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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Den Sommer darauf mußten unsere beiden irländischen Regimenter ins Feld rücken, wo sie manchen Kampf mit den Deutschen zu bestehen hatten. Denn der Prinz Eugen, ein wachsamer Feldherr, ließ uns gar wenig Ruhe und gewann uns durch seine unaufhörlichen Bewegungen, mit denen er sowohl seine eigenen Leute wie auch uns schwächte, manchen Vorteil ab. Und wenn man den Franzosen ihr gebührendes Lob nicht vorenthalten will und mit angesehen hat, wie sie sich dabei betragen haben, so wird man gestehen müssen, daß sie die Deutschen nicht gemieden, sondern sich ihnen bei allen Gelegenheiten mit dem größten Mute entgegengestellt haben. Und ob es schon unzähligen wackeren Offizieren und Soldaten das Leben kostete, so bezahlte doch der Herzog von Vendôme, welcher jetzt kommandierte, obgleich König Philipp in diesem Feldzug selbst zugegen war, dem Prinzen von Savoyen mit gleicher Münze heim und trieb ihn von einem Posten zum andern, bis er sich entschloß, Italien ganz zu verlassen. Von dieser ganzen unvergleichlichen Armee, welche der Prinz Eugen nach Italien gebracht, dergleichen vortreffliche Truppen man kaum jemals dort gesehen, fanden viele Tausende ihr Grab in diesem Lande, bis das Glück Frankreich an andern Orten untreu wurde, und sie sich genötigt sahen dem Schicksal zu weichen, wie aus der Geschichte dieser Zeit zu ersehen ist.

Zu Anfang des Juli 1702 gab der Herzog von Vendôme Befehl, die ganze Armee zusammenzuziehen, um die Stadt Mantua, die von den Kaiserlichen eingeschlossen war, zu entsetzen. Der staats- und weltkluge Prinz hatte dabei auch viel Glück gehabt und unsere Armee das Jahr vorher bei allen Gelegenheiten sehr in die Enge getrieben. Allein in diesem Jahre schien es, als wollte ihm sein bisheriges gutes Glück den Rücken kehren. Und da dieser Prinz Mantua den ganzen Winter über gesperrt hatte, so war der Herzog entschlossen diesen Ort zu entsetzen. Der Prinz Eugen aber war keineswegs imstande, die Aufhebung der Blockade zu verhindern. Er besaß im ganzen Lande nicht einen Ort, der vierzehn Tage lang eine fortwährende Belagerung aushalten konnte, und dies war ihm nicht unbekannt. Daher waren wir verwundert, als der Herzog von Vendôme ihm eine Schlacht anbot, die ganze kaiserliche Armee in Schlachtordnung erscheinen und im Begriffe zu sehen uns anzugreifen. Der Herzog nahm sofort an, denn er hatte tags zuvor Nachricht erhalten, daß drei kaiserliche Regimenter Kavallerie am Tessin postiert worden waren.

Diese Regimenter anzugreifen wurde so geheim ausgeführt, daß sie sich ganz unversehens umringt sahen und in solcher Eile übereinanderstürzten, daß sie alle Ordnung verloren, viele getötet und noch mehr zu Kriegsgefangenen gemacht wurden, so daß die drei Regimenter gänzlich aufgerieben wurden.

Dadurch erlitt der Prinz Eugen keine geringe Schlappe, da diese Regimenter zu den auserlesensten Truppen seiner ganzen Armee gehört hatten. Wir bekamen über 400 Gefangene nebst all ihrer Bagage wie auch 800 Pferde, was eine ansehnliche Beute war. Und ohne Zweifel wurden diese Truppen in der Schlacht, welche darauf folgte, nicht wenig vermißt.

Wir nahmen alsbald eine so gute Aufstellung, daß der Prinz Eugen genötigt wurde, ganz andere Veranstaltungen zu treffen, wobei er auch noch den Nachteil hatte, daß unsere Armee der seinigen weit überlegen und besser postiert war. Wenn er noch einen halben Tag gewartet hätte, so würde er ein gut Teil besser daran gewesen sein. Allein der Hochmut des deutschen Feldherrn verließ sich auf die Vortrefflichkeit seiner Truppen mehr als klug war.

