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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Das erste gute, das er mir nach erteilter Freiheit erwies, war, daß er mich der Fruchtbarkeit und Güte des Landes versicherte, sowie daß mir ein gutes Landstück zugeteilt wurde, wo ich mich selbst anpflanzen könnte.

Allein dieses ordnete er nach seinem eigenen Willen an und kaufte, wie ich später erfuhr, 300 Acker Land für mich an einem günstiger gelegenen Orte, als mir sonst eingeräumt worden wäre. Dies konnte er vermöge seines Ansehens tun, in dem er bei den Machthabern stand. So wurde mir ein großes Stück Land, nicht weit von seiner eigenen Plantage, abgesteckt und angewiesen. Als ich ihm meine Erkenntlichkeit hierüber beweisen wollte, sagte er, daß ich hierzu keine Ursache hätte, denn er täte dies, damit ich nicht genötigt wäre, wegen der Verrichtung meiner eigenen Geschäfte die seinigen zu versäumen, und daher wolle er mir das Geld nicht anrechnen, das er bezahlt hätte, und das eben keine sehr große Summe wäre. Wenn ich mich recht entsinne, waren es ungefähr 40 oder 50 Pfund Sterling.

Also gab er mir auf eine sehr großmütige Weise nicht nur meine Freiheit wieder, sondern schoß mir dieses Geld auch freiwillig vor, setzte mich selbst in eine Plantage ein und gab mir jährlich noch 30 Pfund Sterling Lohn dazu, damit ich zugleich nach seiner eigenen Plantage sehen sollte.

Allein, Oberst Hannes, sprach er, es ist nicht genug, daß ich euch diese Plantage gebe, wenn ich euch nicht dabei unter die Arme greife, damit ihr sie erhalten und hochbringen könnt, so würdet ihr wenig Nutzen davon haben. Deswegen will ich euch für alles, was ihr für eure Einrichtung braucht und was da erforderlich sein wird, wie Pferde, Kühe und Schweine, Knechte und Gesinde, wie auch zu Anfang einige Sklaven, Kredit geben, auch damit ihr Baumaterialien kaufen könnt, um Häuser und die übrigen zur Plantage nötigen Gebäude aufzuführen. Wenn dann eure Geldsendung aus London ankommt, will ich sehen, wie ich mir das ausgelegte Geld davon wieder abrechne.

Dies war nun sehr gütig und zuvorkommend von ihm, zumal er mir zwei von seinen Leuten, die Zimmerleute waren, sandte. An Bauholz, Brettern und Planken war in einem Lande, das fast nur aus Wald bestand, kein Mangel. Die Zimmerleute führten mir in einigen Wochen ein hübsches Holzhäuschen auf, worin ich drei Stuben und eine Küche hatte, ein Nebengebäude und zwei große Schuppen, die ein wenig vom Hause entfernt lagen, als meine Lagerhäuser, desgleichen nicht weit davon Ställe. So hatte ich mich denn in der Welt an einem bestimmten Orte niedergelassen und festgesetzt und war nach und nach von einem Beutelschneider zu einem nach Virginien verkauften Sklaven, von einem Sklaven zu einem Oberaufseher der Sklaven und von einem Oberaufseher zum Eigentümer einer ansehnlichen Plantage aufgerückt.

Ich hatte, wie gesagt, ein Haus, einen Stall, zwei Lagerhäuser und 300 Acker Land. Allein »bloße Mauern machen schwindlige Hausmütter« sagt man, und ohne Kredit hätte ich nämlich weder Axt noch Hacke gehabt, um die Bäume zu fällen, weder Pferd noch Schwein, weder großes noch kleines Vieh, das ich hätte auf die Weide treiben können, nicht einmal einen Spaten oder ein Grabscheit, um den Boden umzugraben, ich hatte nur einzig und allein meine eigenen beiden Hände, um ans Werk zu gehen.

Aus der Gelegentlichkeit ist nun eine Gewohnheit geworden, daß man den derartigen Anfängern durch Werkzeuge, Eisenwaren und Kleider, kurz alles, was man zum Anfang nötig hat, hilft, dafür machen sich die Personen, die den Kredit geben, von dem Tabak, der gepflanzt und gebaut wird, bezahlt, und der Schuldner kann den Gläubiger nicht um die Bezahlung betrügen. Und gleichwie der Tabak sowohl ihr Geld wie auch die Hauptfrucht des Landes ist, so wird auch alles für eine gewisse Menge Tabak, wobei ein fester Preis angenommen wird, gekauft.

