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Oberst Hannes

Daniel Defoe: Oberst Hannes - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorDaniel Defoe
titleOberst Hannes
publisherGeorg Müller Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorJoseph Grabisch
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid2bae34fd
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Von Ware reisten wir nach Cambridge, obwohl es nicht gerade an unserer Landstraße lag. Dies machte sich so. Als wir auf dem Wege durch ein Dorf, Puckeridge genannt, kamen, kehrten wir dort im Gasthof »Zum Falken« ein. Während wir dort saßen, kam ein Landmann in den Gasthof und band sein Pferd vor der Tür an, um hineinzugehen und eins zu trinken. Wir saßen im Torweg und hatten uns einen Krug Bier geben lassen. Wir hatten uns bei dem Stallknecht erkundigt, wo der Weg nach Schottland ginge. Er sagte uns, wir müßten auf der Straße nach Royston fragen. Allein, sprach er, es geht gleich hier ein Weg ab, den ihr nicht gehen dürft, denn er führt nach Cambridge.

Wir hatten unser Bier bezahlt und saßen nur noch, um uns ein wenig auszuruhen, als plötzlich eines Edelmanns Kutsche, mit vier Pferden bespannt, vor der Türe hielt. Die, welche zu Pferde saßen, ritten geradenwegs in den Hof, und der Stallknecht mußte mit ihnen gehen. Daher sprach er zum Hauptmann. Seid doch so gut und haltet dieses Pferd ein wenig! Damit meinte er des vorhergenannten Landmanns Pferd, das er aus dem Wege ziehen mußte, um der Kutsche Platz zu machen. Der Hauptmann tat dies und winkte mir, daß ich ihm folgen sollte. Wir gingen vorsichtig bis zum abzweigenden Wege. Er sagte mir, ich solle sachte vor ihm hergehen, er wolle mir schon folgen. Ich ging den Fußsteig hinauf und in wenigen Minuten saß er zu Pferde und folgte mir. Komm, setz dich auf, sprach er, ich will des Henkers sein, wenn wir das Pferd nicht glücklich wegbringen!

Es machte mir keine Schwierigkeit, hinten hinaufzuspringen. Wir galoppierten eine gute Strecke fort, weil es ein starkes Pferd war. Wir verloren keine Zeit, sondern ritten eine Stunde lang, bis wir dachten, wir wären nun weit genug, daß sie uns nicht mehr einholen könnten, zumal der Bauersmann, wenn er sein Pferd vermissen und hören sollte, daß wir nach dem Weg nach Royston gefragt hätten, uns gewiß auf diesem Wege und nicht auf dem nach Cambridge verfolgen würde.

Wir ritten nun ein wenig langsamer, nachdem wir etliche Stunden so gejagt hatten, und wenn wir durch eine Stadt oder ein Dorf kamen, stiegen wir abwechselnd ab, um nicht zu zweien hindurchzureiten.

Da es dem Hauptmann unmöglich war, eine Gelegenheit vorbeigehen zu lassen, wo es etwas zu stehlen gab, so war jetzt, da er ein Pferd hatte, um die gestohlenen Sachen fortzubringen, die Versuchung nur noch größer geworden. Wir ritten durch ein Dorf, wo man gewaschen und die Wäsche auf den Zaun neben der Straße aufgehängt hatte. Er konnte es nicht übers Herz bringen vorbeizugehen, ohne ein paar Hemden zu erwischen, die halb trocken waren, darauf holte er mich spornstreichs ein, denn ich war ein wenig vorausgegangen. Ich sprang geschwind hintenauf, und wir galoppierten so schnell davon, als unser Gaul nur traben wollte. Hierbei gerieten wir zu unserm großen Glück ganz von der Straße ab. Denn da wir es versäumt hatten, nach dem Wege zu fragen, so verirrten wir uns viele Meilen zu weit rechts, bis wir durch Bishop-Stratford auf die Landstraße gelangten, die von London nach Cambridge geht. Die besonderen Umstände, die uns bewogen hatten, so fort zu wandern, waren diese: Das Land bestand aus lauter offenen Kornfeldern, die nicht umzäunt waren. Als wir auf einem etwas höher gelegenen Grunde waren, hieß ich ihn das Pferd anhalten, weil ich absteigen und ein wenig zu Fuß gehen wollte, da meine Beine vom langen Reiten ganz steif geworden waren, zumal ich hintenauf gesessen und ohne Steigbügel geritten hatte. Als ich abgestiegen war und mich ein wenig umsah, konnte ich die große breite Straße gar deutlich sehen, die wir hätten reiten sollen und die beinahe zwei Meilen von uns entfernt lag. Als ich mich aber ein wenig zur Linken umsah, erblickte ich einige Reiter, die in voller Eile herankamen, einige mit einem Vorsprung vor den andern, welche jagten, als ob sie einem Kurier nachsetzten.