Nachdem der Feind ohne sonderlichen Vorteil mit Kanonen auf uns losgefeuert hatte, griff sein rechter Flügel, der von dem Prinzen von Commercy kommandiert wurde, unsern linken mit großer Heftigkeit an. Unsere Leute empfingen sie so nachdrücklich und begegneten einander so scharf, daß sie wenig ausrichten konnten. Und weil zu ihrem großen Unglück der Prinz Commercy bei dem ersten Angriff getötet wurde, so gerieten die Regimenter aus Mangel an gehöriger Führung und vor Schrecken über den Tod ihres Generals in Unordnung und eine ganze Brigade wurde gänzlich auseinandergesprengt. Allein die Bataillone schlossen und vereinigten sich wieder und gingen zum andern Male tapfer auf uns los. Und weil sie durch neue Truppen von der Hauptarmee verstärkt wurden, so bekamen unsere Leute wiederum ihr Teil und wurden bis zu einem Kanal zurückgetrieben. Bei diesem Angriff fiel der Marquis de Crequi, der unsern rechten Flügel befehligte. Dies war ein harter Verlust, der dem Tode des Prinzen de Commercy auf seiten der Deutschen völlig gleichkam. Nachdem die deutschen Truppen durch die Geschicklichkeit ihres Generals wieder vereinigt und durch drei kaiserliche Regimenter zu Fuß unterstützt worden waren, fielen sie uns aufs neue mit solcher Wut an, daß ihnen nichts widerstehen konnte. Hierbei wurden auch zwei Bataillone unseres irländischen Regimentes in Unordnung gebracht, und hier hatte ich auch selbst das Unglück, einen Musketenschuß zu bekommen, wodurch mir mein linker Arm gebrochen wurde. Jedoch war dies noch nicht alles: ich wurde von einem deutschen Soldaten, der ein Riese war, zu Boden geschlagen, und da er mich für tot hielt, setzte er seinen Fuß auf mich, wurde aber in diesem Augenblicke von einem unserer Leute erschossen, so daß er auf mich fiel. Das Gewicht dieses Kerls, das beinahe so viel wie ein Pferd ausmachte, preßte mich dermaßen zusammen, daß ich mich weder regen noch bewegen konnte. Unsere Leute wurden von dem Orte, wo ich lag, weiter zurückgeschlagen, und ich war also den Händen der Feinde überlassen, aber erst am nächsten Morgen wurde ich gefunden, als eine Kolonne mit Feldscherern ausgesandt wurde, um nach den Verwundeten zu sehen; ich war unter der Last des schweren Deutschen beinahe zerquetscht worden. Jedoch muß ich zu ihrem Lobe sagen, daß sie mich mit großer Freundlichkeit behandelten, und die Feldscherer renkten mir meinen Arm mit großer Geschicklichkeit wieder ein. Und nach vier bis fünf Tagen bekam ich auf meine Ehrenversicherung, nach Parma zu gehen, die Freiheit.

Beide Armeen fochten bis in die sinkende Nacht hinein, so daß man einander nicht mehr erkennen konnte und nicht wußte, wer Freund oder Feind war. Daher ließ das Feuern bald nach, und man kann mit gutem Recht sagen, nur die stockfinstere Nacht hat die Kämpfenden voneinander zu scheiden vermocht.

Soviel ist gewiß, daß in diesem Treffen mit der größten Hartnäckigkeit und Tapferkeit gefochten worden ist, und wenn der Tag ausgereicht hätte, so würden unfehlbar noch viele tausend Mann von beiden Seiten auf der Wahlstatt geblieben sein.

Beide Parteien wollten sich den Sieg zuschreiben, und beide suchten ihre erlittenen Verluste soviel als möglich voreinander zu verhehlen. Was die Deutschen einigermaßen dazu berechtigte sich den Sieg beizumessen, war, daß sie unsern linken Flügel gezwungen hatten, bis an den Kanal zurückzuweichen, und ihn bis an die Ufer des Po gedrängt hatten. Allein dieser Rückzug war für die Unsrigen sogar ein Vorteil. Sie feuerten von da in den dicksten Haufen der Feinde hinein und konnten auf keine Weise von ihrem Platze vertrieben werden.