Also hat der vermögenslose Pflanzer zu seinem Anfang Kredit und geht daher alsbald eifrig ans Werk, um das Land fruchtbar zu machen und Tabak zu pflanzen. Von diesem armseligen Anfang an haben es einige Pflanzer sowohl in Virginien wie in Maryland sehr weit gebracht. Und wer anfangs kaum einen Hut aufzusetzen und Schuhe anzuziehen hatte, brachte es zu einem Vermögen von mehr als 50000 Pfund Sterling. Und sicherlich ist es keinem fleißigen Menschen, der gesund war, der arbeitete und sparsam haushielt, schlecht gegangen. Denn da er alle Jahre mehr Land hinzunehmen und bebauen, und so mehr Tabak pflanzen kann, der so gut wie bares Geld ist, so muß er notwendig nach und nach an Vermögen zunehmen, bis er endlich so viel vor sich gebracht hat, daß er schwarze Sklaven nebst andern Knechten kaufen kann und dann nicht länger mehr selbst zu arbeiten braucht.

Es war für mich ein großer Vorteil, daß ich einen so wohlgesinnten Herrn hatte, der mir in jeder Notlage beistand. Denn in dem allerersten Jahre hatte ich einen schweren Schicksalsschlag zu überwinden. Wie schon erwähnt, hatte ich die beglaubigte Abschrift meines Wechsels nach London gesandt, wo mir mein gütiger Freund, der Zollbeamte, das Geld auch auszahlte. Der Kaufmann in London hatte auf Anraten meines Herrn das Geld in eine Schiffsladung gesteckt, wo es so gut angelegt war, daß es auf einmal einen reichen Mann aus mir gemacht hätte. Allein zu meinem unaussprechlichen Schrecken und Jammer ging das Schiff unter. Es wurden zwar einige von den Gütern gerettet, allein sie waren so verdorben, daß nichts als Nägel, Werkzeug und Eisenteile mehr zu gebrauchen waren. Und obschon der Wert davon sich noch ziemlich hoch belief, so war mein Verlust doch weit größer, und zwar schon deswegen, weil er mir als ein unersetzlicher und folgenschwerer erschien.

Ich war über die Nachricht dieses Verlustes recht betroffen, weil ich wußte, daß ich nun meinem Herrn so viel schuldete, daß ich es ihm auch in vielen Jahren nicht wiedererstatten konnte. Da er mir diese unangenehme Botschaft selbst brachte, wurde er bald meine Verwirrung, in der ich mich befand, gewahr, allein er redete mich freundlich an: Seid getrost und nicht so niedergeschlagen, sprach er, ihr könnt diesen Verlust schon verwinden.

Gestrenger Herr, sprach ich, es war alles, was ich hatte, und ich werde nun niemals aus meiner Schuld herauskommen.

Nun gut, sprach er, ihr habt ja keinen Gläubiger sonst außer mir, und ich erinnere mich, daß ich einmal zu euch gesagt habe, ich wollte einen Mann aus euch machen, nun ich will euch dieses Unglücks wegen nicht um eure Hoffnung betrügen.

Ich dankte ihm und tat es mit mehr Ehrerbietung als je, weil ich mich jetzt mehr denn je in der Klemme befand. Allein er hielt sein Wort redlich und ließ mich auch nicht im geringsten Mangel leiden.

Nun ging es mit mir sichtlich vorwärts. Ich hatte eine große Strecke Land urbar gemacht, das heißt vom Holze gesäubert, und durfte auf eine gute Tabakernte hoffen. Ich bekam auch drei Knechte dazu und einen Schwarzen, so daß ich also fünf weiße Knechte und zwei Schwarze hatte, mit deren Hilfe meine Arbeit wohl fortschritt. Im ersten Jahre nahm ich zwar mein Gehalt, das aus 30 Pfund Sterling bestand, an, weil ich dessen sehr benötigte. Das zweite und dritte Jahr aber entschloß ich mich, gar nichts anzunehmen, sondern das Geld in der Hand meines Wohltäters zu lassen und die Schulden hiermit abzutragen.