Ha, Bruder Hannes, sprach ich, steig augenblicklich vom Pferde und sieh, was es dort gibt!

Was gibts denn? fragte er.

Sieh dorthin! Es ist gut, daß wir unsern Weg verfehlt haben. Siehst du dort die Reiter? Ich versichere dir, sie setzen uns nach – entweder verfolgen sie dich vom letzten Dorf aus wegen der Hemden, oder von Puckeridge aus wegen des Pferdes.

Sein findiger Sinn riet ihm, das Pferd hinter einen großen Dornbusch zu ziehen, der gleich daneben stand. Also konnten sie das Pferd keineswegs sehen, das sie sonst, da wir gerade auf einer Anhöhe waren, hätten sehen müssen, worauf sie uns dann ohne Zweifel auf diesem Wege verfolgt hätten.

Ebenso wie es ihnen aber unmöglich war das Pferd zu sehen, war es ihnen auch nicht möglich, uns selber auf solche Entfernung zu erblicken, weil wir uns auf die Erde gesetzt hatten, um ihnen aus desto größerer Sicherheit nachsehen zu können.

Sie ritten so schnell als ihre Pferde nur konnten. Als wir sie ganz aus dem Gesicht verloren hatten, saßen wir wieder auf und säumten nicht unsere Reise fortzusetzen. Denn obgleich wir zu zweien auf einem Pferde ritten, blieben wir doch unserm Wege nichts schuldig, wo es derselbe zuließ, fragten auch keinen Menschen, wo der Weg hinführe, bis wir ungefähr nach zwei Stunden zu einer Stadt kamen, die Chesterford hieß. Hier hielten wir an, fragten aber in keinem Orte nach unserm Weg, sondern nur, wo dieser Weg überhaupt hinginge und erfuhren, daß es die Landstraße nach Cambridge war.

Wir ruhten eine Zeitlang aus, weil wir uns sicher glaubten, gegen Abend ritten wir weiter bis an einen Ort, der Bournbridge hieß, wo sich die Landstraße nach Cambridge auf die Straße nach Newmarket zuwendet und wo nur zwei Häuser stehen, die beides Wirtshäuser sind. Hier sagte der Hauptmann zu mir: Höre! du siehst, daß wir auf dem Wege nach Cambridge verfolgt und daselbst angehalten werden, wenn wir dorthin gehen. Newmarket ist nur zehn Meilen von hier, dort sind wir in Sicherheit und können vielleicht Gelegenheit finden ein Geschäft zu machen.

Sieh dich vor, Hannes, sagte ich, sprich nicht mehr von solchen Geschäften, ich will damit nichts zu tun haben. Ich möchte dich gern nach Schottland bringen, ehe sie dir ein hänfernes Halsgeschmeide umlegen, und ich möchte nicht gern, daß du in England gehenkt würdest, deshalb gehe ich nicht mit nach Newmarket, wenn du mir nicht versprichst, deine alten Schliche dort zu lassen.

Nun, sprach er, wenn ich nicht darf, so darf ich nicht. Allein ich hoffe, du wirst mir erlauben zu sehen, wie wir noch ein Pferd bekommen können, um desto geschwinder zu reisen.

