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Oberst Chabert

Honoré de Balzac: Oberst Chabert - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleOberst Chabert
titleOberst Chabert
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204515
translatorErnst Weiss
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechs Monate nach diesen Ereignissen dachte Derville, der weder vom Grafen noch von der Gräfin etwas erfahren, es sei doch sicherlich ein Vergleich geschlossen worden, und man hätte die Verträge nur aus schlechtem Willen bei einem andern Anwalt ausfertigen lassen. Eines Morgens rechnete er die an den Oberst vorgeschossenen Beträge zusammen, fügte die eigenen Spesen hinzu und bat die Gräfin Ferraud, beim Grafen Chabert den Betrag zu reklamieren, denn er nahm an, sie wüßte, wo sich ihr erster Mann aufhielt. Schon am nächsten Tage richtete der Intendant des Grafen Ferraud, der kürzlich zum Präsidenten des Tribunals erster Instanz in einer großen Stadt Frankreichs war ernannt worden, folgenden unverschämten Brief an Derville:

»Mein Herr!

Die Frau Gräfin Ferraud beauftragt mich, Ihnen Mitteilung zu machen, daß Ihr Klient durchaus das in ihn gesetzte Vertrauen mißbraucht hat, und daß selbes Individuum, das unter dem Namen des Obersten Chabert auftrat, zugegeben hat, sich eines falschen Namens und Titels rechtswidrig bedient zu haben.

Genehmigen Sie usw.

Delbecq.«

»Man trifft doch, auf meine Ehre, Menschen, die verboten dumm sind. Sie heißen Menschen, aber sie sind es nicht. Man sei also ein Mensch und edelmütig, großzügig, Menschenfreund und Anwalt . . . und kann sich begraben lassen mit alledem. Die Geschichte hat mich zweitausend Franken gekostet.«

Einige Zeit nach Empfang dieses Briefes suchte Derville im Justizpalast einen Advokaten auf, um mit ihm zu sprechen. Dieser Anwalt plädierte beim Kriminalgericht. Der Zufall wollte es, daß Derville bei der sechsten Kammer eintrat, und zwar gerade in dem Augenblick, da der Vorsitzende einen Mann namens Hyacinth wegen Vagabundage zu zwei Monaten Gefängnis verurteilte, mit der sofortigen Verfügung, er sei nach Abbüßung der Strafe ins Depot zu Saint Denis abzuführen, was nach der Rechtsprechung der Polizeipräfekten ständiges Gefängnis bedeutete. Bei dem Namen Hyacinth wurde Derville auf den Angeklagten zwischen den zwei Gendarmen aufmerksam und erkannte in der Person des Mannes auf der Anklagebank den angeblichen Oberst Chabert. Der alte Soldat trug ein ruhiges, unbewegliches, fast verträumtes Aussehen zur Schau. Trotz seiner Lumpen, trotz des Elends, das nur zu deutlich auf seinen Zügen geschrieben stand, verriet er noch die Spuren von Stolz und Adel. Sein Blick hatte den Ausdruck eines Stoikers, den ein Richter nicht hätte verkennen dürfen. Aber, fällt einmal ein Individuum in die Hände der Justiz, so ist es kein Mensch mehr, nur eine anonyme Person, eine Tatbestandsfrage, eine Rechtsfrage, so wie er in den Augen eines Statistikers zu einer bloßen Ziffer gesunken ist.