Nun muß ich den geneigten Leser um die Erlaubnis einer kleinen Abschweifung ersuchen. Obwohl ich mich keines einzigen Vorteils einer guten Erziehung zu rühmen hatte, so spürte ich nunmehr doch, als ich zu empfinden anfing, daß ich in der Welt lebte und zu einem freien unabhängigen Zustand gelangt war, und überdies die Hoffnung vor Augen hatte, mit der Zeit es zu etwas Ansehnlichem zu bringen, daß sich ganz andere Ansichten in meinem Gemüte bildeten. Es war mir eine unaussprechliche Freude, daß ich nunmehr hoffen konnte, nicht nur als gemachter Mann, sondern auch als ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch in der Welt zu leben. Und es verursachte mir ein großes Behagen, mich von der Knechtschaft eines Landstreichers, Diebes und Übeltäters, der ich von Kindheit an gewesen war, befreit und von der Leibeigenschaft eines nach Virginien verkauften elenden Sklaven erlöst zu sehen.

Indem ich weiter blickte und betrachtete, wie sich alles mit mir geändert hatte, und daß ich von dem Ertrage meiner eigenen Arbeit leben konnte und nicht mehr genötigt war einen Spitzbuben abzugeben, der sein Brot mit Gefahr seines Lebens und zum Verderben anderer ehrlicher Leute gewinnt, so hatte dieses etwas ganz ungemein Angenehmes und Erfreuliches in sich, ja es verursachte mir ein solches Vergnügen, wie es mir bisher ganz unbekannt gewesen war.

Ich hatte einen solchen Abscheu vor dem ruchlosen Leben, das ich bisher geführt hatte, daß ich heimlich froh war und geradezu ein Vergnügen darüber empfand, daß das Unglück mit dem Schiffbruch mich betroffen hatte. Denn obwohl ich es nicht anders als einen Verlust betrachten konnte, so dachte ich doch wenig darüber nach, daß dieses verloren gegangene Gut ein unrecht erworbenes war und das Sprichwort sich auch hier erfüllt hatte: Wie gewonnen, so zerronnen. Denn ich sah das Geld wie ein fremdes Gut an, das mir nicht zukam und das wie Feuer in meinem Flachs gewesen wäre, wenn ich es mit meinem jetzigen Vermögen vermischt hätte, das ich mit Ehren erlangt hatte und das mir gleichsam vom Himmel gesandt war, um den Grund zu meinem Glücke zu legen, bei dem das andere nur eine Motte gewesen wäre, die es verzehrt hätte.

Da ich nun in Schottland Lesen und Schreiben gelernt hatte, kam es mir jetzt gut zustatten, daß ich es nur aufzufrischen brauchte, und fing nun an die Bücher liebzugewinnen.

Insbesondere hatte ich Gelegenheit einige sehr nutzbringende Bücher zu lesen. Zum Beispiel des Livius Römische Geschichte, die Geschichte der Türkei, die Geschichte von England, die Beschreibung der Niederländischen Kriege, das Leben Gustav Adolfs, des Königs von Schweden, die Geschichte der von Spanien eroberten Provinz und der Stadt Mexiko, nebst verschiedenen andern, von denen ich einige aus dem Nachlaß eines Pflanzers, der gestorben war und dessen Güter veräußert wurden, kaufte. Andere borgte ich mir.

Indes spielte mir ein gütiges Schicksal, das noch etwas Besseres für mich aufgehoben hatte, eine Gelegenheit in die Hände, um mich weiterbilden zu können. Es kam ein rechter Bursche bei mir an, der von Bristol nach Virginien verschickt worden war, da er sein Leben verwirkt hatte. Dieser wurde mein Leibeigener. Er gestand mir aufrichtig ein, ein liederliches Leben geführt zu haben, daß ihn Mangel und Not ein wenig zu sehr gedrückt, daß er sich aufs Rauben und Plündern gelegt und gemeint hätte, ein Straßenritter wäre besser daran als ein armer Ritter.

Aber statt bei einer schlimmeren Gelegenheit war er bei einer geringfügigen Spitzbüberei ertappt, verurteilt und nach Virginien geschickt worden, wobei er froh gewesen, daß er so glimpflich davongekommen. Er war ein außerordentlich gelehrter Mensch. Und da ich dies merkte, fragte ich ihn um Rat, wie ich die lateinische Sprache erlernen könnte.