Nein, sprach ich, dies will ich nicht erlauben, dazu gebe ich meine Einwilligung nicht. Wenn du zugibst, daß ich dieses Pferd wieder zurückschicke, so will ich dir sagen, wie wir nachher Pferde mieten und sie behalten können, so weit wie wir wollen. Wir brauchen nur dem Eigentümer einen Brief zu senden, daß er das Pferd holen lassen solle und wenn wir auch deswegen angehalten werden, so wird uns doch deswegen kein Schaden zugefügt werden.

Du bist ein schlauer Kopf, sprach Hannes, allein ich denke, es ist so am besten, wie es ist. Denn wir sind außer aller Gefahr, unterwegs angehalten zu werden, wenn wir von hier fort sind.

Während wir noch darüber redeten, kam, obgleich es schon finstere Nacht war, ein Mann vor die Tür des andern Wirtshauses und forderte einen Krug Bier. Allein die Leute waren schon zu Bett gegangen und wollten nicht aufstehen. Da fragte er sie, ob sie nicht zwei Kerle hätten diesen Weg kommen sehen, die beide auf einem Pferde gesessen hätten. Der Wirt sagte, daß er sie wohl gesehen hätte, sie wären am Nachmittage vorbeigeritten und hätten nach dem Weg nach Cambridge gefragt, aber nicht so lange angehalten, bis sie einen Krug Bier ausgetrunken hätten.

So sind sie, sprach er, nach Cambridge gegangen, und ich werde sie bald haben!

Ich war noch nicht eingeschlafen, sondern wachte noch in der kleinen Kammer der Herberge, wo wir logierten. Als ich den Kerl vor der Tür rufen hörte, stand ich auf, ging zum Fenster, zumal mir jedes raschelnde Blatt Unruhe machte. Auf diese Weise hörte ich das ganze Gespräch. Diesmal waren wir also noch davongekommen. Unser Schicksal hatte also noch ganz andere Dinge mit uns vor. Die Sache verhielt sich so: Als wir zuerst nach Bournbridge gekommen waren, hatten wir in dem ersten Hause gefragt, welches der Weg nach Cambridge sei, hatten einen Krug Bier getrunken und waren fortgegangen, und man mochte gesehen haben, daß wir uns auf den Weg zuhielten, den man uns gezeigt hatte. Da aber die Nacht hereinbrach und wir sehr müde waren, so fürchteten wir den Weg zu verfehlen. Daher waren wir in der Dämmerung wieder zurückgekommen und im andern Wirtshause eingekehrt, weil dieses bei unserm Rückweg das erste war – wo wir uns zuerst erkundigten, war bei unserer Ankunft das erste gewesen.

Man kann mir glauben, daß mir nicht sehr wohl zumute war, als ich das Gespräch hörte, und ich hatte auch wohl alle Ursache dazu. Der Hauptmann lag im tiefsten Schlafe, ich schüttelte und rüttelte ihn so lange, bis ich ihn aufgeweckt hatte.

Steh auf, Hannes, sprach ich, wir sind beide verloren! Sie sind uns hierher nachgekommen! Ich tat unrecht daran, ihn auf solche Weise zu erschrecken, denn er fuhr in die Höhe, sprang aus dem Bett und rannte gerade aufs Fenster zu, ohne zu wissen, wo er sei, und wollte mit halboffenen Augen zum Fenster hinausspringen. Ich ergriff ihn aber an einem Arm und sagte: Was willst du tun?

Ich will mich nicht fangen lassen, sprach er, laß mich zufrieden, wo sind sie?

So groß war seine Bestürzung, und er war vor Furcht so außer sich geraten und dabei noch so schlaftrunken, daß ich alle Mühe hatte ihn abzuhalten, daß er nicht aus dem Fenster hinaussprang. Allein ich hielt ihn fest, bis er völlig wach war, und dann war alles wieder gut, und er kam alsbald zur Besinnung.

