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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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So waren wir mit einem Worte alle genötigt, uns unserm Schicksal zu unterwerfen. Allein als mein Hauptmann sah, daß ich ein solches Kapital besaß, wurde er nur noch halsstarriger, daß all mein Zureden nichts bei ihm helfen wollte. Ja der Kapitän und er hatten noch manchen lustigen Wortwechsel miteinander auf dieser Reise, wobei ihn Hannes mit keinem andern Titel belegte, als Menschendieb, Schuft, Galgenvogel, und von nichts anderem redete, als sich an ihm rächen und ihm den Hals brechen zu wollen.

Der Wind wehte noch immer stark, obwohl es ein guter Wind war, bis wir, wie die Seeleute sagten, die Inseln, die im Norden von Schottland liegen, passiert hatten und anfingen, westwärts zu steuern.

Da nun viele hundert Meilen weit kein Land zu sehen war, so blieb uns nichts anderes übrig als die Geduld und uns so ruhig zu verhalten wie nur möglich, außer daß mein wunderlicher Bruder Hannes den ganzen Weg über sich gleich blieb. Es begegnete uns nichts Besonderes auf dieser Reise, wir lebten auch ziemlich eingeschränkt, so daß uns nicht leicht etwas Absonderliches begegnen konnte.

Als wir an Land kamen, was bei einem großen Flusse, welcher Potomack hieß, geschah, fragte uns der Kapitän, besonders aber mich, ob ich ihm etwas mitzuteilen hätte.

Ja, antwortete der Hannes, ich habe euch etwas mitzuteilen, Kapitän, nämlich daß ich halten werde, was ich euch versprochen habe, euch den Hals zu brechen, und ihr könnt euch darauf verlassen.

Nun, sprach der Kapitän, wenn ihr euch nicht anders helfen könnt, so sollt ihr es tun. Hiermit wandte er sich zu mir. Ich wußte gar wohl, was er haben wollte. Allein es war nun keine Hilfe mehr nötig und, was meinen Wechsel betraf, war er nichts weiter als ein Stückchen Papier, das nichts wert war. Denn es konnte ihn niemand erheben als ich selbst. Ich sah keinen Ausweg und so redete ich ganz kaltblütig zu ihm davon als von einer Sache, die mir gleichgültig sei. Ich war auch in der Tat ganz gleichgültig geworden. Denn ich überlegte auf dem ganzen Wege, daß ich als ein Landstreicher aufgezogen worden, einen Beutelschneider abgegeben, als ein Soldat gedient, von meinem Regiment geflohen, keinen bestimmten Aufenthalt in der Welt hätte, auch keinen Beruf oder kein Gewerbe verstünde, wodurch ich etwas verdienen könnte, ausgenommen das gottlose Handwerk, worin ich ausgelernt hatte, das endlich den Galgen zur Belohnung hat. Also sah ich nicht, warum mir dieser Dienst nicht ebensowohl wie ein anderes Geschäft anstehen sollte. Ich wurde noch mehr darin bestärkt, als sie mir versicherten, wenn ich meine fünf Dienstjahre überstanden hätte, sollte ich die Vorteile des Landes genießen, das heißt, ich sollte einen gewissen Landstrich für mich selbst zum Anpflanzen und Bebauen bekommen, so daß ich nun die Hoffnung hegen konnte, etwas vornehmen zu können, womit ich mein Leben ehrlich durchbringen könnte.

In dieser Gemütsverfassung befand ich mich, als wir in Virginia anlangten. Als mich daher der Kapitän fragte, was ich zu tun gesonnen sei, und ob ich ihm etwas vorzutragen hätte, das sollte heißen, ob ich ihm meinen Wechsel geben wollte, nach dem es ihm in allen Fingern juckte, so antwortete ich ihm ganz kaltblütig: Mein Wechsel könnte mir nun nichts mehr nützen, zumal hier kein Mensch etwas darauf geben würde, aber wenn er mich und den Hauptmann wieder zurück nach London brächte, so wollte ich ihm die versprochenen 20 Pfund Sterling für einen jeden von uns von meinem Wechsel bezahlen. Hierzu hatte er keine Lust. Was meinen Bruder betrifft, sagte er, so wollte er ihn nicht wieder in sein Schiff nehmen und wenn ich ihm noch 20 Pfund dazu gäbe. Er ist ein solcher verstockter und verzweifelter Galgenvogel, daß ich mich genötigt sehen würde, ihn wieder in Eisen und Banden hinzubringen, wie ich ihn hergeführt habe.