Er lächelte ein wenig und sagte: Ich würde sie euch in drei Monaten lehren, wenn ihr mir die Bücher dazu verschaffet, oder ohne Bücher, wenn wir nur Zeit genug darauf verwenden dürften. Ich sagte ihm, daß mir schiene, ein Buch würde seinen Händen besser anstehen als die Hacke, und wenn er es nur so weit mit mir bringen könnte, daß ich lateinisch lesen und andere Sprachen dadurch verstehen lernte, so wollte ich ihn gern von der Arbeit erlösen, mit welcher ich ihn jetzt beschweren müßte.

Mit diesen Gedanken ging ich freudig an meine Arbeit. Da ich nun fünf Knechte hatte, ging meine Pflanzung, wenn auch langsam, doch recht glücklich vorwärts und nahm von Tag zu Tag Zu. Das dritte Jahr aber kaufte ich mit Hilfe meines alten Wohltäters noch zwei Schwarze, so daß ich nun im ganzen sieben Knechte hatte, und da mein Land ziemlich fruchtbar und ergiebig war, so machte mir ihre Erhaltung keine große Schwierigkeit.

Und da ich für meine Person nicht viel auszugeben brauchte sondern auf meines früheren Herrn Unkosten versorgt wurde und überdies noch jährlich 30 Pfund Sterling bekam, so konnte ich all meinen Gewinst zurücklegen und das Kapital von Tag zu Tag dadurch vermehren.

So lebte ich zwölf Jahre lang überaus glücklich auf meiner Plantage. Ich hatte durch meinen Herrn, mit dem ich nunmehr freundschaftlich verkehrte, einen Abnehmer in London bekommen, mit dem ich Handel trieb. Ich verschiffte meinen Tabak an ihn und erhielt europäische Waren dafür, die ich teils zur Fortführung meiner Pflanzung brauchte, teils auch wieder an andere verkaufte.

Während dieser meiner in- und auswärtigen Tätigkeit ging mein guter Freund und Wohltäter den Weg alles Irdischen und ließ mich in Ansehung des durch seinen Tod erlittenen unschätzbaren Verlusts höchst traurig zurück. Er war mir wie ein Vater gewesen, und ich war nun eine verlassene Waise ohne ihn, daher fremd und ungewandt. Zwar war mir das Land und der Handel gut genug bekannt, da ich sein ganzes Geschäft lange Zeit geführt hatte, jedoch fehlte mir mein bester Ratgeber und meine höchste Instanz, zu welcher ich in allen Fällen meine Zuflucht zu nehmen brauchte. Allein hiergegen gab es kein Mittel. Indes war ich doch auch jetzt imstande für mich selbst weiterzukommen. Ich hatte eine sehr ausgedehnte Pflanzung und beinahe 70 Schwarze und andere Knechte. Ja ich war nun, wenn ich bedachte, daß ich doch mit leeren Händen angefangen hatte, wirklich reich geworden. Denn obschon ich kein Kapital zu meinem Anfang besessen, so hatte ich doch eines solchen Mannes Freundschaft und Beistand, was viel mehr wert war. Und wenn ich auch 500 Pfund Sterling gehabt hätte, so würde ich es doch nicht soweit damit gebracht haben, wenn mir mein Ratgeber und mein Rückhalt gefehlt hätte.

Nun war ich nicht blos ein Pflanzer sondern auch ein dem Lernen ergebener Freund der Wissenschaften. Mein Lehrmeister, den ich schon erwähnte, war ein überaus hingebender und tüchtiger Mensch. Er ließ mich eine Sache nicht blos oberflächlich sondern mit Verstand und Nutzen lernen, er besah nicht nur gebührenden Eifer und Treue, desgleichen eine unvergleichliche Klugheit und Bescheidenheit, sondern auch was man mit einem Worte Takt nennt, bei seiner Unterweisung. Denn ich habe seit der Zeit an vielen Beispielen gesehen, daß sich nicht jeder große Gelehrte zum tüchtigen Lehrer eignet, und daß die Kunst, andern eine Sprache gründlich zu lehren, von der Kunst, sie selbst gründlich zu verstehen, sehr weit verschieden ist.