Alsbald erzählte ich ihm die ganze Begebenheit und wir setzten uns auf das Bett und überlegten, was zu tun wäre. Da aber der Kerl, der auf unserer Spur war, seinen Weg nach Cambridge genommen hatte, so brauchten wir nichts zu fürchten und konnten in aller Stille abwarten, bis es Tag werden würde, alsdann aufsitzen und unsern Weg fortsetzen. Sobald also der Tag anbrach, machten wir uns auf, und da wir uns glücklicherweise nach dem Wege bei dem andern Hause erkundigt und erfahren hatten, daß die Straße nach Cambridge links abbog, die Straße nach Newmarket aber geradeaus ging, so vermeldete mir der Hauptmann, er wolle zu Fuß nach Newmarket gehen, so daß ich, wenn ich mich aufmachte, nur ein einzelner Reisender zu sein schien. Hierauf ging er alsbald voraus und zwar so schnell, daß ich mehr als einmal dachte, wir hätten uns verfehlt. Denn obgleich ich scharf zuritt, konnte ich ihn doch eine Stunde lang nicht zu Gesicht bekommen. Endlich aber, da ich den großen Damm hinter mir hatte, den man den Teufelsgraben nennt, traf ich auf ihn und nahm ihn hinter mir aufs Pferd, und wir ritten zu zweien, bis wir beinahe am Städtchen Newmarket angelangt waren.

Gerade am ersten Hause der Stadt stand ein Pferd vor der Tür, genau so wie zu Puckeridge. Nun sprach Hannes: Wenn dieses Pferd am andern Ende der Stadt stünde, so sollte es gewiß unser sein, ebenso wie das, welches wir von Puckeridge mitnahmen. Allein es ließ sich nicht machen, also stieg er ab und ging auf der rechten Seite des Weges durch die Stadt.

Er war noch nicht bis zur Hälfte der Stadt gegangen, so kam das Pferd, das sich auf irgendeine Weise losgerissen hatte, in sanftem Trabe von selbst hinterher und kein Mensch verfolgte es. Der Hauptmann als ein alter erfahrener Soldat in dergleichen Freibeuterei fing an, dem Pferde nachzulaufen, sobald dasselbe ein gutes Stück vor ihm war und er niemanden sah, der ihm folgte. Sowie aber das Pferd ihn nachfolgen hörte, lief es schneller. Da fing der Hauptmann an zu rufen: Haltet das Pferd an! Mittlerweile war es bis ans andere Ende der Stadt gelangt, weil es die Leute, denen es gehörte, die ganze Zeit nicht vermißt hatten.

Als er nun rief, das Pferd aufzuhalten, kamen die Leute, die am nächsten zur Hand waren, von beiden Seiten des Weges herzu und hielten das Pferd auf, so gut es möglich war. Da kam Hannes ganz gravitätisch auf das Pferd zu, gab ihm etliche Hiebe mit der Peitsche und nannte es ein verfluchtes Aas, das ihm durchgegangen wäre. Er gab dem Manne, der es eingefangen, zwei Groschen Trinkgeld, setzte sich auf und kam mir in aller Gemütsruhe nachgeritten.

Nun war die Frage, wohin wir unsern Weg nehmen sollten. Wir hatten vier Wege vor uns, und einer war uns so wenig bekannt wie der andere. Da wir nun nicht wußten, welchen Weg wir einschlagen sollten und wie wir auf die große Straße nach Norden, die wir verlassen hatten, gelangen sollten, nahmen wir auf gut Glück den Weg nach Brandon und von da nach Lynn. Ich beobachtete dabei diese Regel: Wenn wir nach einem Wege fragten, nahmen wir niemals diese Straße, sondern eine andere, auf welche uns die zufällige Unterredung mit den Leuten brachte. Und so machten wir es auch hier. Denn da wir hauptsächlich nach dem Wege, der auf die Nordstraße führte, gefragt hatten, so entschlossen wir uns, geradenwegs nach Lynn zu gehen.

Dies ist eine große volkreiche Stadt, und es war gerade Markttag, als wir ankamen. Wir kehrten am äußersten Ende der Stadt in einem Häuschen ein und gingen in die Stadt hinein.