Also schieden wir und unser Herr Kapitän oder Menschendieb, welchen Titel er vielleicht eher verdiente, voneinander. Wir wurden alsdann den Kaufleuten überliefert, denen wir zugeschickt waren, die wiederum mit uns verfuhren, wie sie es für gut befanden, und in wenig Tagen wurden wir voneinander getrennt.

Was den Hauptmann Hannes betraf, so hatte dieser Schelm das Glück, einen sehr milden Herrn zu bekommen, dessen Geschäft und Güte er mißbrauchte und eine Gelegenheit ersah, mit einem Boote durchzugehen, welches sein Herr ihm und noch einem andern anvertraut hatte, einige Vorräte den Fluß hinabzuführen zu einer andern Plantage, die er daselbst hatte. Mit diesem Boote und den Vorräten gingen sie durch und segelten nordwärts gegen den Grund der Reede, wie sie es nennen und in einen Fluß, Suasquehannah genannt, wo sie das Boot verließen und durch die Wälder wanderten, bis sie nach Pennsylvanien kamen, von dort suchten sie eine Gelegenheit nach Neu-England und von da nach Hause zu kommen. Als er dort angelangt war, geriet er unter die alte Rotte und in das alte Diebshandwerk, bis er endlich einen Monat, ehe ich wieder nach London kam, ergriffen und gehenkt wurde.

Mein Schicksal war zwar härter im Anfang, aber glücklicher am Ende. Ich wurde an einen reichen Pflanzer verkauft und außer mir noch der andere Engländer, der mit mir als Soldat durchgebrannt war.

Wir waren also beide Knechte geworden, und unser Los ging dahin, daß wir einen kleinen Fluß oder Meerbusen hinaufgeführt wurden, der ungefähr acht Meilen von dem großen Fluß in den Potomackfluß hineinmündet. Hier wurden wir zu einer Plantage gebracht und zu fünfzig andern leibeigenen Knechten, sowohl schwarzen wie weißen gesteckt. Und als wir dem Aufseher der Plantage überliefert waren, bedeutete er uns, daß wir nichts anderes zu tun hätten, als scharf und hart zu arbeiten, denn nur zu diesem Zwecke kaufe sein Herr Knechte. Ich gab ihm ganz demütig zu verstehen, daß, nachdem es unser Unglück so hätte haben wollen, in einen solch elenden Zustand zu geraten, so könnten wir freilich nichts anderes erwarten, nur wollten wir ihn höflichst ersucht haben, daß uns unsere Arbeit erst gezeigt und uns erlaubt würde, sie erst nach und nach zu lernen, zumal wir ihm versichern könnten, daß wir die Arbeit noch nicht gewöhnt wären. Ich fügte hinzu, wenn er eigentlich wüßte, auf welche gottlose Art und Weise wir dahingebracht und verraten worden, würde er vielleicht Veranlassung nehmen, uns zum wenigsten diese Gütigkeit widerfahren zu lassen, auch wenn wir keine andere erlangen könnten. Ich sagte dies mit so bewegter Stimme, daß es ihn neugierig machte und nach den Umständen unseres Zustandes fragte, welche ich ihm auch weitläufig, jedoch ein wenig mehr unseren als der Wahrheit Vorteil wahrnehmend, erzählte.