Hingegen war der beste Grund, daß sich die französische Armee den Sieg zuschreiben konnte, daß sie zwei Tage nach diesem Treffen, Cuastaglia gleichsam angesichts der ganzen deutschen Armee stürmen und die Besatzung nötigen konnte sich zu ergeben. Da nun diese Besatzung über 1500 Mann betrug, so war dies ein großer Verlust für die Deutschen und dennoch machte der Prinz Eugen keine Miene diesen Ort zu entsetzen.

Mein Feldzug war nun zu Ende, und obgleich ich einen lahmen Arm davongetragen, so konnte ich doch noch weit mehr von Glück sagen als viele andere wackere Offiziere. Denn es wurden in diesem Treffen über 400 Offiziere von den Unsrigen verwundet oder getötet, darunter auch drei Generale.

Ich hatte wie bereits erwähnt wurde, Erlaubnis bekommen, nach Parma zu gehen, wo ich blieb, bis meine Wunde und mein gebrochener Arm geheilt waren, was ungefähr vierzehn Tage dauerte, worauf ich mich verpflichtet fühlte, mich bei dem kommandierenden General wieder zu melden. Ich wurde nebst verschiedenen anderen Kriegsgefangenen in das Mailändische gesandt, um bis zu unserer Auswechslung dort in Verwahrung behalten zu werden.

Hierbei fügte es sich, daß ich mich über acht Monate in der Stadt Trient aufhielt. Der Wirt, in dessen Haufe ich Quartier hatte, erwies mir die größte Höflichkeit und trug eifrig Sorge um mich, so daß ich recht behaglich lebte. Hier fing ich in aller Harmlosigkeit mit seiner Tochter einen unschuldigen Verkehr an, dessen Folgen ich mir vorher nie hätte träumen lassen. Ich weiß nicht, durch welches über mir schwebende Verhängnis ich mich hernach bestimmen ließ sie zu heiraten, aber es war dies von meiner Seite ein großer Beweis meiner Redlichkeit, denn ich muß gestehen, ich hatte mich niemals durch irgend etwas ihr gegenüber dazu verpflichtet gefühlt. Aber das Mädchen war zu listig für mich. Denn sie fand Mittel und Wege, mir ein wenig mehr Wein, als ich zu trinken gewohnt war, beizubringen, und obwohl es mir nicht gerade den Verstand verwirrte, daß ich nicht gewußt hätte, was ich tat, so machte es mich doch außerordentlich aufgeräumt, daß ich in die Heirat einwilligte. Durch diese Unklugheit zog ich mir viel Ärgernis und Verdrießlichkeit zu. Denn ich wußte nicht, was ich mit dieser Bürde, die ich mir selbst aufgeladen, anfangen sollte. Denn bei ihr bleiben konnte ich nicht, und sie mit mir nehmen konnte ich auch nicht.

Die Zeit rückte heran, daß ich auf freien Fuß gesetzt wurde und also verpflichtet war, mich bei meinem Regiment, das damals im Mailändischen stand, einzufinden. Darauf erhielt ich Urlaub nach Paris zu gehen, und zwar unter dem Versprechen, einige Rekruten für die irländischen Regimenter dort anzuwerben. Nachdem ich also Urlaub erhalten, ließ ich mir von der feindlichen Armee einen Paß nach Trient geben. Ich kam nun nach einem langen Umweg endlich wieder dahin zurück, packte meine Siebensachen zusammen und zog mit Weib und allem, was ich hatte, durch Tirol nach Bayern und von da weiter durch Schwaben und den Schwarzwald ins Elsaß, von da nach Lothringen und endlich nach Paris.

