden, wobei ich ihm auch ein wenig geholfen hatte.

Ich will hier nicht weitläufig erzählen, was ich sonst noch erlebt und verübt habe. Ich hatte nun hier einen höchst glücklichen und angenehmen Zufluchtsort, ob ich schon gewissermaßen hier wie in ein Elend verwiesen war. Ich genoß alles, was nur angenehm zu nennen oder zu erdenken ist. Denn die Traurigkeit wegen mangelnden Vergnügens vermag oft alle andern Ergötzlichkeiten der Welt in Galle und Wermut zu verwandeln. Hier konnte ich diejenigen Stunden und Augenblicke, die ich vorher nicht anzuwenden gewußt, überaus wohl zunutze machen. Ich will sagen, hier lernte ich auf ein langes, übel zugebrachtes Leben, das mit unzähligen Vorteilen beglückt gewesen, zurücksehen und erkennen, daß rechte Überlegungen keineswegs die geringste Glückseligkeit im menschlichen Leben ausmachen. Hier schrieb ich auch diese Nachrichten von meinem Leben und hatte nebst dem Vergnügen, mit gebührender Überlegung zurückzusehen, auch noch den Vorteil eines heftigen Anfalls von Zipperlein, welches das Gehirn reinigt, das Gedächtnis stärkt, den Verstand aufklärt und uns befähigt, nützliche Betrachtungen über unsere eigenen Handlungen anzustellen. Und wenn jemand, der meine Geschichte liest, eben dieselben rechten Betrachtungen zu machen beliebt, die ich billig selbst gleich zu Anfang hätte machen sollen, so wird er vielleicht noch größeren Nutzen aus der Geschichte meines Unglücks und meiner Widerwärtigkeiten ziehen als ich selbst es getan.

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