Diese Erzählung unseres elenden Zustandes bewegte ihn, wie ich gehofft hatte, zu einigem Mitleid. Trotzdem meldete er uns, seines Herrn Geschäfte müßten verrichtet werden, da gäbe es keinen andern Rat, als daß wir uns zur Arbeit bequemen müßten. Daher ergaben wir uns darein und fingen an zu arbeiten. Dabei hatten wir drei beschwerliche Plagen auszustehen. Wir mußten scharf arbeiten, hatten ein übles Nachtlager und bekamen überaus schlechte Kost. Das erste war mir bisher ganz unbekannt gewesen, aus den letzten beiden Dingen aber pflegte ich mir nicht gar zu viel zu machen.

Unter diesen Umständen hatte ich Zeit genug, an mein voriges Leben zurückzudenken und zu erwägen, was ich bisher in der Welt geleistet hatte. Und obschon ich nicht fähig war, mir ein richtiges Urteil darüber zu bilden, oder zu einer klaren inneren Überzeugung zu gelangen, so machte es doch einen ziemlichen Eindruck auf mein Gemüt.

Der Herr, bei dem ich als Sklave diente, war ein reicher und angesehener Mann im Lande und hatte sehr viele leibeigene Knechte, sowohl Schwarze wie Engländer. Wenn ich mich nicht irre, belief sich ihre Zahl auf nahezu zweihundert. Unter einer solchen Menge wurden alle Jahre einige schwach und unfähig zur Arbeit, andere gingen fort, wenn ihre Zeit um war, andere starben. Durch dergleichen Zufälle und Veränderungen nahm die Anzahl ab, wenn sie nicht öfter wieder ergänzt und vollgemacht wurde, und dies nötigte ihn, alle Jahre andere zu kaufen.

Es begab sich, während ich dort war, daß ein Schiff mit verschiedenen Sklaven von London ankam, worunter sich 17 transportierte Spitzbuben befanden, von denen einige an der Hand gebrandmalt waren, andere aber nicht. Von diesen kaufte mein Herr acht für die in ihrem zur Überfahrt von der Obrigkeit erhaltenen Paß bestimmte Zeit, wonach einige länger, andere kürzere Frist von Jahren zu dienen hatten.

Unser Herr war ein vornehmer Mann im Lande und außerdem Friedensrichter. Er pflegte gar selten in eigener Person nach der Plantage zu kommen, wo ich mich befand. Allein als diese neuen Sklaven ans Land gebracht und an unsere Plantage ausgeliefert wurden, kam der gestrenge Herr in einem recht ansehnlichen Staate selbst dahin, um sie zu sehen und in Empfang zu nehmen. Nachdem sie der Herr besehen hatte, wurden sie von einer Wache vom Schiff gebracht. Der Oberbootsmann kam mit ihnen, um sie unserm Herrn zu überliefern.

Als unser Herr die obrigkeitlichen Befehle, die die Vollmacht zu ihrer Überbringung erteilten, alle durchgelesen hatte, rief er einen nach dem andern mit seinem Namen zu sich. Nachdem er jedem von ihnen seinen Befehl vorgelesen und ihm mitgeteilt, welcher Verbrechen wegen er herübergebracht worden war, ermahnte er jeden einzelnen nachdrücklich und stellte ihnen vor, welche große Gnade ihnen widerfahren sei, daß sie vom Galgen, den sie nach dem Gesetz verdient hätten, errettet worden und auf ihr demütiges Bitten und Flehen die Bewilligung zur Überfahrt erlangt hätten.

Er führte ihnen hierbei zu Gemüte, daß sie das Leben, das sie jetzt anträten, so anzusehen hätten, als wenn sie von neuem in der Welt zu leben anfingen. Wenn sie sich fleißig, gehorsam und bescheiden aufführen wollten, so würden sie, wenn die Zeit ihrer Leibeigenschaft um wäre, nach der Landesordnung aufgefordert werden, sich dort niederzulassen und sich anzubauen. Ja, wenn er sähe, daß sie ihre Zeit getreulich aushielten, so pflegte er seinen Knechten alle möglichen Vorteile zu gewähren, um sich im Land anzubauen und festzusetzen, wenn sie es durch ihr Betragen verdient hätten. Sie würden verschiedene Pflanzer um sich herum sehen und kennen lernen, die sich jetzt in sehr guten Verhältnissen befänden, obgleich sie vorher auch nur Sklaven gewesen wären und sich in demselben Zustand wie sie befunden hätten, ja auch von demselben Orte, von Newgate, oder eigentlich vom Galgen hergekommen wären. Einige darunter hätten das Zeichen noch an ihren Händen, wären aber jetzt ehrliche Leute und lebten in hohem Ansehen.