Ich hatte nun ein heimliches Verlangen, dem Soldatenstande Lebewohl zu sagen. Denn ich hatte das Schlagen und Kämpfen, das Fechten und Raufen, das Morden und Totschlagen recht satt. Allein es würde für etwas Schimpfliches angesehen worden sein abzudanken, während sich die Armee noch im Felde befand, und ich wußte nicht, wie ich mit Ehren davonkommen sollte. Es ereignete sich aber ein Zufall, der dazwischen kam und mir dies ganz leicht machte. Der Krieg zwischen Frankreich, England und Holland wurde jetzt wieder erneuert, wie er im Anfang gewesen, und da der König von Frankreich keine andere Absicht hatte, als den Engländern Abbruch zu tun, rüstete er ein starkes Geschwader zu Dünkirchen aus, an dessen Bord er ein Korps Truppen von ungefähr 6500 Mann einschiffte. Der neue König, wie wir ihn nannten, obwohl er allgemein nur Ritter St. Georg tituliert wurde, schiffte mit ihnen ein, und es ging nun geradewegs auf Schottland zu.

Ich wurde von dem Ritter sehr gut aufgenommen. Und da er erfahren, daß ich ein Offizier gewesen und in Italien gedient hätte, auch ein guter alter Soldat wäre, so brachte ihm dies eine noch bessere Meinung von mir bei, so daß er mir sehr viel Ehre erwies, obwohl ich damals weder seiner Person noch der Sache, die er führte, besonders ergeben war. Allein ich bekümmerte mich nicht viel darum, ob es eine gerechte oder ungerechte Sache war.

Es wird der Erzählung meiner Geschichte wenig zu statten kommen, ob ich von diesem fruchtlos verlaufenen Feldzuge berichte oder nicht. Nur das kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen, daß mir von der englischen Flotte, die der französischen Macht weit überlegen war, so scharf und hitzig verfolgt wurden, daß ich wohl sagen kann, ich bin ihren Händen entronnen und der Gefahr aufgeknüpft zu werden mit genauer Not entgangen.

Darauf nahm ich höflichen Abschied von dem Ritter und der ganzen Armee und machte mich in aller Eile nach Paris auf den Weg. Ich kam so unverhofft in Paris und in meiner Wohnung an, daß es mir in Anbetracht meiner Frau, mit der ich gar nicht recht zufrieden war, zu meinem Unglück gereichte. Denn ich fand, daß sie eine gewisse Gesellschaft zu ihrem Umgang gehabt hatte, die gerade nicht so beschaffen war, daß eine ehrliche Frau sich so gemein mit ihnen machen sollte. Und da ich aus eigener Erfahrung ihr Temperament kannte, so machte es mich sehr unruhig und eifersüchtig. Ich muß sogar gestehen, daß es mir sehr nahe ging, denn ich hatte viel Liebe und Achtung für sie gehegt, zumal ihre Aufführung, seit ich sie nach Frankreich gebracht hatte, überaus anständig gewesen war. Da sie aber etwas leichtsinnig veranlagt war, so war es ein schwierig Ding, sie in einer Stadt wie Paris, wo die Galanterie so zu Hause ist, von dergleichen Ausschweifungen abzuhalten.

Es kränkte mich auch ein klein wenig, wenn ich bedachte, daß ich auch noch das Unglück haben sollte, draußen und daheim ein Hahnrei zu sein. Ich geriet zuweilen in eine solche Wut darüber, daß ich kaum meiner selbst mächtig war, wenn ich daran dachte. Tag und Nacht überlegte ich, was ich ihr antun und wie ich mich gegen den Schurken aufführen sollte, der mich aus dem Sattel gehoben und meine Ehre befleckt hatte. In meinen Gedanken beging ich mehr als einmal Mord und Todschlag. Denn der Satan plagte mich Tag und Nacht mit seinen Eingebungen, meine Frau umzubringen.

Diesen abscheulichen Racheplan nährte dieser geschworene Feind des Menschengeschlechts durch Erweckung grimmiger Gedanken in mir und durch Entzündung meiner Wut, sobald nur das Wort Hahnrei fiel, so sehr, daß ich nicht einmal mehr mit mir zu Rate ging, sondern es für eine ausgemachte Sache hielt, daß ich sie ermorden müßte. Daher waren meine Gedanken nur darauf gerichtet, wie ich es mit guter Manier nur ausführen und mich hernach zu rechter Zeit unsichtbar machen könnte.