Als der alte Soldat in die Kanzlei zurückgeführt wurde, um dann später mit einer Horde Vagabunden, die man gerade aburteilte, abtransportiert zu werden, machte Derville von seinem Rechte Gebrauch, als Anwalt überall im Justizpalast frei ein- und auszugehen, er begleitete ihn daher nach der Kanzlei und sah sich ihn aus der Nähe an, ebenso die sonderbaren Bettlergestalten, unter denen er sich befand. Das Vorzimmer der Kanzlei bot in diesem Augenblick ein Schauspiel, das leider weder die Gesetzgeber, noch die Menschenfreunde, noch die Dichter genügend kennen. Wie alle Brutstätten der Schikane, so ist auch dieses Vorzimmer ein dunkler und übelriechender Raum, an dessen Wänden sich schwarz gewordene Holzbänke hinziehen; sie sind abgenutzt durch das ewige Kommen und Gehen der armen Teufel, die sich hier treffen, um jeder Spezies menschlichen Elends ein Stelldichein zu geben, bei dem keiner fehlen mag. Ein Dichter würde sagen, daß das Licht sich schämt, in diesen widerwärtigen Winkel zu leuchten, durch den tausend unselige Menschen hindurchgegangen sind. Und so gibt es nicht ein Fleckchen hier, wo nicht ein geplantes oder begonnenes Verbrechen seinen Platz gefunden hat, keine Stelle, wo nicht ein Mensch, durch die erste, kleine Schramme der gerichtlichen Strafe angeritzt, eine Laufbahn begonnen, die unweigerlich zum Schafott oder zum Selbstmord führen mußte. Was in Paris unter die Räder gerät, hier brandet es gegen die schimmligen Mauern an, und aus tausend unsichtbaren Lettern müßte ein Freund des Menschengeschlechtes die Motive von ebensoviel Selbstmorden entziffern, über welche heuchlerische Schriftsteller falsche Klage führen, ohne nur den kleinsten Schritt dagegen tun zu wollen. Was sich auf diesen Mauern geschrieben zeigt, ist das Vorwort zu den Dramen des Richtplatzes und zu den Schauern der Morgue.

Jetzt saß der Oberst Chabert unter diesen willensharten Missetätern, die sich mit der schrecklichen Livree des Jammers eingekleidet hatten. Bald schwiegen sie, bald unterhielten sie sich in gedämpftem Ton, denn drei Gendarmen im Dienst gingen hin und wieder, und ihre langen Säbel klirrten über das Pflaster des Korridors.

»Nun, erkennen Sie mich?« sagte Derville zu dem alten Soldaten und stellte sich hinter ihn.

»Gewiß, mein Herr«, antwortete Chabert und stand auf.

»Nun, wenn Sie ein Ehrenmann sind, wie können Sie in meiner Schuld bleiben?«

Der alte Krieger errötete wie ein junges Mädchen, das die Mutter wegen heimlicher Zusammenkünfte aushorcht.

»Wie? Frau Ferraud hat Sie nicht bezahlt?« schrie er laut.

»Bezahlt?« sagte Derville. »Sie hat mir geschrieben, Sie seien ein Betrüger.«

Der Oberst hob seine Augen. Wunderbar war diese Geste des Erschreckens und der Verwünschung, als wolle er den Himmel anrufen zum Zeugen dieses neuen Betrugs.

»Mein Herr,« sagte er und dämpfte mit Gewalt seine Stimme herab, »verlangen Sie von den Gendarmen die Gefälligkeit, daß ich in die Kanzlei eintreten darf, und ich will Ihnen ein Mandat unterschreiben, auf das Sie sicherlich bezahlt werden.«

Derville gab dem Unteroffizier einen Wink, und es wurde ihm erlaubt, seinen Klienten in die Kanzlei zu führen, wo Hyacinth ein paar Zeilen an die Gräfin Ferraud schrieb.

»Schicken Sie diesen Brief an sie, und Sie sollen alles zurückerhalten, Vorschüsse und Spesen. Glauben Sie mir, mein Herr, wenn ich Ihnen meine Dankbarkeit noch nicht bezeugt habe, wie ich sie Ihnen für Ihre guten Dienste schulde, die Dankbarkeit ist um nichts weniger da«, und er legte seine Hand auf die Brust. »Ja, sie ist hier, voll und ganz. Aber was vermögen die Unglücklichen. Sie lieben, das ist alles.«

»Wie kann das sein,« fragte Derville, »haben Sie denn keine Rente mit ihr ausgemacht?«

»Ach, sprechen Sie mir nicht davon!« antwortete der alte Militär. »Meinen Widerwillen gegen die Äußerlichkeiten des Lebens können Sie nicht ermessen. Die andern mögen diese Dinge interessieren, ich aber habe eine Krankheit acquiriert, sie heißt: Ekel vor allem, was wie ein Mensch aussieht. Denke ich an Napoleon auf Sankt Helena, so ist mir alles hier unten gleich. Ich kann nicht mehr dienen, das ist mein Unglück. Schließlich,« setzte er hinzu mit einer kindlichen Gebärde, »besser ist's, sich in seinen Gefühlen Luxus zu erlauben als in seinen Kleidern. Ich fürchte keines Menschen Tadel mehr.«

Der Oberst setzte sich wieder auf seine Bank. Derville ging. Als er in sein Bureau kam, sandte er Godeschal (damals war er zweiter Schreiber) zur Gräfin Ferraud, die, nachdem sie das Billett gelesen, unverzüglich den geschuldeten Betrag an Derville auszahlen ließ.