Ich wurde durch die nachdrucksvolle Rede meines Herrn ungemein bewegt. Denn ich dachte nicht anders, als daß mein Herr dies alles nur für mich gesagt hätte. Daher dachte ich mir, mein Herr müßte mehr als Brot essen können, zum wenigsten ein außergewöhnlicher Mensch sein, weil er alles so haarklein kannte, was ich in meinem Leben verübt hatte.

Ich erschrak, daß ich nicht wußte, wie mir geschah, als mein Herr die übrigen Sklaven alle entließ und, indem er mit dem Finger auf mich wies, zu seinem Oberschreiber sagte: Bringt diesen jungen Mann zu mir her!

Ich hatte wohl fast ein Jahr lang auf der Plantage gearbeitet und mich so fleißig dabei bewiesen, daß mir der Aufseher entweder schmeichelte oder es wirklich meinte, wenn er mir sagte, daß ich mich wohl aufführte und meine Sache gut machte. Indes erschrak ich doch heftig, als ich mich bei meinem Namen rufen hörte, da man im allgemeinen nur diejenigen, die etwas versehen oder angestiftet haben, aufzurufen pflegte, um sie hernach zu stäupen oder auf andere Weise zu züchtigen.

Ich kam wohl so recht wie ein Übeltäter hinein und sah nicht anders aus wie einer, der auf frischer Tat ertappt worden und nun vor den Richter geführt wird. Die Ansprache und Vermahnung, die der Herr an die andern hielt, war in einem großen Saale gehalten worden, wo er wie ein Richter auf seinem Stuhle, oder besser wie ein König auf seinem Throne sah. Ich aber wurde durch einen hinteren Raum im Hause zu ihm hineingeführt.

Als ich eingetreten war, hieß er seinen Diener fortgehen und ich stand halbnackt, mit bloßem Kopfe und mit der Hacke in der Hand, da ich von der Arbeit fortgeholt worden war, nicht weit von der Tür. Er hieß mich meine Hacke wegzulegen und zu ihm zu kommen, und er schien mir schon ein wenig freundlicher und leutseliger auszusehen, als ich mir vorher eingebildet hatte.

Höre, junger Mann, sprach er, wie alt bist du?

Das weiß ich nicht, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gestrenger Herr, antwortete ich.

Wie heißest du?

Man nennt mich Oberst, aber mein Name ist Hannes, gestrenger Herr.

Aber sage mir doch deinen Namen.

Mein Name ist Hannes.

Wie, heißt du denn mit deinem Taufnamen Oberst und mit deinem Zunamen Hannes?

Wahrhaftig, gestrenger Herr, um euch die Wahrheit zu sagen, ich weiß wenig oder gar nichts von mir selbst, und so weiß ich auch nicht, wie mein rechter Name ist. Allein ich bin immer nur so genannt worden, soweit ich mich erinnern kann. Welches aber mein Vor- oder Zuname, mein Tauf- oder christlicher Name ist, oder ob ich jemals getauft und zum Christen gemacht worden bin, weiß ich nicht zu sagen.

Nun, dem sei wie dem wolle, es war wenigstens ehrlich, wenn auch einfältig geantwortet. Aber sage mir doch, wie du hierher gekommen, und aus welchen Ursachen du hier zum Sklaven gemacht worden bist?

Ich wollte wünschen, Euer Gnaden könnten sich die Zeit nehmen, meinen kurzen Lebenslauf anzuhören, Sie würden gestehen müssen, daß Ihnen kaum etwas Abenteuerlicheres zu Ohren gekommen sei.

Nun wohl, erzähle er mir doch etwas davon, ich will es gern anhören, und wenn es eine Stunde lang währen sollte.