Indes ich hatte keinen genügenden Beweis, daß sie der Untreue schuldig war. Auch hatte ich es ihr noch nicht vorgehalten oder sie merken lassen, daß ich sie im Verdacht hatte, so daß sie aus meinem Verhalten oder meinem veränderten Benehmen hätte schließen können, daß mich etwas bekümmerte, und so empfing sie mich denn auch sehr liebenswürdig und zeigte sich überaus froh über meine Rückkehr. Ich fand auch nicht, daß sie während meiner Abwesenheit sehr verschwenderisch in ihren Ausgaben gewesen war. Aber da sie mit dem Gelde, das ich ihr zurückgelassen hatte, so wohl hausgehalten hatte, so faßte ich in meiner krankhaften Einbildung die Meinung, daß sie von andern erhalten worden und deshalb nicht nötig gehabt hätte viel auszugeben.

Ich muß gestehen, daß sie mit mir einen harten Strauß auszustehen hatte, trotzdem sie sich ehrlich verhalten hatte: denn da mir der Kopf einmal mit ihrer Treulosigkeit beschwert war, so würde ich gesagt haben, wenn sie verschwenderisch gewirtschaftet hätte, sie hätte es mit ihren Galanen vergeudet. Da sie sich aber der Sparsamkeit beflissen hatte, so sagte ich, sie sei von andern erhalten worden. An solcher krankhaften Einbildung litt ich schon, daß ich mich für beschimpft hielt, und nichts imstande war, mir dies bei Tag und bei Nacht aus dem Sinn zu bringen. Indes war nichts öffentlich zwischen uns erwähnt worden, allein ich war meiner so vollkommen sicher, daß es keines Beweises für mich bedurfte, und ich sah jeden, der sich ihr näherte oder mit ihr redete, mit schelen Augen an. Es wohnte ein Offizier der Gardes du Corps bei uns im Hause, der ein Marquis und ein sehr tugendhafter Kavalier war. Da begab es sich einmal, als ich in dem Zimmer saß, das an das meiner Frau stieß, daß dieser Edelmann in die Stube trat, was er als Hausgenosse ohne Verletzung des Anstandes tun konnte. Da er nicht wußte, daß ich nebenan war, setzte er sich neben meine Frau und redete mit ihr. Ich hörte alles, was sie sagten. Denn die Tür zwischen uns war offen. Ich kann nicht sagen, daß etwas anderes zwischen ihnen geredet wurde, als sonst üblich war, denn sie redeten von gleichgültigen allgemeinen Dingen und auch von einem Mädchen, einer Bürgerstochter von 19 Jahren, die sich eine Woche vorher mit einem Advokaten, der sehr reich, aber über 63 Jahre alt war, verheiratet hatte, desgleichen von einer reichen und vornehmen Witwe zu Paris, die ihres verstorbenen Ehemannes Kammerdiener geheiratet hatte, und von solchen allgemeinen Begebenheiten mehr, so daß ich diesmal nichts Verdächtiges herausfinden konnte.

Allein ich hatte den Kopf mit eifersüchtigen Gedanken voll und mein Blut kam in Wallung. Ich bildete mir ein, er nähme sich zuviel Freiheit gegen meine Frau heraus, und sie zeigte sich allzu vertraulich gegen ihn. Daher war ich etliche Male auf dem Sprunge, hineinzustürmen und ihnen beiden vor die Augen zu treten. Allein ich bezwang mich noch. Endlich machte er die etwas scherzende Bemerkung, daß das junge Mädchen ihre Jungfernschaft recht verschleudert hätte, indem sie selbige solch altem Manne schenkte. Auch dies war nichts Unziemliches, allein da ich bereits in Flammen stand, konnte ich es nicht länger mehr aushalten, fuhr auf und kam in die Stube hinein. Ich nahm meine Frau bei ihren eigenen Worten und sprach: Sagtet ihr dies, Madame, war er zu alt für sie? Wobei ich dem Offizier einen Blick zuwarf, der meines Trachtens nicht anders sein mochte, als das Gesicht an dem Hauszeichen »Ochs und Maul«, das über die Straße hinausging.