Hier war es nicht möglich, den Hauptmann abzuhalten, seine Kunstgriffe aufs neue zu versuchen. Ich sagte es ihm rund heraus, daß ich nicht mit ihm gehen wollte.

Denn es heißt: mitgegangen, mitgehangen! Allein er kehrte sich nicht daran. Ich aber war über die Vermessenheit dieses Wagehalses derart besorgt, daß ich mich nicht getraute, einen Fuß aus unserm Quartier hinauszusetzen. Er ging auf den Markt und fand dort einen Quacksalber, gerade die Gelegenheit, die er suchte. In einer Viertelstunde hatte er einige Beutel abgeschnitten und ein Stück holländisch Tuch von acht oder neun Ellen nebst einem andern Stoff in unser Quartier gebracht, darauf in weniger als zwei Stunden noch manch andern losen Streich gespielt. Auch wie er später noch einen Doktor der Medizin ausgeplündert und doch allemal nicht abgefaßt wurde, gehört in die Erzählung seiner Geschichte und nicht hierher.

Ich will in meine eigene Geschichte keine seiner Streiche mehr bringen, – sie verdienen, an besonderer Stelle erzählt zu werden – sondern ich will nur das anmerken, was sich auf unsere Reise bezieht. Ich schleppte ihn so schnell wie ich konnte mit mir fort, bis wir nach Leeds in Yorkshire kamen. Hier konnte er nicht viel ausrichten, trotzdem es eine große volkreiche Stadt war. Auch zu Wakefield wollte ihm das Glück nicht hold sein. Er meinte, die Leute im Norden müßten alle Diebe sein.

Warum, sprach ich, die Leute sehen doch wie andere Menschen aus.

Nein, nein, sprach er, sie haben ihre Augen überall und sind so umsichtig, daß sie einen jeden, der ihnen zu nahe kommt, für einen Beutelschneider halten, sonst wäre es unmöglich, daß sie so auf ihrer Hut sind. Überdies, sagte er, sind sie so arm, daß wenig bei ihnen zu holen ist, und ich fürchte, je weiter wir nach Norden kommen, desto schlimmer wird es bestellt sein. Ich schließe daraus, daß es für uns dort nichts zu tun geben wird, und daß wir ebensogut nach dem Süden zurückgehen können, um dort gehenkt zu werden, als nach dem Norden, um dort Hungers zu sterben.

Wir gelangten endlich nach Newcastle am Tyne. Hier war an einem Markttage ein großes Volksgedränge, da jedermann aus der Stadt auf den Markt ging, um Vorräte einzukaufen. Hier spielte er seine Streiche wieder, betrog einen Krämer um fünfzehn Pfund Sterling Wert an Waren und kam auch glücklich davon; stahl ein Pferd und verkaufte das, auf dem wir angekommen waren. Er spielte so gottlose Streiche, daß mir angst und bange wurde. Ich meine um ihn, denn für mich selbst hatte ich nichts zu fürchten, da ich aus dem Hause, wo ich logierte, keinen Fuß heraussetzte, zum mindesten niemals mit ihm ausging, sondern stets mit den andern, die in dem Gasthofe waren und die meine Zeugen sein konnten. Ich hatte auch sehr gut daran getan, so vorsichtig zu sein, denn er war durch seine Spitzbübereien allgemach so bekannt geworden, daß ihm allenthalben nachgestellt wurde. Und hätte er nicht in listiger Weise verbreitet, daß er von Schottland käme und nach London ginge, wenn er nach dem Wege fragte, so daß die, welche ihm nachtrachteten, auf falscher Fährte waren, so wäre er sicher ohne Zweifel gefangen und aufgeknüpft worden. Durch diese Arglist aber gelangte er eine halbe Tagereise von ihnen weg. Dessenungeachtet waren sie ihm so dicht auf den Fersen, daß er sich gezwungen sah, mit dem Pferde in den Fluß Tweed hineinzusprengen und hinüberzuschwimmen, damit sie ihn nicht beim Kragen bekämen. Da befand er sich schon auf schottländischem Grund und Boden, so daß sie keine Gewalt mehr über ihn hatten, wenn sich ihm jemand in den Weg gestellt hätte. Da sie ihm aber aufs hitzigste nachsetzten, würden sie alles daran gewagt haben, um ihn nur einzuholen. Man hätte ihn auch ausliefern müssen, wenn jemand deswegen hätte die Forderung stellen wollen. Allein da er einmal über den Tweed und sicher gelandet war, konnten sie ihm nicht weiter nachfolgen, weil das Wasser an der Stelle der gewöhnlichen Überfahrt sehr breit war.