Dies flößte mir Mut ein. Daher machte ich mit meinem Soldatenleben den Anfang und erzählte, wie ich mich hätte bereden lassen, zu Dunbar mit den andern durchzugehen und schilderte ihm alle Umstände, wie ich sie oben angeführt habe, von der Zeit an, da ich ans Ufer gekommen, bis der Kapitän wegen meines Wechsels mit mir geredet hatte, als ich hier angelangt war. Er erhob verschiedene Male seine Hand, um seinen Abscheu gegen die Gewissenlosigkeit, die zu Newcastle an mir verübt worden war, zu bezeugen und fragte nach dem Namen des Kapitäns. Denn dieser Kapitän, meinte er, müsse trotz all seiner glatten Worte ein Schuft gewesen sein. Also nannte ich ihm seinen Namen nebst dem Namen des Schiffes, was er alles in sein Taschenbuch schrieb. Darauf fuhren wir in unserm Gespräche fort und er fragte mich weiter:

Da ich nun deine Lage kenne, sage mir doch, was ich für dich tun kann, Hannes.

Dies müssen Euer Gnaden am besten wissen, sagte ich.

Aber du hast mir von einem Wechsel über 94 Pfund erzählt, wovon du dem Kapitän 40 Pfund für deine Freiheit geben wolltest. Hast du diesen Wechsel noch in Verwahrung?

Ja, gnädiger Herr, hier ist er, sagte ich und damit zog ich ihn aus dem Hosenbund heraus, wo ich ihn in Papier eingewickelt zu verwahren pflegte, er war aber von dem öfteren Ein- und Auswickeln, Einstecken und Herausziehen ganz abgenutzt, und gab ihn ihm zu lesen, was er auch tat. Darauf sagte er:

Ist denn dieser Mensch noch am Leben, dem du den Wechsel gegeben hast?

Ja, Euer Gnaden, er war noch am Leben und bei guter Gesundheit, als ich von London fortging, wie auch aus dem Datum zu ersehen ist, denn ich begab mich am folgenden Tag hinweg.

Ich wundere mich gar nicht, daß dir der Kapitän diesen Wechsel gern abgenommen hätte, als du hier an Land kamst.

Ich würde ihm den Wechsel auch ausgehändigt haben, wenn er mich und meinen Bruder wieder zurück nach England gebracht hätte. Dann würde ich ihm so viel davon gegeben haben, als er verlangt hätte.

Er hat den Handel besser verstanden, denn er wußte, daß du einige Freunde daselbst hattest, die ihn schon zur Rechenschaft gezogen hätten. Allein es wundert mich, daß er ihn dir nicht mit List oder Gewalt abgenommen hat, als ihr noch auf See waret.

Ich konnte ihm nicht nachsagen, daß er danach getrachtet hätte.

Nun, Hannes, ich will sehen, ob ich dir in dieser Sache helfen kann. Auf mein Wort, wenn das Geld ausbezahlt werden kann und du es sicher hierher schaffen kannst, so könnte ich dir Mittel und Wege an die Hand geben, wie du es noch weiter bringen könntest als dein Herr, wenn du dich ehrlich und fleißig erweisest.

Da ich mich in eurem Dienst befinde, gnädiger Herr, so muß ich die Beurteilung meiner Aufführung und des übrigen Ew. Gnaden selbst überlassen.

Vielleicht aber sehnst du dich danach, wieder nach England zurückzukehren?

Nein, wahrhaftig nicht, gnädiger Herr, wenn ich nur mein Brot hier ehrlich erwerben kann, so habe ich keine Lust, wieder nach England zu gehen. Denn ich weiß nicht, womit ich dort meinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Wenn ich dies gekonnt hätte, so hätte ich mich nicht als Soldat anwerben lassen.

Wir wollen das jetzt gut sein lassen, allein ich muß dich hierüber noch ein andermal befragen. Denn es ist in der Tat seltsam, daß du Soldat geworden bist, wenn du 94 Pfund Sterling dein eigen nanntest.