Der Marquis als ein Herr, der auf Ehre hielt und dabei Mut besaß, nahm es auf, wie ich es meinte, und folgte mir im Augenblicke auf die Straße nach. Darauf stand ich still und er trat zu mir heran und sagte: Mein Herr, unsere Verhältnisse sind recht unglücklich in Frankreich, wo wir uns, ohne uns der größten Gefahr auszusetzen, nicht selbst Recht verschaffen können, aber es mag daraus entstehen was da will, ihr müßt euch jetzt eures Betragens wegen gegen mich deutlicher erklären.

Meine Hitze hatte sich in diesem Augenblicke schon etwas gelegt und ich sah wohl ein, daß ich ihn beleidigt hatte, deshalb sagte ich ihm ganz frei heraus: Mein Herr, ihr seid ein Kavalier, den ich gar wohl kenne, und ich versichere euch, daß ich eine große Hochachtung für euch empfinde.

Allein die Aufführung meiner Frau hat mich beunruhigt, und ich glaube, ihr hättet an meiner Stelle nicht anders gehandelt.

Es tut mir leid, sprach er, daß zwischen euch und eurer Frau Mißhelligkeiten bestehen, allein das geht mich wenig an. Könnt ihr mich beschuldigen, daß ich mich irgendwie unehrerbietig gegen sie benommen habe, außer daß ich diese Worte – er wiederholte sie – zu ihr sagte, und da ich wußte, daß ihr im Nebenzimmer waret und jedes Wort hören konntet, da die Tür weit offen stand, so glaubte ich, eine unschuldige Redensart könne von niemandem schief ausgelegt werden.

Ich kann mir die Redensart nicht anders als unpassend auslegen, sprach ich, weil meines Erachtens dadurch eine nähere Vertraulichkeit angedeutet wurde, als ein ehrliebender Mann vertragen kann. Jedoch, mein Herr, ich redete doch nur mit meiner Frau und sagte nichts zu euch, sondern zog nur meinen Hut im Vorbeigehen vor euch ab.

Ja, sprach er, und mir einen Blick voller Wut zuwerfend! Sind in solchen Fällen Blicke etwa keine Worte?

Ich weiß hierauf nichts zu sagen, versetzte ich, denn ich kann mein eigenes Angesicht nicht sehen. Meine Wut aber, wie ihr es nennt, war gegen meine Frau und nicht gegen euch gerichtet.

Aber höret doch, mein Herr, sprach er, indem er hitziger wurde, je mehr ich anfing gelassener zu werden, euer Zorn gegen eure Frau rührte von dem Gespräch her, das ich mit ihr führte, und ich denke, das geht mich auch an, so daß ich es mir unmöglich gefallen lassen kann.

So denke ich nicht, mein Herr, sprach ich, ich würde mich auch nicht mit euch gezankt haben, wenn ich euch mit meiner Frau im Bette angetroffen hätte. Denn wenn euch meine Frau bei sich schlafen lassen will, so ist sie es, die mich beleidigt, was habt ihr damit zu tun? Ihr könntet nicht bei ihr schlafen, wenn sie nicht Lust dazu hätte. Da sie sich aber mit Absicht wie eine Hure aufführt, so muß ich sie strafen, mit euch aber will ich mich darüber nicht zanken. Ich würde dann bei eurer Frau schlafen, alsdann gleicht es sich wieder zwischen uns aus.

Ich sagte dies alles in der guten Absicht und in der Meinung ihn zu besänftigen. Es wollte aber nichts bei ihm verfangen, sondern er verlangte, daß ich ihm Genugtuung geben sollte.

Ich sagte ihm, ich wäre ein Fremder in diesem Lande und würde vom Gericht wenig Gnade zu erwarten haben. Es wäre meine Sache nicht, mich mit jemandem zu schlagen und mich an ihm zu rächen, weil er mit meiner Frau gesellschaftlich verkehrt, sondern die Beschimpfung wäre auf meiner Seite, weil ich es mit einer ungetreuen Frau zu tun hätte. Überdies hielte ich mich keineswegs für genötigt, selbst als der beleidigte Teil, wenn jemand den Weg in mein Ehebett gefunden hätte, gegen den, der mich verunehrt hat, mein Leben aufs Spiel zu setzen.