Nachdem er so geflohen war, ging er nach Kelso, wohin ich ihm nachfolgen sollte.

Ich folgte ihm schweren Herzens, und dachte alle Augenblicke, ihn auf der Straße in den Händen der Gerichtsdiener und Häscher anzutreffen, oder zu hören, daß man ihn ergriffen hätte. Allein als ich in einem Ort am Ufer ankam, vernahm ich, daß er zwar scharf verfolgt worden, aber glücklich entkommen sei.

Als ich nach Kelso kam, war es leicht, ihn ausfindig zu machen, denn da er den reißenden Tweed auf so verzweifelte Weise durchschwommen, hatte er sich so berühmt gemacht, daß jeder davon redete, obwohl ihnen weder die Ursache noch sonst etwas von seinen heimlichen Mucken bekannt war. Denn er war gescheit genug, dies alles zu verbergen und so zurückgezogen wie nur möglich zu leben, bis ich zu ihm kam.

Ich fragte ihn hierauf, wie er sich in diesem Lande aufzuführen gedächte. Er erklärte mir kurz, das wisse er nicht, er glaube aber, die Leute seien arm. Wenn sie aber doch etwas Geld hätten, so wäre er entschlossen, auch etwas davon zu bekommen. Wir machten uns nun wieder auf den Weg, worüber ich innerlich froh war, und setzten unsere Reise nach Edinburg fort. Auf dem ganzen Wege dorthin kamen wir durch eine größere Stadt, und es war übel für uns zu reisen, da wir Fremde waren. Denn wir trafen Gewässer an, die wegen des vielen Regens sehr gefährlich zu passieren waren, besonders an dem Orte, der Lauderdal hieß, wo mein Hauptmann wirklich in Gefahr war zu ertrinken, weil sein Pferd den Fluß hinuntergetrieben wurde und er herunterfiel, wodurch der arme Stockfisch eingewässert und seine gestohlenen Sachen, die er bisher stets trocken erhalten hatte, da er sie auf seinen Armen hoch überm Wasser hielt, verdorben wurden. Es fehlte nicht viel, daß er samt seinem Pferd untergegangen wäre, denn das Wasser war nicht allein sehr tief, sondern auch sehr reißend. Allein er bildete sich ein, daß er nicht ersaufen könne, sondern für eine höhere Todesart vorbehalten bleiben sollte, wie ich später erzählen werde.

Am dritten Tage, nachdem wir von Kelso abgereist waren und einen ganzen Tag in einem Gasthofe zu Hill stillgelegen hatten, um unsere Sachen zu trocknen und uns ein wenig zu erfrischen, wurden wir zu Edinburg am folgenden Tage, als wir dort angekommen waren, auf eine seltsame Art bewillkommnet. Mein Hauptmann verspürte Lust ein bischen spazieren zu gehen und fragte mich, ob ich mitkommen wolle, um die Stadt zu besichtigen. Ich sagte, ich wolle ein wenig mitgehen. Also gingen wir miteinander fort und kamen durch ein Tor, das Nether-Bow hieß, auf die große Highstreet, die hinauf zu dem Kreuz ging. Wir gerieten in Verwunderung, als wir ein furchtbares Volksgedränge erblickten. Ha, sagte mein Hauptmann, hier gibt es etwas zu tun. Allein er hatte mir versprechen müssen, an diesem Tage keinen seiner verwegenen Streiche zu unternehmen, sonst wäre ich nicht mit ihm gegangen, so hielt ich ihn denn beim Ärmel fest und wollte ihn nicht von meiner Seite lassen.