Ich will Euer Gnaden ausführlich hierüber Bericht erstatten, und ebenso ehrlich wie über meinen Lebenslauf, wenn Euer Gnaden Geduld haben möchten, es noch anzuhören, da es etwas lang sein wird.

Gut, hierzu werden wir ein andermal Zeit finden. Jetzt muß ich dich nur noch dieses fragen: Bist du damit einverstanden, daß ich jemanden nach London schicke, der mit dem Herrn, der dir den Wechsel ausgestellt hat, reden soll. Er wird das Geld nicht in Empfang nehmen, sondern ihn nur fragen, ob er die Summe von dir in Händen hat, und ob er sie auszahlen würde, wenn du es verlangtest und du ihm den Wechsel oder eine Abschrift übersenden würdest?

Ja, Ew. Gnaden, von Herzen gern! Ich will den Wechsel in eure Hände geben, denn euch kann ich ihn besser anvertrauen als dem Kapitän.

Nun, Hannes, wenn du willst, will ich ihn dir aufheben. Aber ich will dir einen Schein mit meiner Unterschrift ausstellen, daß ich den Wechsel in Verwahrung habe und ihn dir auf dein Verlangen jederzeit zurückgeben würde, das ist so gut, als ob du den Wechsel selber hättest. Denn so gehst du am sichersten.

Ich war ganz zufrieden und gab meinem Herrn den Wechsel, er stellte mir dagegen einen Schein aus, und ich fand an ihm einen treuen Vormund und Verwahrer, wie man später noch hören wird.

Nach dieser Unterredung entließ er mich und ich ging wieder an die Arbeit. Aber ungefähr zwei Stunden darauf kam der Verwalter oder Aufseher der Plantage, als er vorbeiritt, zu mir hin, wo ich arbeitete, zog eine Flasche aus der Tasche, rief mich zu sich und gab mir einen Schluck Rum; weil ich aber aus Höflichkeit nur ein kleines Schlückchen tat und nur ein wenig nippte, hielt er mir die Flasche noch einmal hin und hieß mich noch einen Schluck nehmen, redete auch überaus freundlich mit mir, ganz anders, wie er sonst zu tun pflegte.

Dies gab mir Mut und richtete mich ein wenig auf. Jedoch machte ich mir noch nicht viel Hoffnung, wußte auch nicht, woher mir Hilfe kommen sollte.

Ein paar Tage danach, als wir morgens alle wieder an unsere Arbeit gingen, rief mich der Aufseher zu sich und gab mir abermals einen Schluck Rum und ein großes Stück Brot dazu und befahl mir, ich sollte um ein Uhr mit meiner Arbeit aufhören und zu ihm ins Haus kommen, da er etwas mit mir zu bereden habe.

Ich ging zu ihm in der Kleidung eines armen halbnackten Sklaven. Komm her, junger Mann, sagte er, und gib mir deine Hacke. Als ich sie ihm überreichte, sagte er: du sollst nun nicht mehr auf der Plantage arbeiten.

Ich erschrak und geriet ganz in Verwirrung. Was habe ich getan, mein Herr? fragte ich. Wohin soll ich geschickt werden?

Erschrick nicht, sprach er, es ist nicht zu deinem Schaden. Ich habe Befehl, einen Aufseher aus dir zu machen, denn du sollst nicht länger ein Sklave sein.

Ich! Ein Aufseher? sprach ich. Ich befinde mich nicht in dem Vermögen dazu. Ich habe weder Kleider noch Wäsche noch sonst etwas, womit ich mir zu helfen wüßte.