Ich nahm mir einmal die Freiheit ihn zu fragen, wie es gekommen sei, daß er als ein Mensch, der allem Anschein nach eine sehr gute Erziehung und die vortrefflichsten Anlagen, sein Glück in der Welt zu machen, gehabt haben müsse, in solche elenden Umstände geraten sei, in denen er sich befunden, als er herübergekommen sei. Ich war aber so vorsichtig, daß ich ihm sagte, ich wollte ihn hiermit keineswegs ausforschen, um etwas von ihm zu erfahren, was er lieber geheim halten wolle. Ja, falls er Bedenken hege, sich darüber mit mir in ein Gespräch einzulassen, so wollte ich es gern entschuldigen und es nicht weiter übelnehmen. Denn gegen Leute, die so viel durchgemacht haben, soll man sich jederzeit vorsichtig und rücksichtsvoll benehmen und nicht von ihnen verlangen, etwas von sich selbst zu erzählen, was ihnen schmerzlich ist, oder was sie lieber verborgen halten wollen.

Er gestand mir aufrichtig, daß die Betrachtung seines Lebens freilich nichts anderes mit sich bringen könne als den Schmerz wieder aufzuwühlen. Daher tat ich denn keine weitere Frage mehr sondern sagte ihm, es täte mir leid, daß ich ihn durch meine Neugierde beunruhigt hätte.

Er unterrichtete mich auch in der Weltgeschichte, und wenn es uns an Büchern fehlte, oder diese nicht ausreichten, so wußte er Sachen hinzuzufügen, die die neuesten Geschichtschreiber mit Stillschweigen übergangen oder wenigstens nicht richtig dargestellt hatten. Hierdurch weckte er einen unlöschlichen Durst in mir nach den Dingen, die in andern Weltteilen vorgingen. Und zwar um so mehr, weil damals der größte Teil der Welt mehr oder weniger in den schweren Krieg verwickelt war, in welchem der König von Frankreich allein fast allen europäischen Mächten die Spitze zu bieten versuchte.

Ich kam mir vor als ein Mensch, der in dem entlegensten Teile der Welt vergraben war, und von dem, was geschehen war, das wenigste zu hören bekam, und dies auch nicht eher als vielleicht nach Ablauf eines halben oder gar eines ganzen Jahres, wenn es an andern Orten schon wieder vergessen war. Mit einem Wort, der alte Gedanke tauchte wieder bei mir auf, daß auch dies noch nicht das Leben eines Edelmannes sein könnte.

So viel war wohl gewiß, daß es demselben viel näher kam als der Beruf eines Beutelschneiders und auch noch näher als der verächtliche Stand eines Sklaven. Allein dies schien mir trotzdem nicht genug zu sein und ich konnte keine Befriedigung darin finden. Ich hatte nun noch eine Plantage dazu, die auch sehr ausgedehnt war und glücklich vorwärts ging. Ich hatte bereits über 100 Knechte aller Art und einen guten Verwalter, auf den ich mich verlassen konnte. Außerdem besaß ich noch eine dritte Plantage, die ich erst neu angelegt hatte, und die sozusagen noch als unreife Frucht anzusehen war. Überdies fand sich auch nichts, was mich hätte abhalten können hinzugehen, wohin es mir beliebte. Ich fing demnach an meine Gedanken auf eine Reise nach England zu richten. Ich hatte den Entschluß gefaßt, mich alsdann in die Umstände zu schicken, wie sie mir das Glück an die Hand geben würde. Jedoch mit der Absicht, mich wenn möglich besser in der Welt umzusehen, um das, wovon bisher die Bücher meinem Geiste nur entfernte Bilder eingeprägt hatten, mit Augen zu betrachten und zu meinem wirklichen Nutzen anzuwenden. Demnach suchte ich die Einrichtung meiner dritten Plantage nach Möglichkeit zu beschleunigen, um sie so instand zu setzen, daß ich sie entweder einem Pächter oder einem guten Aufseher anvertrauen konnte.

Hätte ich sie einem Aufseher oder Verwalter übergeben wollen, so würde sich niemand besser dafür geeignet haben als mein Hofmeister. Ich konnte mich aber nicht entschließen, mich von dem zu trennen, der die Begierde zu reisen in mir erweckt hatte, und gedachte ihn zu meinem Reisegefährten zu erwählen.