Es wollte aber bei diesem Marquis nichts helfen: ich hätte ihn beschimpft, so daß ihm auf keine andere Art als mit der Spitze des Degens Genüge geschehen könnte. Wir hätten aber müssen nach Lisle in Flandern gehen, um uns zu schlagen. Ich war nun Soldat genug, daß ich mich nicht scheute, mich einem im Kampfe gegenüberzustellen. Und da mich der Zorn gegen meine Frau beherzt machte, so ließ er ein Wort fallen, worüber mir alle Geduld verging, indem er von dem Mißtrauen sprach, das ich gegen sie hegte: wenn ich nicht recht gut unterrichtet darüber wäre, so sollte ich doch keinen so ungerechten Verdacht gegen meine Frau hegen. Ich sagte ihm darauf, wenn ich darüber genau unterrichtet wäre, so würde ich keinen Argwohn mehr haben. Er versetzte, wenn er der Glückliche wäre, der soviel Gunst von ihr genossen hätte, so wollte er Sorge tragen, meinen Argwohn zu zerstreuen. Ich gab ihm hierauf eine so grobe Antwort, wie er nur verlangen konnte, und er versetzte darauf auf französisch: Zu Lisle wollen wir weiter darüber reden.

Ich gab ihm zu erkennen, daß ich nicht einsähe, warum wir erst nach Lisle gehen müßten, um diesen Streit beizulegen, denn da ich nun wohl spürte, daß er der sei, den ich suchte, so wollten wir auf der Stelle die Sache berichtigen. Wer das Glück hätte, den andern über den Haufen zu stoßen, könne hernach immer noch nach Lisle entfliehen.

Also stritten wir miteinander und sagten uns recht derb die Wahrheit, jedoch auf eine artige Manier, bis wir von den Vorstädten zu Paris hinweg auf den Weg nach Charenton gelangten. Da wir niemand gewahr wurden, sagte ich zu ihm: Unter jenen Bäumen dort ist ein geeigneter Platz für uns! worauf wir hingingen und uns sogleich gegenüber aufstellten. Nach etlichen Finten tat er einen derben Stoß nach mir, stach mich in den Arm und brachte mir eine ziemlich lange große Wunde bei, erhielt aber zu gleicher Zeit die Spitze meines Degens in den Leib, daß er bald darauf zu Boden fiel. Er sagte noch einige Worte, ehe er zu Boden fiel. Erstlich sagte er, ich hätte ihn getötet, alsdann setzte er hinzu, er hätte mich auch wirklich beleidigt, und da er dessen gewiß war, hätte er mich auch nicht herausfordern sollen. Er hieß mich nur augenblicklich aus dem Staube zu machen. Ich tat es auch, aber nicht weiter als bis in die Stadt, weil uns nach meiner Meinung niemand zusammen gesehen hatte. Am Nachmittage, sechs Stunden nach dem Zweikampf, kamen Boten und brachten einer nach dem andern die Nachricht: der Marquis wäre tödlich verwundet und in Charenton in ein Haus gebracht worden. Die Nachricht, daß er nicht tot sei, erschreckte mich einigermaßen, weil ich nicht zweifelte, er würde in der Meinung, daß ich geflohen sei, gestehen, wer es gewesen sei. Dessenungeachtet ließ ich von meiner Bekümmernis nichts merken, sondern ging hinauf in meine Kammer und nahm aus einem Kästchen das Geld heraus, welches gerade soviel war, wie mir zu meiner Reise nötig schien.

Nachdem ich mich damit versorgt hatte, verschaffte ich mir auch ein Pferd für meinen Diener, denn ich war bereits mit einem sehr trefflichen versehen, ging noch einmal nach Hause, wo ich es aufs neue bestätigt hörte, daß der Marquis noch am Leben sei. Meine Frau wußte ihren Kummer um ihn so gut zu verbergen, daß sie mir keine Gelegenheit zu einer Bemerkung darüber gab. Sie sah offenbar aus meinem Benehmen die Zeichen der Wut und des Argwohns, und da sie merkte, daß ich Anstalten zur Abreise machte, sagte sie zu mir:

Will du aus der Stadt fortreisen?