Komm nur mit, sprach er, es steht besser um dich als du denkst! Er führte mich in ein großes Lagerhaus, oder vielmehr durch eine ganze Reihe großer Packhäuser hintereinander, wo die große Niederlage war. Sobald wir dahin kamen, rief er den Aufseher über das Lagerhaus und sprach zu ihm: Ihr sollt diesen jungen Menschen einkleiden und ihm alles geben was nötig ist und zwar auf den Fuß Nr. 5, alsdann gebt ihm das Verzeichnis davon, unser Herr hat mir befohlen, solches in die Rechnung der Westlichen Plantage einzusetzen. Dies war die Plantage, wohin ich mich begeben sollte. Darauf führte mich der Hausverwalter in ein Lagerhaus hinein, wo verschiedene solcher Kleider lagen, wie sie für mich vorgeschrieben waren: einfache, aber sehr gute Kleider, die schon fertig und von gutem dicken Tuch waren, wovon die Elle in England wohl elf Schillinge wert sein mochte. Dazu gab er mir drei gute Hemden, zwei Paar Schuhe, Strümpfe und Handschuhe, einen Hut, sechs Halstücher und überhaupt alles, was ich brauchte. Und nachdem er alles zusammengesucht und ordentlich hingelegt hatte, führte er mich in eine kleine Stube und ich sagte zu mir: Hier trete ich ein als Sklave und komme heraus als ein Edelmann!

Hierauf trug er alle Sachen in die Stube, schloß die Türe zu und sagte, ich sollte mich ankleiden, was ich auch bereitwilligst tat. Nun fing ich freilich an, wie leicht zu verstehen ist, auf bessere Zeiten zu hoffen als ich bisher gehabt hatte.

Nach einer kleinen Weile kam der Aufseher wieder und bezeigte mir seine Freude über meine neue Kleidung und forderte mich auf mit ihm zu gehen. Ich wurde nun also zu einer andern Plantage geführt, die noch größer war als die erste, und wo zwei Aufseher und zwei Schreiber waren, je einer daheim und draußen. Von den Aufsehern war einer nach einer andern Plantage versetzt worden, und ich trat an seine Stelle. Mein Amt war, nach den schwarzen Sklaven zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß sie ihre Arbeit verrichteten, desgleichen sie mit Essen zu versehen, mit einem Worte: sie zu regieren und zu überwachen.

Wer diese Erhöhung wurde ich nicht wenig aufgerichtet in meinen Gedanken, und es ist unmöglich, die Freude meines Herzens, die ich darüber empfand, in Worten auszudrücken.

Es wurde mir auch ein Pferd gegeben nebst einer langen Peitsche, damit ich die ganze Plantage bereiten könnte, um die Schwarzen und Knechte zu beaufsichtigen. Denn da die Plantage sehr weitläufig war, konnte es zu Fuß nicht geschehen, wenigstens nicht so oft, wie es nötig war. Die Peitsche aber wurde mir gegeben, um die Sklaven und leibeigenen Knechte zu züchtigen und zu peitschen, wenn sie nachlässig waren, sich untereinander zankten, oder sonst etwas Unrechtes anstifteten.

Es geschah einige Zeit danach, daß mich unser großer Meister, wie wir ihn nannten, wieder zu sich in seine Wohnung holen ließ und mir mitteilte, daß er von seinem Freunde, aus England, dem er wegen meines Wechsels geschrieben hatte, Antwort erhalten hätte. Ich wurde einigermaßen, stutzig und dachte, er würde ihn von mir haben wollen, um ihn nach England zu senden. Allein er sagte nichts dergleichen sondern erzählte mir, daß sein Freund bei dem Herrn in London gewesen sei und daß er zugegeben habe, den Wechsel gegeben zu haben und das Geld in seinem Besitz zu halten. Allein er habe dem jungen Menschen, der ihm das Geld anvertraut hätte, versprochen, das Geld keinem andern Menschen, sollte er ihm auch den Wechsel bringen, als ihm selbst auszuhändigen.

Aber nun, Oberst Hannes, sprach er, da ihr ihm Nachricht gegeben, wo ihr euch befindet und durch welche gottlose Künste ihr hintergangen worden, und es euch unmöglich sei, eure Freiheit zu erlangen, bis ihr das Geld bekommen hättet, so hat mir mein Freund geschrieben, daß er euch, wenn ihr hier eine Abschrift von dem Wechsel habt machen lassen, die notariell beglaubigt ist, und ihr euch verpflichtet, das Original nach Bezahlung des Geldes auf seine Order zurückzustellen, das Geld auszahlen wolle.