Dann kamen wir hinauf zu dem Kreuz, wo wir außer der großen Menge Volks eine Versammlung von mehreren vornehmen Herren erblickten, was meinem Hauptmann wieder Mut machte und woran er ein rechtes Wohlgefallen hatte.

Während wir so dastanden und das Maul vor Verwunderung aufsperrten, wurden wir von einem Anblick in Schrecken gesetzt, dessen wir uns nicht versehen hatten. Wir sahen das Volk haufenweise zusammenlaufen, als ob etwas ganz Außerordentliches geschehen würde. Es war auch gewiß etwas Seltsames. Wir sahen zwei Kerle, die nackt bis auf die Hüften waren, geschwind wie der Wind bei uns vorbeilaufen. Wir dachten, diese Kerle veranstalteten einen großen Wettlauf. In diesem Augenblicke aber wurden wir zwei dünne lange Seile gewahr, die erst schlaff herabhingen, nun aber straff angezogen wurden, um die Läufer anzuhalten, die nun dicht beieinander stillstanden. Wir konnten nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Allein wie groß war unsere Bestürzung, als wir einen Mann nachfolgen sahen, der die beiden Enden von den Seilen in der Hand hatte und der, als er zu ihnen kam, jedem zwei schreckliche Hiebe mit einer Drahtpeitsche gab, die er in der Hand hielt. Dann rannten die beiden armen nackten Kerle wieder so weit fort, als ihre Seile gingen, wo sie von neuem die Schläge erhielten und so mußten sie die ganze Straße hindurch, so lang sie war, hindurchtanzen.

Bei diesem Anblick wurde meinem Hauptmann fast schwarz vor Augen, denn es erinnerte ihn daran, was er zu erwarten hatte, sondern auch an das, was er an dem berühmten Orte Bridewell bereits ausgestanden hatte.

Allein dieses war noch nicht alles. Denn da wir die Vollziehung der Strafe mit ansahen, so waren wir auch neugierig, die Ursache derselben zu erfahren. Wir fragten einen jungen Menschen, der neben uns stand, was diese armen Teufel verbrochen hätten und weswegen sie diese Strafe erleiden müßten. Dieser Kerl, ein boshafter, heimtückischer Schotte, der unserer Sprache anhörte, daß wir Engländer waren, gab uns in recht lügnerischer Weise zur Antwort:

Es sind zwei Engländer, die deshalb gepeitscht werden, weil sie Beutelschneiderei verübt haben und noch allerhand andere Diebereien, und sie sollen danach wieder über die Grenze nach England zurückgebracht werden.

Es war aber kein wahres Wort daran, sondern er hatte es nur schnell erfunden, um uns Engländern eins auszuwischen. Denn als wir weiter nachfragten, vernahmen wir, daß es Schotten waren und wegen der gewöhnlichen Verbrechen wie auch bei uns in England gestäupt wurden. Der Mann, der dies so nachdrücklich tat, war der Henker der Stadt, der dort sehr angesehen war, zumal er eine anständige Besoldung erhielt, und nicht nur ein sehr reicher, sondern auch ein sehr geschickter Bursche in seinem Handwerk war, womit er jährlich ein ansehnliches Kapital verdiente.

Wie gesagt, war uns der Anblick ein Dorn im Auge, und mein ehrlicher Hauptmann kehrte sich zu mir und sagte: Komm laß uns fortgehen, ich mag hier nicht länger bleiben. Niemand war froher als ich, aber ich glaubte noch nicht recht daran, daß es sein Ernst sei, jedoch gingen wir wirklich in unser Quartier zurück. Wir hielten uns zu Hause, trauten uns auch nicht eher hinaus, als bis es Abend war, dann gingen wir ein wenig spazieren. Aber auch dann fand mein Hauptmann kein Geschäft und keine Anregung dazu. Zwar erbeutete er einige Krämer- und Galanteriewaren, allein wenn er sie hatte, wußte er nicht, was er damit anfangen sollte. Daher mußte er wider Willen ehrlich sein, was er sonst wohl hätte bleiben lassen.

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