Es gingen drei Jahre darauf hin, ehe ich meine Angelegenheiten so weit geordnet hatte, daß ich das Land verlassen konnte. Inzwischen befreite ich meinen Hofmeister von der Knechtschaft und würde ihm seine völlige Freiheit erteilt haben, wenn ich nicht zu meinem größten Mißvergnügen gefunden hätte, daß ich ihn nach den Umständen seiner Transportierung, die eingetragen waren, unmöglich bevollmächtigen konnte, ehe seine Zeit abgelaufen war, nach England zu gehen. Also machte ich ihn zu einem von meinen Aufsehern und setzte ihn dadurch instand, auf solche Weise zu leben und ebenso nach und nach zu steigen, wie mich mein Wohltäter erhöht hatte. Nur daß ich ihm soviel Beistand nicht leisten konnte, als ich gehabt hatte, selbst eine Pflanzung für sich anzufangen. Allein er brachte es durch Fleiß und seine Bemühungen auch ohne meinen Beistand weiter, als ich ihn durch die Stellung als mein Aufseher zu bringen versucht hatte, welches ihm vorläufig als Erleichterung und Befreiung von der harten Arbeit und Kost diente, die er als Knecht auszustehen gehabt.

Er führte sich in diesem Dienst so treu und fleißig auf, daß er sich dadurch im ganzen Lande beliebt machte. Und als ich zurückkam, fand ich ihn in ganz andern Verhältnissen wieder, als ich ihn verlassen hatte. Er war noch an zwanzig Jahre mein oberster Verwalter, wie ich noch an anderer Stelle erzählen werde.

Ich fing nun an die nötigen Anstalten zu meiner Reise nach England zu machen, nachdem ich meine Plantagen solchen Händen anvertraut hatte, mit denen ich, wie ich hoffte, vollkommen zufrieden sein konnte. Meine erste Sorge war, mich mit einem solchen Vorrat an Waren und Geld zu versehen, als mir zu einem Leben im Auslande nötig sein würde, um insbesondere mich aber instandzusehen, große Posten von Waren, die meinen Plantagen von Nutzen sein konnten, einzukaufen. Als ich es mir aber genauer überlegte, fand ich es nicht für geraten, meine ganze Ladung auf dem Schiffe unterzubringen, auf dem ich selbst fuhr. Daher schickte ich zu verschiedenen Malen und auf verschiedenen Schiffen 500 Fässer Tabak nach England, und gab meinem Geschäftsfreunde in England Nachricht, daß ich zu der und der Zeit an Bord gehen und selbst hinüberkommen wollte, wobei ich ihm den Auftrag gab, für meine Ladung mit einer ansehnlichen Summe gutzustehen.

Ungefähr zwei Monate darauf verließ ich das Land und begab mich auf ein festes Schiff, welches 24 Stück schweres Geschütz und über 600 Fässer Tabak mit sich führte, um nach England zu gehen. Wir hatten die ersten vierzehn Tage, trotzdem eine Jahreszeit war, in der gutes Wetter zu sein pflegte, eine sehr schwierige und rauhe Reise.

Nachdem wir ungefähr elf Tage auf See gewesen waren, in welcher Zeit der Wind meistens stark aus Westen oder zwischen Westen und Nordwesten geblasen hatte und wir dadurch von der gewöhnlichen Fahrtrichtung nach England eine ganze Strecke nach Osten abgetrieben worden waren, befiel uns ein gewaltiger Sturm, der fünf Tage anhielt und die ganze Zeit über entsetzlich tobte, so daß wir uns genötigt sahen, vor dem Winde – wie die Seeleute sagen – zu laufen und abzuwarten, wohin uns der Zufall treiben würde. Durch diesen Sturm wurde unser Schiff heftig beschädigt, daß es an verschiedenen Stellen leck wurde oder Löcher bekam, die aber durch den unverdrossenen Fleiß der Seeleute zu rechter Zeit wieder verstopft wurden. Trotzdem sah sich der Kapitän, nachdem er Wind und Wetter so lange wie möglich äußersten Widerstand entgegengesetzt hatte, da die See sehr hoch ging, endlich gezwungen den Entschluß zu fassen, seinen Kurs nach den Bermudas zu richten. Wir waren aber schon so weit gefahren, daß wir diese Inseln nicht mehr erreichen konnten. Hierauf legten mir mit nordwestlichem Winde einen guten Weg zurück, daß wir nach vierzehn Tagen das Kap Teneriffa, der ein ungeheurer Berg auf einer der Kanarischen Inseln ist, erreichten. Hier erquickten wir uns ein wenig, versahen uns mit frischem Wasser und anderem Proviant, desgleichen mit vortrefflichem Wein, fanden aber keinen Hafen, in den wir einlaufen und unser Schiff, das nach dem ausgestandenen schlechten Wetter leck war, ausbessern konnten. Also mußten wir es machen so gut es ging und wieder in die See stechen, nachdem wir vor den Kanarischen Inseln nur vier Tage vor Anker gelegen hatten.