Jawohl, liebe Frau, sagte ich, damit du in Ruhe deinen Marquis betrauern kannst, worüber sie stutzte und wirklich in einen grausamen Schrecken geriet, tausend Kreuze vor sich hin schlug, und nachdem sie die heilige Jungfrau mit allen Heiligen viele Male angerufen hatte, brach sie endlich in diese Worte aus:

Ist es also wahr, du bist der Mann, der den Marquis erstochen hat? Nun ist es um dich und mich geschehen.

Du magst durch den Tod des Marquis zwar einen großen Verlust erleiden, versetzte ich, ich aber will meinerseits Sorge tragen, so wenig Verlust und Einbuße wie nur möglich durch dich zu erleiden. Genug, daß der Marquis so ehrlich gewesen ist, deine Schuld einzugestehen, also sind wir beide geschiedene Leute. Sie wollte sich mir in die Arme werfen und beteuerte ihre Unschuld aufs höchste und versicherte mir, sie wollte mit mir fliehen und mich mit solchen Beweisen von ihrer Treue überzeugen, daß ich zufrieden sein könnte. Allein ich stieß sie mit Gewalt von mir und sagte: Geh, pack dich fort! du Ehrlose! Überhebe mich der Mühe, damit ich mich nicht, wenn ich länger verweile, genötigt sehe, dich dahin zu senden, wo du deinem geliebten Marquis Gesellschaft leisten kannst. Ich stieß sie mit solcher Kraft fort, daß sie rückwärts auf die Erde fiel und jämmerlich zu schreien anfing, wozu sie denn auch wohl große Ursache hatte, da sie gewiß rechten Schaden genommen hatte.

Es tat mir selbst weh, daß ich sie mit solcher Gewalt hingestoßen hatte. Allein man muß mich nun als einen Mann ansehen, der nicht mehr ganz bei Sinnen war sondern überaus wütend und grimmig. Ich hob sie wieder vom Boden auf und legte sie aufs, Bett, rief ihre Magd herauf und befahl ihr, für sie zu sorgen. Kurz darauf ging ich zur Tür hinaus, setzte mich zu Pferde und ritt, so schnell als ich konnte, davon, aber nicht nach Calais oder Dünkirchen, noch nach Flandern, weil man sicherlich annehmen würde, daß ich meine Flucht dahin genommen hätte, sondern nahm den geraden Weg nach Lothringen, und da ich die ganze Nacht sehr schnell zuritt, so erreichte ich am nächsten Abend Chalons und langte am dritten Tag glücklich in des Herzogs von Lothringen Herrschaft an, wo ich einen Tag Rast machte, um mir zu überlegen, wohin ich mich wenden sollte, denn es war überall sehr beschwerlich fortzukommen. Ich bekam aber zu Bar-le-Duc von einem Priester guten Rat, der von selber mutmaßte, obwohl ich ihm meine näheren Umstände nicht erzählte, worin die Sache bestünde, zumal es, wie er sagte, etwas ganz Gewöhnliches wäre, daß Kavaliere, die sich in meiner Lage befänden, diesen Weg zu ihrer Flucht erwählten. Auf diese Mutmaßung hin verschaffte mir der gütige Pater einen Kirchenpaß, das heißt, er machte mich zum Speisemeister der Abtei und verschaffte mir als solchem einen freien Weg nach Zweibrücken, welches dem Könige von Schweden gehörte. Durch des Priesters Empfehlungsschreiben an einen Geistlichen in jenem Orte erlangte ich in des Königs von Schweden Namen einen Paß von da nach Köln, und dann war ich völlig sicher. Also nahm ich meinen Weg ohne alle Schwierigkeiten nach den Niederlanden und kam nach dem Haag, von da gelangte ich, wenn auch sehr geheim und unter allerhand Namen nach England. Und hiermit war ich meine italienische Frau, Hure wäre besser gesagt, los. Denn nachdem ich sie selbst dazu gemacht hatte, wie konnte ich wohl weiter anderes von ihr erwarten?

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