Gegen Ende des Monats Juni des Jahres 1840 kam einmal Godeschal (zur Zeit Anwalt) nach Ris, und zwar in Gesellschaft Dervilles, seines Vorgängers. Als sie an die Straße kamen, die von der Chaussee nach Bicêtre, dem Irrenhaus von Paris, abzweigt, bemerkten sie im Schatten einer Esche einen armen, alten, ganz verkommenen Mann, einen aus der Zahl derer, die das große Los der Bettler gezogen haben und in Bicêtre wohnen, während die armen Frauen in der Salpêtrière ihr Unterkommen gefunden haben. Dieser Mann, einer der zweitausend Insassen des Altersasyles, saß auf einem Meilenstein, und sein ganzer Verstand schien einzig darauf konzentriert, eine unter den Invaliden wohlbekannte Kunst zu üben, nämlich den Tabak im Schnupftuche an der Sonne zu trocknen, vielleicht um die Wäschereiunkosten zu sparen. Bekleidet war der Greis mit der fuchsigen Gewandung, die das Hospiz seinen Insassen gibt als schreckliche Livree der Armut.

»Sehen Sie doch, Derville,« sagte Godeschal zu seinem Reisebegleiter, »sehen Sie doch diesen Alten da. Ähnelt er nicht den Spukgestalten, wie sie uns aus deutschen Büchern kommen? Und doch lebt so was und ist schließlich glücklicher als wir.« Derville nahm sein Lorgnon, betrachtete den Armen, ließ sich einen Laut der Überraschung entschlüpfen und sagte: »Mein Lieber, dieser Alte ist ein ganzes Heldengedicht oder, wie die Romantiker es nennen, ein Drama. Bist du je der Gräfin Ferraud begegnet?«

»Gewiß. Sie ist eine Frau von Geist und sehr angenehm, nur gar zu sehr Frömmlerin.«

»Dieser alte Armenhäusler ist ihr legitimer Gatte, Graf Chabert, ehemaliger Oberst, und zweifelsohne war sie es, die ihn hergebracht hat. Wenn er im Armenhause wohnt, statt in einem Palais, so ist es einzig und allein deshalb, weil er die hübsche Gräfin daran erinnert hat, daß er sie einmal, wie einen Fiaker, an öffentlichem Ort aufgenommen hat. Noch erinnere ich mich des Furienblicks, den sie ihm zugeschleudert hat.«

Da dieser Anfang Godeschals Neugierde erregt hatte, erzählte ihm Derville den ganzen Roman. Zwei Tage nachher, Montag morgens, kehrten die zwei Freunde wieder nach Paris zurück. Am Wege warfen sie einen Blick nach Bicêtre, und Derville schlug vor, den Obersten aufzusuchen. In der Mitte des Weges trafen die Anwälte den Obersten, auf einem Baumstumpf sitzend. Er hielt einen Stock in der Hand und zeichnete Runen in den Sand. Als sie ihn genau ansahen, konnte es ihnen nicht entgehen, daß er anderswo als in der Anstalt sein Frühstück genommen.

»Guten Tag, Oberst Chabert!« sagte Derville.

»Nichts mehr von Chabert, kein Chabert mehr! heiße Hyacinth«, antwortete der Greis. »Bin kein Mensch mehr, nur die Numero 164, Saal 7.« Dabei sah er Derville mit ängstlichem Ausdruck an, mit der Furcht eines hilflosen Kindes oder Greises. »Sie wollen den zum Tod verurteilten Mann sehen?« sagte er nach einer Pause. »Er ist nicht verheiratet. Er ist glücklich.«

»Armer Kerl«, sagte Godeschal. »Wollen Sie etwas Geld für Tabak?«

Mit der ganzen schelmischen Naivität eines Pariser Gassenjungen streckte der Oberst eifrig seine Hände den zwei Unbekannten hin. Sie gaben ihm jeder ein Zwanzigfrankenstück, er dankte mit stumpfem Blick und murmelte: »Feine Kerle!« Er spielte Soldat, machte Griffe an einem imaginären Gewehr, und zum Schluß schrie er lachend: »Feuer aus zwei Stücken! Los! Hoch Napoleon!« Und mit seinem Stock zog er eine wundervolle Arabeske in die Luft.