Von den Kanarischen Inseln an hatten wir wieder erträgliches Wetter und ruhige See, bis wir in die Mündung des Britischen Kanals gelangten. Als ich nach London kam, wurde ich von meinem Freunde, an den ich meine Waren überwiesen hatte, sehr freundlich aufgenommen und sah, daß ich mich in sehr günstigen Verhältnissen befand. Denn es waren alle meine Güter, die ich, wie bereits erwähnt, auf verschiedenen Schiffen an ihn gesandt hatte, glücklich in seine Hände gelangt.

Ich hatte nun für nichts weiter zu sorgen, als mich vor allen, die mich früher gekannt hatten, gänzlich verborgen zu halten, was aber keine allzu große Schwierigkeiten erforderte. Denn ich war jedem, der mich gekannt hatte, aus dem Gedächtnis entfallen. Ich konnte mich selbst auf sie kaum mehr besinnen. Mein Hauptmann, der mit mir von London fortgegangen war und mich mit nach Schottland geschleppt hatte, war, wie ich auf mein Nachfragen erfuhr, überall in der Welt herumgestreift, hernach aber wieder nach London gekommen und hatte sein altes Handwerk weiter getrieben, bis er ein richtiger Straßenräuber geworden und sein Ende am Galgen gefunden hatte. Mein anderer Bruder Hannes, der sich Major nannte, war dem gleichen Handwerk weiter nachgegangen und hatte, obgleich er unzählige Räubereien verübt hatte, doch jederzeit so viel Geschicklichkeit dabei bewiesen, daß er den Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen wußte, bis er endlich in Newgate festgemacht und mit Fesseln und Banden beladen wurde. Er war aber ein so geschickter Kumpan, daß kein Kerker, keine Fesseln und Banden stark genug waren ihn halten zu können. Daher hatte er auch hier nebst zwei andern Spießgesellen Mittel gefunden, die Fesseln abzustreifen und sich einen Weg durch die Mauer des Gefängnisses hinaus zu bahnen und sich in der Nacht an der Außenseite herunterzulassen. Somit waren sie entwischt und hatten Gelegenheit gefunden, nach Frankreich zu gehen, wo er dasselbe Handwerk fortsetzte, und zwar mit so viel Glück, daß er unter dem Namen Antoni ein recht berühmter Straßenräuber wurde und die Ehre hatte, mit drei andern Kameraden, denen er die englische Manier, großmütig zu plündern – wie sie es nannten – das heißt ohne die Beraubten zu ermorden, zu verwunden oder übel zu behandeln, gelehrt hatte, zu Greve, das ist der Richtplatz zu Paris, aufs Rad geflochten zu werden.

Alles dieses erfuhr ich von einigen ihrer Kameraden, die das Glück gehabt hatten, dergleichen Strafe durch die Flucht zu entkommen, die mir dies alles mitteilten, ohne daß sie nur im geringsten ahnen konnten, wer ich sei, oder aus welchen Ursachen ich so genau danach fragte.

Was mich betraf, so sah ich mich nun sozusagen auf dem Gipfel des Glücks. Zum mindesten befand ich mich in überaus vorteilhaften Verhältnissen. Und da ich mich von Anfang an einer sparsamen Lebensart beflissen hatte, so hielt ich mein Vermögen immer zusammen, ohne deswegen Not zu leiden oder zu darben, und so stand ich denn in dem Rufe eines reichen Kaufmanns, der aus Virginien herübergekommen war.

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