Ich erklärte ihm, daß ich willens wäre alles zu tun, was er für gut hielte, und so wurden die Abschriften auf die gehörige Art ausgestellt.

Allein, was wollt ihr nun mit dem Gelde machen, Hannes, sagte er mit freundlichem Lächeln. Wollt ihr eure Freiheit von mir erkaufen und ein Pflanzer werden?

Ich wollte hierin nun schlau sein. Denn ich erinnerte mich gar wohl seiner Versprechungen und hatte seine Redlichkeit und Güte viel zu genau erfahren, als daß ich an der Erfüllung seiner Worte zweifeln sollte. Ich deutete mir daher seine Frage ganz anders. Ich wußte gar wohl, daß er, wenn er mich fragte, ob ich meine Freiheit erkaufen und mich anbauen wollte, mich nur prüfen wollte, ob ich die Absicht hätte ihn zu verlassen. Daher gab ich ihm folgende Antwort: Was das betrifft, gnädiger Herr, daß ich mir meine Freiheit erkaufen möchte und mich anbauen, so versichere ich euch, daß ich viel lieber noch einige Zeit in eurem Dienst bleiben möchte und es mir nur leid tut, daß ich nur noch zwei Jahre euch zu dienen habe.

Stille, Hannes, sagte er, schmeichelt mir nicht, ich liebe die Aufrichtigkeit. Die Freiheit ist ein kostbares Kleinod und jedermann angenehm. Wenn ihr Lust habt, daß euer Geld herübergebracht wird, so sollt ihr eure Freiheit haben, um für euch selbst anzufangen, ich aber will Sorge tragen, daß euch hierzulande wohl begegnet werde und ich will euch zu einer guten Plantage verhelfen.

Ich versicherte ihm nochmals, daß ich seinen Dienst nicht um die beste Plantage in Maryland verlassen möchte. Er hätte sich mir gegenüber so gütig erwiesen, begegnete mir auch beständig noch so, überdies schiene ich ihm so nützlich zu sein, daß ich nicht daran dächte ihn zu verlassen. Ich hoffte, er werde mir nicht zutrauen, so wenig Dankbarkeit wie ein Schwarzer zu hegen.

Er lächelte und sagte, er verlange nicht, daß man ihm auf solche Art und unter solchen Bedingungen dienen sollte. Er habe noch nicht vergessen, was er mir versprochen, noch die Treue, die ich ihm auf seiner Plantage bewiesen hätte. Daher wäre er entschlossen, mir zuerst meine Freiheit zu geben. Hiermit zog er ein Stück Papier heraus und gab es mir. Das, sprach er, ist das Zeugnis, daß ihr ins Land gekommen und mir auf fünf Jahre verkauft worden seid, von denen ihr drei bei mir ausgehalten habt, und hiermit erkläre ich euch nun frei und für euren eigenen Herrn.

Ich verneigte mich und sagte ihm, wenn ich auch nun mein eigener Herr wäre, so wollte ich doch so lange sein Diener sein, als er mich brauchen könne. Wir bekomplimentierten einander und keiner wollte dem andern eine Höflichkeit schuldig bleiben. Schließlich sagte er zu mir, wenn es nicht anders ginge, so sollte ich in seinem Dienste bleiben, allein dies sollte unter folgenden zwei Bedingungen geschehen:

Erstens, daß er mir fürs Jahr 30 Pfund Sterling nebst freier Kost für die Verwaltung der Plantage, in welcher ich damals beschäftigt war, geben und zweitens, daß er mir zugleich eine neue Plantage verschaffen wolle, auf der ich für mich selbst anfangen könnte. Denn, Oberst Hannes, sagte er lächelnd, obgleich ihr noch jung seid, so ist es doch Zeit, daß ihr etwas auf eigene Faust anfanget.

Ich antwortete ihm, ich würde für mich selbst auf einer Plantage wenig ausrichten können, wenn ich seine Geschäfte nicht vernachlässigen wollte, und dies möchte ich auf keinen Fall, sondern ihm treulich dienen, solange er meine Dienste annehmen wollte. Also schieden wir für diesmal voneinander.

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