»Die Art seiner Verwundung hat ihn zum Kind gemacht«, meinte Derville.

»Der – ein Kind?« rief ein alter Armenhäusler, der zugesehen hatte. »Er hat seine Tage, an denen man ihm besser nicht auf die Hühneraugen tritt. Er ist ein alter Fuchs, hat Verstand und Phantasie für tausend. Aber heute, was wollen Sie, hat er seinen blauen Montag. Sehen Sie, mein werter Herr, im Jahre 1820 war er schon hier. Nun, da kam ein preußischer Offizier, dessen Kalesche den Berg von Villejuif hinauffuhr, zu Fuß hier vorbei. Dieser Offizier plauderte im Gehen mit einem andern, einem Russen oder einem ähnlichen Monstrum derselben Art, und als sie nun unsern Alten erblickten, sagte der Preuße und wollte einen Witz machen: ›Sehen Sie einen alten Reitersknecht, der schon die Schlacht bei Roßbach mitgemacht hat.‹ – ›Ich war zu jung, um damals dabei zu sein,‹ antwortet er, ›aber ich bin alt genug gewesen, um bei Jena meine Pflicht zu tun.‹ Da hat der Preuße sich rapid fortgemacht und hat kein Wörtchen mehr verlauten lassen.«

»Welch ein Geschick!« rief Derville. »Aufgezogen im Hospiz der Findelkinder, wird er im Hospiz der armen Greise sterben, im Altersasyl. In der Zeit, die dazwischen liegt, hat er unter Napoleon Europa und Ägypten erobert.«

»Wissen Sie, mein Lieber,« begann er nach einer Pause, »daß es in unserer Gesellschaft drei Arten Menschen gibt, die ihren Nebenmenschen nicht achten können. Priester, Ärzte und Männer des Rechts. Sie tragen schwarze Kleider, vielleicht tragen sie Trauer um alles Gute, um allen Glauben. Der Unglücklichste von ihnen ist der Anwalt. Kommt der Mensch zum Priester, dann treibt ihn sein Gewissen, der Glauben. Das macht ihn groß, das tröstet die Seele des Mittlers, dessen Werk ohne Freude unmöglich ist. Er macht die Menschen rein, er hilft und macht Böse gut. Aber wir Anwälte, wir sehen die gleichen schlechten Triebe in immer wiederkehrendem Wirbel. Nichts kann sie bessern, und unsere Bureaus sind Brutstätten des seelischen Unrats, die nichts zu reinigen vermag.

Was für Dinge habe ich in meinem Berufe gesehen!

Ich sah einen Vater in einem elenden Loch zugrunde gehen, ohne Geld noch Gut, verlassen von seinen Töchtern, denen er vierzigtausend Franken Rente geschenkt hatte. Ich sah Testamente verbrannt. Ich sah Mütter ihre eigenen Kinder berauben, Gatten Frauen bestehlen, Weiber, die ihre Männer töteten, unter die Erde brachten, indem sie sich der Liebe als Mittel bedienten, sie irrsinnig zu machen oder zur Verblödung zu bringen. Und das alles, um mit dem Herzensfreund in Frieden leben zu können. Ich habe gesehen, wie Frauen den Kindern der ersten Ehe Gewohnheiten böser Art beibrachten, an denen sie sterben sollten, damit die Kinder der Herzensehe reich würden. Ich kann nicht sagen, was alles ich sah, denn es gibt Verbrechen, gegen die jedes Gesetz ohnmächtig ist. Alle Schrecklichkeiten, die ein phantasievoller Dichter erfinden könnte, sind nichts gegen die Wahrheit.

Sie haben es noch vor sich, Bekanntschaft mit diesen fürchterlichen Dingen zu machen.

Ich will aufs Land, dort will ich mit meiner Frau leben.

Paris ist ein Ort des Schreckens.«

 

*

 

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